Ronan Parke

Ronan Parke trat 2011 im Alter von 12 Jahren bei Britain’s Got Talent an und legte dabei einen der besten Auftritte hin, die ich je gesehen habe.

Nach diesem Auftritt wurde Ronan als große Favorit auf den Gesamtsieg gehandelt.

Er wurde aber nicht nur gefeiert. Es gab im Internet leider auch viele homophobe und beleidigende Kommentare über ihn. Der niedliche und hübsche Ronan hatte nämlich ein paar Gesten drauf, die erahnen ließen, dass er wohl schwul sein dürfte. Obendrein war er emotional und nah am Wasser gebaut. Also ein gefundenes Fressen für miese Dreckssäcke.

Ronan biss sich durch und konnte auch in den weiteren Auftritten absolut überzeugen. Am Ende wurde er überraschend nur zweiter. Trotzdem reichte der Erfolg zum Start einer am Ende doch recht kurzlebigen Musikkarriere.

Für seine drei Auftritte auf der Britain’s Got Talent Live Tour 2011 erhielt er 30.000 britische Pfund, doppelt soviel wie der Überraschungssieger Jai McDowall. Ronan trat beim Musikfestival T4 on the Beach vor 50.000 Leuten auf und brachte ein Album („Ronan Parke“) heraus, das es auf Position 22 der britischen Charts schaffte. Nach etwa einem Jahr war aber Schluss. Sein Plattenvertrag wurde gekündigt und Ronan verschwand in der Versenkung.

Im Jahr 2018 startete er einen Comeback Versuch und brachte ein neues Album („Found my way“) heraus, das moderat erfolgreich zu sein scheint. Der neuerliche Durchbruch ist ihm jedenfalls noch nicht geglückt. Singen kann er aber immer noch und aus dem hübschen Jungen ist ein gutaussehender junger Mann geworden.

Trotzdem ist mir das hübschen Entlein natürlich näher als der schöne Schwan.

Im März diesen Jahres erschien ein Interview bei Attitude (einem monatlich erscheinenden britischen Magazin, das über Lifestyle-Themen homosexueller Männer berichtet), in dem Ronan sich als schwul outete.

Hier ein Auszug (eigene Übersetzung).


Nach all den Jahren seit Britain’s Got Talent, wie blickst du auf diese Zeit deines Lebens zurück?

Ich betrachte es auf verschiedene Weise. Es war überwiegend eine positive Erfahrung, aber es gab gewisse Dinge, die passierten, als ich jung war bei denen ich im Rückblick sagen könnte: „Oh, ich war zu jung, um das zu tun“. Auf den sozialen Medien zu sein, war schwierig. Ich war 12 und die Leute sagten dieses wirklich negatives Zeugs, und es ging immer um Sexualität, immer. Ich hatte nie darüber gesprochen – ich war wirklich jung und es gab keine Veranlassung dazu. Aber fast immer ging es dort darum, und das war schwierig zu verarbeiten. Und der Industriekram: Ich habe mich von Unternehmen getrennt, mit denen ich zusammenarbeitete, und weil ich so jung war, sah ich das nicht als Geschäftsbeziehungen an, ich betrachtete sie als Freundschaften. Ich war so jung und naiv, ich sagte: „Das sind meine Freunde, die haben mich wirklich gern“. Als es endete war ich nicht darauf vorbereitet, von den Leuten nichts mehr zu hören. Das war schwierig, aber wie gesagt, ich habe aus allem gelernt.

Wie sahen die Kommentare aus?

Nun, wie gesagt, der Großteil der Dinge dreht sich alles um Sexualität. Ich wusste von klein auf, wer ich bin, und war sehr stolz darauf: Jeder um mich herum wusste es immer, meine Familie weiß es; ich musste nie zu jemandem kommen, nie. Ich musste es nie jemandem sagen, weil jeder es immer wusste. Und ich hatte nie negative Erfahrungen damit, bis ich an einer großen TV-Show teilnahm und die Meinungen der Leute auf mich einprasselten. Es war schwer zu akzeptieren, weil es etwas so Persönliches war, das mich immer sehr glücklich und stolz machte und es löste ein: „Oh, was soll ich tun?“ bei mir aus. Dann wollten die Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, nicht, dass ich über meine Sexualität spreche. Sie meinten „Es ist nicht die Zeit dafür“. Da ich viele junge weibliche Fans hatte, wollten sie meine Karriere nicht gefährden. Allerdings kann ich mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht stolz darauf war, wer ich bin.

War also „schwul“ ein Label, mit dem du dich bereits als junger Mensch identifiziert hast?

Ja. Ich erinnere mich daran, wie ich ein Coming-out bei meinen Eltern versucht habe: Ich war jung – ich kann mich nicht mehr erinnern, wie alt ich war, so 7 oder 8 Jahre – und ich ging nach unten inns Wohnzimmer und stand vor dem Fernseher und nahm die Fernbedienung und sagte: „Mami, Papi, ich habe euch etwas zu sagen! Alles dramatisch[lacht] Und sie haben einfach gesagt: „Ja, ja, ja, wir wissen, du bist schwul“, und sie haben mir die Fernbedienung abgenommen und den Fernseher wieder eingeschaltet! Ich war wie[dramatisches Keuchen], „Was?“! Aber sie wussten es einfach immer. Und danach brauchte es auch kein Coming-Out vor meinen Freunden kommen. Aber ich habe mich immer als schwuler Mann identifiziert und war immer sehr stolz, es zu sagen.

Es ist irgendwie unglaublich, dass man in diesem Alter nicht nur das Selbstbewusstsein hat, sondern auch das Zeug dazu, so offen und ehrlich zu sein.

Ich denke, meine Familie hatte viel damit zu tun. Was auch immer ich wollte, es war wie „Ja klar“. Wenn du Absätze tragen willst, trag ein paar Absätze, wenn du eine Barbie kaufen willst, kaufe ein paar Barbies. Ich wusste immer, dass ich nicht wie mein Bruder bin: Ich mochte keinen Fußball und keine Rennwagen, ich wusste immer, dass es etwas [Einzigartiges] an mir gab. Und als junger Mensch war ich immer noch stolz darauf. Als ich fünf Jahre alt war, sprang ich auf dem Trampolin in einem rosa Tutu herum. Eine der Freundinnen meiner Mutter machte einen Kommentar und meine Mutter warf sie raus. Sie sagte: „Nein, das ist er, er ist so glücklich, er selbst zu sein“. Meine Familie hat mir eingetrichtet, dass ich immer stolz darauf sein sollte, wer ich bin – es war nie ein Thema, bis ich auf die Show ging und die Leute anfingen, es als Negativ gegen mich zu verwenden.

Gibt es Beleidigungen, die dir im Gedächtnis geblieben sind?

Es waren beleidigende Worte, Dinge wie „Tunte“ und „Schwuchtel“, mit sehr negativem Zungenschlag gesagt. Ich fragte mich: „Was ist los mit diesen Leuten, ich bin 12 Jahre alt?“ Nach allem, was sie wissen konnten, wusste ich selbst nicht, wer ich bin. Ich wusste es zwar, aber das musste ja nicht so sein.

Ich denke für viele Leute, wenn sie von klein auf als schwul bezeichnet werden, kann es manchmal schwieriger werden, über ihre Sexualität zu sprechen, weil sie den Fieslingen nicht noch recht geben wollen. Nachdem du vorher so offen warst, hast du dann defensiv über deine Sexualität gesprochen?

Ich denke, es war eine Verteidigungssache, wie z.B.: „Denkst du, du kannst mich einsortieren? Nun, dann werde ich mich selbst nicht einsortieren“. Ich glaube, das hatte ich. Ich erinnere mich, als ich 12 Jahre alt war und ein Pressetraining absolvierte – das hatte nichts mit Großbritanniens Got Talent zu tun, das war danach – und ich saß da und kreuzte meine Beine und sie meinten „Nicht die Beine in Interviews kreuzen“. Es gab Dinge, die sie von mir nicht wollten, und dann wurde mir klar: „Ich bin nicht ich selbst“. Normalerweise wäre im Interview und würde so sitzen[kreuzt die Beine] und jetzt bin ich so[legt die Beine gerade auf den Boden]. Es war schwer, weil es so viele Leute gab, die diese Dinge sagten und mir das Gefühl gaben, dass ich falsch lag, ich selbst zu sein.

Von wem kam dieser Druck? Dein Plattenlabel? Dein Management?

Das war nur ein Pressetrainer, der mich auf Interviews vorbereitet hat. Meine Mutter sprach danach mit ihnen und sagte: „Das ist total unangebracht“.

Es ist so traurig, dass dir dieses Selbstverständnis aufgezwungen wurde.

Ja, nachdem ich mit einem anderen Management weitergemacht hatte, habe ich einen Song namens „Move“ gemacht und es ging darum, mit einem Mädchen im Club zu tanzen, und das war einfach nicht ich. Aber weil all diese verschiedenen Dinge passiert waren, dachte ich mir: „Nun, so muss ich sein, um erfolgreich zu sein. Ich kann nicht richtig darüber sprechen, wer ich bin. Es muss ‚Ronan Parke die Marke‘ und ‚Ronan Parke die Person‘ geben.

Das öffentliche Coming-out muss dadurch für dich eine Riesenhürde geworden sein?

Ich denke, weil ich all diese jungen Fans hatte, dachte ich: „Werde ich meine Fans verlieren, wenn ich darüber rede?“ Und es war dumm, so zu denken, aber ich dachte so, weil andere Leute mir gesagt hatten, dass das passieren würde. Wenn ich jetzt mit dir rede, habe ich noch nie so offen gesprochen, und es fühlt an wie ein Gewicht (das abfällt). Ich frag mich: „Warum habe ich das nicht früher gemacht?

Was war der Wendepunkt?

Ich bin jetzt 20 Jahre alt, und der Umzug nach London war ein großer Teil davon, weil ich die Community besser kennenlernen konnte. Ich kannte keine anderen Schwulen, wo ich herkomme. Es war nichts, was ich zu verbergen versuchte, aber ich bekam Kommentare von Leuten wie „Schämst du dich, darüber zu reden“? Das Wort Scham hat mich wirklich verärgert, denn das ist nicht der Fall. Ich würde nie wollen, dass ein junger Mensch denkt, dass ich mich schäme oder dass es falsch ist, darüber zu reden. Ich fand es schwer zu wissen, dass ich nicht darüber gesprochen hatte; es fühlte sich an, als wäre da unausgesprochen ein Elefant im Raum über den keiner redet. Ich meine, jeder wusste es, es gab keinen großen Schock, aber es fühlte sich an, als würde ich nicht über das Offensichtliche reden. Und es gab keinen Grund, warum ich es nicht tat. Das war der Punkt, an dem ich sagte: „Ok, ich muss darüber reden“.

Nachdem all diesem Druck bezüglich deiner Identität, war es schwierig, nach der Show und dem Album zu einem „normalen“ Leben zurückzukehren?

Es war schwierig, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nicht gut genug war. Ich habe ein Jahr lang nicht gesungen, nicht einmal zu Hause. Ich habe einfach nicht gesungen. Ich hatte das Vertrauen in die Menschen, in die Industrie verloren. Ich war eine Weile wütend. Ich dachte, es wäre alles meine Schuld und ich glaubte einfach nicht an mich selbst. Als ich 16 Jahre alt wurde und die Leute die Schule beendeten und meinten: „Ich gehe aufs College, ich mache das“, dachte ich: „Ich habe etwas erlebt, von dem ich weiß, dass es zu mir gehört, ich will nichts machen, was mir nicht wichtig ist“. Ich wusste, wie sehr ich es liebte und es war meine Leidenschaft. Da dachte ich: „Eigentlich kann ich es noch einmal versuchen“. Ich zog mit etwa 18 Jahren nach London, weil ich dachte, das ist der Ort, an dem alles passiert.


Das Leben wagen

Wenn man ein Kind als Menschen wahrnimmt und seine Gefühle, Sorgen und Wünsche ernst nimmt, sollte das nicht im Gedankenexperiment stecken bleiben, sondern auch praktisch etwas bedeuten.

Ronan hat als Zwölfjähriger das machen dürfen, was er liebte und unbedingt machen wollte. Das zeugt für mich von der Liebe seiner Eltern und ihrem Respekt vor seinen Wünschen und Tröumen.

Wenn man Kinder vor jedem Risiko abschirmen will, hilft ihnen das letzlich nicht weiter. Stattdessen muss man sie laufen lassen und ihnen aufhelfen, wenn sie hinfallen (oder umgeworfen werden). Ein Leben ohne Belastungen gibt es nicht. Wichig ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.

Ronans Erfahrungen zeigen auf, dass mit seiner sehr frühen Musikkarriere auch Risiken verbunden waren. Aber soll man davon Abstand nehmen, seinen Traum zu leben, nur weil damit Risiken verbunden sind? Das erschiene mir wenig vernünftig. Man muss das Leben wagen, sonst stellt man am Ende des Lebens erschreckt fest, dass man gar nicht gelebt hat. Ronan Parke kann das nicht passieren.

Es ist ätzend, dass es so viele Menschen gab, die nichts besseres zu tun hatten, als Ronan wegen seiner (vermuteten) Sexualität anzupöbeln. Das war für ihn verstörend, aber er hat sich davon nicht nachhaltig beirren lassen. Er ist an der Herausforderung letzlich gereift – auch mit Hilfe seiner Familie.

Unabhängig davon, ob es mit dem muskalischen Comeback am Ende klappt, denke ich, dass Ronan seinen Weg finden wird.

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