Umfrage zu den Gründen für den Abbruch einer Psychotherapie

Ich war als Jugendlicher und Heranwachsender einige Jahre suizidgefährdet.

Ursächlich waren Probleme, die im Zusammenhang mit meiner sexuellen Neigung standen, wie ein Verliebtsein aus der Ferne und ohne Hoffnung, die Ächtung von Pädophilie in der Gesellschaft und die Angst, die Menschen zu verlieren, die mich lieben, wenn sie erfahren, wer ich wirklich bin.

Ich habe in diesen Jahren keine Hilfe gesucht. Es wäre gut gewesen, wenn es damals Angebote für mich gegeben hätte, aber auch wenn es sie gegeben hätte, hätte ich die Angebote vermutlich nicht genutzt, wenn der Zugang nur mit der Auslieferung meiner Identität – und damit meines Schicksals – an einen Dritten möglich gewesen wäre.

Ich habe allerdings einmal einen Kontaktaufnahmeversuch gestartet. Damals war ich bereits nicht mehr suizidal, sondern „nur noch“ depressiv. Ich hatte die Adresse einer Beratungsstelle in einem Buch gefunden. Dort stand auch die zugehörige Telefonnummer, aber anrufen kam für mich nicht in Frage. Die Gefahr einer Identifizierbarkeit mit unkalkulierbaren Folgen war mir bei einem Anruf einfach zu groß. Also bin ich hingefahren. Die Beratungsstelle war in einer etwas weiter entfernten Großstadt. Als ich nach mehreren Stunden dort angekommen bin, musste ich feststellen, dass sie zu war. Sie war regulär (ohne Terminvereinbarung) nur zwei Tage in der Woche für ein paar Stunden geöffnet. Ich war am falschen Tag und zur falschen Uhrzeit dort. Ich bin also wieder nach Hause gefahren. Ich habe keinen zweiten Versuch unternommen. Etwas später habe ich dann allerdings Boychat entdeckt, eine englischsprachige Online-Community, die für mich als eine Art Selbsthilfegruppe funktioniert hat.

Mit der Neigung Pädophilie / Hebephilie sind sehr häufig erhebliche schädliche psychische Gesundheitswirkungen verbunden und entsprechend ist der Bedarf an psychologischer oder psychotherapeutischer Unterstützung riesig. Das Angebot ist demgegenüber völlig unzureichend.

Anfang Juli wurde ich von der Masterandin kontaktiert, die fragte, ob ich bereit wäre auf meinem Blog den Link zu einer wissenschaftlichen Studie zu teilen. Untersucht werden die Gründe für den Abbruch einer Psychotherapie bei Menschen mit Pädophilie und/oder Hebephilie.

Ich habe die Anfrage aufgrund meiner Vorurteile zunächst ignoriert, weil ich davon ausgegangen bin, dass es um Therapien im Sinne von „Kein Täter werden“ geht und sich die Studie auf die Psychotherapie zum Management von Pädophilen als Gefahr für Kinder konzentriert. So etwas wollte ich lieber nicht unterstützen, da es den Pädophilen und seiner Würde als Mensch nicht gerecht wird.

Durch eine Nachfrage der Wissenschaftlerin und einen Austausch mit ihr stellte sich dann allerdings heraus, dass ich vorschnell geurteilt hatte und es auch um allgemeine Psychotherapien geht, bei denen die Neigung thematisiert wurde und den Patienten z.B. im Umgang mit Stigmatisierung, Depressionen und suizidalen Gedanken geholfen werden soll.

Aufgrund dieser breiteren Ausrichtung haben sich meine Bedenken erledigt. Die Forschung kann vielleicht dazu beitragen, die therapeutischen Angebote zu verbessern. Das wäre sehr wichtig. Hier also der Aufruf zur Teilnahme an der Studie:

Sehr geehrte Besucher:innen dieses Blogs,

im Rahmen meiner Masterarbeit an der Technischen Universität Chemnitz suche ich Teilnehmer:innen für meine Studie, welche die individuellen Gründe für den Abbruch einer Psychotherapie bei Menschen, die sich als pädophil und/oder hebephil wahrnehmen, untersucht.

Dafür führe ich eine Online-Umfrage durch. Das Ziel ist es, individuelle Gründe und Umstände für einen Psychotherapieabbruch besser zu verstehen und Psychotherapieangebote auf die Bedürfnisse der Betroffenen anzupassen, um ihnen besser helfen zu können.

Teilnehmen können alle über 18-jährigen Personen, die sich selbst als pädophil und/oder hebephil einschätzen und die schon einmal eine Psychotherapie, in der ihre sexuelle Präferenz thematisiert wurde, vorzeitig abgebrochen haben. Auch teilnehmen können Personen, bei denen diese Psychotherapie durch den oder die Therapeut:in vorzeitig abgebrochen wurde.

Ihr individuelles Feedback zu den Gründen für Psychotherapieabbrüche ist für Forschung und Praxis höchst wertvoll und daher würde ich mich freuen, wenn Sie an der Umfrage teilnehmen würden. Über diesen Link gelangen Sie zu der selbstverständlich anonymen Umfrage:

https://limes.phil.tu-chemnitz.de/index.php?r=survey/index&sid=254751&lang=de

Vielen Dank und freundliche Grüße

Antonia Martin

Die Umfrage ist zur Zeit geöffnet und endet voraussichtlich am 25. September 2022.

Update 07.10.22 : die Umfrage wurde auf unbestimmte Zeit verlängert.

9 Kommentare zu „Umfrage zu den Gründen für den Abbruch einer Psychotherapie

  1. Bei der ersten Anfrage gab es auch bei mir/K13online bedenken. Es gab dann einen EMailaustausch und wir haben Verbesserungsvorschläge für den Online-Fragebogen gemacht, die wohl auch umsetzt wurden. Jedenfalls bestehen jetzt keine Bedenken mehr bei der Umfrage. Es gibt mehrere freie Textfelder, wo die Teilnehmer ausführlich ihre Meinungen abgeben können. In meinem News ist auch eine Bescheinigung enthalten:
    https://krumme13.org/news.php?s=read&id=4870

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  2. Tatsächlich braucht niemand eine Therapie, nur weil er eine pädophile Orientierung hat.
    Pädophile werden in eine Gesellschaft geboren, die voller Vorurteile gegen diese Orientierung ist. Betroffene kennen diese Vorurteile und hegen sie deswegen häufig gegen sich selbst. Im Comingout Prozess müssen diese Vorurteile überwunden werden. Dabei ist der Betroffene auf sich selbst gestellt. Es ist praktisch nicht möglich, Menschen zu treffen und sich an ihnen zu orientieren, die diesen Prozess durchlaufen haben. Das Coming-out mündet aus nachvollziehbaren Gründen nicht im Going-public. Werden Vorurteile gegen diesen Aspekt der eigene Person nicht überwunden, ist es hilfreich sich therapeutische Unterstützung zu holen (Warnung: Dabei genau hinschauen, bei wem. KTW halte ich bspw. für eher fragwürdig.)
    Ein weiterer Punkt ist die Stigmatisierung, Kriminalisierung und Ausgrenzung, die ein Pädophiler erfährt. Diese Isolation und ständige Wahrnehmung als Persona non Grata kann zu Depressionen bis hin zum Suizid führen. Dabei ist nicht die sexuelle Orientierung das Problem sondern der Umgang der Gesellschaft mit Pädophilen. Dabei wird diese Gruppe weder von politischer Seite noch von juristischer gegen Diskriminierung geschützt. Aktuell muss man feststellen, dass eher das Gegenteil der Fall ist: Der Staat wendet sich selbst, durch Gesetzgebung, finanzielle Unterstützung von fragwürdigen Projekten und der Verweigerung von Hilfen, gegen pädophile Menschen.
    All diese Phänomene sind nicht neu. Ein Blick in die jüngere deutsche Geschichte zeigt auffällige Parallelen. Homosexualität war denselben Restriktionen und Bedrohungen unterworfen, wie wir sie heute bei Pädophilie finden. Die selbsternannten queeren VertreterInnen und Medien verdrängen nicht nur die eigene Geschichte, sie betreiben auch Geschichtsfälschung. Und unterdrücken heute selber nicht gewünschte Meinungen.
    Bei Therapien ist es immer von Interesse zu erfahren, warum es zu Therapieabbrüchen kommt. Abbruchraten sind vor allem interessant um unterschiedliche Angebote zu vergleichen oder die Annahme einer bestimmten Therapieform zu evaluieren. Welchen Nutzen die neue Studie haben soll ist für mich nach wie vor nicht erkennbar.
    Was wirklich eine Entlastung bringen würde, wäre die volle Anerkenntnis von Pädophilie als sexuelle Orientierung. Die positiven Folgen wären immens.

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  3. Untersucht werden sollte, wie der Staat, Organisationen, Kinderschutzverbände, Opferschutzverbände und KTW u.a. dazu beitragen, dass Pädophilie immer stärker kriminalisiert wird. Die ständigen infamen Lügen zu diesem Thema führen am Ende zu dem Umfeld, dass Therapie für Betroffene erst notwendig macht.
    Durch die seit Jahrzehnten stattfindende Ausgrenzung und Schuldzuweisung ist es einem Pädophilen heute unmöglich, ein Leben ohne Angst zu führen. Erschwerend kommt dazu, dass Kinder gefährdet werden. Es gibt keine Programme, die sich an die tatsächlichen potentiellen Tätergruppen wenden. Diese finden sich bei hetero- und homosexuellen Menschen (Männer und Frauen) und vor allem in den Familien. Einer der Gründe für die derzeitige Politik dürfte hierin zu finden sein.

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    1. Leider kann ich keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage liefern. Ich weiß es einfach nicht.

      Ich bin mir sicher, dass der Blog noch einmal annähernd so aktiv werden wird, wie er es früher einmal war. Im wesentlichen habe ich geschrieben, was ich schreiben musste. Ein paar Dinge über die schreiben wollte, sind zwar noch ungeschrieben, aber es fehlt mir an Energie die Artikel in Angriff zu nehmen, bzw. andere Dinge sind für mich zur Zeit wichtiger. Ich frage mich auch, ob ich nicht versuchen sollte, die besten Inhalte in veränderter Form neu aufzubereiten und so besser auffindbar zu machen. Aber auch dafür fehlt mir der nötige Antrieb.

      Es ist denkbar, dass ich weiter blogge. Es scheint mir aber auch möglich, dass ich das Bloggen offiziell einstelle. Falls ich mich so entscheide, würde ich natürlich auch darauf hinweisen.

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    1. Dazu müsste es ein passendes Land geben.

      An vielen Orten der Welt ist die Situation noch schwieriger an in Deutschland. In die USA oder nach Großbritannien sollte man meiner Einschätzung nach als Pädo lieber nicht auswandern. Auch die Niederlande bietet sich nicht gerade an.

      Neben der Gesetzeslage ist auch die Gesetzesdurchsetzung ein bedenkenswerter Aspekt. In Ländern, in denen die Polizei (oft zurecht) einen sehr schlechten Ruf hat, wird vermutlich möglichst viel ohne Behörden geregelt. Und in Ländern, in denen viel Armut herrscht, haben die Leute andere Sorgen als die Moral des Nachbarn. Kinder haben dort auch einen größeren Freiraum und werden eher vernachlässigt. Wenn es in einer Beziehung allen gut geht, hat man dadurch vermutlich verbesserte Chancen in Ruhe gelassen zu werden, insbesondere, wenn man nicht auffällt. Aber als Ausländer aus einem reichen Land, der noch dazu die Sprache nicht spricht, erhöhen sich die Chancen aufzufallen doch deutlich.

      Wenn man auswandert, muss man seinen Lebensunterhalt in einem fremden Land finanzieren, in einer fremden Sprache und muss sich je nachdem wohin es geht vielleicht auch einer fremdartigen Kultur auseinandersetzen. Nicht einfach. Und natürlich muss man zurücklassen, wen und was man bisher gewohnt war, geschätzt oder gar geliebt hat. Eine Auswanderung dürfte also nur für die wenigsten in Frage kommen.

      Eine Alternative könnte es vielleicht sein, auf sexuelle Interaktionen bewusst dauerhaft zu verzichten und zu versuchen dafür die Wünsche nach sozialer Nähe ausleben zu können. Auch das ist sicher nicht einfach, weil man ja erst mal den richtigen Menschen kennen lernen muss und die Möglichkeiten dazu immer stärker problematisiert werden.

      Richtig ist aber auch: was schwierig ist, ist deshalb noch lange nicht hoffnungslos – weder Auswandern, noch Glücksversuche im eigenen Land. Man kommt persönlich nur vorwärts, wenn man sich in Bewegung setzt, egal was das konkret im Einzelfall bedeuten mag. Also: gut über den Weg nachdenken und sich dann aufmachen.

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