Ermüdungserscheinungen jenseits des Regenbogens

Kurz nachdem am 5. Januar 2022 mit dem Grünen-Politiker Sven Lehmann erstmals ein Beauftragter der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ernannt wurde, habe ich ihn angeschrieben.

ich wende mich an Sie in Ihrer Rolle als Beauftragter der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Ich möchte Sie darum bitten, ihr Augenmerk auch auf eine Gruppe zu richten, die nicht zur Queer-Bewegung gehört, die aber sehr große Probleme mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hat. Gemeint ist die Gruppe hebephiler und pädophiler Menschen.

Es geht mir dabei in keiner Weise darum, Rechte auf Kosten anderer einfordern zu wollen. Die eigene sexuelle Selbstbestimmung endet immer da, wo die sexuelle Selbstbestimmung eines anderen Menschen beginnt. Das eigentliche Problem von Pädophilen und Hebephilen ist aber nicht, dass sie auf gelebte Sexualität mit einem Menschen ihrer sexuellen Präferenz verzichten müssen, sondern der blanke Hass aufgrund der Neigung an sich.

Mein Schreiben ging insgesamt über fast acht A4 Seiten – natürlich viel zu lang, weil ich es leider nicht anders hinbekomme, aber auch sehr gut belegt und so gut erklärt, wie ich es eben vermag. Beantwortet wurde es nicht.

Ich weiß auch, dass andere Aktivisten wie die Gruppe, die den Blog „Kinder im Herzen“ (KiH) veröffentlicht, Herrn Lehmann angeschrieben haben. Sie haben es geschafft sich dabei auf etwa zwei A4 Seiten zu beschränken. Aber auch sie haben trotz mehrfacher Nachfragen keine Antwort erhalten.

Vor einigen Tagen wurde nun das Werk des Beauftragten, der Aktionsplan „Queer leben“ für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt der Bundesregierung vorgestellt. Er wird als „deutliches Signal für die Anerkennung von Vielfalt“ gefeiert. Einleitend heißt es:

Alle Menschen sollen gleichberechtigt, frei, sicher und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben. Damit dies auch für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie andere queere Menschen (LSBTIQ*) möglich ist, sieht sich die Bundesregierung in der Verantwortung für eine aktive Politik gegen Diskriminierung und für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Um Queerfeindlichkeit entgegenzuwirken, verabschiedet die Bundesregierung folgenden bundesweiten Aktionsplan für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Er enthält Empfehlungen für Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern (Rechtliche Anerkennung, Teilhabe, Sicherheit, Gesundheit, Stärkung von Beratungs- und Communitystrukturen, Internationales).

Danach wird auf 14 Seiten das politische Programm der kommenden Jahre dargelegt. Zur Situation von Pädophilien und Hebephilen findet sich: nichts.

Alle Menschen sollen gleichberechtigt, frei, sicher und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben. Außer sie sind pädophil oder hebephil. Da tut man lieber nichts dafür, dass das Versprechen an alle Menschen für diese Menschen Realität wird. Es erinnert an die „Farm der Tiere“ von George Orwell:

Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen.

Ein queerer Aktivist wie Jens Lehmann kann sich nicht auf Unwissenheit berufen. Er weiß, um was es geht, in einer milden Ausprägung auch aus eigener Anschauung. Was er nicht wissen kann, wurde ihm von verschiedenen Seiten erklärt. Es war ihm keine Antwort wert.

Zu ihrem eigenen Wohl werden von den LGBTQ+ Aktivisten alle Menschen unter dem Regenbogen versammelt, von wo aus sie dann die Akzeptanz und Solidarität für sich einfordern, die sie selbst anderen wider besseren Wissens verweigern.

Das Ganze ist erbärmlich und ermüdend.

Aktuell empört sich Deutschland über das Verbot der „One Love“ Kapitänsbinde bei der Fifa Weltmeisterschaft in Katar. Ich kann die Empörung nicht mitfühlen.

Das eigentliche Problem ist für mich ohnehin nicht, dass die sieben nationalen europäischen Verbände letztlich einen Rückzieher gemacht haben und die LGBTQ+ Kapitänsbinde nicht tragen werden, sondern dass es in ganz Europa überhaupt nur einen einzigen aktiven Profifußballer gibt, der sich getraut hat, sich als schwul zu outen: der 17-jährige Jake Daniel vom FC Blackpool in England hat sich im Mai 2022 geoutet.

Solange es in den Profiligen von Deutschland, Wales, Belgien, Dänemark, der Niederlande und der Schweiz keine gelebte Kultur gibt, die es einem Profispieler erlaubt hat, sich zu outen, wirkt es für mich heuchlerisch sich (im vermeintlich krassen Gegensatz zur Fifa) als ach so aufgeklärt und inklusiv präsentieren zu wollen. Gut scheinen wollen reicht nicht!

Im Spiegel erschien heute ein Interview mit Nas Mohamed aus Katar („Den Menschen ist nicht bewußt, welchr Hass uns uns in Katar entgegenschlägt“). Mohamed flüchtete sich 2015 in die USA, wo ihm seit 2017 aufgrund seiner sexuellen Orientierung Asyl gewährt wird. Er hat sich im Mai 2022 als erster Bürger von Katar als schwul geoutet.

Mein wenig mitfühlender erster Gedanke dazu war: Na und?

Es macht sich auch niemand bewusst, welcher Hass Menschen wie mir in Deutschland entgegenschlägt. Wohin könnte ich vor der Verfolgung wegen meiner sexuellen Orientierung flüchten? In welchem Land wäre es denkbar, dass ich mich outen könnte, ohne deshalb mit Belästigungen, Drohungen und körperlichen Angriffen rechnen zu müssen?

Wenn ich die Einzelheiten der geschilderten Verfolgungssituation in Katar objektiv bewerte, muss ich einräumen, dass sie über das, was man als Pädophiler oder Hebephiler in Deutschland erlebt, hinausgehen. Aber Nas Mohamed kann seit fünf Jahren unbehelligt in den USA leben und lieben. Das macht ihn aus meiner Sicht zu einem Privilegierten. Und auch die in Katar und vergleichbaren Staaten tatsächlich noch Verfolgten haben diese Perspektive. Für Menschen wie mich gibt es eine analoge Perspektive nicht.

Diejenigen, die selbst Diskriminierung oder sogar Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus erster Hand erfahren haben, kümmert meine Not nicht. Warum soll mich dann ihre Not kümmern?

Ausbleibende Hilfe verbittert irgendwann.

8 Kommentare zu „Ermüdungserscheinungen jenseits des Regenbogens

  1. Als Nichtpädophiler, der sich nun schon seit einigen Jahren mit der Pädophilensituation auseinandergesetzt hat, hoffe ich, dass sich dein Missmut gegenüber dieser gequirtlen Regenbogenscheiße schnell und weiter verbreitet. LGBT als Idee ist schon seit den 90ern vollkommen zweckentfremdet, korrumpiert und heutzutage komplett von politisch gesponserten Revolutionären unterwandert, die den Wunsch nach Gleichstellung schamlos ausnutzen um ihre eigenen Ziele voranzutreiben.

    LGBT wurde von einer Bewegung der Ausgeschlossenen zu einem Unterdrückungswerkzeug und Propagandaaparatus der Wirtschaftspolitik gemacht.

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  2. Dass pädophile und hebephile Menschen in diesem Aktionsplan nicht erwähnt werden, überrascht mich nicht. Ich vermute, dass selbst dort, wo es Sympathie oder Verständnis geben mag, die Angst zu groß ist, von Seiten der Union/AfD/Reichelt & co angegriffen zu werden.

    Etwas Hoffnung macht mir trotzdem der Abschnitt 1.1 Aufnahme eines ausdrücklichen Verbots von Diskriminierung wegen der sexuellen Identität (Artikel 3
    Absatz 3 Grundgesetz).

    Der Begriff der sexuellen Identität ist deutlich weiter gefasst als der der sexuellen Orientierung, bei welchem oft argumentiert wird, er bezöge sich lediglich auf das Geschlecht, nicht aber auf das Alter – wobei das meiner Meinung nach lediglich eine Definitionsfrage ist. Die sexuelle Identität ist hingegen ein Begriff, bei dem es schwierig ist rein semantisch abzustreiten, dass er auch auf Pädophile und Hebephile zutrifft. Denn rein auf innerer, emotionaler Ebene ist eine pädophile Neigung natürlich ebenfalls Teil der eigenen Identität. Das ist einfach ein Fakt.

    Genau das ist ja auch der Angriffspunkt von Rechtsaußen. Die Tatsache, dass die sexuelle Identität eben auch Pädophile mit einschließt, wird dort bereits versucht als Gegenargument zu verwenden. Ich hoffe, dass man am Ende nicht versuchen wird, mit irgendeiner abstrusen Definition Pädophile doch noch auszuschließen. Wenn die Debatte um die Erweiterung des Grundgesetzes konkreter wird, sollten wir deshalb erneut Druck machen: in den sozialen Medien, in Kommentarspalten und in Anschreiben an Politiker und Personen der Öffentlichkeit, damit sie den Anfeindungen von Rechts standhalten und öffentlich klarstellen, dass eine solche Grundgesetzänderung keine Gesetzesverstöße legitimieren würde, weil sie sich prinzipiell nicht auf Handlungen bezieht, sondern eben nur auf die innere Identität und dass diese aber mit Hinblick auf die Menschenrechte für alle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden muss. Da auch Menschen mit pädophiler und hebephiler Neigung Menschenrechte besitzen, muss dies demnach auch für diese gelten.

    In Bezug auf Katar empfinde ich tatsächlich Solidarität mit homosexuellen Kataris. Sich nicht bei der eigenen Familie outen zu können ist es etwas, das ich sehr gut nachvollziehen kann. Zudem scheint die Verfolgung dort tatsächlich sogar noch stärker zu sein als die pädophiler Menschen in Deutschland. Sein komplettes soziales Umfeld und seine Heimat hinter sich zu lassen und in die USA zu fliehen, ist zudem ein weitreichender Schritt, der auch nicht für jeden Katari eine echte Option darstellen dürfte.

    Ich habe jedenfalls viel mehr Solidaritätsgefühl mit Schwulen, die in ihrem Heimatland verfolgt werden, als mit solchen Schwulen, die in Deutschland ein gutbürgerliches Leben führen und munter bei der Hetze gegen pädophile und hebephile Menschen mitmachen.

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  3. Keine Gruppe hat in der Geschichte ihre Interessen durchgesetzt, weil die Herrschenden und Inhaber der Deutungshoheit mitleidig oder gutmütig wurden oder Erbarmen zeigten.

    Es hat immer zuerst kräftig auf’s Maul geben müssen.

    Damit du dich aber nicht als Teil einer Gruppe begreifst, die ihre Rechte durchsetzen könnte, erklärt man dich als psychisch krank und verweist dich an KTW o.ä. Die permanente Angst, entdeckt und entlarvt zu werden und die Verinnerlichung eines vermeintlich individuellen Problems („deine Pädophilie“) verhindert, dass eine Gruppe entsteht, die machtvoll werden könnte.

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  4. Es war von Anfang an sehr unwahrscheinlich, dass sich der Queer-Beauftragte dem Thema annehmen würde. Heutzutage muss man ja schon froh sein, dass der Aktionsplan zumindest keine stigmatisierenden oder diskriminierende Inhalte gegenüber Pädophilen enthält. Im Abschnitt zum Thema Missbrauch von LGBT-Jugendlichen wird auch konsequent von sexualisierter Gewalt gesprochen, und nicht von Wortschöpfungen wie Pädokriminalität, Pädosexualität oder gar Pädophilie.

    Wer weiß, vielleicht haben unsere Mails ja ein wenig dazu beigetragen. Während seiner Zeit als Grünen-Landesvorsitzende hat Lehmann nämlich noch von einer „falsch verstandenen Toleranz gegenüber Pädophilen“ gesprochen und schien damit zu meinen, dass wir gar keine Toleranz verdient hätten. Unter dem Aspekt hätte der Aktionsplan noch wesentlich schlimmer ausfallen können.

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  5. That you have received no response to your letter should not be a total disappointment. With enough pinpricks, some notice is bound to happen. The problem is how do we effect many more pinpricks? Not only are our numbers relatively small, but most among us are cowed and do not dare to speak up.

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    1. I eventually decided to send a follow-up mail. (see below)

      I also sent a separate mail to a German professor who focuses among other things on the promotion of health through anti-discrimination. My first new activist outreach e-mail to a new recipient in many a month. She probably won’t answer, but you never know. And even if she doesn’t, it might still have some sort of impact.

      Constant dropping wears away a stone. (in German: Steter Tropfen höhlt den Stein)

      —————

      Sehr geehrter Herr Lehmann,

      vor knapp einer Woche haben Sie den Aktionsplan „Queer leben“ vorgestellt.

      Einleitend heißt es dort:

      „Alle Menschen sollen gleichberechtigt, frei, sicher und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben. Damit dies auch für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie andere queere Menschen (LSBTIQ*) möglich ist, sieht sich die Bundesregierung in der Verantwortung für eine aktive Politik gegen Diskriminierung und für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Um Queerfeindlichkeit entgegenzuwirken, verabschiedet die Bundesregierung folgenden bundesweiten Aktionsplan für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Er enthält Empfehlungen für Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern (Rechtliche Anerkennung, Teilhabe, Sicherheit, Gesundheit, Stärkung von Beratungs- und Communitystrukturen, Internationales).“

      Danach wird auf 14 Seiten das politische Programm der kommenden Jahre dargelegt. Zur Situation von Pädophilien und Hebephilen findet sich: nichts.

      Meine Schlußfolgerung: alle Menschen sollen gleichberechtigt, frei, sicher und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben. Außer sie sind pädophil oder hebephil. Dann tut man lieber nichts dafür, dass das Versprechen an alle Menschen für diese Menschen Realität wird.

      Mich hat das an eine berühmte Stelle aus der „Farm der Tiere“ von George Orwel erinnert: „Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen.“

      Das krachende Schweigen in ihrem Aktionsplan hat mir wirklich zugesetzt. Ich kann mir die Gründe zwar zusammenreimen aber letztlich entzieht es sich dennoch meinem Verstehen. Natürlich ist mir klar, dass es nicht leicht sein mag, gerade gegen die Diskriminierung von Pädophilien und Hebephilen Partei zu ergreifen. Aber das entbindet nicht von der Verpflichtung zu Handeln wenn andere Menschen in Not sind und man die Not erkannt hat. Ganz besonders dann nicht, wenn man mit vergleichbarer hochpersönlicher Not in der einen oder anderen Weise selbst oder im direkten Umfeld vertraut ist.

      Sie haben das Wissen und sie haben (auch jetzt noch) die Gelegenheit zumindest einen kleinen Anfang zu machen und das Thema auf die Agenda zu setzen.

      Deshalb bitte ich Sie: tun Sie etwas für ihr Karma.

      Mit freundlichen Grüßen
      Schneeschnuppe

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