Blumen für den Pädo

Was muss man als Pädo oder vermeintlicher Pädo tun, um so mit Blumen bedacht zu werden?

Geteilt via Bildserver der BBC

Die Chancen steigen sprunghaft an, wenn man zu Tode geprügelt wurde.

Es gibt wenige Länder in Europa, in denen so widerlich gegen Pädophile gehetzt wird, wie in der Niederlande. Am 4. Mai kam es aufgrund dieser Hetze zu einem Mordanschlag auf einen pädophilen Aktivisten, der abgewendet wurde, indem ein zufällig anwesender (ebenfalls pädophiler) Gast dem Angreifer das Messer aus der Hand schlug. Blumen gab es keine. Der Pädo hat ja überlebt.

Anders beim jüngsten Vorfall:

Am 28. Oktober hat sich ein 73-jähriger pensionierter Lehrer in einem schwulen Chatraum mit einem 15-jährigen zu einem Sextreffen verabredet. Aber der 15-jährige war in Wirklichkeit nicht an Sex interessiert. Er wollte zusammen mit seinen Freunden „aus Corona-Langeweile“ einen „Pädophilen“ in die Enge treiben, bloßstellen und erniedrigen.

Als der Mann am vereinbarten Treffpunkt ankam, wartete eine Horde von Teenagern auf ihn. Sie verfolgten ihn auf dem Weg nach Hause. Dann verprügelten sie ihn. Einen Tag später starb er im Krankenhaus. Sieben junge Menschen wurde kurzzeitig verhaftet, sechs davon unter 18 Jahre alt. Fünf wurden inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Blumen stammen von Nachbarn, Freunden und ehemaligen Schülern.

Die Fälle nehmen zu

Der regionale Polizeichef Oscar Dros hat aufgrund des Vorfalls an die Niederländer appeliert, damit aufzuhören, Pädophile zu jagen: „Stoppt die Pädojagd; stoppt mit eigenmächtigen Festnahmen; stoppt mit Provokationen – überlasst die Sache uns.“

Es fällt ihnen früh ein. Dros sagte der Zeitung Algemeen Dagblad, dass seit Juli etwa 250 Vorfälle registriert worden seien, an denen selbsternannte Pädojäger beteiligt waren. Wahrscheinlich gäbe es noch viel mehr Fälle.

Laut Angaben der Polizei sind solche Vorfälle keine Seltenheit mehr. Seit Juli dieses Jahres haben sich etwa 250 solcher Vorfälle zugetragen, bei denen es zu gewaltsamen Übergriffen gegenüber Menschen gab, die im Internet als pädophil angeprangert wurden. Darüber hinaus sieht die Polizei ein wachsendes Problem in Gruppen auf sozialen Netzwerken, in denen pädophile Menschen an den Pranger gestellt werden. Mitglieder dieser Gruppen geben sich in Chats als minderjährige Jungen oder Mädchen aus, um so mutmaßliche Pädophile zu entlarven. Polizeisprecher Simen Klok sieht in diesem Verhalten ein großes Problem: „Mutmaßliche Pädophile werden nicht nur online an den Pranger gestellt, sondern auch schikaniert, bedroht und missbraucht. Wir machen uns Sorgen, es gerät oft außer Kontrolle.“ Die Polizei ruft nun dazu auf, diese „gutgemeinte“ Hilfe zu stoppen und Ermittlungen den speziell dafür ausgebildeten Beamten zu überlassen. Man werde nicht mit solchen Gruppen zusammenarbeiten.

Zunehmend Sorgen bereitet den Ermittlern auch die Radikalisierung, welche sich in den Gruppen vollzieht. So wurden Meldungen über den Tod des Arnheimers mit Aussagen wie: „Selbst schuld“ oder: „Wieder ein Pädo weniger“ kommentiert. (…) Die meisten der „Pädojäger“ Gruppen in den sozialen Medien (…) wollen „den Kampf“ fortführen, wie eine der größten Gruppen bereits angekündigt hat.

Aus einem Bericht der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

250 gewaltsame Vorfälle in vier Monaten, die sich (unabhängig davon, wen sie tatsächlich getroffen habe) gegen pädophile und hebephile Menschen richteten. Auf eine Bevölkerungszahl wie in Deutschland und ein Jahr hochgerechnet wären das 3.600 Fälle im Jahr als sichtbare Spitze des Eisbergs. Wen kann es da wundern, wenn Pädophile in der Niederlande sich verfolgt oder als „neue Juden“ fühlen?

Erfunden wurde die Pädophilenjagd in den USA und im Vereinigten Königreich. Aus einem Blogartikel vom Mai 2019:

In Großbritannien etwa gibt es private Pädophilen-Jäger, die echte und vermeintliche Pädophile in die Falle locken, sie vor laufender Kamera konfrontieren, das Video mit voller Namesnennung im Netz verbreiten und dann die Polizei informieren. Die BBC hat ermittelt, dass sich in den letzten sechs Jahren mindestens acht Männer in Großbritannien selbst getötet haben, nachdem sie von selbsternannten Pädo-Jägern als Kinderschänder geoutet wurden.

Der Staat als Anstifter

Ich habe erst vor kurzem einen Artikel über die Umbenennung von „sexuellem Missbrauch von Kindern“ in „sexualisierte Gewalt gegen Kinder“ geschrieben. Darin findet sich folgende Passage:

Wenn man etwas als „Gewalt“ bezeichnet, es aber nicht auf die Anwendung oder auf Drohung mit Gewalt ankommt, geht es nicht um begriffliche Klarheit, sondern um begriffliche Verwirrung.

Zweck der Verwirrung ist es, einer „Bagatellisierung“ entgegen zu wirken. Es gehe darum, jede sexuelle Handlung mit einem Kind als sexualisierte Gewalt zu „brandmarken“.

Der Gesetzgeber tut also so, als gäbe es eine Bagetellisierung, der man entgegenwirken müsse. Wo er sie auszumachen meint, teilt er nicht mit.

(…)

Wird „Kindesmissbrauch“ in der heutigen Gesellschaft tatsächlich verharmlost und werden seine Folgen untertrieben?

Wenn NRW Innenminister Herbert Reul sagt „Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch.“ dann deutet das für mich nicht gerade auf Verharmlosung hin.

Meiner Einschätzung nach gibt es nichts, was heute vergleichbar stigmatisiert und dämonisiert ist, wie der sexuelle Kontakt eines Erwachsenen mit einem Kind. Etwas anderes als schwerste Verbrechen und brutale sexuelle Gewaltübergriffe scheint auf diesem Feld nicht mehr vorstellbar zu sein. Eines der typischen Schlagworte ist Seelenmord.

(…)

Es gibt noch ein weiteres Problem mit dem Brandmarken: ein grundlegendes Prinzip moderner Staaten ist das Gewaltmonopol des Staates. Ausschließlich staatliche Organe sind danach legitimiert, physische Gewalt auszuüben. In demokratisch verfassten Rechtsstaaten gilt dabei das Verhältnismäßigkeitsprinzip. Der Staat darf Gewalt nicht beliebig ausüben, sondern ist Regeln unterworfen. Erstens muss er sich an seine eigenen Regeln halten, zweitens muss seine Gewaltausübung verhältnismäßig (= geeignet, erforderlich und angemessen) sein.

Die Missachtung des staatlichen Gewaltmonopols ist strafbar. Gewalt in Form der Wegnahme von Dingen ist Diebstahl oder Raub. Staatlich legitimierte Varianten sind z.B. Beschlagnahme und Enteignung. Gewalt gegen die persönliche Freiheit ist Entführung oder Nötigung. Staatlich legitimierte Varianten sind z.B. Freiheitsstrafe oder Sicherheitsverwahrung.

Auch Selbstjustiz ist strafbar. Das Recht zu Strafen hat nur der Staat. Zur Rechtfertigung von Selbstjustiz wird meist angeführt, die staatliche Justiz versage. Sie sei unfähig oder auch unwillig, gegen die als Unrecht empfundene Handlung vorzugehen.

Das Problem ist nun, dass es im Grunde keinen Unterschied zwischen „brandmarken“ und „hetzen“ gibt. Wenn man etwas „brandmarkt“, um den besonderen Unrechtsgehalt besonders zu betonen, dann führt das dazu, dass andere Menschen das Unrecht als so groß empfinden, dass sie die Reaktion der Justiz auf das Unrecht als unzureichend auffassen. Brandmarken fördert also Selbstjustiz und untergräbt damit das staatliche Gewaltmonopol.

Zu Selbstjustiz kommt es auch tatsächlich.

In den USA hat ein Häftling im Februar 2020 zwei wegen Kindesmissbrauchs einsitzende Mithäftlinge ermordet. Bei seinem Geständnis meinte er: „Ich dachte, ich tue der Welt einen Gefallen“.

In Holland haben im August 2019 fünf Männer einen 32-jährigen Mann getötet, weil sie ihn in Verdacht hatten auf einem Spielplatz in der Stadt Assen eine Vierjährige unsittlich berührt zu haben.

Im August 2020 verprügelten sechs Männer und Frauen einen 22-jährigen, der Gerüchten zufolge pädophil sein soll.

Im Juni 2018 brach in Bremen ein Mob nach RTL-Beitrag über Pädophilie in die Wohung eines Mannes ein, den sie wiedererkannt zu haben meinten und verletzen ihn lebensgefährlich.

In Nordrhein-Westfalen wurde im August 2015 ein 29-jähriger vermeintlicher Pädophiler von den Eltern eines 12jährigen Mädchens ermordet.

Wenn ein Staat selbst ein „Brandmarken“ bezweckt und dies sogar in die Begründung eines Gesetzentwurfs hineinschreibt, dann ist das im höchsten Maße bedenklich.

Wer gegen Pädophile hetzt, muss sich nicht wundern, wenn es zu Selbstjustiz kommt. Er hat sie im Grunde bestellt.

Aus einem früheren Blogartikel zum Thema Volksverhetzung:

Pädophile werden als Raubtiere dargestellt, die über Kinder herfallen. Etwa als „pädophile Täter, die im Netz Jagd auf Kinder machen“ wie im Koalitionsvertrag. Die WDR Doku „Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht“ durchleuchtet laut offizieller Inhaltsangabe „das perfide System des Foto-Diebstahls und zeigt, wie schutzlos Kinder im Netz Beute von Pädophilen werden“. Durch solche Vergleiche werden Pädophile auf die Ebene eines gefährlichen und zu bekämpfenden Tieres herabgewürdigt.

Als Ergebnis der falschen Gleichsetzung Pädophiler = Kinderschänder und Kinderschänder = Pädophiler, des Brandmarkens und der Hasspolemik bis hin zu Fällen von Volksverhetzung kann sich ein Pädophiler nicht als pädophil outen, ohne deshalb Angst vor einem Lynchmob haben zu müssen.

Pädojagd und Cybergrooming

Echten Pädos steht ihre Neigung zum Glück nicht auf der Stirn geschrieben. Die „Pädojagd“ richtet sich daher vor allem gegen Menschen, die Versuchen über das Internet Beziehungen oder sexuelle Kontakte anzubahnen.

Soweit Kinder betroffen sind, spricht man in Deutschland von Cybergrooming (= Einwirken auf Kinder § 176 Abs. 4 Nr. 3 und 4 StGB).

Tatsächlich sind lt. akueller Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) von 2019:

  • 14.69% der Tatverdächtigen Kinder
  • 31.38% der Tatverdächtigen Jugendliche
  • 11.22 % der Tatverdächtigen Heranwachsende

In Summe sind damit 57.30 % der Tatverdächtigen Minderjährige oder Heranwachsende..

In den Tatverdächtigenbelastungszahlen (Tabelle 40) der PKS sieht man die „Kriminalitätsneigung“ der Altersklassen ausgedrückt in der Zahl der Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner der jeweiligen Altersklasse. Die Werte für Cybergrooming aus der Statistik des Jahre 2019, gerundet auf die dritte Nachkommastelle:

  • 8 bis unter 10 Jahre : 0,385
  • 10 bis unter 12 Jahre: 2,862
  • 12 bis unter 14 Jahre: 17,784
  • 14 bis unter 16 Jahre: 26,629
  • 16 bis unter 18 Jahre: 16,811
  • 18 bis unter 21: 9,045
  • Durchschnitt Erwachsene: 1,3647

Setzt man das jeweils in Relation zur der Prävalenz bei Erwachsenen (1,3647 Fälle pro 100.000 Erwachsene) kommt folgendes heraus:

  • 8 bis unter 10 Jahre : 28.21 %
  • 10 bis unter 12 Jahre: 209.72 %
  • 12 bis unter 14 Jahre: 1.303.14 %
  • 14 bis unter 16 Jahre: 1.951.27 %
  • 16 bis unter 18 Jahre: 1.231.85 %
  • 18 bis unter 21: 662.78 %
  • Durchschnitt Erwachsene: 100 %

Das Thema bekommt sehr viel Aufmerksamkeit und wird zu einer großen, neuen Gefahr stilisiert. Die einzige Tätergruppe, die in der Berichterstattung auftaucht und problematisiert wird, sind pädophile Erwachsene. Tatsächlich handelt es sich aber um typische Pubertätskriminalität. Die Prävalenz unter 14/15-jährigen ist fast 20mal (!) so hoch wie in der erwachsenen Bevölkerung.

Auch die erwachsenen Täter dürften so gut wie nie Pädophile sein. Pädophilie ist die sexuelle Anziehung zu Kinder vor Erreichen der Pubertät. Das sind also in der Regel also Kinder, die in den Kindergarten oder in die Grundschule gehen.

In der PKS 2019 gibt es in Tabelle 91 es auch Angaben zu den Altersklassen der Opfer, bei Kindern leider aber nur mit dem sehr groben Raster „bis unter 6 Jahre“ und „6 bis unter 14 Jahre“. Bei „Cybergrooming“ waren 2019 von den 3.667 Opfern nur 66 Kinder „bis unter 6 Jahre“. Das sind 1.8 %.

Ich vermute, dass fast alle Opfer beinahe-Jugendliche sind. Jugendliche erscheinen gar nicht als Opfer in der Statistik, denn bei Jugendlichen liegt keine Straftat mehr vor. Es gibt also wahrscheinlich deutlich mehr Jugendlichen, die jenseits der Alterspräferenz von Hebephilen (ca. 10 bis 14 Jahre) sind. Angesprochen werden sie von Gleichaltrigen und von meist heterosexuellen Erwachsenen.

Auf staatlicher Seite dient das Feindbild des pädophilen Kinderschänders zur Durchsetzung von Eingriffen in Bürgerrechte (für die sonst auch z.B. Terrorgefahren, Islamisten, rechte Extremisten herhalten). Konkret: Staatstrojaner, Vorraddatenspeicherung, Klarnamen-Zwang, usw.

Der Kampf gegen die Gefahr wird dann aber auch von privaten Leuten für ihre eigene Heldeninszenierung gekapert.

Wenn sich ein 15-jähriger als Köder anbietet, hat derjenige, der auf den Köder hereinfallt, keine Straftat begangen. Es gibt aber sogar noch Leute, die sich „Pädojäger“ nennen und Menschen verfolgen, die sich im Netz mit 17-jährigen verabreden wollen.

Die verschiedenen Chronophilien (sexuelle Vorlieben für bestimmte Altersgruppen) kann man in etwas wie folgt kategorisieren:

  • Pädophile => Kinder vor Erreichen der Pubertät (in der Regel < 10 Jahre)
  • Hebephile => Kinder in der Pubertät (ca. 10 bis 14 Jahre)
  • Parthenophilie => spätpubertäre weibliche Jugendliche (ca. 14 bis 17 Jahre)
  • Ephebophilie => spätpubertäre männliche Jugendliche (ca. 14 bis 17 Jahre)
  • Teleiophilie => Erwachsene
  • Gerontophilie => ältere Menschen

In der Niederlande hoffte anscheinend ein homosexueller oder ephebophiler Senior auf einen homosexellen, gerontophilen Jugendlichen zu treffen. Das mag nicht oft vorkommen, aber warum soll es unmöglich sein? Ich musste dabei jedenfalls an den Kultfilm Harold und Maude denken, in dem ein achtzehnjähriger junger Mann sich in eine achtzigjährige Frau verliebt.

Die vermeintlichen „Pädojäger“ jagen in der Regel Erwachsene, die 14 bis 17-jährige Mädchen ansprechen. Die „Zielgruppe“ der echten Pädophilen ist schließlich nicht einmal im Internet an Orten vertreten, wo sie potentiell ansprechbar wäre.

Zur Erinnerung: in Deutschland ist man mit vierzehn sexualmündig und eine Beziehung erlaubt, solange es kein Abhängigkeitsverhältnis gibt oder ein Entgelt für Sex dahinter steckt.

Wer die vermeindlichen „Pädos“ jagt (die in Wirklichkeit meist heterosexuelle Männer sind) kann seinen Jagdtrieb und seine Aggression kanalisieren und sich gleichzeitig als Held fühlen. Danach wird häufig damit geprahlt und Beifall für etwas eingesammelt, das Selbstjustiz ist und in so gut wie jedem anderen Fall geächtet wäre.

Ist die Jagd vorbei, präsentieren viele Jäger stolz die Trophäe (die Dokumentation seiner heldenhaften Jagd) auf den sozialen Medien und sonnt sich im Zuspruch, den man dafür in Form von Klicks und Likes erhält.

Teilweise wird da sogar noch um Spenden gebeten, um die Unkosten der Operationen zu decken: man lässt sich sein Hobby, das darin besteht, Menschen aufzulauern, einzuschüchtern und zu erniedrigen auch noch von anderen finanzieren.

Darf man das in Deutschland?

In der Regel dürften sich „Pädojäger“ in Deutschland strafbar machen.

Es gibt einen ganzen Stapel möglicher Straftaten, den man dabei begehen kann, z.B.

§ 240 – Nötigung

(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.

(3) Der Versuch ist strafbar.

Das kann z.B. sehr leicht vorliegen, wenn man den Menschen, den man jagt, den Fluchtweg abschneidet oder „stellt“ und festhält.

Es kann dann sogar Freiheitsberaubung vorliegen:

§ 239 – Freiheitsberaubung

(1) Wer einen Menschen einsperrt oder auf andere Weise der Freiheit beraubt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Der Versuch ist strafbar.

Zur Erklärung der Merkmale von Freiheitsberaubung siehe auch hier.

Denkbar z.B. bei einem „Verhör“:

§ 241 – Bedrohung

(1) Wer einen Menschen mit der Begehung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bedroht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer wider besseres Wissen einem Menschen vortäuscht, daß die Verwirklichung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bevorstehe.

und

§ 185 – Beleidigung

Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Wenn ein Video veröffentlicht wird:

§ 186 – Üble Nachrede

Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das die Gestellten in der Regel nicht pädophil sind (sexuelle Anziehung zu Personen vor Erreichen der Pubertät) ist die falsche Behauptung jemand sei „pädophil“ aufgrund des extrem schlechten Ansehens von Pädophilen in der Gesellschaft üble Nachrede.

Wenn dem Jäger klar sein musste, dass seine Beute gar nicht pädophil ist, dann sind wir sogar bei Verleumdnung.

§ 187 – Verleumdung

Wer wider besseres Wissen in Beziehung auf einen anderen eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Kredit zu gefährden geeignet ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Wahrscheinlich gibt es noch ein paar weitere denkbare Straftaten. Ich habe mich auch die für mich naheliegenden beschränkt, die mir sofort in den Sinn kamen.

Das Sexpuppenverbot oder die Notwendigkeit, eine Grenze zu verteidigen

Ich habe in den letzten paar Wochen fleißig Mails geschrieben, mit denen ich Menschen oder Organisationen gebeten habe, dabei zu helfen, das geplante Verbot von Sexpuppen mit kindlichem Erscheinungsbild zu stoppen oder zu kippen.

Unter den Empfängern waren Strafrechtsprofessoren, Arbeitskreise „kritischer Juristen“, Organisationen wie der Deutsche Richterbund, der Deutsche Anwaltverein, der Deutsche Juristinnenbund, die Neue Richtervereinigung, die Bundesrechtsanwaltkammer, einige Kinderschutzorgansiationen, der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands, das Katholische Büro der Deutschen Bischofskonferenz, eine Reihe von Mitgliedern der nationalen Ethikkomission, den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, usw. und so fort.

Wer – noch dazu pseudonym – solche Briefe in die Welt schickt, sollte keine sonderlich hohe Erfolgsquote zu erwarten.

Teils werden pseudonyme Mails von Empfängern schon aus Prinzip nicht gelesen und beantwortet, weil man meint, dass jemand, der nicht mit seinem Namen hinter seinem Anliegen steht, die Aufmerksamkeit und die Mühe einer Antwort nicht wert ist. Trotzdem bleibe ich bewusst bei Mails, die erkennbar pseudonym versendet werden, denn die Tatsache, dass ich nicht ohne Angst mit meinen Realnamen schreiben kann, ist ja gerade ein Aspekt der Stigmatisierung. Wer das nicht versteht, versteht auch sonst nichts, wenn ich ihm versuche, ihm die Stigmatisierung zu erklären.

Hinzu kommt, dass es eben auch ein besonders schwieriges Thema ist. Pädophilie ist extrem stigmatisiert und die Menschen haben Angst, dass die Stigmatisierung abfärben könnte oder das sie bei einem Engagement zur Zielscheibe von Leuten werden, die mit den Vorwürfen der Bagatellisierung, der Verharmlosung und von Täterschutz arbeiten, um jede Gegenrede zu ersticken.

Die meisten Menschen und Organisationen haben daher Angst davor, sich für Belange von Menschen mit pädophiler oder hebephile Neigung einzusetzen. Leider ist die Angst nicht einmal unbegründet. Wer Rückgrat hat, gibt das Problem und den Konflikt zu und entschuldigt sich, dass er nichts tun kann. Andere wählen den einfacheren Weg, und ignorieren die Sache einfach.

Es gab also nicht sonderlich viele Antworten. Aber ein paar positive Ansätze gab es schon. Eine Bürgerrechtsorganisation scheut zwar vor einem direkten Engagement zurück, ist aber bereit, indirekt mit ihren Kontakten in die Strafrechtswissenschaft zu helfen.

Aus der Einschätzung dieser Organisation:

Ihr Vortrag ist sehr überzeugend. Demgegenüber fällt die sehr dürftige, rein spekulative Gesetzesbegründung deutlich ab. Ich neige zu der Überzeugung, dass § 184l StGB verfassungswidrig ist. Ob sich das Bundesverfassungsgericht zu dieser Feststellung durchringen könnte, vermag ich indes nicht zu prognostizieren. (…) Das Gericht könnte sich – in Ermangelung klarer Evidenz – auf die Einschätzungsprärogative des Gesetzgebers zurückziehen. Fern liegt das jedenfalls nicht.

Das Leid und die Ungerechtigkeit, das diese und ähnliche Verbote für Sie persönlich und andere Pädophile bedeuten, kann man nicht klein genug reden. Das haben Sie eindringlich dargestellt, und ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Die Gesetzesverschärfungen machen mich deshalb zutiefst betrübt. In einer idealen Welt würden Sie gehört und die Gesetzesreform würde beerdigt.

Es ist allerdings (…) für uns ein erhebliches Risiko, ein solches Gerichtsverfahren zu begleiten. (…) Ein so kontroverses Verfahren wie dieses zu begleiten, ist für uns existenzbedrohend. Wie hoch das Risiko für uns ist, lässt sich nicht abschätzen; von der Hand zu weisen ist es aber nicht.

(…) Sie haben (…) einige gewichtige Stimmen zitiert, auf die Sie sich in einem Gerichtsverfahren berufen könnten. Das sind gute Ansatzpunkte. Wollten Sie die Chancen für ein Gerichtsverfahren steigern, könnten und sollten Sie sich mit Expert*innen in Verbindung setzen, die Sie z.B. mit bestmöglicher Evidenz ausstatten. Ggf. – denkt man langfristig – könnte die Gesetzesreform auch Anlass für spezifische, neue Forschung bieten. Mit alldem könnten Sie sich wappnen für das erste Gerichtsverfahren (das muss ja nicht Ihr eigenes sein, sondern kann das eines anderen), und dieses dann entsprechend unterstützen.

(…) Wir möchten versuchen, über hier bestehende Kontakte in die (Strafrechts-) Wissenschaft anzuregen, sich dieses Themas einmal anzunehmen. Im besten Fall könnte dabei ein Gutachten herauskommen, das die Verfassungswidrigkeit von § 184l StGB (und vergleichbaren Normen) begründet.

Ich bedaure, dass ich Ihnen nicht positiver antworten kann.

Das Gesetzvorhaben läuft zwar noch aber aus meiner Sicht ist es eigentlich ausgeschlossen, dass das Verbot noch gestoppt werden kann, zumal es ja auch nur ein kleiner Baustein eines großen Gesetzespaket ist, das zwar von Juristen und Kriminologen teils stark kritisert wird aber politsch im Grunde unumstritten ist.

Für mich ist maximal vorstellbar, dass sich eine kleinere Oppositionspartei bei der finalen Abstimmung enthält. Es würde mich aber nicht mal überraschen, wenn am Ende alle Fraktionen das Gesetz mittragen.

Es ist populär „etwas“ für den Kinderschutz zu tun. Da Missbrauchstäter medial und von Politikern immer wieder mit Pädophilen gleichgesetzt werden, gibt man vor etwas für den Kinderschutz tun zu können, indem man etwas gegen Pädophile tut. Ob das „etwas“ sinnvoll und wirksam ist oder am Ende für den Kinderschutz sogar schädlich ist, spielt für den Entscheidungsprozess im Grunde keine Rolle. Die nüchterne Bestandsaufnahme ist, dass Politik im Bereich des Sexualstrafrechts von Emotionen, Ängsten und populistischem Stimmenfang getrieben wird.

Es wird also am Ende auf das Verfassungsgericht ankommen. Das Puppenverbot ist dabei nicht die einzige Regelung im neuen Gesetzespaket, die am Ende gekippt werden könnte. Für den Moment ist es aber aus meiner Sicht das relevante Schlachtfeld der Wahl.

Wenn es etwa um die Verfassungsmäßigkeit der neuen Mindeststrafen geht, kommt es extrem auf den individuellen Fall an. Für eine erfolgreiche Beschwerde muss offensichtlich sein, dass die Mindeststrafe für den konkreten Fall eine nicht zulässige Übermaßstrafe wäre. Einen so spezifischen Fall kann man sich aber nicht vorab so ausdenken, dass die Realität dann genau die Fallkonstellation liefert, auf die man sich vorbereitet hat.

Beim Verbot von Sexpuppen mit kindlichen Erscheinungsbild muss man sich dagegen nicht viel Spezifisches ausdenken. Man kann sich allgemein vorbereiten und die individuelle Anpassungsarbeit an den konrekten Fall, der dann zur Beschwerde kommt, dürfe sehr überschaubar sein. Für eine langfristige Vorbereitung und strategische Prozessplanung ist das Puppenverbot also sehr gut geeignet. Wenn man rechtzeitig startet, kann man die Schriftsätze nahezu fertig bereits in der Schublade haben und ab der ersten Instanz richtig argumentieren, um den Fall mit den bestmöglichen Aussichten vor das Verfassungsgericht zu bekommen.

Ich habe schon an anderer Stelle begründet, dass das Puppenverbot aus meiner Sicht weder geeignet, noch verhältnismäßig und daher verfassungswidrig ist. Wenn ich es bekämpfen will, obwohl ich selbst gar keine Puppe besitze, geht es mir vor allem darum, den Grundsatz der Unantastbarkeit der Würde des Menschen auch für Pädophile zu verteidigen.

Der ehemalige Vorsitzende des Bundesgerichtshofs, Prof. Dr. Thomas Fischer schrieb über das Puppenverbot in einer Kolumne im Spiegel:

Noch ein Sahnehäubchen: Der Besitz einer Puppe mit kindlichem Aussehen, die „ihrer Art nach“ zur Vornahme sexueller Handlungen bestimmt ist, soll mit Freiheitsstrafe bis drei Jahre bestraft werden. Ob der Puppen-Besitzer sexuelle Handlungen beabsichtigt oder ausführt, ist dabei ganz egal; ebenso, ob er sich jemals einem lebenden Kind nähert oder nähern will. Man kann das belanglos finden: Wer braucht schon kindliche Sexpuppen für die grundrechtliche Freiheit der Entfaltung seiner (sexuellen) Persönlichkeit?

Andererseits: Es fällt eine Grenze nach der anderen, und immer mit demselben Argument. Es ist jedenfalls bezeichnend für eine Stimmung, die man sehr zurückhaltend und ohne Diffamierung Eifer nennen kann. Aus der Nähe betrachtet kann man jede einzelne dieser Angst- und Drohfiguren noch irgendwie verständlich finden. Aufs Ganze gesehen nicht, denn die mit geradezu religiös wirkendem Furor betriebene „Bekämpfung“ auch der fernstliegenden Gefahren sexuell motivierter Behelligungen von Personen unter 14 Jahren stehen in eklatantem Kontrast zu dem Desinteresse, das die Mehrheit der Gesellschaft den viel näher liegenden sozialen, pädagogischen und psychosozialen Erfordernissen von Kindeswohl entgegenbringt.

Den Eifer, mit dem sie bekämpft werden (und der angeblich dem Schutz von Kinder dient, deren Belange vielen Erwachsenen ansonsten ziemlich egal sind) fühlen Pädophile natürlich. Es fühlt sich wie eine Hexenjagd an.

Viele Pädos fühlen sich als neue Juden. Forderung nach Meldepflichten für Pädophile erinnern sie an den Judenstern und es gibt die Angst dass das Mittel der Sicherheitsverwahrung irgendwann in einer Light-Version von Konzentrationslagern endet.

Wie Prof. Dr. Fischer schreibt: es fällt eine Grenze nach der anderen. Pädophile haben Angst, dass irgendwann alle Grenzen fallen.

Und damit sind wir aus meiner Sicht bei der Notwendigkeit eine Grenze zu verteidigen.

Es geht dabei nicht nur um die Grenze selbst. Es geht auch darum, Pädophilen wieder das Vertrauen zu vermitteln, dass es Grenzen gibt, die nicht fallen werden. Dass sie als Menschen schutzwürdig sind. Die Anerkennung als schutzwürdige Menschen könnte perspektivisch auch viel dazu beitragen, die Stigmatisierung der Neigung in der Gesellschaft zurückzudrängen.

Pädophile fühlen sich auch deshalb verfolgt und schutzlos, weil fast niemand bereit ist sich für Pädophile einzusetzen. Man tut so als würde man die Not nicht sehen. Und wenn das nicht mehr funktioniert, hindert einen Angst und Einschüchterung daran, zu helfen. Es gibt Leute, die eigentlich bereit wäre zu helfen, aber sie trauen sich nicht aus der Deckung. Das kann sich ändern, wenn eine Institution wie das Verfassungsgericht durch sein Handeln und sein Vorbild anderen quasi die Erlaubnis dazu erteilt sich ebenfalls zu engagieren.

Für Prof. Dr. Fischer ist das Verbot „ein Sahnehäubchen“. Einerseits besonders daneben, andererseits eine im Grunde nicht sonderlich relevante Kleinigkeit, denn: „Wer braucht schon kindliche Sexpuppen für die grundrechtliche Freiheit der Entfaltung seiner (sexuellen) Persönlichkeit?“

Wenn überhaupt irgend jemand, kindliche Sexpuppe für die grundrechtliche Freiheit der Entfaltung seiner (sexuellen) Persönlichkeit braucht, dann jemand, der sonst keinen Sex haben darf und der auch nicht auf Pornographie ausweichen darf. Jemand für den „normale“ Sexualität verboten ist und für den auch fast alle denkbaren Ersatzhandlungen verboten sind, ist auf die kleinen Rest-Fitzelchen, die ihm bleiben, bitter angewiesen. Er hat nun einmal nichts anderes.

Wer braucht schon ein Hungerbrot für seine Ernährungssicherheit?

Es ist eben der, der nur Hungerbrote haben darf. Darf man es ihm wegnehmen, weil „normale“ Menschen auf Hungerbrote nicht angewiesen sind und sich die Notwenigkeit von Hungerbroten nicht vorstellen können?

Es sind schon viele Grenzen gefallen.

Es ist kein Zufall, dass Pädophile glauben, dass 84 % der Bevölkerung für die Präventivhaft von Nicht-Tätern mit sexuellem Interesse an Kindern sind oder dass 63 % ihrer Mitmenschen Ihnen den Tod wünscht. Es liegt an der allgegenwärtigen Raubtier-Rethorik, am Hass-Eifer, der einem entgegen schlägt und daran, dass seit 30 Jahren eine Gesetzesverschärfung die nächste jagt.

Es ist bitter nötig eine Grenze erfolgreich zu verteidigen. Und das Sexpuppenverbot ist eine Grenze, bei der er zumindest die realistische Aussicht auf eine erfolgreiche Verteidigung der Grenze gibt.

Die zitierte Antwort der Bürgerrechtsorganisation zeigt: das Problem ist vermittelbar und jemand, der Erfahrung mit Verfahren vor dem Verfassungsgericht hat, findet die von mir vorgebrachte Argumentation gegen ein Verbot „sehr überzeugend“ und demgegenüber die Gesetzesbegründung „sehr dürftig“. Das lässt hoffen, dass letztlich tatsächlich ein Fall vorgebracht werden kann, der Erfolgsaussichten haben könnte.

Auch ein Misserfolg bleibt möglich und ist „nicht fernliegend“. Der Fall ist also bei weitem kein Selbstläufer. Dennoch ist der Kampf gegen das Puppenverbot aus meiner Sicht die beste Chance, eine für uns relevante Grenze erfolgreich zu verteidigen, die mir bisher untergekommen ist. Auch deshalb ist es wichtig, sie zu nutzen.

Verfassungsbeschwerden sind an strenge Vorgaben gebunden. Der Rechtsweg muss ausgeschöpft sein. Um eine realistische Chance auf Erfolg zu haben, muss die Beschwerde hervorragend vorbereitet sein. Wer meint, es genügt, dass er im Recht ist und unfair behandelt wird, hat schon verloren. In der Praxis werden Verfassungsbeschwerden überwiegend durch Nichtannahme erledigt (88 % der Fälle im Jahre 2019). Nur 1,4 % aller Beschwerden wird stattgegeben.

Wenn man diesen Weg gehen will, muss man das Schlachtfeld kennen und die Gewinnbedingungen optimieren. Ich kenne das Schlachtfeld nicht, sondern nur die groben Umrisse. Aber ich bin gewillt dieses Problem ernsthaft zu bearbeiten und an der Erfüllung der Gewinnbedingungen zu arbeiten.

Klar ist: man braucht es einen gutem Fall, einen guten Kläger, einen guten Anwalt und eine gute Begründung. Zeit und Geld spielen ebenso eine Rolle. Ein guter Anwalt etwa will typischerweise auch gut bezahlt werden.

Ich selbst bin nicht gewillt als Kläger aufzutreten. Wenn sich niemand findet, wird man zur Not abwarten müssen, bis der erste entsprechende Fall bekannt wird, um dem Beschuldigten und seinem Anwalt dann Unterstützung anzubieten.

Einer der wichtigsten Aspekte in Hinblick auf die Begründung ist wissenschaftliche Evidenz zu den beiden Faktoren der „Geeignetheit“ und „Verhältnismässigkeit“ des Gesetzes, denn bei uneindeutigen Sachverhalten gewährt das Verfassungsgericht dem Gesetzgeber zur Wahrung der Gewaltenteilung einen großen Einschätzungsspielraum.

Auf dieses Problem werde ich in einem der nächsten Blogartikel zurückkommen.

Umfrage „Kindliche Sexpuppen“ im Rahmen einer Bachelorarbeit

Durch die Berichterstattung der Seite Krumme13.org bin ich auf die folgende Umfrage aufmerksam geworden:

Kindliche Sexpuppen
Liebe User,

kindliche Real Dolls sind ein viel diskutiertes Thema. Nicht zuletzt durch den kürzlich eingereichten Entwurf zur Gesetzesänderung des § 184l StGB, welcher den Besitz und das „Inverkehrbringen“ dieser Puppen unter Strafe stellen würde, zeigt die Aktualität des Themas. Dies macht es umso wichtiger zu versuchen, einen wissenschaftlichen Blick auf die Puppen und ihre möglichen Wirkungen oder auch Einsatzbereiche zu werfen. 

Als Studentin der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin arbeite ich momentan an meiner ergebnisoffenen Bachelorarbeit zum Thema kindlich-realistische  Sexpuppen. Hierbei ist es mir wichtig, nicht ausschließlich Studien oder wissenschaftliche Experten heranzuziehen. Ich möchte Betroffene als „Fachleute“ zu Wort kommen lassen und für meine Arbeit einen Einblick in eine, mir unbekannte Wahrnehmung erhalten.  

Aus diesem Grund habe ich eine anonymisierte Umfrage erstellt. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben und nur im Rahmen meiner Bachelorarbeit verwendet. Ich bitte Sie daher in der Umfrage auf die Erwähnung von Namen oder Anschriften zu verzichten, um die Anonymität zu wahren. 

Sie können selbst entscheiden, wie ausführlich Sie antworten möchten. Über Ihre Mitwirkung würde ich mich sehr freuen und hoffe auf Ihre Unterstützung meiner Forschungstätigkeit. 
Für eine zeitnahe Beantwortung der Fragen, bis spätestens zum 13.11.2020, bin ich Ihnen sehr dankbar. 

Mit freundlichen Grüßen
Juliane Koch

Hier der Link zur Umfrage.

Da auch Einstellungen und Meinungen abgefragt werden, muss man selbst keine Doll besitzen, um an der Umfrage teilzunehmen.

Achtung, es wird in der Umfrage um Antworten bis zum 13.11.2020 gebeten. Wer sich noch an der Umfrage beteiligen will, muss sich also sputen.

Ich empfehle die Teilnahme und habe die Fragen auch selbst bereits beantwortet.

Gastbeitrag: Auf den Hund gekommen!

Hunde machen gesund und glücklich„, behauptet ein Artikel, den ich vor ein paar Wochen gelesen habe. Ich habe bei einem BL und Hundebesitzer angeklopft und nachgefragt.

Hier sein Gastbeitrag.


Als ich zwölf Jahre alt war, wünschte ich mir, ich sei bereits zwanzig Jahre alt, weil ich nur die vermeintlichen Vorteile des Älterseins sah und den ganzen Rest, der unvermeidlich auch dazu gehört, komplett ausblendete.

Als ich vierundzwanzig Jahre alt war wollte ich keinesfalls dreißig Jahre alt werden weil … wer Dreißig ist gehört zum Establishment.

Als ich sechsunddreißig Jahre alt war, stellte ich fest, dass ich alt werde, mein Leben verpasse … und bekam Torschlusspanik.

Als ich achtundvierzig Jahre alt war, lebte ich endlich in der Gewissheit, mich selbst und das, was mich … mhm … bewegt, im Griff zu haben, sah meinem fünfzigsten Geburtstag mit Gelassenheit entgegen und landete wenig später hinter schwedischen Gardinen … wegen einiger Symptome meiner Torschlusspanik.

Als ich sechzig Jahre alt war, fürchtete ich eigentlich nur noch, dass mir der Himmel auf den Kopf fallen könne und wollte darüber hinaus von Gott und der Welt in Ruhe gelassen werden.

Als ich sechsundsechzig Jahre alt geworden war, war das Leben immer noch nicht vorbei und ich war …

AUF DEN HUND GEKOMMEN !

Und nein … *mit dem Finger in der Luft rumwedele* … ein Hund ist kein Ersatz für einen Jungen … oder für sonst was. Und schon gar nicht mein Hund, denn er, also mein Hund, ist ein Weibchen, also eine sie. Passt also nicht und überhaupt … ich zoophil? Zum Schießen der Gedanke.

Außerdem … Jungs als solche werden von unsereiner welchem aus meist ideell-libidinösen Gründen kolossal überbewertet. Sie sind in Einzelfällen zwar recht liebenswert und für uns in einer gewissen Lebensphase fast überlebenswichtig, aber als ‚Spezies‘ recht kurzlebig. Allenfalls geeignet als Lebensabschnittspartner (falls sie dazu taugen), keinesfalls aber für eine Lebenspartnerschaft.

Selbst wenn sie individuell dazu taugen, so wachsen sie doch unvermeidlich aus unseren Bedürfniserwartungen heraus. Und sie sind anstrengend … immer. Ist so … vertraut meiner mehrdekadigen Erfahrung.

Und grad heut in unseren aktuellen Zeiten …? Nö … muss ich mir nicht mehr antun und … *mit einem Auge zum seeligen Antinoos rüberschiel* … in meinem Alter eh nicht mehr. Ich mein … klappen täts noch, keine Frage – aber der Stress, die Sorge, was ich dem wunderschönen, verwöhnten und verfressenen Wohlstandsbengel als Nächstes zum Futtern hinstellen soll … und überhaupt, meine Libido hat mir jüngst zugeflüstert: Lass es gemächlich angehen. Und … der Begriff ‚gemächlich‘ existiert für Jungs nicht.

Tatsache … was bleibt ist eine schleichende Einsamkeit.

Man bemerkt sie erst gar nicht. Sie schleicht eben … blind wie eine Schleiche, nistet sich ein und kriegt Junge.

Dann war sie da, meine Hündin.

Ein bester Freund von meiner einem schenkte sie mir, gerade mal drei oder vier Monate alt (also nicht mein Freund … der Hund!^^). Vielleicht deshalb, weil er bemerkte, dass ich vor allem emotional peu a peu und fast unmerklich vor die Hunde ging.

Da ist sie nun also … quietschfidel, wunderschön (ist sie wirklich!), nicht so verfressen wie ein Junge außer es handelt sich um Leckerlis – da läuft sie jedem Jungen den Rang ab, durchaus auch anspruchsvoll (sie hat sich in meiner gesamten Wohnung ‚ausgebreitet‘, überlässt mir lediglich respektvoll die Küche und den Lokus, besteht auf den Zutritt auf meine Terrasse zum angelegentlichen Kacken und Pinkeln und zur räumlich erhöhten Selbstdarstellung als Halterin eines eigenen Reviers samt eigenem Herrchen und Revierputzteufel inklusive angelegentlichem Verbellen von am Halsband vorbei gezerrter Wadenbeisser aus der Nachbarschaft).

Meine Couch gehört ihr, auf meinem Bett pflegt sie zu meditieren, mein Ohrensessel dient ihr als bequeme Beobachtungsstation für ihren menschlichen Kompadre, wenn der vor glühendem Bildschirm wie jeck auf seiner Tastatur rumhackt (die spinnen, die Menschen!!! *mit der Pfote an die Stirn tippt*) während im Hintergrund dessen heißgeliebte französische Chansons melancholisch daher jammern und bei jedem Ausritt pflegt sie wie eine Lokomotive voraus zu dampfen und wie diese der Sechzigerjahre an jeder Milchkanne abrupt zu stoppen und erstmal genüsslich mit ihrer hochempfindlichen Nase die örtliche Zeitung zu ‚lesen‘ … ganz abgesehen von ihrer Eigenschaft alles an Kleingetier zu jagen, was bei drei nicht auf einem hohen Pfahl sitzt und selbstbewusst etwa dreißig Mal pro Ausritt in flüssiger Form ‚ihr‘ Revier zu markieren und der gesamten vorbei streunenden Hundeschaft mitzuteilen: „Nehmt gefälligst zur Kenntnis, dass ICH hier war und das es MIR soundso geht!“. *Kicher* … sie markiert sogar dann noch, wenn schon gar nichts mehr ‚drinne‘ ist.

Eine Nachbarin von mir ist ihre beste Freundin. Einmal die Woche geht die mit ihr über die Felder. Wenn die vorbeikommt springt meine Kleine regelrecht aus dem Fell. Und – weiß der Geier warum – meine Hündin liebt fast alle Menschen und besonders alte Menschen an ihren Rollatoren haben es ihr angetan … vielleicht weil die meist irgendwelche Beutel an ihrem Bewegungsunterstuetzungsapparat hängen haben und sie der festen Überzeugung ist, dass in jedem verdammten Beutel gefälligst auch ein Leckerli für sie zu sein hat.

Gelegentlich wälzt sie sich, wenn wir in den hiesigen Parks unterwegs sind und ich mal nicht aufpasse, hingebungsvoll und ganz offensichtlich hoch genussvoll im Gras. Mhm … grundsätzlich hab ich da ja nichts dagegen, aber hin und wieder nimmt sie dabei ein schier steinerweichendes Aroma an, worauf ich sie nach unserer Rückkunft zwangsweise in die Badewanne und unter die Dusche expedieren muss. Passt ihr gar nicht … aber – wer vorsätzlich vor sich hinstinkt hat eben mit Konsequenzen zu rechnen. Kleiner Tipp an alle kuenftigen Hundehalter … vorher selber sich freimachen und den Wischmopp bereithalten.

Jeden Tag zwei-, dreimal fordert sie mich ausdrücklich dazu auf, ihr auf die Terrasse zu folgen und mit ihr zu spielen. Spielen ist ihre große Leidenschaft. Sie apportiert mit Hingabe und Zerrereien ist sie dabei durchaus nicht abgeneigt. Ich muss dann versuchen, ihr das Spielzeug wegzunehmen … da besteht sie drauf. Das geht dann meist mit einigem Geknurre ab … ihrerseits und meinerseits und nahezu immer schnappt sie sich dann meine Hand mit dem Maul und beginnt damit, ganz sacht und vorsichtig auf meiner Hand rumzukauen. Wie’s scheint schmecke ich ihr.^^

Wenn sonst nix los ist, liegt sie wie ein Teddyhund auf meiner … mhm … ihrer Couch und döst vor sich hin, gelegentlich unterbrochen von einer Knuddeleinlage meinerseits, die sie meist hingebungsvoll erwidert. Ein besonderer Liebesbeweis ihrerseits ist dann gelegentlich ein feuchter Knutscher hinter einem meiner Ohren. Naja … und wenn ihr mein Fernsehprogramm nicht gefällt, schlendert sie rüber in mein Schlafzimmer und meditiert auf meinem Bett. Ein sehr esoterischer Hund … mein Hund!

Nein, meine Hündin ist kein Surrogat für einen Jungen. Sie ist eine völlig eigene kleine Persönlichkeit, die aber – wie ein Mensch auch – für ihr Leben Zuwendung und auch Zärtlichkeit braucht … abgesehen von Futter und Wasser. Und … sie gibt viel zurück und vertreibt jede Einsamkeit.

Und ja … ich liebe sie und würde sie tierisch vermissen, wäre sie nicht mehr da.

Ich sag Euch, wolltet Ihr es wagen … in den Tierheimen wartet auf jeden von Euch ein vierbeiniger Gefährte. Ihr würdet es nicht bereuen, wenn Ihr dazu fähig seid, auch dessen Bedürfnisse zu bedienen und Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, an dem Eure Libido kein Interesse hat.

In diesem Sinne völlig auf den Hund gekommen

Herzlich M´Noel

Die Bedeutung des Internet für Pädophile

Pädophile und Hebephile sind Menschen. Menschen sind im Grunde von Natur aus tatgeneigt. Das verstehe ich keineswegs negativ, denn was eine Tat (oder eine Nicht-Tat, also ein Unterlassen) ausmacht, ist letztlich nur die Erfüllung eines Bedürfnisses.

Bei einer Tat nach strafrechtlichem Verständnis handelt es sich zugleich um das Überschreiten einer gesetzlichen Norm. Dem Menschen als Tier sind gesetzliche Normen erst einmal egal. Menschen sind geneigt, ihren Neigungen zu folgen bzw. ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Dabei Normen einzuhalten – oder sich beim Überschreiten von Normen nicht erwischen zu lassen – müssen sie erst lernen.

Eine zentrale biologische Bedingung ist dabei der Mensch als soziales Tier. Die Befindlichkeiten und Reaktion der Mit-Menschen werden mitberücksichtigt. Auch das entspricht einer natürlichen Neigung, einem natürlichen Bedürfnis.

Wenn es drei gleichrangige Alternativen zur Bedürfnisbefriedigung gibt, bei der eine nach subjektiver Erwartung sozial positiv wirkt, die andere neutral, die dritte negativ, dann wird sich der Mensch typischerweise für die positiv wirkende Alternative entscheiden. Befriedigung erfolgt meist nicht in offensichtlicher Weise auf Kosten Dritter, da das mit sozialen Kosten verbunden wäre.

Ist bei einer Alternative der Erfüllungsgrad der Bedürfnisse niedriger, dann ist die Handlung im Prinzip eine mögliche Ersatzhandlung mit einem gewissen Ersatzwert. Nimmt man die sozialen Kosten oder Gewinne zum Ersatzwert hinzu, kann sich die Ersatzhandlung in Summe als bessere Wahl darstellen.

Als Herdentier gleicht der Mensch aber nicht einer Büffelherde in der Serengeti, die in die Tausende oder Hunderttausende zählt. Die Gruppen, in denen Menschen entwicklungsgeschichtlich lebten, waren klein, die Lebensweise opportunistisch nomadisierend.

In den 1990er-Jahren hat der britische Evolutionsbiologe Robin Dunbar herausgefunden, dass bei einer Vielzahl von Affen- und Menschenaffenarten die Größe des Stirnhirns in enger Beziehung zur Größe ihrer Sozialgruppe steht. Überträgt man diesen Zusammenhang auf den Menschen, dann ergibt sich eine Gruppengröße von 150 Personen. Diese sind wichtig und innerhalb dieser ist wiederum die Kernfamilie – oder jene, die stellvertretend ihren Platz einnehmen – am wichtigsten.

Kulturgeschichtlich wurden aus Sippen Stämme, aus Stämmen Völker, aus Völkern Nationen, aus Nationen Kulturgemeinschaften wie das „christliche Abendland“ oder „der Westen“. Wir leben in Gesellschaften von Millionen, sind aber für Gesellschaften von 50, 100 oder 150 gebaut.

Innerhalb der Millionenmasse zieht man seinen Kreis um 50, 100 oder 150 Menschen, die den eigentlichen sozialen Kosmos bilden, in dem man sich bewegt. Entscheidend und handlungsleitend dürfte also sein, um welche 50, 100 oder 150 Menschen man seinen äußeren Kreis zieht und um welche man seinen inneren und innersten Kreis zieht. Der weitere Kontext der Gesellschaft als Ganzes ist in diesem Zusammenhang lediglich Umweltbedingung. Die Befolgung von Gesetzesnormen dient der Vermeidung negativer Umweltsanktionen oder ist relevant, weil er die Erwartungshaltung der 150 bestimmt.

Ihr sexuelle Orientierung erkennen Menschen meist im Laufe Ihrer Pubertät. Typische Bedingungen der Pubertät sind

  • eine besonders hohe sexuelle Erregbarkeit, die sich für einen Kriminologen z.B. in der Inzidenzzahl sexueller Übergriffe (ablesbar an der Tatverdächtigenbelastungszahl) manifestiert und
  • ein besonders hohes Bedürfnis dazu zu gehören.

Das Bedürfnis „dazu zu gehören“ ist dabei im Kontext der Ablösung von den Eltern zu sehen. Fällt eine essentielle soziale Bindung fort, bzw. schwächt sich diese gefühlt ab, dann muss sie im Kontext des Menschen als soziales Wesen ersetzt werden. Wenn sich der innere Kreis (scheinbar) auflöst, wird der äußere Kreis umso wichtiger.

Ausgrenzung und Angst vor Ausgrenzung ist mit sozialem Schmerz verbunden. Der Mensch ist nicht alleine überlebensfähig, sondern auf die Gruppe angewiesen. Die Gefahr eines Ausschlusses weckt deshalb existentielle Ängste.

Auch Pädophilie und Hebephlie bemerken ihre sexuelle Neigung in dieser kritischen Lebensphase. Unabhängig von ihrer Einstellung zu den sexuellen Gefühlen an sich merken sie schnell, dass sie mir ihrer sexuellen Orientierung zu einer extrem verachteten und ausgegrenzten Randgruppe gehören.

Es gibt neue, starke Wünsche und Bedürfnisse. Der Start in eine gemeinsam erlebte, patnerschaftliche Sexualität ist ohnehin schon bei jedem „stinknormalen“ heterosexuellen Jugendlichen zu Beginn mit großer Unsicherheit behaftet. Die eigenen Wünsche sind neu, die Wünsche und Grenzen des anderen noch unbekannt.

Für jemand, dessen sexuelle Orientierung nicht den akzeptierten Normen entspricht, kommt der Charakter eines sozial gefährlichen Normbruchs hinzu. Bereits das Coming-in ist auch für heutzutage recht akzeptierte sexuelle Orientierungen wie Homosexualität oft schwierig und erfordert viel Kraft.

Je schlechter eine sexuelle Orientierung akzeptiert ist, desto eher droht ein gleichzeitiger Ausschluss aus dem inneren und dem äußeren Kreis. Bei Homosexualität weiß man wenigstens, dass es irgendwo einen neuen äußeren Kreis gibt, in dem die Aufnahme in eine Gemeinschaft wieder möglich wäre. Für Pädophile kennt die Welt nur Verachtung.

Die Gesellschaft hält bereits den einzelnen Pädophilen an sich für gefährlich. In der Zusammenkunft zweier oder mehrerer Pädophiler potenziert sich die gefühlte Gefahr. In der Konsequenz ist der Aufwand, den die Gesellschaft betreibt, um pädophile und hebephile Subkulturen zu bekämpfen oder zu zerschlagen enorm. Sie tut alles, um den Schutzraum einer Subkultur, die für die Betroffenen eigentlich besonders wichtig wäre, nicht zuzulassen. Die Bekämpfung, Kriminalisierung und Zerschlagung einst legaler und noch legaler pädophiler Subkulturen ist dabei auch mit einem Abdrängen in die Illegalität verbunden.

An ein Coming-out ist da für die meisten Betroffenen erst gar nicht zu denken. Das Niveau der mit einer pädophilen Neigung verbundenen sozialen Schmerzen und der sexuellen Frustration und Hoffnungslosigkeit führt bei sehr vielen jungen Betroffenen zu Depressionen bis hin zu Suizidgedanken.

In dieser Lage trifft ein mit steinzeitlicher Biologie ausgestatteter pädophiler oder hebephiler Jugendlicher auf die Möglichkeiten des Internet. Es verspricht, zwei zentrale Bedürfnisse zu erfüllen.

Erstens ermöglicht es sexuelle Ersatzhandlungen, die (unter der Bedingung der Verschleierung) sexuelle Befriedigung mit akzeptablem Ersatzwert ohne soziale Kosten versprechen. Zweitens wird das Internet durch Medien und Sicherheitsorgane als noch unvernichteter Rückzugsraum pädophiler Subkulturen thematisiert und angeprangert. Für einen Pädophilen macht es genau das zur Hoffnung auf einen Raum ohne Verachtung.

Das sind die Grundbedingungen unter denen man die Bedeutung des Internet für einen Pädophilen verstehen muss. Sie gelten ganz besonders für junge Pädophile, die in einer extrem feindlichen Umgebung erst noch lernen müssen, Ihre Neigung zu akzeptieren. Zunächst geht es dabei oft sogar ums blanke Überleben. Erst wenn die ersten Schritte geschafft sind, kann man beginnen, trotz der Einschränkungen, die mit der Neigung verbunden sind, den eigenen Umweg zum Glück zu suchen (und hoffentlich auch zu finden).

Blog „Kinder im Herzen“ und Gedanken zum Strafrecht

Seit dem 22. August 2019 existiert mit „Kinder im Herzen“ (KiH) ein deutschsprachiges, kollaboratives Blogportal von Pädophilen zum Thema Pädophile. Das Projekt ist aus dem Selbsthilfeforum „Gemeinsam statt allein“ entstanden, das wiederum ein Projekt von „Schicksal und Herausforderung“ ist.

Inzwischen tritt „Kinder im Herzen“ als eigenständiges Projekt auf. Der Projekt-Admin Sirius wendet sich darüber hinaus mit einem eigenen YouTube Kanal an die Öffentlichkeit. „Kinder im Herzen“ positioniert sich dabei deutlich gegen jegliche Form von sexuellen Kontakten zwischen Kindern und Erwachsenen.

Das ist eine Positionierung, die ich gut nachvollziehen kann, die ich aber in dieser Strenge nicht teile.

Ich war schon immer sehr eindeutig der Meinung, dass es ethisch unvertretbar ist, einem Kind sexuell motiviert zu schaden. Ich glaube aber weder an die Schädlichkeit vom Sex für Kinder im Allgemeinen, noch an die intrinsische Schädlichkeit von Sex zwischen Erwachsenen und Kindern im besonderen.

Aus meiner Sicht gibt es vor allem externe Faktoren, die gegen sexuelle Kontakte sprechen. Die Hautaspekte eines Schädigungsrisikos bei willentlich einvernehmlichen sexuellen Kontakten sind nach meiner Einschätzung:

  • die Belastung für das Kind, über die Beziehung schweigen zu müssen (Schweigen ist Gift)
  • die Gefahr einer sequentiellen Traumatisierung durch negative Umweltreaktionen (z.B. „Schwuli“ oder „Schwuchtel“ auf dem Schulhof; eine weinende Mutter, die glaubt ihr Kind nicht gut genug beschützt zu haben; der verhaftete Freund, von dem man glaubt, ihn verraten zu haben)
  • das Risiko, dass die kognitive Dissonanz zwischen positivem Erleben und massiver gesellschaftlicher Ablehnung irgendwann (ggf. Jahrzehnte später) im Sinne einer Traumatisierung aufgelöst wird (siehe: Kriminalisierung und Pathologisierung gehen Hand in Hand).

Das alles spricht aus meiner Sicht deutlich gegen einen sexuellen Kontakt.

Es ist aber nicht so, dass dem nichts Positives gegenüberstehen kann. Es tut einem Menschen normalerweise gut, geliebt zu werden und sich geliebt zu fühlen. Einer der wichtigsten prognostischen Faktoren, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt, ist:

„One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.

Paulus Hochgatterer im Interview mit „Der Standard“

Das wirkliche Anliegen am anderen Menschen geben Pädophile nicht vor. Es ist ihnen ins Herz geschrieben:

Das Skandalöse an der Pädophilie aber, das die vom Missbrauchsdiskurs Geblendeten nicht erkennen können, ist, dass der Pädophile Kindern jene Zuneigung und Liebe geben will, die generell versprochen, aber kaum vermocht wird. Pädophile pflegen nicht auf ihrem Fetisch Auto „Ein Herz für Kinder“ zu kleben, nachdem sie es ihnen auf ganz normale Weise herausgerissen haben. Ihren Fetisch, das Kind, nehmen sie so ernst, wie es kein Fernsehapparat fertig bringt. Das jedenfalls spüren und genießen viele Kinder. Und so gibt es Pädosexuelle, die sich pädophil verhalten und weggeworfenen Kindern aus deletären familiären Verhältnissen ohne zeitliche oder gar körperreifungsbedingte Begrenzung ein sicheres Zuhause geben – ein Beispiel dafür, wie ungerecht allgemeine Verurteilungen und Beschimpfungen à la Kinderschänder und sexueller Missbrauch sind.


Volkmar Sigusch in
Sexualitäten: Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten,
2. Auflage von 2015

Freilich muss es dafür nicht auch zu sexuellen Handlungen kommen. Man kann einen Menschen auch lieben, ohne Sex mit ihm zu haben.

Es gibt aber willentlich einvernehmliche sexuelle Kontakte, die von den Jungen (oder Mädchen) sehr positiv erlebt und erinnert werden. Es ist für mich inakzeptabel hier von Missbrauch zu reden oder gegen solche Beziehungen in irgend einer Form zu intervenieren und damit den Schaden, der vorher nur möglich war, erst zu verursachen.

Die Ablehnung sexueller Kontakte drückte sich bei „Kinder im Herzen“ bisher auch in dem Grundsatz aus, dass bestehende Gesetze akzeptiert werden. Dies hat sich aufgrund der aktuellen Verschärfungen nun geändert. Das Blogportal wendet sich deutlich gegen die Verschärfungen – und passt seine Grundsätze an, um der Entwicklung Rechnung zu tragen.

Die Ankündigung von „Kinder im Herzen“:

Stellungnahme zur Gesetzesverschärfung / Anpassung unserer Grundsätze

Liebe KiH-Leser,

angesichts der aktuellen politischen Umstände und des am Mittwoch beschlossenen Gesetzesentwurf der Bundesregierung, sehen wir uns gezwungen unsere Grundsätze auf KiH anzupassen.

Unsere Ansicht war von Anfang an, dass Kinder vor sexuellen Übergriffen jeglicher Art, egal ob direkt oder indirekt, geschützt werden müssen. Unter dem Titel „Kinder im Herzen“ verstehen wir auch, dass uns ihr Wohlergehen am Herzen liegt, und wir jeden Schaden von ihnen abwenden wollen. Aus diesem Grund waren wir immer gewillt, das in Deutschland geltende Strafgesetzbuch (StGB) zu akzeptieren. Dies haben wir versucht, klar in unseren Grundsätzen zum Ausdruck zu bringen:

„Kurz gesagt akzeptieren wir das StGB und es ist ausdrücklich nicht unser Ziel, bestehende Gesetze zu verändern

Der Gesetzesentwurf vom 21.10. geht unserer Meinung allerdings entschieden zu weit und ist nicht mehr verhältnismäßig. Mit dem Verbot von kindlichen Sexpuppen und rein fiktiven pornographischen Darstellungen von Kindern werden keine existierenden Kinder geschützt, und stattdessen reine Fantasien unter Strafe gestellt. Wir sehen darin keine sinnvolle Maßnahme für den Kinderschutz, sondern einen Angriff gegen pädophile Menschen, die sich Alternativen suchen, um ein straffreies Leben zu führen.

Es werden damit auch Menschen kriminalisiert und mit Haftstrafen bedroht, die ihre Sexualität in reinen Fantasien ausleben und nie einem Kind etwas antun. Damit zielt der Entwurf ganz konkret darauf ab, die Pädophilie als grundsätzliches Gedankenverbrechen zu werten. Das wird auch in folgender Aussage deutlich, mit der das Bundesjustizministerium die Strafbarkeit von Puppen begründet:

Von der neuen Regelung soll auch ein Signal für die Gesellschaft ausgehen, dass Kinder – seien sie auch nur körperlich nachgebildet – nicht zum Objekt sexueller Handlungsweisen gemacht werden dürfen.

Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass die Nutzung von kindlichen Puppen oder rein fiktiver Kinderpornographie dazu führt, dass ein pädophiler Mensch eher einen Missbrauch an einem realen Kind begeht. Dies zu untersuchen sollte jedoch unerlässlich sein, bevor man ein Verbot fordert, da man nichts über die Folgen einer solchen Maßnahme weiß. Es ist durchaus denkbar, dass gerade ein Verbot dazu führt, dass manche Menschen eher einen realen Missbrauch begehen – zum Beispiel aus mangelnden Alternativen oder schlichtweg aus Frust aufgrund der andauernden Gängelungen der Gesellschaft.

Wir sind noch immer gegen jedwede Beschönigung sexuellen Missbrauchs von Kindern und daher gegen jegliche Form von sexuellen Kontakten mit Kindern. Da die aktuelle Änderung aber offenbar willkürlich und ohne belastbare Nachweise über dessen Sinnhaftigkeit zur Diskriminierung gegen Minderheiten beiträgt, können wir nicht mehr länger angeben, bestehende Gesetze vollumpfänglich zu akzeptieren. Aus dem Grund haben wir unsere Grundsätze angepasst, um der aktuellen Situation Rechnung zu tragen und der Kritik derartiger Gesetzesvorhaben auf Kinder im Herzen einen Raum geben zu können.

Die aktuellen Grundsätze könnt ihr hier finden.

Euer KiH-Team.

Hier auch die aktuelle Fassung der KiH Grundsätze:

Unsere Grundsätze

Wir sind der Meinung, dass jegliche Form von sexuellen Kontakten zwischen Kindern und Erwachsenen inakzeptabel ist, da das Risiko dem Kind dabei Leid zuzufügen (sei es durch den Kontakt selber oder die Umstände beim Aufdecken des Kontaktes) nicht vertretbar ist. Das gilt ohne Einschränkung in jeder Situation, unabhängig davon, ob der Kontakt von dem Erwachsenen ausgeht oder von dem Kind gewollt ist.

Eine ähnliche Haltung vertreten wir auch beim Thema Kinderpornographie. Abbildungen, die den Missbrauch von realen Kindern dokumentieren sind unserer Meinung nach moralisch nicht zu rechtfertigen und deren Produktion, Vertrieb und Besitz damit zu Recht strafbar. Damit unterschreiben wir den Artikel 34 der UN-Kinderrechtskonvention, der den Schutz vor sexuellem Missbrauch als eines der Grundrechte von Kindern formuliert. Es ist nicht unser Ziel, die Folgen von sexuellem Kindesmissbrauch zu bagatellisieren. Wir distanzieren uns ausdrücklich von Bewegungen pädophiler Menschen, die derartige Ziele verfolgen oder in der Vergangenheit verfolgt haben.

Wir akzeptieren das in Deutschland bestehende Schutzalter, weshalb unsere Grundsätze auch Sexualität zwischen Erwachsenen und Jugendlichen unter 14 mit einschließen.

Die Verpflichtung zu diesen Grundsätzen ist Voraussetzung dafür, bei KiH als Autor teilnehmen zu können.

Da ich der Meinung bin, dass der Reformbedarf über die Rücknahme, der aktuell auf den Weg gebrachten Verschärfungen hinausgeht, bin ich leider auch künftig nicht dafür qualifiziert, Gastbeiträge im „Kinder im Herzen“ Blog zu schreiben.

Für mich ist das wesentliche, dass sexueller Missbrauch weiterhin strafbar bleibt. Wenn es keinen sexuellen Missbrauch gab (also: willentliches Einverständnis, keine Gewalt, keine Nötigung, keine Drohungen, keine Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, kein Inzest) und keine Schädigung erkennbar ist (keine Traumatisierung) wäre der Resttatbestand aus meiner Sicht nicht strafwürdig.

Es stellt sich für mich dann auch die Frage, ob in Hinblick auf den Resttatbestand überhaupt noch ein legitimer Schutzzweck erfüllt wird. Moralvostellungen haben im Sexualstrafrecht eigentlich nichts verloren. Es geht um den Schutz von Rechtsgütern vor einer Beeinträchtigung (sexuelle Selbstbestimmung) und vor einer Gefährdung (ungestörte sexuelle Entwicklung).

Bei willentlichem Einverständnis UND Fehlen von Missbrauchstatbeständen UND Abwesenheit von Beeinträchtigungen / Schäden kann man von einem Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht mehr reden. Allenfalls kann man durch die Tat eine abstrakte Gefährdung der sexuellen Entwicklung annehmen, die dann strafbar sein kann, ohne dass sich die Gefährdung tatsächlich realisieren muss.

Dem steht entgegen, dass durch ein lediglich auf abstrakten Gefährungsüberlegungen beruhendes Verbot die sexuelle Selbstbestimmung des Kindes eingeschränkt wird. Wenn Kinder Rechte haben (was ja neuerdings durch Politiker aller Parteien überwiegend bejaht wird), dann muss man diese Rechte auch ernst nehmen und eine Ausübung der Rechte akzeptieren, die einem nicht in den Kram passt und die man anstößig findet.

Ein nicht-pädophiler, bisexueller Mann, der in seiner Kindheit einen einvernehmlichen sexuellen Kontakt mit einem erwachsenen Mann hatte und es einfach nur unverschämt findet, was sich der Staat gegenüber Kindern heraus nimmt, schrieb mir:

Viel, viiieeel später musste ich dann erfahren, dass es damals tatsächlich ein Gesetz gegeben hatte, dass Sexualkontakte volljähriger Männer mit minderjährigen Jungs grundsätzlich mit Strafe bedrohte.

Ich: WTF? Was sind das für anmaßende Arschlöcher, die absolut und beidseitig gewollte, von mir initiierte, als höchst positiv erlebte, unvergessliche Erlebnisse verbieten und mit Strafe bedrohen? (…) Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Zorn auf diese verschissenen, menschenfeindlichen Sexualhasser ist schier unendlich. (…)

PS: Mich hat niemand „geliebt“. Ich war nur einfach rattig wie Nachbars Lumpi! ^^

Ich denke das spricht für sich.

Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn es mehr Forschungen zu den Wirkung (auch Spätwirkungen) von sexuellen Kontakten gäbe. Dies ist bereits wichtig, um die bestmögliche Behandlung von Schäden bzw. Versorgung von Opfern zu gewährleisten, sollte aber auch Erkenntnisse in Hinblick auf die Haltbarkeit des abstrakten Gefährungstatbestandes liefern.

In anderen Bereichen haben sich vermutete (oder vorgeschobene) abstrakte Gefährdungen bereits als wissenschaftlich haltlos erwiesen (z.B. Verführungstheorie zur Homosexualität). Das bedeutet nicht, dass er sich an anderer Stelle zwangsläufig ebenfalls als haltlos erweisen muss. Wenn man hierzu wissenschaftliche Erkenntnisse hätte, wäre das aber durchaus bedeutsam, auch für die strafrechtliche Würdigung.

Wenn man die Existenz nicht oder weniger strafwürdiger Fälle bejaht, wäre es meines Erachtens sinnvoll, zur Vermeidung unbilliger Härte z.B. einen „minder schweren Fall“ einzuführen, der auch eine Strafabsehensklausel umfassen sollte („Das Gericht kann von Strafe nach dieser Vorschrift absehen, wenn das Unrecht der Tat gering ist.“).

Wenn z.B. Staatsanwalt und Richter der Auffassung sind, dass es zwischen den Beteiligten ein Liebesverhältnis gab, oder sich der Fall so darstellt, wie bei dem Mann, aus dessen Nachricht ich zitiert habe, macht die Bestrafung aus meiner Sicht keinen Sinn und ist sogar schädlich.

Wenn man meint, dass es solche Fälle ohnehin nicht gibt, kann die Möglichkeit von einer Bestrafung in diesem Fall abzusehen, zulassen, da die Regelung in der Praxis ohnehin nie greifen würde, also auch niemandem den Schutz entzieht.

Wenn man es für möglich hält, dass es solche Fälle tatsächlich gibt, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man dieser Wirklichkeit besser gerecht werden kann als es mit dem heutigen Strafrecht möglich ist.

Not sehen … und dann?

Es gibt drei Ansätze mit denen ich mich aktivistisch engagiere.

Der erste ist mein Blog. Ich schreibe ihn vor allem für mich selbst und andere Betroffene, er wendet sich aber auch an „Normalliebende“ die – wie auch immer – über ihn stolpern.

Der zweite Weg ist meine Mitgliedschaft bei Gutefrage.net. Anders als hier erreiche ich dort vor allem Normalliebende, die ihre Vorstellung von einem Pädophilen aus Geschichten über erfundene Kriminalfälle (Tatort & Co) oder aus Berichte über tatsächliche Kriminalfälle haben, in denen Kindesmissbrauch mit Pädophilie gleichgesetzt wird.

Wenn man keine Pädophilen kennen lernen kann, gibt es auch keine Chance Vorurteile in Frage zu stellen. Da Pädos auf Pseudonymität angewiesen sind, ist eine Begegnung äußerst schwierig.

Gutefrage ist einer der ganz wenigen Orte, wo es möglich ist. Das erleubt eine Form von „Aktivismus“, bei dem es letztlich vor allem darum geht, als offen pädophiler Mensch sichtbar zu sein und „trotzdem“ als Mensch wahrgenommen zu werden (statt als Monster).

Der dritte Weg ist die individuelle Ansprache von relevanten Personen oder Organisationen. Also etwa von Menschenrechtlern, Politiker, Schriftstellern, Strafrechtswissenschaftlern, Kriminologen etc.

Meist gibt es keine Antwort. Ich bin ein Freund von Ehrlichkeit und dazu gehört auch, dass ich mir keinen echt klingenden Phantasienamen ausdenke, um Menschen anzuschreiben. Ich schreibe die die Leute, die ich kontaktiere, offen pseudonym an. Das Sich-verstecken-müssen ist schließlich ein zentraler Aspekt meiner Diskriminierung und Stigmatisierung.

Die Vortäuschung eines falschen Namens scheint mir auch langfristig gesehen kontraproduktiv. Man sollte einen Austausch nicht mit einer Irreführung beginnen. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine anonym versendete Mail ungelesen im Papierkorb landet, jedenfalls erhöht. Wer nicht mit seinem echten Namen hinter seinem Anliegen steht, ist für viele kein erst zu nehmender Ansprechpartner, der der eigenen Aufmerksamkeit würdig ist.

Ein Politiker hat mir bisher nicht geantwortet. Auch die meisten Menschen- oder Bürgerrechtsorganisationen reagieren nicht. Nicht geantwortet haben mir zum Beispiel:

  • das Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld
  • der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg
  • die Antidiskriminierungsstelle des Bundes
  • das Institut für Menschenrechte,
  • das Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung,
  • Amnesty International Deutschland

Zwei Antworten von Bürgerrechtsorganisationen habe ich aber erhalten. Aus einer davon will ich hier (anonymisiert) zitieren:

Sehr geehrter Herr, vielen Dank für Ihre ausserordentliche Mail vom 08.08. 2020 an [ Name entfernt ], das ich gerne beantworte. Bitte sehen Sie mir nach, wenn meine Antwort doch recht lange gedauert hat.

Etliche der Sachverhalte, Probleme und Fragestellungen, die Sie aufgeworfen haben, sind uns nicht unbekannt. Sahen wir uns doch in den vergangenen Jahren wiederholt schweren Vorwürfen, insbesondere von kirchlicher Seite ausgesetzt, die uns mangelnde Grenzziehung zu bestimmten Auffassungen vorwarfen wie etwa zum einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen und Kindern. Wenngleich unser Vorstand im Jahre [ entfernt ] diese Grenzziehung sehr eindeutig vorgenommen hat, wurde die Kritik an [ Name entfernt ] wegen zu „liberaler“ Auffassungen von Gruppen und Personen vor allem in den siebziger und achtziger Jahren immer wieder aufgefahren.

Was ich an Ihren Texten für besonders bemerkenswert halte, ist jenseits von gesellschaftlichen und politischen Problemen die sehr persönliche Perspektive, die Sie einnehmen. Sie konfrontieren uns und andere mit der grossen Not, die Menschen erleben, die sich zu jüngeren Menschen hingezogen fühlen. Es ist auch nachvollziehbar, dass Sie nicht mehr länger bereit sind, dies ausschliesslich für sich zu behalten.

Geradezu erschütternd sind Ihre vielen Beispiele für die Verhetzung, die im politischen Raum oftmals gegenüber pädophilen Menschen stattfindet. Umso positiver ist es, wenn sich Medizin und Wissenschaft um Aufklärung bemühen und es mehr und mehr Angebote gibt, die als Prävention den Umgang mit einem eventuell überhand nehmenden Bedürfnis nach „Ausleben“ von pädophilen Wünschen beherrschbar machen wollen.

Es ist bedauerlich, dass wir aufgrund vergangener Erfahrungen nicht offensiv mit der von Ihnen geschilderten Problematik als Bürgerrechtsthema umgehen können. Ich danke Ihnen, dass Sie uns durch diese sehr umfassende Darstellung so eindringlich auf die Gesamtproblematik hingewiesen haben. Mit freundlichen Grüßen

[ Name entfernt ], Vorsitzender

[ Name entfernt ]

Aus meiner Antwortmail:

zunächst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass Sie mir geantwortet haben.

Ich habe ehrlich gesagt nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Sie dann doch unverhofft vorzufinden, hat mich dann um so mehr gefreut.

Ich kann gut verstehen, wenn Sie vor einer offensiven Auseinandersetzung mit dem Thema zurückschrecken. Ich weiß nicht, was ich selbst bereit wäre zu tun, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Ich finde man sollte von anderen nichts erwarten, was man selbst nicht zu leisten bereit ist. Ich kann Ihnen also für ihr Nicht-Handeln schlecht böse sein.

Im Grunde bestätigt sich damit aber auch, meine Darstellung von Pädophilen als „Unberührbaren“, Menschen, von denen man beschmutzt wird, wenn man ihnen zu Nahe kommt. Sich in welcher Form auch immer für Unberührbare einzusetzen ist besonders schwierig. Aber sie haben Hilfe aber auch besonders nötig.

Menschenrechte und Bürgerrechte können ein sehr schwieriges Thema sein. Manchmal bringt man sich damit in Gefahr.

Würde ich in Tschetschenien für Schwule kämpfen wollen, in Myanmar für Rohingha auf die Straße gehen, in Saudi-Arabien für Frauenrechte demonstrieren oder in der Türkei für Pressefreiheit kämpfen?

Ich glaube ein Kampf für Schwule in Tschetschenien ist unmittelbar lebensgefährlich. Man kann, wenn einem das eigene Leben lieb ist, nur für von außerhalb des Landes für Schwule in Tschetchenien eintreten. In Myanmar müsste man vermutlich um seine körperliche Unversehrheit fürchten. In Saudi-Arabien und der Türkei drohen vielleicht Haft oder Ausweisung.

Ob diese Gefahreneinschätzung realistisch ist, kann ich nicht sicher sagen, sie scheint mir lediglich plausibel. Der Punkt ist: in Deutschland kann man sich problemlos und gefahrlos für Schwule, ethnische Minderheiten, Frauen oder bürgerliche Grundrechte einsetzen. Es droht keine Gefahr. Ein deutscher Aktivist für Menschen- und Bürgerrechte muss nicht mutig sein. Außer …

Sie merken schon, worauf ich hinaus will. Ich kann Ihnen nicht böse sein, aber ich kann versuchen, Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ein Bettler kämpft mit seiner zerrissenen Kleidung. Die Mutter eines hungernden Kindes damit, dass sie ihr Kind in die Kamera hält.

Ich habe ihnen einige meiner Verletzungen vor Augen gehalten. Sie haben nicht weggeschaut. Sie haben sogar zurückgeblickt und richten das Wort an mich. Das ist viel mehr, als viele andere tun würden und getan haben. Aber: es kann mir letztlich nicht helfen.

(….)

Eine Reaktion auf diese Mail gab es nicht mehr.

Letztlich kann man es nur einfach immer wieder neu probieren.

Nach meinem Artikel „Die Vermessung einer Verletzung“ habe ich zum Beispiel einige Akteure, die sich für Suizidprävention einsetzen, mit gekürzten Varianten des Artikels angeschrieben. Zwei von sieben haben tatsächlich geantwortet:

Aus Antwort 1:

vielen Dank für Ihre Nachricht und die fundierte Schilderung. In der Tat handelt es sich hier um eine sehr belastete Zielgruppe und das Stigma ist entsprechend hoch. Ggf. können wir in einem unserer künftigen Projekte tätig werden, wir nehmen Ihre Anregung gern auf.

Aus Antwort 2:

vielen Dank Ihnen für Ihre Mail, mit den interessanten Informationen über die Problematik pädophiler Männer, insbesondere in Hinsicht auf die erhöhten Suizidraten in dieser Gruppe. Wir sind uns des Problems bewusst und danken Ihnen für diese fundierten Hinweise. Im [ Name entfernt ] diskutieren wir die Möglichkeiten der Unterstützung suizidpräventiver Aktivitäten in diesem Gebiet.

Das macht Hoffnung. Vielleicht entsteht daraus ja etwas Gutes. Es wäre bitter nötig.

Generell bleibt aber das Problem, dass Pädophilie im Wesentlichen allein dastehen. Pädophilie ist so stark stigmatisiert, dass schon niemand erkennen oder damit belästigt werden, dass es überhaupt eine Diskriminierung gibt.

Solange es zwar Menschenrechtsorganisationen gibt, die mutig genug sind, sich für Frauen in Saudi-Arabien, Journalisten in der Türkei, Uiguren in China, Rohingya in Myanmar und Schwule in Tschetchenien einzusetzen, ihr Mut aber versagt, wenn es darum geht, sich für Pädophile und Hebephile in Deutschland einzusetzen, solange wird sich nichts ändern.