Pädophilie als akzeptables Feindbild

Vor kurzem hat tagesschau.de über ein gegen LGBT-feindliches Gesetz in Ungarn berichtet. Der Artikel dazu heißt: „Homosexualität als Feindbild„. Er ist mit Zwischen-Überschriften in drei Segmente gegliedert. Die letzte Gliederungs-Überschrift lautet: „Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt“.

Die Inhalte des Gesetzes tun hier im Detail nichts zur Sache. Sie sind eindeutig diskriminierend. Aus meiner Sicht ist der Knackpunkt aber ein anderer:

Denn Pädophilie als Feindbild scheint für die Redaktion der Tagesschau völlig OK zu sein. Das Problem ist für die Tagesschau nicht die Diskriminierung einer sexuellen Minderheit, sondern die Diskriminierung der falschen sexuellen Minderheit. Auf die Idee, dass es vielleicht auch nicht richtig wäre, wenn diskriminierende Gesetze gegen Pädophile gerichtet sind, kommt man dort nicht.

Im Text heißt es;

Im neuen Gesetzespaket wird Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt. In Datenbanken der Regierung sollen Wohnadressen abgefragt werden können. Eine perfide Strategie, um die Oppositionsparteien, die – von links bis ganz rechts – gemeinsam gegen Orbán bei der Wahl antreten, zu spalten, sagt ein anderer Demonstrant:

„Damit bekommt die Regierung eine mächtige Waffe in die Hand. Sie werden die Opposition als ‚Pädophilen-Streichler‘ darstellen. Es ist völliger Unsinn, diese beiden Themen zu vermischen – aber ein kluger Schachzug der Regierungspartei. Ich habe Angst, dass es im nächsten Jahr nur darum geht. Es brauchte wieder ein Feindbild. Das ist die LGBTQ-Gemeinschaft.“

Das eigentliche Feindbild sind Pädophile. Die LGBTQ-Gemeinschaft an sich zieht als eigenständiges Feindbild nicht – es bedarf einer Gleichsetzung mit Pädophilie, die ihrerseits unsinniger Weise implizit mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt wird, damit es bei einer hinreichend großen Anzahl Menschen funktioniert.

Es ist kein Wunder, dass sich LGBTQ-Aktivisten von Pädophilen scharf distanzieren. Im Grunde handelt es sich um Selbstschutz. Das ist sicher keine Glanzleistung, ist aber nachvollziehbar und eine menschliche Reaktion, für die ich ein gewisses Verständnis aufbringen kann. Allerdings löst sie das Problem der Angreifbarkeit der LGBTQ-Gemeinschaft nicht.

Solange es akzeptiert ist oder sogar sozial erwünscht scheint, dass jemand nur aufgrund seiner Neigung diskriminiert wird, wird die LGBTQ-Gemeinschaft durch eine Gleichsetzung mit der folgenlos diskriminierbaren Gruppe auch selbst angreifbar bleiben. Wenn man dem Gegner die Waffe aus der Hand nehmen will, muss jede Diskriminierung bekämpft und geächtet werden.

Es ist keine nachhaltige Lösung, sich von der Gruppe zu distanzieren, die schlecht behandelt werden darf. Nachhaltig wäre es, dafür zu sorgen, dass die schlechte Behandlung jeder Gruppe als schlechte Behandlung erkannt, benannt und angeprangert wird. Die Verwundbarkeit durch eine Gleichsetzung mit Pädophilie wird erst dann verschwinden, wenn Pädophilie (eine Neigung, keine Handlung) kein akzeptables Feindbild mehr ist.

Ob die LGBTQ-Gemeinschaft diesen Zusammenhang irgendwann erkennt, steht auf einem anderen Blatt.

5 Kommentare zu „Pädophilie als akzeptables Feindbild

  1. Genau auf den Punkt gebracht!
    Haben Sie dem öffentlich-rechtlichen Personal von tagesschau.de die Kritik auch direkt übermittelt? Ich denke nicht, dass die Redakteure (m/w/d), die dort die (auch von uns Pädophilen) erpressten GEZ-Beiträge missbrauchen, um ihre widerlichen Manipulationen zu formulieren und zu verbreiten, in diesem Blog lesen.

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    1. Nein, habe ich nicht.

      Es gibt zwar auf Tagesschau eine Kommentarfunktion, aber Kommentare scheinen nicht wirklich gewünscht zu sein. Meist ist der Kommentar-Bereich geschlossen. Der Artikel, um den es hier geht, wurde anscheinend am 15.06.2021 um 15:00 Uhr veröffentlicht. Im Bereich „Ihre Meinung“ gibt es ganz oben einen Beitrag der Moderation:

      ——

      Moderation 15.06.2021 • 19:00 Uhr
      Schließung der Kommentarfunktion

      Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir beschlossen, die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation

      ——

      Es gab also ein Zeitfenster von gerade mal 4 Stunden für Kommentare. Weil man die Beiträge einseitig nicht für konstruktiv genug hielt, wurde die Diskussion geschlossen.

      Braucht es wirklich alle 2-3 Stunden „entscheidende neue Aspekte“, um eine Diskussion offen zu halten? Ich finde das arrogant.

      Eine „sehr starke Diskussion“ wäre eigentlich doch gerade, was man sich für einen Kommentarbereich wünscht.

      Das Problem gibt es in dieser Form bei vielen anderen Nachrichtenseiten nicht. Aus meiner Sicht ist das Antiwerbung für das öffentlich-rechtliche Angebot und eine fast schon gezielte Verärgerung von Beitragszahlern.

      Darauf zumindest habe ich die Tagesschau-Leute über deren Kontaktformular hingewiesen.

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      1. Ein Brief an die Redaktion, dass man Homosexuelle nicht einfach durch Pädophile („Pädosexuelle“ hätte ich erwartet) austauschen kann und es so auch von Lesern der Tagesschau als gegen mich gerichtet empfunden wird, würde ich mit unterzeichnen.
        Ich bin in der Queerenszene vernetzt und kann dir nur zustimmen.

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      2. schneeschnuppe, das habe ich bei den öffentlich-rechtlichen auch schon öfter bemerkt. Dass eine freie Diskussion bei mehreren Äußerungen kontroverser Meinungen mit der Behauptung, dass keine neuen Aspekte mehr eingebracht werden, plötzlich beendet wird. Diese arrogante, indirekte Zensur von Meinungen (härter formuliert; das aktive Einschränken des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung gemäß Art. 5 GG) finde ich, mit Verlaub (Joschka Fischer) zum Kotzen. Insbesondere, weil „beitragsfinanziert durch alle“. Ich boykottiere diese Volkserzieher mittlerweile, das ist ja wohl auch keine wünschenswerte Lösung?
        Toll, dass du trotzdem am Ball bleibst. Lass dir den Mund nicht verbieten!

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  2. Homosexuelle als Feindbild?

    Ein makaber wirkender Umstand wird von den ungarischen (und auch den hiesigen) LGBTQ-Aktivisten und Aktivistinnen nicht anerkannt:
    Orbán schützt diesen Personenkreis (gewollt oder vermutlich eher ungewollt) vor Einschüchterung, Übergriffen und roher Gewalt durch seine Verweigerung der Aufnahme einer (zu) hohen Zahl junger, gewaltsozialisierter Männer aus rückständigen Kulturen.

    queer.de berichtet in regelmäßigen, empörten Artikeln von zunehmender Gewalt gegen Angehörige der Community in Deutschland. Konsequent wird jedoch „um den um den heißen Brei“ herumgeredet und versucht, mit allen Mitteln den Eindruck aufrecht zu erhalten, die Gewalt ginge hierzulande noch immer überwiegend von deutschen Nazis aus (natürlich taugt in anderen Fällen auch eine durch und durch faschistische Polizei zum Feindbild, ganz in „Stonewall-Tradition“).

    Dass auch die Leitmedien ARD und ZDF zunehmend die „bunten“ Opfer von Gewalt oder staatlicher Benachteiligung im In- und Ausland tatkräftig durch regelmäßige Berichterstattung unterstützen, ist selbstverständlich begrüßenswert. Jedoch sollte die Berichterstattung sich nicht auf die Fälle von Unrecht beschränken, in denen die Opfer und die Täter bzw. die Verantwortlichen ins gewünschte Weltbild passen. Es sollte ungefiltert auch über die anderen, in den Redaktionsbüros offenbar weniger interessanten Opfer von Gewalt, ungerechter Behandlung oder Unterdrückung (dieser sind wir BL und GL in Deutschland übrigens ständig ausgesetzt!) berichtet werden; Täter bzw. Verantwortliche müssen klar benannt werden.

    Ich denke, eine umfassendere Sichtweise und eine unaufgeregte, objektive Betrachtung aller tatsächlichen Gefahren für Grundrechte und Wohlergehen von LGBTQ in Europa sollte auch in deren Interesse liegen. Damit will ich die ungarische Rechtssystematik keinesfalls bewerten; ich kenne sie nicht detailliert genug. Sonderlich dramatisch für das Wohlergehen von LGBTQ hören sich die gestern auf queer.de veröffentlichten Einzelheiten zu der ungarischen Gesetzgebung nicht an. Diese wirken erst dann richtig negativ, wenn sie wie im tagesschau.de-Artikel mit (angeblichen) Aussagen von Demonstranten aufpeppt werden, die die (nicht sauber zwischen Fakten und Meinungen trennende!) Redaktion aufgrund der Unsachlichkeit nicht selber so tätigen kann.

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