Wer einen Abschiedsbrief schreibt, hat sich vielleicht nur verabschiedet. Hier aber geht es um den Abschiedsbrief in seiner finalen Bedeutung. Ein Mensch hat sich selbst das Leben genommen und hinterlässt schriftliche letzte Worte.
Natürlich muss man Iván Noel nicht unbedingt kennen. Insbesondere Jungenliebhabern ist als Regsisseur und Produzent von Low- und No-Budget-Spielfilmen bekannt, in denen es eben vor allem um Jungen geht.
Bei seinem ersten Film „Wo warst Du? (2008) war er Drehbuchautor, Regisseur, Co-Produzent, lieferte die Filmmusik, machte den Schnitt und spielte eine kleine Nebenrolle. Ein Spielfilm über 99 Minuten, mit einem Gesamtbudget von 50.000 US Dollar. Gefilmt wurde fast ausschließlich mit Laienschauspielern. Die Filmcrew bestand nur aus fünf Personen, weitere Namen hat sich Noel für den Abspann ausgedacht, um zu kaschieren, wie klein das Projekt eigentlich war. Der Film wurde auf den Filmfestivals von Vancouver, Palm Springs und Seattle gezeigt und wurde in Vancouver auf Platz fünf gewählt (bei 200 teilnehmenden Filmen).
Da er mit dem ersten Film kein Geld verdient hatte, war Noel pleite. Sein zweiter Spielfilm „Brecha“ entstand mit negativen Budget. Noel lieh sich das Filmequipment von einem Fernsehsender, wofür er als Gegenleistung eine wöchentliche Sendung moderierte. Nur der Hauptdarsteller (der auch schon im ersten Film mitgewirkt hatte) hatte Berufserfahrung, alle anderen waren Laiendarsteller. Schauspieler und Filmcrew arbeiteten umsonst. Die MiniDV-Kassetten für die Kameras stahl Noel täglich vor Drehbeginn aus dem Supermarkt, weil er kein Geld hatte, um sie zu kaufen. Das ist auch insofern gesichert und nicht lediglich Legende als er dabei erwischt wurde.
Spätere Filmprojekte wurden teils durch Spenden unterstützt und ermöglicht. Hier eine Liste seiner Spielfilme:
- 2008: Wo warst du? (En tu ausencia)
- 2009: Brecha
- 2010: Primaria (¡Primaria!)
- 2012: Vuelve – Komm zurück! (Vuelve)
- 2013: Limbo – Children of the Night (Limbo)
- 2014: Ellos volvieron – Die Rückkehrer (Ellos volvieron)
- 2016: The Tutor
- 2018: Nine Meals from Chaos
- 2019: Rejected – Die Verstoßenen (Rechazados)
- 2020: Lamb of God (Cordero de Dios)
Den Filmen ist gemeinsam, dass sich sich mit moralischen Fragen auseinandersetzen, ohne sich bürgerlichen Konventionen zu beugen. Die Hauptprotagonisten sind meist Kinder und Jugendliche, in der Regel Jungen. Kontrovers ist darüber hinaus, dass es in den meisten seiner Filmen auch Nacktszenen von Kindern oder Jugendlichen gibt.
Insgesamt war für Gleichgesinnte sehr offensichtlich, dass Noel sich zu Jungen hingezogen fühlte.
Anlass für den Suizid waren Missbrauchsvorwürfe im Zusammenhang mit seinem letzten Film „Cordero de Dios (Opferlamm). Die Vorwürfe sollen von drei 15-jährigen Jugendlichen stammen, die wegen schlechten Verhaltens (was auch immer das bedeuten mag) vom Set geschmissen wurden. Es ist letztlich unklar, was und ob überhaupt etwas vorgefallen ist.
Über den Film selbst berichte queer.de:
Der Pater und der Außenseiter
Jetzt auf DVD: In Iván Noels Coming-of-Age-Film „Lamb of God“ geht es um die Schuld der Unschuldigen an einem katholischen Knabeninternat 1962 in Argentinien.
Das idyllisch und verborgen in den Bergen Nord-Argentiniens gelegene katholische Knabeninternat hat 1962 seine besten Zeiten lang hinter sich. Früher wurden dort mehr als 250 Heranwachsende von fünfundzwanzig Patres unterrichtet, heute kümmern sich gerade mal vier Mönche mehr schlecht als recht um ein gutes Dutzend wilde, pubertierende Jungs.
Unangekündigt kommt plötzlich der undurchsichtige Pater Martin an die Schule, und bald fällt auf, dass er besonders Kontakt zu dem attraktiven Außenseiter Franz sucht. Der Junge leidet noch immer darunter, dass Pater Lucio, zu dem er sich besonders hingezogen fühlte, wegen sexueller Verfehlungen von der Schule abberufen wurde.
Nach und nach wird deutlich, dass Pater Martins besonderes Interesse an Franz aber nicht etwa sexueller Natur ist, sondern sich darauf stützt, dass beide gemeinsame Wurzeln in Nazi-Deutschland haben. Pater Martins Absichten sind jedoch nicht so unschuldig, wie er gern behauptet …
„Lamb of God – Die Schuld der Unschuldigen“ ist der nunmehr zehnte Film von Iván Noel. Die berührende Coming-of-Age-Story ist nun bei cmv-Laservision auf DVD erschienen. (cw/pm)
Dass Iván Noel Jungen anziehend fand, kann in seinem Umfeld niemandem allzu lange verborgen geblieben sein. Das führt zu einem hohen Maß an externer Kontrolle und spricht eigentlich dagegen, dass er übergriffig geworden sein könnte. Wer mit seinem besonderen Interesse an Jungen so erkennbar ist, wie Iván Noel es war, verzichtet dafür in der Regel auf jedes aktive sexuelle Ausleben, da er weiß, dass er unter Beobachtung steht und der kleinste Vorwurf sofort Konsequenzen hätte.
Letztlich weiß man aber schlicht zu wenig, um sich ein Urteil erlauben zu können.
Hier der Abschiedsbrief (eigene Übersetzung)
Ein letzter Abschiedsgruß an meine Freunde
von: Iván Noel
Ich hatte vor langer Zeit einen Freund, Max Dickens, der schon 10 Jahre vor der Einnahme einer Euthanasie-Pille fröhlich davon sprach, ‚aus diesem Leben auszusteigen‘. Er pflegte zu sagen ‚wenn mein Geld ausgeht, gehe ich‘. Sein einziges großes Vergnügen im Leben war es, erste Klasse zu reisen und in den besten Restaurants der Welt zu essen. Ohne das würde sein Leben das Wenige verlieren, was es ihm zu bieten hatte. Im Jahr 2008 verlor er sein gesamtes Geld im korrupten Börsencrash, und er schickte mir ein paar Monate später freudig eine Nachricht, dass die Zeit für ihn gekommen sei. Und er hat die Pille geschluckt.
Ich habe das immer für eine großartige Sache gehalten: Wenn man das verliert, was man im Leben am meisten schätzt, wenn man die ESSENZ dessen verliert, wer und was man ist, gibt es wirklich keinen Grund, weiterzumachen, nur um des Weitermachens willen.
Wie meine engsten Freunde wissen werden, habe ich jahrelang über die Möglichkeit gesprochen, zur richtigen Zeit, wann und wo ich wollte, „wegzugehen“. Das liegt daran, dass ich verstanden habe, dass meine Art zu sein unmittelbar gegen den Strom einer Gesellschaft läuft, die jedes Jahr intoleranter, populistischer und giftiger wird. Ich wurde in die beste und schlimmste Zeit hineingeboren, die man sich vorstellen kann. Und jetzt habe ich meinen Moment gefunden.
Wenn durch giftige Menschen (die Art von Menschen, die auf diesen Wellen der Hysterie als „Heilmittel“ für ihren Neid, ihre Verdrängungen und ihr persönliches Versagen reiten), die Zukunft, wie ich sie mir wünsche, bedroht wird, dann ist es Zeit für mich, mich zu verabschieden.
Und was würde ich verlieren, wenn ich weitermache? Nun, meine Arbeit mit Kindern (die schon immer meine Essenz und mein deutlichstes Talent war), die Fähigkeit zu reisen, wann und wohin ich will in der Welt. und vor allem meinen Anstand als Mensch. Denn obwohl ich weit davon entfernt bin, perfekt zu sein, bin ich auch weit davon entfernt, böse zu sein, und ich weigere mich, meinen Anstand im Dienst von giftigen Menschen zu verlieren. Dafür liebe ich das Leben und die Menschen wirklich nicht genug.
Diese Dinge sind es wert, zur Kenntnis genommen zu werden:
• Das bedeutet in keiner Weise ein Eingeständnis eines Vergehens meinerseits gegen irgendjemanden. Ganz im Gegenteil: Ich war nie in der Lage, Menschen zu verletzen, schon gar nicht die Schwächsten. Jeder, der mich gut kennt, weiß das. Aber da heute das Bedürfnis nach populistischem Drama viel mehr erwünscht ist als die Realität, vertraue ich auf nichts mehr und bin nicht daran interessiert, dieses absurde Spiel mitzuspielen.
• Ich beende mein Kapitel hier ohne Depression, oder Traurigkeit, oder irgendeine Art von Bedauern oder Bitterkeit, sondern, wie Max, auf eine persönliche und logische Weise.
• Ich liebe und schätze bis zum Schluss meine Freunde, die mir bis jetzt gefolgt sind, und von dieser meiner Entscheidung sollte man nicht denken, dass es an einem Mangel von ihnen lag. Es ist nur so, dass diese Fragen des Lebens und des „Todes“ viel tiefer sind als irdische Freundschaften selbst. Wir alle sind so viel mehr als das, was wir hier unten sehen.
• Da es NIEMALS einen guten Zeitpunkt zum Sterben gibt, sollte man das selbst entscheiden können. Ich fühle mich gut, wie ein Tennisspieler, der seine Karriere nach einem gewonnenen Turnier beendet. Habe gerade den zehnten budgetlosen Spielfilm, eine Dokumentation und einen Bildband fertiggestellt. Darüber freue ich mich sehr.
• Ich bin und war schon sehr lange entsetzt und angewidert von der Menschheit. Ich schäme mich, zu einer so gescheiterten Rasse zu gehören, mit ihren endlosen kleinen und großen Kriegen, die meistens durch Neid und Eifersucht verursacht werden.
• Gibt es Güte und Liebe im Menschen? Nun ja, natürlich… aber das ist so, als würde man von einem sehr aufmerksamen und großzügigen Vater sagen, dass er ein ‚guter Vater‘ ist, obwohl er jedes Jahr eines seiner Kinder in der Familienbadewanne ertränkt. Diese ‚Liebe‘ nützt nichts, wenn sie so endet.
• Die Menschenverachtung war für mich nie stärker als in dieser Ära der Covid-Hysterie, denn sie zeigte uns die hässlichste Seite der Menschheit, die niedrigste, unterwürfigste Seite der Menschen und die Missstände durch sogenannte Anführer, die derart schamlos lügen. Der einzige Unterschied zwischen dem Mittelalter und heute ist, dass wir Handys und „soziale“ Netzwerke haben, um andere leichter angreifen zu können.
• Ich bin nicht religiös, aber ich weiß, dass es etwas jenseits unseres Lebens hier gibt. Es scheint, dass wir, um dorthin zu gelangen, durch dieses fehlgeschlagene Experiment auf der Erde gehen müssen. Aber ich nehme eine Abkürzung, vielen Dank!
• Ich bin 52 Jahre alt, aber ich bin auch 150 Jahre alt, denn ich habe drei Leben in einem gelebt. Ein volles, volles, volles Leben. Ich bin um die halbe Welt gereist, habe fast alles erlebt, was ich erleben konnte, habe so vielen Menschen wie möglich unter den gegebenen Umständen geholfen, habe künstlerische Werke geschaffen, die bleiben und geschätzt werden, habe Kindern die Leidenschaft für Musik, Filme, Reisen, Kochen beigebracht und in letzter Zeit den ärmsten Menschen bei uns geholfen.
Aber vor allem gab es kaum einen Moment in meinem Leben, in dem ich nicht geliebt wurde, und in dem ich nicht geliebt habe. Selbst in meinen schlimmsten Momenten. Ich war immer von der Liebe und Hingabe von Jung und Alt umgeben. All das, unglaublich, trotz meiner Andersartigkeit und dieser Persönlichkeit, die im TOTALEN Gegensatz zur aktuellen westlichen (Pseudo-)Moral steht. Deshalb verdanke ich den besten Teil meines Lebens denjenigen, die meine Freunde waren und sind.
Ich werde eine Flasche des besten argentinischen Malbec trinken, den ich kenne (‚Nosotros‘ von Susana Balbo) und mich dem Jenseits hingeben, von dem wir kommen und zu dem wir alle gehen.
Danke, und nochmals danke: an diejenigen, die mir solche Möglichkeiten gegeben haben (meine Eltern), an meine Lieben in den letzten 40 Jahren und an meine Freunde, und auch an meine Filmfans, die mich so weit kommen ließen. Ich gehe ohne Bedauern und im besten Moment. Ich danke euch noch einmal.
Yves, der Iwan
Ich erkenne darin jemanden, der versucht hat, ein guter Mensch zu sein und dem es insgesamt so gut gelungen zu sein scheint, wie man es eben hoffen kann.
Ich schließe mit einem Video, dass Noel 2012 für die isländische Band Sigur Rós veröffentlicht hat: