Festtag der Befreiten

Am 28.06. ist Christopher Street Day (CSD). Ein Tag bunter, teils schriller Paraden von Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Für manche fast so etwas wie ein zweiter Karneval – also vor allem eine Spaßveranstaltung. Auch die Dimensionen passen. Die ColognePride 2018 hatte 48.000 Teilnehmer und 1.2 Millionen Besucher. Auch der CSD in Berlin kommt auf etwa eine Millionen Besucher. Zum Vergleich: der Rosenmontagszug 2019 in Köln hatte 12.000 Teilnehmer und über 1 Millionen Besucher.

Was heute eher Party ist, hat einen ernsten Hintergrund. Am Christopher Street Day gedenkt die Schwulenbewegung ihrem kämpferischen Urknall. Das Zentrum des Urknalls lag in der Christopher Street in New York und dort in der Schwulenbar „Stonewall Inn“.

Die nachfolgende Schilderung stammt aus dem Wikipedia-Artikel „Stonewall“. Ich habe dabei ein paar Zeilen, die für mich bedeutsam sind, durch Fettschrift hervorgehoben.


Razzien der Polizei in „Schwulenbars“ und Nachtclubs waren ein regelmäßiges Ereignis in der Homosexuellenszene überall in den Vereinigten Staaten bis in die 1960er Jahre, als plötzlich derartige Razzien in einschlägigen Etablissements in den größeren Städten deutlich seltener wurden. Es herrscht die Meinung, dass dies eine Folge einer Reihe von Beschwerden vor Gericht und wachsenden Widerstandes der Lesben- und Schwulenbewegung war.

Vor 1965 war es üblich, dass die Polizei die Identitäten aller Anwesenden bei derartigen Razzien erfasste und manchmal in der Presse veröffentlichte, natürlich mit verheerenden sozialen Folgen für die so zwangsweise Geouteten. Gelegentlich wurden auch so viele Kunden, wie in die Polizeifahrzeuge passten, vorläufig festgenommen. Damals rechtfertigte die Polizei die Verhaftungen mit Anklagen wegen Indecency (etwa „Anstößigkeit“ oder „Erregung öffentlichen Ärgernisses“). Dazu zählte man Küssen, Händchenhalten, das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts oder auch nur die bloße Anwesenheit in der Kneipe während der Razzia.

1965 traten zwei wichtige Personen in das Licht der Öffentlichkeit. John Lindsay, ein liberaler Republikaner, wurde als Reformer zum Bürgermeister von New York gewählt. Dick Leitsch wurde ungefähr zur selben Zeit in New York Vorsitzender der Mattachine Society, einer frühen Organisation für die Anerkennung der Rechte von Homosexuellen in den Vereinigten Staaten. Leitsch wurde, verglichen mit seinen Vorgängern, als vergleichsweise militant eingeschätzt, und er glaubte an Methoden der direkten Aktion, die damals in den 60er Jahren bei anderen Bürgerrechtsgruppen sehr verbreitet waren.

Anfang 1966 änderte sich die Politik der Verwaltung aufgrund von Beschwerden von Mattachine: Die Polizei benutze „Lockvogelmethoden“, um Personen auf der Straße wegen des Vorwurfes der „Anstößigkeit“ festzunehmen. Der Polizeichef Howard Leary ordnete an, dass Homosexuelle nicht von verdeckt operierenden Polizisten zu einer Straftat verleitet werden dürften und bei Verhaftungen durch Undercoverleute ein Zivilist als Zeuge notwendig sei. Das beendete die Verhaftungen von Homosexuellen wegen dieser Vergehen weitgehend.

Im selben Jahr forderte Dick Leitsch die State Liquor Authority (SLA) bezüglich ihrer Richtlinien heraus, die es erlaubten, einer Bar die Schankerlaubnis für Alkohol zu entziehen, wenn diese wissentlich Alkohol an eine Gruppe von drei oder mehr Homosexuellen ausschenkte. Leitsch veranstaltete ein „Sip in“, d. h., er informierte die Presse über sein Vorhaben, sich mit zwei anderen Schwulen in einer Bar zu treffen. Als der Barmann der bewussten Bar sie abwies, wandten sie sich an die Menschenrechtskommission der Stadt. Daraufhin stellte der Vorsitzende der SLA klar, dass seine Behörde den Ausschank von Alkohol an Homosexuelle nicht länger verbieten würde. Zusätzlich ergaben zwei unterschiedliche Gerichtsentscheidungen, dass für die Rücknahme der Schankerlaubnis „substanzielle Beweise“ nötig waren und dass Küssen unter Männern nicht länger als anstößig galt. Die Zahl von Kneipen mit homosexuellem Zielpublikum wuchs nach 1966 beständig.

1969 waren „Schwulenbars“ legal, trotzdem wurde im Stonewall Inn in dieser Nacht eine Razzia durchgeführt. Nach dem bekannten Historiker John D’Emilio steckte New York mitten in einem Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters und John Lindsay, der gerade die Vorwahlen seiner Partei verloren hatte, glaubte, es sei notwendig, in den Kneipen seiner Stadt „aufzuräumen“.

Beim Lokal Stonewall Inn gab es gleich eine ganze Reihe von Gründen, warum diese im Visier der Polizei war: Die Betreiber hatten keine Schankerlaubnis, es gab Verbindungen zum Organisierten Verbrechen und man ließ zur Unterhaltung der Gäste spärlich bekleidete Go-Go-Boys auftreten. Damit bot das Lokal Anlass für die Einschätzung, es brächte ein „unordentliches Element“ an den Sheridan Square.

Marty Huber schreibt zum Stonewall Inn und seinen Gästen in Queering Gay Pride: „Zum einen waren die Riots ein Aufstand von ganz unten, die Bar Stonewall Inn – von der Mafia geführt – war ein Ort, wo sich jene treffen konnten, die zu den Hinterzimmern angesehener Bars keinen Zutritt hatten: obdachlose Jugendliche, Latina und Schwarze Dragqueens, schwule Sexarbeiter, Butches und ihre Liebhaber_innen…“

Auch Salih Alexander Wolter stützt aus seinen Untersuchungen diese Sicht und betont, dass gerade diese Personengruppen am entschlossensten kämpften, unter ihnen Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson.

So wird aus der Kundschaft des Stonewall Inn die Ausgrenzung der schwulen (und lesbischen) Community deutlich. Auch für die Razzien der Polizei soll Rassismus eine Rolle gespielt haben, denn im Stonewall Inn verkehrten viele Schwarze und Latinos. Möglicherweise war die Entscheidung der Polizei, die Razzia auf diese Weise durchzuführen, wie sie letztlich durchgeführt wurde, von der Tatsache beeinflusst, dass die Kundschaft des Stonewall Inn nicht nur homosexuell, sondern dazu noch mehrheitlich nicht-weiß und daher besonders „verachtenswert“ erschien. Ein großer Teil der Personen, die Widerstand leisteten, waren Afroamerikaner und Latinos.

Deputy Inspector Seymour Pine, der die Razzia in dieser Nacht anführte, behauptete, dass ihm befohlen worden sei, das Stonewall Inn zu schließen, weil es der zentrale Ort gewesen sei, an dem man Informationen über Homosexuelle sammeln konnte, die in der Wall Street arbeiteten. Zuvor gab es einen Anstieg an groß angelegten Diebstählen bei Börsenhändlern der Wall Street, was die Polizei zu dem Verdacht veranlasst hatte, es könnten Homosexuelle in die Diebstähle verwickelt sein, die mit ihrer Homosexualität erpresst wurden.

Bei dieser Razzia kamen einige Faktoren zusammen, die sie von den Razzien unterschieden, an die sich die Kunden gewöhnt hatten. Eine Woche zuvor war Judy Garland gestorben, eine wichtige kulturelle Ikone, mit der sich viele Homosexuelle identifizierten. Die Trauer über den Verlust gipfelte in der Beerdigung am Freitag, 27. Juni, welche von 22.000 Menschen besucht wurde, darunter 12.000 Homosexuelle. Viele der Kunden des Stonewall waren noch immer emotional aufgewühlt, als die Razzia durchgeführt wurde. Historiker streiten darüber, ob es einen Zusammenhang gab oder nicht.

Ein weiterer Umstand, der die Razzia besonders macht, war der Zeitpunkt. Üblicherweise bekamen die Betreiber der Bar vom Sechsten Bezirk einen Hinweis auf die bevorstehende Razzia. Die Razzien erfolgten in der Regel früh genug am Abend, so dass die Kneipe kurz danach zur Hauptgeschäftszeit ihren Betrieb wieder fortsetzen konnte. Diese Razzia erfolgte viel später als gewöhnlich, um 1.20 Uhr in der Nacht zum Samstag.

Acht Beamte des Ersten Bezirks, von denen nur einer Uniform trug, kamen in das Lokal. Die meisten Kunden konnten ihrer Verhaftung entgehen, da üblicherweise nur solche Personen festgenommen wurden, die keine Ausweispapiere bei sich hatten, Personen, die Kleidung des anderen Geschlechts trugen und einige oder alle Angestellten der Bar.

Die Details, wie genau der Aufstand entflammte, sind uneinheitlich. Eine Quelle behauptet, eine Transgender-Frau namens Sylvia Rivera habe eine Flasche nach einem Polizisten geworfen, nachdem sie von dessen Schlagstock getroffen worden sei. Eine andere Quelle behauptet, dass eine homosexuelle Frau sich dagegen gewehrt habe, in ein Polizeiauto gesteckt zu werden, und damit die umstehende Menge angespornt habe, sich ihr anzuschließen.

Eine Schlägerei begann, in der die Polizisten schnell überwältigt wurden. Die Beamten zogen sich in die Bar zurück. Der heterosexuelle Folk-Sänger Dave Van Ronk, der zufällig vorbeikam, wurde von den Polizisten ergriffen und in der Bar misshandelt. Doch die Menge ließ nicht locker. Einige versuchten, die Bar anzuzünden. Andere benutzten eine Parkuhr als Rammbock, um die Polizisten zu vertreiben. Die Nachricht von der Schlägerei verbreitete sich rasch, und immer mehr Anwohner und Kunden nahe gelegener Bars strömten zum Ort des Geschehens.

Während dieser Nacht griff sich die Polizei zahlreiche weiblich aussehende Männer und misshandelte diese. Allein in dieser Nacht gab es 13 Festnahmen, und vier Polizisten wurden verletzt. Die Zahl der verletzten Protestierer ist nicht bekannt. Es ist jedoch bekannt, dass mindestens zwei Personen, die Widerstand leisteten, von der Polizei schwer verletzt wurden. Die Protestierenden warfen Steine und Flaschen und skandierten „Gay Power!“. Die Zahl der Protestierenden wurde auf 2.000 Personen geschätzt, gegen die 400 Polizisten eingesetzt wurden.

Die Polizei entsandte Verstärkung in Form der Tactical Patrol Force, einer Einheit, die ursprünglich darauf trainiert war, Demonstrationen von Vietnamkriegsgegnern zu bekämpfen. Die Tactical Patrol Force traf ein und versuchte die Menge zu zerstreuen, die die Polizisten mit Steinen und anderen Wurfgeschossen angriff. Letztendlich beruhigte sich die Lage, aber die Protestierenden kehrten in der nächsten Nacht zurück. Die Proteste waren weniger gewalttätig als in der ersten Nacht. Kleinere Scharmützel zwischen Protestierenden und der Polizei folgten bis etwa 4.00 Uhr am Morgen. Zum dritten Tag mit Protesten kam es fünf Tage nach der Razzia im Stonewall Inn. An diesem Mittwoch kamen 1.000 Menschen bei der Bar zusammen und verursachten erneut erheblichen Sachschaden. Aufgestauter Zorn und Empörung gegen die Art, wie Homosexuelle seit Jahrzehnten von der Polizei behandelt worden waren, entluden sich.

Die Kräfte, die lange Zeit vor dem Aufstand unter der Oberfläche gebrodelt hatten, blieben nun nicht länger verborgen. Die Gemeinschaft, die durch homosexuellenfreundliche Organisationen in den Jahrzehnten zuvor geschaffen worden war, bot den idealen Nährboden für die offene homosexuelle Befreiungsbewegung. Ende Juli formierte sich die Gay Liberation Front (GLF) in New York, und Ende des Jahres war sie in vielen Städten und Universitäten des Landes vertreten. Allerdings handelt es sich auch hier nicht einfach um eine Erfolgsgeschichte, sondern es wurden rasch Trans*-Personen und People of Color, wie Sylvia Rivera, von Schwulen und Lesben des Mainstreams ausgeschlossen – seit 1973 durften Trans*-Personen nicht mehr Mitglied der Gay Activists Alliance (GAA) – Nachfolgeorganisation der GLF – sein, weil sich die eindeutig geschlechtlich identifizierten Schwulen und Lesben damit bessere Chancen für ein Antidiskriminierungsgesetz (Gay Rights Bill) versprachen. Bald darauf wurden weltweit ähnliche Organisationen gegründet, unter anderem in Kanada, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Australien und Neuseeland.

Im folgenden Jahr organisierte die Gay Liberation Front im Gedenken an den Stonewall-Aufstand einen Marsch vom Greenwich Village zum Central Park. Zwischen 5.000 und 10.000 Menschen nahmen an diesem Marsch teil. Damit war die Tradition des Christopher Street Days (CSD) begründet, mit der viele Gay-Pride-Bewegungen seither im Sommer das Andenken an diesen Wendepunkt in der Geschichte der Diskriminierung von Homosexuellen feiern.

Der Stonewall-Aufstand leitete auch eine Neuorientierung in der Schwulenbewegung ein: Während es bis dahin um die Entkriminalisierung von Schwulen und Lesben ging und darum, für Toleranz bei der heterosexuellen Bevölkerungsmehrheit zu werben, steht seit dem Aufstand ein neues Selbstbewusstsein im Vordergrund: Schwule, Lesben, und Transgender sind stolz auf sich selbst, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität und ihren Lebensstil und machen diesen Stolz (Gay Pride) auch selbstbewusst öffentlich.


Soweit Wikipedia.

Die Schwulenbewegung wurde mit der Zeit dann wieder inklusiver. Ich habe dieses Phänomen nicht recherchiert, es erscheint mir aber plausibel, dass der Hintergrund eine strategische Erkenntnis war und man zum Schluss kam, dass die Menge der vertretenen Menschen für die Durchsetzung der politischen und gesellschaftlichen Ziele entscheidend ist.

Mitte der 80er kam das Kürzel LGB auf (Lesben, Schwule und Bisexuelle). 1988 kam dann ein „T“ hinzu, das für Transsexuelle steht. Um 1990 kam ein „Q“ hinzu, das für queer (norm-abweichend) steht. Unter dieses Etikett passen außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSMlern auch heterosexuelle Menschen, die Polyamorie praktizieren.

Mittlerweise gibt es auch Varianten wie LGBTIQ (wobei das das „i“ für Intersexuelle steht) oder Versionen bis hin zum LGBTQIAPK (lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, intersex, asexual, pansexual, polyamorous, kink). Auch Asexuelle, Pansexuelle, Polyamoristen und Menschen, die ungewöhnliche Sexualpraktiken („kink“) bevorzugen, sind also mittlerweile inkludiert. Weil das Akronym inklusionsbedingt inzwischen völlig ausgeufert ist, gibt es auch die vereinfachte Variante LGBT+, wobei das Plus alles einschließt, was sonst mit weiteren Buchstaben ausgedrückt werden wurde.

Nicht im „+“enthalten ist sind lediglich pädophile oder hebephile Menschen, also Menschen, deren sexuelle Präferenz primär auf vorpubertäre (-> pädophil) oder pubertäre (-> hebephil) Kinder bzw. Jugendliche gerichtet ist.

Das war einst anders. Insbesondere Päderasten (also Männer, die sich für pubertierende Jungs interessieren) gehörten einst quasi-selbstverständlich dazu.

Die Schwulenbewegung hat sich – als sie selbst noch unterdrückt wurde bzw. an ihre Unterdrückung erinnerte – mit den Forderungen ihrer pädophilen und päderastischen Mitstreiter solidarisiert. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass es viele Schwule gibt, die gute Erinnerungen an ältere Männer haben, mit denen sie als schwule Jungen positive sexuelle Erfahrungen gesammelt haben und von denen sie sich angenommen und geliebt fühlten.

Die Abschaffung des § 176 (Sexueller Missbrauch von Kindern) wurde 1980 ernsthaft diskutiert. Entsprechende Positionen hatten Unterstützer etwa bei der FPD und bei den Grünen. In diesen Zeitpunkt fiel aber auch ein Wahrnehmungsumschwung, der von Kreisen der Emanzipationsbewegung getragen wurde. Danach ist Sexualität fix mit männlicher Herrschaft und Gewalt verbunden.

Herrschaft über Menschen lässt sich nur ausüben mittels Ausführung oder Androhung von Gewalt. So wie heute zum Beispiel in Iran Oppositionelle nur mit Gewehren auf die Knie und Frauen unter den Schleier gezwungen werden können; so wie Schwarze in Amerika über Jahrhunderte nur mit der Peitsche in Ketten gehalten werden konnten; so wurde die Domination von Männern über Frauen über Jahrtausende mittels struktureller und persönlicher Gewalt aufrecht erhalten. Und jede, der es (noch) nicht passiert war, wusste: Es könnte auch mir passieren.

Über Jahrtausende war Sexualität eine Waffe gegen Frauen. Sie wurden im Krieg, in der Öffentlichkeit oder im Ehebett vergewaltigt und geschwängert. Gewalt & Sexualität waren untrennbar verbunden, und zwar für Männer wie Frauen. Für Frauen, weil sie dachten – oder gar noch immer denken –, das gehöre einfach dazu bei „den Männern“; und weil Frauen gefällig sind bzw. sein müssen.

Traditionell ist also schon die Gewalt an sich lustvoll besetzt für Männer – und zwar unabhängig von der Ausführung sexueller Handlungen (wie Penetration). Erst im Zuge der Emanzipation der Geschlechter wurde das infrage gestellt, versuchen Frauen wie Männer, Gewalt & Sexualität zu trennen. Doch nach Jahrtausenden braucht es dazu mehr als ein paar Jahrzehnte. Denn Sexualgewalt ist kein individueller Ausrutscher, sondern strukturell verankert; ein tiefes, dunkles Erbe. So kommt es, dass für so manchen Mann Gewalt gegen Frauen weiterhin lustbesetzt, ja die höchste Lust ist.

Womit wir bei den Harvey Weinsteins, Tariq Ramadans und Dieter Wedels dieser Welt wären. Solchen Männern geht es nicht nur um „Sex“, es geht um Domination, Demütigung und Gewaltausübung. Sie wollen erniedrigen, foltern, ficken. (…)

Aus „Sexualität, Gewalt & Macht“ von Alice Schwarzer

Wer so über Sexualität denkt, für den ist Sexualität mit Kindern gleichzusetzen mit Gewalt an Kindern. Gewalt an Kindern aber kann niemand wollen.

Weil, bei aller Verteufelung von prinzipiell mit Gewalt und Herrschaft verbundener (männlicher) Sexualität, einvernehmliche Sexualität ja ausnahmsweise erlaubt sein muss, wurde postuliert, dass es keine einvernehmliche Sexualität mit Kindern gegen kann.

Einer der Mitstreiter von Alice Schwarzer war der Soziologe und Sexualwissenschaftler Günter Amendt, der 1980 für die Zeitschrift konkret einen längeren Beitrag zur Pädophilie-Diskussion beisteuerte.

(…) Es geht hier um eine politische Diskussion, die geradezu verblüffend unpolitisch geführt wird. Verblüffend, weit man bei flüchtigem Hinhören von der politischen Begrifflichkeit und der politischen Tradition dieser Begriffe beeindruckt und vielleicht sogar beruhigt sein mag: »Emanzipation«. »Befreiung von« und »Recht auf« – das scheinen nicht nur Worte sondern Sprachinhaltezu sein, für die einzutreten viele bereit sind. Mehr jedenfalls, als den Vertretern der herrschenden Moral lieb sein könnte. Doch Assoziationen, die sich einstellen, lassen sich kaum noch auf einen politischen Nenner bringen und schon gar nicht in eine Tradition einordnen, die das Thema Sexualität einmal politisch wieder aufgenommen hat, und dabei von Anfang an Herrschaft, die Sexualität unter den gegebenen Umständen innewohnt, einbezog als untrennbar zum Thema gehörig.

Begriffe wie Herrschaft, Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung tauchen in der aktuellen Diskussion kaum auf. Das bedrückt und beschäftigt mich. Das hat Alice Schwarzer beschäftigt und bedrückt, als wir uns zu einem Gespräch über die Pädophilie-Diskussion trafen (das inzwischen in »Emma« veröffentlicht wurde). Einige meiner Überlegungen beruhen auf diesem Gespräch.

(…)

Gerade weil ich aus prinzipiellen Gründen genital-sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern als Herrschaftsverhältnis ablehne, habe ich Schwierigkeiten, Erfahrungen einzuordnen, die für das Gegenteil einer Herrschaftsbeziehung zu stehen scheinen. Ich weiß von pädophilen Erwachsenen, die in einer Weise das Macht-Ohnmachtgefälle zwischen Kind und Erwachsenem reflektieren, wie ich es von den meisten hetero- oder homosexuellen Erwachsenen-Beziehungen nicht kenne. Und gemessen an den sozialen Chancen vieler Jungen in solchen Verhältnissen, läßt sich nicht bestreiten, daß ihre Beziehung zu diesen erwachsenen Männern als sie fördern und stützend zu bezeichnen ist.

Hingegen steht das Beispiel des heute zwanzigjährigen Richard geradezu idealtypisch für die negativen sozialen Folgen einer Mann-Kind-Beziehung. Seine Erfahrungen kann man kaum positiv bewerten. Weder förderten noch stützten sie die Entwicklung des Jungen. Solche Erfahrungen widersprechen auch allen Vorstellungen von einer gewaltfreien, die Rechte eines Kindes achtenden, letztendlich antiautoritären Erziehung.

Aus „Nur die Sau rauslassen?“ von Günter Amendt

Hier der angeblich „idealtypische“ negative Fall einer Mann-Kind Beziehung lt. Günter Amendt:

Zum Beispiel Richard

Richard hatte vom zehnten bis zum vierzehnten Lebensjahr ein »Verhältnis« mit einem verheirateten Arzt, der bei Beginn der Beziehung vierzig Jahre alt war. Der sexuelle Anteil der Beziehung ist nach Richards Erinnerung unbedeutend, d.h. das Sexuelle ist ihm weder als besonders angenehm noch als besonders unangenehm in Erinnerung. Den Zufall, dass sich seine eigenen, allerdings noch nicht als solche erkannten homosexuellen Bedürfnisse mit denen des erwachsenen Mannes trafen, könnte man als günstige Fügung begreifen, wenn Richard nicht gerade daran aus der Sicht eines heute Zwanzigjährigen Homosexuellen zweifelte. Theoretisch hat diese Beziehung das »coming out« des Jungen beschleunigt und ihm in einer Art gleitendem Übergang die oft qualvollen Umwege der Selbstakzeptierung erspart. Richard kann darin allerdings kein Privileg sehen. Nur die frühe Erkenntnis, dass Beziehungen unter Gleichgeschlechtlichen offenbar nicht ‚abnorm‘ sind, habe ihm möglicherweise Probleme erspart. Seine heutigen Schwierigkeiten aber, aktiv einen Partner zu suchen und zu finden, sei eine der negativen Folgen der damaligen Beziehung. Von Anfang an sei ihm das Verbotene der Beziehung bewusst gewesen und die daraus resultierende Abhängigkeit des Älteren. Er habe – so Richard heute – eine Erpressermentalität entwickelt, die den älteren Freund zwang, ihm alle Wünsche zu erfüllen. Meist sei es um kleine Wünschen gegangen, aber im Bewusstsein vorgebracht, dass auch die Erfüllung großer Wünsche möglich wäre. Jedenfalls sei es nie eine Frage gewesen, wer das Eis bezahle, das Kino finanziere und wer den Zirkus in die Stadt hole. Daraus habe er eine mädchenhaft abwartende Haltung entwickelt, eine Passivität, die ihm heute noch zu schaffen mache.

Im Übrigen frage er sich, ob die Selbstverständlichkeit, mit der der Homosexualität als solche und schließlich die Homosexualität in sich akzeptierte, nicht nötige Lernschritte verbaute. Probleme, wie sie ihm von anderen Homosexuellen als typisch für das »coming out« beschrieben worden seien, habe er damals nicht gekannt. Umso mehr fühle er sich heute mit ihnen konfrontiert, ohne aber das Selbstbewusstsein und die Widerstandskraft gegen Anfeindungen und Diskriminierung entwickelt zu haben, die er bei anderen – auch jüngeren – beobachten könne.

Richard sieht keinen gefühlsmäßigen Zusammenhang zwischen seinen frühen sexuellen Erfahrungen mit einem älteren Mann und seinem »coming out« als Homosexueller. Negativ habe sich die zeitliche Überschneidung der Beziehung mit seinem »coming out« ausgewirkt. Solange die Beziehung dauerte, sei er von Gleichaltrigen völlig isoliert gewesen. über die Gründe, die schließlich zur Auflösung der Beziehung führten, habe er wenig nachgedacht. Er neige aber heute zu der Ansicht, dass das Interesse des Älteren an ihm mit der Geschlechtsreife nachgelassen habe. Kontakt habe er keinen mehr zu seinem ehemaligen Freund. Vor allem wohl deshalb, weil die Beziehung des Älteren zu ihm angstgeprägt sei. Der Mann fühle sich wohl auch heute noch erpressbar.

Aus „Nur die Sau rauslassen?“ von Günter Amendt

Das Beispiel scheint mir fast schon hilflos.

Der sexuelle Kontakt mit dem Mann war für den Jungen in keiner Weise belastend. Das Sexuelle der Beziehung war für Richard relativ unbedeutend und ist ihm nicht unangenehm in Erinnerung. Er sieht keinen Zusammenhang zu seiner Identität als Homosexueller und hat aus der Beziehung einen offenen Umgang mit seiner Sexualität mitgenommen, die ihm „die oft qualvollen Umwege der Selbstakzeptierung erspart“ haben.

Es scheint mir bizarr, wenn Richard meint, dies habe ihm möglicherweise nötige Lernschritte verbaut und wenn er (vermeintlich deshalb) fehlendes Selbstbewusstsein und Widerstandskraft gegen Anfeindungen und Diskriminierung beklagt.

Das hört sich so an, als würde sich jemand beklagen, nicht widerstandsfähig gegen Folter zu sein, weil er als Kind nicht genug gefoltert wurde. Das Problem ist nicht die fehlende Widerstandsfähigkeit gegen Folter, sondern die Folter (bzw. die Anfeindungen und Diskriminierung). Für die Anfeindungen und Diskriminierung anderer kann der Mann, den Richard als Kind ausgenutzt hat, nichts.

Richard war sich als Junge des (für den Mann) Verbotenen der Beziehung bewusst. Auch der sich daraus ergebenden Abhängigkeit des Älteren. Er hat den Mann manipuliert, ausgenutzt und eine Erpressermentalität kultiviert, die den älteren Freund zwang, ihm alle Wünsche zu erfüllen. Das Interesse des Älteren an ihm hat dann mit der Geschlechtsreife nachgelassen. Er hat keinen Kontakt zu seinem ehemaligen Freund. Nach eigener Einschätzung vor allem deshalb, weil die Beziehung des Älteren zu ihm angstgeprägt ist und der Mann sich nach wie vor erpressbar fühlt.

Allgemein wird ja zur prinzipiellen Ablehnung sexueller Erwachsenen-Kind Kontakte angeführt, dass ein Kind sich gegenüber einem Erwachsenen in einem Abhängigkeitsverhältnis befinde. Aufgrund des strukturellen Machtgefälles ist angeblich jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sexueller Mißbrauch. Im Fall von Richard ist klar, an welchem Ende des Machtgefälles er sich befunden hat. Er hatte Macht über den Mann, der ihn begehrt hat. Und hat diese Macht rücksichtslos ausgenutzt. Missbrauch ist, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt. Und genau in diesem Sinne hat Richard seinen älteren Beziehungspartner missbraucht.

Die Schlussfolgerung: Richard war als Junge ein Arsch.

Heute hat er Probleme, aktiv einen Partner zu suchen und zu finden, und glaubt, dies sei eine negative Folge seiner Beziehung als Junge mit einem Mann. Er habe „eine mädchenhaft abwartende Haltung entwickelt, eine Passivität, die ihm heute noch zu schaffen mache“.

Mir scheint das extrem zweifelhaft. Man ist entweder passiv, schüchtern, introvertiert oder man ist es nicht. Man wird es nicht, nur weil man einmal einen Partner hatte, der einem seine Wünsche erfüllt hat. Kontaktprobleme hatte Richard darüber hinaus wohl auch schon als Kind („Solange die Beziehung dauerte, sei er von Gleichaltrigen völlig isoliert gewesen.“)

Für mich liegt nahe, dass Richard von Natur aus schüchtern, passiv und introvertiert ist. Es scheint mir außerdem wahrscheinlich, dass er als Mann immer noch ein Arsch ist und deshalb Beziehungsprobleme hat.

Die hätte er aber wohl genauso, wenn er den Mann nie kennen gelernt hätte oder wenn er nicht homosexuell wäre. Es gibt schließlich auch schüchterne, passive und introvertierte Heterosexuelle, die Ärsche sind und deshalb Beziehungsprobleme haben.

Soweit meine Einschätzung zum Fall Richard. Es gibt andere Jungen, die ihre älteren Beziehungspartner nicht erpresst und verängstigt haben und die sich positiv an die gemeinsame Zeit erinnern.

So abstrus die Sicht von Alice Schwarzer und Günter Amendt ist, sie hat sich durchgesetzt.

1980 schrieb Amendt noch:

Wer es wagt, im Zusammenhang von Pädophilie von Tätern und Opfern zu sprechen – oder auch nur nach Opfern vorsichtig fragt – wird von den Propagandisten der Pädophilie flugs dem staatlichen Repressionsapparat zugeschlagen und verdächtigt, verkappter Staatsanwalt zu sein. Die Diskussion über sexuelle Beziehungen zu Kindern – einem der letzten und – wie Adorno einmal schrieb – ‚mächtigsten Tabus‘ ist selbst von Tabus, Frage- und Denkverboten überlagert. Stellt man sich stur und fragt dennoch beharrlich nach, hat man seine Unschuld schnell verloren und im Milieu auch seine Glaubwürdigkeit. Schuldgefühle sollen einem das Maul stopfen, das schlechte Gewissen soll einen sprachlos machen. Der Mechanismus funktioniert nicht schlecht, denn Schuldgefühle und schlechtes Gewissen stellen sich ein. Unweigerlich.

Heute sind die mundtot, die es wagen, nicht von Tätern und Opfern zu sprechen und an die Möglichkeit einvernehmlicher Sexualkontakte glauben. Wer das tut „verharmlost“ Pädophilie. Mit Pädophilie ist Kindesmissbrauch gemeint und das Bild von Kindesmissbrauch, das in die Köpfe der Menschen gepflanzt wurde, ist das von anal penetrierten, schreienden Kleinkindern.

Auf der Seite des Leben- und Schwulenverbands wird die Entwicklung so geschildert (die Reihenfolge der zitierten Abschnitte ist zum besseren Verständnis teils abgeändert):

Schwule waren in den 1970er und 1980er Jahren noch eine vielfach diskriminierte Minderheit, für die z.B. die Mitarbeit in einer Schwulengruppe existenzgefährdende Folgen im Beruf haben konnte. Schwule hatte in der Bundesrepublik jahrzehntelang die Erfahrung menschenrechtswidrige Strafverfolgung für ihre Sexualität gemacht (§ 175 StGB). Die Verfolgung durch § 175 war durch nichts gerechtfertigt und reines Moralstrafrecht. An diese Verfolgungserfahrung schwuler Männer haben die Pädophilen-Aktivisten geschickt angeknüpft und konnten viele davon überzeugen, dass sie sich in einer ähnlichen Situation befinden. Die Päderasten machten geltend, dass sie genauso verfolgt würden und forderten von den Schwulen Toleranz und Unterstützung ein. (…)

„Bis in die 1980er Jahre herrschte in den Schwulengruppen ein weitgehender Konsens darüber, dass man neben der Entkriminalisierung schwuler Sexualität und der Abschaffung des § 175 auch die Straffreiheit ‚einvernehmlicher Sexualität‘ zwischen Erwachsenen und Jugendlichen bzw. Kindern und die Abschaffung der §§ 174 und 176 StGB fordern solle“, schreibt Sebastian Haunss in einem 2012 erschienenen Sammelband „Rosa Radikale – Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre“.1 Diesen Konsens habe ich in der Tat in den Schwulengruppen vorgefunden, die ich Anfang der 1980er Jahre nach meinem Coming-out kennenlernte, und zeitweise unhinterfragt mitgetragen. (…)

Ab Anfang der 80er Jahre begannen Frauen ihre vielfachen Gewalterfahrungen in den Familien öffentlich zu machen (Missbrauch junger Mädchen durch den Vater, den Stiefvater, den Onkel usw. sowie Vergewaltigung von Ehefrauen durch die Ehemänner, die damals nicht als solche strafbar war). Auch Themen wie Ausbeutung durch Sextourismus kamen auf die Tagesordnung. Diese Initiativen haben auch vielen Schwulen einen neuen Blick auf das Thema Pädophile eröffnet. (…)

Diskussionen mit Feministinnen und Berichte von Beratungsstellen veränderten schließlich langsam den Blickwinkel. 1984 erschien das Buch „Väter als Täter – Sexuelle Gewalt gegen Mädchen“ von Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter. Es machte eindringlich deutlich, wie hohl das Gerede von „sexueller Befreiung“ und „Einvernehmlichkeit“ war und wie viel strukturelle und direkte Gewalt in sexuellen Handlungen Erwachsener mit Kindern liegt. Das war ein Wendepunkt, ab dem die Zweifel immer stärker wurden, auch an der Behauptung, es gebe in diesem Bereich zumindest außerhalb familiärer Machtverhältnisse „einvernehmliche“ Beziehungen. (…)

Schließlich vollzog die Schwulenbewegung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre langsam eine Abkehr von der Solidarisierung mit pädophilen Forderungen. Haunss konstatiert, dass dieser Positionswechsel „praktisch ohne bewegungsinterne Diskussionen vonstatten ging“. Er glaubt, dies „ist letztlich nur damit zu erklären, dass das Thema für die meisten Bewegungsaktivisten nur eine geringe lebenspraktische Bedeutung hatte“. Dieser Positionswechsel war aus meiner Sicht eine große persönliche und politische Befreiung. Er eröffnete den Weg zu einer menschenrechtsorientierten Schwulenpolitik, die einseitige dogmatisch-ideologische Aufladungen von “sexueller Befreiung“ hinter sich lässt und sich den „lebenspraktischen“ Fragen von Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zuwendet. Wir haben dafür freilich eine Menge Kritik einstecken müssen.

Haltung des SVD zu den Forderungen pädophiler Aktivisten

Am Ende der Entwicklung stand eine Unvereinbarkeitserklärung des Lesben– und Schwulenverband (LSVD) im Jahr 1994 und eine „Erklärung zur Pädophilie“ im Jahr 1997 :

Der Schwulenverband in Deutschland (SVD) ist der Auffassung, daß Sexualität zwischen Menschen nur im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden darf. Zwischen Erwachsenen und Kindern liegt ein strukturelles Machtgefälle vor. Zudem ist das Verständnis der Bedeutung von Sexualität bei Kindern und Erwachsenen grundlegend verschieden. Ein gleichberechtigtes Einvernehmen zwischen Kindern und Erwachsenen ist daher nicht gegeben. Nach unserer Überzeugung ist es Missbrauch, wenn Erwachsene ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten von Kindern befriedigen.

Haltung des SVD zu den Forderungen pädophiler Aktivisten

Auch international wurde Pädos und Päderasten aus der Schwulenbewegung herausgeschmissen. 1986 verboten die Organisatoren der Los Angeles Gay Pride Parade die Teilnahme der pädophilen (bzw. päderastischen) Gruppe Nambla (North American Man Boy Love Association).

Teile der Schwulenszene, wie der Aktivist Harry Hay wehrten sich dagegen. Hay, der selbst nicht pädophil war, sagte 1983 bei einer Rede vor der Gay Academic Union in New York: „Wenn die Eltern und Freunde von Homosexuellen wirklich Freunde von Homosexuellen sind, würden sie von ihren schwulen Kindern wissen, dass die Beziehung zu einem älteren Mann genau das ist, was dreizehn, vierzehn und fünfzehn Jahre alte Kinder mehr als alles andere auf der Welt brauchen“.

Hay hob auch seine eigene Beziehung zu einem erwachsenen Mann hervor, die begann als er vierzehn war: „Ich sende euch allen meine Liebe und tiefe Zuneigung für das, was ihr den Jungen anbietet, zu Ehren dieses Jungen, der, als er vierzehn war, am dringendsten wissen musste, was nur ein anderer schwuler Mann ihm zeigen und sagen konnte“.

Hay nahm an der Gay Pride Parade von 1986 teil, von dem Nambla ausgeschlossen wurde und trug dabei ein Schild auf dem „Nambla walks with me“ (Nambla geht mit mir) stand.

Geteilt via [skeptics] stack exchange – “ Did NAMBLA march in Gay Pride parades in the 70s and 80s?

Die Verbannung von Pädophilen setzte sich durch. Hay weigerte sich 1994 am CSD-Marsch in New York zum 25-jährigen Jubiläum der Stonewall-Unruhen teilzunehmen, weil Nambla ausgeschlossen wurde. Er blieb bis zuletzt ein Unterstützer. 2002 starb er.

Für andere Schwule und Leben waren Pädos (wie vorübergehend auch die Transsexuellen) längst zum Ballast geworden, den man aus Eigennutz von Bord werfen musste.

1993 wurde die ILGA, der weltweite Dachverband der Lesben-, Schwulenorganisationen als Nichtregierungsorganisation mit Beraterstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, einem der sechs Hauptorgane der Vereinten Nationen anerkannt.

Als bekannt wurde, dass auch Nambla dem Verband angehörte, riefen viele Schwulenverbände dazu auf, Nambla herauszuwerfen. Politischer Druck kam aus den USA. Der republikanische Senator Jesse Helms brachte einen Gesetzentwurf ein, mit dem 119 Millionen US-Dollar an UN-Beiträgen zurückzuhalten werden sollten, bis US-Präsident Bill Clinton bestätigen konnte, dass keine UN-Agentur Organisationen, die Pädophilie dulden, einen offiziellen Status gewährt. Der Gesetzentwurf wurde vom Kongress einstimmig genehmigt und von Clinton im April 1994 unterzeichnet.

Ergebnis: Der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen hat die ILGA suspendiert. Die ILGA wiederum hat drei pädophile Gruppen, die nordamerikanische Nambla, die niederländische Vereniging Martijn und die Gruppe Project Truth noch 1994 rausgeschmissen. Die verbandsinterne Zustimmung für den Rauswurf lag bei 88% der Stimmen. Trotzdem erlangte die ILGA den Beraterstatus erst 2011 zurück.

Den Schwulen und Lesben geht es mittlerweile gut. Gesellschaftliche Anerkennung, starke Anti-Diskriminierungs-Gesetze, eingetragene Lebenspartnerschaften, Ehe für alle, Ermöglichung von Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare.

Kampf war gestern. Heute kann getanzt werden.

Als Nicht-Befreiter und ausdrücklich Ausgeschlossener sehe ich das mit gemischten Gefühlen.

Ausgeschlossen sein, tut weh, ist sozialer Schmerz. Es ist leichter gemeinsam mit anderen unterdrückt zu sein, als zuzusehen, wie andere aus der Unterdückung entkommen sind und als (gefühlt) einziger unterdrückt zurück zu bleiben.

Ich mißgönne anderen nicht, dass es Ihnen gut geht. Es sollte möglichst vielen Menschen auf der Welt gut gehen. Aber bitte auch mir.

Insgesamt gesehen bin ich eher neidisch als wütend. Ich wünsche mir nicht nur ohne Angst vor Verfolgung lieben zu dürfen, sondern auch sagen zu können: „Ich bin pädophil – und das ist auch gut so!“ – und zwar ohne dass mir dann am nächsten Tag jemand die Scheiben einschlägt, mir in den Tagen danach mein Umfeld die Freundschaft aufkündigt und ohne dass ich in der Woche darauf meinen Job verliere.

Auf der Europride in Wien sprach dieses Jahr der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen und sagte: „Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans, Intersex und queere Personen leben inmitten unserer Gesellschaft und werden auch weiterhin ein sichtbarer, respektierter und integraler Teil unserer Gesellschaft sein. (…) Die Würdigung der Vielfalt und deren Respekt und Akzeptanz sind ein wesentliches Element von Demokratien“. Nach ihm sprach die EU-Justizkommissarin Vera Jourova. Danach der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, der sagte: „Liebe ist frei und dafür werden wir uns einsetzen.“

Ich war nicht gemeint. Meine Liebe ist nicht frei. Ob sich der Mensch, den ich liebe von mir geliebt fühlt und mich liebt, spielt keine Rolle.

Zum Abschluss noch ein Gedicht von Phönix …

An die Verräter
Phönix

Als wir alle uns fürchteten.
Als wir alle einsam des Nachts stille weinten.
Als wir alle uns noch verstellen mussten.
Als wir noch um Atem rangen, nach kostbarer Luft,
weil wir nicht lieben durften.
Als man uns noch ins Gefängnis warf – gemeinsam –
und man uns noch – gemeinsam – in die Hölle verdammte.
Da waren wir Brüder.

Als die Welt für euch schön wurde,
man euch Rechte verlieh,
und man euch aufnahm unter den Menschen,
habt ihr uns vergessen
und schämt euch nun,
dass ihr uns einst kanntet.

Wenn wir uns heute sehen,
spuckt ihr uns an.
Gemeinsam mit den anderen.
Damit die anderen es sehen.

Aber vielleicht sehen wir uns einst wieder.
Es ist ja noch euer Platz frei
neben uns in der Hölle.

Nachtrag

Als ich für den Folgeartikel „Berliner CSD – 15. Jahrestag des Rauswurfs“ recherchiert habe, bin ich zufällig auf einen Artikel aus dem Jahr 2011 bei queer.de gestoßen. Queer.de versteht sich sich selbst als „Zentralorgan der Homo-Lobby“. Aus diesem Artikel:

Solche Geschichten kommen normalerweise nur aus Hollywood: Der siebenjährige Malcolm hat im Radio eine Geschichte über die Benachteiligungen gehört, die Schwule und Lesben in Amerika widerfahren. Der Junge war sauer – und sprach mit seiner Mutter darüber, was er dagegen tun könne. Schließlich entschied er sich, 140 Dollar an zwei Homo-Gruppen zu spenden: zum einen an die Human Rights Campaign, die sich mit Lobbyarbeit in Washington für eine Gleichbehandlung in den Gesetzbüchern einsetzt, zum anderen an das Los Angeles Gay and Lesbian Center. Die Einrichtung bietet unter anderem einen kurzfristigen Unterschlupf für junge Obdachlose an, die wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dem Haus der Eltern geworfen worden waren. Dieses Problem hat Malcolm besonders betroffen gemacht, da es Studien zufolge in den USA immer mehr um sich greift: So kam bereits eine Untersuchung aus dem Jahr 2006 zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte aller jungen Obdachlosen schwul, lesbisch oder transsexuell sind. Grund für ihren Rauswurf aus dem Elternhaus war meist ihr Coming-out.

Auch mich hat die Meldung, dass fast die Hälfte der jungen Obdachlosen in den USA schwul, lesbisch oder transsexuell sind und von ihren Eltern wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dem Haus geworfen wurden, getroffen. So getroffen und aufgewühlt, dass ich darüber heulen musste. Wenn ich als Pädo überhaupt etwas verstehe, dann die Angst vor Abweisungen, die Angst vor Enttäuschungen, die Angst vor Verlust.

Neben der Bestürzung ist mir aber auch noch etwas anderes in den Sinn gekommen: von wem wären die verstoßenen schwulen Jungs in der Vergangenheit wohl aufgenommen, angenommen, versorgt und geliebt worden?

Ich denke es gibt sehr gute Gründe, warum Päderasten früher einmal für Schwule selbstverständlich dazugehörten.

Es gab und gibt vermutlich immer noch viele Schwule, die gute Erinnerungen an ältere Männer haben, mit denen sie als schwule Jungen positive sexuelle Erfahrungen gesammelt haben und von denen sie sich angenommen und geliebt fühlten.

Und einige von ihnen bekamen diese Liebe gerade dann, als niemand sonst sie geliebt hat.

Ein Kommentar zu „Festtag der Befreiten

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