Die Verteidigung von Romeo, Julia und Finn in der Gegenwart

Wenn man die relative „Kriminalitätsneigung“ von Kindern im Vergleich zu der von Erwachsenen verstehen will, muss man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) heranziehen. Das ist eine kriminologische Häufigkeitsangabe und gibt die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles an. Die Tatverdächtigenbelastungszahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden.

Betrachtet man alle Straftaten, dann sieht die grafische Darstellung der TVBZ wie folgt aus:

Das ist vermutlich in etwa das Bild, das man intuitiv erwartet. 12/13-jährige fallen schon auf, aber so richtig geht die Kurve erst ab 14/15 nach oben. Schwerpunkt sind dann die älteren Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen. Mit zunehmenden Alter geht die Kriminalität langsam aber stetig immer weiter zurück.

Wenn an der linke Achse für die Altersgruppe der 18/19/20-jährigen ein Wert von etwas über 5000 abgelesen werden kann (der genaue Wert ist 5.344), dann bedeutet das, dass im Jahr 2019 von 100.000 Vertretern der 18/19/20-jährigen 5.344 durch eine Straftat aufgefallen sind.

Die Ziffer zeigt also das Hellfeld der Kriminalität. Tatsächlich gibt es ein mehr oder weniger großes Dunkelfeld. Allerdings muss man auch bedenken, dass lange nicht jeder Tatverdächtige auch schuldig sein muss und verurteilt wird. Trotz dieser Einschränkungen bekommt man doch ein strukturell zutreffendes Bild der „alterbedingten“ Kriminalitätsneigung in den diversen Altersklassen.

Man muss schon eine Weile suchen, um typische Delikte älterer Menschen zu finden. Zwei davon habe ich entdeckt. Einerseits den das doch recht spezielle Delikt des unerlaubten Umgangs mit Abfällen, andererseits das weite Feld der Wirtschaftskriminalität:

Ein Bereich, in dem vor allem ältere Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene auffällig werden, sind Rauschgiftdelikte. Die jungen Täter dominieren das Bild hier noch weit deutlicher als in der Gesamtschau aller Straftaten.
Bei den Sexualstraftaten bzw. den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung würde man vielleicht ähnliches erwarten. In diesem Tatsegment gelten gemeinhin vor allem junge Männer als potentiell gefährlich.

Tatsächlich sind die Täter (und Täterinnen) etwas jünger, als die meisten vielleicht erwarten würden:

Am auffälligsten sind die 14/15-jährigen, gefolgt von den 16/17-jährigen und der noch nicht strafmündigen Gruppe der 12/13-jährigen. Auf kindliche Unschuld in Hinblick auf Sex deutet das nicht gerade hin. Wirklich überraschen darf es aber nicht. Das sexuelle Interesse erreicht in der Pubertät seinen Höhepunkt und wer ehrlich mit sich ist und an seine Kindheit zurückdenkt, weiß das auch. Das sexuelle Verlangen geht im Erwachsenenalter deutlich zurück und bekommt jenseits der 60 dann noch einmal einen deutlichen Knick. Letztlich genau das, was man auch in der Statistik sieht.

Denkt man an den sexuellen Missbrauch von Kindern, dann haben die meisten pädophile Täter im Kopf. Die Vorstellung geht in Richtung erwachsener, fremder, pädophiler Männer, die sich manipulativ das Vertrauen des Kindes erschleichen und dann für sexuelle Übergriffe ausnutzen.

Wer sich etwas besser auskennt, weiß dass die Mehrzahl der Täter nicht-pädophile Ersatztäter sind und dass die Täter überwiegend aus dem familiären und sozialen Nahbereich kommen.

Was man vielleicht nicht unbedingt vermutet, ist dass es eine extreme Häufung der Tatverdächtigen im Pubertätsalter gibt.

Auch dieser Befund darf aber eigentlich niemanden überraschen. Das sexuelle Interesse hat in der Pubertät seinen Höhepunkt. Die Stars von denen möglicherweise Poster im Kinderzimmer hängen sind nicht erreichbar. Aber man verbringt den größten Teil des Tages in der Schule unter etwa Gleichaltrigen. 13/14-jährige gehen in die selbe Klasse. 13 und 15-jährige begegnen sich auf dem Pausenhof. Kann es da irgendwen verwundern, wenn es zu sexuellen Kontakten zwischen noch-Kindern und nicht-mehr-Kindern kommt?

Dass diese Kontakte in Deutschland unabhängig vom Willen der Beteiligten grundsätzlich strafbar sind, ist ein himmelschreiendes Unrecht gegenüber diesen noch-Kindern und nicht-mehr-Kindern. Shakespeares Julia war 13, Romeo ein wenig älter, vielleicht 15 oder 16. Heute fände ihre Liebe in Deutschland kein Gnade vor dem Gesetz.

Während es in Österreich und der Schweiz eine sinnvolle Lösung in Form einer tatbestandsausschließende Altersdistanzklausel gibt („Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.“), sind die Betroffenen in Deutschland den Mühlen des Gesetzes ausgeliefert (Ermittlungsverfahren, Strafen, Jugendamt, Kontaktverbote).

Ein Absehen von Strafverfolgung wegen Geringfügigkeit ist nur bei Vergehen möglich. Kommt die geplante Anhebung der Mindeststrafe auf 1 Jahr (und damit die Einstufung als Verbrechen), dann entfällt diese Möglichkeit.

Auch ein fallweises Absehen von Strafe bzw. Strafverfolgung, wie es heute noch (!) möglich ist, reicht nicht aus, denn einerseits kommen die ersten Folterinstrumente (wie ein Ermittlungsverfahren) schon lange vor dem potentiellen Absehen von Strafe bzw. Strafverfolgung zum Einsatz, andererseits bleiben die Betroffenen damit Objekte staatlicher Willkür.

In Zukunft dürfte sich die für ein junges Liebespaar schon jetzt schlechte Situation noch einmal deutlich verschlimmern. Sie werden wegen ihrer Liebe und für altersgerechtes Verhalten drangsaliert und kriminalisiert.

Romeo und Julia brauchen Hilfe. Dringend. Finn auch.

Es gibt noch ein weiteres Kriminalitätsfeld, von dem Kinder als vermeintliche Täter besonders betroffen sind.

Heute hat jedes Kind eine Smartphone. Die Besitzquote bei älteren Kindern liegt bei ca. 98.5 %. Wenn der 13-jähriger Finn seinen eregierten Penis mit dem Smartphone aufnimmt, stellt er damit Kinderpornographie her. Er ist dann Täter aber noch nicht strafmündig. Wenn er das Bild nach seinem 14. Geburtstag noch besitzt, ist er Täter und strafmündig, was den Besitz von Kinderpornographie angeht. Künftig ein Verbrechen. Der Unrechtsgehalt des Verbrechens liegt dabei aber realistisch betrachtet etwa auf dem Niveau, sich den eigenen eregierten Penis in einem Spiegel anzuschauen.

Statt Kindern beibringen zu wollen, wie schrecklich das doch ist – weil man sich unter Kinderpornographie nichts anderes als Aufnahmen von anal vergewaltigten Kleinkindern vorstellen kann, die selbst hartgesottene Polizisten bei der Sichtung der Beweismittel zuverlässig in Traumata stürzen – sollte man der Realität ins Auge blicken, dass man das als Kind vermutlich auch gemacht hätte, wenn es damals schon Smartphones gegeben hätte und dass es sich um ein alterskonformes und in keiner Weise strafwürdiges Verhalten handelt.

Und dann sollte man auch anfangen, sich Gedanken zu machen, wie man erwachsen, also verantwortungsvoll damit umgeht.

Aufruf zur Studienteilnahme: „Unbekannte weibliche Sexualität?“

Weibliche Pädophilie und Hebephilie fliegt weitgehend unter dem Radar und wird kaum wahrgenommen. Bis vor nicht allzu langer Zeit meinte man selbst unter Sexualwissenschaftlern, dass es das quasi gar nicht gäbe.

Das ist allerdings ein Irrtum. Z.B. gehört eine pädophile Frau (Ruby) zum Team des kooperativen Blogs „Kinder im Herzen“. Auf dem Portal gutefrage.net habe ich schon mehrfach Antworten an (unterschiedliche) Frauen geschrieben, die dort Fragen zu ihrer sexuellen Neigung zu Kindern gestellt haben.

Betroffene Frauen fühlen sich oft als eine Art monströses Kuriosum, ignoriert und isoliert. Aus dem Artikel „Ein sonderbares und gar schreckliches Einhorn“ (Autorin: Emma Artless):

Auch wenn es äußerst isolierend ist ein Pädophiler egal welchen Geschlechts zu sein, eine Frau mit dieser Sexualität zu sein ist noch einmal eine ganz andere Ebene der Isolation, die selten untersucht wird. Ich habe mit Google nach ‚pädophilen Frauen‘ gesucht seit mir klar wurde, dass ich selber eine bin, und es gibt sehr, sehr wenige Ergebnisse zu dem Thema. Tatsächlich sind die meisten Ergebnisse Spekulationen von Leuten, die sich fragen, ob es uns überhaupt gibt. Sogar Experten neigen dazu die Existenz von Pädophilie bei Frauen zu ignorieren. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir ein Interview mit dem renommierten klinischen Psychologen und Sexologen Dr. James Cantor angehört, der das Erforschen des pädophilen Gehirns zum Hauptfokus seiner Arbeit gemacht hat (und dafür respektiere ich ihn sehr, auch wenn meines Wissens nach seine Forschung bisher noch nicht auf nicht-Straftäter ausgeweitet ist). Er und sein Interviewer fingen damit an zu diskutieren, welche Methoden am besten geeignet sind um zu unterscheiden, wer wirklich pädophil ist und wer nicht. Dr. Cantor sprach von Phallometrie – dem Messen des Blutflusses im Penis als Methode des Messens sexueller Erregung – als sehr effektive Diagnosemethode. Ich wartete darauf, dass jemand die unausweichliche Folgefrage stellte: „nun, offensichtlich ist dies keine effektive Methode um Pädophilie bei Frauen zu erkennen. Wie diagnostizieren sie pädophile Frauen?“. Zumindest dachte ich, dass dies die unausweichliche Folgefrage sei. Doch niemand, weder der Doktor noch die Interviewer brachten das Thema überhaupt zur Sprache. Die unausgesprochene Nachricht hallte laut und klar in mir: dass ich und die vermutlich wenigen Frauen da draußen wie ich,so unsichtbar sind, dass noch nicht einmal der führende Forscher in dem Gebiet es für nötig hält, unsere Existenze zu erwähnen.

Es ist zu begrüßen, wenn das Thema mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhält und irgendwann auch von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Deshalb teile ich gerne den folgenden Aufruf an betroffene Frauen zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir führen aktuell eine anonyme Online-Befragung durch für Frauen mit sexuellem Interesse an Kindern und/oder Jugendlichen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unten stehenden Aufruf in Ihrer Community teilen könnten.

Mit freundlichen Grüßen

Safiye Tozdan

Aufruf zur Studienteilnahme: Unbekannte weibliche Sexualität? – Sexuelles Interesse an Kindern und/oder Jugendlichen

Das Institut für Sexualforschung in Hamburg bittet um die Teilnahme an einer anonymen Online-Befragung zum Thema „Sexuelles Interesse an Kindern und/oder Jugendlichen“. Die Studie richtet sich an erwachsene Frauen, die ein sexuelles Interesse an Kindern und/oder Jugendlichen unter 14 Jahren haben. Die Teilnahme dauert ca. 20-30 Minuten. Über folgenden Link zur Studie erhalten Sie weitere Informationen: https://uke.eu.qualtrics.com/jfe/form/SV_a9Kgrk4UNaYdKZf

Fallzahlen sexueller Kindesmissbrauch – Faktencheck 2.0

Gesetzesverschärfungen (z.B. neue Tatbestände, geringere Strafbarkeitsschwellen, höhere Höchststrafen, höhere Mindeststrafen, stärkere Eingriffsrechte im Rahmen von Ermittlungen, Verlängerungen bei der Verjährung und was es sonst noch alles geben mag) werden in der Regel mit besonders schwerwiegenden und emotional aufwühlenden Fällen begründet. Und mit steigenden Fallzahlen.

Vor kurzem habe ich einen Faktencheck zu den angeblich steigenden, „pandemischen“ Fallzahlen von sexuellem Kindesmissbrauch durchgeführt. Dazu hat sich jemand eine grafische Aufbereitung gewünscht.

Hier zunächst eine logarithmisch skalierte Darstellung absoluter Fallzahlen für verschiedene Delikte bzw. Deliktgruppen:

In der zweiten Darstellung sieht man den prozentualen Anstieg (bzw. Rückgang) der Fallzahlen ausgehend vom Jahr 2000.

Datenbasis für beide Grafiken sind die Fallzahlen der Zeitreihentabelle der Polizeilichen Kriminalstatistik (Grundtabelle Fälle ab 1987).

Die zweite Grafik enthält die Entwicklung der Fallzahlen aller Taten zum sexuellen Missbrauch von Kindern, aber auch die um den Tatbestand Cybergrooming bereinigten Werte. Ich persönlich halte es für angebracht, Cybergrooming herauszurechnen, weil

  • es sich im Fall des § 176 Absatz 4 Nr 3 (Einwirken mittels IT, um ein Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen) um ein Vorfelddelikt handelt und (noch) nicht um sexuellen Missbrauch.
  • es sich im Fall des § 176 Absatz 4 Nr 4 (Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen) eher um eine Spezialform der sexuellen Belästigung handelt, bei der das Opfer a) ein Kind ist und b) sich nicht belästigt fühlen muss, um die Strafbarkeit zu begründen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es bei Cybergrooming keinen Unrechtsgehalt gibt. Den gibt es auch beim Tatbestand der sexuellen Belästigung, ohne dass die entsprechenden Taten deshalb in der Statistik zu Vergewaltigungen erscheinen.

Egal, ob man Cybergrooming herausrechnet oder das ablehnt:

Fakt bleibt, dass die Fallzahlen beim sexuellen Missbrauch von Kindern im Grunde seit 20 Jahren konstant bzw. leicht rückläufig sind.

Romeo im Knast

Einen Anstieg der Delikte im Bereich sexueller Kindesmissbrauch gibt es, wenn man sich die langfristige Entwicklung der Fallzahlen anschaut, nicht.

Für die Zukunft gehe ich aber von steigenden Fallzahlen aus. Dafür gibt es viele Gründe, z.B. neue und erweiterte Tatbestände, höherer Ermittlungsaufwand und eine immer höhere Anzeigebereitschaft.

Besonders kritisch sehe ich die zunehmenden Problematisierung und Skandalisierung von Kindern und Jugendlichen als Täter von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Da es nach dem Willen des Gesetzgebers auf den Willen der Beteiligten nicht ankommt, werden nicht nur Übergriffe, sondern auch sozialadequates und altersgerechtes Verhalten kriminalisiert.

Aktuell gibt es hier noch eine gewisse Toleranz.

Trotz fehlender „wissentlicher“ Einwilligung hat bisher zu Recht (fast) niemand ein Problem damit, wenn Kinder Doktorspiele miteinander spielen, solange die Handlungen von den beteiligten Kindern gewollt sind und sie nicht dazu genötigt werden. Doktorspiele gelten entwicklungspsychologisch als normal.

Ebenso hat trotz fehlender „wissentlicher“ Einwilligung auch zu Recht (fast) niemand etwas dagegen, wenn zwei 13-jährige einvernehmlich sexuelle Handlungen miteinander haben. Auch das gilt entwicklungspsychologisch als normal. Auch diese Beziehungen werden typischerweise toleriert.

Und auch ein 15-jähriger und ein 13-jähriger haben – bisher – gute Chancen, in Ruhe gelassen zu werden. Wenn beide die Beziehung wollen, wird wohlwollend weggeschaut. Man war ja auch mal jung und zum ersten mal verliebt.

Es drohen aber nun aber Kampagnen, um die Anzeigebereitschaft bei nominell verbotenem aber alterstypisch normalem und unproblematischem Verhalten zu steigern. In Verbindung mit höheren Mindeststrafen kann das zu schwersten Konsequenzen für die Betroffenen führen.

Wenn es nach Herbert Reul und anderen Scharfmachern geht, tötet ein 14-jähriger ja die Seele eines 13-jährigen, wenn die beiden einvernehmlich Sex haben. Ausnahmen gibt es nicht und ob die beiden ineinander verliebt sind, interessiert niemanden.

Shakespeares Julia war 13. Romeo etwas älter, vielleicht 15 oder 16. Bei Rörig oder Reul hätten die beiden keine Chance gehabt.

Eine tatbestandsauschließenden Altersdistanzklausel wäre daher bitter nötig. In Österreich und der Schweiz gibt es bereits entsprechende Regelungen. Deutschland sollte nachziehen.

Beispiel für eine solche Klausel (aus Artikel 187 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs):

Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.

Die Konstruktion eines „minder schweren“ Falls mit einer Option, am Ende von Strafe abzusehen, reicht nicht. Denn auch dann käme es immer noch zu traumatisierenden und durch nichts zu rechtfertigenden Eingriffen in das Leben der betroffenen Kinder und Jugendlichen: Ermittlungsverfahren, Jugendamt, Kontaktverbote. Das sind regelrechte Folterinstrumente für junge Menschen, die nichts verbrochen haben.

Es darf nicht staatlicher Willkür überlassen sein, ob jemand in den Kasten mit den Folterinstrumenten greift, oder es gnädiger Weise bleiben lässt. Ein geringer Altersabstand muss den Tatbestand „sexueller Kindesmissbrauch“ also ausschließen. Vor allem, was nicht willentlich einvernehmlich geschieht, schützen die „normalen“ Paragraphen gegen Belästigung, Nötigung etc.

Pädos sind in der Regel älter als 16 und haben von einer tatbestandsauschließenden Altersdistanzklausel nichts. Auch Pädohasser könnten diese Klausel also eigentlich bedenkenlos einführen.

Oder geht das einfach nicht, weil dann die Fallzahlen sinken?

Weil es dann weniger Opfer gibt, die man vertreten und therapieren kann, weniger Beratungsstellen, weniger Gutachten, weniger Fördergelder und weniger Täter, die man therapieren muss? Weil sich das Ansehen eines Kinderschützers nach der Anzahl der „geretteten“ Kinder richtet? Lässt man Vernunft und Empathie links liegen, weil man ohne diese „Täter“ und „Opfer“ nicht das maximal mögliche Geld verdienen kann?

Liebe Kinderschützer:

Bitte beweist, dass ich mich irre und dass es euch nicht nur um Geld- und Ansehensoptimierung geht, sondern um die Kinder.

Immer mehr sexueller Missbrauch? – Ein Faktencheck.

Ich habe mich in der Vergangenheit bereits in zwei Artikel intensiv mit den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und deren Interpretation befasst.

Im Beitrag Fehlentwicklungen im Kinderschutz habe ich mit einer irreführenden Präsentation der Daten der PKS 2018 in einer Pressemitteilung der Deutschen Kinderhilfe beschäftigt. Meine Analyse zeigte dabei auch, dass das Thema Kindesmisshandlung im Vergleich zum Thema Kindesmissbrauch komplett unterschätzt und eine juristische Aufarbeitung dieser Form der Kriminalität gegen Kinder sogar systematisch verhindert wird.

In Kindliche Unschuld: Fehlanzeige habe ich mir die Tatverdächtigenbelastungszahl der PKS 2019 genauer anschaut. Diese kriminologische Kennzahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden. Hier gibt es bei Straftaten mit Sexualitätsbezug eine eindeutige Korrelation zur Pubertät. Zwei Erkenntnisse dazu sind:

  • Schon 12 bis 13-jährige haben ganz offensichtlich regelmäßig ein intensives sexuelles Interesse und fallen sehr viel häufiger auf als Erwachsene.
  • Gesetze, die Kinder und Jugendliche schützen sollen, treffen Kinder und Jugendliche überproportional häufig.

Bei der Präsentation der Zahlen zur PKS 2019 hat sich vor kurzem die irreführende Berichterstattung des Vorjahres wiederholt. Das führte zu Schlagzeilen wie

Polizeistatistik: 112 getötete Kinder „Auch sexueller Missbrauch ist eine Pandemie“

Dass die 112 getöteten Kinder gar nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun haben, merkt der Leser gar nicht.

2019 gab es (wie auch in den 5 Jahren zuvor) null Opfer von „Sexueller Missbrauch von Kindern mit Todesfolge“ und auch null Opfer von „Mord im Zusammenhang mit Sexualdelikten“ im Kindesalter (2018: 1 Fall, 2017: 0 Fälle).

Von den 112 Kindern wurden 15 ermordet (ohne Vorliegen eines Sexualdelikts), 27 wurden Opfer von Totschlag, 66 Opfer fahrlässiger Tötungsdelikte und 4 von Körperverletzung mit Todesfolge.

Von angeblich ständig steigenden Fallzahlen ist schon die Rede, solange ich denken kann. Was wahrscheinlich daran liegt, dass innerhalb der infrage kommenden Delikte aufgrund statistischer Schwankungen jedes Jahr irgendeine Fallzahl zum Vorjahr steigt und man eben dann genau diese heraus greift.

Von einer Pandemie war bisher dagegen noch nicht die Rede. Es passt aber zum „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ Johannes-Wilhelm Rörig, dass er auf diesen Begriff verfallen ist. Die Wahrheit war ihm schon in der Vergangenheit reichlich egal. Es behauptete etwas allen ernstes ein „ohrenbetäubendes Schweigen“ von Gesellschaft und Politik zum Thema Kindesmissbrauch in den letzten 10 Jahren, obwohl in dieser Zeit eine Gesetzesverschärfung die nächste gejagt hat.

Eine Pandemie ist eine globale Epidemie, also die weltweite Variante einer im besonders starkem Maß auftretenden, ansteckenden Massenerkrankung. Natürlich ist Kindesmissbrauch ein globales Phänomen – wie alle anderen Verbrechen auch. Ansteckend ist Kindesmissbrauch nicht. Und ich will einfach mal hoffen, dass Rörig nicht nahelegen wollte, dass Opfer von sexuellem Missbrauch dazu verdammt sind, ihrerseits Missbrauch zu begehen. Opferstigmatisierung ist eigentlich nicht das, was man sich von einem Missbrauchbeauftragten erwarten darf.

Aber gibt es denn wenigstens den rasanten, epidemischen Anstieg der Fallzahlen?

Ich habe mich schon etwas länger gefragt, was von den angeblich ständig steigenden Fallzahlen im Bereich Kindesmissbrauch zu halten ist. Ich habe mir dazu nun die Zeitreihentabelle der aktuellen PKS 2019 vorgenommen und zwar konkret die Daten der Datei „T01 Grundtabelle – Fälle ab 1987 (V1.0)„.

Hier meine Aufbereitung zur Entwicklung der Fallzahlen zum sexuellen Kindesmissbrauch seit dem Jahr 2000:

Es gab im letzten Jahr einen Anstieg der Fallzahlen von 10.95 Prozent zum Vorjahr. Im Zehnjahresvergleich beträgt der Anstieg 15.19 Prozent, im Zwanzigjahresvergleich gab es einen Rückgang von 12.26 Prozent.

Schaut man auf die einzelnen Deliktarten innerhalb des Sexuellen Missbrauchs von Kindern, fällt vor allem der enorme Anstieg im Bereich Cybergrooming auf. Diese Fälle sind in der folgenden Tabelle herausgerechnet (gelb unterlegte Spalte).

Die Tabelle enthält darüber hinaus zu Vergleichszwecken auch noch einige weitere Straftatbestände. Es handelt sich dabei jeweils um die Gesamtfallzahlen zum Delikt, also nicht nur Taten, die gegen Kinder gerichtet sind.

Im Zwangzigjahresvergleich betrug der Anstieg bei Körperverletzungen 35.67 Prozent, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung 13.83 Prozent, bei Straftaten gegen die persönliche Freiheit 32.96 Prozent, bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung 34.13 Prozent. Bei Misshandlungen von Schutzbefohlenen gab es einen Anstieg von 47.82 Prozent, bei Misshandlung von Kindern einen Anstieg um 61.03 Prozent.

Rückläufig waren dagegen die Zahlen beim sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen (minus 69.30 Prozent) und beim sexuellen Missbrauch von Kindern (minus 12.26 Prozent). Rechnet man die Zahlen zum Cybergrooming heraus (das Smartphone, dass hier eine wesentlich Rolle spielt wurde erst 2007 erfunden), dann liegt der Rückgang sogar bei 28.74 Prozent.

Eine Entwicklung, wie sie Rörig behauptet, gibt es also gar nicht.

Generell ist es schwierig die Fallzahlen zu interpretieren. Schwankungen und Ausreißer gibt es in jeder Statistik. Statt Strategien auf statistischen Störgeräuschen aufzubauen und sich einen gerade für die eigene Argumentation passenden Wert herauszupicken, muss man sich wenigstens die langfristige Entwicklung ansehen.

Beim sexuellen Kindesmissbrauch ist die Entwicklung eher rückläufig. Ausnahme ist der Bereich Cybergrooming, bei dem Erwachsene weniger als die Hälfe der Täter ausmachen (Tendenz fallend). Hier wirkt sich aus, dass es neue Technologien gibt, die neue Begehungsformen ermöglichen. Ein Smartphone hat heute jedes Kind (Verbreitungsgrad 98.5 Prozent) und damit auch die Möglichkeit Kinderpornographie herzustellen und zu verbreiten oder damit Cybergrooming und Sexting zu betreiben (siehe auch Kindliche Unschuld: Fehlanzeige).

Generell gilt es zu bedenken, dass man nur das Hellfeld sieht. Die Entwicklung des Dunkelfeldes ist ungleich schwerer zu beobachten. Allgemein geht man aber davon aus, dass die Anzeigebereitschaft bei Kindesmissbrauch deutlich gestiegen ist, was eine Verringerung des Dunkelfeldes nahelegt. Der tatsächliche Rückgang der Fallzahlen ist also vermutlich stärker als die Daten zum Hellfeld nahelegen.

Der Anstieg bei den Misshandlungen von Schutzbefohlenen und den Misshandlungen von Kindern beruht (hoffentlich!) vor allem auf einer gestiegenen Anzeigebereitschaft.

Auch die Anstiege bei Körperverletzung, Straftaten gegen die persönliche Freiheit und bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zeigen nicht zwingend eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft an. Einerseits dürfte es auch hier einen Anstieg der Anzeigebereitschaft gegeben haben, andererseits gibt es teils neue Tatbestände (sexuelle Belästigung, Nachstellung, Verstümmelung weiblicher Geschlechtsorgane). Auch das bewirkt steigende Fallzahlen.

Erweiterungen gab es auch immer wieder im Umfeld der Paragraphen, die Kinder betreffen bzw. schützen sollen. Im Bereich Kindesmissbrauch wurde gerade erst (Anfang 2020 und daher noch noch in der Statistik sichtbar) die Versuchsstrafbarkeit bei Cybergrooming eingeführt.

Neue bzw. erweiterte Tatbestände gab es auch im Bereich Kinderpornographie (seit 2015 auch PosingBilder erfasst), mit der Lex Edathy (Herstellung / Anbieten / entgeltliches Erwerben von Darstellungen nackter Personen unter 18 Jahren strafbar) oder dem neuen Tatsbestand der Jugendpornographie (seit 2015). Neue Tatbestände führen letztlich zu neuen Fällen, die wiederum herangezogen werden, um wieder neue Tatbestände und Strafverschärfungen zu fordern.

Aktuell dreht sich das Rad besonders schnell. Und niemand traut sich, in die Speichen zu greifen.