Buchempfehlung: Sehr kleine Liebe

Ich habe mir schon lange vorgenommen, eine Empfehlung zu dem Buch „Sehr kleine Liebe“ von Ted van Lieshout zu schreiben.

Der Autor wurde 1955 geboren. Er studierte Kunst und Formgebung an einer renommierten niederländischen Kunst- und Designakademie und unterrichtete danach an der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten, der ältesten Kunstakademie der Niederlande. 1990 wurde er Vollzeit-Schriftsteller. Er ist vor allem für seine Gedichte und Kinderbücher bekannt.

Sein autobiographisches Buch Zeer kleine liefde (Sehr kleine Liebe) wurde 1999 veröffentlicht. Er gewann damit 2001 einen angesehen Kinderbuchpreis (Nienke van Hichtum-prijs). Die deutsche Fassung, die ich hier bespreche, erschien 2014. Es ist ein schmales Hardcover-Buch mit einigen berührenden Gedichten, gelungenen Illustrationen und dem Abdruck eines Briefwechsels. Wer das Buch kauft, bekommt für 15.90 € kaum 30 Seiten gedruckter Text .

Aber was für Seiten!

Wie bereits erwähnt, ist das Buch autobiographisch. Es behandelt ein heikles Thema auf feinfühlige und wahrhaftige Weise.

Im Alter von 11 bis 12 Jahren hatte Ted etwa ein Jahr lang eine sehr enge Beziehung zu einem Mann, bei der es auf Initiative des Mannes auch zu sexuellen Handlungen kam. Der Junge brach die Beziehung schließlich nach einem Vorfall, bei dem der Mann seine Grenzen überschritten hatte, ab. Er ging und kehrte nie zurück.

25 Jahre später erhielt er einen Entschuldigungsbrief des Mannes. Hier ein Auszug:

Hallo Ted,

es geschah vor 25 Jahren und trotz meiner Verdrängungsversuche konnte ich es nicht vergessen. (…) Etwas, das nie hätte stattfinden dürfen und wozu ich mich als erwachsene Mann nie hätte hinreißen lassen dürfen. Trotzdem ist es geschehen. Und die Gewissensbisse halten bis heute an. (…) Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dir Schaden zugefügt habe, vielleicht gar für den Rest deines Lebens, schmerzt mich am meisten. Aber ich kann, was geschehen ist, nicht mehr ungeschehen machen. Ich werde keinen Frieden in mir finden, wenn ich nicht wenigstens versuche, dich von meiner tief empfundenen Reue zu überzeugen. (…) Ich hoffe, du akzeptierst, dass ich dich auf diese Weise um Vergebung bitte für das, was ich dir damals angetan habe. (…)

Auf mich wirkt das selbstsüchtig. Es geht nicht um Wiedergutmachung, sondern darum, eine Last von den eigenen Schultern zu rollen. Der Brief ist eine Zumutung.

Allerdings kann man dem Verfasser vermutlich zugute halten, dass er eben tatsächlich bereut und dass ihn die Vergangenheit wirklich quält. Er hat seine Qualen vielleicht selbst verursacht, aber muss er deshalb zwingend ewig unter ihnen leiden?

Ich habe für Härte nichts übrig. Wenn die Menschen einander ein wenig gnädiger begegnen würden, wäre sehr viel gewonnen.

Da es in dieser Sache aber ohnehin nicht um mich geht, ist meine Meinung im Grunde bedeutungslos. Die Meinung, auf die es ankommt, ist die von Ted.

Hier ein längerer Auszug aus dem im Buch abgedruckten Antwortbrief:

Ich bin eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, Sie könnten vielleicht Gewissensbisse haben wegen dem, was damals geschehen ist. Im Lauf der Zeit habe ich eigentlich vermutet, ich müsse einer von Vielen gewesen sein. Ich fand eine einfache Erklärung für das, was mir widerfahren war: Ich war einem Kinderverführer über den Weg gelaufen. Aber ihrem Brief entnehme ich, dass ich der Einzige war: Wenn das stimmt, warum kam es dann dazu und warum mit mir? Ein Zufall war es nicht, denn alles zusammengenommen hat es über ein Jahr gedauert. Und es gab eine sorgfältige Orchestrierung, immer ging es einen kleinen Schritt weiter. Gerade durch das beständige Verschieben der Grenzen dachte ich, Sie wüssten aus Erfahrung genau, was Sie taten.

Ihr Brief weckt Fragen in mir, die ich für längst beantwortet hielt. Aber die Antworten stimmen offenbar nicht, und damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge.

Dass ich später nach anderen Erklärungen gesucht habe, hat damit zu tun, dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. Meine Erinnerung ist mittlerweile lückenhaft, das heißt, ich kann mich irren, aber meiner Meinung nach sind Sie an diesem letzten Nachmittag mit gewissen Handlungen zu weit gegangen. Ich habe mich dann rasch in die Toilette geflüchtet. Da bin ich eine Weile geblieben, habe anschließend auf Wiedersehen gesagt und bin gegangen. Für immer.

An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie.

Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte. Ihnen ist höchstens vorzuwerfen, dass sie, indem Sie Sex in unserer Beziehung zuließen, mir ein Problem aufgehalst haben, mit dem ich mir als Zwölfjähriger keinen Rat wusste. (…)

Klar sollte sein: Sie haben nicht etwas in mir aufgewühlt, das ich versucht hätte zu vergessen. Ich konnte und wollte es nicht vergessen. Ob ich dadurch einen Schaden davongetragen habe, lässt sich schwer sagen, aber wenn dem so ist, dann bedeutet das noch nicht, dass ich diesen Schaden rückgängig gemacht haben will. Alles, was mir widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, ist nun mal Teil meines Lebens und meiner Existenz, Teil der Person, die ich geworden bin – und das lasse ich mir nicht mehr abnehmen.

Sehr schwierig an Ihrem Brief finde ich, dass bei Ihnen das Schuldgefühl im Vordergrund steht und alles andere in den Hintergrund drängt. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. Genau das aber ist es, worum Sie mich bitten.

Natürlich bin ich im Lauf der Zeit zu der Einsicht gelangt, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird, sicher sobald Sex im Spiel ist. So habe ich meinen Standpunkt teilweise der allgemeinen Haltung der Gesellschaft angepasst. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist prinzipiell abzulehnen, weil nicht einzuschätzen ist, was der Schaden für das Kind ist oder sein wird.

Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, auch wenn ich mir im Nachhinein durchaus bewusst ist, dass gerade ihre Zuwendung (eine Hand wäscht die andere) mich auch dann nachgiebig gemacht hat, wenn Sie wieder einen Schritt weiter mit mir wollten. Aber deswegen jetzt Ärger zu machen finde ich übertrieben. Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. Sie sollten nicht erfahren, dass ich, schon bevor Sie damit anfingen, durchaus wusste, was Sex war: Ich hätte Sie auch ohne Weiteres wegschieben können oder aufstehen und nach Hause gehen, aber um das zu tun war ich viel zu neugierig – und ich durfte neugierig sein auf Liebe und Sex. Mich trifft also ebenfalls kein Tadel.

Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…)

Mit fast 15 Jahren habe ich meiner Mutter erzählt, dass es während meiner Besuche bei Ihnen zu gewissen Dingen gekommen war. Der einzige Grund dafür war, dass sie mich in die Enge getrieben hatte, aber zum Glück brauchte ich nicht ins Detail gehen, denn meine Mutter glaubte mir sofort. Sie hatte nämlich schon immer etwas vermutet, aber nie irgendeinen Beweis gefunden.

Ihre Reaktion erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. Ich glaube, sie verstand, dass sie sich zwar an Ihnen hätte rächen können, aber nicht, ohne mich von lästigen Beamten in die Mangel nehmen zu lassen. Ich machte mir deshalb ebenfalls Sorgen, aber vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. Und das habe ich getan. (…)

Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten. Ungeachtet des Ausgangs. (…)

Dass Sie nur zerknirscht zurückblicken können, finde ich schade. Schlimmer: eine Leugnung des Schönen, das es gab. (…) Aber einmal damit konfrontiert, kann ich nicht anders, als Sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu vergeben, in der Hoffnung, dass dabei Raum entsteht anzuerkennen, dass Ihre damaligen Gefühle aufrichtig waren und dass ein kleiner Fehler aus Liebe (oder wie man es auch nennen mag) weniger zuzurechnen ist und keinesfalls 25 Jahre lang nachgetragen werden darf.

Dieser Tage wurde ich mit der Nase auf die Tatsachen gestoßen. Was war, ist immer noch da. Bei Ihnen offenbar auch noch, in Anbetracht Ihres Briefes, allerdings überschattet von „Selbstbestrafung“. Es ist etwas Unerledigtes, das nicht auf die Distanz mit ein paar Briefen abgehandelt oder geradegerückt werden kann. Ich denke, es ist wichtig, uns 25 Jahre später nochmals zu treffen. Mögen Sie darüber einmal nachdenken?

Mit herzlichem Gruß, Ted

Leider ist es zu dieser Begegnung nicht gekommen. Der Brief wurde (durchaus angemessen) beantwortet und das Treffen zugesagt, aber für eine unbestimmte Zukunft, da Teds ehemaliger Freund glaubte, zuvor noch weitere innere Verarbeitungsarbeit leisten zu müssen. Zugleich bat er auch darum, nicht mehr angeschrieben zu werden. Er war verheiratet und fürchtete, seine Frau würde die Briefe entdecken. Er versprach, sich telefonisch melden, wenn er soweit sei. Aber er tat es nie. Vielleicht war er nie soweit. Vielleicht ist er gestorben. Aber am Ende bleibt leider etwas Unerledigtes, das hätte erledigt werden können und müssen.

Es gibt einiges, was mich an dem im Buch „Herr M.“ genanten Mann stört. Da sind seine Selbstkasteiungen und die fehlende Würdigung der schönen gemeinsamen Momente. Da ist der erste Brief, bei dem es mehr um Entlastung für sich selbst geht, als um Wiedergutmachung für den einst geliebten Jungen.

Da ist das zu weit gehen, das nicht näher beschrieben ist, aber das vielleicht noch verzeihlich sein könnte. Schwerer verzeihlich scheint mir, dass Herr M. damals anscheinend nicht realisiert hat, dass er zu weit gegangen ist und sich nicht gekümmert hat, als Ted sich in die Toilette flüchtete und dort eine Weile nicht herauskam. Das empfinde ich als schweres Versagen.

Als ähnlich schweres Versagen empfinde ich, dass er das persönliche Treffen nicht ermöglicht hat, das eigentlich für beide hätte heilsam sein können. Aus meiner Sicht hatte Ted ein Anspruch darauf. Herr M. hat eine wichtige Chance verpasst, etwas gut zu machen.

Aber das Buch ist nun mal autobiographisch. Es erzählt keine Geschichte, sondern das Leben. Und das ist voll von unvollkommenem Menschen, die sich so gut durch das Leben schlagen, wie sie es gerade können. Liebe bekommt man immer nur von Menschen – Wesen mit Mängeln.

Liebe und Zuneigung entschuldigt viel und ich bin mir aufgrund der Schilderung der Beziehung aus Sicht des Jungen (bzw. aus der Sicht des Erwachsenen, der sich daran erinnert, dass er geliebt wurde und geliebt hat) sehr sicher, dass die Liebe und Zuneigung von Herrn M. echt war.

Die erotische Anziehung war nur das Fundament, ohne das es zwar kein Haus gibt, das aber für sich genommen nicht wärmt und nicht schützt, wie es die Beziehung schafft, die man sich auf dem Fundament zusammen aufbaut.

Der erwachsene Ted kam zu der Schlussfolgerung, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird. Ich halte das für einen Irrtum. Problematisch ist nicht ein Machtgefälle, sondern der Missbrauch von Macht. Bei aller berechtigten Kritik an Herrn M.: er hat Ted geliebt und Ted fühlte sich geliebt. Es gab in dieser Beziehung Fehler (wie in jeder anderen auch), aber keinen Missbrauch von Macht.

Ted hat aber Recht, wenn er in seiner Rückschau glaubt, dass ihm durch den sexuellen Teil der Beziehung etwas zugemutet wurde, bzw. dass er einem Risiko ausgesetzt wurde.

Die wahre Geschichte, von der das Buch erzählt, zeigt überdeutlich, dass mit der Kriminalisierung der Liebe von Erwachsenen zu Kindern auch eine Pathologisierung der Kinder verbunden ist, die sich geliebt fühlen, die aber in der Gesellschaft nichts anderes sein dürfen als Opfer.

Für die Legitimität einer Beziehung sollte es keinen anderen relevanten Maßstab geben, als das beide Beziehungspartner in und mit der Beziehung glücklich sind. Aber man muss sich auch der Realität stellen, dass die Gesellschaft andere Maßstäbe anlegt.

Ich glaube keineswegs, dass jeder sexuelle Kontakt eines Erwachsenen mit einem Kind Missbrauch (im Sinne von sexueller Gewalt) ist. Für mich hat Missbrauch nichts mit Alter oder Geschlecht zu tun, sondern liegt dann vor, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt.

Trotzdem kann ich wenig entgegensetzen, wenn Ted van Lieshout in seinem Buch fordert, dass ein Erwachsener einem Kind einen sexuellen Kontakt nicht zumuten darf, da „daraus viel Schaden entstehen kann“. Ich glaube zwar, dass der Schaden vor allem durch die Tabuisierung und Skandalisierung entsteht und durch das Schweigegebot, das auf der Beziehung lastet, aber das macht den möglichen Schaden nicht weniger real.

Das Urteil des erwachsenen Ted bleibt ambivalent.

Einerseits hält er seinem älteren Freund seine Verantwortung vor („Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten.“).

Andererseits entschuldigt er ihn auch und weist die eigentliche Verantwortung der Gesellschaft zu („Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.“).

Die Schlussfolgerung kann sein, dass willentlich einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell anzulehnen ist, weil die Gefahr von Sekundärtraumatisierungen (durch Umweltreaktionen und Angst vor Umweltreaktionen) nicht beherrschbar ist.

Die Schlussfolgerung kann aber auch sein, dass die Ächtung von willentlich einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell abzulehnen ist, weil sie eine für sich genommen positive Erfahrung potentiell in ein Trauma verkehrt und betroffenen Kindern dadurch schadet.

Ich glaube nicht, dass man sich für eine der beiden Schlussfolgerungen entscheiden muss. Beide haben eine Berechtigung.

Ich habe schon verschiedentlich eingestanden, dass ich mich nach einer Beziehung sehne, wie sie zwischen dem Jungen Ted und seinem Herrn M. anscheinend existierte. Ich wünsche mir, dass irgendwann einmal ein Junge das für mich empfindet, was Ted so beschreibt:

(…) damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge. (…) Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. (…) Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, (….) Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. (…) vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. (…)

Aber man darf deshalb nicht außer Acht lassen, dass Ted unter den Beziehungsfolgen auch gelitten hat. Es graust mir davor, dass ein Junge einmal meinetwegen Nöte durchleiden könnte, wie sie Ted hier beschreibt:

(…) dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. (…) An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, (…) Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie. (…) Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…) Ihre Reaktion [die der Mutter] erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. (…)

Ich muss mir zwar nicht vorhalten lassen, in einer ähnlichen Situation die selben Fehler wie Herr M. zu begehen, aber realistisch betrachtet bin ich als Mensch ein Wesen mit Mängeln und mache meine eigenen Fehler. Es wäre Hybris zu behaupten, dass mir etwas anderes, in der Wirkung auf einen geliebten Menschen vergleichbares, nicht passieren könnte.

Was vielleicht noch schlimmer ist: Ted hätte auch dann gelitten, wenn man die offensichtlichen Fehler von Herrn M. von der Beziehung abzieht. Die Schuldgefühle wegen Kirche und Gesellschaft, die Angst, sich von Klassenkameraden zu isolieren, der Schrecken als die Mutter von der Beziehung erfuhr, das belastende Geheimnis. Alle diese Aspekte hätte es auch dann gegeben, wenn Herr M. nicht zu weit gegangen wäre oder zumindest seinen Fehler erkannt und sich unmittelbar entschuldigt hätte.

So sehr ich mir wünsche, einen anderen Mensch glücklich zu machen und eine „ideale Beziehung“ mit ihm zu leben, so sehr graut es mir davor, einem geliebten Menschen Jahre der Schuld- und Schamgefühle aufzubürden, die es ohne mich nicht gegeben hätte.

Die autobiographische Geschichte von Ted konfrontiert mit einer Wirklichkeit, in der eine echte und warme Liebe für den Jungen gleichzeitig Segen und Zumutung ist. Der Segen kommt aus der Beziehung, die Zumutung aus der Gesellschaft.

Ohne die Ächtung durch die Gesellschaft hätte nicht nur Ted ein viel besseres Leben gehabt, sondern auch sein Herr M., der sich jahrzehntelang mit Selbstvorwürfen kasteit hat. Nicht nur Ted, sondern auch Herr M. wurde Opfer der Gesellschaft.

Aber wenn ich ehrlich bleiben will, kann ich mir nicht nur den Teil der Wahrheit heraussuchen, der mir aus persönlichen Motiven in den Kram passt. Die Gefahr einer Sekundärtraumatisierung durch eine eigentlich positiv erlebte Beziehung ist real und letztlich nicht beherrschbar.

Hinzu kommt: eine sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen ist kein notwendiger oder gar zwingend positiver Entwicklungsschritt für einen Jungen (oder ein Mädchen). Mit welchem Recht, darf man einem Jungen eine solche, auch sexuelle Beziehung dann zumuten?

Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so sehr auf meine Meinung und meine Zweifel an.

Die Person, um die es wirklich geht, deren Meinung maßgeblich ist, ist der Junge. Nicht ich und auch nicht der hypothetische, noch gar nicht existierende Erwachsene, dem man unterstellt, dass er vielleicht irgendwann einmal ein Problem mit bestimmten Aspekten der Beziehung haben könnte.

Und deshalb hoffe ich weiter, dass mir irgendwann ein junger Mensch begegnet, der meine Bedenken mit einem Lächeln beiseite wischt und mir die Chance gibt, ihn glücklich zu machen und in seinem Glück auch mein eigenes zu finden.

2 Kommentare zu „Buchempfehlung: Sehr kleine Liebe

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