Gert Hekma gestorben

Ich habe gerade erfahren, dass am 19. April der niederländische Anthropologe und Soziologe Gert Hekma überraschend verstorben ist. Er wurde 70 Jahre alt. Hekma unterrichtete von 1984 bis 2017 Schwulen- und Lesbenforschung an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Amsterdam. Er befasste sich dabei auch mit der Geschichte der (Homo-)Sexualität. Angeeckt ist er mit seinen Wortmeldungen zu Pädophilie und zu Sadomasochismus. Die niederländische Wikipedia beschreibt ihn als Teil der akademischen Gegenkultur.

Hekma ist der Sohn eines Notars und wuchs im niederländischen Bedum auf. Er war häufiger Besucher der DOK- Schwulendisco und Mitglied der radikalen „Roten Schwuchteln“ (niederländisch: „Rooie Flikkers“). Hekma ist Büchersammler, und hat einen Fetisch für Satin. Er ist ein Fan von Marquis de Sade. De Sade ist nicht nur einer seiner Lieblingsautoren und eine Quelle der Inspiration, Hekma ist auch fasziniert von De Sades Position zu Gewalt, und hat De Sade dazu benutzt, seinen Schülern eine andere Perspektive auf Sexualität und Gewalt zu vermitteln. Hekma setzt sich gegen Männlichkeit, Bevormundung und traditionelle Geschlechterrollen ein.

2007 erhielt er Morddrohungen, nachdem er die Idee unterstützt hatte, ein Boot für Jugendliche bei der Amsterdam Gay Pride einzubauen. Im Jahr 2014 war Hekma Mitbegründer einer Petition an den Obersten Gerichtshof der Niederlande , in der er den Obersten Gerichtshof der Niederlande aufforderte, die Pro-Pädophilie- Vereinigung Vereniging MARTIJN nicht zu verbieten. Seine Unterstützung von MARTIJN führte zu Morddrohungen und einem versuchten Einbruch. Hekma hat erklärt, dass er kein Pädophiler ist. Er und sein Lebensgefährte, Soziologe Mattias Duyves (1953), sind seit mehr als vierzig Jahren zusammen. Sie trafen sich 1977 und heirateten 2007. Beide setzen sich für sexuelle und Beziehungsfreiheit ein.

Hekma war eine für die niederländische Pädo-Szene wichtige Persönlichkeit. Obwohl und vielleicht auch weil er selbst nicht pädophil war. Dass er die niederländische Pädo-Szene / -Bewegung oft unterstützt und verteidigt hat, war das Ergebnis seiner den Menschen verpflichteten Moral im Gegensatz zu einer den Fesseln der Sittlichkeit verpflichteten Moral, für die es kein Problem ist, wenn dafür Menschen unter die Räder kommen.

Er war ein kluger Denker, der sich sowohl für Kinder und Jugendliche und ihr Recht auf Sexualität als auch für Pädophile eingesetzt hat. Jemand, der sich dem erheblichen Druck, den es in späteren Jahren auf ihn gab, nicht gebeugt hat, weil er den toxischen Moralismus hinter dem Druck erkannt hat und Solidarität für moralisch geboten hielt.

Auf der Seite Brongersma.info findet man 104 Artikel, wenn man seinen Namen als Suchparameter angibt. Es handelt sich vor allem um Artikel von ihm oder Interviews mit ihm, die im Laufe der Jahrzehnte veröffentlicht wurden und mit Pädosexualität zu tun haben.

Ich habe das erste mal etwas über Gert Hekma gelesen, als über das 2007 geplante Boot für Jugendliche auf der Amsterdam Gay Pride berichtet wurde. Das Projekt für das Boot entstand aus der Initiative eines 14-jährigen schwulen Jungen. Da das Schutzalter in der Niederlande seit 2002 bei 16 Jahren liegt, wollten viele das Projekt verhindern.

Aus einem Bericht vom 19. Februar 2007 über das Projekt:

Niederländische schwule Jugendliche unter 16 Jahren haben letzte Woche einen wichtigen Sieg errungen, als der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen schließlich seine Zustimmung zu einem speziellen Boot für diese Jugendlichen bei der jährlichen Canal Pride-Homosexuellenparade durch die berühmte Wasserstraße im Stadtzentrum gab, eine Veranstaltung, für die eine Genehmigung der Stadt erforderlich ist.

Der Bürgermeister von der Partij van de Arbeid (niederländische Arbeiterpartei) hatte der überregionalen Tageszeitung De Volkskrant zufolge zunächst die Genehmigung für das Jugendboot verweigert, weil er Bedenken hatte, „diese gefährdete Gruppe“ in die jährliche Prozession einzubeziehen. Nach einem Treffen mit Frank van Dalen, dem Vorsitzenden des COC Niederlande, der 1946 gegründeten ältesten LGBT-Gruppe der Welt, änderte Cohen jedoch seine Meinung.

Das spezielle „Homo Youngsters“-Boot bei der traditionell farbenfrohen und festlichen Canal Pride Bootsparade, die dieses Jahr am 4. August im Rahmen der dreitägigen Pride-Feierlichkeiten und -Veranstaltungen stattfindet, wird nach Angaben der nationalen niederländischen Nachrichtenagentur ANP Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren vorbehalten sein, wobei die Jugendlichen von ihren Eltern auf dem Boot begleitet werden.

Die Initiative für das Boot für minderjährige Jugendliche ging von dem 14-jährigen Danny Hoekzema aus, einem schwulen Jugendlichen, der auf seiner persönlichen Website für diese Idee warb.

„Mein Ziel ist es, mit diesem Boot mehr Aktivitäten für schwule und lesbische Jugendliche im ganzen Land zu schaffen“, sagte er in einem ausführlichen Interview, das per E-Mail geführt wurde, gegenüber Gay City News.

Danny sagte, er habe eine Lawine von Hunderten von E-Mails erhalten, die ihn unterstützen. „Dutzende von Teenagern in meinem Alter schicken mir Mails, in denen sie mir zustimmen, dass es nicht genug Aktivitäten speziell für unsere Altersgruppe gibt“, sagte er und fügte hinzu: „Etwa 30 von ihnen haben sich bereits gemeldet, um mit mir auf dem Teenie-Boot mitzufahren. Andere schreiben, dass sie meine Initiative unterstützen, aber sie trauen sich noch nicht, sich zu outen. Sie hoffen, dass sich die Dinge aufgrund der Aufmerksamkeit und des wachsenden Verständnisses für schwule Teenager ändern werden. Das wird ihnen helfen, sich zu outen. Eine Mutter eines 12-jährigen schwulen Teenagers schrieb mir, ihr Sohn habe sich aufgrund meiner Initiative geoutet. Beide werden im August an dem Boot teilnehmen.“

Danny erzählte diesem Reporter, dass er die volle Unterstützung seiner Eltern für sein Vorhaben hat. „Ich habe mich vor 21 Monaten geoutet, als ich 12 Jahre alt war. Jetzt bin ich gerade 14. Ich habe es meinen Eltern per Brief mitgeteilt, den ich auf ihr Kopfkissen im Schlafzimmer gelegt habe. Am nächsten Morgen haben sie mich um 8 Uhr geweckt. Dann haben wir ein richtig gutes Gespräch darüber geführt. Meine Mutter arbeitet als Verkaufsleiterin bei einer Zeitung und mein Vater ist Buchhalter. Sie haben sehr gut reagiert, als ich ihnen von meiner Initiative für das Jugendboot bei der Canal Parade erzählt habe. Sie unterstützen mich und werden mit mir auf dem Boot fahren. Ist das nicht großartig?“

Danny merkte an: „Alle möglichen Leute, die ihre Unterstützung zeigen wollen, schicken mir Mails. Zum Beispiel ältere schwule Männer, die sich an die Zeit erinnern, als sie in meinem Alter waren. Sie wussten auch, dass sie in meinem Alter schwul waren, aber sie waren einsam und kannten niemanden wie sich selbst. Und auch Heteros schicken mir Mails. Sie halten es für eine wirklich coole Idee und wollen mich ermutigen, sie weiterzuverfolgen. Der Bedarf an Aktivitäten für schwule und lesbische Teenager ist groß. Die Leute reden jetzt darüber – endlich. Ich bin sicher, dass das einen Unterschied macht.

Von den 30 anderen Jugendlichen unter 16 Jahren, die sich für das Teenie-Boot angemeldet haben, ist der jüngste 12 Jahre alt, so van Dalen vom COC, und das Durchschnittsalter liegt bei 14 Jahren. Als er erfuhr, dass so viele Jugendliche an der Pride-Parade durch die Grachten teilnehmen wollen, sagte der Bürgermeister sogar: „Wir brauchen ein größeres Boot“, so van Dalen über sein erfolgreiches Treffen mit Cohen.

Doch der Sieg für Danny und sein Boot kam erst nach einem Medienrummel um die Pädophilievorwürfe einer umstrittenen Figur in der Amsterdamer Schwulengemeinschaft, die zu einer Reihe von Morddrohungen gegen einen international bekannten schwulen Wissenschaftler führten.

Hintergrund des Feuersturms über Pädophilie ist ein anhaltender Kampf um die Kontrolle der Canal Pride-Veranstaltung. Von 1996 bis 2005 wurden die Canal Pride und die anderen Pride-Feiern von der Amsterdamer Gay Business Association (BGA) unter der Leitung von Siep de Haan organisiert. Doch die Unzufriedenheit mit de Haans Führung wuchs, und es gab Anschuldigungen wegen finanzieller Veruntreuung. (…) Diese Vorwürfe veranlassten die Stadtverwaltung, de Haans Gruppe im vergangenen Jahr die Genehmigung für die Pride-Veranstaltungen zu entziehen und sie einer neuen Trägerorganisation, Pro Gay, zu erteilen, an der die COC beteiligt ist.

Vor diesem Hintergrund hat de Haan – als er von den Plänen für das Boot der Minderjährigen erfuhr – vor einigen Wochen eine Kampagne gestartet, um das Sponsoring der Pride-Veranstaltungen durch Pro Gay und COC mit Anschuldigungen der Pädophilie zu untergraben, wie aus Artikeln in der niederländischen Presse und Berichten lokaler Schwulenaktivisten hervorgeht.

Dabei wählte er Gert Hekma aus, einen international bekannten schwulen Akademiker, der an der Universität von Amsterdam Schwulen- und Lesbenstudien unterrichtet. Seit de Haan seine Kampagne gestartet hat, wurde Hekma mehrfach mit dem Tod bedroht.

(…)

Während der Medienexplosion, so van Dalen, verlagerte sich die Debatte von sexuellem Verhalten zu jeglicher Diskussion über minderjährige homosexuelle Jugendliche.

„Der Ton war: ‚Wie kann ein 14-Jähriger wissen, ob er schwul ist oder nicht – er ist zu jung'“, sagte er mir.

Als dieser Reporter den jungen Erfinder der Idee des Jugendboots fragte, wie er auf solche Kritik reagieren würde, antwortete Danny: „Heterosexuelle Jugendliche werden nie über ihre Sexualität befragt. Das gilt auch für schwule und lesbische Teenager. Lesen Sie einfach ihre E-Mails an mich und die Mails älterer schwuler Männer, die sich an ihre Situation erinnern, als sie in unserem Alter waren. Sich jung zu outen, das ist das einzig Neue.“

Danny fährt fort: „Es gibt einfach nicht genug Aktivitäten und keine speziellen Orte für Jugendliche in meinem Alter. Diese Aktivitäten müssen organisiert werden. Nicht von Einzelpersonen, sondern von professionellen Organisationen. Deshalb bin ich so froh, dass COC Niederlande mich unterstützt. Es gibt viele professionelle Organisationen, die mit heterosexuellen Teenagern arbeiten. Niemand stellt jemals die Notwendigkeit oder die Absichten der Menschen und Organisationen in Frage, die diese Aktivitäten für sie anbieten. Es ist schlicht und einfach Homophobie, ihre Absichten in Frage zu stellen. Warum sollte es bei schwulen und lesbischen Teenagern anders sein? So sehe ich das.“

Ich denke der Fall zeigt, trotz des Erfolges immer noch eine gewisse Verkrampftheit.

Ist es wirklich nötig, dass ein 12-jähriger zum „Teenager“ erklärt wird, damit die Tatsache seine sexuelle Neigung, die er selbst für sich erkannt hat, auch von anderen anerkannt wird? Sind Kinder per Definition asexuell? Ist es wirklich angemessen unter 12-jährige auszuschließen? Was soll damit geschützt werden? Das eigene nicht-wahrhaben wollen? Der Sänger Ronan Parke (der als 12-jähriger Zweiter bei Britain’s Got Talent wurde) hat sich als 20-jähriger öffentlich geoutet. In seiner Familie tat er es mit 7 oder 8. Aus seinem Bericht:

Ja. Ich erinnere mich daran, wie ich ein Coming-out bei meinen Eltern versucht habe: Ich war jung – ich kann mich nicht mehr erinnern, wie alt ich war, so 7 oder 8 Jahre – und ich ging nach unten inns Wohnzimmer und stand vor dem Fernseher und nahm die Fernbedienung und sagte: „Mami, Papi, ich habe euch etwas zu sagen! Alles dramatisch[lacht] Und sie haben einfach gesagt: „Ja, ja, ja, wir wissen, du bist schwul“, und sie haben mir die Fernbedienung abgenommen und den Fernseher wieder eingeschaltet! Ich war wie[dramatisches Keuchen], „Was?“! Aber sie wussten es einfach immer. Und danach brauchte es auch kein Coming-Out vor meinen Freunden kommen. Aber ich habe mich immer als schwuler Mann identifiziert und war immer sehr stolz, es zu sagen.

Warum und mit welchem Recht hätte man dem 8-jährigen Ronan oder anderen Jungen wie ihm die Teilnahme an einer Pride-Parade verweigern sollen?

Nach Britain’s Got Talent gab es einige Musikveröffentlichungen mit dem 12/13-jährigen Ronan Parke für die auch Musikvideos veröffentlicht wurden. Ronan sang dort unplugged, nur von der Gitarre von Matthew “Mafro” Phelan begleitet. Wer die Videos ansieht, muss blind sein, um nicht zu sehen, wie Ronan den damals 25-jährigen Gitarristen anschmachtet.

Hekma hat sich auch für solche Jungen eingesetzt.

Von Hekma stammt eine kluge Analyse zur Problematik und den Ursachen der Diskriminierung generationsübergreifender Liebes- und Sexbeziehungen, ursprünglich erschienen in KOINOS, Ausgabe #52 (Winter 2006):

Sexualdemokratie und Ausgrenzung der Jungenliebhaber

Bis vor kurzem lebten wir in einem Sexualsystem, in dem die Lustbefriedigung vor allem zwischen sozial ungleichen Personen erfolgte: Mann und Frau, Alt und Jung, Arm und Reich, Sohn reicher Eltern und Dienstmädchen, Hurenbock und Hure, Butch und Femme, Tunte und Tülle (femininer Homosexueller und maskuliner Heterosexueller). Jetzt wechselt man zu einem anderen System, in dem der Aspekt der Gleichheit betont wird. 

Es ist eine Wende, die in romantischen Idealen von Kameradschaft in der Ehe ihren Ursprung hatte und ihre Krönung in dem, was der englische Soziologe Anthony Giddens als ‘pure relations’ bezeichnet: sexuelle Beziehungen, die gleichwertig sind. Machtunterschiede im Bett, die ehedem einen erotischen Mehrwert hatten, sind durch Ideale der Sexualdemokratie ersetzt worden

Vor allem Schwule und Lesben profitieren von dieser weltweiten Wende, weil ihre Beziehungen heutzutage gleichartig und austauschbar sind. Heterosexuelle haben mit dem Problem zu kämpfen, dass es in ihren Beziehungen immer den Geschlechtsunterschied geben wird, was das Gleichheits- und Demokratiedenken erschwert.

Es gibt einige Gruppen, die unter der Gleichheitsethik sehr zu leiden haben. Sadomasochisten versuchen dem zu entkommen, indem sie anführen, dass die Rollen in ihren Beziehungen austauschbar sind und auf gegenseitiger Zustimmung beruhen. In dem Bereich der Prostitution wäre die einzig mögliche Lösung die, dass die klassische Rollen des ‘Mannes als Käufer’ und der ‘Frau als Anbieterin’ öfter mal getauscht würden. Aber das ist eher unwahrscheinlich. 

Die beiden neuen großen Tabus für die Gleichheitsfundamentalisten sind Zoophilie und Pädophilie, weil aus deren Sicht diese Beziehungen grundsätzlich ungleich sind. Sie fußen auf einem Machtunterschied und stellen nach Ansicht der Verkündiger der erotischen Demokratie immer einen Missbrauch dar, zumal da die Objekte der Begierde angeblich stimm- und wehrlos sind.

Bei der Betrachtung homosexueller Beziehungen in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten erkennt man zwei vorherrschende Formen, die oft soziale Institutionen mit festen Regeln und Orten waren. Bei der ersten Form handelt es sich um die Beziehung zwischen einem femininen und passiven Mann einerseits und einem maskulinen und aktiven Typ andererseits, so wie in der Beziehung zwischen Tunte und Tülle (auf Englisch Queen und Trade). 

Die andere Form ist die Beziehung zwischen einem Mann und einem Jungen. In diesem Blatt brauche ich die zahllosen Beispiele dafür wohl nicht anzuführen. Männer hatten zweifellos auch auf andere Art und Weise und in anderen Rollen Sex miteinander, aber Beispiele dafür sind weit seltener. Außerdem waren diese Beziehungsformen fast nie soziale Institutionen in der Art, wie es für die beiden anderen Formen kennzeichnend war.

Betrachtet man die Entwicklungen weltweit, so zeigt sich, dass in der westlichen Welt eine neue homosexuelle Beziehungsform entstanden ist: die des Homosexuellen oder Gay, des Mannes, der es mit einem Mann treibt, wobei beide eine maskuline Rolle übernehmen und in etwa gleichen Alters sind. Dieses Modell gibt es erst seit sehr kurzer Zeit, aber es verbreitet sich überall ganz rasch. 

Diese ‘Erfindung’ auf dem Gebiet der Beziehungen ist dabei, der weltweite Standard für homosexuelles Verhalten zu werden. Dies findet nach einem halben Jahrhundert seine endgültige Bestätigung in der Schwulenehe. Daneben besteht aber weiterhin die homosexuelle Form, bei der einer der beiden Partner gleichsam das Geschlecht tauscht. Diese Form weckt verhältnismäßig wenig Widerstand. Weder die Gesellschaft noch die Schwulengemeinschaft empfinden solche Geschlechts-Inversionen als einen schweren Verstoß gegen die Ideale der Sexualdemokratie.

Ganz anders ergeht es den Jungenliebhabern. Wo immer sie als solche erkannt werden, wird ihnen arg zugesetzt. Sie sind sogar aus den Schwulenparaden – jene stolzen Umzüge sexueller ‘Vielfalt’ – verbannt worden. In entlegenen Gebieten mit einer traditionellen Kultur, etwa in Afghanistan, sind sie noch ganz Teil der Gemeinschaft (so sollen niederländische Soldaten in der afghanischen Provinz Uruzgan den ‘berüchtigten Päderasten’ Mohammed Normalverbraucher beschützen).

Wo immer sich die Modernisierung durchsetzt, wächst der Widerstand gegen den ‘Kindesmissbrauch’, der die Pädophilie angeblich ist. Den Kritikern der Jungenliebe steht ein breites Spektrum an Argumenten zur Auswahl. Für die Psychiatrie ist es eine Krankheit, für die meisten Religionen eine schwere Sünde, für sehr viele Leute von heute schlichtweg sexueller Missbrauch unschuldiger Kinder. 

Früher gab Sex zwischen Jugendlichen und Erwachsenen höchstens Anlass zu einer unbestimmten Art von Besorgnis, heute besteht offensichtlich eine zwingende Notwendigkeit zum Eingreifen. Strafgesetze werden verschärft und weitreichender interpretiert, Altersgrenzen werden heraufgesetzt und ‘Täter’ fanatischer verfolgt. Im Zuge der Frauenemanzipation wenden sich Mütter mit größerem Erfolg gegen den sexuellen Habitus von Männern, die auf Jungen stehen. Es ist merkwürdig, dass wegen sexueller Praktiken, die zu anderer Zeit und an anderem Ort gerade die Grundlage für wichtige soziale Institutionen bildeten, hier und heute eine riesige und weltweite Panik ausbricht.

Es ist noch eine offene Frage, warum früher nahezu alle Kulturen den Sexualtrieb auf soziale Ungleichheit gründeten, während für eine neue sexuelle Weltkultur gerade Gleichheit der einzig akzeptable Motor der Lust ist. Wie auch immer, es ist eine weltweite Tendenz, gegen die Pädophile den Kürzeren ziehen. 

Wir können nur hoffen, dass man den Wahnsinn einer dermaßen eindimensionalen Sicht der Sinnenfreude einsehen wird. Oder dass die Kinder, die in Sachen Sex an der kurzen Leine gehalten werden, sich massenhaft gegen die Vorstellung, sie wären unschuldig und asexuell, auflehnen werden. Das dürfte aber so leicht nicht passieren. Ich fürchte daher, dass wir einstweilen eine verkrampfte sexuelle Gleichheitsideologie am Hals haben werden, die niemand glücklicher machen wird.

Hekma spricht hier das an, was ich als Toxisches Gleichheitsdogma bezeichnen würde. Ungleichheit wird mit Missbrauch gleichgesetzt. Auf die tatsächliche Ausnutzung von Ungleichheit kommt es nicht mehr an.

Das betrifft Pädophile und Hebephile in besonderer Weise, aber durchaus auch ganz normale Heterosexuelle und Schwule. Wer eine Beziehung mit jemandem führt, demgegenüber er offiziell in einer Machtposition ist, muss damit rechnen, bei Entdeckung massiv Ärger zu bekommen, etwa zu einem Rückzug von Ämtern gezwungen zu werden oder gar (wenn sich das ganze im Arbeitsumfeld abgespielt hat) seinen Job zu verlieren.

Derartige Konsequenzen sind berechtigt, wenn eine Machtposition zum Schaden des anderen ausgenutzt wurde. Wenn es auf das Ausnutzen nicht ankommt und allein die Existenz von wahrgenommener Ungleichheit zu massiven Sanktionen führt wird die Idee der Gleichheit allerdings für alle Beteiligten toxisch.

Einer meiner Verwandten ist seit etlichen Jahren glücklich mit einer Frau verheiratet, deren Vorgesetzter er war, als die Beziehung begonnen hat. Sie haben die Beziehung damals einige Jahre lang geheim gehalten. Würde er heute in einem US-Konzern oder einem deutschen Medienunternehmen arbeiten, wäre er bei dieser Sachlage seinen Job los und hätte seinen Ruf nachhaltig beschädigt. Dies würde beiden Beziehungspartnern massiv schaden. Unter den heutigen Bedingungen würde es – aus Angst vor den möglichen Konsequenzen – vielleicht gar nicht mehr zu dieser Beziehung kommen. Den beiden wäre dann viel gemeinsames Glück entgangen.

Diese Form des Gleichheitszwangs ist letztlich das, was sie zu bekämpfen vorgibt: strukturelle Gewalt.

Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.

Johan Galtung,, Erfinder des Konzepts der strukturellen Gewalt

Die päderastische Beziehung der Antike hat ihren besonderen Wert und ihr gesellschaftliches Ansehen gerade aus der Ungleichheit der Beteiligten gezogen: aus einem Mentorenverhältnis, dass den Älteren verpflichtet hat, sich zu Gunsten des Jüngeren einzusetzen.

Hekma waren diese Dinge klar. Ihm ging es um eine von Ideologie befreite Gesellschaft, die es beliebigen Menschen erlaubt, miteinander glücklich zu sein.

Seine Stimme wird vermisst werden.

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