„Der Zehnjährige, der seinen Lehrer verführte“

So lautet tatsächlich der Titel einer Filmbesprechung im Schweizer Tagesanzeiger.

Der Film „Petite nature“ (Alternativtitel: „Softie“) ist autobiographisch und erzählt von der Kindheit des Regisseurs Samuel Theis, der 2014 in Cannes mit seinem Erstlingswerk „Party Girl“ die Goldene Kamera gewann.

Hier die besagte Filmbesprechung:

Der Zehnjährige, der seinen Lehrer verführte

Der französische Regisseur Samuel Theis macht die eigene Familie zum Thema – für seinen neuen Film musste er einen Buben finden, der heikle Szenen spielt.

Der Knabe zieht sich aus, Shirt, Hose, langsam und lasziv. Sein Lehrer, in dessen Wohnung sich die Szene abspielt, will ihn stoppen. Doch der Schüler lässt sich nicht abhalten. Er ist zehn Jahre alt.

Natürlich ist das eine heikle Szene. Das weiss auch Samuel Theis, der sie für seinen Film «Petite nature» erfunden hat. Erfunden? «Der Film basiert, wie alles, was ich tue, auf meinen eigenen Erinnerungen», sagt der 43-Jährige.

Die Mutter war das «Party Girl»

Samuel Theis wurde mit «Party Girl» bekannt. Im Zentrum des Films stand seine Mutter, die an der deutsch-französischen Grenze in einem Cabaret als Animierdame arbeitete und eines Tages beschloss, zu heiraten. Gespielt wurde sie nicht etwa von einer Schauspielerin, die richtige Mama trat selbst auf, genau wie die übrigen Mitglieder der Familie. Der Film wurde 2014 zum Überraschungserfolg in Cannes und gewann zahlreiche Preise.

Die Mutter kommt jetzt in «Petite nature» wieder vor. Allerdings in einer viel jüngeren Version, gespielt wird sie von Mélissa Olexa, die der Regisseur in einem Supermarkt entdeckt hat. Und das Alter Ego des Regisseurs heisst Johnny und ist zehn Jahre alt. Die Familie führt ein turbulentes Leben, sobald die Mama von einem Lover rausgeschmissen wird, zieht sie mit Sack und Pack, drei Kindern und zwei Goldfischen wieder um.

«Das alles ist von meiner Kindheit inspiriert. Aber ich habe mir mehr Freiheiten genommen als beim ersten Mal», sagt Samuel Theis. Er habe vermeiden wollen, einen nostalgischen Film über die 80er-Jahre zu drehen. «Petite nature» spielt im Nordwesten Frankreichs, in der heutigen Zeit. Dazu musste der Regisseur eine zeitgemässe Version seiner selbst finden. Aber nicht nur das. Gefragt waren auch Eltern, die einwilligten, ihren Sohn heikle Szenen spielen zu lassen.

Aliocha Reinert heisst der junge Mann mit dem Engelsgesicht. Er ist phänomenal: Manchmal noch ein Kleinkind, wenn er sich an die Mama kuschelt im Bett. Dann ein Pubertierender, wenn er einen Wutausbruch hat, weil sich die Familie keine richtige Cola leisten kann. Und plötzlich ein blonder Verführer, der imitiert, was er bei den Erwachsenen gesehen hat. Und so den Lehrer, gespielt von einem Profi, aus der Fassung bringt.

AC/DC waren dann doch zu teuer

Diese Geschichte ist ein Balanceakt, sie könnte immer die schlimmstmögliche Wendung nehmen. Aber sie bleibt wundersam fragil und nüchtern. Ohne je banal zu erscheinen.

Nur am Ende scheint sich der Regisseur einen kleinen Anflug von Nostalgie zu gönnen. Der Zehnjährige tanzt zu einem Rockklassiker. Aber Samuel Theis widerspricht: Er habe dem Knaben gesagt, er solle ein Stück mitbringen, zu dem er gern tanzen würde. Dieser sei zu seinem Erstaunen nicht mit aktueller Musik aufgekreuzt, sondern habe «Thunderstruck» mitgebracht. 

Das habe sich die Filmproduktion nicht leisten können, Musik von AC/DC kostet 60’000 Euro pro Minute. Deshalb erklingt jetzt das etwas preiswertere «Child in Time» von Deep Purple. Ein perfekter Abschluss für einen packenden Film.

Samuel Theis scheint schwul oder bisexuell zu sein. Sein Film wird auch als schwuler Coming-of-age film besprochen. Es geht ihm mit dem Film aber nicht um sexuelles Erwachen, sondern um ein intellektuelles Erwachen. In einem Interview äußert er sich wie folgt (eigene Übersetzung):

Cineuropa: Was war Ihre Motivation für Softie : einen weiteren Film in Forbach, Ihrer Heimatstadt, über eine soziale Schicht zu drehen, die Sie bestens kennen, oder das Porträt eines Jungen an der Grenze zwischen Kindheit und Jugend?

Samuel Theis: Dass dies in Forbach gedreht wird, war für mich klar, weil das Porträtieren dieses Kindes auch eine Möglichkeit ist, Erinnerungen an ein selbst erlebtes Erlebnis aufzufrischen und ein Alter darzustellen, das ich für das Kino hochinteressant finde, weil es wirklich die Schwelle zum Teenageralter ist. Fiilmaufnahmen in Frankreich mit einem Kind zu planen ist komplex, weil das Gesetz vorschreibt, dass wir nur vier Stunden pro Tag drehen dürfen. Aber ich wollte über dieses Alter sprechen und über die Erkenntnis, die ich mit 10 hatte, von der Gewalt meiner sozialen Herkunft und von dem tiefen inneren Wissen, dass ich mein Leben dort nicht verbringen würde, dass ich gehen würde und dass ich daher meiner Familie den Rücken kehren würde. In diesem Alter ist es eine Herausforderung, das zu verstehen! Dieser Film ist das Porträt eines Kindes, aber vor allem geht es um die Frage der Abkehr von der eigenen Klasse.

Die Figur des Johnny, mitten in einem Lebensabschnitt, in dem es um das Erwachen, das Verlangen und die Neugier geht, trifft mit seinem Lehrer einen Meister. Welche Art von Blick wollten Sie auf die Bildung werfen?

Er repräsentiert die Figur des Mentors. Wir alle haben Meister, eine Person, auf die wir projizieren wollen. Das geschieht immer dann, wenn der Erwachsene zuerst einen Blick auf das Kind wirft, den Blick von jemandem, der an uns glaubt, der unser Potenzial sieht und es zeigt. Diese Begegnungen sind entscheidend, vor allem auf dem Weg des sozialen Übertritts. Bildung als Institution ist bedenklich, denn ich weiß nicht, ob das, was wir Chancengleichheit nennen, tatsächlich existiert, aber für mich war es die Schule, die mich durchgebracht hat. Das Ganze ist ambivalent, komplex, nuanciert.

Dieses Verlangen, diese Neugierde, ist auch ein eher verschwommenes Verlangen nach Liebe, das seine Grenzen hat. Sie zögern in der Tat nicht, das recht heikle Thema des sexuellen Erwachens anzusprechen.

Einen Film über ein Kind zu machen, bedeutet, einen Film über Anfänge zu machen, und ich wollte mich nicht mit dem intellektuellen Erwachen begnügen. Ich stütze mich auf eine persönliche Erfahrung und ich glaube nicht, dass der Film die Sexualität mit 10 Jahren thematisiert, und natürlich ist es von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Das waren Umwälzungen in meinem Kopf, und es hat lange gedauert, bis ich sie entschlüsselt hatte. Mein Wunsch war es zu zeigen, dass das Begehren, was auch immer es sein mag, immer vielfältig ist, dass verschiedene Realitäten und Wahrnehmungen miteinander kommunizieren. Denn woraus besteht unser sexuelles Begehren? Es ist nicht nur die Chemie zwischen zwei Menschen, es gibt auch eine intellektuelle Komponente und eine mentale Konstruktion. Ich habe oft Menschen begehrt, die mir helfen konnten, sozial aufzusteigen. Aber es war mir sehr wichtig, dass die Erwachsenen in dem Film in diesen Fragen untadelig sind. Das Kind ist ein Entdecker, und in diesem Alter müssen wir nach unseren Grenzen suchen und experimentieren. Ein Kind geht immer zu weit. Vielleicht war es eine Möglichkeit, erzählerisch alle wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Die Filmrezension des queeren Webmagazins LGBT Bern berichtet über den Film folgendes:

«Petite nature»

Der sensible 10-jährige Johnny kümmert sich um seine kleine Schwester und wird von seiner alkoholkranken Mutter mal gelobt, mal geschlagen. Als ein neuer Lehrer die Klasse von Johnny übernimmt, erkennt dieser sein Potential und beginnt ihn zu fördern. Der Junge entwickelt jedoch zu ihm eine Zuneigung, die bald die Grenzen des Erlaubten sprengt. Ergreifend erzählt Regisseur Samuel Theis in seinem neuen Film «Petite nature» von der komplexen Erfahrungswelt eines empfindsamen und zugleich unglaublich mutigen Kindes. Ab dem 7. April läuft er in den Deutschschweizer Kinos. Hermann Kocher hat ihn bereits gesehen. Seine Filmbesprechung:

Der 10-jährige Blondschopf Johnny ragt heraus: Er scheint weder zu seiner taffen, aber zuweilen völlig überforderten Mutter Sonia, noch in die Sozialsiedlung im Nordosten Frankreichs zu passen, in die sie kürzlich umgezogen sind. Mit neugierigem Blick geht der sensible Junge durch die Welt und interessiert sich für Dinge weit über seinem Altershorizont. Als der neue Lehrer Jean die Klasse von Johnny übernimmt, erkennt endlich jemand dessen Potential und beginnt ihn zu fördern. Der Junge fühlt sich bei Jean allerdings so gut aufgehoben, dass seine Zuneigung die Grenzen des Erlaubten schon sehr bald sprengt.

Der Film beginnt mit einem Umzug: Zu Fuss macht sich die Familie des zehnjährigen Jonny «mit Sack und Pack» – im wahrsten Sinne des Wortes –  auf den Weg zu einer neuen Wohnung. Vermutlich einmal mehr hat eine Beziehung der Mutter im Chaos geendet. Eine Unterkunft wird in einer Hochhaussiedlung am Rande der lothringischen Kleinstadt Forbach gefunden. Der sensible, mit seinen blonden langen Haaren engelhaft wirkende Johnny passt nicht in das dortige raue Klima. Genauso wenig findet er Halt und Anerkennung im sozial instabilen Milieu seiner Familie. Seine Mutter (der Vater ist abhanden gekommen) sendet widersprüchliche Signale aus. Einmal ist ihr Sohn eine Wucht und ihr Engel, ein anderes Mal schlägt sie ihn. Johnny muss wegen der alkoholischen Exzesse der Mutter Aufgaben übernehmen, die nicht für einen Zehnjährigen gedacht sind. Er betreut die kleine Schwester, macht der Mutter die Haare oder massiert ihr die Beine.

Johnnys Leben nimmt bereits am ersten Schultag am neuen Ort eine unerwartete Wende. Jean Adamsky, sein Lehrer, fragt die Kinder, wo sie sich in zwanzig Jahren sähen. Johnny ist perplex ob dieser Frage und stammelt nur, er werde sich dann wohl um seine kleine Schwester kümmern. Immer mehr gelingt es Jean, Johnny aus der Reserve zu locken. «Glaub an dich!», so lautet sein Appell. Er eröffnet ihm einen Weg zur Poesie, zur Kunst, lässt ihn an seinem privaten Leben teilhaben und zeigt ihm Perspektiven auf. Johnny, an der Grenze zur Pubertät, entwickelt dabei Gefühle für seinen Lehrer, die über eine stille Schwärmerei hinausgehen. Jean, der um seinen Job bangt, ist gezwungen, lautstark Grenzen zu ziehen. Und Johnny muss sich überlegen, was das für ihn und seine Zukunft bedeutet.

Regisseur Samuel Theis hat mit «Petite nature» nach seinem Erstlingswerk «Party girl» (2014) einen überzeugenden zweiten Film vorgelegt, der nach seinen Aussagen viele autobiographische Züge trägt. Die Erzählstruktur ist linear, und doch ist der Film vielschichtig.

Er kann gesehen werden als grossartig inszenierte, aufrüttelnde Milieustudie in einem sozial benachteiligten Umfeld. Der Regisseur hat in einem Interview den Aspekt «Gefühl der sozialen Scham» herausgestrichen, mit dem er selber lange gekämpft habe und das ihn vielleicht zum Filmemacher werden liess. Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Film als Emanzipationsgeschichte, als Coming-of-age-Studie des heranwachsenden Johnny zu lesen. Johnny und der Prozess, den dieser durchläuft, werden von Aliocha Reinert mit einer Natürlichkeit und einem Einfühlungsvermögen verkörpert, die grosse Bewunderung hervorrufen. Der facettenreichen Persönlichkeit des Jugendlichen wird der Titel «Softie», unter dem der Film zum Teil lanciert wurde, nicht gerecht. Ein anderer Blick könnte auf die pädagogischen Leistungen Jeans gerichtet werden, einem begnadeten Lehrer, wie man sich wünscht, sie öfters erlebt zu haben.

Am meisten zu diskutieren wird jedoch wohl die Frage geben, was es für einen Lehrer bedeuten kann, mit dem sexuellen Erwachen von anvertrauten Jugendlichen umzugehen. Die im Rahmen von Missbrauchsfällen geführten emotionalen Erörterungen sind hier insofern brisant, als die Avancen nicht vom Lehrer, sondern vom Jugendlichen ausgehen. Ob es dabei um Sexualität im engeren Sinne geht oder einfach darum, auch den Körper dafür einzusetzen, um Zuneigung und Anerkennung zu gewinnen – wie Johnny es bei seiner Mutter erlebt –, ist offen. Für den Lehrer bleibt die Herausforderung, damit umzugehen, dass, wie er sagt, in jeder Klasse ein oder zwei Jugendliche sind, die ihn mehr berühren als andere. Wie viel Nähe, wie viel Distanz braucht es, damit emotionale, soziale oder intellektuelle Entwicklung geschehen kann? Jean gelingt es, die hier notwendigen Grenzen zu ziehen und vielleicht gerade so Johnny die Chance zu geben, sich aus Abhängigkeiten zu lösen und auf eigenen Beinen zu stehen.

Der 10-jährige Johnny wurde vom zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen 11-järigen (heute 14-jährigen) Aliocha Reinert gespielt. Hier ein paar Bilder und der Trailer:

Geteilt via filmstarts.de
Geteilt via filmstarts.de
Geteilt via filmstarts.de

Der französische Filmtrailer:

Ich finde es extrem bemerkenswert – und ermutigend ! -, dass ein Film wie dieser heute existieren darf.

Ein Zehnjähriger, der seinen Lehrer verführt, passt so gar nicht zu den gängigen gesellschaftlichen Dogmen. Prof. Klaus Michael Beier vom Projekt „Kein Täter werden“ behauptete z.B. 2007 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung allen Ernstes „Kein Kind möchte Sex mit Erwachsenen haben.“ Das ist sachlich schlicht falsch und Wunschdenken, von jemandem, der es eigentlich besser wissen muss, ist es vielleicht sogar bewusste Täuschung. Über Wahrscheinlichkeiten kann ich keine Aussagen treffen aber die denklogische Unmöglichkeit, als die es gerne hingestellt wird, ist es mitnichten.

Obwohl es sich um ein sehr starkes Tabu handelt, blitzt die in der Realität anzutreffende Möglichkeit in öffentlichen Quellen manchmal auf, z.B. in einem TAZ Artikel („Mein pädophiler Onkel: Bestraft und nicht geläutert„), in dem der Autor ein hartes Urteil über seinen pädophilen Onkel fällt. Er berichtet aber auch:

Der Besuch bei meinem Onkel hat mich viel über meine eigene Sexualität nachdenken lassen. Ich bin schwul und habe schon mit 12 oder 13 Jahren begonnen, mich für Männer zu interessieren. Was hätte ich getan, wenn der Bekannte meines Stiefvaters, dessen Oberarme ich mir gerne anschaute, oder der Vater einer Freundin, an dessen Brustbehaarung ich dachte, wenn ich mich selbst befriedigte, Sex mit mir hätte haben wollen? Ich glaube nicht, dass ich Nein gesagt hätte.

Den Tabu-Status erkennt man auch deutlich an einigen Verbiegungen in der zuletzt zitierten Rezension. Das Kind, das seinen Lehrer verführt, löst dort so viel kognitive Dissonanz aus, dass es auf einmal zum Jugendlichen erklärt wird – weil der sexuelle Wunsch eines Kindes etwas Undenkbares, Unmögliches ist, ganz besonders dann, wenn er sich auf eine erwachsene Person richtet. Nochmal (verkürzt) die entsprechenden Stellen der Rezension bei LGBT Bern:

Der sensible 10-jährige Johnny kümmert sich um seine kleine Schwester und wird von seiner alkoholkranken Mutter mal gelobt, mal geschlagen. Als ein neuer Lehrer die Klasse von Johnny übernimmt, erkennt dieser sein Potential und beginnt ihn zu fördern. Der Junge entwickelt jedoch zu ihm eine Zuneigung, die bald die Grenzen des Erlaubten sprengt. Ergreifend erzählt Regisseur Samuel Theis in seinem neuen Film «Petite nature» von der komplexen Erfahrungswelt eines empfindsamen und zugleich unglaublich mutigen Kindes. (…) Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Film als Emanzipationsgeschichte, als Coming-of-age-Studie des heranwachsenden Johnny zu lesen. Johnny und der Prozess, den dieser durchläuft, werden von Aliocha Reinert mit einer Natürlichkeit und einem Einfühlungsvermögen verkörpert, die grosse Bewunderung hervorrufen. Der facettenreichen Persönlichkeit des Jugendlichen wird der Titel «Softie», unter dem der Film zum Teil lanciert wurde, nicht gerecht. Ein anderer Blick könnte auf die pädagogischen Leistungen Jeans gerichtet werden, einem begnadeten Lehrer, wie man sich wünscht, sie öfters erlebt zu haben. Am meisten zu diskutieren wird jedoch wohl die Frage geben, was es für einen Lehrer bedeuten kann, mit dem sexuellen Erwachen von anvertrauten Jugendlichen umzugehen.

Die Beschreibung eines 10-jährungen als „Jugendlichen“ ist verlogen aber hier wohl eher nicht im böswilligen Sinne einer Täuschungsabsicht, sondern als Ausdruck eines psychologisch bedingten, realitätsverzerrenden Passendmachens zum Weltbild. Es erinnert mich an die Darstellung von 13-jährigen als „junge Männer“ in manchen Boulevardzeitungen, wenn die Kinder ein Verbrechen begangen haben oder die Darstellung von 15/16-jährigen als Kinder, wenn sie Opfer einer Tat geworden sind. Wer den Wunsch nach Sexualität hat, muss – so das falsche, aber dogmatisch für wahr erklärte Bild, das man sich von der Wirklichkeit macht – mindestens Jugendlicher sein. Umgekehrt muss, wer Täter wird, mindestens Jugendlicher, wenn nicht erwachsen sein, denn Täter-sein passt nicht zur Idee kindlicher Unschuld.

Damit ist aber niemandem geholfen. Die Realität stellt uns vor Herausforderungen. Wie gehen wir mit Kindern um, die Täter werden? Wie gehen wir mit Kindern um, die sexuell aktiv sind und die sogar eine Anziehungen zu Erwachsenen haben können? Für Herausforderungen, die man partout nicht sehen will, kann man keine angemessenen Lösung finden, die den Situationen und den Menschen gerecht werden.

Es handelt sich um schädliche kognitive Verzerrungen, wenn man aufgrund eines kulturell-dogmatischen Filters nicht erkennt, dass Kinder auch aggressiv und rücksichtslos sein können und in diesem Sinne einem anderen Menschen gegenüber zum Täter werden können (z.B. Schummeln/Lügen/Betrügen; Wegnehmen/Stehlen; Schubsen/Treten/Beißen/Körperverletzung) oder dass sie sexuelle Wesen sind und sich auch Sexualität wünschen können. Wer die Realität leugnet, findet für reale Probleme schlechtere Lösungen.

Einer der Punkte, der mich am Filmprojekt besonders erstaunt hat, ist, dass nicht am autobiographisch korrekten Alter der Hauptperson herumgedoktert wurde. Basierend auf der Beschreibung wäre der Film bereits sehr gewagt, wenn die Hauptperson nicht 10, sondern 12 wäre. Normalerweise hätte ich eine Verfälschung des Alters auf mindestens 13, eher noch auf 14 Jahre erwartet, um die Geschichte akzeptabel zu machen. Es war dem Regisseur offensichtlich wichtig genug, eine authentische Geschichte zu erzählen und vermutlich hat ihm der Erfolg seines Erstlingswerks auch geholfen, den Mut für diese Authentizität zu finden.

Ebenso bemerkenswert ist für mich die Darstellung des Lehrers:

Er repräsentiert die Mentorfigur. Wir alle haben Meister, eine Person, auf die wir projizieren wollen. Das passiert immer dann, wenn der Erwachsene zuerst einen Blick auf das Kind wirft, den Blick von jemandem, der an uns glaubt, der unser Potenzial sieht und es offenbart. Diese Begegnungen sind entscheidend, besonders auf Reisen des sozialen Klassenabfalls. (…) Mein Wunsch war es zu zeigen, dass Verlangen, was auch immer es sein mag, immer vielfältig ist, dass verschiedene Realitäten und Wahrnehmungen miteinander kommunizieren. Denn woraus besteht unser sexuelles Verlangen? Es ist nicht nur die Chemie zwischen zwei Menschen, es gibt auch eine intellektuelle Komponente und eine mentale Konstruktion. Ich habe mir oft Menschen gewünscht, die mir helfen könnten, sozial aufzusteigen. Aber es war mir sehr wichtig, dass die Erwachsenen im Film in diesen Fragen tadellos sind.

Der Regisseur über seinen Film

Die Einordnung des Regisseurs verdeutlicht eine wichtige Antwort auf die Frage, wie vom Jungen gewollte sexuelle Beziehungen zu einem Mann überhaupt zustande kommen können.

Ich habe vor einiger Zeit eine interessante Passage aus einem Interview mit einem Päderasten gefunden, das 1996 entstand. Zu einer Veröffentlichung kam es nicht. Mutmaßlich lag es an den damals entdeckten Verbrechen von Marc Dutroux, der in den Medien fälschlich als pädophil dargestellt wurde aber tatsächlich nach einhelligem Befund von vier Gutachtern ein gewalttätiger, empfindungsloser, heterosexueller Psychopath war. Hier die relevante Passage:

Das hört sich ein bisschen an, als ob es richtige Freundschaften zwischen Männern und Knaben gibt. Reden Sie sich das nur ein, um Ihre Aktivitäten zu rechtfertigen?

Nein. Sehen Sie, Knaben verteilen ihre Sympathien recht egoistisch. Wenn ein Mann sich um sie bemüht, versucht ihnen zu gefallen, so merken sie das natürlich. Ihnen gefällt das Besondere an dieser Beziehung. Sie registrieren sehr genau den Vorteil der Unverbindlichkeit. Das heißt, dass er sich z.B. bei den Schulaufgaben helfen lassen kann, ohne Rechenschaft über den Erfolg ablegen zu müssen. Er merkt, dass der Mann ihn akzeptieren muss, wie er ist, dass er die Hauptperson ist und dass man sich jedes Mal über sein Erscheinen freut. Der Päderast kann den Jungen zwar in allen möglichen Dingen beraten und ihm einige Wege ebnen, er wird ihn aber nicht für ein Fehlverhalten strafen. All diese Dinge manchen diese „Extrawelt“ für den kleinen Mann durchaus schützenswert und er wird, solange er nicht das Gefühl vermittelt bekommt, dass der Sex eine Bezahlung für diese Annehmlichkeiten ist, keinem davon erzählen. Denn er weiß natürlich, dass die Außenwelt diese Beziehung niemals tolerieren würde. Kinder haben – im Gegensatz zu Erwachsenen – die Gabe, Beziehungen zu rationalisieren. Das heißt, dass der Wert einer Bindung zu einem anderen Menschen sich nicht durch das auszeichnet, was in der Erwachsenenwelt pauschal als Liebe definiert wird. Dieses Gefühl und die damit verbundene Außerkraftsetzung der objektiven Situationsbewertung ist Kindern fremd. Die Kriterien, die einen Jungen veranlassen, sich an einen Erwachsenen zu binden oder auch nicht, sind sehr praktischer Natur. Da sind Musik, der Sport, die Technik, die Bereitschaft zum Spielen, und auch ästhetische Gesichtspunkte wie Aussehen, Lebensart oder Aussprache. Dinge, die durchaus kritisch beleuchtet und berechnend in die Waagschale gelegt werden. Sie sind ständig damit beschäftigt, die Menschen ihres sozialen Umfelds miteinander zu vergleichen und für sich zu bewerten. Und soviel ist sicher: Eltern haben bei dieser Bewertung keinen Bonus zu erwarten, nur weil sie Eltern sind. Diese gehen in der Regel davon aus, dass sie von ihrem Kind aufgrund einer (um es salopp zu sagen) genetischen Programmierung geliebt werden, und die Erwartungshaltung ist entsprechend groß. Das funktioniert aber nur solange, wie das Kind keine Vergleichsmöglichkeiten hat. Die Bindung an eine andere Person kann aber durchaus fester und intensiver sein, wenn das Kind sein soziales Umfeld kennenlernt und der besagte Vergleichsmechanismus in Gang kommt. So etwas wie „Treue aus Tradition“ darf von Kindern nicht erwartet werden. Sie können eine Beziehung von einer Minute auf die andere abbrechen, ohne dass sie damit das geringste Problem haben. Und sie können durchaus mehrere Beziehungen gleichzeitig am Laufen halten. Aber wenn eine Beziehung gegen den Willen getrennt wird, sei es, dass es durch Scheidung den Vater verliert oder eine andere wichtige Bezugsperson nicht mehr erreichbar ist, dann ist das für das Kind die Katastrophe. Wenn die Person, an die sich der Junge bindet, ein pädophiler Päderast ist, so schaukelt sich die Intensität dieser Beziehung fast eigendynamisch hoch. Der Mann versucht, sich den Interessen des Knaben anzupassen, und dieser wiederum entdeckt immer neue positive Seiten an dem Erwachsenen. Ehe es zu ersten Annäherungen sexueller Natur kommt, vergehen meist Monate oder gar Jahre. Wenn es aber soweit ist, hat die Bindung längst den Status einer von beiden Seiten unterschiedlich erlebten, aber auch akzeptierten Bereitschaft zur körperlichen Nähe erreicht.

Es wird angenommen, dass die Sexualität der dominierende Faktor in den Beziehungen zu Knaben ist. Das ist falsch und entsteht aus der Ansicht, dass ein Päderast nichts als den Sex im Kopf hat, wenn er mit Knaben verkehrt. Diese Meinung wiederum ist ein Produkt der Unwissenheit und der falschen Informationen, wenn es um dieses Thema geht. Man hat einfach Angst davor, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um über dieses Thema zu reden und falsche Vorstellungen grade zu rücken. Wenn ich sage alle, dann meine ich auch die Kinder. Man weiß genau, dass viele Knaben sich eindeutig für die Tolerierung dieser Beziehungen aussprechen würden, auch wenn Sex im Spiel ist. Aber dann wäre unsere ohnehin ratlose Gesellschaft noch unsicherer, weil sie dann entweder akzeptieren müsste, dass diese Freundschaften ein völlig normales menschliches Verhalten sind, oder sie müssten die Kinder für nicht zuständig, unmündig und nicht urteilsfähig befinden. (…) Wenn es Problem in der Schule gibt, reden sie mit mir und nicht mit ihren Eltern darüber. Sie merken, dass ich auf ihr Wesen eingehen kann, weil ich ihr Denken und Fühlen nachvollziehe. Aber nicht weil ich ein guter Psychologe bin, sondern weil mir diese Knaben etwas bedeuten. Weil ich sie als gleichwertig ansehe. Wie üben zusammen oder quatschen einfach über Gott und die Welt. (…) Ich versuche ihnen zu gefallen und sie quittieren es damit, dass sie es auch versuchen. Das merkt man an ihrem Benehmen mir gegenüber. Sie wissen, dass ich Frechheiten oder unehrliches Verhalten nie dulden würde , solange sie bei uns zu Gast sind. Jungen, die in der Schule oder zu Hause nichts als Schwierigkeiten machen, zeigen hier ganz andere Seiten.

Beim Regisseur, der ja einen wichtigen Abschnitt seiner Kindheit autobiographisch verfilmt hat, kam auch eine körperliche Anziehung hinzu, in der sich die homosexuelle Neigung, die bereits vorhanden war, manifestiert hat. Vor allem hat Samuel Theis, als er 10 war, in seinem Lehrer aber jemanden erkannt, der ihn weiter bringen kann. Er hatte auf einmal eine Vergleichsmöglichkeiten zu seiner Familiensituation. Und entschied, sich auf die Reise zu machen, um seine bisherige Welt zu verlassen und eine neue zu gewinnen, auch wenn er dafür seiner Familie den Rücken kehren muss. Dies ist das intellektuelle Erwachen, um das es ihm als Regisseur bei der Verfilmung dieses Abschnitts seines Lebens ging. Der Mann, an den er sich gebunden hat, war ein Mentor. Jemand, der dem Jungen etwas geben, ihn weiterbringen wollte und dazu auch in der Lage war.

Ein in meinem Blog schon oft in die Waagschale geworfenes Zitat:

(Ein ganz wichtiger prognostischer Faktor, der etwas darüber aussagt, ob sein ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird ist) „One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.

Interview mit dem Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer

Dies spiegelt sich im Blick des Regisseurs auf Mentoren:

Wir alle haben Meister, eine Person, auf die wir projizieren wollen. Das geschieht immer dann, wenn der Erwachsene zuerst einen Blick auf das Kind wirft, den Blick von jemandem, der an uns glaubt, der unser Potenzial sieht und es zeigt. Diese Begegnungen sind entscheidend, vor allem auf dem Weg des sozialen Übertritts.

Auch die sexuelle Komponente wird von Samuel Theis nicht dämonisiert:

Mein Wunsch war es zu zeigen, dass Verlangen, was auch immer es sein mag, immer vielfältig ist, dass verschiedene Realitäten und Wahrnehmungen miteinander kommunizieren. Denn woraus besteht unser sexuelles Verlangen? Es ist nicht nur die Chemie zwischen zwei Menschen, es gibt auch eine intellektuelle Komponente und eine mentale Konstruktion. Ich habe mir oft Menschen gewünscht, die mir helfen könnten, sozial aufzusteigen.

Dann allerdings kommt dieser Satz des Regisseurs:

Aber es war mir sehr wichtig, dass die Erwachsenen im Film in diesen Fragen tadellos sind.

Auch LGBT Bern greift diesen Aspekt in der Filmrezension auf:

Für den Lehrer bleibt die Herausforderung, damit umzugehen, dass, wie er sagt, in jeder Klasse ein oder zwei Jugendliche sind, die ihn mehr berühren als andere. Wie viel Nähe, wie viel Distanz braucht es, damit emotionale, soziale oder intellektuelle Entwicklung geschehen kann? Jean gelingt es, die hier notwendigen Grenzen zu ziehen und vielleicht gerade so Johnny die Chance zu geben, sich aus Abhängigkeiten zu lösen und auf eigenen Beinen zu stehen.

Es ist von „tadellos“ und „notwendigen Grenzen“ die Rede.

Demgegenüber wird auch eine Natürlichkeit der körperlichen Anziehung dargestellt, wenn davon gesprochen wird, dass in jeder Klasse „ein oder zwei Jugendliche sind, die (den Lehrer) mehr berühren als andere“. (bei LGBT Bern sind mit „Jugendlichen“ Kinder ab 10 gemeint).

Die „notwendigen“ Grenzen stellen sich mir als kulturell notwendig dar, nicht als notwendig im natürlichen Sinne. Der Film scheint einen sehr positiven Blick auf das Mentorenverhältnis zu haben und auch die körperliche Anziehung des Jungen zu seinem Mentor nicht zu verleugnen. Das einseitige, als notwendig gedachte Setzen einer Grenze durch den Mentor bleibt trotzdem Voraussetzung für dessen Tadellosigkeit. Ich finde das zweifelhaft. An der positiven Natur des Mentorenverhältnisses würde sich durch eine Verletzung der gesellschaftlichen Normen substantiell nichts ändern. Bei gegenseitiger körperlicher Anziehung würde das Band dadurch wahrscheinlich sogar stärker werden.

Warum ist dem Regisseur die Tadellosigkeit der Erwachsenen in seinem Film wichtig? Verlässt der Film in Hinblick auf die „Tadellosigkeit“ des Lehrers möglicherweise die autobiographische Basis? Wenn es einfach darum ginge, die tatsächliche Begebenheit zu erzählen müsste die Tadellosigkeit als solche nicht wichtig sein und man müsste auch nicht extra die Tadellosigkeit der Erwachsenen „im Film“ anführen, wenn es sie in dieser Eindeutigkeit auch beim tatsächlichen historischen Geschehen vorgelegen hätte.

Die Einlassung:

Ich stütze mich auf eine persönliche Erfahrung und ich glaube nicht, dass der Film die Sexualität mit 10 Jahren thematisiert, und natürlich ist es von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Das waren Umwälzungen in meinem Kopf, und es hat lange gedauert, bis ich sie entschlüsselt hatte.

hört sich für mich eher so an, als ob doch etwas vorgefallen sein könnte, dass jenseits der gesellschaftlich akzeptierten Grenzen lag und als Missbrauchserfahrung hätte umgedeutet werden können.

Das sehr positive Urteil des Regisseurs über Mentoren spricht für mich gegen eine negative Umdeutung. Falls es den von mir vermuteten Grenzübertritt gab, deutet für mich alles darauf hin, dass er auch in der Rückschau insgesamt neutral oder gar positiv besetzt ist.

War die Tadellosigkeit nötig, um den ohnehin kontroversen Film überhaupt drehen zu können? Oder dient die behauptete Tadellosigkeit dem Schutz seines ehemaligen Lehrers und Mentors vor Verfolgung?

Letztlich ist das alles komplett spekulativ. Es ist durchaus möglich und auch nicht unwahrscheinlich, dass es keine Grenzüberschreitung gab.

Die für wichtig befundene „Tadellosigkeit“ hat mir vor allem vor Augen geführt, wie sehr sich die Zeiten und Sitten ändern können: die klassisch-antike Rechtfertigung für das erotische Verhältnis von Männern zu Jungen war ein Mentorenverhältnis. Heute ist die Rechtfertigung eines Mentorenverhältnisses seine behauptete Asexualität und „Tadellosigkeit“.

2 Kommentare zu „„Der Zehnjährige, der seinen Lehrer verführte“

  1. Hallo Schneeschnuppe, wieder ein sehr guter Beitrag auf Deinem Blog. Jedoch hast Du dich bei den Altersangaben vertan. Bei den Dreharbeiten war der Junge 11 Jahre und hat einen 10-jährigen Jungen gespielt. Heute, im Jahre 2022, ist der Junge 14 Jahre: https://www.gamingdeputy.com/actor-alyosha-reinert/ Vielleicht solltest Du deinen Beitrag diesbezüglich nochmals überarbeiten. Ich werde dann auf meinen Webseiten ein weiteres News publizieren, denn Dein Betrag enthält neue Infos, die ich noch nicht im aktuellen News aufgriffen habe.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s