Hass melden: „Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder!“

Durch einen Artikel auf dem Blogportal „Kinder im Herzen“ bin ich auf den im Titel zitierten Slogan aufmerksam geworden. Der Gastautor „Strolch“ hat am 01. Mai 2020 im dortigen Artikel „„Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder!“ – Erklärung einer überhitzten gesellschaftlichen Debatte“ darüber berichtet, nachdem er einen Aufkleber mit dem Slogan entdeckt hatte. Für Strolch war es Anlass für eine gedankliche Auseinandersetzung über die Heftigkeit der gesellschaftlichen Reaktion.

Meine eigene Reaktion, als ich seinen Artikel Anfang September entdeckt habe, war anders. Für mich war der Slogan vor allem eine offenkundige Volksverhetzung.

Warum sollte mich eine Volksverhetzung gegen Kinderschänder kümmern? Ich bin schließlich selber kein Kinderschänder und hege auch keinerlei Sympathie für Menschen, die andere Menschen in sexuell bestimmter Weise schlecht behandeln (= missbrauchen), erst recht nicht, wenn sich der Missbrauch gegen Kinder richtet.

Für mich ist auch der Zorn und Hass gegenüber Missbrauchstätern verständlich, besonders bei Menschen, die selbst Opfer von Missbrauchstaten geworden sind. Ich kann auch gut verstehen, dass Eltern aggressiv werden, wenn sie eine (echte oder vermeintliche) Bedrohung für ihre Kinder wahrnehmen. Ich gehe stark davon aus, dass ich auch selbst aggressiv werden würde, wenn jemand ein Kind, dass mir ganz besonders am Herzen liegt, bedrohen würde.

Missbrauchstäter schaden mir darüber hinaus auch persönlich, da ihre Taten der Auslöser für den Hass sind, der auf mich übertragen wird, denn medial werden Pädophile (und Hebephile) oft mit Missbrauchstätern gleichgesetzt.

Diese Gleichsetzung ist nicht gerechtfertigt, denn 1) sind ca. 80% der Täter von sexuellem Kindesmissbrauch nicht-pädophile Ersatztäter und 2) begehen ca. 90% aller Pädophilen niemals in ihrem Leben einen sexuellen Übergriff gegen ein Kind. Trotzdem ist es die bittere Realität, dass pädophile (und hebephile) Nicht-Täter regelmäßig auf den Status eines potentiellen zukünftigen Missbrauchstäters reduziert und als tickende Zeitbombe dargestellt werden.

Von der Entmenschlichung von Missbrauchstätern ist es deshalb nur noch ein minimaler Schritt hin zur Entmenschlichung von pädophilen Nicht-Tätern. Für die meisten Menschen, die sich einen Aufkleber mit dem Slogan „Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder!“ kaufen, sind Pädophile mit-gemeint.

Aber selbst wenn ich nicht mit-gemeint wäre, würde mich der Slogan abstoßen. Wenn man einen Menschen mit einem Tier gleichsetzt, ist das immer die Vorbereitung von Aggression. Es geht darum, die Akzeptanz dafür zu schaffen, dass man Menschen am Ende des Entmenschlichungsprozesses tatsächlich wie Tiere und schlimmer behandeln darf.

Egal was sie getan haben, auch Missbrauchstäter bleiben Menschen. So etwas wie Todesstrafe, Folter oder Kastration gehen deshalb nicht. Sie sind aber das, worauf die Entmenschlichung letzlich abzielt. Ich würde mich – egal um wen es geht – aus persönlicher humanistischer Überzeugung so oder so dagegen wenden.

Hinzu kommt hier aber noch, dass es auch „Missbrauchstäter“ gibt, die diese Bezeichnung aus meiner Sicht nicht verdienen, weil sie zwar ein Gesetz brechen, sich das Kind von ihnen aber nicht nicht schlecht, sondern gut behandelt fühlt.

Beispiel 1:

Als ich dreizehn war und die Sexualität entdeckte, war ich ständig auf der Suche nach jemandem, mit dem ich ins Bett gehen konnte. Und irgendwann habe ich das gefunden. Er war vierzig Jahre alt und es war großartig.

Schwuler Senior bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Pädophilie

Beispiel 2:

Da war ich ja gerade 13 geworden, als ich Gerhard kennenlernte. Den fand ich richtig gut, menschlich, was der so drauf hatte, aber eben auch körperlich. Der hatte immer viel Sport gemacht und sah gut aus. Er gefiel mir. Wir hatten dann eine richtige Beziehung und eben auch Sex. Das war richtig schön. Gerhard war so zärtlich zu mir. Das war nicht nur rein raus und fertig. Blöd fand ich nur, dass das Ganze geheim bleiben musste. Ich wusste ja, dass der das nicht darf. Und mir war’s natürlich peinlich. Wenn die das in der Schule herausgefunden hätten … Das wollte ich mir gar nicht vorstellen. Zur Belastung wurde die Beziehung zu Gerhard erst, als alles aufflog und er verurteilt wurde. Da war ich richtig schockiert. Ich hatte ja das Gefühl, dass nichts Schlimmes passiert, und trotzdem schicken sie ihn in den Knast. Ich hatte ganz schöne Schuldgefühle, weil ich ja auch aussagen sollte vor Gericht.

Fallbeispiel aus „Herausforderung Pädophilie“, Seite 135

Beispiel 3:

Du schließt von dir auf andere! Ich zb war sehr frühreif und habe mit 13 ausgesehen wie 16 und mich auch so verhalten. Ich hatte damals einen Freund der etwas älter war als 20. allerdings kannte er mein wahres Alter nicht. meine Mutter war etwas schockiert als ich mit seinem 2 jährigen Sohn und ihm auf dem Spielplatz war. ich habe in dem Alter mein eigenes Geld beim babysitten verdient, habe von ihm nie Geld oder ähnliches bekommen. Ich war sehr verantwortungsbewusst und meine Eltern haben die Beziehung zugelassen. mich persönlich war sehr frühreif, hatte die ersten sexuellen Erfahrungen mit meiner Cousine als wir 11-12 Jahre waren.

mich fand es damals super cool einen älteren Freund zu haben der einen von der Schule holt, mit dem Mann rumknutschen kann und mit dem man die erste Erfahrung im Bett haben kann. es war wundervoll, ich hatte eine tolle Zeit mit ihm, nachts rausschleichen (obwohl ich im Nachhinein erfahren habe das meine Eltern es wussten) und es fühlte sich nicht anders an, als später mit den Typen die gleichaltrige waren. mit 12-13 waren die Typen in meinem Alter einfach nur doof, für die 16 jährigen waren wir Mädels kein Beute Schema und die die nicht mehr in unserer Reichweite waren was das alter betrifft, wussten nicht wie alt wir sind. meine Cousine Hat übrigens ähnlich Erfahrungen mit 12/13 Jahren gemacht mit einem 21 jährigen.

nach dem meine Eltern mit zu einem selbstbestimmten, selbstbewussten Kind/ Jugendlichen erzogen haben, hätte keiner eine Chance gehabt sich an mir zu vergehen, etwas zu tun was ich nicht will oder ähnliches. und Meister in Manipulation war ich selber.

Eine ursprünglich aus Zypern stammende Frau als Antwort auf
>Warum gibt es Menschen die behaupten dass Kinder mit
Erwachsenen sex haben wollen? < auf gutefrage.net

Man kann die Handlung jeweils missbilligen, weil sie das Kind dem Risiko einer Schädigung ausgesetzt hat. Aber in allen drei Fällen fanden die Kinder die Beziehung „großartig“, „richtig schön“ oder „toll“. Missbrauch ist für mich etwas anderes.

Ich habe auf die Volksverhetzung gegen „Kinderschänder“ noch am selben Tag reagiert, indem ich sie mit folgendem Begleittext bei hassmelden.de gemeldet habe:

Ich habe heute einen Artikel gelesen, in dem auf einen Aufkleber mit dem aus meiner Sicht volksverhetzenden Slogan „Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder!“ hingewiesen wurde. Nachdem ich auf den Slogan aufmerksam wurde, habe ich durch eine Google Suche festgestellt, dass dieser weit verbreitet zu sein scheint.

Es gibt sogar ein Amazon-Angebot, bei dem ein Aufkleber mit dem Slogan verkauft wird. Link dazu.

Ich habe danach auf FaceBook nach dem Slogan gesucht. Es gibt dort eine öffentliche Gruppe, die sich „Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder“ nennt.

Ausserdem habe ich eine FaceBook-Seite „Todesstrafe für Kinderschänder“ gefunden. Auf dieser Seite gibt es einen „Jetzt kaufen“ Button oben links mit dem man auf die amazon.de Seite weitergeleitet wird. Der Inhaber der FaceBook-Seite „Todesstrafe für Kinderschänder“ dürfte also identisch zum Anbieter des Aufklebers auf amazon sein.

(…) [Anmerkung: die mitgelieferte Information zum Anbieter-Unternehmen und zum Inhaber lasse ich hier weg]

Durch den Volksverhetzungs-Paragraphen sind neben den ausdrücklich genannten nationalen, rassischen, religiösen und ethnischen Gruppen „Teile der Bevölkerung“ also zahlenmäßig nicht unerhebliche Personenmehrheiten, die auf Grund gemeinsamer äußerer oder innerer Merkmale als unterscheidbarer Teil von der Gesamtheit der Bevölkerung abgrenzbar sind.

Damit eine Äußerung nach §130 strafbar ist, muss sie die Menschenwürde anderer angreifen. Ein solcher Angriff ist nach ständiger Rechtsprechung stets gegeben, wenn der Täter sich mit der NS-Rassenideologie identifiziert oder wenn die Äußerung damit im affirmativen Zusammenhang steht. Das ist unzweifelhaft gegeben, wenn Angehörige bestimmter Bevölkerungsgruppen mit Tieren gleichgesetzt werden oder als Dreck, Unrat, Ungeziefer usw. geschmäht werden. Auch die Forderung, Mitglieder einer Gruppe der Bevölkerung wegen ihres So-Seins zu entfernen („Ausländer raus!“), kann die Menschenwürde verletzen. (siehe Fischer, Kommentar zum Strafgesetzbuch, S. 1010, Randnummer 12/12a).

Durch den Slogan „Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder!“ werden Missbrauchstäter auf eine Stufe noch unterhalb von Tieren gestellt. Tiere seien es wert vor Tierversuchen geschützt zu werden. Menschen, die Kinder missbraucht haben, seien weniger wert und könnten deshalb anstelle von Tieren für Tierversuche genutzt werden. Es dürfte auch unzweifelhaft sein, dass Tierversuche Gewalthandlungen darstellen. Damit wird das staatliche Gewaltmonopol angegriffen und faktisch zur Selbstjustiz aufgerufen. Darüber hinaus wird die Resozialisierung von Missbrauchstätern bekämpft.

Auch aufgrund der objektiv sehr aufgeheizten Stimmung gegen Missbrauchstäter sind solche Aufrufe geeignet, das Vertrauen eines entlassenen Missbrauchstäters in den öffentlichen Frieden und seine körperliche Unversehrtheit zu erschüttern.

Ich erhielt am 07. September eine Bestätigung über den Eingang der Meldung. Am 14. September teilte man mit mit:

Wir haben den von Dir gemeldeten Beitrag erhalten, und sind der Meinung, dass eine strafrechtliche Relevanz nicht ausgeschlossen ist. Um die Belastung der Justiz so gering wie möglich zu halten, prüfen wir Deine Meldung jetzt in unserem Haus juristisch fundiert darauf, ob sie strafrechtlich relevant sein könnte. 

Einen Tag später:

Nach Prüfung des Inhalts des von Dir gemeldeten Beitrags sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eine strafrechtliche Relevanz wahrscheinlich vorliegt, und haben über die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main und die dort ansässige Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIT) Anzeige gegen den Verfasser erstattet.

Das ist der letzte Stand, der mir vorliegt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Strafrechtliche Verfahren brauchen Zeit. Wenn sich etwas tut, werde ich hier noch einmal berichten.

Als Pädophiler ist man auf die Anonymität angewiesen, da sonst der soziale Tod droht. Für den Moment finde ich es ermutigend, dass es mit hassmelden.de nun eine Möglichkeit gibt, sich gegen Dinge, die zu weit gehen, zur Wehr zu setzen, ohne dafür die eigene Anonymität aufgeben zu müssen. Alleine die Existenz dieser Möglichkeit reduziert bereits das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Die Möglichkeit, die hassmelden.de bietet, ist kostbar und sollte nicht missbraucht werden. Damit es etwas bringt, geht es nicht um die Masse, sondern um die Qualität der Meldungen. Man sollte sich meiner Einschätzung nach auf ernste Fälle beschränken, bei denen eigentlich jedem objektiven Dritten der Unrechtgehalt der Äußerungen ins Auge springen müsste. Das erhöht dann sicherlich auch die Erfolgschancen und die Erkenntnis bei Nicht-Betroffenen, dass es ein echtes Problem gibt. Natürlich schadet es auch nicht, die Meldung gut zu begründen.

Wenn jemand einen ernsthaften Vorfall melden möchte und meine Unterstützung bei der Meldung oder der Begründung zur Meldung haben möchte, helfe ich gerne.

Meine Mail-Adresse ist Schneeschnuppe@protonmail.com.

Ein Kommentar zu „Hass melden: „Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder!“

  1. Danke für diese Aktion. Die Regelmäßigkeit, mit der Pädophile oder einfach nur Andersdenkende mit Gewalt und sogar Folter und Mord bedroht werden, ist schon rechtsstaatswidrig. In diesem Fall geht es zwar nur um „Kinderschänder“, also nicht jeden Pädophilen und Andersdenkenden, aber du hast dennoch gut begründet, warum Abwehraktionen gegen diese Hasssprache notwendig sind. Gerade in Zeiten, wo immer mehr Äußerungen unter Hasssprache fallen und als „Gewalt“ gewertet werden, sollten tatsächliche Aufrufe zur Gewalt auch als solche anerkannt werden. Pädos sollten den Rechtsstaat für sich nutzen, wo er denn mal tatsächlich nützlich für sie ist.

    Danke für den Hinweis auf das Portal.

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