Nigel Owens, Rugby-Schiedsrichter

Vor einigen Jahren hatte ich bei einem Auslandsaufenthalt die Gelegenheit ein hochklassiges Rugby-Spiel zwischen zwei der besten Nationalmannschaften der Welt anzusehen. Das Spiel war richtig spannend und begeisternd. Ich bin dadurch zwar kein eingefleischter Rugby-Fan geworden, aber es hat gereicht, mir das Spiel sympathisch zu machen und ein gewisses Grundinteresse zu wecken.

Aktuell findet in Japan die Rugby Weltmeisterschaft statt. Es finden bereits die Halbfinals statt. Obwohl die Rugby-WM nach den Olypischen Spielen und er Fußball-WM das drittegrößte Sportevent der Welt sind, wird in Deutschland kaum davon berichtet, was wohl auch daran liegt, dass sich Deutschland traditionell nicht qualifiziert. Als ich heute einen Artikel im Spiegel entdeckte, bei dem es um einen Starschiedsrichter im Rugbysport ging, habe ich mich also wie ein ausgetrockneter Schwamm darauf gestürzt, um ein paar Informationen aufzusaugen.

Was ich dann zu lesen bekam, war doch recht überraschend und hat mich auch bewegt. Es ging um Nigel Owens, der als einer der besten Schiedsrichter gilt und durch seine lockeren Sprüche begeistert. Und die bekommen auch die Zuschauer mit, da die Schiedsrichter im Rugby mit Mikrophonen ausgestattet sind, so dass die Zuschauer den Entscheidungen, z.B. warum ein Spieler bestraft wird, folgen kann. Einem mit einer Entscheidung unzufriedenen Spieler haute er schon mal den Spruch „Wir sind hier nicht beim Fußball“ um die Ohren.

Der Startstatus des Ruby-Schiedrichters Nigel Owens scheint etwa vergleichbar mit dem von Pierlugi Collina im Fußball zu sein. Owens hatte allerdings vor Erfolg und Ruhm eine schwere Lebenskrise zu überwinden.

Owens ist schwul und als er Ende der 80 ein Teenager war und seine Präferenz erkannte, gab es in Wales niemanden, der offen schwul lebte. Die Schwulen, die man kannte, waren Karikaturen von Schwulen aus den Sitcoms und Comedy-Programmen der 70er und 80er Jahre. Damit konnte er sich überhaupt nicht identifizieren und deshalb auch sein Schwul-sein nicht akzeptieren.

Owens wurde depressiv und war psychisch angegriffen. Er war auch übergewichtig, was in Verbindung zu seinen mentalen Problemen zu einer Essstörung führte. Der Versuch, sein Selbstwertgefühl zu stärken, führte zur Essstörung Bulimie, also Essanfällen verbunden mit selbstinduziertem Erbrechen als Gegenstrategie. Owens verlor dadurch stark an Gewicht. Außerdem ging er zum Krafttraining, um besser auszusehen und griff dabei auch zu Steroiden.

Als er 26 Jahre alt war, hielt er sein Leben nicht mehr aus. Er hinterließ seinen Eltern einen Abschiedsbrief und versuchte sich durch eine Medikamenten-Überdosis umzubringen. Er wurde aber rechtzeitig gefunden und überlebte. Es war aber recht knapp. Er lag drei Tage auf der Intensivstation und hätte nicht mehr gerettet werden können, wenn er erst 20 Minuten später behandelt worden. In den Jahren danach akzeptierte er seine Sexualität zwar für sich selbst, lebte nach außen aber weiter eine Lüge.

Der Umgang mit seiner Sexualität war für Owens die größte Herausforderung in seinem Leben. Erst nach seinem Suizidversuch lernte er sein Leben in Ehrlichkeit zu leben und erst 2007 (als er 35 war) outete er sich in einem Interview mit der Sonntagszeitung Wales on Sunnday:

Es ist so ein großes Tabu in meiner Tätigkeit schwul zu sein, dass ich sehr genau darüber nachdenken musste, weil ich meine Karriere nicht gefährden wollte. Das Coming-Out war sehr schwierig, und ich versuchte jahrelang, damit zu leben, wer ich wirklich war. Ich wusste, schon im späten Teenageralter, dass ich „anders“ war, aber ich lebte eine Lüge.

In einem Interview vom September diesen Jahres im Sports Chronicle berichtet Owens von einem Brief, den er kurz nach seinem Coming Out erhalten hat:

Etwa zu dieser Zeit erhielt ich einen Brief von einer Mutter, deren sechzehnjähriger Sohn Selbstmord versucht hatte. Es wurde angekündigt, dass ich Schiedsrichter bei der Rugby-Weltmeisterschaft werden würde. Der Vater des Jungen sagte: „Nigel Owens wurde ausgewählt, ist er nicht der schwule Schiedsrichter? Nicht, dass es wichtig wäre, ob er schwul ist, solange er gut genug für die Rugby-Weltmeisterschaft ist.“ Nachdem er das gehört hatte, googelte der Sohn „Nigel Owens“ und las die Interviews online. Er kam nach unten und verkündete seinen Eltern, dass sein Selbstmordversuch aus den gleichen Gründen wie bei Nigel Owens stattgefunden hatte. Es änderte alles für diese Familie und begann den Heilungsprozess für den Jungen.

Die völlig unerwartete Geschichte über Nigel Owens (und den Jungen, dem er mit seinem Coming Out helfen konnte) hat mich sehr bewegt.

Es gibt wenig, das mir so nahe geht, wie die Geschichte eines Menschen, der mit seiner Sexualität zu kämpfen hat und um (auch innere) Akzeptanz ringt. Da geht es um Schmerzen, die ich selbst erlitten habe und die ich abgemildert zu einem Teil immer noch erleide, denn anders als bei einer schwulen oder lesbischen Orientierung ist so etwas wie ein Coming-Out oder gar öffentliche Akzeptanz mit einer pädophilen Orientierung undenkbar.

Objektiv gesehen stehe ich mit meiner Sexualität schlechter da als Nigel Owens Ende der 80er. Homosexuelle Handlungen waren damals im Vereinigten Königreich bereits legalisiert. Pädosexuellen Handlungen sind verboten, werden absehbar auch auf Jahrzehnte hinaus verboten bleiben und die Strafandrohungen dazu werden seit drei Jahrzehnten immer weiter verschärft.

Die unvorteilhaften Vergleichspersonen des jungen Nigel Owens waren Karikaturen von Schwulen aus Sitcoms. Die unvorteilhaften Vergleichspersonen eines pädophil veranlagten jungen Menschen sind Kinderschänder. Auch die haben freilich mit der Realität eines typischen pädophil veranlagten Menschen nicht allzu viel gemein – sie sind auch oft nicht einmal pädophil, sondern lediglich Ersatzobjekttäter.

Im Spiegel wird Owens mit der Aussagte zitiert „Ich denke, die schwierigste Aufgabe, die jemand in seinem Leben bewältigen kann, ist zu akzeptieren, wer man ist“.

Ich weiß aus erster Hand, was er meint.

Ganz so weit würde ich trotzdem nicht gehen. Jedes Leben ist anders und es gibt damit auch andere schwierigste Aufgaben und anderes Leid als das, mit seiner Sexualität und ihrer Akzeptanz zu ringen. Aber sehr schwer ist es auf jeden Fall und mir persönlich auch ganz besonders nah.

Sexualität oder eine sexuelle Präferenz ist keine Krankheit, aber wenn die eigene sexuelle Orientierung geächtet ist, macht das krank. Deshalb der Vergleich mit einer Krankheit: wer einmal Krebs hatte, bleibt von dem Thema persönlich betroffen. Nicht wenige engagieren sich danach zum Beispiel in der Krebshilfe.

Ich habe „abweichende Sexualpräferenz“ und selbst wenn es nicht meine eigene abweichende Sexualpräferenz ist, um die es geht, fühle ich mit Betroffenen mit. Auch von Krebs gibt es schließlich unterschiedliche, mehr oder weniger tödliche Formen. Aber auch wenn ich mit so ziemlich allen Betroffenen mitfühle, engagiere ich mich vor allem für Betroffene meiner eigenen Form der abweichenden Sexualpräferenz.

Ich schreibe meinen Blog für mich selbst, für andere Pädos, für Angehörige von Pädos und für andere Menschen, die bereit sind, über das Thema nachzudenken, aber natürlich auch für 16jährige Pädos, wie ich selbst einer war, die an Selbstmord denken, weil sie nicht mit ihrer Sexualität klarkommen und denen es vielleicht ein wenig helfen kann, zu sich selbst zu finden, wenn sie erkennen, dass das öffentliche Bild vom Pädophilen als Kinderschänder vor allem eine Karrikatur ist und nur wenig mit der Realität zu tun hat.

Meine Reichweite ist dabei zwar kümmerlich, aber man muss eben tun, was man kann und darf sich nicht zu sehr grämen, dass man damit auf das Mögliche beschränkt bleibt. – Eine leise Stimme ist immer noch besser als gar keine.

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Kieron Williamson

Es gibt nicht nur Gesangstalente, sondern auch Kunsttalente.

Mein eigenes künstlerisches Talent ist, freundlich formuliert, eher mild ausgeprägt. Meine Mutter kann bestätigen, dass ich als Kind niemals freiwillig nach einem Zeichenblock gefragt hätte, sondern eher Vermeidungsstrategien verfolgte. Das hält mich freilich heute nicht davon ab, gute Kunst zu schätzen und zu würdigen.

Kieron Williamson dagegen ist jemand, der schon früh durch sein außergewöhnliches Können aufgefallen ist. 2008, als er sechs Jahre alt war, bat er seine Eltern im Urlaub an der kornischen Küste um … einen Zeichenblock.

Seitdem malt er. Und zwar nicht nur gut, sondern so gut, dass ihm seine Arbeiten quasi aus den Händen gerissen werden. Bei seiner zweiten Ausstellung im Jahr 2009 waren seine Bilder nach 14 Minuten verkauft. Die 16 Bilder brachten 18.000 britische Pfund ein.

Bei der folgenden Ausstellung im Juli Jahr 2010 dauerte es 30 Minuten, bis seine Bilder verkauft waren. Es dauert eben was länger, wenn der Bieterkampf die Gebote nach oben treibt. Diese Ausstellung brachte 150.000 Pfund ein.

Kieran ist am 4. August 2002 geboren, war also zu diesem Zeitpunkt gerade mal 8 Jahre alt. Seine Eltern kauften vom Erlös ein Landhaus in Norwich auf seinen Namen.

2011 wurden 33 Bilder für 100.000 Pfund und 2012 weitere 24 seiner Werke für 250.000 Pfund verkauft. Mitte 2013 lag er Gesamtwert seiner bis dahin verkauften Bilder bereits bei 1.5 Millionen britischen Pfund. Im weiteren Verauf des Jahres 2013 verkaufte er weitere 23 Bilder für 240.000 Pfund und nochmal 12 Bilder für 210.000 Pfund.

Wie es scheint kann man – mit dem rechten Talent und wohl auch Glück ausgestattet – Geld zwar nicht drucken aber malen. Kieron hatte jedenfalls schon sehr früh deutlich mehr finanziellen Erfolg als Van Gogh zu Lebzeiten. Und das ganz ohne sich ein Ohr abzuschneiden.

Ich denke sein Ohr hat auch gute Chancen dort zu bleiben, wo es hingehört. Es scheint jedenfalls, dass seine Eltern sich gut um ihn kümmern.

Aus einem Interview der BBC mit seiner Mutter im Jahr 2013:

Als Familie versuchen wir, so weit wie möglich an der Normalität festzuhalten, aber es ist ein Albtraum, um ehrlich zu sein, ein großer ethischer und legaler Albtraum.

Wir tun unser Bestes, um das Familienleben auf einem normalen Level zu halten. Menschen, die auf seinen Erfolg schauen, sehen immer nur das Geld und denken, es macht Spaß – sie denken nicht an die Balance, die wir in seinem Leben schaffen müssen.

Wir müssen sicherstellen, dass Kieron vor Ausbeutung geschützt ist, und das Rechtssystem muss sicherstellen, dass wir als Eltern das Richtige für ihn tun.

Artikel der BBC

Es gab schon früh Anfragen nach Fernsehinterviews und die Möglichkeit, Kieron in die US-Promi-Szene einzuführen. Seine Eltern sind aber fest entschlossen, dass er ein normales Leben führen sollte:

Wir müssen sehr bewusst darauf achten, dass er nicht auf diese Weise ausgenutzt wird. Wenn wir andere Eltern wären, könnten wir den Prominentenstatus genießen, den er mitbringen könnte.

Kieron verfügt über ein eigenes Anwaltsteam, das sich auf das Vertrauensrecht spezialisiert hat, sodass selbst die Entscheidungen, die wir als Eltern in Bezug auf seine Investitionen treffen, von den Personen überwacht werden, die uns und Kieron für die Zukunft am besten beraten und schützen können.

Er ist ein sehr glücklicher Junge, aber als Eltern müssen wir einfach zu vielen Dingen nein sagen, um ihm ein normales Leben zu ermöglichen. Das Wichtigste ist, dass er sich mit Gleichaltrigen identifizieren kann und nicht anders gesehen wird. (…)

Die Leute, die seine Arbeit kritisiert haben, waren unglaublich höflich und meine Aufgabe als Eltern ist es nicht, ihn davor zu schützen – er muss wissen, was los ist -, aber es geht darum, es ihm so gut wie möglich zu erklären.

Artikel der BBC

Ich persönlich finde nicht nur Kierons Werke sehenswert, sondern auch Kieron selbst. Hier Bilder von beiden:

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Inzwischen ist Kieron 17. Hier ein Bild von Anfang 2018 vom damals 15jährigen:

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Seine eigene Schönheit ist für mich zwar bereits verwelkt, aber wunderbar malen kann er noch immer – und wird es so schnell auch nicht verlernen. 🙂

Chapter 13

Chapter 13 ist ein Abschnitt des US-amerikanischen Insolvenzrechts. Es handelt sich um das Gegenstück für Privatpersonen zu Chapter 11, dem Abschnitt für insolvente Unternehmen, die Gläubigerschutz beantragen, um sich zu restrukturieren.

Es ist zwar ein wenig seltsam, dass sich eine britische Jungsband „Chapter 13“ („Privatinsolvenz“) nennt, aber das muss sie ja nicht davon abhalten, gute Musik zu machen.

Chapter 13 besteht aus Jacob (14), Noah (15), Tom (15) und Jake (15). Die Jungs kennen sich vom Musical School of Rock und haben eine Band gegründet, um 2019 bei Britain’s Got Talent anzutreten. Hier ihre Audition:

Die Jungs verdienten sich mit dieser Leistung den „Goldenen Buzzer“ des Jury-Mitglieds Amanda Holden und somit ein Freilos für die Live Shows.

Dort traten sie mit dem Song „Own This Town“ an, der von Chapter 13 zusammen mit Tom Fletcher von der Gruppe McFly geschrieben wurde – und schieden aus.

Mir persönlich hat dieser Auftritt aber besser gefallen als ihre Audition.

Der recht professionelle Hintergund der Jungs (als Mitglieder eines Musical-Ensembles) hat übrigens für Kritik gesorgt. Eigentlich ist Britain’s Got Talent ein Talentwettbewerb für Amateure.

Fragwürdiger als der gemeinsame Musical-Hintergund (irgendwoher muss man sich ja kennen) scheint mir dabei aber, dass Chapter 13 bei Ihrem Semi-Final-Song die Unterstützung von einem Vollprofi hatten: Tom Fletcher hat mit seiner Band McFly bereits über 10 Millionen Platten verkauft.

Die Grenze zwischen Amateur und Profi ist natürlich fließend, aber Chapter 13 scheint mir schon recht dicht daran gekommen zu sein.

Die hinreichend gute Mutter

Ich bin vor einiger Zeit über das Konzept der hinreichend guten Mutter gestolpert. Erfinder ist Donald Winnicott, ein 1886 geborener englischer Kinderarzt und Psychoanalytiker, der 1971 verstorben ist. Das Konzept ist also keineswegs brandneu.

Aus dem Wikipedia-Artikel zu Donald Winnicott:

In den ersten Monaten ist ein Neugeborenes mit seiner Mutter zu einer Einheit verschmolzen; das Baby nimmt die Mutter als Teil von sich selbst wahr. Dabei geht Winnicott nicht von einer idealisierten Mutter aus, die durch Abweichungen vom Ideal psychoanalytischer Theorien ihr Kind schädigt, sondern führt den Begriff der ausreichend guten Mutter in die Terminologie der Psychoanalyse ein. Die „ausreichend gute Mutter“ („good enough mother“) ist in der Lage, auf die Bedürfnisse des Babys einzugehen, zumindest so weit, dass sich das Baby nie komplett verlassen fühlt. Mit der Zeit löst sich die Mutter aus dieser engen Verbindung, so dass das Kind lernen kann, dass die Mutter nicht Teil von ihm ist.

In diesem Prozess spielt das Übergangsobjekt eine wichtige Rolle. Das kann zum Beispiel der Zipfel einer Decke sein, den das Baby benutzt, um sich in Abwesenheit der Mutter zu trösten. Es gehört für das Kind sowohl zur Mutter als auch zur realen Welt.

Ist die Mutter nicht ausreichend gut, kommt es zur emotionalen Deprivation, was bedeutet, dass das Bild der Mutter im Baby stirbt. Die Deprivation ist eine wichtige Voraussetzung für antisoziales Verhalten, beispielsweise Stehlen, von Kindern. Durch dieses Verhalten versucht das Kind seinen Mangel auszugleichen. Es ist jedoch für den Betreuer wichtig zu wissen, dass dieses antisoziale Verhalten ein Zeichen der Hoffnung des Kindes ist. Ein depriviertes Kind, das keine Hoffnung hat, wird sich scheinbar angepasst verhalten und erst, wenn es wieder Hoffnung hat, wird es antisoziales Verhalten zeigen, also versuchen, seinen Mangel auszugleichen.

Aus einem Artikel bei geborgen-wachsen.de:

Winnicott entdeckte bereits, dass „zu gute Mütter“ (too good mothers) keinesfalls das sind, was Kinder benötigen. Während das Baby am Anfang des Lebens mit seiner Mutter noch ganz verschmolzen und symbiotisch ist und Mütter bestenfalls prompt auf seine Bedürfnisse reagieren, brauchen Babys für ihre Entwicklung jedoch zunehmend auch ein gewisses Maß an Unzufriedenheit für ihre Entwicklung. Winnicott entdeckte, dass Mütter zunehmend weniger und weniger perfekt auf ihr Kind eingehen – und dies parallel zu den wachsenden Fähigkeiten des Kindes, damit umgehen zu können. Das bedeutet: Anfangs reagieren Mütter bestenfalls prompt und richtig auf das Baby. Mit der Zeit reagieren sie aber weniger schnell und lassen das Baby auch mal ein wenig quengeln, wenn es nicht an das Spielzeug heran kommt. Und dies hat eine ganz wichtige Bedeutung für die Entwicklung des Kindes: Es lernt nämlich dadurch, dass Bedürfnisse nicht sofort erfüllt werden müssen, sondern auch etwas aufgeschoben werden können. Hierdurch kann es auch lernen, sich selbst zu regulieren, weil es eigene Beruhigungsstrategien findet. Das Baby erfährt, wie man mit negativen Gefühlen umgehen kann. Auch kann es hierdurch zur weiteren Entwicklung angeregt werden: Wer sofort alles gereicht bekommt, wenn er etwas quengelt ist nicht darauf angewiesen, sich selbst zu bewegen. Ein gewisses Maß an Unzufriedenheit ist also durchaus als Motor der Entwicklung zu betrachten. Umgekehrt wird einem Baby, dem jeder Wunsch schon von vornherein „von den Augen abgelesen wird“, um die Fähigkeit gebracht, sich selbst zu verstehen. Es lernt keine Selbstwirksamkeit, weil es nicht erfahren kann, dass es sich auch selbst helfen kann und darf. Winnicott findet daher, dass die „good enough mother“ der „too good mother“ gegenüber vorzuziehen ist. Wir müssen also nicht Supermütter sein, sondern einfach nur hinreichend gut!

Doch nicht nur Beruhigungsstrategien und Selbstwirksamkeit lernt das Kind, wenn es im passenden Alter nicht sofort bespielt oder abgelenkt wird, sondern noch etwas ganz anderes Wichtiges: Wenn Mütter einfach normal und sie selbst sind und auch mal schlechte Laune haben oder angespannt sind, weil der Nachwuchs beim Essen das Glas zum dritten Mal über den Tisch gekippt hat, kann das Kind die verschiedenen Facetten von Beziehungen kennenlernen. Jede Beziehung besteht nicht nur aus einem einzigen Gefühl, keine Beziehung ist immer nur freudig und positiv. Kinder müssen auch erfahren dürfen, dass es in Beziehungen verschiedene Gefühle gibt, dass man andere auch mal negativ empfinden kann und sich dann wieder annähert. Wieder vertragen, zusammenfinden, Kompromisse eingehen – all das wird schon in der Babyzeit gelernt. Das ist es, was im Erwachsenenleben so wichtig ist und ein Miteinander erst ermöglicht. Niemand möchte einen Partner haben, auf den man immer selber nur eingehen muss und der nie einen Schritt in die Richtung des anderen geht, weil er es nie gelernt hat. (…)

Kinder brauchen auch Unstimmigkeiten, sie dürfen an Problemen und Herausforderungen wachsen lernen, erfahren, wie man mit Konflikten umgeht und sich wieder verträgt. Und wir Eltern dürfen ihnen auch vorleben, dass sich unser ganzes Leben nicht nur um die Kinder dreht, sondern wir auch eigene Interessen und Wünsche haben.
Wir alle wünschen uns das Beste für unsere Kinder und wir geben das Beste für sie, das wir können. Wir gehen aber auch arbeiten, brauchen auch eigene Freunde. Manchmal reicht das Geld nicht, um teure „Frühförderkurse“ zu bezahlen oder die Zeit ist einfach nicht da. Wenn wir wieder einmal ein schlechtes Gewissen haben, können wir – anstatt uns zu grämen und Vorwürfe zu machen – einfach daran denken, dass wir nicht perfekt sein müssen. Ja, das wir es gar nicht sein SOLLEN. Eine „Supermutter“ braucht kein Kind für eine gesunde Entwicklung. Wir sind gut, ausreichend gut, und wir denken darüber nach, dass wir manchmal auch anders könnten und tun das auch, wenn es möglich ist. Und das ist alles, was zählt.

Dem ist wenig hinzuzufügen.

Mütter sind Menschen und Menschen sind nicht perfekt. Zum Glück. Denn Kinder sind ja auch Menschen und deshalb ebenfalls nicht perfekt.

Perfektion mag gut gemeint sein, ist aber eine riesige Last, nicht nur für einen selbst, weil man um die Perfektion kämpfen und sie sich abringen muss, sondern auch für den vermeintlich Begünstigten. Das Kind einer perfekten Mutter könnte nämlich niemals ausreichend gut sein. Ausreichend gut hieße schließlich, dem Vorbild zu entsprechen und ebenfalls perfekt zu sein.

Wer sich stets um Perfektion bemüht, wird an diesem Anspruch scheitern. Wer immer wieder scheitert, erodiert innerlich, wird unglücklich und infiziert auch seine Umwelt mit dem eigenen Unglücklich-Sein. Statt perfekt und glücklich wird das Leben dann anstrengend und unglücklich.

Ein zu hoher Anspruch gegenüber sich selbst macht auch tendenziell intolerant, da an andere in der Regel ein ähnlich hoher Maßstab angelegt wird, wie an sich selbst: wer hart gegen sich selbst ist, ist meist auch anderen gegenüber hart. Wer sich dagegen zugesteht, auch mal zu scheitern, kann auch weichherzig und verständnisvoll für das Scheitern anderer sein.

Schließlich: auch Fehler haben ihr Gutes. Die Unvollkommenheit einer hinreichend guten Mutter ist wichtig und bereitet auf die Unzulänglichkeiten des Lebens im Allgemeinen vor. Man kann niemanden für das Leben stark machen, indem man ihn vor sämtlichen Belastungen abschirmt, wie sie einem im echten Leben nun einmal zwangsläufig in den unterschiedlichsten Ausprägungen begegnen werden.

Der hinreichend gute Freund

Da die Welt nicht nur aus Müttern besteht, gibt es nicht nur die hinreichend gute Mutter, sondern auch den hinreichend guten Vater, den hinreichend guten Sohn, den hinreichend guten Partner oder den hinreichend guten Freund.

In einer Beziehung ist es nicht wichtig, dass man stets alles richtig macht, sondern, dass man sich engagiert, interessiert und dass der andere Mensch einem ein wirkliches Anliegen ist. Wenn das so ist, macht man fast zwangsläufig genug richtig, dass die Fehler, die man zwangsläufig auch macht, verkraftbar bleiben.

Ich denke das Konzept ist ohne weiteres auch auf BLs wie mich übertragbar und ich finde es ermutigend. Es bietet einen Gegenpol zu allzu übertriebenen Bedenken und erlaubt mir, legitim darauf zu hoffen, dass ich einem Jungen irgendwann einmal ein hinreichend guter Freund sein werde. Jemand, der für den jungen Menschen, den er liebt, einfach sein bestes gibt und dadurch – trotz all seiner Mängel – „gut genug“ ist.

Lil‘ Chris … und das Thema Suizid

Ich habe mal wieder nach einem netten Musikclip für meinen Blog gesucht und wurde auch prompt fündig: „Checkin‘ It Out“ von Lil‘ Chris.

Ich wollte – wie ich das so zu machen pflege – auch ein wenig zum Sänger schreiben. Also Internetrecherche …

Christopher James Hardman, mit Künstlername Lil‘ Chris, war 15 als er bekannt wurde. Er hatte in der zweiten (und letzten) Staffel der britischen Reality TV Serie Rock School mitgespielt, in der Gene Simmons (Bassist und Sänger der Hard-Rock-Band Kiss) Schüler zu einer Rock Band formt. Zum Abschluss performte die Schülerband dann auf einem Live Konzert als Vorband von Judas Priest, Rob Zombie und Anthrax.

Unmittelbar nach dem Konzert erhielt Chris einen Plattenvertrag als Solo-Künstler. Seine Debüt Single „Checkin‘ It Out“ erreichte 2006 Platz drei der britischen Charts. Sein Debut-Album „What’s It All About“ erschien 2008. Er tourte, spielte eine Hauptrolle in einem Musical, trat im Fernsehen als Moderator und Schauspieler auf. Kurz: er war Star geworden.

Im Oktober 2013 kündigte Chris sein zweites Album an. Die erste vorab veröffentlichte Single wurde aber ein Fehlschlag und konnte sich nicht in den Charts platzieren.

Chris schrieb weiter an Songs und arbeitete mit einem Produzenten an einer geplanten EP, er fiel aber wegen des Karriereknicks in ein Loch und litt unter Depressionen. Im April 2014 schrieb er auf Twitter: „Ich hoffe, eines Tages einen Ausweg aus der Depression zu finden, der nicht bedeutet, mir das Leben zu nehmen. Die Heilung.“

Im Oktober 2014: „Depression ist wirklich scheiße. Zu lernen, wie man sie erkennt, kann manchmal Leben und deine Gefühle retten. Nimm dir Zeit sie zu verstehen. Für alle.“ Am 03. März 2015: „Denke darüber nach für immer mit der Musik aufzuhören … es muss irgendwann die Zeit kommen, dass ich mich der Realität stellen muss. Ich bin einfach nicht gut genug.“

Am 23. März 2015 hat er sich erhängt. Er wurde 24 Jahre alt.

Ich schreibe viel lieber über Erfolge oder die Aussicht auf eine große Zukunft für den jungen Interpreten. Aber die Realität ist nicht immer, wie man sie sich wünscht. Wie das Leben im Allgemeinen geht auch das Leben eines Musikers nicht immer gut. Mir scheint, sie haben Chancen auf besonders intensive, rauschhafte Glücksmomente, sind aber auch anfällig, wenn es schlecht läuft.

Hat die Musik Lil‘ Chris auf dem Gewissen? Wie es ihm ohne seine Musik ergangen wäre, kann man nicht wissen. Es macht mich traurig, dass er keinen Ausweg gesehen hat und diesen Weg wählte.

Autobiographisches

Ich habe auch selbst einige Jahre lang jeden Tag an Suizid gedacht.

Wenn ich auf dem Weg zur Schule an einem Kirchturm vorbeikam, stellte ich mir vor, wie es wäre von dort in den Tod zu stürzen. Oder auf dem Randstein eines Bürgersteigs zu balancieren, um ‚versehentlich‘ in ein entgegenkommendes Auto zu stürzen.

Ich weiß nicht wirklich, ob es am Ende vor allem der Selbsterhaltungstrieb war, der mich davor bewahrt hat. Es spielte wohl auch eine Rolle, dass ich meine Familie nicht verletzen wollte und auch keinem Autofahrer das Trauma zumuten wollte, jemanden zu überfahren oder einem Spaziergänger, dass jemand neben ihm auf den Bürgersteig knallt und vor seinen Füßen zerplatzt. Ich finde, dass man das niemandem zumuten sollte, schon nicht Fremden aber erst recht nicht den Menschen, die man liebt.

Für mein Unglück und meinen Todeswunsch gab es mehrere miteinander verbundene Gründe.

Ich war damals unglücklich verliebt und habe mich nicht getraut, den Jungen auch nur anzusprechen. Verliebt sein ist wie eine temporäre Geisteskrankheit, die aber glücklich macht. Unglücklich verliebt sein, bedeutet Tantalusqualen zu erleiden. In der Sage verbannten die Götter Tantalos in die Hölle und peinigten ihn dort mit ewigen Qualen, den sprichwörtlich gewordenen „Tantalosqualen“. Früchte und Wasser sind ihm greifbar nah, bleiben aber unerreichbar. So wie bei meiner unglücklichen Liebe, der Junge, den ich sehen konnte und nach dem ich mich aus der Ferne verzehrte.

Bei Tantalos gesellte sich zu Hunger und Durst die ständige Angst um sein Leben, da über Tantalos’ Haupt ein mächtiger Felsbrocken schwebte, der jeden Moment herabzustürzen und ihn zu erschlagen drohte. Der Felsblock, der mich zu erschlagen drohte, war die Furcht vor der Entdeckung meiner sexuellen Orientierung. Härter als die allgemeine Verachtung der Gesellschaft für Pädophile war die Angst, von Menschen, die ich liebe, nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie erfahren, wer ich wirklich bin.

Schließlich war da noch die Trauer um eine Zukunft, die ich verloren hatte. Ein gemeinsames Leben mit einem Partner, eine Heirat, Kinder. Es gibt natürlich auch Pädos, die verheiratet sind. Für mich kam das aber nicht in Frage. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas glücklich endet und wäre nicht bereit gewesen mir selbst und einer Frau so etwas zuzumuten.

Warum lebe ich noch?

Unmittelbar liegt es wohl am Selbsterhaltungstrieb und daran, dass ich meinen Tod niemand anderem zumuten wollte.

Aber ich habe die Selbstmordgedanken auch irgendwann überwunden.

Ich habe mich etwas stabilisiert, als ich die Schule beendet habe und den Jungen, in den ich mich aus der Ferne verliebt hatte, nicht mehr täglich sehen musste. Die Qualen unerfüllter Liebe gehen nämlich langsam zurück, wenn man den Menschen, in den man sich verknallt hat, lange genug nicht sieht. Ich hatte aber sehr lange Angst davor, mich noch einmal zu verlieben. Natürlich sehne ich mich nach Liebe. Aber ich wollte nicht noch einmal so leiden. Heute ist die Angst stark abgeschwächt. Ganz verschwunden ist sie nicht.

Es half mir als ich im Internet ein englischsprachiges Forum fand, in dem sich Betroffene austauschen können. Das Forum existiert noch heute: Boychat. Es gibt auch andere, auch deutschsprachige Angebote, die man über Boylinks finden kann. Wenn man mit niemandem über seine Gefühle sprechen kann, ist es Balsam auf die Seele, es dann auf einmal doch zu können.

Es tat mir auch gut, als ich das erste mal eine eigene Wohnung hatte und mir dort die Freiheit herausnahm, das Bild es Jungen an die Wand zu hängen. Durchaus mit der Idee es abzunehmen, wenn Besuch kommt. Aber trotzdem war es für mich eine Befreiung, nicht mehr auf meine innersten Gedanken beschränkt zu sein und wenigstens meine eigenen vier Wände für mich erobert zu haben.

Ein sehr großer Stein ist von meinem Herzen gerollt, als ich mich einigen Mitgliedern meiner Familie gegenüber geoutet habe. Der allerengste Familienkreis weiß heute Bescheid – und keiner hat mich verstoßen.

So glücklich muss es nicht immer laufen. Jemandem, der weiß, das die Person, der man sich öffnen möchte, stark homophob ist, würde ich davon abraten sich zu outen. Jedenfalls zumindest so lange man finanziell abhängig ist (also z.B. bis man sein Studium abgeschlossen hat oder einen Beruf ergriffen hat). Und auch sonst ist es eine schwierige Sache. Man kann es ja nicht zurück nehmen.

Es ist ein Sprung in den Abgrund. Aber wenigstens ist es ein Abgrund, bei dem man nicht tot ist, wenn man auf dem Boden aufschlägt. Es gibt eine gute Chance, dass man von den Menschen, die einen lieben, aufgefangen wird. Und wenn einem ein Zentner von der Seele gerollt wird, kann man auf einmal fliegen!

Trotz diesen Dingen, die mir geholfen haben, blieb ich viele Jahre depressiv. Es klatscht nicht einfach jemand in die Hände und die Seele ist geheilt. Ich war ein paar Jahre suizidal, danach stark depressiv und mit der Zeit etwas weniger stark depressiv. Ich habe mich vor allem lange in die Arbeit geflüchtet. Das habe ich inzwischen überwunden. Heute geht es mir meist recht gut. Es gibt immer noch schwarze Momente aber auch genug schöne, die das Leben lebenswert machen.

Was kann man machen, wenn es keinen Ausweg gibt?

Es ist normal, wenn man als Pädophiler schon mal an Selbstmord gedacht hat. Ich würde es sogar etwas merkwürdig finden, wenn man als Pädo noch nie davon betroffen war.

Aber es ist kein Naturgesetz, dass das Leben so verzweifelt bleibt, wie es sich in den dunkelsten Stunden anfühlt. Das Leben als Pädo bleibt schwierig. Aber es ist trotzdem auch immer wieder schön, wenn man ihm eine Chance gibt.

Ich lese relativ viel auf Nachrichtenseiten. Eine davon ist Spiegel Online. Einer der Gründe, warum mir diese Seite sympathisch ist, ist dass bei Artikeln, in denen es um Depression oder Selbstmord geht, stets einen Link zu einer Seite mit Hilfsangeboten gibt.

Hier finden Sie Hilfe in scheinbar ausweglosen Situationen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Wenn Ihre Gedanken kreisen und Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein, müssen es aber nicht. Es kann für Sie schwer sein, ausgerechnet über dieses Thema mit Menschen zu sprechen, die Ihnen nahe stehen.

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Wir stellen Ihnen die wichtigsten vor.

[Es folgt eine Liste mit verschiedensten Hilfsangeboten]

Quelle: Suizid-Seite von Spiegel Online

Das Künast-Urteil aus Pädo-Sicht

Das Skandalurteil im Verfahren um die Beleidigungen gegen Renate Künast hat schon erste Bartstoppeln. Bevor ihm endgültig ein Bart wächst, hier ein paar Gedanken dazu.

Fr. Künast wollte erstreiten, dass FaceBook die Daten der Personen herausgeben muss, die hinter Beleidigungen wie diesen stecken:

  • „Drecks Fotze“
  • „Stück Scheisse“
  • „Krank im Kopf“
  • „altes grünes Drecksschwein“
  • „Geisteskrank“
  • „kranke Frau“
  • „Schlampe“
  • „Gehirn Amputiert“
  • „Sondermüll“
  • „Alte perverse Dreckssau“
  • „als Kind wohl ein wenig viel gefickt worden“

Voraussetzung für eine entsprechende Verpflichtung des Dienstanbieters, ist lt. § 14 Abs. 3 des Telemediengesetzes, dass die Angaben zur Durchsetzung zivilrechtlicher Ansprüche wegen rechtwidriger Inhalte erforderlich ist.

Die Beleidigungen gegen Fr. Künast sind so krass, dass es für jeden auf der Hand liegen müsste, dass es sich um rechtswidrige Inhalte handelt.

Die Angriffe gegen Künast erfolgten als Reaktion auf einen Facebook-Beitrag, in dem ihr (mit Hilfe einer verfälschten Wiedergabe eines Zwischenrufs von Künast aus dem Jahr 1986 im Berliner Abgeordnetenhauses) eine pädophilie-freundliche Haltung unterstellt wurde.

Damals fragte ein Berliner CDU-Abgeordneter wie eine Kollegin von Künast zum Antrag der nordrhein-westfälischen Grünen zur Aufhebung der Strafandrohung wegen sexueller Handlungen an Kindern stehe. Künast rief dazwischen: „Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist.“ Künast stellt dies heute als Korrektur eines falsch wiedergegeben Antrags dar. Andere deuten den Kommentar als implizite Billigung von Sex mit Kindern, wenn keine Gewalt im Spiel ist.

Ich halte es für unwahrscheinlich, aber zumindest möglich, dass Künast damals tatsächlich diese Position vertrat und ihre heutige Erklärung dazu eine Schutzbehauptung ist. Sicher klären kann man es nicht. Es ist aber auch irrelevant, denn ihre heutige Haltung ist es sicher nicht und was jemand vor 33 Jahren in einem Zwischenruf gesagt hat, sollte heute keine Rolle mehr spielen, insbesondere, wenn seitdem immer wieder ganz andere (pädo-feindliche) Äußerungen von Künast und den Grünen zu hören waren.

Das Berliner Landgericht hatte zu klären, ob es sich bei den Äußerungen gegen Künast um rechtwidrige Beleidigungen bzw. üble Nachrede handelt. Es hat dies verneint.

Allen Äußerungen über Fr. Künast läge „eine Auseinandersetzung mit der Sache“ vor oder es bestehe „ein Sachzusammenhang“. Die Politikerin habe das Gesagte auch hinzunehmen, da es sich „im Zusammenhang mit ihrer Äußerung stehe“ und sie sich selbst geäußert habe.

Aus dem Urteil des Landgerichts:

(…) [Weil das Thema, mit dem Künast] vor vielen Jahren durch ihren Zwischenruf an die Öffentlichkeit gegangen ist, sich ebenfalls im sexuellen Bereich befindet und die damals von ihr durch den Zwischenruf aus der Sicht der Öffentlichkeit zumindest nicht kritisierte Forderung der Entpönalisierung in der Gesellschaft hat, ist die Kammer jedoch der Ansicht, dass die Antragstellerin als Politikerin sich auch sehr weit überzogene Kritik gefallen lassen muss. Dass mit der Aussage allein eine Diffamierung der Antragstellerin beabsichtigt ist, ohne Sachbezug zu der im kommentierten Post wiedergegebenen Äußerung ist nicht feststellbar. (…)

Die von der Antragstellerin angegriffenen Äußerungen sind sämtlichst Reaktionen auf den Post, den ein Dritter auf der von der Antragsgegnerin betriebenen Social-Media-Plattform eingestellt hat. Dieser Post zitiert einen von der Antragstellerin getätigten Einwurf und würdigt diesen so, wie er von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird (…)

Bei den Reaktionen hierauf handelt es sich sämtlichst um zulässige Meinungsäußerungen. Sie sind zwar teilweise sehr polemisch und überspitzt und zudem sexistisch. Die Antragstellerin selbst hat sich aber mit ihrem Zwischenruft, den sie bislang nicht öffentlich revidiert oder klargestellt hat, zu einer die Öffentlichkeit in ganz erheblichem Maße berührenden Frage geäußert und damit Widerstand aus der Bevölkerung provoziert.“

Ich übersetzte das (für mich) wie folgt:

  • Wer eine pro-pädophile Position vertritt (oder in diesen Verdacht gerät, weil er sich nicht ausreichend von pro-pädophilen Positionen distanziert) muss sich wegen seiner Provokation gegen das moralische Empfinden der Bevölkerungsmehrheit jede nur denkbare Beleidigung, Verunglimpfung, üble Nachrede und Hetze gefallen lassen.

Anders als Fr. Künast (jedenfalls die Fr. Künast des Jahres 2019) vertrete ich tatsächlich die Position, dass einvernehmliche Sexualität mit Kindern (also keine Gewalt, kein Zwang, keine Nötigung, sondern willentliche Zustimmung) straffrei sein sollte. Es werden dann nämlich keine Rechte verletzt und es gibt in diesen Fällen folglich auch keinen Geschädigten. Moralverbote („unsittliches Verhalten“ etc.) kennt das Strafrecht (eigentlich) nicht.

Wenn man der Logik des Urteils des Landgerichts folgt, könnte ich (und jeder andere, der pro-pädophile Positionen vertritt) beliebig beleidigt werden und müsste jede, noch so scharfe Hetze hinnehmen.

Ich rechne natürlich nicht gerade damit, dass mir meine Positionen irgendwelche Sympathien einbringen könnten.

Solange in Deutschland das Grundgesetz gilt, kann es aber nicht angehen, dass meine „Widerstand auslösende“ Meinung zum Thema Pädophilie und den „Pädophilengesetzen“ für mich zum Verlust von Grundrechten führen soll oder dass der gesetzlichen Schutz, den in Deutschland jeder Mensch genießt, gerade für mich, andere Pädos und Menschen, die pädo-freundlichen Positionen vertreten, selektiv außer Kraft gesetzt sein soll.

Auch wenn ich Fr. Künast eher unsympathisch finde und sie als (jedenfalls heute) pädo-feindliche Politikerin einschätze: die gegen sie gerichteten Beleidugungen hat sie nicht verdient. Derart üblen Mist, sollte sich niemand (kein Pädofreund und kein Pädofeind) gefallen lassen müssen.

Ich kann nur hoffen, dass das Urteil des Landgerichts durch eine höhere gerichtliche Instanz noch korrigiert wird (was mir auch sehr wahscheinlich scheint).

Ronan Parke (Forget You)

Bei einem Familienfest, bei dem alle Generationen vertreten waren, kam einmal Musik zur Sprache und es stellte sich ziemlich schneller heraus, dass die unterschiedlichen Generationen eine doch recht unterschiedliche Vorstellung von guter Musik hatten.

Normalerweise halte ich mich bei diesem Thema eher zurück, zumal ich eher als nicht so besonders musikaffin gelte. Vielleicht ist das etwas überraschend, da ich hier ja oft genug Musikclips von Jungs poste. Aber es sind eben Musikclips von Jungs und nicht einfach Musikclips. Ich höre insgesamt eher wenig Musik und besitze nicht einmal eine Stereoanlage.

Trotzdem hatte ich den spontanen Verdacht, dass ich einen Song kenne, den alle gut finden würden. Also hab ihn auf dem Smartphone herausgesucht und vorgespielt. Und tatsächlich: alle, von der etwas spießigen Oma über die mittelalterlichen Eltern bis hin zu den Teenager-Mädchen fanden den Song gut.

Dass ausgerechnet ich ein konsensfähiges Lied vorgeschlagen hatte, sorgte dabei für ein gewisses Maß an Verblüffung. Es handelte sich um das Lied Forget You in der Originalfassung von Cee Lo Green.

Dass ich den Song überhaupt kannte, lag am Live-Auftritt des damals 12jährigen Ronan Parke beim Musikfestival T4 On The Beach (2011). Seine Version kann mit dem Original mühelos mithalten. Dennoch erschien mir die Originalversion für das Vorspielen beim Familientreffen doch adäquater. 😉

Das Heil auf der anderen Seite der Autobahn

Gedanken über den Sinn des Lebens gibt es wohl, seit es Menschen gibt.

Ich wünsche mir ein erfülltes, sinnvolles Leben. Für mich gehört dazu, dass es mir selbst und den Menschen, die ich liebe (Familie, Freunden) gut geht. Dass ich nützlich bin und etwas Positives beitrage. Es gehört auch dazu, romantisch, sexuell, partnerschaftlich zu lieben und geliebt zu werden. Jemanden glücklich zu machen und jemand zu haben, der mich glücklich macht.

In Teilen ist das möglich, aber bedingt durch meine sexuelle Orientierung, gibt es ein ziemlich großes Loch in meinem Leben, soweit es das Romantische, Sexuelle und Partnerschaftliche angeht. Pädophil oder päderastisch veranlagt zu sein, ist mit enormen Einschränkungen hinsichtlich des Sexual- und Beziehungslebens verbunden.

Ich halte es für ziemlich normal, dass man sich danach sehnt, Sex mit einem anderen, begehrten Menschen zu haben, oder dass man gerne nachts mit jemanden ins Bett gehen möchte, um morgens wieder neben ihm aufzuwachen. Diese völlig normalen Wünsche sind für einen pädophil oder päderastisch veranlagten Menschen quasi-unerreichbar. Das liegt nicht an den Umständen an sich, sondern vor allem an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wer sich noch daran erinnert, wie es war, 12 oder 13 zu sein, wird sich höchst wahrscheinlich daran erinnern, dass er in dem Alter bereits sexuell interessiert war und vielleicht auch konkrete Beziehungswünsche hatte. Schon aus eigener Anschauung, muss es also (eigentlich) für jeden nachvollziehbar sein, dass z.B. pubertierende Jungen durchaus auch an Frauen sexuell interessiert sind und nicht nur an gleichaltrigen Mädchen. Analog sind schwule oder bisexuelle pubertierende Jungen durchaus auch an Männern interessiert und nicht nur an gleichaltrigen Jungen.

Einen interessierten und willigen Partner zu finden, mag zwar nicht einfach sein, aber es erscheint keineswegs unmöglich.

Doch selbst wenn Topf und Deckel magisch zusammenfinden: über jeder Beziehung zwischen einem Mann und einem Jungen schwebt das Damoklesschwert der gesellschaftlichen Ächtung und der strafrechtlichen Verfolgung. Die Beziehung ist darüber hinaus von einem Schweigefluch belastet. Eine Aufdeckung bedeutet das sofortige Ende der Beziehung. Es drohen empfindliche Haftstrafen für den Mann und eine Traumatisierung durch die Reaktion Dritter (Eltern, Polizei, Justiz, Therapeuten) für den Jungen.

In dem Song Be Alright von Dean Lewis kommen die tröstend gemeinten Worte „they can’t steal the love you’re born to find“ vor. Will heißen: „Sie können nicht die Liebe stehen, die zu finden du geboren wurdest.“

Das mag für andere Menschen passen. Für mich fühlt es sich so an, als hätte mir jemand die Liebe gestohlen, die für mich bestimmt war. Der „Dieb“ ist die Gesellschaft, die ihr pauschales Urteil längst gefällt hat, sich für konkrete Fälle nicht interessiert und die jede von der akzeptierten Norm abweichende Liebe hart und unerbittlich verfolgt.

Ich kann mich (wie bisher) fügen und das Leben an mir vorbeiziehen sehen. Und mich immer wieder, vor allem aber am Ende meines Lebens fragen, was hätte sein können. Oder ich kann mich dem Diebstahl verweigern und versuchen die entwendete Chance auf die Liebe zurück zu stehlen.

Aber damit begäbe ich mich in Gefahr und – schlimmer noch – würde auch den anderen, mir noch unbekannten Menschen, den zu lieben ich bestimmt bin, in Gefahr bringen. Mir droht dann bei Aufdeckung langjähriger Freiheitsentzug, dem Jungen eine scharfe, traumatisierende Intervention gegen eine positiv erlebte Beziehung, inklusive Gehirnwäscheversuch, um ihn davon zu überzeugen, dass er Gewalt mit Liebe verwechselt hat.

Ich kann also gefühlt zwischen Pest und Cholera wählen. Ein gescheitertes Leben ohne Liebe oder eine Liebe mit dem erheblichen Risiko eines für die Beteiligten katastrophalen Scheiterns.

Ich kann mich in eigener Verantwortung für mein Leben für das Risiko entscheiden. Aber einen anderen Menschen mittelbar diesem Risiko auszusetzen, wäre unverantwortlich.

Es ist aber auch nicht so, als ob dem Risiko nichts gegenüber stünde.

Meine Liebe ist das Wertvollste, das ich einem anderen Menschen geben kann und etwas Besseres als Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit kann ein Mensch kaum bekommen.

Wenn ich mich dagegen entscheide, den anderen dem Risiko (der mittelbaren Folgen) meiner Liebe auszusetzen, entziehe ich ihm zugleich auch die Möglichkeit mich und meine Liebe kennen zu lernen und nehme ihm alle Vorteile, die für ihn damit verknüpft wären, von mir geliebt zu werden.

Wenn ich meine Liebe gegen das Risiko in die Waagschale werfe, ist meine Liebe dann genug?

Es ist ja keineswegs so, dass ich perfekt wäre. Ich habe Angst davor, zu versagen und nicht so gut zu sein, wie es der geliebte Mensch verdient und wie ich es sein muss, um vor mir selbst bestehen zu können.

Vielleicht bin ich einmal nicht da, wenn er mich braucht und sich auf mich verlässt. Vielleicht braucht er mich und ich kann ihn nicht retten, weil seine Eltern das letzte Wort haben oder weil ich einfach keine Lösung für seine Probleme finde. Vielleicht verstehe ich ein Signal falsch und es kommt zu einer Berührung, die vom ihm so nicht gewollt war. Vielleicht liebt er mich noch, wenn er für mich sexuell nicht mehr attraktiv ist und ich verletze ihn, weil ich nicht nicht den richtigen Umgang mit der Situation finde.

Vielleicht läuft ganz viel gut, ich wähne mich in der Sicherheit, dass ich ihm gut tue und er mir gut tut – und dann wird die Beziehung entdeckt und stürzt unser beider Leben in eine Katastrophe, für die ich dann verantwortlich wäre (bzw. mich verantwortlich fühle).

Es gibt aber auch andere Risiken, denen Menschen ausgesetzt sind. Sie beginnen mit der Geburt, bzw. eigentlich schon mit der Zeugung. Das Kind könnte behindert sein, schlechte Eltern erwischen, in Kriegs- oder sonstigen Notzeiten aufwachsen. Auch das entzieht sich im Wesentlichen der Kontrolle, insbesondere der des Kindes. Eine latente Kriegsgefahr gibt es seit Jahrzehnten und die Klimakatastrophe ist in aller Munde. Die Menschheit steuert (vermeintlich) auf den Abgrund zu. Also keine Kinder mehr bekommen?

Es geht auch noch trivialer: wer eine Straße überquert, kann überfahren werden. Also keine Straßen mehr überqueren? Das macht wenig Sinn.

Allerdings kommt mir meine Liebe nicht wie eine gewöhnliche Straße, sondern eher wie eine Autobahn vor. Autobahnen überqueren lässt man besser. Eigentlich.

Aber wenn das Heil auf der anderen Seite einer Autobahn liegt, kann man in Versuchung geraten die Bedingungen zu optimieren, soweit es möglich ist, und es darauf ankommen zu lassen – etwa wie ein scheues Reh bei Nacht oder frech während eines Staus.

Ich schau mir die Autobahn an uns sehne mich auf die andere Seite.

Ich bin ein Bedenkenträger. Aber einer der hofft, dass ihn die Liebe heilt, weil sie blind macht und ihr eine Sekunde reicht, um Jahre an Bedenken hinweg zu wischen.