Ideologische Vernichtungswaffe: „Verletzung der Würde von Kindern als Gruppe“

Ich habe heute einen Artikel „Computergenerierte Missbrauchsdarstellungen – Kein opferloses Ermittlungsinstrument“ entdeckt, der als Gastbeitrag auf Netzpolitik.org erschienen ist.

Der Autor, Stephan Gerbig, Jurist und Gründer der Kompetenzstelle Kinderrechte, fordert eine Evaluierung der Regelung, dass die Polizei zu Ermittlungszwecken computergenerierte Missbrauchsdarstellungen nutzen darf. Auch computergenerierte Missbrauchsdarstellungen könnten die Würde von Kindern als Gruppe verletzen und Täter zu Missbrauch anstacheln.

Mich hat dieser Artikel erschreckt.

Die schreckliche letzte Konsequenz

Es gibt Menschen mit einer sexuellen Präferenz für Kinder. Diese Menschen habe sich ihre Präferenz ebenso wenig ausgesucht, wie jemand sich ausgesucht hat schwul oder heterosexuell zu sein. Die Möglichkeiten dieser Personen, ihre Sexualität auszuleben sind minimal. Zwischenmenschliche Sexualität scheidet aus. Ebenfalls die Nutzung von Kinderpornographie, die ein tatsächliches Geschehen darstellt. Ethisch vertretbar sind Texte, Zeichnungen, computergenerierte Bilder, Gegenstände wie Sexpuppen. Ethik hin oder her: der Besitz von Sexpuppen mit kindlichem Erscheinungsbild ist seit dem 01.07.21 verboten.

Nun kommt hier die These:

Auch computergenerierte Missbrauchsdarstellungen können dazu beitragen, die Würde von Kindern – nicht von einem einzelnen bestimmten Kind, aber von Kindern als schutzbedürftige Gruppe insgesamt“ – herabzuwürdigen: Inhalte dieser Art normalisieren ein unzulässiges Bild von Kindern als Objekte zur Befriedigung sexueller Wünsche.

Artikel „Computergenerierte Missbrauchsdarstellungen – Kein opferloses Ermittlungsinstrument

Die vorgestellte These ist letztlich: auf Kinder gerichtete sexuelle Wünsche sind mit der Würde von Kindern als Gruppe unvereinbar.

Wenn wir es selbst dann nicht aushalten können, dass Menschen auf Kinder gerichtete sexuelle Wünsche haben, wenn diese Menschen ihre Wünsche nicht mit realen Kindern oder Bildern von realen Kindern ausleben, dann heißt das, dass wir diese Menschen töten müssten, um das „Problem“ zu lösen. Es ist nicht möglich, die anscheinend als unerträglich empfundenen und mit der Würde von Kindern als Gruppe nicht vereinbaren Wünsche zu töten, ohne die Menschen zu töten, die die Wünsche haben.

Einer der Menschen, die, wenn man die Thesen zu Ende denkt, getötet werden müssten, bin ich selbst.

Natürlich muss es nicht zu dieser letzten Konsequenz kommen. Es scheint aus heutiger Perspektive sogar unwahrscheinlich. Es dürfte mir nicht ans Leben gehen, sondern „nur“ an die Freiheit. Der Artikel erfindet eine Verletzung der Menschenwürde, die darauf hinausläuft, dass zur Verhinderung der vermeintlichen, abstrakt gedachten Verletzung eines anderen meine eigene Menschenwürde in nahezu beliebiger Weise mit Füßen getreten werden darf.

Je abstrakter die Herleitung einer Gefahr, die als Schutzmaßnahmen getarnte Angriffe legitimieren soll, desto gefährlicher wird es, denn die Abstraktion entzieht die Gründe und Maßnahmen der Kontrolle. Es braucht keine wirkliche Verletzung mehr, die (unwiderlegbare) These einer Verletzung reicht. Es ist ein Muster, mit dem auch in anderen Bereichen fast jede Schandtat gerechtfertigt und legitimiert werden kann.

Keine Experimente

Im Artikel wird erläutert, dass es empirische Unklarheit zur Auswirkung des Konsums von Missbrauchsdarstellungen und Kontaktdelikten gibt. „Die Hypothese um den „Auslöseeffekt“ bewegt sich im Unklaren zwischen positiver, negativer und fehlender Korrelation.“

Es wird der Eindruck erweckt, dass die Anhaltspunkte für eine schädliche Wirkung überwiegen.

Es finden sich Anhaltspunkte dafür, dass der Konsum von Missbrauchsdarstellungen den Wunsch bestärken könnte, das Gesehene in Handlungen zu reproduzieren. Genauso gibt es aber auch vereinzelt Anhaltspunkte dafür, dass solcher Konsum bei potenziellen Tätern Spannungen abbauen kann, ohne dass es zu sogenannten Kontaktdelikten kommt.

Artikel „Computergenerierte Missbrauchsdarstellungen – Kein opferloses Ermittlungsinstrument

Wenn man dem im Artikel als Beleg angegeben Link zur aktuellen Studienlage folgt, stellt sich das Gegenteil heraus. Die Studien Riegel 2004; Diamond 2009; Diamond et al. 2011 deuten auf eine präventive Wirkung. Dagegen stehen lediglich Hypothesen.

Hinweisen, dass der Konsum von Pornografie und sowohl dem allgemeinen als auch dem spezifischen Rückfallrisiko bei Kindesmissbrauchstätern sind stehen Befunde entgegen, dass die Rückfallquote von Tätern, die ausschließlich wegen Kinderpornographie verurteilt wurden, deutlich (je nach Studie um den Faktor 4 bis 13) geringer ist als die der Vergleichsgruppe der übrigen Sexualstraftäter.

In der Zusammenfassung der verlinkten Studie steht sogar ausdrücklich:

Personen, die ausschließlich wegen illegaler Internetpornografie vorbestraft sind, haben gemäß Datenlage mit 0,2–6,6 % ein geringes Risiko, im Verlauf einen sexuellen Übergriff auf ein Kind zu begehen.

Aus der unklaren Sachlage leitet der Autor ein Verbot ab:

Vor diesen Hintergründen wird man jedenfalls nicht ausschließen können, dass durch die staatliche Bereitstellung von computergenerierten kinderpornografischen Inhalten letztlich Personen dazu verleitet werden könnten, selbst ein Kind zu missbrauchen oder entsprechende Inhalte zur Verfügung zu stellen. Von einem opferlosen Ermittlungsinstrument kann man insofern nicht sicher sprechen, und schnell drängt sich daher der Rückgriff auf die Grundsätze des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz auf: Der Schutz unschuldiger Menschen darf nicht zu Lasten anderer unschuldiger Menschen erreicht werden, ganz egal, wie die konkreten Zahlenverhältnisse aussehen – das gebietet die Unantastbarkeit der Menschenwürde.

Artikel „Computergenerierte Missbrauchsdarstellungen – Kein opferloses Ermittlungsinstrument

Mit dem gleichen Recht kann man aber sagen, dass man jedenfalls nicht ausschließen kann, dass computergenerierte kinderpornografischen Inhalten letztlich Personen davon abhalten, selbst ein Kind zu missbrauchen.

Dann aber verbietet sich ein Verbot, denn der Schutz anderer Kinder darf nicht zu Lasten der durch die Existenz und Verfügbarkeit von computergenerierten Missbrauchsabbildungen vor Missbrauch geretteten Kinder erfolgen – das gebietet die Unantastbarkeit der Menschenwürde.

Das epische Scheitern der Austrocknungsstrategie

Im Artikel werden missbrauchsfördernde „Markt“-Effekte diskutiert:

Man muss auch die Wechselwirkung innerhalb des virtuellen Geschehens berücksichtigen: Mehr Angebot kann zu einer gesteigerten Nachfrage führen, und das wiederum zu mehr und neuem Angebot. Hier besteht tatsächlich die Gefahr eines Teufelskreises, der Markt wird insofern möglicherweise nicht ausgetrocknet, sondern sogar angereizt.

Artikel „Computergenerierte Missbrauchsdarstellungen – Kein opferloses Ermittlungsinstrument

Menschen, die Kinder sexuell anziehend finden gibt es so oder so. Es sollte im Interesse aller sein, wenn sie ihre sexuellen Bedürfnisse auf die am wenigsten schädliche Weise ausleben.

Es gab eine Zeit, in der an einem normalen Zeitungskiosk FKK Hefte mit Kindern gekauft werden konnten. Diese Art Hefte wurde im dritten Anlauf schließlich erfolgreich auf den Index jugendgefährender Schriften gesetzt. Der Umsatz brauch ein, die Hefte wurden eingestellt, der Markt war unterdrückt.

Und was ist passiert? Die Menschen, die sich vorher mit FKK Heften befriedigen konnten, haben nach Ersatz gesucht. Statt des recht harmlosen Bildmaterials, für das sie vorher bezahlt haben, haben sie im Internet in „Newsgroups“ kostenloses Präferenzmaterial gefunden. Nur handelte es sich da dann eben nicht mehr nur um im Grunde harmlose Bilder. Ein kontrolliertes Medium wurde durch ein unkontrollierbares ersetzt.

Die konsequente Unterdrückung im Internet hat zu einer Verdrängung der Nutzer ins Darknet geführt, wo sie viel schwieriger zu finden sind und es tendenziell noch problematischeres Material gibt als im „Clearnet“. Die Verbote haben nichts anderes erreicht als eine Abdrängung in die Illegalität und in immer schlechtere, schädlichere, dunklere Ecken.

Diese Art Repression ist eine fehlgeleitete und gescheiterte Strategie, was die Politik nicht davon abhält, sie auf Gedeih und Verderb, ohne Rücksicht auf Verluste immer härter durchzuziehen, mit der Konsequenz, dass heute lt. Polizeilicher Kriminalstatistik 2020 42 % der Tatverdächtigen, die mit Kinderpornographie erwischt werden, selbst Kinder und Jugendliche sind, Tendenz steigend. Beim Delikt „Herstellung mit Verbreitungsabsicht von Kinderpornografie“ sind sogar 58 % der Tatverdächtigen Kinder und Jugendliche.

Solange es ein Bedürfnis gibt, wird es derjenige, der das Bedürfnis hat, einen Weg suchen, es zu befriedigen. „Märkte“ zu unterdrücken oder „austrocknen“ zu wollen funktioniert nicht und man hat es auch lange genug erfolglos versucht, damit man von selbst zu dieser Einsicht gekommen sein sollte. Das Resultat der Bemühungen war eine deutliche Verschlechterung der Situation.

Was helfen kann …

Der Sexualfoscher Prof. Jorge Ponseti hat es auf den Punkt gebracht:

Pädophile Männer brauchen eine legale Möglichkeit zur Triebabfuhr. (…) Viele Pädophile nutzen die Pornografie, um mit ihren Trieben besser umzugehen, sie hilft ihnen, die Finger von Kindern zu lassen. Wenn die Kinder in den Missbrauchsdarstellungen gar keine echten Kinder sind, dann ist dieses Verhalten ethisch nicht verabscheuungswürdig, sondern verantwortungsvoll. (…) Diese Männer mit diesen Neigungen sind da, mitten unter uns, sie verschwinden nicht, nur weil wir sie immer strenger sanktionieren. (…) „Sinnvolle Prävention können wir erst machen, wenn wir unser Sanktionsbedürfnis wieder etwas bremsen. Dort, wo es sinnvolle Maßnahmen verhindert.

Artikel „Pädophile Männer brauchen eine legale Möglichkeit zur Triebabfuhr

Ein Pädophiler hat seine Neigung so oder so, egal wie viel Akzeptanz oder Ächtung ihm entgegengebracht wird. Es geht also darum, die Neigung zu kontrollieren. Ächtung führt zu seelischem Schmerz und ist psychisch destabilisierend. Sie schwächt die Fähigkeit zur inneren Kontrolle.

Verzweifelte Menschen begehen verzweifelte Taten. Um die verzweifelten Taten zu verhindern, muss nicht der Mensch bekämpft werden (das macht ihn nur noch verzweifelter), sondern seine Verzweiflung. Anders ausgedrückt: Pädophile brauchen Akzeptanz und eine Perspektive für ein lebenswertes, erfüllendes Leben.

Ein Kommentar zu „Ideologische Vernichtungswaffe: „Verletzung der Würde von Kindern als Gruppe“

  1. Schon bei der Einführung computergenerierter Missbrauchsdarstellungen für Ermittler hat Thomas Fischer dargelegt, dass diese Ausnahme eigentlich den offiziellen Zweck der Norm unterläuft.

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