Geoutet: Leonardo da Vinci – Genie und Päderast

Heute vor 500 Jahren, am 02.05.1519, starb einer der berühmtesten Künstler und Universalgelehrten aller Zeiten, Leonardo da Vinci.

Da Vinci ist heute eine Ikone des menschlichen Genies, der sich allenfalls noch mit einem Albert Einstein messen lassen muss – und vermutlich besser abschneidet, weil Einstein als Maler und Bildhauer einfach nicht mithalten kann. Leonardo war beides, Künstler und Wissenschaftler. Gibt es ein Bild, das berühmter als die Mona Lisa ist? Ich denke nicht.

Ein schwuler Mann?

Verheiratet war da Vinci nicht. Er hatte auch keine Kinder. Er gilt deshalb als schwul zumal ihm am 09.04.1476 mit einer anonymen Anzeige vorgeworfen wurde, sich an dem 17jährigen Jacopo Saltarelli vergangen zu haben. Da Vinci war damals dreiundzwanzig Jahre alt und bereits seit vier Jahren Mitglied der Malergilde von Florenz.

Die anonyme schriftliche Anzeige beschuldigte neben Leonardo auch drei weitere Beteilige. Der Prozess erregte in Florenz und Umgebung großes Aufsehen. Es wurde wurde innerhalb von zwei Monaten zweimal verhandelt, ohne dass jedoch Zeugenaussagen oder Beweismittel existierten. Durch die Fürsprache der Familien der weiteren Angeklagten und von Leonardos Freund und Lehrer Andrea del Verrocchio wurde die Klage unter der Bedingung, dass keine weiteren Anschuldigungen erhoben werden, fallen gelassen und die vier Männer aus dem Gefängnis entlassen.

Zwar wurde die Anschuldigung am 07.06.1476 erneut erhoben. Sie wurden aber wiederum zurückgewiesen, weil sie nicht den gesetzlichen Regeln für die Strafverfolgung entsprach: Anschuldigungen wegen Sodomie (homosexuellen Handlungen) mussten unterschrieben sein. Anschuldigungen könnten also zwar heimlich, aber nicht wirklich anonym erhoben werden. Die Anschuldigung gegen Leonardo war nicht unterschrieben worden.

Leonardo war als Resultat der Affaire jedenfalls wohl hinreichend verschreckt, dass er künftig Vorsicht walten ließ und uns keine weiteren ähnlichen Zeugnisse zu seiner sexuellen Orientierung hinterließ.

Das völlige Fehlen von Hinweisen auf Frauenbeziehungen und der fehlende Nachwuchs wurden als Beleg einer von der heterosexuellen Norm abweichende Orientierung gedeutet.

Es erscheint mir nicht abwegig, den (behaupteten) sexuellen Kontakt mit dem 17-jährigen Saltarelli als Hinweis auf Homosexualität zu deuten. Nur wissen wir natürlich nicht, wie der junge Mann mit siebzehn aussah. Noch wie ein Junge oder schon wie ein Mann? Insofern ist es schwer, aus diesem Einzelfall klare Schlüsse zu ziehen.

Es gibt aber eine andere, langjährige Beziehung, die Aufschluss über Leonardos sexuelle Orientierung geben kann.

Salai: das Kind des Päderasten

Ich habe eingangs zwar behauptet, dass Leonardo keine Kinder gehabt habe, aber das stimmt so nicht. Er hatte zwar keine Nachkommen, ein Kind hatte er aber schon: Salai.

Salai (bzw. Salaj) hieß eigentlich Gian Giacomo Caprotti und war der Sohn von Pietro di Giovanni, dem Pächter eines Weinguts, das Leonardo da Vinci vor den Toren Mailands gehörte. Er kam etwa 1490 als Zehnjähriger in Leonardos Werkstatt und wurde dort als Gehilfe beschäftigt. Außerdem stand er dem Meister als Nacktmodell zur Verfügung. Nach Vasari (dem ersten Leonardo-Biograph) nahm Leonardo den Jungen als Schüler an, weil ihm dessen „Anmut und Schönheit“ sowie sein „gekräuseltes Lockenhaar“ gefielen.

Wer liebt nimmt auch Dinge hin, die eigentlich unannehmbar sind. Salai hat Leonardo mindestens fünfmal bestohlen – und durfte trotzdem bei ihm bleiben.

In den ersten Jahren zeichnete er sich allerdings vor allem durch zahlreiche Streiche aus, die Leonardo teilweise recht ausführlich dokumentiert. Er bezeichnete ihn als „Dieb, Lügner, Trotzkopf“ und „Leckermaul“. Selbst 1497 konstatiert er noch: „Salai stiehlt das Geld.“ Doch anscheinend konnte er dem Schüler nicht böse sein. Obwohl er ihm und seinen Gehilfen manch gar üblen Streich spielte und ihm sogar Geld und seinen Mitschülern Silberstifte und ähnliches entwendete, muss er sich doch, wie für das Jahr 1494 dokumentiert wird, als nützlich erwiesen haben, denn er durfte in der Werkstatt verbleiben. Laut Vasari lehrte ihn Leonardo selbst „viele Dinge in der Kunst“, und er soll einige Arbeiten seines Schülers selber überarbeitet haben.

Wikipedia-Artikel zu Salaj

Dass Salai trotz seiner charakterlichen Fehler und Unzulänglichkeiten bleiben durfte, hatte realistisch gesehen mit „Nützlichkeit“ nichts zu tun. Es war Liebe. Und zwar Liebe, die auf körperlicher Anziehung beruhte.

Über die Beziehung zwischen Leonardo und Salaj gingen Gerüchte um. So existiert ein um 1563 entstandener imaginärer Dialog zwischen Phidias und Leonardo des Mailänder Malers Giovanni Paolo Lomazzo, in dem Leonardo eine Verteidigung der körperlichen Liebe zwischen Männern (beziehungsweise zwischen Männern und Knaben) untergeschoben wird, in der er Salaj als seinen Geliebten nennt. Im selben Dialog preist Leonardo Salaj als äußerst hübsch mit schönen, gewellten Haaren und wohl proportionierten Mund und Augen und bezeichnet ihn als seinen geliebten „pincerna“ (lat. Mundschenk in Anspielung auf den Ganymed-Mythos). Die direkte Anspielung auf ein mögliches sexuelles Verhältnis findet sich im Codex Atlanticus (eine gebundene Sammlung von Zeichnungen, Skizzen und Notizen Leonadro da Vincis), wo auf der Rückseite der Blätter 132 und 133 zwei erigierte Penisse (auf Beinen und mit Schwänzen) gezeichnet sind, die auf einen mit „Salaj“ überschriebenen Anus zuwandeln.

Wikipedia-Artikel zu Salaj

Leonardo soll 1490 derartigen Gefallen an dem zehnjährigen männlichen Nacktmodell Gian Giacomo de Caprotti alias Andrea Salaino Florentine (1480–1524) gefunden haben, dass er diesen adoptierte und insgesamt zwanzig Jahre (bis zu seinem Tod 1519) mit ihm zusammenlebte. Wegen Caprottis Neigung zum Lügen und Stehlen änderte Leonardo dessen Spitznamen von „Salaino“ auf „il Salaí“ (= die Ausgeburt/Brut des Teufels) oder auf Französisch „mon Salai“. Salaí verhielt sich teilweise wie ein Junior-Chef in Leonardos Akademie, und dies erregte mit Sicherheit – in Kombination mit den bekannten Verhaltensproblemen – Neid und Aggressionen bei den Mitarbeitern.

Wikipedia-Artikel zur Mona Lisa (Abschnitt zur Salai-Theorie)

Es gibt ein Zitat Leonardos, das mir zu seiner Beziehung zu Salai perfekt zu passen scheint:

Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid

Leonardo da Vinci

Salai hat Leonardo zwar (zusammen mit Francesco Melzi) nach Frankreich begleitet, wo Leonadro zwei Jahre später starb, er blieb aber nicht bei ihm.

Stattdessen begab er sich wieder nach Mailand, wo er sich auf dem Weingut niederließ, das schon sein Vater bewirtschaftet hatte.

Nach dem Tode von Leonardo da Vinci erbte er „für die vielen treuen und wertvollen Dienste“ die Hälfte dieses Anwesens. Dort verbrachte er die letzten Jahre bis zu seinem Tod. Er starb im Alter von 44 Jahren durch einen nicht näher belegten Büchsenschuss und wurde am 10. März 1524 in Mailand begraben.

Wikipedia-Artikel zu Salaj

Auch die Mona Lisa fiel nach dem Tod da Vincis zunächst an Salai:

Nach seinem (Leonardos) Tod blieb das Werk im Nachlass, wurde mit anderen Gemälden von seinem Schüler Salaj verwaltet und später von Franz I. von Frankreich für viertausend Goldflorin erworben.

Wikipedia-Artikel zu Leonardo da Vinci (Abschnitt Mona Lisa)

Eine These, die bereits Vasari erwähnte, ist, dass der Name „Mona Lisa“ ein Anagramm zu „Mon Salai“ (dt.: Mein Salai) ist. Die Mona Lisa, die man gemeinhin zu kennen meint, ist eine Frau. Es scheint aber möglich, dass sich tatsächlich Salai dahinter verbirgt. Die Salai-These ist umstritten. Sie wird auch heute noch von Kunsthistorikern vertreten, vom Louvre allerdings abgelehnt.

Italienische Kunsthistoriker vermuten, dass ein Mann für Leonardo da Vincis berühmtes Bild der „Mona Lisa“ Modell gesessen hat. Wahrscheinlich habe es sich dabei um den Schüler und mutmaßlichen Geliebten des Künstlers, Gian Giacomo Caprotti alias Salai, gehandelt, sagte der Vorsitzende des italienischen Komitees für das kulturelle Erbe des Landes, Silvano Vinceti.

Vergleiche der Gesichtszüge der „Mona Lisa“ mit weiteren Gemälden Da Vincis wie etwa „Johannes der Täufer“ oder „Der fleischgewordene Engel“ offenbarten Ähnlichkeiten in den Nasen- und Mundpartien, die vermutlich Salai nachempfunden seien. Zudem habe der Künstler in die Augen der „Mona Lisa“ die Buchstaben „L“ wie Leonardo und „S“ wie Salai gemalt, sagte Vinceti.

Artikel auf welt.de

Päderast und Mentor

Abschließen will ich mit ein paar spekulativen Gedanken zu einem weiteren Zitat Leonardo da Vincis:

Das ist ein armseliger Schüler, der seinen Lehrer nicht übertrifft.

Leonardo da Vinci

Ich glaube kaum, dass man Salai vorwerfen kann, das Genie Leonardo nicht übertroffen zu haben. Es scheint aber, dass Leonardo sich als Mentor verstanden hat. Als ein Lehrer, der sich wünscht und erwartet, von seinem Schüler übertroffen zu werden.

Für mich klingt darin deutlich das antike Ideal der Beziehung eines Päderasten zu seinem pais (Knaben). Nach dem Ende der eigentlichen päderastischen Beziehung schloß sich oft eine lebenslange Freundschaft an.

Die Beziehungen Leonardos zu Salai scheint von vielen Enttäuschungen und leidvollen Episoden geprägt gewesen zu sein, vom schlechten Verhalten und den Eskapaden des jungen Salai bis zum fehlenden künstlerischen Erfolg des älteren Salai, der als Maler wohl nur Mittelmaß blieb. Neben den überlieferten Enttäuschungen muss es auch schöne und kostbare gemeinsame Momente gegeben haben, denn sonst hätte die Liebe die Enttäuschungen nicht überlebt.

Leonardo hat die Beziehung zu Salai auch noch aufrecht erhalten, als Salai für ihn sexuell (wahrscheinlich) nicht mehr interessant gewesen ist und ihn sogar als Erben berücksichtigt. Für mich erscheint Leonardo damit als ein Päderast im klassischen Sinne, dem es wichtig war, auch über die päderastische Beziehungsphase hinaus mit dem geliebten Menschen eng verbunden zu bleiben.

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