Cam Anthony (Ain’t No Sunshine)

Ain’t No Sunshine war der Song, mit dem Bill Withers 1971 sein Durchbruch als Singer/Songwriter gelang. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 32. Er hatte zuvor 9 Jahre in der US Armee gedient und arbeitete danach als Monteur.

Er bemühte sich ab 1967 darum, professioneller Musiker werden, trat in Clubs auf und schickte selbstfinazierte Demobänder an Plattenlabel. So etwas wie YouTube gab es damals ja noch nicht. 1970 klappte es, er erhielt einen Vertrag bei Sussex Records. Schon mit der ersten Aufnahme gelang ihm ein Volltreffer. Ain’t No Sunshine wurde mehr als eine Millionen Mal verkauft und bracht ihm den ersten von insgesamt 3 Grammys ein.

Ain’t No Sunshine blieb einer seiner bekanntesten Songs zu denen auch Lieder wie Lean on me, Lovley Day oder Just the two of us zählen. Am 03.04.2020 wurde bekannt, dass er wenige Tage zuvor (am 30.03.) im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

Ein Cover, das mir gut gefällt und thematisch zum Blog passt, stammt von Cam Anthony und wurde im April 2015 veröffentlicht, als Cam 13 Jahre alt war.

Cam hatte auch schon vor dieser Aufnahme durch andere YouTube Videos auf sich aufmerksam gemacht und ist dadurch zum Beispiel zu Auftritten im Fernsehen (in der Ellen Degeneres Show) oder bei jährlichen Osterfest des Weißen Hauses (damals von Barack Obama bewohnt) gekommen.

Drei Jahre später, im Mai 2018, hat er mit dem gleichen Lied das Finale der Fernseh-Talentshow „Showtime at the Apollo“ gewonnen.

Auch das eine schöne, aber dabei gänzlich andere Aufnahme – nicht nur wegen des Wechsels vom Wohnzimmer mit improvisierter Technik auf die großen Bühne mit Livepublikum, Fernsehen und Profitechnik, sondern auch weil Cam zwischenzeitlich seinen Stimmbruch erfolgreich überstanden hatte.

Heute ist er 18 und Musiker. Ob er damit dauerhaft seinen Lebensunterhalt verdienen kann oder gar reich und berühmt werden wird, muss sich noch erweisen. Ich wünsche ihm dafür jedenfalls viel Erfolg und bin mir sicher, dass auch Bill Withers diesbezüglich keinerlei Einwände hätte.

Wertvolle Niederlagen

Einer der Teilnehmer, der 5. Folge der aktuellen Staffel von The Voice Kids, war der 13-järige Finley. Er sag das (trotz des englischsprachigen Titels deutschsprachige) Lied „Oh Love“ von Marc Forster.

Ich fand, dass hat er gut gemacht. Aber es war nicht gut genug. Niemand hat für ihn gebuzzert und er ist damit einer der relativ wenigen, die bereits in den Blind Auditions ausgeschieden sind.

Zu The Voice Kids kommen nur junge Sänger, die etwas können, aber in so ziemlich jeder Folge der Blind Auditions gibt es auch jemanden, der es nicht in die nächste Runde schafft. Ich denke das hat für die Betroffenen etwas von Sitzenbleiben. Fast alle anderen schaffen es in die nächste Klasse (Runde), nur man selbst bleibt sitzen (ist ausgeschieden).

Finley rutschte nach seinem Auftritt, als im klar wurde, dass er nicht weitergekommen war, ein „Ach Scheiße“ heraus. Die gut gemeinte Manöverkritik der Coaches, mit dem obligatorischen Lob für den Auftritt, etwas Kritik („an den wichtigen Stellen nicht so richtig abgeholt“, „zu aufgeregt“, „zu viel nachgedacht“, „den Song mehr zu deinem machen“) und viel Zuspruch („dranbleiben“, „komm bitte nochmal wieder“) hat Finley dann tapfer über sich ergehen lassen.

Ich hatte allerdings den Eindruck, dass das Ganze in diesem Moment für Finley zu lange dauerte, dass sein Nervenkostüm arg strapaziert war und er eigentlich lieber geflüchtet wäre. Das durfte er dann am Ende auch und weil die Kamera die Kids begleitet, bis sie wieder bei der wartenden Familie sind, bekam man Live und in Farbe mit, dass ihm in der Umarmung seiner Mutter dann doch noch die Fassung entglitt und ein paar Tränen über das Gesicht rollten. Egal wie menschlich das ist – für einen 13-jährigen ist so etwas in der Öffentlichkeit peinlich und ein Gesichtsverlust.

Der beistehende Moderator hat nochmal versucht ihn zu trösten und darauf zu verpflichten, weiter zu machen und im nächsten Jahr wieder zu kommen. Und tatsächlich hat sich Finley auch (glaubhaft) dazu bekannt. Man darf also davon ausgehen, dass wir ihn in einem Jahr wiedersehen.

Seinen Auftritt sucht man auf YouTube vergeblich. Ich denke, dass entweder die Eltern oder vielleicht auch der Sender auf eine Verbreitung dort verzichten, um etwas von der Wucht der Niederlage zu nehmen und negative Auswirkungen auf das Kind zu minimieren. Auf der Sat1-Seite von The Voice Kids, kann man den Auftritt (ohne die Szene mit der Familie) aber abrufen.

Natürlich tat mir Finley leid. Aber mein erster bewusster Gedanke war: das war eine wichtige Niederlage für ihn.

Ich war mir sicher, dass er von seiner Familie gut unterstützt werden wird. Dass er am Ball bleiben, sich durchbeißen, hart arbeiteten und besser werden wird. An Niederlagen kann man zerbrechen oder wachsen. Ich bin mir sicher, dass Finley an seiner vorübergehenden Niederlage wachsen wird. Am Ende wird er ein besserer Sänger sein, als er es geworden wäre, wenn er mit einem Buzzer etwas glücklich aber gesichtswahrend in die nächste Runde gekommen und dort ausgeschieden wäre.

Einer, dem es im Vorjahr ähnlich wie Finley ergangen ist, ist Timur. Im letzten Jahr hat niemand für ihn gebuzzert. Timur hat weitergemacht, viel geübt und ist zurück gekommen. Diesmal wollten ihn alle vier Coaches in ihrem Team haben. Hier sein Auftritt:

Enttäuschungen und Niederlagen sind Teil des Lebens. Vor einem Millionenpublikum wie bei The Voice Kids muss man sie natürlich nicht unbedingt haben. Aber man kann es sich eben nicht aussuchen. Was immer die Umstände einer Niederlage sind, entscheidend ist, wie man mit ihr danach umgeht.

Ich wäre sehr überrascht, wenn Finley es Timur im nächstes Jahr nicht gleichtut und mit Bravour in die nächste Runde einzieht.

Kindliche Unschuld: Fehlanzeige

Ein Mythos, der sich zäh hält, ist der von der angeblichen Unschuld der Kinder.

Kinder wirken niedlich (Kindchenschema) und sind schutzbedürftig, aber mit Unschuld sollte man das nicht verwechseln. Insbesondere sind Kinder nicht sexuell „unschuldig“, was aber eigentlich ohnehin schon unsinnig ist, weil Sexualität generell nichts mit Schuld zu tun hat.

Ich finde es verstörend, wenn einerseits mantrahaft die kindliche Unschuld betont wird, andererseits eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Herabsetzung der Strafmündigkeit befürwortet.

In einer Umfrage bei Stern.de vom Juli 2019 waren 83 Prozent für die Herabsetzung von 14 auf 12 Jahre und 12 Prozent dagegen (ca. 3.200 Teilnehmer). Bei einer Insa-Meinungstrend Umfrage aus dem selben Monat im Auftrag der „Bild“-Zeitung waren 57.9 Prozent für eine Herabsetzung, 25.8 Prozent dagegen.

Ich halte es da eher mit Prof. Dr. Thomas Fischer, ehemaliger Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs:

Von allen Möglichkeiten und Vorschlägen, wie man mit problematischen, sozial randständigen, gefährdeten oder verwahrlosten kindlichen Grenzüberschreitern und Straftatverwirklichern umgehen kann oder soll, ist die Ausweitung des Strafrechts auf sie die sinnloseste, erbärmlichste und schädlichste.

Aus „Das Kind, der Verbrecher und die CSU“ bei Spiegel Online

Die Gleichzeitigkeit des Zelebrierens kindlicher Unschuld und der Propagierung einer Bestrafung verbrecherischer Kinder ist für mich schizophren.

Aber zurück zur Sexualität.

In Wissenschaftskreisen ist längst bekannt, dass es auch vorpubertär eine kindliche Sexualität gibt, die sich zwar von der Erwachsenen-Sexualität unterscheidet, aber deswegen nicht minder sexuell ist. In der Pubertät wird das sexuelle Erleben und Verhalten dann mit dem von Erwachsenen vergleichbar. Das sexuelle Interesse erreicht in der Pubertät sogar seinen Höhepunkt.

Schaut man in die üblichen Tabellen der Polizeilichen Kriminalstatistik, dann wirkt der Anteil kindlicher Tatverdächtiger an den verschiedenen Sexualstraftaten erst einmal nicht sehr hoch. In der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS 2019) findet man in der Statistik der Tatverdächtigen nach Alter und Geschlecht für den Sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) insgesamt 10.259 Tatverdächtige von denen 1.276 Kinder unter 14 Jahren waren.

Es gibt aber natürlich nicht so viele Kinder wie Erwachsene.

Wenn man die relative „Kriminalitätsneigung“ von Kindern im Vergleich zu der von Erwachsenen verstehen will, muss man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl heranziehen. Das ist eine kriminologische Häufigkeitsangabe und gibt die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles an. Kinder unter acht Jahren werden dabei nicht berücksichtigt. Die Tatverdächtigenbelastungszahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden.

Einen Einblick in die aktuellen Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) liefert die Statistik der Tatverdächtigenbelastung Deutsche nach Alter und Geschlecht der Kriminalstatistik 2019.

Ich habe aus den Angaben zu den verschiedenen Straftaten eine Auswahl getroffen und dabei zur besseren Übersichtlichkeit auf die Differenzierung der Täter nach Geschlecht verzichtet. Leider ist die Tabelle recht groß, so dass das Bild dazu hier nur sehr klein dargestellt wird. Um die Tabelle gut lesen zu können, muss man etwas heranzoomen.

Ausgewählte Straftaten PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Bei den den „Straftaten gesamt“, Körperverletzung, Diebstahl, Beleidigung und Sachbeschädigung usw. sieht man, dass Kinder schon ganz allgemein gesehen keineswegs „unschuldig“ sind. Sie kommen überall vor. In der Gruppe der 12 bis 13-jährigen liegt die Tatverdächtigenbelastungszahl außer bei Beleidigungen und fahrlässiger Körperverletzung sogar über dem Wert für die Gesamtbevölkerung.

Bei jüngeren Kinder sinken die Werte. Diesbezüglich sollte aber beachtet werden, dass strafrechtlich relevante Handlungen von Kindern oft nicht angezeigt werden, weil viele sich über die Straflosigkeit von Kindern aufgrund ihrer fehlenden Strafmündigkeit im Klaren sind. Bei einem 12 bis 13-jährigen kann man auf Anhieb nicht sicher erkennen, ob er vielleicht bereits strafmündig ist. Bei jüngeren Kindern gelingt dies schon eher.

Teilt man den Wert der Altersklasse z.B. bei der vorsätzlichen einfachen Körperverletung 381 pro 100.000 für die 12 bis 13-jährgen durch den Wert für die Gesamtbevölkerung von 331, dann erhält man ein Aktivitätsniveau der Alterklasse relativ zur Gesamtbevölkerung von 115%. Dieses Niveau habe ich für jede der Straftaten und Alterklassen errechnet.

Interessant finde ich zum Beispiel, dass Kinder relativ seltener bei fahrlässiger Körperverletzung auffällig werden (z.B. 48 % bei 12 bis 13-jährgen). Wenn man sich die absichtlichen (vorsätzlichen) Fälle anschaut, liegen die 12 bis 13-jährgen darüber (115%). Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung steigt das Niveau noch weiter an.

Ehe man nun mit der Verteuflung anfängt: sie liegen immer noch unterhalb des Niveaus aller Altersklassen darüber bis inklusive der 25 bis 30-jährigen.

Natürlich interessieren mich hier besonders die Werte aus dem Bereich der Sexualstraftaten. Hier eine entsprechende Übersicht zu ausgewählten Straftaten mit Sexualitätsbezug:

Ausgewählte Straftaten mit Sexualitätsbezug, PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Für den sexuellen Missbrauch von Kindern liegen das Aktivitätsniveau der 10 bis 11-jährigen bei 89% des durchschnittlichen Aktivitätsniveaus der Gesamtbevölkerung. Bei den 12 bis 13-jährigen liegt der Wert 328%, bei 14 bis 15-jährigen bei 646%, bei 17 bis 18-jährigen bei 434%. Danach geht der Wert dann für Heranwachsende auf 225% zurück und bleibt für höhere Altersklassen bei etwa 120%. Er sackt dann im Bereich der 50 bis 60-jährigen auf 59% und für die noch älteren auf 24% ab. Die Fallzahlen der 8 bis 9-jährigen (65%) liegt etwa auf dem Niveau der 50 bis 60-jährigen.

Eine ähnliche Beobachtung kann man auch bei den anderen Straftaten mit Sexualbezug ablesen. Im Grunde sieht man hier wohl vor allem, wie sich die Libido bzw. das sexuelle Interesse im Laufe des Lebens ändert.

Schaut man sich die Prozentzahlen an, kann man leicht erkennen, dass durch die Bank bei allen dargestellten Straftaten die höchste Aktivität bei den 12 bis 13-jährigen, den 14 bis 15-jährigen und den 16 bis 17-jährigen zu verzeichnen ist.

Mich verwundert das kein bisschen. Dieses Segment der Bevölkerung ist pubertäts-bedingt das sexuell aktivste und fällt deshalb natürlich auch am häufigsten auf.

Mit der sexuellen „Unschuld“ der Kinder ist es jedenfalls nicht weit her, auch nicht wenn man die offiziellen Zahlen zu den Tatverdächtigen-Statistiken des BKA heranzieht. Schon 10 bis 11-jährige sind da bereits nahe am Niveau der Gesamtbevölkerung. Danach kommt es zu einem fast schon exponentiellen wirkenden Anstieg des sexuellen Interesses und der „Auffälligkeiten“ mit Spitzenwerten bei den 14 bis 15-jährigen. Erst nach der Heranwachsendenphase (Altersklasse 18 bis 20) wird ein „Normallevel“ erreicht.

Schauen wir uns nun die Werte für Pornographiedelikte an:

Ausgewählte Straftaten mit Pornographiebezug, PKS 2019 (TVBZ und realtives Niveau nach Altersklasse)

Man kann erkennen, dass die Herstellung (!) von Kinder- und Jugendpornographie vor allem ein Kinder- und Jugendverbrechen ist. Wahrscheinlich handelt es sich überwiegend um „Selbstportraits“. Die Hürden sind denkbar niedrig. Mehr als sexuelles Interesse und ein Smartphone braucht es dazu nicht.

Die pädoaktivistische Seite Krumme13.org berichtete dazu bereits vor ein paar Tagen:

Auch in diesem Jahr wird an der polizeilichen Kriminalstatistik(PKS) wieder deutlich, dass auch immer mehr Kinder & Jugendliche von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen und verbreiten. Die Kriminalisierung der Kids schreitet weiter voran. Hausdurchsuchungen bei der Eltern sind stets die furchtbaren Folgen. Die Kids von heute sind keine sexuallosen Wesen, die nicht wissen, was sie wollen. Kinder, die von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen, können sich dabei nicht selbst vergewaltigen. Sie können dabei auch nicht an ihrem eigenen Körper sexuell übergriffig werden. Erst Recht gilt dies für Jugendliche.

Aus dem Artikel „Kriminalstatistik 2019 veröffentlicht

Die Herstellung von Kinderpornographie mit Verbreitungsabsicht (!) kommt bei 8 bis 9-jährigen 3,16-mal, bei den 10 bis 11-jährigen 5,14-mal, bei 12 bis 13-jährigen 14,53-mal (!) und bei 14 bis 15-jährigen 3,52-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Die Herstellung von Jugendpornographie mit Verbreitungsabsicht kommt bei 14 bis 15-jährigen fast 20-mal (!) und bei 16 bis 17-jährigen 9,32-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Auch Cybergrooming (vorherige Tabelle, dort die Zeile „Einwirken auf Kinder § 176 Abs. 4 Nr. 3 und 4 StG“) ist ganz entschieden vor allem eine Straftat von Kindern ab 12 (641%), Jugendlichen (960%) und Heranwachsenden (606%).

Ein paar Schlussfolgerungen dazu:

1) Die Gesetze, die Kinder und Jugendliche schützen sollen, treffen Kinder und Jugendliche überproportional häufig.

Aus meiner Sicht, bedeutet das nicht, dass man spezielle Straf- und Erziehungskonzepte für auffällig gewordene Kinder und Jugendliche benötigt, sondern dass kinder- und jugendtypisches Verhalten, das nicht strafwürdig ist, nach aktuellem Gesetz unter Strafandrohung steht. Hier gibt es Korrekturbedarf.

Die Herstellung von kinder- oder jugendpornographischen Schriften sollte für Kinder und Jugendliche straffrei sein. Die eigene Verbreitung eines kinder- oder jugendpornographischen Selbstportraits sollte ebenfalls von Strafe befreit sein.

Bei sexuellem Missbrauch von Kindern (inkl. Cybergrooming) sollte es eine Altersdistanzklausel von drei oder vier Jahren geben, die bewirkt, dass sich zum Beispiel ein 14-jähriger, der einvernehmlichen Sex mit einem 12-jährigen hat, nicht mehr strafbar macht.

2) Schon 12 bis 13-jährige haben ganz offensichtlich regelmäßig ein intensives sexuelles Interesse.

Wer sich für etwas interessiert, ist typischerweise entwicklungsgemäß auch reif genug, um auf dem betreffenden Gebiet Erfahrungen zu sammeln. Das Lebensrisiko, dass dabei nicht jede Erfahrung zwingend positiv sein muss, muss man in diesem Fall hinnehmen.

Kinder haben Rechte und zu diesen Rechten gehört auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung also das Recht „ja“ oder „nein“ zu sagen. Eine Verkürzung auf das Recht, „nein“ zu sagen, ist für jemanden, der sich bereits intrinsisch motiviert für sexuelle Handlungen interessiert, nicht hinnehmbar.

Eine Anerkennung des Rechts des Kindes, „ja“ zu sagen, bedeutet dabei noch nicht, dass man willentlich einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen deshalb zwingend legalisieren muss. Es gibt schließlich zwei Beteiligte und es ist möglich, eine Pflicht des Erwachsenen zu postulieren, in diesem Fall „nein“ zu sagen, auch wenn er eigentlich gerne „ja“ sagen würde.

Die Pflicht, auf ein „ja“ mit einem „nein“ zu antworten, wäre dann aber ein schwerwiegender Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung des Erwachsenen UND des Kindes. Er müsste daher sehr gut begründet sein. Es müsste dafür wissenschaftlich nachweisbar sein, dass ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt eines Kindes mit einem Erwachsenen ein Kind mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit belastet, als ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt mit einem anderen Kind.

Eine Pflicht, eines Kindes (oder eines beinahe-Kindes) auf ein „ja“ eines anderen Kindes mit einem „nein“ zu antworten, kann es dagegen nicht geben. Einem Erwachenden gegenüber mag das bei guter sachlicher Begründung noch zumutbar sein. Dieselbe Anforderung an ein Kind zu stellen, wäre unverhältnismäßig.

Zumindest die Schutzwirkung einer tatbestandsauschließenden Alterdistanzklausel ist daher überfällig. In Österreich und der Schweiz gibt es bereits entsprechende Regelungen. Deutschland sollte nachziehen.

Beispiel für eine solche Klausel (aus Artikel 187 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs):

Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.

3) Wenn Kinder offensichtlich mit 10 und 11 Jahren schon annähernd auf dem sexuellen „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung liegen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 95%) und Kinder von 12 und 13 Jahren das „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung deutlich übertreffen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 579%), dann erscheint das aktuelle, starre Schutzalter von 14 Jahren als zu hoch.

Das mit dem Schutzalter geschützte Rechtsgut ist die „von vorzeitigen sexuellen Erlebnissen ungestörte Gesamtentwicklung des Kindes“.

Vorzeitig ist, was von außen aufgedrängt wird, bevor es ein eigenständiges intrinsisches sexuelles Interesse gibt. Hiervon kann spätestens in der Altersklasse der 12 bis 13-jährigen wohl keine Rede mehr sein.

Wer aus „entwicklungspsychologischen Gründen“ dennoch eine erst spätere sexuelle Reife postuliert, die das Kind erst später zur Ausübung seines sexuellen Selbstbestimmungsrechts befähigt, muss es aushalten, wenn wissenschaftliche Beweise für seine These verlangt werden. Eine lediglich von Moralvorstellungen getragene Meinung oder Theorie reicht zur Rechtfertigung eines schwerwiegenden Grundrechtseingriffs nicht aus.

Gute Frage … (sichtbar sein – aber wo?)

Vorurteile überleben nicht immer die Begegnung mit der Wirklichkeit.

Einem Muslim, einem Asylanten, einem Homosexuellen oder einem Transsexuellen kann man im wirklichen Leben begegnen. Und dann stellt man vielleicht fest, dass die Person nicht oder jedenfalls nicht so ganz in das Bild passt, das man sich von ihr gemacht hat. Sie ist dann eben die Ausnahme. Das ändert nichts am Vorurteil, weicht es aber vielleicht doch ein wenig auf.

Wenn man dann der dritten, fünften oder zehnten Ausnahme begegnet ist, wird das eigene Erleben langsam wichtiger als das fremdvermittelte Bild an dem man sich bis dahin orientiert hat. Und wenn man genug Menschen kennenlernt hat, bestehen gute Chancen, dass sich die eigene Erfahrung der Wirklichkeit annähert.

Das vermittelte Bild vom Pädophilen ist der gewalttätige oder manipulative in jedem Fall aber egoistische, triebhafte und böse Kinderschänder. Pädophile und vermeintliche Pädophile „kennt“ man nur aus Nachrichten über Missbrauchstaten und die Massenmarkt-taugliche Verarbeitung in Krimisendungen. Das Bild speist sich also vor allem aus echten und erfundenen Verbrechen gegen Kinder, die nicht notwendigerweise von Pädophilen begangen wurden, ihnen in der Regel aber zugeschrieben werden. Die Mehrzahl der Täter sind in Wirklichkeit Ersatztäter.

Entkräftet werden kann dieses Bild nicht. Man begegnet ja keinen Pädophilen. Oder richtiger: man begegnet zwar Pädophilen, erkennt sie aber nicht als solche. Man kann schließlich niemandem die Pädophilie an der Nasenspitze ansehen und Pädophilie ist so stark geächtet, dass niemand sich freiwillig dem Risiko aussetzt, sich als Pädo zu erkennen zu geben.

Orte, wo man Pädophilen zumindest virtuell begegnen könnte, etwa auf Selbsthilfeforen wie dem Jungsforum, auf Seiten von Aktivisten wie K13 Online oder auf meinem Blog, ziehen Normsexuelle nicht an und die meisten, die zufällig darauf stoßen, wenden sich sofort wieder ab, ohne sich mit dem Vorgefundenen auseinander gesetzt zu haben.

Einerseits empfinden viele Normsexuelle diese sexuelle Orientierung als abstoßend, andererseits kann die Befürchtung aufkommen, dass man allein durch den zufälligen Besuch einer pädophilen bzw. pädofreundlichen Webseite selbst in den Verdacht geraten könnte, pädophil zu sein – und aufgrund dieses Verdachts geächtet zu werden oder Besuch von der Polizei zu bekommen.

Auch bei frei zugänglichen und inhaltlich völlig legalen Angeboten beschränkt sich die Leserschaft pädophiler Internetseiten daher im Wesentlichen auf Pädophile.

Wenn man als Pädophiler trotzdem ein wenig an den Vorurteilen rütteln will, bedeutet das meines Erachtens, dass man dahin muss, wo man vor allem Normsexuelle erreicht und wo man sich pseudonym als Pädo outen kann, ohne dass man deshalb rausgeschmissen oder geblockt wird.

Wohin könnte man da gehen? Gute Frage …

Die Antwort – jedenfalls eine mögliche Antwort – ist gutefrage.net.

gutefrage.net (Eigenschreibweise: gutefrage) ist eine digitale Frage-Antwort-Community, nach Zahlen die größte ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Ziel der Plattform ist es, praktische Ratschläge, persönliche Erfahrungen, Wissen und Meinungen kostenfrei zwischen den Nutzern zu vermitteln. Der Austausch auf gutefrage.net ist, sofern gesetzeskonform, nicht themenlimitiert und kann entsprechend zu allen Bereichen des täglichen Lebens stattfinden. (…)

Die Internetplattform dient Fragestellern dazu, von anderen Nutzern Antworten auf individuelle Fragen zu erhalten. Diese können nach einem persönlichen Rat oder einer persönlichen Erfahrung fragen, Diskussionen anstoßen oder lexikalischen Charakter haben. Sowohl Fragen als auch Antworten lassen sich nach einer Registrierung unlimitiert einstellen.

Die Vergabe von Themen/Schlagworten (Social Tagging) erleichtert das Auffinden von Fragen und Antworten. Registrierte Nutzer können einzelne Themen abonnieren und somit Fragen zu diesen Themen per Mail sowie in ihrem persönlichen Fragen-Feed erhalten.

Als Content Farm besteht der Inhalt der Seite größtenteils aus User-Generated-Content. Beiträge der Nutzer werden dabei durch ein internes System der Punktevergabe (Gamification) belohnt, welches auf Bewertungen durch andere Nutzer beruht. (…)

Neben der Contentproduktion haben die Nutzer die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen, über private Nachrichten zu kommunizieren und Beiträge aller Art zu bewerten. Fragesteller haben zudem die Option, unter den Antworten auf ihre Frage die hilfreichste auszuzeichnen. (…)

Auf gutefrage.net wird nach formalen Richtlinien moderiert. Eine inhaltliche Moderation findet mit wenigen Ausnahmen nicht statt.

Aus dem Wikipedia-Artikel Gutefrage.net

Ich habe mich vor etwas über einem Jahr auf Gutefrage.net als Schneeprinz angemeldet (Schneeschnuppe war leider nicht verfügbar). Bisher habe ich 67 Antworten eingestellt, überwiegend zu den Themenbereichen Pädophile und Kindesmissbrauch. Zum Teil habe ich dabei auch Abschnitte aus Blogartikeln wiederverwendet oder auf Blogartikel verlinkt. Im Unterschied zum Blog sind meine Leser dort aber ganz überwiegend Normsexuelle.

Hier ein paar aktuelle Beispiele:

Frage von DasPferdechen:

Was sagst du zu dieser Aussage (Pädophilie)?

„Da es Kinder gibt, die durch sexuelle Handlungen mit Erwachsenen gar nicht schwer traumatisiert werden, sollte Sex mit Kindern grundsätzlich legalisiert werden. Sexueller Missbrauch soll aber trotzdem verboten bleiben.“

Ich persönlich bin absolut gegen diese Aussage aus verschiedenen Gründen und würde gerne eure Argumentation dazu hören.

Meine Antwort dazu (85 mal gelesen, von 5 Personen als „hilfreich“ markiert und 2 mal mit einem „Danke“ bedacht):

Für mich wäre das wesentliche, dass sexueller Missbrauch weiterhin strafbar bleibt.

Wenn es keinen sexuellen Missbrauch gab (also: willentliches Einverständnis, keine Gewalt, keine Nötigung, keine Drohungen, keine Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, kein Inzest) und keine Schädigung erkennbar ist (keine Traumatisierung) wäre der Resttatbestand aus meiner Sicht nicht strafwürdig.

Es stellt sich für mich dann die Frage, ob in Hinblick auf den Resttatbestand überhaupt noch ein legitimer Schutzzweck erfüllt wird. Moralvorstellungen haben im Sexualstrafrecht eigentlich nichts verloren. Es geht um den Schutz von Rechtsgütern vor einer Beeinträchtigung (sexuelle Selbstbestimmung) und vor einer Gefährdung (Ungestörte sexuelle Entwicklung).

Bei Fehlen von Missbrauchstatbeständen UND willentlichem Einverständnis UND Abwesenheit von Beeinträchtigungen / Schäden kann man von einem Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht mehr reden. Allerdings kann man durch die Tat eine abstrakte Gefährdung der sexuellen Entwicklung annehmen, die dann strafbar sein kann, ohne dass sich die Gefährdung tatsächlich realisieren muss.

Dem steht entgegen, dass durch ein lediglich auf abstrakten Gefährungsüberlegungen beruhendes Verbot die sexuelle Selbstbestimmung des Kindes eingeschränkt wird. Wenn Kinder Rechte haben (was ja neuerdings durch Politiker aller Parteien überwiegend bejaht wird), dann muss man diese Rechte auch ernst nehmen und eine Ausübung der Rechte akzeptieren, die einem nicht in de kram passt und die man anstößig findet.

Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn es mehr Forschungen zu den Wirkung (auch Spätwirkungen) von sexuellen Kontakten gäbe. Dies ist bereits wichtig, um die bestmögliche Behandlung von Schäden bzw. Versorgung von Opfern zu gewährleisten, sollte aber auch Erkenntnisse in Hinblick auf die Haltbarkeit des abstrakten Gefährungstatbestandes liefern.

In anderen Bereichen haben sich vermutete (oder vorgeschobene) abstrakte Gefährdungen bereits als wissenschaftlich haltlos erwiesen (Verführungstheorie zur Homosexualität). Das bedeutet nicht, dass er sich an anderer Stelle zwangsläufig ebenfalls als haltlos erweisen muss. Wenn man hierzu wissenschaftliche Erkenntnisse hätte, wäre das aber durchaus bedeutsam, auch für die strafrechtliche Würdigung.

Wenn man die Existenz nicht oder weniger strafwürdiger Fälle bejaht, wäre es meines Erachtens sinnvoll, zur Vermeidung unbilliger Härte z.B. einen „minder schweren Fall“ einzuführen.

Wenn z.B. Staatsanwalt und Richter der Auffassung sind, dass es zwischen den Beteiligten ein Liebesverhältnis gab, macht die Bestrafung aus meiner Sicht keinen Sinn und ist sogar schädlich.

Wenn man meint, dass es solche Fälle ohnehin nicht gibt, kann man die Möglichkeit von einer Bestrafung in diesem Fall abzusehen, zulassen, da sie in der Praxis ohnehin nie greifen würde also auch niemandem den Schutz entzieht.

Wenn man es für möglich hält, dass es solche Fälle tatsächlich gibt, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man dieser Wirklichkeit besser gerecht werden kann als es mit dem heutigen Strafrecht möglich ist.

Disclaimer

Ich bin pädophil, bzw. päderastisch veranlagt und fühle mich zu Jungen im Alter von ca. 10 bis 14 Jahren hingezogen. Ich bin weder übergriffig geworden, noch sehe ich die Gefahr einmal übergriffig zu werden.

Wenn jemand meint, dass meine Gedanken bereits dadurch entwertet werden, dass man mir ein Eigeninteresse unterstellt, muss ich das in Kauf nehmen.

Ich hoffe, dass es trotzdem möglich ist, die Argumente zum Thema sachlich abzuwägen und zu diskutieren. Es kommt nicht darauf an, was ich mir vielleicht wünsche oder was ein anderer ekelig und unmoralisch findet, sondern darauf, wie man den Menschen am besten gerecht wird.

Als weiteres Beispiel eine Frage von Alien94:

Sexueller Missbrauch, Schutzalter und Psychologie?

TRIGGERWARNUNG: Wer selbst Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste, muss damit rechnen, dass es in der Frage Trigger gibt.

Laut 176 StGB liegt das Schutzalter in Deutschland bei 14 Jahren. Jetzt kann man sich freilich fragen, ob dieses spezielle Alter auf einer wissenschaftlichen Basis fußt.

Gibt es psychologische Studien, die sich mit der Frage nach dem „richtigen“ Schutzalter befassen? Falls ja, bitte einen Link oder eine Buchquelle etc. posten, falls es sowas gibt 🙂

Vielleicht auch nur indirekt? Dass z.B. untersucht wird, wie schlimm die psychischen Folgen in Relation zum Alter sind. In Relation zum Verhältnis zum Täter. Zu Persönlichkeitseigenschaften des Opfers. Zum Umfeld des Opfers.

Denn ich als Laie kann mir nur schwer erklären, wieso die Unterschiede in den Folgen für die Opfer so unterschiedlich sind. Im Grenzbereich unseres Schutzalters (12-15) fällt es mir aus ethischer (nicht: rechtlicher) Sicht oft schwer zu sagen, ob das jetzt ein Missbrauch war oder nicht. Im Grenzbereich verschwimmt alles.

Da wäre halt die Psychologie am Zug, um auf wissenschaftlicher Basis festzustellen, unter welchen Konstellationen Traumata entstehen und unter welchen nicht.

Je nach Ergebnis sollte das Schutzalter erhöht, gesenkt oder flexibilisiert werden. Das gleiche gilt für das Strafmaß.

Ich hoffe, es wird deutlich was ich meine.

Danke für eure Antworten 🙂

Meine Antwort dazu (196 mal gelesen, 2 mal „hilfreich“, 1 mal „Danke“, 26 Kommentare):

Es gibt eine Reihe von Studien, die nahelegen, dass es sich bei sexuellen Kontakten mit Minderjährigen nicht immer um sexuelle Gewalt handelt. Einige Beispiele:

1) Studie „Sexualität, Gewalt und psychische Folgen“, erschienen in der Forschungsreihe des BKA, Band 15, aus dem Jahr 1983, von Michael Baurmann

Die Studie ist sehr umfangreich und umfasst 791 Seiten. Das Literaturverzeichnis umfasst 52 Seiten mit ca. 500 Autoren und Quellenangaben. Die eigentliche Studie besteht aus einer viktimologischen Untersuchung von 8.058 Opfern von Sexualdelikten. Ausgangspunkt der viktimologischen Untersuchung war eine vierjährige Fragebogenaktion (1969-1972) bei nahezu allen Sexualopfern, die im Bundesland Niedersachsen bei der Polizei bekannt wurden.

Ich habe diese Studie hier besprochen und umfangreich daraus zitiert.

2) Studie „The prevalence of unwanted and unlawful sexual experiences reportedby Danish adolescents: Results from a national youth survey in 2002“ (= Die Prävalenz unerwünschter und ungesetzlicher sexueller Erfahrungen, die von dänischen Jugendlichen gemeldet werden: Ergebnisse einer nationalen Jugendstudie aus dem Jahr 2002).

Die Studie basiert auf multimedialen, computergestützten, selbstverwalteten Fragebögen, die von einer nationalen, repräsentativen Stichprobe von 15- bis 16-Jährigen ausgefüllt wurden (5.829 Teilnehmer).

Ich habe diese Studie hier besprochen.

Link zur Studie im Volltext.

3) „A meta‐analytic review of findings from nationalsamples on psychological correlates of child sexualabuse“ von Rind, Tromovitch (1997)

Metaanalyse von 7 nationalen Studien mit insgesamt 8.500 Teilnehmern. Auf der Grundlage der Ergebnisse kamen die Autooren zu dem Schluss, dass der allgemeine Konsens, der Kindesmissbrauch mit intensivem, allgegenwärtigem Schaden und langfristiger Fehlanpassung in Verbindung bringt, falsch ist.

Link zur Studie im Volltext.

4) Meta-Analyse von Rind, Tromovitch, Bauserman „A Meta-Analytic Examination of Assumed Properties of Child SexualAbuse Using College Samples“ (1998)

Metaanalyse von 59 Studien (36 veröffentlichte Studien, 21 unveröffentlichte Doktorarbeiten und 2 unveröffentlichte Masterarbeiten) mit einer Gesamtstichprobengröße von 35.703 Hochschulstudenten (13.704 Männer und 21.999 Frauen).

Die Ergebnisse der Meta-Analyse zeigten, dass Studenten, die Kindesmissbrauch erlebt hatten, im Vergleich zu anderen Studenten, die keinen Kindesmissbrauch erlebt hatten, etwas weniger gut angepasst waren, aber dass das familiäre Umfeld einen bedeutenden Störparameter (Confounder) darstellte, der für den Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und Schaden verantwortlich sein könnte. Intensive, allgegenwärtige Schäden und langfristige Fehlanpassung waren in den meisten Studien eher auf Störparameter (Confounder) als auf den sexuellen Missbrauch selbst zurückzuführen (obwohl Ausnahmen für Missbrauch mit Gewalt oder Inzest festgestellt wurden).

Link zur Studie im Voltext.

5) „Reactions to First Postpubertal Male Same-Sex Sexual Experience in the Kinsey Sample: A Comparison of Minors With Peers, Minors With Adults, and Adults With Adults“ von Rind und Welter (2016)

Link zur Studie im Volltext

Grundlage der Studie ist der Original-Datensatz mit allen befragten Jungen und Männern der Kinsey-Studie (ohne die Gefängnisinsassen, 6.621 Personen). Davon wurden all jene 1.094 Personen berücksichtigt, für die Daten zur ersten postpubertären gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrung und dem Alter des Partners vorlagen.

Als postpubertär wurden jene Menschen angesehen, die bereits ihre erste Ejakulation hatten. Das Durchschnittsalter bei der Pubertät betrug 12.62 Jahre und reichte von 8 bis 18 Jahre.

Die Menschen wurden damals gefragt, ob sie ihre erste sexuelle Erfahrung genossen haben. Es gab diese Antwortmöglichkeiten: 1=nein, 2=ein bisschen, 3=etwas, 4=sehr („1=no; 2=little; 3=some; 4=much“).

Minderjährige unter 18 Jahren mit Erwachsenen (mittleres Alter: 14,0 bzw. 30,5 Jahre) reagierten häufig (70%) positiv (dh genossen die Erfahrung „sehr“) und selten (16%) emotional negativ (z. B. Angst, Ekel, Scham, Bedauern). Diese Quoten waren die gleichen wie bei Personen, die ihre erste gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrung als Erwachsene mit anderen Erwachsenen hatten (mittleres Alter: 21,2 bzw. 25,9): 68% positiv bzw. 16%. negativ.

Minderjährige mit Gleichaltrigen (mittleres Alter: 13,3 bzw. 13,8 Jahre) reagierten signifikant häufiger positiv (82%) und nominell weniger häufig negativ (9%).

Minderjährige mit Erwachsenen reagierten ebenso häufig (69%) positiv auf Geschlechtsverkehr (oral, anal) wie auf Outercourse (Körperkontakt, Masturbation, femoral) (72%) und reagierten emotional signifikant seltener negativ (9% gegenüber 25%).

Die Ergebnisse werden in Bezug auf den kulturellen Kontext diskutiert, der für Kinseys Zeit spezifisch ist.

6) Ich habe mich hier eingehend mit der Frage des „informed consent“ auseinandergesetzt.

Als letztes Beispiel eine Frage von Nico888235:

Pädophile oder zwangsgedanken??

Hallo, ich bin männlich 14 Jahre alt und habe seit 2 Monaten Angst Pädophile zu sein ich stand immer auf gleichaltrige oder ältere aber seit dem habe ich Angst das es nicht mehr so ist, wen ich ein Kind sehe ist es unangenehm ich finde es irgendwie ecklig, aber wen es mir gut geht sind die gedanken weg, ich habe mal ein porno angeschaut mit einer kleinen puppe kinder ähnlich um zu schauen ob mir das Gefällt und habe mich darauf befriedigt aber es war irgendwie unangenehm, und das hab ich nur einmal gemacht, bin ich jetzt Pädophile?

Meine Antwort (23 mal gelesen, 1 „hilfreich“, 1 Kommentar):

Da du bisher immer auf gleichaltrige oder ältere gestanden hast, halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass du pädophil bist. Normalerweise verschiebt sich die Alterspräferenz in der Pubertät nicht mehr nach unten. Sie bleibt wo sie ist oder wächst noch ein bischen mit.

So wie ich es verstehe hast du vor einiger Zeit eine sexuelle Erregung an dir bemerkt, die für dich nun auf eine pädophile Neigung hindeutet und dich in Angst und Schrecken versetzt.

Nur weil dich etwas erregt hat, sagt das nichts über deine primäre sexuelle Neigung aus. Vor allem ist Sexualität nicht binär. Man kann z.B. auch 90% heterosexuell sein und ganz selten (10%) doch einmal auf einen Mann / Jungen anspringen. Deswegen ist man dann nicht homosexuell. Man hat vielleicht eine homosexuelle Nebenader, aber das ändert dann nichts daran, dass man dann immer noch primär an weiblichen Wesen interessiert ist.

So ähnlich ist es auch mit dem Alter bzw. der sexuellen Alterspräferenz. Er gibt keine Männer, die sich erst punktgenau ab dem 18. Geburtstag für eine Frau interessieren. Die Augen sehen ja nicht zuerst den Pass.

Im Prinzip liegt unterliegt die altersmäßige Anziehung einer Normalverteilung. Wo der Höhepunkt der Kurve ist, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er könnte Beispielsweise bei 20 Jahren liegen und 15 bis 25 wäre dann so etwas wie der Kernbereich der Alterspräferenz. Aber auch jüngere wären dann noch prinzipiell anziehend, selbst wenn sie nicht mehr im primären anziehenden Bereich liegen. Hinzu kommt: ältere machen sich jünger (auch 40jährige Frauen versuchen noch mit Kosmetiktricks als 25 durchzugehen) und jüngere machen sich älter (weil sie als erwachsen und reif gelten wollen) und ziehen sich erwachsen an, schminken sich etc.

Dass Männer duch 13jährige erregbar sind, ist vermutlich gar nicht so selten. Sehr viele Mädchen sind dann auch schon geschlechtsreif. Das Durchschnittsalter für die 1. Menstruation liegt bei 12.5 Jahren. Mit der Geschlechtsreife setzt naturbedingt auch das sexuelle Interesse der bereits geschlechtsreifen Exemplare der Spezies an. Das ist eben die Natur. Dass das in der Gesellschaft extrem verpönt ist, liegt an der kulturbedingten „künstlichen“ Verlängerung der Kindheit, die aber an den natürlichen Voraussetzungen nichts ändert.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte:

Wenn du bisher typischerweise auf Gleichaltrige oder Ältere angesprungen bist, dann ist der Höhepunkt deiner sexuellen Alterspräferenz genau da, wo er auch kulturell geduldet ist und als „normal“ gilt.

Das schließt aber eben nicht aus, dass du ausnahmsweise auch mal von jemandem sexuell angesprochen wirst, der außerhalb des Kernbereichs liegt. Ich denke so verhält es sich hier. Dass dich das so brutal aus der Bahn wirft, zeigt vor allem wie stark kulturelle Tabus wirken.

Falls dich meine rationalen Erklärungen alleine nicht überzeugen: Ich bin selbst pädophil (bzw päderastisch) veranlagt. Es wird dich nicht überraschen, dass ich auch mal 14 und in der Pubertät war. Ich kann dir versichern, dass ich mich nie zu Gleichaltrigen oder Älteren hingezogen gefühlt habe. Also auch aus eigener Erfahrung: so wie du dich schilderst, bist du nicht pädophil.

Mach dir nicht zu viele Sorgen.

Und wenn ich einen Wunsch für die Zukunft äußern darf: sei ein wenig gnädig, wenn es darum geht über Menschen zu urteilen, die eine abweichende sexuelle Orientierung haben. Sie haben es sich nicht ausgesucht. Und wie hart das sein kann, merkst du ja gerade selbst. Auch wenn es bei dir ganz bestimmt ein Fehlalarm ist, vielleicht hilft dir der Schreck ein wenig nachzuvollziehen wie es anderen geht, die wirklich so eine Sexualpräferenz haben und trotzdem mit ihrem Leben klar kommen müssen.

Der schon erwähnte eine Kommentar zu dieser Antwort war „Dankesehr wirklich“ und kam vom Fragesteller.

Die Beispiele zeigen, dass man Normsexuelle tatsächlich erreichen und pseudonym mit real existierenden Pädophilen konfrontieren kann. Nicht in großer Masse, aber doch zumindest einige Hundert. Das ist zwar immer noch nicht viel, aber bedeutend mehr als die ein oder zwei Normalos, die sich auf eine „Pädoseite“ verirrt haben oder dorthin gefunden haben, weil sie sich aus persönlichen Gründen für das Thema interessieren.

Ich bin übrigens keineswegs der einzige Pädophile oder Pädophilen-freundlich gesinnte Mensch, der gutefrage.net nutzt, um das überkommene Bild von Pädophilen ein wenig zurecht zu rücken. Es ist auch durchaus Platz für weitere Pädos verhanden. Ich finde, ein Blick auf diese Möglichkeit lohnt sich.

Nils (Weiße Fahnen)

Vor ein paar Wochen hat die 8. Staffel von Voice Kids Deutschland begonnen. Für mich ein Pflichttermin. Die ersten zwei Sendungen mit Blind Auditions fand ich dann aber eher schwach. In der dritten Folge gab es allerdings wieder einige sehr sehenswerte Auftritte. Aber darum soll es heute ausnahmsweise nicht gehen.

Bei der letzjährigen 7. Staffel gab es zwei Auftritte, die mich wirklich vom Hocker gerissen haben. Die musikalisch beste Performance legten Mimi und Josefin, zwei Schwestern mit Ihrem Duett des Songs Creep hin. Sie haben die Staffel am Ende auch verdient gewonnen.

Von meinem zweiten Hammerauftritt konnte ich hier aber sinnvoll gar nicht berichten. Er wurde auf dem YouTube Kanal von Voice Kids nämlich leider nicht veröffentlicht. Das ist recht ungewöhnlich und ich vermute, dass die Eltern die Veröffentlichung auf YouTube nicht wollten. Ich denke, dass es Ihnen darum ging, ihren Sohn damit vor Mobbing zu bewahren.

Der 12-jährige Nils hat nämlich nicht nur sehr gefühlvoll gesungen, er hat auch einen sensiblen und emotional verletzlichen Eindruck hinterlassen. Wer auftritt wie er, läuft Gefahr, in Kommentaren von irgendwelchen Idioten heruntergemacht oder auch als schwul hingestellt zu werden.

Nils hat mich damals nicht nur mit seinem Gesang und seinem, mich sehr ansprechenden Aussehen beeindruckt, er hat bei mir auch sämtliche Beschützerinstinkt-Knöpfe gedrückt.

Bei seinem Auftritt hat Nils es sich mit seiner Songwahl wirklich nicht einfach gemacht. Er hat sich das Lied eines Coaches ausgesucht, was in der Regel bedeutet, dass die übrigen drei Coaches aus dem Rennen sind (weil durch die Songauswahl klar ist, wo das Talent hin will). Also hat man die Chance, dass jemand buzzert schon mal auf ein Viertel reduziert. Hinzu kommt, dass man den „Erfinder“ eines Liedes (hier Stefanie von der Band Silbermond) oft besonders schwer von einer anderen Interpretation überzeugen kann.

Nils hat sich die Meßlatte also ohne Not verdammt hoch gehängt. Aber er hat sie dann doch übersprungen. Und danach gab es auch noch einen lustigen Moment, als Stefanie ihn gefragt hat, warum er sich das Lied denn ausgesucht hat … (muss man gesehen haben!) :

Leider ist Nils in den Battles ausgeschieden. Ich führe das auch die Songauswahl seines Coaches zurück. Nils hat auf Deutsch gesungen und sich mit englischen Texten nicht wohl gefühlt. Im Battle musste er dann trotzdem einen englischen Titel (Imagine von John Lennon) singen. Das hat er zwar ordentlich hinbekommen, aber an seinen tollen Auftritt in der Blind Audition konnte er damit nicht anknüpfen.

Wenn man in einer fremden Sprache singt und sich auf die richtige Aussprache konzentrieren muss, ist es eben schwierig auch noch das gleiche Gefühl in das Lied einzubringen, wie es in der Muttersprache möglich ist. Seine Gegner in den Battles, die „immer“ englisch singen, hatten es da deutlich leichter.

Eine Verlinkung des Battles lohnt sich nicht wirklich. Der Ausschnitt aus der Sendung direkt vor dem Battle wäre dagegen auf jeden Fall interessant, da man Nils dort noch ein wenig kennen lernt (O-Ton Nils: „Ich bin ein sehr emotionaler Typ, obwohl ich ein Junge bin und irgendwann mal groß und stark werden will“).

Leider ist dieser Teil der Sendung bei YouTube nicht zu finden. Wenn jemand die Möglichkeit hat, sich die ganze Sendung anzuschauen (Staffel 7, 1. Battle-Sendung, z.B. bei Maxdome), empfehle ich, davon Gebrauch zu machen.

Ansonsten hoffe ich, dass Nils am Ball bleibt und seine Musikleidenschaft weiter auslebt. Dass sein Auftritt nun doch noch auf YouTube gelandet ist, deute ich jedenfalls als positives Zeichen.

Das Ersatztäter-Problem

Niemand möchte gerne der Taten anderer beschuldigt und für sie bestraft werden.

Schuld und Verantwortung ist hochpersönlich. Die Zuweisung von Kollektivschuld ist manifest ungerecht. Das ist den meisten Menschen auch bewusst. Kollektivstrafen sind geächtet und gelten etwa im humanitären Völkerrecht sogar als Kriegsverbrechen.

Trotzdem gibt es natürlich weiterhin Beurteilungen und Bewertungen, die sich gegen Gruppen richten und undifferenziert allen Mitgliedern der Gruppe zugeschrieben werden. Diese führen auch zu realen Benachteiligungen, zu Feindseligkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung von Angehörigen der Gruppe.

Vorurteile

Männer sind schuld an der Geschlechterdiskriminierung, Deutsche an den Verbrechen des Nationalsozialismus, Israelis am Nahostkonflikt.

Neben solchen recht direkten Schuldzuweisungen gibt es auch Zuschreibungen als Vormeinungen über wenig schmeichelhafte vermutete „mittlere“ Eigenschaften der Mitglieder einer Gruppe.

Amerikaner sind Imperialisten, Zigeuner kriminell, Muslime radikal, Banker asozial, Arbeitslose faul. In diese Reihe gehört auch: Pädophile sind Kinderschänder (als Zuweisung einer Schuld) oder Pädophile sind gefährlich für Kinder (als Zuweisung einer vermeintlichen „mittleren“ Eigenschaft).

Natürlich kommt es in der Realität nicht selten vor, dass ein konkretes Gruppenmitglied tatsächlich nicht den zugeschriebenen mittleren Eigenschaften „seiner“ Gruppe entspricht. Es kommt aber auch vor, dass bereits die Vormeinung über die vermeintlichen mittleren Eigenschaften trügt und die mittleren Eigenschaften tatsächlich anders sind als vermutet.

Vorurteile sind mitunter praktisch, weil sie ressourcensparende Entscheidungen ermöglichen. Weniger freundlich ausgedrückt: sie ersparen einem das eigenständige Denken. Sie werden dabei auch aufgrund eines wahrgenommenen Gruppendrucks akzeptiert und übernommen. Wer unsicher ist oder keine klare Meinung hat, was zu tun ist, richtet sich danach, was die anderen tun. Menschen schließen durch Beobachten anderer Menschen auf praktikable Lösungen.

Vorurteile sind unvermeidlich aber sie sollten nicht gepflegt, sondern angetastet, untersucht und von allen Seiten betrachtet werden. In der Regel braucht man sie nämlich gar nicht so dringend.

Hinzu kommt ein moralischer Aspekt. Die ‚Goldene Regel der Ethik‘ besagt: „Behandle Andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ bzw. in der negativen Fassung: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem Andern zu.“

Wie schon eingangs angeführt: Niemand möchte gerne für Taten Anderer beschuldigt und bestraft werden. Niemand möchte gerne selbst Opfer eines Vorurteils und in der Folge von Feindseligkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung werden.

Natürlich habe auch ich Vorurteile.

Mein eigenes Vorurteil zur Pädophilie

Als pädophil (bzw. päderastisch) veranlagter Mensch bilde ich mir ein, eine Kapazität für die Beurteilung von pädophil (bzw. päderastisch) veranlagten Menschen zu sein. Mein Urteil basiert nicht unerheblich auf intimen Kenntnissen meiner selbst, die ich auf andere Menschen verallgemeinere.

Ich halte mich für einen guten, aber auch nicht übermäßig guten Menschen. Ich habe keine unerfüllbaren Ansprüche an meine Gutheit bzw. mein Wohlverhalten. Für ein positives Selbstbild reicht es mir aus, niemandem bewusst zu schaden und sich bietenden Gelegenheiten, anderen zu helfen, im Durchschnitt der Fälle aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Im Grunde Mittelmaß. Aber da Menschen zu einem positiven Selbstbild neigen und dazu auch ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung gehört, tendiere ich dazu, mich auf der unsichtbaren Skala guter Menschen als gehobenes Mittelmaß einzusortieren.

Ich weiß, dass meine sexuelle Neigung hierauf keinen eigenständigen Einfluss hat. Ich bewerte sie deshalb als ethisch neutral. Sie ist sehr „unbequem“ aber weder gut noch böse. Ich unterstelle daher, dass die Neigung an sich auch andere Menschen nicht gut oder böse werden bzw. handeln lässt.

Soweit das für mich aus eigenem Erleben und aus persönlichen Kontakten erkennbar ist: Pädophile sind abgesehen von ihrer sexuellen Neigung völlig normal. Sie sind im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nicht weniger empathisch und sensibel und auch nicht egoistischer oder rücksichtsloser.

Ich habe den Eindruck, dass sich das gut mit der Realität deckt, zumal man auch in jedem Fachbuch, dass von Pädophilie handelt, nachlesen kann, dass es Pädophile in jeder Schicht und auf jedem Bildungsniveau gibt, dass sie in der Regel gut angepasst sind und auch sonst nicht sonderlich auffallen.

Sie zeichnen sich allerdings durch eine überdurchschnittliche emotionale Affinität zu Kindern aus und ich gehe auch davon aus, dass sie im Durchschnitt der Fälle öfter traurig sind und eher zu Depression neigen als Normsexuelle. Der zentrale Lebensbereich der Sexualität und Partnerschaft kommt eben in ihrem Leben permanent zu kurz. Darüber hinaus besteht ein starkes Gefühl von Stigmatisierung und Ausgrenzung. Abgesehen von einer erhöhten Single-Quote dürfte es viel mehr Besonderheiten meiner Einschätzung nach nicht geben.

Dass Pädophile „normal“ sind, heißt aber auch, dass es die negativen Sonderfälle gibt, die es auch unter Normsexuellen gibt. Es gibt heterosexuelle Vergewaltiger, homosexuelle Vergewaltiger und leider auch pädophile Vergewaltiger. Eine pädophile Orientierung macht nicht gut.

Es ist für mich aufgrund eigenen Erlebens aber auch offensichtlich, dass Pädophile sich wie andere Menschen auch verlieben, mit denselben positiven Gefühlen gegenüber dem geliebten Menschen.

Da es Pädophilen an einer besonderen soziopathischen Auffälligkeit fehlt, neigen sie nicht mehr zu sexueller Gewalt als der Durchschnittsbürger. Einiges von dem, was Pädos als übergriffiges Verhalten und sexuelle Gewalt ausgelegt wird, wie etwa das sogenannte Groooming, ist meiner Einschätzung nach bei unvoreingenommener Betrachtung „normales“ und im Kern unproblematisches, weil nicht-aggressives menschliches Verhalten. Der Vorwurf der Heimtücke ist diesbezüglich schlicht verfehlt.

Missbrauch ist für mich, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt. Jemand, der verliebt ist, wird den oder die Angebetete auf keinen Fall schlecht behandeln, jedenfalls nicht bewusst und freiwillig. Jeder Mensch, der schon einmal verliebt war, sollte das eigentlich nachvollziehen können.

Einschränkend muss ich hier gewisse Erfahrungsdefizite einräumen. Da ich viele Jahre lang jeden Kontakt mit Jungen vermieden habe, weil ich mir die Qualen einer unerfüllbaren, unglücklichen Verliebtheit ersparen wollte, sind mir die meisten normsexuell strukturierten Menschen auf diesem Gebiet erfahrungstechnisch deutlich voraus. Sollte mir also ein Leser ernstlich versichern, dass er Menschen, in die er verliebt ist, sehenden Auges schlecht behandelt, dann erschiene mir das hochgradig unplausibel und unverständlich, ich würde es aber am Ende wohl hinnehmen müssen, ohne mir absolut sicher sein zu dürfen, dass ich den anderen bei einer Lüge ertappt habe.

Nach meiner Überzeugung neigen Pädophile nicht dazu, Kinder zu missbrauchen (schlecht zu behandeln). Im Gegenteil. Wenn sich ein Pädophiler in ein Kind verliebt, wird er dazu neigen, dieses Kind gut zu behandeln, einfach weil Menschen dazu neigen, geliebte Menschen gut zu behandeln.

Warum gibt es dann trotzdem Kindesmissbrauch?

Trotzdem gibt es zweifelsohne echten Kindesmissbrauch. Kinder, die bedrängt, belästigt, genötigt, bedroht oder vergewaltigt werden. Wenn die Täter nach meiner Logik typischerweise keine Pädophilen sind, müssten es nach dem Ausschlussverfahren Ersatztäter sein.

Ich habe mich entsprechend in der Vergangenheit schon sehr negativ über Ersatztäter geäußert, z.B.:

Die heutige Stigmatisierung und Ächtung von Pädophilie im Allgemeinen und Päderastie im besonderen ist stark von einer öffentlichen Wahrnehmung des Pädophilen beeinflusst, die auf Personen beruht, die tatsächlich gar keine Pädophilen sind, sondern lediglich Ersatztäter, die sich bei Kindern holen, was sie von Erwachsenen nicht bekommen. Die 90% nicht-pädophiler Ersatztäter, die wegen sexuellem Kindesmissbrauch verurteilt werden, prägen das Bild vom Pädophilen an sich.

Aus meinem Artikel Eine kleine Geschichte der Päderastie

Ich weise die Schuld für das extrem schlechte Ansehen und die Diskriminierung von Pädophilen also in einem erheblichen Maße den nicht-pädophilen Ersatztätern zu.

Es ist dabei etwas problematisch, das man den tatsächlichen Anteil an Ersatztätern nicht kennt. Die Zahlen, die man finden kann, liegen zwischen 60 % und 95%.

Im 2015 erschienen Buch „Straffälligkeit älterer Menschen: Interdisziplinäre Beiträge aus Forschung und Praxis“ wird von 95% Ersatztäter ausgegangen. Aus Seite 146:

Die Verwirrung besteht darin, dass häufig alle sexuellen Handlungen von Erwachsenen an Kindern als pädophile Straftaten gesehen werden, obwohl der Anteil tatsächlich Pädophiler an diesen Straftätern nur ca. 5% betrifft. Für die übrigen Sexualstraftäter wurde der Begriff der Ersatztäter geprägt. Bei diesen handelt es sich häufig um Verwandte oder Personen des sozialen Umfelds, die keine sexuelle Erfüllung in ihren Beziehungen erreichen und sich dem schwächeren Glied in der Familie zuwenden und diese Art der Beziehungsebene für die Befriedigung eigener sexueller Wünsche missbrauchen.

In einem Artikel, der im Magazin der Journalistenschule ifp erschienen ist, wird Rita Steffesenn, Leiterin des Zentrums für Kriminologie und Polizeiforschung, mit der Aussage zitiert:

60 bis 70 Prozent der erfassten Kindermissbraucher sind sogenannte Ersatztäter. Sie sind nicht sexuell motiviert, sondern haben andere Gründe für den Missbrauch, zum Beispiel Angst im Umgang mit Erwachsenen und Machtstreben.

In den Arbeitsblättern von Werner Stangl, die auch auf Wikipedia zur Tätertypologie zitiert werden, heißen Ersatztäter „regressiver Typ“ und ihr Anteil wird auf 90% geschätzt. Für Pädophile („fixierter Typ“) werden 2 bis 10% angegeben. Der soziopathische Tätertyp, der sich durch mangelnde Empathie und zuweilen sadistische Neigungen auszeichnet, tritt danach nur in wenigen Einzelfällen auf.

Ob es nun 95% oder 60% Ersatztäter sind spielt natürlich schon eine Rolle. Im zweiten Fall wäre der Anteil der pädophilen Täter an der Gesamtzahl schließlich ganze sechsmal so hoch, wie im ersten.

Einer der Gründe für die große Spannbreite der Angaben dürfte sein, dass ein Täter aus Eigennutz einen Anreiz hat, sich als Ersatztäter darzustellen.

Vor dem Richter will niemand pädophil sein

Ein Ersatztäter gilt als Gelegenheitstäter, den man rehabilitieren kann, ein Pädophiler als Triebtäter, dessen Gefährlichkeit in seiner Natur liegt.

Die besseren Aussichten auf eine Rehabilitation wirken sich bereits bei der Strafzumessung im Sinne einer potentiell niedrigeren Strafe aus, da es zu den Grundsätzen der Strafzumessung gehört, zu berücksichtigen, welche Auswirkungen die Strafe auf die zukünftige Lebensführung des Täters haben wird.

Für die Rehabilitation sind kürzere Strafen günstiger, da Freiheitsentziehung einen entsozialisierenden und deprivatisierenden Effekt hat. Lange Haftstrafen sind für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft also schädlich. Glaubt man ohnehin nicht wirklich an eine Rehabilitation, dann muss man hier wenig Rücksicht nehmen. Der Sühne-Charakter der Strafe tritt in den Vordergrund. Der Vollzug der Freiheitsstrafe soll abschreckend wirken und dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten dienen.

Auch die Auswirkungen auf eine mögliche Bewährung (Aussetzung der Strafvollstreckung) sind massiv:

Eine Sozialprognose oder Legalprognose ist eine kriminologische, psychiatrische und psychologische Risikobeurteilung einer straffälligen Person bezüglich ihrer Fähigkeit und Motivation, zu einem späteren Zeitpunkt Regeln und Gesetze einzuhalten. Sie ist nach § 56 (1) StGB Grundlage der Einschätzung ob eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden muss oder kann und bei der Resozialisierbarkeit von Straftätern.

Aus dem Wikipedia-Artikel Sozialprognose

Der Sinn der Bewährung ist an die Straftheorien geknüpft. Die Bewährung lässt vermuten, dass sich der Täter schon die Verurteilung zur Warnung dienen lässt und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird (§ 56 StGB). Insbesondere bei Straftätern, die keine oder kaum Sozialisierungsdefizite aufweisen, besteht eher die Möglichkeit, eine Aussetzung einer Strafe zur Bewährung vorzunehmen. Nach einer teilweisen Strafverbüßung besteht außerdem die Möglichkeit, einen Strafrest zur Bewährung auszusetzen. (…)

Es können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Entscheidung darüber trifft das erkennende Gericht. Das erkennende Gericht hat dabei eine Prognose zu erstellen, ob davon auszugehen ist, dass der Täter auch ohne den Vollzug der Freiheitsstrafe künftig keine Straftaten mehr begehen wird.

Liegt die Freiheitsstrafe unter sechs Monaten und erscheint die Prognose günstig, so ist die Strafe zwingend zur Bewährung auszusetzen (§ 56 Abs. 1 i. V. m. Abs. 3 StGB). Im Bereich von sechs Monaten bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe ist die Aussetzung zusätzlich zum Vorliegen der Prognose davon abhängig, dass die Verteidigung der Rechtsordnung die Strafvollstreckung nicht gebietet (§ 56 Abs. 3 StGB). Hier wird demnach auf den Gedanken der Generalprävention abgestellt. Bei Freiheitsstrafen über zwölf Monaten bis zu zwei Jahren kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn die Prognose günstig ist, die Verteidigung der Rechtsordnung dem nicht entgegensteht und darüber hinaus besondere Umstände vorliegen (§ 56 Abs. 2 StGB).

Aus dem Wikipedia-Artikel Strafaussetzung zur Bewährung

Das Rückfallrisiko ist bei Ersatztätern geringer. Sie haben daher im Gegensatz zu „Triebtätern“ bzw. „Neigungstätern“ eine weit bessere Aussicht auf eine Bewährungsstrafe und die Aussetzung einer Reststrafe zur Bewährung.

Auch in Hinblick auf die Verhängung, Dauer (mindestens zwei und höchstens fünf Jahre) und Schärfe einer Führungsaufsicht haben Ersatztäter deutlich bessere Karten als pädophile Täter.

Die Führungsaufsicht ist eine „Maßregel der Besserung und Sicherung“, die nicht als Strafe gilt, sondern auf die Zukunft gerichtet eine erneute Straffälligkeit verhindern helfen sollen. Die Maßnahmen sind teils einschneidend, unterliegen einer Kontrolle und werden von den von ihnen Betroffenen typischerweise durchaus als Strafe empfunden.

Führungsaufsicht kann bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verhängt werden, die mindestens sechs Monate betragen. Sie tritt in diesem Deliktbereich automatisch bei einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ein und kann in diesem Fall ausnahmsweise entfallen, wenn zu erwarten ist, dass der Verurteilte keine Straftaten mehr begehen wird (was bei Ersatztätern deutlich häufiger angenommen wird als bei Neigungstätern).

Zu den möglichen Weisungen der Führungsaufsicht gehören unter anderem:

  • Wohn- oder Aufenthaltsort nicht ohne Erlaubnis verlassen,
  • sich nicht an bestimmten Orten aufzuhalten (z.B. in der Nähe von Schulen, Schwimmbädern, Freizeitparks oder Spielplätzen)
  • zu der verletzten Person oder bestimmten Personen oder Personen einer bestimmten Gruppe, keinen Kontakt aufzunehmen (z.B. Kontaktverbot zu Kindern)
  • bestimmte Tätigkeiten nicht auszuüben
  • bestimmte Gegenstände nicht zu besitzen, bei sich zu führen oder verwahren zu lassen (z.B. Besitzverbot für Computer oder Smartphone)
  • sich zu bestimmten Zeiten bei der Aufsichtsstelle oder dem Bewährungshelfer zu melden,
  • jeden Wechsel der Wohnung oder des Arbeitsplatzes unverzüglich zu melden,
  • Teilnahme an einer Therapie (z.B. Therapie für Sexualstraftäter)
  • Überwachung des Aufenthaltsortes (z.B. elektronische Fußfessel)

Ein Verstoß gegen eine Weisung im Rahmen der Führungsaufsicht kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden.

Aussichten auf eine geringere Strafe, bessere Chancen auf eine Bewährungsstrafe und Strafaussetzung, erhebliche Vorteile in Hinblick auf eine drohende Führungsaufsicht … wer da – soweit es darstellbar ist – nicht versucht, sich als Gelegenheitstäter bzw. Ersatztäter darzustellen, ist schön blöd.

Hinzu kommt eine gesellschaftliche Ebene. Wer „nur“ Ersatztäter ist, kann darauf hoffen, irgendwann wieder in die soziale Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ein Pädophiler bleibt lebenslang stigmatisiert.

Es könnte also sein, dass der Anteil an Ersatztätern systematisch zu hoch angegeben wird. Andererseits sind die Verlockungen einer falschen Selbstauskunft den Fachleuten, die die Statistiken erstellen, sicherlich bekannt. Täuschungsversuche sind vermutlich oft gar nicht ohne weiteres möglich und die meisten Versuche fliegen wahrscheinlich auch auf, da ein Gericht bei Zweifeln einen Gutachter zu dieser Frage einschalten dürfte.

Welchen Wert (60% oder 95%) man auch ansetzt, die Ersatztäter bleiben die Mehrheit.

Wie unterscheiden sich die Taten von Ersatztätern von den Taten von Pädophilen?

Statistiken zu dieser Frage sind mir nicht bekannt. Ersatztäter dürften häufiger Einfach-Täter und pädophile Täter häufiger Mehrfach-Täter sein. Das korrespondiert mit dem höheren Rückfallrisiko pädophiler Täter.

Für mich persönlich ist die entscheidende Frage aber, wie die Täter das Opfer behandeln und welche Konsequenzen die Tat für das Opfer hat.

Es scheint mir äußerst wahrscheinlich, dass die Tatbegehungen von Personen, für die das Kind lediglich Ersatzobjekt ist, gröber und rücksichtsloser sind, als die Handlungen von jemandem, der sich nicht nur Sex, sondern auch soziale Nähe wünscht und in vielen Fällen in das Kind verliebt sein wird.

Ich assoziiere Ersatztäter mit Druck, Einschüchterung, Drohungen, Nötigung und Gewalt. Pädophile assoziiere ich mit mit der weitgehenden Abwesenheit dieser „Strategien“.

Pädophile zielen auf willentliches Einvernehmen ab. Gewalt ist für den durchschnittlichen Pädophilen so undenkbar wie für den durchschnittlichen Heterosexuellen eine Vergewaltigung undenkbar ist.

Eine erfüllte Sexualität ist für einen Pädophilen nur mit einem Kind möglich, so wie sie bei einem heterosexuellen Mann nur mit einer Frau möglich ist. Die Bedingungen für eine als erfüllt erlebte Sexualität erschöpfen sich aber nicht im kindlichen Körperschema. Ein heterosexueller Mann wünscht sich eine Partnerin, die freiwillig mitmacht, bei der Sache ist und selbst Lust empfindet. Das ist bei einem Pädophilen nicht anders.

Dies klang zum Beispiel auch von Seiten der Sexualwissenschaftler Prof. Rüdiger Lautmann und Prof. Martin Dannecker in einem Beitrag zur Sendung „Liebe Sünde“ an:

Der wirkliche Pädophile hat nichts von seinen Tricks, der hat nichts davon, wenn das Kind mitmacht und nachher nicht mehr bei der Sache ist. Das würde der sofort merken und die würden dann auch die sexuelle Handlung abbrechen. Andererseits – wir alle versuchen andere herumzukriegen. Wir alle wenden gewisse Rezepturen an und wenn man das Tricks nennt, dann wenden auch die pädophilen Männer ihre Rezepte, ihre Tricks an.

Prof. Rüdiger Lautmann

Ja doch, das Moment des Einverständnisses kann es geben. Nur bei dieser Erzählung, wie bei vielen Erzählungen der Pädosexuellen, wird sozusagen das, was vorher war, diese – was ich Verführung nennen würde, nicht unbedingt Strategie – diese unglaubliche Verführung, dieses stimmen, einstimmen auf meine Wünsche, das wird dabei unterschlagen. (…) Weil sie sind ja nicht (…) Gewalttäter, die gewalttätig und ohne Rücksicht, ohne verführerische Strategie ihre Wünsche durchsetzen, sondern sie bringen in Stimmung, sie verführen, sie bereiten das Liebesobjekt – es ist ja ein Liebesobjekt sozusagen – darauf vor und darauf antwortet das Kind.

Prof. Dr. Martin Dannecker

Da es Vergewaltigungen durch Heterosexuelle gibt, weiß man, dass es Heterosexuelle gibt, die aus dem „normalen“ Rahmen fallen und für die eine Vergewaltigung denkbar und ausführbar ist. Solche Menschen gibt es auch unter Pädophilen. Sie sind aber so wenig repräsentativ für den durchschnittlichen Pädophilen, wie es ein Vergewaltiger für den durchschnittlichen heterosexuellen Mann ist.

Es wäre für mich interessant, zu wissen, ob und wie sich die Tatbegehungen von pädophilen Tätern von den Tatbegehungen von Ersatztätern unterscheiden. Meine Vermutungen dazu habe ich dargelegt und ich halte sie für plausibel. Studien dazu sind mir leider nicht bekannt.

Ich frage mich auch, ob der pädophile Täteranteil im Hellfeld (den Fällen, die bekannt werden) sich vom Anteil im Dunkelfeld unterscheidet. Ich persönlich würde das erwarten.

Wer sich geliebt fühlt, erleidet durch die liebevolle Beziehung (meiner Einschätzung nach) typischerweise auch keine Schäden. Wer sich schlecht behandelt und missbraucht fühlt, wird durch die Beziehung belastet und geschädigt.

Liebe dürfte bei Pädophilen viel öfter anzutreffen sein als bei nicht-pädophilen Tätern. Entsprechend dürften sie den Kindern auch viel eher das Gefühl vermitteln, dass sie geliebt werden. Als positiv erlebte Beziehungen fallen aber vermutlich deutlich seltener auf als solche, unter denen die Kinder leiden.

Wie ticken Ersatztäter überhaupt?

Anders als bei Pädophilen, deren Gedanken- und Gefühlswelt ich nachvollziehen kann, ist es mir unverständlich, wie ein Ersatztäter tickt und warum es überhaupt Ersatztäter gibt.

Die Existenz von Ersatztätern ist auch für die breite Öffentlichkeit ein blinder Fleck. Es ist einfach kontra-intuitiv, das jemand Sex mit Kinder sucht, der sexuell eigentlich gar nicht (allzu sehr) an Kindern interessiert ist. Es liegt ohnehin schon nicht nahe und erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie stark Sex mit Kindern geächtet ist und wie hoch die Strafandrohungen sind.

Dass jemand, der sich sexuell von Kindern angezogen fühlt, sexuell mit Kindern einlässt, ist für mich nachvollziehbar. Ich kann das ähnlich gut nachvollziehen, wie dass sich jemand, der sich sexuell von Frauen angezogen fühlt, sexuell mit Frauen einlässt.

Ich kann mir aber für mich selbst als jemand, der sich sexuell nicht von Frauen angezogen fühlt, überhaupt nicht vorstellen, mich sexuell mit einer Frau einzulassen. Das macht für mich schlicht keinen Sinn und würde bei mir auch nicht als „Notprogramm“ funktionieren.

Bei einigen Menschen scheint sich das anders zu verhalten.

Wenn man sich an den Charakter und die Motivation dieser Menschen herantasten will, kann man möglicherweise die Charakterisierung von Missbrauchstätern zu Hilfe nehmen. Da die meisten Missbrauchstäter (60 bis 95%) Ersatztäter sind, passt die Charakterisierung vermutlich vor allem und gerade auf diese Haupttätergruppe.

Zum Profil von Missbrauchstätern heißt es im PDF „Fakten und Zahlen zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“:

Missbrauchende Männer stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern. (…) Es gibt kein klassisches Täterprofil und keine einheitliche Täterpersönlichkeit. Gemeinsam ist den Täter*innen der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat das Gefühl von Überlegenheit zu erleben. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu (Pädosexualität).

In [werner stangl]s arbeitsblättern steht:

Täter sind oft Männer mit einem geringen Selbstwertgefühl, „die sich gezielt Kinder suchen, um ihre eigenen Ohmachts- und Hilflosigkeitsgefühle, ihre eigenen Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, ihren Hass und ihre Wut auf Kosten der Kinder zu befriedigen“, wobei ein großer Teil der Täter nicht nur ein Kind sexuell missbraucht, sondern sich immer wieder neue Opfer sucht (Bange & Deegener 1996, S. 56,S. 132 ). (Stangl, 2020).

Soweit es pädophile Täter betrifft, halte ich diese Charakterisierung (was nach meinen bisherigen Ausführungen niemanden überraschen wird) für falsch. Ich glaube nicht, dass es einem typischen pädophilen Täter um das Gefühl der Überlegenheit, Machtausübung oder die Bewältigung von Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen geht.

Das primäre sexuelle Interesse von Pädophilen ist auf Kinder gerichtet. Ein Pädophiler ist bei seiner Annäherung intrinsisch sexuell motiviert und kommt dabei ohne die geschilderten nicht-sexuellen Motive aus. Sie spielen keine kausale Rolle beim Erleben sexueller Erregung. Die kausale Rolle spielt das kindliche Körperschema.

Der typische Pädophile hat mit Gewalt, Herrschaft oder Unterdrückung nichts am Hut. Pädophile fühlen sich von Kindern angezogen, wünschen sich soziale Nähe und, soweit es um Sexualität geht, legen sie allergrößten Wert auf Einvernehmlichkeit mit ihrem Liebessubjekt.

Soweit es Ersatztäter betrifft, scheint mir die Charakterisierung dagegen plausibel. Ich glaube aber nicht, dass sie das Phänomen vollständig erklären kann.

Wie menschliche Sexualität funktioniert

Bei der Antwort auf die Frage, warum es Ersatztäter gibt, hilft vielleicht ein Blick darauf, wie menschliche Sexualität ganz allgemein typischerweise funktioniert. Nämlich in einem Kontinuum.

Wer normalerweise vor allem auf blonde, blauäugige Frauen des nordischen Typs anspringt, kann sich trotzdem „ausnahmsweise“ in eine schwarzhaarige Frau oder gar in eine Afrikanerin verlieben. Jemand, der sich von Männer angezogen fühlt, kann trotzdem verheiratet sein, Kinder haben und muss unter diesen Bedingungen auch nicht zwangsweise eine unglückliche Ehe führen. Jemand der exklusiv heterosexuell ist, kann in einer Gefängnissituation auch mit homosexuellen Handlungen vorlieb nehmen. Ohne einen gewissen Grad an Empfänglichkeit für den Alternativpartner wäre das nicht möglich.

Sexualität ist nicht binär. Ein hypothetischer Jemand kann z.B. auch zu 90% heterosexuell sein und sich ausnahmsweise (10%) doch einmal zu einem Mann hingezogen fühlen. Deswegen ist er dann nicht auf einmal homosexuell, denn seine primäre Präferenz gilt immer noch Frauen. Eine homosexuelle Nebenader, die sich gerade manifestiert, ändert nichts daran, dass der Betroffene immer noch primär an weiblichen Wesen interessiert ist.

So ähnlich ist es auch mit dem Alter bzw. der sexuellen Alterspräferenz. Er gibt keine Männer, die sich erst punktgenau ab dem 18. Geburtstag für eine Frau interessieren. Die Augen sehen ja nicht zuerst den Pass.

Im Prinzip liegt unterliegt die altersmäßige Anziehung einer Normalverteilung, also einer statistischen Wahrscheinlichkeitsverteilung, die als Kurve dargestellt etwa einer Glocke gleicht.

Die besondere Bedeutung der Normalverteilung beruht unter anderem auf dem zentralen Grenzwertsatz, dem zufolge Verteilungen, die durch additive Überlagerung einer großen Zahl von unabhängigen Einflüssen entstehen, unter schwachen Voraussetzungen annähernd normalverteilt sind.

Aus dem Wikipedia-Artikel Normalverteilung

So dürfte es sich auch bei der menschlichen Sexualität verhalten.

Die Zeit berichtet zum Beispiel über eine genomweite Assoziationsstudie, bei der das Erbgut von 477.522 Menschen auf einen Zusammenhang mit Homosexualität untersucht wurde:

Das Fazit der aktuellen Studie: Es gibt nicht das eine Homo-Gen. Im Gegenteil: Wie für andere Verhaltensmerkmale finden sich zahlreiche genetische Effekte, die die sexuelle Orientierung beeinflussen. Es ist wahrscheinlich, dass Hunderte oder Tausende genetische Varianten je einen geringen Anteil daran haben. Zugleich machen sie insgesamt nur einen Teil all dessen aus, was sexuelles Verhalten formt.

Das lässt sich sicher auch auf andere Aspekte der menschlichen Sexualität übertragen. Es gibt nicht das eine Gen, das das Herz für Rothaarige schneller schlagen lässt oder eine Vorliebe für Pummelige bewirkt oder das über die individuelle Alterspräferenz entscheidet.

Es gibt tausende mikroskopisch kleine Effekte (und zwar keineswegs nur genetische), die in ihrer Addition zu einem Gesamtergebnis führen.

Im Grunde kann man sich die Wahrscheinlichkeit, dass man durch jemand anderen eines bestimmten Alters erregbar ist, also als Kurve etwa dieser Form vorstellen.

Intervalle um μ bei der Normalverteilung, Darstellung von M. W. Toews., geteilt via Wikimedia

Wo der Höhepunkt der Kurve liegt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er könnte beispielsweise bei 20 Jahren liegen und 15 bis 25 wäre dann so etwas wie der Kernbereich der Alterspräferenz. Um die 70 % der Menschen, auf die man sexuell anspricht, lägen bei meinem hypothetischen Beispiel dann im Bereich zwischen 15 und 25 Jahren.

Aber auch jüngere und ältere wären dann noch prinzipiell anziehend, selbst wenn sie nicht mehr im primären anziehenden Bereich liegen. Hinzu kommt: Ältere machen sich jünger (auch 40jährige Frauen versuchen noch mit Kosmetiktricks als 25 durchzugehen) und Jüngere machen sich älter (weil sie als erwachsen und reif gelten wollen) und ziehen sich erwachsen an, schminken sich etc.

Dass Männer durch 13jährige erregbar sind, ist vermutlich gar nicht so selten. Sehr viele Mädchen sind dann auch schon geschlechtsreif. Das Durchschnittsalter für die 1. Menstruation liegt bei 12.5 Jahren. Mit der Geschlechtsreife setzt naturbedingt auch das sexuelle Interesse der bereits geschlechtsreifen Exemplare der Spezies an. So funktioniert eben die Natur, die das mögliche Zeitfenster für eine Fortpflanzung auch nutzen will.

Dass das in der Gesellschaft extrem verpönt ist, liegt an der kulturbedingten „künstlichen“ Verlängerung der Kindheit, die aber an den natürlichen Voraussetzungen nichts ändert.

Bei den Ersatztätern, also Menschen, deren primäres sexuelles Interesse nicht auf Kinder gerichtet ist, kann es also Fälle geben, bei denen sich jemand ausnahmsweise im unteren Randbereich seiner Bandbreite verliebt hat und genauso Fälle, bei denen nur eine eher schwache Anziehung vorliegt, das Kind aber als eine Art Notpartner noch akzeptabel ist, so wie für viele heterosexuelle Männer in Gefangenschaft (oder auf einer einsamen Insel) auch andere Männer als Notpartner in Frage kommen.

Im Endeffekt gibt es also wohl nicht den einen Ersatztäter und es ist (bei einer pädophilen Nebenströmung) auch möglich, dass man nicht hinreichend trennscharf zwischen Ersatztäter und pädophilem Täter unterscheiden kann.

Mindestens auf den Einzelfall bezogen können meine negativen Vorurteile zu Ersatztätern also falsch sein.

Entscheidend ist für mich aber ohnehin nicht, ob jemand pädophil oder nicht-pädophil ist, sondern

  • wie der andere Mensch in der Beziehung (das Kind oder der Jugendliche) behandelt wird (Missbrauch ist, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt)
  • wie er selbst die Beziehung erlebt (die Deutungshoheit steht dem Betroffenen zu)
  • ob er sie willentlich freiwillig eingeht, und
  • ob er die Möglichkeit hat, sich jederzeit von der Beziehung zurückzuziehen bzw. sie zu beenden.

Ersatztäter als Basis für das Bild vom Pädophilen?

Eines meiner Vorurteile ist, dass die Stigmatisierung und Ächtung von Pädophilie durch eine Wahrnehmung von Pädophilie beeinflusst ist, für die nicht-pädophile Missbrauchstäter verantwortlich sind. Basis des Vorurteils ist, dass Pädophile als Missbraucher wahrgenommen werden und ca. 90% der Missbrauchstäter Ersatztäter sind.

Wer neun unsympathischen Engländern begegnet und einem Sympathischen, wird seine Einschätzung, dass Engländer unsympathisch sind, an der Mehrzahl der Engländer ausrichten, die ihm begegnet sind. Wenn die Mehrzahl der Täter Ersatztäter sind, dann prägt diese Gruppe und die Taten aus dieser Gruppe den Eindruck der Öffentlichkeit vom typischen Täter.

Der Schönheitsfehler dieser Hypothese ist, dass es nicht so sehr auf die Mehrheit der Täter ankommt, sondern auf die Mehrheit der wahrgenommenen Täter und Taten. Engländer, die ich nicht kennen gelernt habe, spielen für mein subjektives Urteil über Engländer keine Rolle.

Da es in der Regel nur die schweren und schwersten Fälle in die Medien schaffen, wird der Eindruck, den die Öffentlichkeit von den „typischen“ Taten hat, vor allem von den schwersten Tatbegehungen geprägt.

Im Grunde gibt es dabei zwei Typologien:

Einerseits Taten, die als besonders schwerwiegend empfunden werden, weil es besonders viele Opfer gibt. Diese Taten werden eher von Pädophilen begangen, die ja zeitlich konstant auf Kinder ansprechen. Ersatztäter, die Kinder als „Notpartner“ nutzen, sprechen auf Kinder nur an, solange die „Notsituation“ besteht.

Andererseits Taten, die sich durch besondere Rücksichtslosigkeit oder Brutalität auszeichnen, bis hin zu Sexualmorden. Diese Taten werden vermutlich überwiegend von soziopathischen oder sadistisch veranlagten Tätern begangen, die sehr selten vorkommen (Einzelfälle) und unter denen sowohl pädophil veranlagte Täter als auch Ersatztäter vertreten sein dürften. Soziopathische Täter zeichnen sich z.B. durch mangelnde Fähigkeit und Bereitschaft zu Empathie und Mitgefühl und eine Neigung zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten aus.

Wenn es sich so verhält, dann spielen Ersatztäter, obwohl sie die Mehrheit der Missbrauchstäter stellen und vermutlich auch überproportional für schädigende Auswirkungen bei betroffenen Kindern verantwortlich sind, für die Wahrnehmung von Pädophilen in der Gesellschaft eher eine untergeordnete Rolle.

Das Bild wird stattdessen von der Missbrauchsberichterstattung über pädophile Wiederholungs- bzw. Mehrfachtäter und besonders schlimme und brutale Taten von Soziopathen geprägt.

Ob bei den Opfern tatsächlich ein Missbrauch vorlag und ein Schaden infolge des Kontakts entstanden ist, spielt keine Rolle. Es wird vorausgesetzt, dass IMMER ein schwerer Schaden entsteht.

Nicht straffällig gewordene Pädophile spielen in der Wahrnehmung dagegen kaum eine Rolle, obwohl sie die deutliche Mehrheit unter den Pädophilen stellen dürften. Es gibt schließlich keine Möglichkeit, diese Pädophilen kennenzulernen und im Kontakt mit der Wirklichkeit das eine oder andere Vorurteil abzuschleifen.

Die Öffentlichkeit kennt (echte und vermeintliche) Pädophile nur aus der Berichterstattung über besonders aufsehenerregende, schwerwiegende und abstoßende Kriminalfälle und durch die entsprechenden Schablonen aus der Unterhaltungsindustrie (Filme, Serien und Bücher mit Serienmördern / Kinderschändern / bösen Zauberern, die auf kleine Jungen stehen).

Auch positive Erfahrungen von Jungen (oder Mädchen) mit Pädophilen haben keine Auswirkung auf die öffentliche Meinung. Sie werden typischerweise nicht bekannt und, wenn doch, werden sie als Selbsttäuschung und Bewältigungsstrategie abgetan. Tatsächlich scheinen positive Erfahrungen insbesondere im Dunkelfeld (bei dem das Problem der Sekundärtraumatisierung zurücktritt) aber eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

Diskriminierungs-Legitimation: die Gefährlichkeitsvermutung

In meinen letzten beiden Artikel habe ich mich vor allem mit dem Thema Diskriminierung befasst und die Situation von Pädophilen der Situation von Homosexuellen vor der Entschärfung des Schwulenparagraphen und der heutigen Situation von Transsexuellen gegenübergestellt.

In einem pädophilen Selbsthilfeforum, dem Jungsforum, wurde mir dazu vorgehalten, dass mein Text die Analyse pädophiler Diskriminierung verfehlt:

Der Text verfehlt die Analyse pädophiler Diskrimierung. Pädophile werden nicht einfach so diskriminiert, weil sie Pädophile sind, sondern weil Kindern kulturell, historisch und religiös bedingt eine Unschuld und Reinheit zugeschrieben wird. Ein sexueller Kontakt würde diese Unschuld zerstören, so die Gegenseite.

In dem Text fehlt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen, die das Phantasma der Unschuld und Reinheit rational widerlegt und die der Kindheit und Jugend eine Interesse an Sexualität zugesteht.

Kurzum: Die Diskriminierung der Pädophilen als Kinderschänder kann nicht ohne die Diskriminierung der Kinder und Jugendlichen als asexuelle Unschuldsengel gedacht werden.

Reaktion von SnoopyBoy im Jungsforum

Weiter:

Du kannst ja gerne deine Rechte als Pädophiler einfordern. Am Ende geht es den Anderen bei ihrer Diskriminierung deiner Pädophilie aber nicht um deine Pädophilie an sich, sondern um den Schutz des Kindes (oder der Kinderseele), nicht nur allein um den Schutz des Kindes vor dem sexuellen Kontakt, sondern auch vor der Möglichkeit, dass ein sexueller Kontakt stattfinden könnte, weil du als Pädophiler eine Neigung hast, die jederzeit ausbrechen kann, wie ein Virus. Damit bist du für die Anderen eine potentielle Gefahr für das Kind, auch wenn dich Sex nicht interessiert.

Willst du für die Entdiskriminierung von Pädos streiten, musst du an die Ursache, an die Legitimation der Diskriminierung ran, an den Kinder- und Jugendschutz, sonst bleibst du nur an der Oberfläche.

Transsexuelle und Homosexuelle haben das Problem nicht, denn ihre Diskriminierung ist heutzutage nicht mehr mehr oder sehr schwer zu legitimieren. Von ihnen geht keine Gefahr aus.

Weitere Reaktion von SnoopyBoy

Mir ging es in meinen Texten nicht um eine Analyse, sondern lediglich um die Feststellung einer Diskriminierung.

Wenn eine Diskriminierung nicht sichtbar ist, gibt es (scheinbar) keinen Handlungsbedarf. Wird eine Diskriminierung dagegen sichtbar, stellt sich aus meiner (vielleicht etwas gutgläubigen) Sicht eigentlich sofort die natürliche Frage, ob und wie man die Diskriminierung abbauen kann oder wie man die Situation des Diskriminierten verbessern kann.

Ein ganz wesentlicher Aspekt der Diskriminierung ist mir aber erst durch SnoopyBoys Antwort in aller Deutlichkeit bewusst geworden:

Eigentlich ist die anhaltende, schwerwiegende und sich sogar kontinuierlich weiter verschärfende Diskriminierung von Pädophilen für die heutige Gesellschaft ein unnatürlicher Zustand.

Unsere Gesellschaft überschlägt sich schließlich an anderer Stelle geradezu darin, Diskriminierung zu ächten und anzuprangern. Damit die Diskriminierung trotz stark diskriminierungs-feindlicher Rahmenbedingungen „überleben“ kann, bedarf sie der Legitimation.

SnoopyBoy hebt dazu das kulturelle Konstrukt der Kindheit und insbesondere der kindlichen Unschuld hervor.

luxwox ergänzt:

Es sind zwei Dogmas, die in Kombination verbieten, ein Kind mit Sex zu kontaminieren.

1. Sex ist schmutzig und dehalb schuldbeladen.
2. Ein Kind ist rein und unschuldig.

Nur wenn BEIDE Dogmas gelten, ist es ganz Boese, ein Kind mit Sex zu kontaminieren.

Beitrag von luxwox

Das sind wichtige und meiner Einschätzung nach auch richtige Gedanken.

Die Legitimation der Diskriminierung von Pädophilen ist ihre unterstellte Gefährlichkeit. Kinder sind schwach und schutzbedürftig. Wer Kinder bedroht, muss daher ausgeschaltet werden. Auch präventiv. Die Ausschaltung der Bedrohung ist dann keine Aggression, sondern erweiterte Selbstverteidigung in einem besonders wichtigen und notwendigen Fall.

Dieser Mechanismus ist uralt und funktioniert zuverlässig. Die Verteidigung von Kindern rechtfertigt so gut wie jede Aggression. Im Mittelalter kursierten zum Beispiel Ritualmordlegenden über die rituelle Opferung christlicher Kinder durch Juden. Die wenig überraschende Folge waren Pogrome gegen Juden.

Auch heute noch kann man so gut wie ALLES rechtfertigen, wenn man nur erklärt, dass man damit gegen Menschen vorgeht, die „Kindern weh tun wollen“.

Wer pädophil ist, gilt als gefährlich für Kinder. Als jemand, der seiner Natur gemäß – so wie man diese Natur auffasst – dazu getrieben ist, Kindern zu schaden. Ob jemals ein Schaden angerichtet wurde, spielt keine Rolle. Es geht um gefühlte Wahrscheinlichkeiten. Für jemanden, der pädophil ist, gilt die Gefährlichkeitsvermutung. Unerbittlich und unwiderlegbar.

Auf der Haben-Seite, kann man wohl festhalten: wenn es tatsächlich gelingen würde, die Gefährlichkeitsvermutung zu entkräften oder gar zu widerlegen, dann würde im gleichem Maße die Empörung, Panik und Dämonisierung in sich zusammenschrumpfen.

Nur: die Aufgabe scheint unmöglich.

Kinder gelten seit mindestens zwei Jahrhunderten als „unschuldig“ und „rein“. Das ändert sich nicht mal eben.

Der Trend zur künstlichen Verlängerung der Kindheit hält an. Wo es früher einmal Schlüsselkinder gab, gibt es heute Handkinder, die mit dem Elternarm verwachsen zu sein scheinen. Wo man früher bis zum Abendessen oder bis zur einsetzenden Dunkelheit unbeaufsichtigt auf der Straße spielte, gibt es heute Vollzeitüberwachung durch Helikoptereltern. In Zeitungsartikeln kann man lesen, dass Gehirne erst mit 25+ ausgereift seien – und dazu passend gilt es inzwischen als normal, wenn 25-jährige noch bei den Eltern wohnen.

Die Assoziation von Sex mit (männlicher) Gewalt ist eine Kernthese des Feminismus, der seinerseits einen seit Jahrzehnten anhaltenden und unvermindert wirksamen gesellschaftlichen Megatrend darstellt. Sex steht heute daher aus ideologischen Gründen unter Gewaltverdacht. Sexuelle Grenzüberschreitungen gelten als besonders abscheulich, die Strafen können gar nicht hart genug sein. Für mich spricht viel für eine Überreaktion, bei der Augenmaß und Verhältnismäßigkeit bereits auf der Strecke geblieben sind – was aber am fortdauernden Schwung dieses Trends nichts ändert.

Das alles bietet wenig Anlass zur Hoffnung.

Aber es gibt auch Entwicklungen, die mir als Silberstreife am Horizont erscheinen:

Es gibt eine zunehmende Tendenz, Kinderrechte als existent und einklagbar anzusehen. Was würde passieren, wenn sie erst einmal im Grundgesetz festgeschrieben sind und ein 14-jähriger, der in einer Liebesbeziehung zu einem Erwachsenen steht, versucht, gerichtlich gegen ein Urteil wegen sexuellem Missbrauch Abhängiger und ein Kontaktverbot vorzugehen, weil er sein Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung verletzt sieht? Hierfür potentiell geeignete Fälle hat es bereits gegeben.

Es gibt in der Medizin eine starke Tendenz zu evidenzbasierter Medizin also zur Diagnose und Behandlung auf empirisch nachgewiesener Basis. Schäden willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakte von und mit Kindern können also mutmaßlich nicht in alle Ewigkeit lediglich behauptet werden, sondern werden vermutlich irgendwann Gegenstand einer wirklich qualifizierten Untersuchung sein, die dann ein paar der Annahmen und Vorurteile, die der Gefährlichkeitsvermutung zugrunde liegen, heftig erschüttern könnte.

Letztlich weiß man nicht, was die Zukunft bringt. Dadurch, dass man seinen Kampf aufgibt, weil man ohnehin nichts erreichen kann, wird sie aber sicher nicht besser.

Es ist auch nicht wirklich problematisch, wenn man mit Aktivismus, Engagement und Herzblut am Ende etwas anderes erreicht, als man eigentlich erreichen wollte. Man ist ja nicht der einzige auf der Welt, der etwas erreichen will. Auch alle anderen zupfen am Stoff aus dem unsere Gesellschaft gemacht ist und versuchen ihn in die „passende“ Form zu bringen. Ich finde das völlig legitim. Das Ergebnis ist immer ein Kompromiss und nie die Idee in Reinform. Und natürlich ist das Ergebnis immer auch nur ein Zwischenstand. Es zupfen immer schon die nächsten am Stoff herum.