Meine Artikel sind leider meist zu lang. Ich wollte einen Artikel schreiben, in dem es um die Frage toxischer Beziehungen gehen sollte. Ich habe also angefangen zu schreiben und – nach der Einleitung – die gebräuchlichen Definitionen zu toxischen Beziehungen zitiert. Ich habe dann festgestellt, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits zweieinhalb Seiten „Einleitung“ geschrieben hatte. <seufz>
Ich versuche es also noch einmal neu. Im Grunde geht um die Frage der Beziehungsqualität einer (auch sexuellen) Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind. Diese Konstellation gilt als das Gift schlechthin. Schlimmer kann es nach der Vorstellung vieler Menschen nicht mehr werden. Das Wort vom „Seelenmord“ kommt ja nicht von irgendwo. Es spiegelt, was dem Kind nach gängiger Auffassung widerfährt: seelische Folter bis hin zum seelischen Tod, nach dem vielleicht eine Wiederbelebung möglich ist, aber ein dauerhafter, irreparabler Schaden entstanden ist.
Spiegelt das aber auch die Realität?
In der Süddeutschen Zeitung erschien gerade ein Interview mit dem Psychologen Martin Janning, in dem es um sexuelle Gewalt an Kindern geht. Auf die Frage, ob sich die Kinder schuldig fühlen, wenn die Taten herauskommen führt Janning aus:
Eine Besonderheit gibt es noch, wenn es um pädophile Täterstrukturen geht: Die sexuelle Gewalt ist dort eingebunden in ein Fürsorgeverhalten. Da geht es oft um Kinder, die vorher schon einen großen Mangel an elterlicher Zuwendung erlebt haben. Dann kommt zum Beispiel ein Stiefvater und gibt dem Kind, was es eigentlich braucht: Liebe, Zuwendung und Zeit. Danach hat der Täter leichtes Spiel, das Kind zu manipulieren und seine Wahrnehmung zu beeinflussen. Er zeigt ihm einen Film mit einem Kind, das einen Mann befriedigt, und sagt ihm, das dürfe es auch mal machen, das sei aber ein Geheimnis. Das Kind ist völlig verwirrt, zweifelt an der eigenen Wahrnehmung. Es wird immer weiter desensibilisiert. Und schließlich geht die Initiative sogar vom Kind aus, um den Wünschen und Erwartungen des Täters zu entsprechen. Das verstärkt am Ende die Schuldgefühle des Kindes.
Die Behandlung sieht so aus:
Wir helfen dem Kind, eine Sprache zu finden, wie schrecklich es ist. (…) Damit sich ein Kind nicht mehr im Spiegel des Täters oder der Täterin definiert, benötigt es äußere und innere Distanz. Dafür braucht es Bedingungen, sich aus pathologischen Abhängigkeitsbeziehungen zu befreien.
„Pathologische Abhängigkeitsbeziehung“ scheint mir das selbe auszudrücken wie „toxische Beziehung“. Die Beziehung definiert sich nach ihrer krankmachenden, vergiftenden, schädlichen Wirkung. Das Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik (Stangl, 2021) schreibt zum Stichwort: ‚toxische Beziehung‚:
In den Medien findet man immer wieder die populärwissenschaftliche Bezeichnung toxische Beziehung, wobei der Begriff toxisch in diesem Zusammenhang grundsätzlich irreführend ist, denn eine Beziehung kann im Grunde nicht giftig sein. Auch ist es nicht die Beziehung selbst, die toxisch oder vergiftet ist, sondern es sind immer die Verhaltensweisen des jeweiligen Partners, die vergiftend auf eine Beziehung wirken können. Dabei ist es äußerst individuell, was in einer Beziehung als vergiftend erlebt wird, wobei damit gemeint ist, wenn ein Part unter der Beziehung leidet, und zwar körperlich aber auch vor allem psychisch. Der Begriff der toxischen Beziehung ist damit eine Definition für Partnerschaften, die mehr Kraft kosten als geben, wobei dieser irreführende Sprachgebrauch aber bei Psychotherapeuten, in Magazinen und Ratgebern immer häufiger zu finden ist. Studien stellen sogar einen Zusammenhang zwischen Depressionen, Schlaflosigkeit, erhöhtem Stresssyndrom und einigen Krebsarten fest, sodass negative Beziehungen bei den Partnern sogar zu einer höheren Sterblichkeit führen können. Nach Psychology Today zeichnen sich toxische Beziehungen durch Unsicherheit, Kontrollsucht, Egoismus und den anderen herabwürdigenden Verhaltensweisen wie Kränkungen, Beleidigungen und Ignoranz aus. Ob ein Mann oder eine Frau in einer toxischen Beziehung steckt, erkennt er oder sie daran, dass es ihm oder ihr wegen des Partners die meiste Zeit schlecht geht, er oder sie aber trotzdem nicht von ihm oder ihr loskommt. Menschen, die in solchen toxischen Beziehungen stecken, verändern sich häufig, denn waren sie zu Beginn der Partnerschaft noch fröhliche, offene und ausgeglichene Personen, sind sie nach einiger Zeit eher traurig, in sich gekehrt und nervlich angegriffen. Das lässt sich oft aus Fotos aus der Zeit vor dem Partner und mit dem Partner erkennen.
In jeder Beziehung treffen unvollkommene Menschen aufeinander. Niemand ist immer perfekt, liebevoll, verständnisvoll, warmherzig, geduldig usw. Das muss aber auch niemand sein.
Perfektion ist im Grunde sogar schädlich, genau wie es für einen Menschen schädlich wäre, ohne jeden Kontakt zu Krankheitserregern aufzuwachen. Er kann dann sein Immunsystem nicht trainieren und nicht fit für die Welt werden, in der er später leben muss. Im Extremfall kann ein Schnupfen dann lebensgefährlich werden.
Wer den anderen stets als perfekt erlebt, wird glauben, auch selbst perfekt sein zu müssen. Und wird, weil er ein Mensch ist, daran scheitern. Jemand, dem jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird, wird das auch in Zukunft erwarten und sich von einer Realität, die dem Anspruch nicht gerecht wird, ungerecht behandelt fühlen. Er wird unzufrieden und hilflos statt selbstständig und glücklich.
Fehler sind also erlaubt und eine Beziehung wird nicht automatisch toxisch, wenn man Fehler macht. Der entscheidende Punkt ist: wenn eine Beziehung mehr Kraft kostet als sie gibt, ist sie toxisch. Wenn sie einem dagegen mehr Kraft gibt, dann ist sie hinreichend gut.
In der Charakterisierung von Martin Janning gibt es bei pädophilen Strukturen ein Fürsorgeverhalten. Kinder, die einen großen Mangel an Zuwendung erlebt haben, bekommen das, was sie eigentlich brauchen: Liebe, Zuwendung und Zeit.
Ich habe in der Vergangenheit schon wiederholt den Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer zitiert, nach dessen Erfahrung es einen ganz wichtigen prognostischen Faktor gibt, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird:
„One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.
Nach Hochgatterer und Janning gibt es für ein Kind in einer pädophilen Beziehung also auch viel zu gewinnen und zwar ganz besonders dann, wenn es von den Eltern oder anderen Bezugspersonen zu wenig Zuneigung, Liebe, Interesse, Zärtlichkeit und Gemeinsamkeit bekommt. Es können nicht die Liebe, Zuwendung und Zeit sein, die das Kind nach Janning vergiften.
Es bleibt also der Sex. Die Vorstellung von Sex als Gift ist ein vergifteter Rest überkommener jüdisch-christlicher Moralvorstellungen. Soweit es Erwachsene betrifft, hat sich die Gesellschaft inzwischen einigermaßen davon lösen können. Erlaubt ist, was gefällt. Bei Kindern ist dies (noch?) nicht gelungen. In der Vorstellung ist ein Kind rein und unschuldig. Sex ist schmutzig und deshalb schuldbeladen. Erst im Zusammentreffen dieser beiden Vorstellungen wird Sex mit einem Kind zum Seelenmord.
Zumindest kleine Fortschritte gibt es aber doch. Redete man den Kinder vor 100 Jahren noch ein, sie würde durch Masturbation ihr Rückenmark schädigen, so hat sich das inzwischen geändert. Kindern wird Sexualität nicht mehr gänzlich abgesprochen. Es gilt als unbedenklich, wenn ein 12-jähriger Junge die Sexualität für sich entdeckt und masturbiert. Es wird sogar zu Gelassenheit aufgerufen, wenn Kinder Doktorspiele miteinander machen (solange kein körperlicher oder seelischer Druck im Spiel sei oder ein Kind sich wehrt). Und auch zwei 12-jährige haben gute Chance in Ruhe gelassen zu werden, wenn sie etwas miteinander „treiben“.
Warum soll es normal und unbedenklich sein, wenn ein 12-jähriger masturbiert und zumindest geduldet bzw. ignoriert, wenn zwei Zwölfjährige Oralverkehr haben. Wenn aber ein erwachsener Mund, den Penis des Jungen berührt, ist auf einmal dessen Leben vorbei und er erfährt „unendliches Leid“. Warum? An irgendwelchen besonderen Erwachsenen-Mikroben kann es nicht liegen.
Janning stellt die Situation so dar:
Danach hat der Täter leichtes Spiel, das Kind zu manipulieren und seine Wahrnehmung zu beeinflussen. Er zeigt ihm einen Film mit einem Kind, das einen Mann befriedigt, und sagt ihm, das dürfe es auch mal machen, das sei aber ein Geheimnis. Das Kind ist völlig verwirrt, zweifelt an der eigenen Wahrnehmung. Es wird immer weiter desensibilisiert. Und schließlich geht die Initiative sogar vom Kind aus, um den Wünschen und Erwartungen des Täters zu entsprechen. Das verstärkt am Ende die Schuldgefühle des Kindes.
Ich halte es für ziemlich plausibel, dass die Begegnung mit Erwachsenensexualität für Kinder verwirrend sein kann. Traumatisierend ist sie deshalb nicht.
Die Kognitionspsychologin Dr. Susan Clancy, die sich schwerpunktmäßig mit Erinnerungen beschäftigt, erforschte ab Mitte der 90er Jahre, wie Missbrauchsopfer ihr Erleben erinnern. Die Mehrheit der Befragten hatte nie Gewalt erlebt und keine Erinnerung an Schmerzen, sondern berichteten hauptsächlich von Verwirrung. Ein psychischer Schaden begann regelmäßig mit der Erkenntnis, dass ihr Vertrauen und ihre Unschuld missbraucht worden waren. 2010 veröffentlichte Sie dazu das Buch „The Trauma Myth. The Truth About the Sexual Abuse of Children – and Its Aftermath“. Die Sexualität wurde auch teilweise positiv erlebt. Ein Beispiel aus dem Buch:
Einige Personen – niemals solche mit Penetrationserfahrung – berichteten auch, dass sie sexuell auf das reagierten, was ihnen geschah, und dass es sich manchmal gut anfühlte. „Es war verwirrend, aber ich mochte es. Es war ein gutes Gefühl.“ „Es war der erste Kontext, in dem ich sexuelles Vergnügen hatte..“ Eine Person, die von ihrem Camp Counselor viktimisiert wurde, war sich ganz sicher darin, dass sie es genoss: „Ich pflegte mich darauf zu freuen, dass er in meine Koje kroch. Es fühlte sich gut an. Was er tat, fühlte sich gut an. Es war das erste Mal, dass ich Erektionen entwickelte. Als er aufhörte… dachte ich, er täte es mit jemand anderem… war ich wütend auf ihn.“
Ein Beispiel mit Penetrationserfahrung wird in dem Buch „Herausforderung Pädophilie – Beratung, Selbsthilfe, Prävention“ von Claudia Schwarze (Leiterin der Psychotherapeutischen Fachambulanz in Nürnberg) und Dr. Gernot Hahn (Leiter der Forensischen Ambulanz im Klinikum Erlangen) geschildert:
Auch die auf eine Strafanzeige folgenden Vernehmungen und Kontakte mit Polizei und Richtern können belastende Folgen des sexuellen Missbrauchs darstellen. Dazu berichtet Jens (39), ein Klient aus unserer ambulanten Therapiegruppe, rückblickend: „Da war ich ja gerade 13 geworden, als ich Gerhard kennenlernte. Den fand ich richtig gut, menschlich, was der so drauf hatte, aber eben auch körperlich. Der hatte immer viel Sport gemacht und sah gut aus. Er gefiel mir. Wir hatten dann eine richtige Beziehung und eben auch Sex. Das war richtig schön. Gerhard war so zärtlich zu mir. Das war nicht nur rein raus und fertig. Blöd fand ich nur, dass das Ganze geheim bleiben musste. Ich wusste ja, dass der das nicht darf. Und mir war’s natürlich peinlich. Wenn die das in der Schule herausgefunden hätten … Das wollte ich mir gar nicht vorstellen. Zur Belastung wurde die Beziehung zu Gerhard erst, als alles aufflog und er verurteilt wurde. Da war ich richtig schockiert. Ich hatte ja das Gefühl, dass nichts Schlimmes passiert, und trotzdem schicken sie ihn in den Knast. Ich hatte ganz schöne Schuldgefühle, weil ich ja auch aussagen sollte vor Gericht.“
Nochmal aus der Schilderung von Janning:
Das Kind ist völlig verwirrt, zweifelt an der eigenen Wahrnehmung. Es wird immer weiter desensibilisiert. Und schließlich geht die Initiative sogar vom Kind aus, um den Wünschen und Erwartungen des Täters zu entsprechen. Das verstärkt am Ende die Schuldgefühle des Kindes.
Die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung gibt es während des Geschehens nicht – außer, wenn es weiß, dass die Handlung als „schmutzig“ und „schlecht“ gilt – sich aber gut anfühlt.
Das Kind kann einen Kontakt etwa als verwirrend (weil neu und bisher unverstanden) und als störend, unangenehm, neural, angenehm oder schön empfinden. Einen Grund an seiner Wahrnehmung zu zweifeln hat es normalerweise nicht.
Ein Kind, das keinen Oliven mag, wird nicht an seiner Wahrnehmung zweifeln, nur weil ein Erwachsener Oliven als unglaublich schmackhaft anpreist. Es mag sich überreden lassen, sie noch einmal zu kosten. Aber das Ergebnis wird regelmäßig das selbe bleiben.
Wenn die Mutter dem Kind sagt: „Wenn du keine Oliven isst / nicht an Gott glaubst / schwul bist, dann bist du nicht mehr mein Sohn / bringe ich mich um / liebe ich dich nicht mehr!“ verursacht das wahrscheinlich schweren Schaden. So etwas kann ähnlich natürlich auch in anderen asymmetrischen Beziehungen vorkommen.
Genauso gilt: wenn man jemandem, der eine Tomate gegessen hat, einredet, es habe sich um einen Paradiesapfel gehandelt, der Esser sei durch den Verzehr der Erbsünde anheimgefallen und man den schrecklichen Schaden an seiner Seele später immer wieder thematisiert, muss man sich nicht wundern, wenn die Person, die die Tomate gegessen hat, anschließend psychische Probleme bekommt.
Die Erwartung, dass das Kind einen sexuellen Kontakt furchtbar oder traumatisierend findet, ist eine Erwachsenen-Erwartung, die in das Kind hineingelegt wird.
Die klinischen Psychologen S. Burkhardt & A. Rotatori schreiben im Buch „Treatment and Prevention of Childhood Sexual Abuse: A Child-Generated Model“ hierzu:
Aufgrund der moralisch verwerflichen Natur des sexuellen Kindesmissbrauchs haben die Forscher die verständliche Tendenz, die Ängste, Ekel und Schrecken in das kindliche Opfer zu projizieren. (…) In dieser Erwachsenenposition wird die Sicht des Kindes kaum wahrgenommen.
Es ist also nicht das Kind, das an seiner Wahrnehmung zweifelt, sondern der Psychologe (der Trauma-Therapeut, …) zweifelt an der Wahrnehmung des Kindes.
Nochmal Janning zur Behandlung:
Wir helfen dem Kind, eine Sprache zu finden, wie schrecklich es ist. (…) Damit sich ein Kind nicht mehr im Spiegel des Täter oder der Täterin definiert, benötigt es äußere und innere Distanz. Dafür braucht es Bedingungen, sich aus pathologischen Abhängigkeitsbeziehungen zu befreien.
Das Trauma entsteht, wenn dem Kind beigebracht wird, dass es – insbesondere sein Vertrauen – missbraucht wurde. Es wird zum Spiegel der Ängste, des Ekels und Schreckens des Erwachsenen.
Es ist dieser Spiegel der zum Trauma führt und dazu, dass das Kind an seiner Wahrnehmung zweifelt. Denn es wird ihm von Autoritätspersonen (Eltern, Polizisten, Richter, Psychologen, Therapeuten) beigebracht, dass es die Situation völlig falsch einschätzt hat und so naiv war, etwas katastrophal Schreckliches nebensächlich oder gar schön zu finden.
Wie kann es sich beim nächsten mal oder jemals wieder in seinem Leben sicher sein, nicht erneut getäuscht zu werden? Wie kann es seiner eigenen Wahrnehmung jemals wieder vertrauen, wenn ihm die Verlässlichkeit seiner Wahrnehmung mit einer für ein Kind überwältigenden Autorität abgesprochen wird? Wenn erst die Umweltreaktionen und eine fehlgeleitete Behandlung zu der seelischen Erschütterung führt, die sie voraussetzt, hat der Kinderschutz auf ganzer Linie versagt.
Der ehemalige FBI-Beamte Kenneth V. Lanning hat sich beruflich jahrzehntelang mit forensischer Kriminologie (Fallanalyse, Verhaltensanalyse, Profiling) bei Kindesmissbrauch beschäftigt. Er ist Autor der 2010 erschienenen fünften Edition von „Child Molesters: A Behavioral Analysis – For Professionals Investigating the Sexual Exploitation of Children“. Zwei Zitate daraus:
Diese Täter verführen Kinder auf die gleiche Weise wie Erwachsene einander verführen. Diese Technik ist kein großes Geheimnis. Zwischen zwei Erwachsenen oder zwei Teenagern wird sie gewöhnlich als Dating bezeichnet. Früher nannte man es Hofieren. Der Hauptunterschied liegt jedoch in der Diskrepanz zwischen der erwachsenen Autorität des Kindermissbrauchers und der Verletzlichkeit des kindlichen Opfers. (Seite 27)
(…)
Da die Opfer von Beziehungsmissbrauch in der Regel behutsam verführt wurden und sich oft nicht bewusst sind, dass sie Opfer sind, kehren sie wiederholt und freiwillig zum Täter zurück. Die Gesellschaft und die Strafjustiz tun sich schwer damit, dies zu verstehen. Wenn ein Junge von seinem Nachbarn, einem Lehrer oder einem Geistlichen belästigt wird, warum „erlaubt“ er dann, dass es weitergeht? Höchstwahrscheinlich ist er sich zunächst nicht bewusst, dass er ein Opfer ist. Manche Opfer sind einfach bereit, Sex gegen Aufmerksamkeit, Zuneigung und Geschenke einzutauschen und glauben nicht, dass sie Opfer sind. Der Sex selbst kann sogar genossen werden. Der Täter behandelt sie vielleicht besser, als sie sonst jemals von jemandem behandelt wurden. Unter Umständen wird ihnen bewusst, dass sie Opfer sind, wenn der Täter sie verstößt. Dann erkennen sie, dass all die Aufmerksamkeit, Zuneigung und Geschenke nur Teil des Masterplans waren, sie zu benutzen und auszubeuten. Dies kann der endgültige Schlag für ein gestörtes Kind sein, das ein schwieriges Leben hinter sich hat. (Seite 75)
Es sind nicht irgendwelche Erwachsenen-Mikroben, die dem Kind Schaden zufügen. Es ist der gefühlte Verrat, der Vertrauensbruch, die Täuschung.
Aber was, wenn es gar keinen Verrat, keinen Vertrauensbruch, keine Täuschung gab?
Wer homosexuell ist, fühlt sich zum eigenen Geschlecht so hingezogen, wie heterosexuelle Menschen sich zu Menschen des anderen Geschlechts hingezogen fühlen. Die Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen sind substantiell die gleichen. Sie unterscheiden sich nur dadurch, dass sie sich auf Menschen mit diesem oder jenem Körperschema richten.
Wenn Pädophile und Hebephile die gleichen Techniken der Verführung wie heterosexuelle oder homosexuelle Erwachsene anwenden, dann weil sie von den selben Empfindungen dazu getrieben werden.
Wenn man – aus eigenem Wissen und eigenem Wollen – gerade nicht davon ausgeht, dass hinter jeder Beziehungsanbahnung eines Erwachsenen gegenüber einem anderen Erwachsenen in Wahrheit der Masterplan steckt, den anderen ausbeuten zu wollen, warum sollte es dann plausibel erscheinen, dass es der perfide Masterplan pädophiler Menschen bei der Beziehungsanbahnung zu einem Kind wäre, das Kind auszubeuten?
Wenn ein Pädophiler einem Kind Liebe, Zuwendung und Zeit schenkt, dann handelt es sich dabei nicht automatisch in Wirklichkeit um Verrat, Vertrauensbruch und Täuschung, nur weil sie von einem Pädophilen kommen.
Es gibt ein Sprichwort: „Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente.“ Mithin: was aussieht wie Liebe, ist wahrscheinlich Liebe.
Eine toxische Beziehung ist eine die mehr Kraft kostet als Kraft gibt. Es gibt Zeichen, die darauf hindeuten können:
Menschen, die in solchen toxischen Beziehungen stecken, verändern sich häufig, denn waren sie zu Beginn der Partnerschaft noch fröhliche, offene und ausgeglichene Personen, sind sie nach einiger Zeit eher traurig, in sich gekehrt und nervlich angegriffen
Umgekehrt gilt: wenn ein Kind durch eine Beziehung aufblüht, ist es keine toxische Beziehung.
Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Beziehung eines (vielleicht sogar wohlmeinenden) Pädophilen zu einem Kind für das Kind toxisch ist oder wird. Zunächst einmal gibt es (wie in jeder Bevölkerungsgruppe) auch unter Pädophilen Egoisten, Narzissten und Soziopathen, die ein erhöhtes Risiko für toxische Beziehungen aufweisen. Es gibt auch Menschen, die zu viele Probleme mit sich selbst haben, um ein guter Partner für einen anderen sein zu können. Menschen, die Schwächen oder Bedürfnisse haben, die der Jüngere meint, irgendwie auffangen zu müssen, obwohl er dazu gar nicht in der Lage sein kann. Es gibt Verwicklungen wie Eifersucht (auf Zeit, auf Freunde, …).
Sind toxische Beziehungen in Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern häufiger als in Beziehungen zwischen Erwachsenen?
Die Gesellschaft unterstellt, dass sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern für Kinder stets toxisch sind. Ich glaube dies nicht und halte die Existenz hinreichend guter Beziehungen aufgrund zahlreicher Fallbeispiele, von denen ich auch hier im Blog bereits berichtet habe, für gut belegt (z.B. hier, hier, hier und hier). Aber über die Häufigkeit in die eine oder andere Richtung kann ich nur spekulieren.
Meine Erwartungshaltung ist, dass toxische Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern ebenso häufig oder selten sind, wie sie es bei Beziehungen zwischen Erwachsenen sind. Der Grund für diese Annahme ist meine Vermutung, dass es sich um eine Charakterfrage handelt: wenn eine Beziehung toxisch wird, liegt das am Charakter eines der Partner und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person in der Folge auch weitere Beziehungen toxisch werden lässt, ist enorm hoch. Die Verteilung des Charakters korreliert nicht in erkennbarer Weise mit der Verteilung von sexuellen Neigungen.
Es wäre aber auch möglich, dass toxische Beziehungen häufiger vorkommen, wenn man annimmt, dass sie auf der Ausnutzung eines Machtungleichgewichts beruhen. Die relative Schwäche des Kindes gegenüber dem Erwachsenen gibt einem zu toxischem Verhalten neigenden Erwachsenen die Gelegenheit, die dazu führt, dass seine schlechten Eigenschaften zur Geltung kommen können. Dies scheint auch ein wichtiges Element der gesellschaftlichen Beurteilung zu sein. Aus Sicht von Lanning liegt der Hauptunterschied in der Diskrepanz zwischen der erwachsenen Autorität und der Verletzlichkeit des Kindes.
Allerdings scheint es mir möglich und auch nicht unwahrscheinlich, dass die Diskrepanz tatsächlich eher einen Schutzfaktor darstellen könnte. In Beziehungen zwischen volljährigen Partnern wird heute – fälschlicherweise – Symmetrie angenommen. Symmetrische Beziehungen existieren praktisch nicht. Stattdessen sind Beziehungen normalerweise wechselseitig asymmetrisch (Im Volksmund: „Die ergänzen sich aber gut!“). Die Annahme von Symmetrie kann Missbrauch erleichtern, weil man bei „Waffengleichheit“ vermeintlich keine Rücksicht nehmen muss.
In altersmäßig asymmetrischen Beziehungen trägt der ältere Partner aufgrund seiner intellektuellen und strukturellen Überlegenheit deutlich mehr Verantwortung als der jüngere Partner. Gerade weil der Erwachsene um seine Überlegenheit weiß, wird er sie nicht zum Nachteil des Jüngeren ausnutzen wollen. Jemandem, für den man romantische Gefühle hegt, will man normalerweise ohnehin auf keinen Fall weh tun oder schaden. Hinzu kommt, dass auch Pädophile, den Wunsch haben, ein guter Mensch zu sein. Mit dem Ausnutzen von Überlegenheit ist dieser Wunsch nicht kompatibel. Ein positives Selbstbild ist für die meisten Menschen sehr wichtig und gerade jemandem, der unter Generalverdacht steht, ein Monster zu sein, wird es besonders wichtig sein, mit seinem Handeln den Gegenbeweis anzutreten – und sei es nur für sich selbst.
Wenn Kenneth V. Lanning, der ehemalige FBI Verhaltens-Analytiker mit jahrzehntelanger Erfahrung und Spezialisierung auf Kindesmissbrauch, meint:
Manche Opfer sind einfach bereit, Sex gegen Aufmerksamkeit, Zuneigung und Geschenke einzutauschen und glauben nicht, dass sie Opfer sind. Der Sex selbst kann sogar genossen werden. Der Täter behandelt sie vielleicht besser, als sie sonst jemals von jemandem behandelt wurden.
dann schreibt er das nicht, weil er irgend etwas verharmlosen oder Verständnis für Pädophile wecken will.
Es geht ihm darum, Missbrauchstäter zu fassen. Da ein Teilsegment der Täter pädophil ist, will er sie verstehen, um sie besser fassen zu können. Jemand der diesen Wunsch hat, kann sich keine Wahrnehmungsverzerrungen erlauben, die dazu führen, dass er die Täter, die Opfer und die Tatumstände schlechter versteht, weil das dazu führen würde, dass weniger Täter erwischt werden.
Wir können uns deshalb sicher sein, dass Lanning nicht etwa spekuliert, sondern dass er in seinen Jahrzehnten Polizeierfahrung immer wieder auf genau solche Fälle gestoßen ist.
Aber was bedeutet es, wenn man eine Person verhaftet, überführt und verurteilt, weil sie Sex mit einem Kind hatte, wenn das Kind den Sex genossen hat und von dem Menschen, mit dem es den Sex hatte, besser behandelt wurde, als es jemals von jemand anderem? Wenn das Kind einen Menschen verliert, den es brauchte und der ihm gut getan hat und stattdessen ein gesellschaftlich angelegtes Trauma verpasst bekommt?
Löst man damit ein Verbrechen? Oder begeht man damit ein Verbrechen?
Liebe ist nicht erst ab einem gewissen Reinheitsgrad zulässig. Um eine Beziehung zu rechtfertigen, reicht es aus, wenn sie „hinreichend gut“ ist. Aber was heißt das in diesem Fall?
Auch wenn die Beziehung selbst nicht toxisch ist, muss es einem bewusst sein, dass die Umwelt für eine sexuell gefärbte Beziehung eines Erwachsenen mit einem Kind in der Regel toxisch ist. Ab einem gewissen Intimitätsniveau gibt es unvermeidlich die Problematik der Ächtung oder des zumindest unklaren Status der Freundschaft in der Gesellschaft.
Darf man es riskieren, einen geliebten Menschen jemandem auszuliefern, der ihm „hilft“, die Sprache dafür zu finden, wie schrecklich es war, geliebt worden zu sein?
Wir leben in einer Zeit, in der eine Ente keine Ente sein darf. Das darf man beklagen. Aber man darf es nicht ignorieren.