Pädophile als Nothelfer – das Kentler-Experiment

Ein Pädophiler fühlt sich zu Kindern (in meinem Fall zu Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren) hingezogen. Die körperlich-sexuelle Anziehung bedingt auch eine emotionale Anziehung und einen Bindungswunsch.

Natürlich ist Sex ein wichtiges menschliches Grundbedürfnis. Emotionale Bindung und Gemeinschaft sind aber ebenso wichtig. Ein reine Sexbeziehungen genügt Menschen in aller Regel auf Dauer nicht. Wäre es so, dann gäbe es lediglich Sexpaare und keine Liebespaare, Partnerschaften, Lebenspartnerschaften oder Ehen. Offensichtlich gibt es diese aber doch. Menschen wünschen sich nicht nur Sex, sondern auch Nähe und Zweisamkeit.

Sex ist kurzfristige Bedürfniserfüllung. Liebe das Bekenntnis zu einem anderen Menschen. In seinem Ursprung ist dieses Bekenntnis normalerweise sexuell motiviert. Trotzdem geht es in einer Partnerschaft um mehr als um Sex (die „schönste Nebensache der Welt“) und sie kann auch noch andauern, wenn eine Beziehung sexuell inaktiv geworden ist.

Ein riesiger Bedarf

Wir leben in Deutschland zwar im Zeitalter der Helikoptereltern, trotzdem gibt es viele Eltern, die den Anforderungen an Elternschaft nicht oder nicht ohne Hilfe gerecht werden können.

Im Jahr 2017 gab es lt. statistischem Bundesamt 148.143 Fälle von Heimerziehung, 91.420 Fälle von Vollzeitpflege in einer anderen Familie und 23.729 Fälle von Erziehung in einer Tagesgruppe. Insgesamt erhielten 985.628 Kinder und Jugendliche Erziehungshilfe. Die Öffentliche Hand gab 2017 rund 48,5 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus.

Neben den Fällen, die es in die Statistik schaffen, weil etwas aufgefallen ist oder sich jemand um Hilfe bemüht hat, gibt es natürlich auch ein riesiges Dunkelfeld von Kindern, die eigentlich Hilfe benötigen, sie aber nicht bekommen. Hinzu kommt, dass Hilfsbemühungen oft ins Leere laufen. Nur weil jemand eine Erziehungsberatung bekommt (459.220 Fälle im Jahr 2017) ist nicht notwendigerweise die Situation verbessert oder gar das Problem gelöst.

Der Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer glaubt, dass es einen ganz wichtigen prognostischen Faktor gibt, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird:

„One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.

Interview mit Paulus Hochgatterer im Standard

Natürlich ist es auch wichtig Geld zu investieren. Entscheidend ist aber nicht das monetäre, sondern das emotionale Engagement. Geld hilft, Sinnvolles zu finanzieren, es ist aber kein wirkungsvoller Ersatz für Liebe.

Pädophile sind in diesem Zusammenhang eine ungenutzte Ressource.

Es gibt emotional vernachlässigte Jungen, die lediglich deshalb keine Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten, weil derjenige, der bereit wäre, sie freudig zu geben, moralisch nicht akzeptabel ist.

Einen vom betroffenen Jungen gewünschten, von Liebe motiviertem Kontakt aus moralisierenden „prinzipiellen Gründen“ kategorisch zu unterbinden, entspricht aber eindeutig nicht der Interessenlage des Jungen.

Die Sinnhaftigkeit einer Beziehung hat sich nicht an Moralvorstellungen zu messen, sondern daran, ob die Beziehung dem Jungen etwas bringt.

Zu dieser, aktuell sicher nicht mehrheitsfähigen Schlussfolgerung kam Ende der 1960er Jahre auch der deutsche Psychologe und Pädagoge Helmut Kentler.

Kentlers „Experiment“

Als Leiter der Abteilung Sozialpädagogik des Pädagogischen Zentrums Berlin brachte Kentler Ende der 1960er Jahre in einem Modellversuch mehrere verwahrloste 13- bis 15-jährige Jungen, die er als „sekundärschwachsinnig“ einschätzte, bei ihm bekannten Pädophilen unter, um sie unter deren Obhut zu resozialisieren und zu reifen Erwachsenen heranwachsen zu lassen.

Aufgrund der damit verbundenen Straftatbestände machte er dies erst nach deren Verjährung mehr als ein Jahrzehnt später öffentlich. Kentler versprach sich von dem Experiment, dass die Jugendlichen durch die Männer sozial wieder gefestigt würden. Ihm war dabei klar, dass die Männer auch Sex mit den Minderjährigen haben würden.

Kentler starb im Jahr 2008 und wurde in der taz als „verdienstvoller Streiter für eine erlaubende Sexualmoral“ gewürdigt. Neben anderen positiven Würdigungen (z.B. von der Humanistischen Union oder dem Studienzentrum für Evangelische Jugendarbeit) gab es aber auch Kritik. Ursula Enders, Gründerin des Vereins „Zartbitter“, kritisierte Kentler als einen Mann mit pädosexuellenfreundlichen Positionen. Ähnlich äußerte sich Alice Schwarzer in der Zeitschrift Emma, Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau oder Adam Soboczynski in der ZEIT.

2013 ordnete der Politikwissenschaftler Franz Walter vom Göttinger Institut für Demokratieforschung, der damals die frühere Stellung von Teilen von Grünen und FDP zur Pädophilie untersuchte (Auftragswert der Studie der Grünen: 209.000 Euro), Kentler eine Schlüsselrolle in den Netzwerken pädophiler Aktivisten zu. In diesen Zusammenhang wurde auch der Modellversuch Kentlers zunehmend thematisiert und skandalisiert.

2015 gab die Berliner Senatsverwaltung dem öffentlichem Druck nach und gab bei der Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig (ebenfalls vom Institut für Demokratieforschung in Göttingen) das Forschungsprojekt „Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung“ über das pädosexuelle „Experiment“ von Kentler in Auftrag. Wie teuer diese Studie war, habe ich leider nicht herausfinden können. Sie scheint mir aber aufwendig, umfassend und gründlich gemacht.

In der Studie wird eine Aussage Kentlers aus dem 1979 erschienenen Sammelband „Sexualität. Materialien zur Sexualforschung“ zitiert:

Nach unseren Vorstellungen kann Heranwachsenden nichts Schädlicheres geschehen, als in
eine sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen verwickelt zu werden. Daß trotz zahlreicher Untersuchungen bisher nie die erwarteten schädlichen Folgen bei Kindern oder Jugendlichen festzustellen waren, vermag unsere feste Abwehrhaltung nicht zu erschüttern, und damit wird verhindert, dass womöglich positive Folgen auch nur gedanklich erwogen werden können, ganz zu schweigen davon, dass die längst vorhandenen guten praktischen Erfahrungen wissenschaftlicher Erforschung zugänglich gemacht würden.

Der Beginn des Projekts wurde von Kentler in der Zeitschrift konkret aus dem Jahr 1980 geschildert:

Vor 11 Jahren – ich lebte damals in Berlin in einer Wohngruppe – wurde mir der 13jährige Ulrich gebracht, weil man hoffte, ich würde ihn aufnehmen. Ein Zimmer wäre frei gewesen – aber ich gestehe, dass ich den Jungen nur kurze Zeit ertragen konnte. Er was schwer schwachsinnig. Er redete unkonzentriert, ganz seinen Assoziationen folgend, daher. Er wich einem nicht von der Seite und benahm sich unbeholfen, läppisch. Ulrich war seit seinem vierten Lebensjahr in verschiedenen Heimen gewesen. Vor vier Monaten war er abgehauen, und nin war er ‚auf Trebe‘ (er trieb sich alleine auf sich gestellt herum). Sein Stammplatz war der Bahnhof Zoo. Er „arbeitete“ als Stricher, teils, weil er dadurch Essen, oft auch ein Bett bekam, teils aber auch, weil es ihm Spaß machte, „Männer aufzureißen“ („Da fühl‘ ick mich ma so überlejen“, sagte er). Die Heimerziehung hatte es nicht geschafft, ihm Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Er konnte nicht einmal die Uhr lesen. Dafür, dass er schon so lange unterwegs war, sah er erstaunlich gepflegt aus, und er war gut und sauber angezogen.

Was sollte ich mit dem Jungen machen? Ich kam darauf, ihn zu fragen, wo er am liebsten hingehen würde, ob er jemand kenne, bei dem er gern wohnen würde. Zu meiner Überraschung fing er sofort an, von „Mutter Winter“ zu schwärmen. Herr Winter war Hausmeister in einem großen Wohnblock. Die Jungen vom Bahnhof Zoo kannten ihn alle. Er hatte immer ein bißchen Essen für sie, man konnte bei ihm rumsitzen, während einem seine Maschine die Wäsche wusch, und auch zum Schlafen konnte man zu ihm kommen, sogar dann, wenn man keine Lust hatte, mit ihm zusammen in deinem Bett „zu schlafen“. Ich sagte mir: Wenn die Stricher diesen Mann „Mutter“ nennen, kann er nicht schlecht sein.

Mutter Winter war bereit, Ulrich aufzunehmen. Das Jugendamt richtete bei ihm eine Pflegestelle ein, so dass er für Ulrich Pflegegeld bekommen konnte. Ich besuchte die beiden zweimal die Woche, um die Probleme zu besprechen, die zwischen ihnen entstanden. Ulrich war vier Jahre bei Herrn Winter. Er zog aus, weil er angefangen hatte, sich für Mädchen zu interessieren, und das konnte Herr Winter nicht tolerieren. Aber bis dahin hatte Ulrich Riesen-Fortschritte gemacht. Er konnte – wenn auch nur sehr fehlerhaft – schreiben, er las einfache Texte, beispielsweise Comics, er konnte die Uhr lesen, und er achtete beim Einkaufen darauf, dass das Wechselgeld stimmte.

Seit fünf Jahren arbeitet Ulrich als Hilfsarbeiter in derselben Stelle, und er ist wegen seiner Zuverlässigkeit sehr beliebt. Seit zwei Jahren ist er fest mit einem Mädchen befreundet. Sie „Schwiegereltern“ mögen ihn, und Ulrich ist auch gern bei ihnen. Wenn ich Ulrich heute besuche, sitze ich keinem Schwachsinnigen gegenüber, sondern einem Kerl, der sein Leben selbstbewusst und selbstständig führt. Ich kann diese Geschichte heute berichten, weil die Straftaten, die alle Beteiligten begingen, inzwischen verjährt sind. Ulrich und ich haben Glück gehabt. Ulrichs Vorteil war, dass er gut aussah und dass ihm Sex Spaß machte; so konnte er pädophil eingestellten Männern, die sich um ihn kümmerten, etwas zurückgeben. Wir haben Glück gehabt mit Herrn Winter. Aber sicher haben meine regelmäßigen Besuche positiv gewirkt. Denn Beziehungen zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden leiden häufig darunter, dass sie sich tarnen und verbergen müssen. Ich war ein Außenstehender, vertrat kontrollierte Öffentlichkeit und war als eine Instanz akzeptiert, vor der Herr Winter bereit war, sich zu verantworten.

Ehe ich mich an diesen Beitrag machte, habe ich gelesen, was heutzutage von Wissenschaftlern über Pädophilie geschrieben wird. Ich stehe dazu in einem Widerspruch. Ich will die Pädophilie nicht austreiben, sondern ich frage: Welche Schäden fügen wir uns, vor allem den Kindern und Jugendlichen, zu, wenn wie eine Sexualisierung der Beziehungen zwischen den Generationen unter allen Umständen zu verhindern versuchen.

Im Jahr 1981 berichtete Kentler in einem Arbeitskreis der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag wie folgt:

Vor einiger Zeit habe ich von einem ganz anderen Experiment in Berlin berichtet, am dem ich beteiligt zu sein um 1970 anfing. Ich arbeitete damals mit ehemaligen Fürsorgezöglingen, die an sekundärem Schwachsinn litten. Ich habe schon gesagt, worum es sich da handelt: um einen Schwachsinn, der durch Vernachlässigung in Heimen oder bei schlechten Pflegeeltern entstanden ist. – Sie waren zwischen 13 und 15 Jahre alt. Die meisten konnten nicht lesen und nicht schreiben; die meisten konnten noch nicht einmal die Uhr lesen. Teilweise gelang es, diese Jungen bei Päderasten unterzubringen. Das waren meist sehr einfach strukturierte Leute, vor allem Hausmeister, in einem Falle ein Trödler. Diese Leute haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren. Wir haben diese Beziehungen sehr intensiv betreut und beraten, also in diesen Fällen die Supervision geleistet. In allen Fällen sind diese Jungen heute fähig, ihren Lebensunterhalt selbstständig zu verdienen, und – auch dies wieder nur nebenbei – kein einziger von ihnen ist homosexuell geworden.

Es gibt andere, spätere Schilderungen Kentlers (die man ebenfalls im Abschlussbericht nachlesen kann), die in Hinblick auf die Zeitdauer, Anzahl und Alter der Jungen und auch die Rolle Kentlers im Projekt abweichen. So war in einer Darstellung im Jahr 1988 von Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren die Rede. Teils stellte sich Kentler als Initiator, teils als lediglich Mitwirkender dar.

Kentler war sich der aufgrund des Zeitgeistes gestiegenen Brisanz wohl bewusst und hat unzulässigerweise die „Wahrheit“ über einzelne Details situativ ein wenig angepasst, was die Glaubwürdigkeit im Detail schmälert. Die Schilderungen aus den Jahren 1980 und 1981 sind allerdings die zeitlich nächsten und für Kentler im Rückblick ‚peinlichsten‘, also wohl auch die zuverlässigsten Berichte zu den Vorkommnissen.

Aktenkundig ist zu dem Modellversuch fast nichts (siehe Abschlussbericht S. 75 ff). Man geht von drei teilnehmenden Jungen an dem Projekt aus. Keiner davon war im Zusammenhang mit der Untersuchung des Kentler-Projekts für den Bericht gesprächsbereit.

Es gab lediglich einen Kontakt zu einem Bekannten von Ulrich, mit der Hörensagen-Aussage: „Das Projekt habe ihm dabei geholfen, für sich selbst ein Stück materielle und soziale Sicherheit zu schaffen, die ihn auch ein Stück zufriedener mit sich selbst hat werden lassen und ihm geholfen hat, kriminelles Verhalten und Drogenkonsum abzulegen und weder seine Beziehungen zu zerstören, noch seine Frau zu schlagen. Aber er ist trotzdem ein leidender Mensch geblieben.“ (siehe Seite 78 des Berichts)

Bei den anderen beiden Jungen soll es laut Hörensagen weniger gut ausgegangen sein. Sie sollen aus dem schädlichen Milieu der Stricher, Drogenabhängigen, Kleinkriminellen und Gewalttätigen, dem Umfeld der „Kinder vom Bahnhof Zoo“, „nicht rausgekommen“ sein.

Dr. Teresa Nentwig und Prof. Franz Walter vom Göttinger Institut für Demokratieforschung brachte die Studie einen Folgeauftrag ein. Die Leibniz Universität Hannover an der Kentler lehrte will seine Rolle aufarbeiten lassen. Es gibt dazu eine Förderung vom Land Niedersachen über 190.000 Euro für das Projekt „Die Rolle des Sexualwissenschaftlers im Pädosexualitätsdiskurs – Zum Beispiel: Helmut Kentler“.

Im Jahr 2017 meldeten sich zwei Betroffene des Kentler-Experiments bei der Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Sandra Scheeres (SPD), und zeigten sich enttäuscht, wie wenig ihnen geholfen wurde. Den Opfern soll nun mit Therapien und Sachleistungen bis zu 10.000 Euro geholfen werden und sie sollen bei der weiteren Aufklärung mitwirken können. Entsprechend gibt es auch in Berlin ein Folgeprojekt über 84.000 Euro, das vom Berliner Senat an die Universität Hildesheim vergeben wurde.

Meine Bewertung zum „Experiment“

Die Erfolge, von denen Kentler berichtet, sind für mich glaubwürdig. Ich halte es aber denkbar, dass sie von ihm etwas überzeichnet wurden. Zumindest im Fall von Ulrich scheint es einen dauerhaften Nutzen gegeben zu haben.

Was die anderen beiden Fälle angeht, sind die Folgen unklar. Wenn sie aus dem Milieu nicht herausgekommen sind, bedeutet das nicht, dass sie von der Unterstützung, die sie bekommen haben, nicht profitiert haben, oder dass es Ihnen mit einem anderen Hilfsangebot besser ergangen wäre. Das gilt allerdings umgekehrt natürlich auch für den Erfolgsfall Ulrich. Möglicherweise hätte dieser von einem anderen Unterstützungsangebot ebenso oder sogar noch mehr profitiert.

Die Pädos, bei denen die Jungen untergebracht waren, waren nach Aussage Kentlers sehr einfach strukturierte Leute (zwei Hausmeister, ein Trödler). Wie hätte die Erfolgsbilanz ausgesehen, wenn es sich stattdessen um gut strukturierte Leute gehandelt hätte?

Der „Modellversuch“ erlaubt keine validen systematischen Aussagen über die Wirksamkeit der Maßnahme. Wir haben keinen Einblick in eine Parallelwelt, ohne die Maßnahme oder mit anderen alternativ denkbaren Maßnahmen. Von einer Gruppe mit nur drei Teilnehmern kann man auch ohnehin keine statistischen Aussagen ableiten. Wie viele Stricher schaffen es überhaupt je, dem Milieu wieder zu entkommen? Jeder dritte? Einer von zehn? Einer von Hundert? Selbst wenn es nur einer von hundert wäre, kann es sein, dass Ulrich zufällig dieser eine von Hundert gewesen wäre, der es ohnehin geschafft hätte.

Letzlich taugt das Experiment nur als Einzelfallbericht, der nichts beweist, der aber plausibel macht, dass eine sexuelle Beziehung mit einem Erwachsenen auch positive Folgen für ein Kind haben kann.

Im Gegensatz zur Presseberichterstattung finde die Vorgehensweise von Kentler übrigens nicht moralisch fragwürdig.

Ein wichtiger Punkt ist, dass Ulrich den Mann, bei dem er eingezogen ist, bereits kannte und Zutrauen zu ihm hatte. Ulrich hat sich (ebenso wie „Mutter Winter“) freiwillig auf die Lösung eingelassen und ist freiwillig vier Jahre lang dort geblieben (bis Herr Winter ein Problem damit bekam, dass Ulrich sich anderweitig orientierte). Ulrich wusste, dass Herr Winter auf Jungs steht und hat auch schon vor diesem Arragement Sex mit ihm gehabt.

Ulrich war damals ein Stricher und ein einzelner Sexpartner, der einem sympathisch ist („.Zu meiner Überraschung fing er sofort an, von „Mutter Winter“ zu schwärmen.“), ist auch nachvollziehbar besser, als ständig wechselnde Sexualpartner, bei denen es nur ums Geld geht, bei denen man nicht weiß, was einen erwartet und bei denen bestimmt auch mal unangenehme Typen dabei waren.

Ein Straßenjunge ist (anders als ein normales Kind) gezwungen auf eigenen Beinen zu stehen. Damit sind viele Entbehrungen aber auch viele Freiheiten verbunden. Weil Straßenkinder die Freiheiten oft nicht mehr aufgeben wollen, ist es schwierig, sie wieder von der Straße zu bekommen, wenn sie sich einmal an dieses Leben gewöhnt haben.

Anders als ein Kind, dass in schon immer in einer Familie lebte und nichts anderes kennt, weiß ein Straßenkind, dass es sich jederzeit „absetzen“ kann und hat das aus Erfahrung gewonnene Vertrauen darauf, dann schon irgendwie klarzukommen und nicht zu verhungern oder zu erfrieren.

Ulrich war Herrn Winter also nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er hätte sich jederzeit absetzen können. Er entschied sich stattdessen dafür, bei ihm zu bleiben. Ulrich war also ein freiwilliger Teilnehmer und zwar nicht nur zu Beginn, sondern während der gesamten Dauer der Beziehung.

Schlussendlich gab es auch eine laufende Betreuung. Kentler hat die beiden zweimal die Woche besucht, um sicherzustellen, dass die Beziehung funktioniert und dem Jungen gut tut. Auch in diesem Zusammenhang gab es genügend Gelegenheiten für Ulrich, die Beziehung zu beenden und Hr. Kentler um eine andere Unterbringung zu bitten.

Meine Bewertung zur Aufarbeitung

Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs scheint mir etwas von einer selbst tragenden Struktur zu haben.

Eine Studie über 209.000 Euro zur Aufarbeitung des Verhältnisses der Grünen zur Pädophilie in den 1980er Jahren führt zu einer mutmaßlich ähnlich teuren Studie des gleichen Instituts zum Modellversuch Kentlers in Berlin. Das Institut erhält danach einen Folgeauftrag zur Aufarbeitung der Rolle Kentler im Pädosexualitätsdiskurs über 190.000 Euro. Auch die Rolle Kentlers in Berlin wird (diesmal von einem anderen Institut) für 84.000 Euro weiter erforscht. Das ist viel Geld. Ob das in einem angemessenen Verhältnis zum Ertrag steht, scheint mir fragwürdig.

Dass es bei den Studien um viel Geld geht, scheint auch zu den „Opfern“ vorgedrungen zu sein. Sie waren zunächst nicht gesprächsbereit. Als deutlich wurde, dass es vielleicht etwas zu holen gibt, hat man sich dann über die mangelnde Unterstützung beklagt, mit dem Erfolg, dass ihnen nun mit bis zu 10.000 Euro geholfen werden soll. Sie sollen außerdem bei der weiteren Aufklärung mitwirken können. Den wissenschaftlichen Wert der weiteren Aufklärung kompromittiert das allerdings, denn zu erwarten haben die Betroffenen nur etwas, wenn sie sich als Opfer präsentieren.

Unabhängig von diesen Bedenken, scheint mir die Qualität der Kentler-Studie aber durchaus zu stimmen. Man kann darin nicht nur Inhalte finden, die zur moralischen Entrüstung taugen, sondern auch solche, die den Gedankengang und die Schlussfolgerungen Kentlers stützen und nachvollziehbar machen.

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Kai Williams – Nachwuchssurfer

Surfen ist ein uralter Sport, der vermutlich schon vor über 1000 Jahren von den Polynesiern in der Südsee erfunden wurde. Der erste schriftliche Bericht über das Surfen stammt vom britischen Lieutenant James King, der nach dem Tod des Weltumsegler James Cook desen Logbuch weiterführte und 1779 auf Hawaii davon berichtete.

Auf Hawaii ist Surfen bis heute Nationalsport. Auch an den Küsten Kaliforniens oder Australiens ist es äußerst beliebt und hat sich jenseits davon längst zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Dabei ist Surfen nicht nur ein Sport, sondern auch Lebensgefühl.

Da das Surfen notwendig eine Küste mit Stränden voraussetzt, gibt es eine starke gegenseitige Beeinflussung von Surfkultur und der Kultur des Strandlebens. Surfen blieb aber nicht nur auf den Wellen. Surfer entwickelten das Skateboard, um auch an Land „surfen“ zu können.

Surfen hat sich stark auf die Populärkultur ausgewirkt: Musik, Mode, Literatur, Film, Kunst, Jugendjargon – überall gibt es Einflüsse. Es gibt professionelle Wettkämpfe, Werbung und vermarktbare Stars. Surfprofis können (vor allem durch Werbeverträge) Einkommensmillionäre werden. 2020 wird Surfen olympisch.

Die Surfbegeisterung hat auch den 13jährigen Kai William aus Kalifornien fest im Griff – und er betreibt seine Leidenschaft mit dem Eifer, der nötig ist, um einmal Profi werden zu können. Hier berichtet er von seinem Leben:

Pädophile Beziehungen und Kindeswohl

Die Eltern eines Kindes genießen einen Vertrauensvorschuss, weil unterstellt wird, dass ihnen das Wohl des Kindes mehr am Herzen liegt als irgendeiner anderen Person oder Institution.

Es ist möglich, dass Eltern dieses Vertrauen verspielen. Dann schaltet sich etwa das Jugendamt ein oder es kommt vielleicht sogar zu einer Inobhutnahme. Das Kind kommt dann in Pflegefamilie oder Heimeinrichtung. In Deutschland sind über 75.000 Kinder in Pflegefamilien untergebracht, weitere 95.000 in Heimen. In der Regel sollen Kinder dann möglichst schnell zu ihren Eltern zurück (selbst wenn diese sie misshandelt haben). Im Extremfall kann Eltern das Sorgerecht für Ihre Kinder allerdings auch entzogen werden.

So wie Eltern einen Vertrauensvorschuss erhalten, erhalten pädophile Menschen einen Misstrauensvorschuss. Die Grundannahme ist, dass es einem Pädophilen nur um sein eigenes Wohl, insbesondere um seine sexuelle Gratifikation auf Kosten des Kindes geht.

Was ein Pädophiler einem Kind an Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit entgegenbringt wird reflexhaft und mit unerbittlicher Konsequenz als Gewalt, Täuschung und Manipulation interpretiert. Ein Pädo kann das ihm entgegengebrachte Misstrauen deshalb auch nicht entkräften. Jemand, der sich für ein Kind vor einen Zug wirft, würde auch danach noch als Monster gelten – wenn er denn pädophil ist.

Die Grundannahme ist aber falsch. Von pädophilen Neigungen Betroffene sind ansonsten völlig normal. Sie verlieben sich qualitativ nicht anders als ein hetero- oder homosexuelle Mensch. Die Vorstellung, einem geliebten Menschen absichtlich zu schaden ist, für sie ebenso abwegig und außerhalb jeder Vorstellung wie für alle anderen verliebten Menschen.

Das heißt natürlich nicht, dass man plötzlich zu einem Wesen ohne eigene Wünsche mutiert. Das passiert weder einem heterosexuellen, noch einem homosexuellen, noch einem pädophilen Menschen, der sich verliebt. Aber das Glück des anderen hat auf einmal Priorität – aus dem „selbstsüchtigen“ Motiv, dass das Glück des anderen einen selbst erst glücklich macht. Das Wohl des Kindes, in das er verliebt ist, liegt einem pädophilen Menschen mehr am Herzen, als irgendetwas anderes.

Vorbehalte und Bedenken

Für mich selbst wäre ein Pädophiler trotzdem kein Wunschkontakt für mein Kind (wenn ich denn eins hätte, was aber nicht der Fall ist).

Dem gesellschaftlichen Generalverdacht gegen pädophile Menschen kann auch ich mich nicht ganz entziehen. Es erscheint mir ungefährlicher, wenn ein Kind Erfahrungen mit Gleichaltrigen sammelt statt mit einem Mann (oder einer Frau), der (bzw. die) ihm körperlich, geistig und finanziell überlegen ist und potentiell in der Lage wäre, das Kind auszunutzen, zu manipulieren oder auch zu bestechen.

Diese Bedenken sind „in Fleisch und Blut“ übergegangen und nachvollziehbar, aber nicht ganz vernünftig.

Kinder mögen zwar ideell als „unschuldig“ gelten, zugleich weiß aber auch eigentlich jeder, dass sie untereinander ganz schön brutal und egoistisch sein können. Übergriffe zwischen Kindern gibt es am laufenden Band und in vielfältiger Form. Das betrifft körperliche Gewalt ebenso wie seelische Gewalt oder auch sexuelle Übergriffe.

Beispiel Mobbing

In Umfragen berichten 15% der Arbeitnehmer, im beruflichen Umfeld schon mal gemobbt worden zu sein. Bei Schülern sind es mehr als 50% (Quellen: Online-Befragung der Uni Koblenz; Bericht von Unicef zur Gewalt an Schulen).

In Deutschland wird fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig (!) Opfer von teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler (Sonderauswertung der PISA-Studie).

Ich leite daraus ab, dass Erwachsene tendenziell besser sozialisiert sind als Kinder. Das macht auch Sinn. Sie haben schließlich eine ganze Reihe an Jahren mehr an Sozialisations-Erfahrung hinter sich als Kinder.

Missbrauch von Kindern durch Kinder

Lt. Polizeilicher Kriminalstatistik 2018 (Übersicht Tatverdächtigentabellen, Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht) waren 29,16 % der Tatverdächtigen, gegen die in Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) ermittelt wird, selbst minderjährig. Bei sonstigem schweren sexueller Missbrauch von Kindern § 176a StGB („Eindringen in den Körper“) sind 21,63 % der Tatverdächtigen minderjährig. Bei „Cyber-Grooming“ und „Einwirken auf ein Kind durch Vorzeigen von Pornografie“ sind es 39,98 % der Tatverdächtigen.

Minderjährige machen aber nur ca. 15 % der Bevölkerung aus (ca. 12,5 Millionen Menschen im Alter von 0 bis 17 Jahren bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen). Sie sind also bei den Tatverdächtigen statistisch gesehen deutlich überrepräsentiert.

Hinzu kommt: das Dunkelfeld dürfte bei Kindern deutlich größer sein als bei Erwachsenen. Sozial ist ein sexueller Kontakt unter annähernd gleichaltrigen Kindern nämlich durchaus geduldet. Die Anzeigebereitschaft ist also im Durchschnitt der Fälle sehr gering. Mit dem Altersunterschied steigt auch die Anzeigebereitschaft sprunghaft an.

Das bedeutet gleichzeitig, dass die Fälle von Sexualkontakten unter Kindern, die es trotz der allgemein geringen Anzeigebereitschaft in die polizeiliche Kriminalstatistik geschafft haben, zu einem guten Teil Merkmale aufweisen dürften, die die Anzeigebereitschaft im konkreten Fall doch wieder erhöht haben, etwa Gewalt oder Zwang.

Schlechte Gesetze

Die zitierten Fallzahlen haben natürlich auch mit der bescheuerten Gesetzgebung zu tun. Deutschland kriminalisiert nämlich jeden (!) Sexualkontakt eines Kindes mit einem anderen Menschen.

Wenn etwa zwei 13jährige miteinander erwischt werden und die Polizei etwas davon erfährt muss (!) sie ermitteln, da es sich um ein Offizialdelikt handelt. Die Kinder haben (wenn sie die Tat tatsächlich begangen haben) ein Gesetz gebrochen (sexueller Mißbrauch von Kindern, § 176 und § 176a StgB) . Sie kommen zwar Mangels Strafmündigkeit nicht in den Knast, es kann aber trotzdem durchaus zu Sanktionen und Zwangsmaßnahmen kommen (Jugendamt, Inobhutnahme, Therapie).

Haben ein 13jähriger Junge und 14jähriges Mädchen sexuellen Kontakt, dann hat sich das Mädchen nach heutiger Gesetzeslage des sexuellen Kindesmissbrauchs schuldig gemacht – und wäre auch strafmündig.

Es ist völlig klar und unter Sexualwissenschaftlern unumstritten, dass auch Kinder eine Sexualität haben. Auch jeder Erwachsene, der sich an seine Kindheit erinnert, muss das eigentlich wissen. Trotzdem wird das Recht von Kindern auf Sexualität wird Gesetzgeber mit Füßen getreten.

Es wäre zwingend erforderlich wenigstens eine Altersklausel in die Gesetzgebung einzuführen, damit sich Kinder bei einem geringen Altersunterschied nicht mehr strafbar machen. Eine entsprechende Regelung gibt es z.B. in der Schweiz („Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.“)

Erste Liebe mit Tücken

Darauf, dass Kontakte unter Kindern und Jugendlichen keineswegs per se unproblematisch sind, weist eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie der Hochschule Fulda hin.

Die Forscher haben untersucht, wie häufig negativen Erlebnisse in Jugendbeziehungen in Deutschland sind:

Für ihre Studie befragten die Wissenschaftler insgesamt 509 hessische Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren zum Thema Erste Liebe. Rund drei Viertel der Befragten gaben an, bereits Dating- oder Beziehungserfahrungen gemacht zu haben; nur diese wurden in die weitere Auswertung einbezogen. Nach eigenen Angaben hatten immerhin rund 66 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen bereits mindestens eine emotionale, körperliche oder sexualisierte Grenzüberschreitung erlebt. Am häufigsten waren die emotional belastenden Situationen.

Gefragt wurde etwa danach, ob die Jugendlichen jemals von einem Beziehungspartner beschimpft, beleidigt oder angeschrien worden seien, ob sie bedroht oder zu etwas gezwungen wurden, was sie nicht tun wollten. Auch wenn der Partner Kontrolle darüber ausübte, wen der Befragte besuchte oder mit wem er telefonierte, fiel das in die Kategorie des emotionalen Zwangs. 61 Prozent der Mädchen und 57 Prozent der Jungen gaben an, bereits solche Erfahrungen gemacht zu haben.

Körperliche Gewalt war dagegen deutlich seltener: Etwas mehr als zehn Prozent der Jugendlichen beider Geschlechter waren von ihren Partnern bereits körperlich angegangen worden, meist durch Schubsen, Schlagen oder Festhalten. Von heftigeren Attacken, etwa mit Gegenständen oder durch Würgen, Boxen oder Stechen, berichteten knapp zwei Prozent der Mädchen und rund drei Prozent der Jungen.

Sexuelle Grenzüberschreitungen mussten 26 Prozent der Mädchen und 13 Prozent der Jungen erleben. Dazu zählte das Ausüben von Druck, um den anderen zu sexuellen Handlungen oder Geschlechtsverkehr zu bewegen, aber auch die Anwendung von Gewalt, um diese Ziele zu erreichen. Mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden zu sein, gaben fast vier Prozent der Mädchen und dreieinhalb Prozent der Jungen an.

Zusammenfassend zeigten die Ergebnisse, dass bei Jugendlichen Partnergewalt ähnliche gesundheitliche Folgen wie bei Erwachsenen hat. Neben körperlichen Verletzungen zählten auch psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen. Außerdem neigten betroffene Jugendliche vermehrt zu Leistungsstörungen, sowie zu gesundheitsgefährdenden Bewältigungsstrategien wie etwa verstärktem Alkohol-, Nikotin- oder Drogenkonsum. Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend gelten zudem als wesentlicher Risikofaktor für Partnergewalt im Erwachsenenalter.

Artikel „Erste Liebe bringt eher negative Erfahrungen“ bei Medmix

Schlussfolgerung

Kinder und Jugendliche sind nicht die besseren Menschen und können mindestens ebenso rücksichtslos sein, wie Erwachsene.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind von einem Kind schlecht behandelt wird, scheint sogar deutlich größer zu sein, als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind von einem Erwachsenen schlecht behandelt wird.

Negative Erfahrungen in einer Beziehung gehören zum normalen Beziehungsrisiko. Dies gilt für Beziehungen unter Erwachsenen, Beziehungen unter Jugendlichen und Beziehungen unter Kindern genauso wie für Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, Jugendlichen und Kindern oder Erwachsenen und Kindern. Auch die Folgen negativer Beziehungen sind vergleichbar.

Ob eine konkrete Beziehung einem Menschen gut tut oder nicht, hängt nicht vom Alter des Beziehungspartners ab, sondern von der Qualität der Beziehung.

Bevor man gegen eine Beziehung interveniert oder diese kategorisch unterbindet, sollte man sich also zunächst einmal die tatsächliche Qualität der Beziehung anschauen.

Wenn man feststellt, dass ein Kind oder Jugendlicher unter einer Beziehung leidet, sollte man intervenieren. Natürlich auch dann, wenn der Beziehungspartner etwa gleichaltrig ist.

Wenn man dagegen feststellt, dass ein Kind oder Jugendlicher in einer Beziehung regelrecht aufblüht, sollte man eine Intervention tunlichst unterlassen. Und zwar auch dann, wenn der Beziehungspartner deutlich älter ist als das Kind.

Du schlank und rein wie eine flamme

Du schlank und rein wie eine flamme
Stefan George

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.


Mit diesem Gedicht beschreibt Stefan George einen Jungen. Der „blühende Reis vom edlen Stamme“ spricht für ein sehr junges, männliches Wesen aus gehobener Gesellschaft, da der Reis – ein sprießender, junger Ast – ein Phallussymbol ist.

Gemeint ist Maximilian Kronberger, den George als 14jährigen kennenlernte und der bereits einen Tag nach seinem 16 Geburtstag an einer Hirnhautentzündung verstarb. George verherrlichte ihn danach als „poetisches Genie und moderne Antonius-Figur“ und widmete ihm eine Reihe von Gedichten, darunter auch das oben wiedergegebene.

George – den ich als Päderasten einstufen würde – war in Maximilian Kronberger verliebt. Jedenfalls gegen Ende war es eine unglückliche Liebe, die vermutlich kurz vor dem Aus stand, was lediglich der viel zu frühe Tod Kronbergers verhinderte.

Aus Wikipedia:

Kronberger war der Sohn des Würzburger Kaufmanns Alfred Kronberger. Er wuchs in München-Schwabing auf, wo er das Gymnasium besuchte. Der Dichter Stefan George traf ihn 1902 in München auf der Straße und sprach ihn wenig später das erste Mal an. George zeichnete Kronberger, der erst nach dem Treffen herausfand, dass er es mit einem bekannten Dichter zu tun hatte.

Im Januar 1903 trafen sich die beiden wieder auf der Straße, und nun trafen sie sich häufiger. Kronberger lernte Freunde Georges kennen, teilweise bereits bekannte Lyriker wie Hugo von Hofmannsthal, Friedrich Gundolf oder Karl Wolfskehl.

George nahm ihn auch mit zu gesellschaftlichen Veranstaltungen der Schwabinger Bohème, etwa zu einem Kostümfest bei Henry von Heiseler. George versuchte auch, sich mit den Eltern Kronbergers gutzustellen, er besuchte sogar die Konfirmation Maximilians. Kronberger hatte bereits begonnen, Gedichte zu schreiben und erhoffte sich von der Bekanntschaft mit dem Lyriker eine Vervollkommnung seiner Gedichte.

Schon 1904 kam es aber zu ersten Spannungen. George war verstimmt, weil ihn Kronberger mehrmals versetzt hatte. Kronberger notierte bei der nächsten Begegnung in sein Tagebuch:

„[George] liess […] mich ungewöhnlich lange warten, obwohl er im Nebenzimmer war. Endlich kam er, reichte mir die Hand und sah mich lange an … Dass ich am Sonntag keine Zeit gehabt hätte, sei eine blosse Ausrede, er kenne das aus seiner Jugend etc. Auch für den kommenden Sonntag sei es eine dumme Ausrede. Ich sagte ihm, ich hätte in der Tat keine Zeit, er tue mir Unrecht. Da drehte er sich zu mir, legte die Stirn in Falten und drohte mir mit dem Finger. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und begann, wenn ich keine Zeit resp. nicht den Willen habe zu kommen, wenn er Zeit habe, so habe auch er nicht Zeit noch Willen mich zu empfangen, wenn ich komme. […] Ich sagte kalt adieu und reichte ihm die Hand, er aber sah absolut nicht her … Ich brauche mich doch nicht von ihm da zusammenschimpfen lassen wie ein Schuljunge?“

Kronberger wollte den Kontakt bereits abbrechen, George konnte dies jedoch verhindern.

Schon kurz darauf verliebte sich Maximilian Kronberger in ein gleichaltriges Mädchen, mit dem er nun viel Zeit verbrachte und dem er fast alle seine Gedichte widmete.

Im April 1904 reiste er nach Wien zu einem Vetter. Dort traf er noch einmal Stefan George. Kurz darauf reiste er nach München zurück, noch in Wien hatte er erste Symptome einer Krankheit gezeigt. Er war an Meningitis erkrankt und starb schon bald darauf, am 15. April 1904, einen Tag nach seinem 16. Geburtstag.

Hallelujah

Das Lied „Hallelujah“ des kanadischen Singer-Songwriters Leonard Cohen wurde 1984 veröffentlicht und erfreut sich größter Beliebtheit. Es existieren zahlreiche Coverversionen anderer Musiker, die es wiederum als Soundtrack in viele Filme geschafft haben. Am bekanntesten davon dürfte der Disney-Animationsfilm „Shrek – Der tollkühne Held“ aus dem Jahr 2001 sein.

Der Ende 2016 verstorbene Leonard Cohen äußerte sich im Jahr 2009 in einem Interview mit CBC wie folgt zu den schon damals zahlreichen Interpretationen: „Es ist ein guter Song, aber er wird von zu vielen Leuten gesungen.“ Allerdings mache sich ein leichtes Gefühl von Genugtuung in seinem Herzen breit, wenn er sich daran erinnere, dass seine amerikanische Plattenfirma den Song nicht veröffentlichen wollte: „Sie dachten, er sei nicht gut genug.“[

Eine Version aus dem Jahr 2009, die mir persönlich besonders gefällt, stammt von dem australischen Pop-Sänger Jordan Jansen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Jordan 11 Jahre alt.

Der Song wurde auf Youtube bisher 5 Millionen mal angeschaut – er gefällt also wohl auch anderen Leuten gut.

Auf offener Bühne abgeküsst: Jack Vidgen

Der 14jährige Jack Vidgen trat 2011 bei Australia’s Got Talent an und kündigte gegenüber den Juroren an, dass er den Whitney Houston Song „I Have Nothing“ singen werde.

Alle drei Juroren hielten diese Titelwahl für eine steile Ansage. Einer von ihnen sagte Jack voraus, dass er entweder unglaublich gut oder schrecklich schlecht sein werde.

Jedenfalls legte Jack los – und zwar dermaßen gut, dass am Ende der Performance einer der Juroren, der irische Singer Songwriter Brian McFadden von der Band Westlife auf die Bühne kam und Jack vor lauter Begeisterung ungefragt einen Schmatzer auf die Wange drückte. #MeToo lässt grüßen. 😉

Jack hat die 5. Staffel von Australia’s Got Talent am Ende übrigens gewonnen und dadurch einen Plattenvertrag ergattert.

Sein Debut-Album erreichte in Australien Platz 3 der Charts, sein zweites Album erreichte immerhin noch Platz 23. Danach wurde es dann aber still um Jack.

Stehende Ovationen auf Umwegen

Einer der bemerkenswertesten Auftritte der 2. Staffel von Britain’s Got Talent aus dem Jahr 2009 war der Auftritt von Shaheen Jafargholi eines Jungen aus Wales mit Migrationshintergrund (Mutter Waliserin, Vater Iraner).

Shaheen startete seine Audition mit einem Cover des Songs „Valerie“ von Amy Weinhouse. Nach meinem Empfinden hat er das zwar nicht skeptakulär aber doch jedenfalls sehr ordentlich hinbekommen. Der „harte Hund“ des Jurorentrios Simon Cowell sah das aber anders – und unterbracht die Performance nach kaum 25 Sekunden. Etwas das so gut wie nie vorkommt. Acts kommen vielleicht nicht weiter, wenn sie nicht überzeugen können, aber unterbrochen wird normalerweise nicht.

Simon hielt Shaheen vor, er liege bei dem Lied komplett daneben. Die Mitjuroren waren derweil über den Abbruch und den Kommentar sichtlich bestürzt. Statt Shaheen aber völlig abzuwürgen, bat Simon ihn stattdessen darum, ein anderes Lied zu singen.

Nach kurzen Zögern sammelte Shaheen sich. Dann begann er „Who’s Lovin‘ You“ von Michael Jackson zu singen – und riss damit den Saal und die Juroren vom Hocker:

Ich glaube nicht, dass es viele Menschen gibt, die einen so souveränen und begeisternden Auftriff nach einer so unerwarteten und rüden Unterbrechung hinbekommen hätten. Dazu braucht es Nerven wie Drahtseile.