Buchempfehlung: Sehr kleine Liebe

Ich habe mir schon lange vorgenommen, eine Empfehlung zu dem Buch „Sehr kleine Liebe“ von Ted van Lieshout zu schreiben.

Der Autor wurde 1955 geboren. Er studierte Kunst und Formgebung an einer renommierten niederländischen Kunst- und Designakademie und unterrichtete danach an der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten, der ältesten Kunstakademie der Niederlande. 1990 wurde er Vollzeit-Schriftsteller. Er ist vor allem für seine Gedichte und Kinderbücher bekannt.

Sein autobiographisches Buch Zeer kleine liefde (Sehr kleine Liebe) wurde 1999 veröffentlicht. Er gewann damit 2001 einen angesehen Kinderbuchpreis (Nienke van Hichtum-prijs). Die deutsche Fassung, die ich hier bespreche, erschien 2014. Es ist ein schmales Hardcover-Buch mit einigen berührenden Gedichten, gelungenen Illustrationen und dem Abdruck eines Briefwechsels. Wer das Buch kauft, bekommt für 15.90 € kaum 30 Seiten gedruckter Text .

Aber was für Seiten!

Wie bereits erwähnt, ist das Buch autobiographisch. Es behandelt ein heikles Thema auf feinfühlige und wahrhaftige Weise.

Im Alter von 11 bis 12 Jahren hatte Ted etwa ein Jahr lang eine sehr enge Beziehung zu einem Mann, bei der es auf Initiative des Mannes auch zu sexuellen Handlungen kam. Der Junge brach die Beziehung schließlich nach einem Vorfall, bei dem der Mann seine Grenzen überschritten hatte, ab. Er ging und kehrte nie zurück.

25 Jahre später erhielt er einen Entschuldigungsbrief des Mannes. Hier ein Auszug:

Hallo Ted,

es geschah vor 25 Jahren und trotz meiner Verdrängungsversuche konnte ich es nicht vergessen. (…) Etwas, das nie hätte stattfinden dürfen und wozu ich mich als erwachsene Mann nie hätte hinreißen lassen dürfen. Trotzdem ist es geschehen. Und die Gewissensbisse halten bis heute an. (…) Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dir Schaden zugefügt habe, vielleicht gar für den Rest deines Lebens, schmerzt mich am meisten. Aber ich kann, was geschehen ist, nicht mehr ungeschehen machen. Ich werde keinen Frieden in mir finden, wenn ich nicht wenigstens versuche, dich von meiner tief empfundenen Reue zu überzeugen. (…) Ich hoffe, du akzeptierst, dass ich dich auf diese Weise um Vergebung bitte für das, was ich dir damals angetan habe. (…)

Auf mich wirkt das selbstsüchtig. Es geht nicht um Wiedergutmachung, sondern darum, eine Last von den eigenen Schultern zu rollen. Der Brief ist eine Zumutung.

Allerdings kann man dem Verfasser vermutlich zugute halten, dass er eben tatsächlich bereut und dass ihn die Vergangenheit wirklich quält. Er hat seine Qualen vielleicht selbst verursacht, aber muss er deshalb zwingend ewig unter ihnen leiden?

Ich habe für Härte nichts übrig. Wenn die Menschen einander ein wenig gnädiger begegnen würden, wäre sehr viel gewonnen.

Da es in dieser Sache aber ohnehin nicht um mich geht, ist meine Meinung im Grunde bedeutungslos. Die Meinung, auf die es ankommt, ist die von Ted.

Hier ein längerer Auszug aus dem im Buch abgedruckten Antwortbrief:

Ich bin eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, Sie könnten vielleicht Gewissensbisse haben wegen dem, was damals geschehen ist. Im Lauf der Zeit habe ich eigentlich vermutet, ich müsse einer von Vielen gewesen sein. Ich fand eine einfache Erklärung für das, was mir widerfahren war: Ich war einem Kinderverführer über den Weg gelaufen. Aber ihrem Brief entnehme ich, dass ich der Einzige war: Wenn das stimmt, warum kam es dann dazu und warum mit mir? Ein Zufall war es nicht, denn alles zusammengenommen hat es über ein Jahr gedauert. Und es gab eine sorgfältige Orchestrierung, immer ging es einen kleinen Schritt weiter. Gerade durch das beständige Verschieben der Grenzen dachte ich, Sie wüssten aus Erfahrung genau, was Sie taten.

Ihr Brief weckt Fragen in mir, die ich für längst beantwortet hielt. Aber die Antworten stimmen offenbar nicht, und damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge.

Dass ich später nach anderen Erklärungen gesucht habe, hat damit zu tun, dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. Meine Erinnerung ist mittlerweile lückenhaft, das heißt, ich kann mich irren, aber meiner Meinung nach sind Sie an diesem letzten Nachmittag mit gewissen Handlungen zu weit gegangen. Ich habe mich dann rasch in die Toilette geflüchtet. Da bin ich eine Weile geblieben, habe anschließend auf Wiedersehen gesagt und bin gegangen. Für immer.

An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie.

Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte. Ihnen ist höchstens vorzuwerfen, dass sie, indem Sie Sex in unserer Beziehung zuließen, mir ein Problem aufgehalst haben, mit dem ich mir als Zwölfjähriger keinen Rat wusste. (…)

Klar sollte sein: Sie haben nicht etwas in mir aufgewühlt, das ich versucht hätte zu vergessen. Ich konnte und wollte es nicht vergessen. Ob ich dadurch einen Schaden davongetragen habe, lässt sich schwer sagen, aber wenn dem so ist, dann bedeutet das noch nicht, dass ich diesen Schaden rückgängig gemacht haben will. Alles, was mir widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, ist nun mal Teil meines Lebens und meiner Existenz, Teil der Person, die ich geworden bin – und das lasse ich mir nicht mehr abnehmen.

Sehr schwierig an Ihrem Brief finde ich, dass bei Ihnen das Schuldgefühl im Vordergrund steht und alles andere in den Hintergrund drängt. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. Genau das aber ist es, worum Sie mich bitten.

Natürlich bin ich im Lauf der Zeit zu der Einsicht gelangt, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird, sicher sobald Sex im Spiel ist. So habe ich meinen Standpunkt teilweise der allgemeinen Haltung der Gesellschaft angepasst. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist prinzipiell abzulehnen, weil nicht einzuschätzen ist, was der Schaden für das Kind ist oder sein wird.

Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, auch wenn ich mir im Nachhinein durchaus bewusst ist, dass gerade ihre Zuwendung (eine Hand wäscht die andere) mich auch dann nachgiebig gemacht hat, wenn Sie wieder einen Schritt weiter mit mir wollten. Aber deswegen jetzt Ärger zu machen finde ich übertrieben. Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. Sie sollten nicht erfahren, dass ich, schon bevor Sie damit anfingen, durchaus wusste, was Sex war: Ich hätte Sie auch ohne Weiteres wegschieben können oder aufstehen und nach Hause gehen, aber um das zu tun war ich viel zu neugierig – und ich durfte neugierig sein auf Liebe und Sex. Mich trifft also ebenfalls kein Tadel.

Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…)

Mit fast 15 Jahren habe ich meiner Mutter erzählt, dass es während meiner Besuche bei Ihnen zu gewissen Dingen gekommen war. Der einzige Grund dafür war, dass sie mich in die Enge getrieben hatte, aber zum Glück brauchte ich nicht ins Detail gehen, denn meine Mutter glaubte mir sofort. Sie hatte nämlich schon immer etwas vermutet, aber nie irgendeinen Beweis gefunden.

Ihre Reaktion erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. Ich glaube, sie verstand, dass sie sich zwar an Ihnen hätte rächen können, aber nicht, ohne mich von lästigen Beamten in die Mangel nehmen zu lassen. Ich machte mir deshalb ebenfalls Sorgen, aber vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. Und das habe ich getan. (…)

Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten. Ungeachtet des Ausgangs. (…)

Dass Sie nur zerknirscht zurückblicken können, finde ich schade. Schlimmer: eine Leugnung des Schönen, das es gab. (…) Aber einmal damit konfrontiert, kann ich nicht anders, als Sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu vergeben, in der Hoffnung, dass dabei Raum entsteht anzuerkennen, dass Ihre damaligen Gefühle aufrichtig waren und dass ein kleiner Fehler aus Liebe (oder wie man es auch nennen mag) weniger zuzurechnen ist und keinesfalls 25 Jahre lang nachgetragen werden darf.

Dieser Tage wurde ich mit der Nase auf die Tatsachen gestoßen. Was war, ist immer noch da. Bei Ihnen offenbar auch noch, in Anbetracht Ihres Briefes, allerdings überschattet von „Selbstbestrafung“. Es ist etwas Unerledigtes, das nicht auf die Distanz mit ein paar Briefen abgehandelt oder geradegerückt werden kann. Ich denke, es ist wichtig, uns 25 Jahre später nochmals zu treffen. Mögen Sie darüber einmal nachdenken?

Mit herzlichem Gruß, Ted

Leider ist es zu dieser Begegnung nicht gekommen. Der Brief wurde (durchaus angemessen) beantwortet und das Treffen zugesagt, aber für eine unbestimmte Zukunft, da Teds ehemaliger Freund glaubte, zuvor noch weitere innere Verarbeitungsarbeit leisten zu müssen. Zugleich bat er auch darum, nicht mehr angeschrieben zu werden. Er war verheiratet und fürchtete, seine Frau würde die Briefe entdecken. Er versprach, sich telefonisch melden, wenn er soweit sei. Aber er tat es nie. Vielleicht war er nie soweit. Vielleicht ist er gestorben. Aber am Ende bleibt leider etwas Unerledigtes, das hätte erledigt werden können und müssen.

Es gibt einiges, was mich an dem im Buch „Herr M.“ genanten Mann stört. Da sind seine Selbstkasteiungen und die fehlende Würdigung der schönen gemeinsamen Momente. Da ist der erste Brief, bei dem es mehr um Entlastung für sich selbst geht, als um Wiedergutmachung für den einst geliebten Jungen.

Da ist das zu weit gehen, das nicht näher beschrieben ist, aber das vielleicht noch verzeihlich sein könnte. Schwerer verzeihlich scheint mir, dass Herr M. damals anscheinend nicht realisiert hat, dass er zu weit gegangen ist und sich nicht gekümmert hat, als Ted sich in die Toilette flüchtete und dort eine Weile nicht herauskam. Das empfinde ich als schweres Versagen.

Als ähnlich schweres Versagen empfinde ich, dass er das persönliche Treffen nicht ermöglicht hat, das eigentlich für beide hätte heilsam sein können. Aus meiner Sicht hatte Ted ein Anspruch darauf. Herr M. hat eine wichtige Chance verpasst, etwas gut zu machen.

Aber das Buch ist nun mal autobiographisch. Es erzählt keine Geschichte, sondern das Leben. Und das ist voll von unvollkommenem Menschen, die sich so gut durch das Leben schlagen, wie sie es gerade können. Liebe bekommt man immer nur von Menschen – Wesen mit Mängeln.

Liebe und Zuneigung entschuldigt viel und ich bin mir aufgrund der Schilderung der Beziehung aus Sicht des Jungen (bzw. aus der Sicht des Erwachsenen, der sich daran erinnert, dass er geliebt wurde und geliebt hat) sehr sicher, dass die Liebe und Zuneigung von Herrn M. echt war.

Die erotische Anziehung war nur das Fundament, ohne das es zwar kein Haus gibt, das aber für sich genommen nicht wärmt und nicht schützt, wie es die Beziehung schafft, die man sich auf dem Fundament zusammen aufbaut.

Der erwachsene Ted kam zu der Schlussfolgerung, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird. Ich halte das für einen Irrtum. Problematisch ist nicht ein Machtgefälle, sondern der Missbrauch von Macht. Bei aller berechtigten Kritik an Herrn M.: er hat Ted geliebt und Ted fühlte sich geliebt. Es gab in dieser Beziehung Fehler (wie in jeder anderen auch), aber keinen Missbrauch von Macht.

Ted hat aber Recht, wenn er in seiner Rückschau glaubt, dass ihm durch den sexuellen Teil der Beziehung etwas zugemutet wurde, bzw. dass er einem Risiko ausgesetzt wurde.

Die wahre Geschichte, von der das Buch erzählt, zeigt überdeutlich, dass mit der Kriminalisierung der Liebe von Erwachsenen zu Kindern auch eine Pathologisierung der Kinder verbunden ist, die sich geliebt fühlen, die aber in der Gesellschaft nichts anderes sein dürfen als Opfer.

Für die Legitimität einer Beziehung sollte es keinen anderen relevanten Maßstab geben, als das beide Beziehungspartner in und mit der Beziehung glücklich sind. Aber man muss sich auch der Realität stellen, dass die Gesellschaft andere Maßstäbe anlegt.

Ich glaube keineswegs, dass jeder sexuelle Kontakt eines Erwachsenen mit einem Kind Missbrauch (im Sinne von sexueller Gewalt) ist. Für mich hat Missbrauch nichts mit Alter oder Geschlecht zu tun, sondern liegt dann vor, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt.

Trotzdem kann ich wenig entgegensetzen, wenn Ted van Lieshout in seinem Buch fordert, dass ein Erwachsener einem Kind einen sexuellen Kontakt nicht zumuten darf, da „daraus viel Schaden entstehen kann“. Ich glaube zwar, dass der Schaden vor allem durch die Tabuisierung und Skandalisierung entsteht und durch das Schweigegebot, das auf der Beziehung lastet, aber das macht den möglichen Schaden nicht weniger real.

Das Urteil des erwachsenen Ted bleibt ambivalent.

Einerseits hält er seinem älteren Freund seine Verantwortung vor („Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten.“).

Andererseits entschuldigt er ihn auch und weist die eigentliche Verantwortung der Gesellschaft zu („Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.“).

Die Schlussfolgerung kann sein, dass willentlich einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell anzulehnen ist, weil die Gefahr von Sekundärtraumatisierungen (durch Umweltreaktionen und Angst vor Umweltreaktionen) nicht beherrschbar ist.

Die Schlussfolgerung kann aber auch sein, dass die Ächtung von willentlich einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell abzulehnen ist, weil sie eine für sich genommen positive Erfahrung potentiell in ein Trauma verkehrt und betroffenen Kindern dadurch schadet.

Ich glaube nicht, dass man sich für eine der beiden Schlussfolgerungen entscheiden muss. Beide haben eine Berechtigung.

Ich habe schon verschiedentlich eingestanden, dass ich mich nach einer Beziehung sehne, wie sie zwischen dem Jungen Ted und seinem Herrn M. anscheinend existierte. Ich wünsche mir, dass irgendwann einmal ein Junge das für mich empfindet, was Ted so beschreibt:

(…) damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge. (…) Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. (…) Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, (….) Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. (…) vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. (…)

Aber man darf deshalb nicht außer Acht lassen, dass Ted unter den Beziehungsfolgen auch gelitten hat. Es graust mir davor, dass ein Junge einmal meinetwegen Nöte durchleiden könnte, wie sie Ted hier beschreibt:

(…) dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. (…) An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, (…) Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie. (…) Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…) Ihre Reaktion [die der Mutter] erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. (…)

Ich muss mir zwar nicht vorhalten lassen, in einer ähnlichen Situation die selben Fehler wie Herr M. zu begehen, aber realistisch betrachtet bin ich als Mensch ein Wesen mit Mängeln und mache meine eigenen Fehler. Es wäre Hybris zu behaupten, dass mir etwas anderes, in der Wirkung auf einen geliebten Menschen vergleichbares, nicht passieren könnte.

Was vielleicht noch schlimmer ist: Ted hätte auch dann gelitten, wenn man die offensichtlichen Fehler von Herrn M. von der Beziehung abzieht. Die Schuldgefühle wegen Kirche und Gesellschaft, die Angst, sich von Klassenkameraden zu isolieren, der Schrecken als die Mutter von der Beziehung erfuhr, das belastende Geheimnis. Alle diese Aspekte hätte es auch dann gegeben, wenn Herr M. nicht zu weit gegangen wäre oder zumindest seinen Fehler erkannt und sich unmittelbar entschuldigt hätte.

So sehr ich mir wünsche, einen anderen Mensch glücklich zu machen und eine „ideale Beziehung“ mit ihm zu leben, so sehr graut es mir davor, einem geliebten Menschen Jahre der Schuld- und Schamgefühle aufzubürden, die es ohne mich nicht gegeben hätte.

Die autobiographische Geschichte von Ted konfrontiert mit einer Wirklichkeit, in der eine echte und warme Liebe für den Jungen gleichzeitig Segen und Zumutung ist. Der Segen kommt aus der Beziehung, die Zumutung aus der Gesellschaft.

Ohne die Ächtung durch die Gesellschaft hätte nicht nur Ted ein viel besseres Leben gehabt, sondern auch sein Herr M., der sich jahrzehntelang mit Selbstvorwürfen kasteit hat. Nicht nur Ted, sondern auch Herr M. wurde Opfer der Gesellschaft.

Aber wenn ich ehrlich bleiben will, kann ich mir nicht nur den Teil der Wahrheit heraussuchen, der mir aus persönlichen Motiven in den Kram passt. Die Gefahr einer Sekundärtraumatisierung durch eine eigentlich positiv erlebte Beziehung ist real und letztlich nicht beherrschbar.

Hinzu kommt: eine sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen ist kein notwendiger oder gar zwingend positiver Entwicklungsschritt für einen Jungen (oder ein Mädchen). Mit welchem Recht, darf man einem Jungen eine solche, auch sexuelle Beziehung dann zumuten?

Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so sehr auf meine Meinung und meine Zweifel an.

Die Person, um die es wirklich geht, deren Meinung maßgeblich ist, ist der Junge. Nicht ich und auch nicht der hypothetische, noch gar nicht existierende Erwachsene, dem man unterstellt, dass er vielleicht irgendwann einmal ein Problem mit bestimmten Aspekten der Beziehung haben könnte.

Und deshalb hoffe ich weiter, dass mir irgendwann ein junger Mensch begegnet, der meine Bedenken mit einem Lächeln beiseite wischt und mir die Chance gibt, ihn glücklich zu machen und in seinem Glück auch mein eigenes zu finden.

Kindliche Unschuld: Fehlanzeige

Ein Mythos, der sich zäh hält, ist der von der angeblichen Unschuld der Kinder.

Kinder wirken niedlich (Kindchenschema) und sind schutzbedürftig, aber mit Unschuld sollte man das nicht verwechseln. Insbesondere sind Kinder nicht sexuell „unschuldig“, was aber eigentlich ohnehin schon unsinnig ist, weil Sexualität generell nichts mit Schuld zu tun hat.

Ich finde es verstörend, wenn einerseits mantrahaft die kindliche Unschuld betont wird, andererseits eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Herabsetzung der Strafmündigkeit befürwortet.

In einer Umfrage bei Stern.de vom Juli 2019 waren 83 Prozent für die Herabsetzung von 14 auf 12 Jahre und 12 Prozent dagegen (ca. 3.200 Teilnehmer). Bei einer Insa-Meinungstrend Umfrage aus dem selben Monat im Auftrag der „Bild“-Zeitung waren 57.9 Prozent für eine Herabsetzung, 25.8 Prozent dagegen.

Ich halte es da eher mit Prof. Dr. Thomas Fischer, ehemaliger Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs:

Von allen Möglichkeiten und Vorschlägen, wie man mit problematischen, sozial randständigen, gefährdeten oder verwahrlosten kindlichen Grenzüberschreitern und Straftatverwirklichern umgehen kann oder soll, ist die Ausweitung des Strafrechts auf sie die sinnloseste, erbärmlichste und schädlichste.

Aus „Das Kind, der Verbrecher und die CSU“ bei Spiegel Online

Die Gleichzeitigkeit des Zelebrierens kindlicher Unschuld und der Propagierung einer Bestrafung verbrecherischer Kinder ist für mich schizophren.

Aber zurück zur Sexualität.

In Wissenschaftskreisen ist längst bekannt, dass es auch vorpubertär eine kindliche Sexualität gibt, die sich zwar von der Erwachsenen-Sexualität unterscheidet, aber deswegen nicht minder sexuell ist. In der Pubertät wird das sexuelle Erleben und Verhalten dann mit dem von Erwachsenen vergleichbar. Das sexuelle Interesse erreicht in der Pubertät sogar seinen Höhepunkt.

Schaut man in die üblichen Tabellen der Polizeilichen Kriminalstatistik, dann wirkt der Anteil kindlicher Tatverdächtiger an den verschiedenen Sexualstraftaten erst einmal nicht sehr hoch. In der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS 2019) findet man in der Statistik der Tatverdächtigen nach Alter und Geschlecht für den Sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) insgesamt 10.259 Tatverdächtige von denen 1.276 Kinder unter 14 Jahren waren.

Es gibt aber natürlich nicht so viele Kinder wie Erwachsene.

Wenn man die relative „Kriminalitätsneigung“ von Kindern im Vergleich zu der von Erwachsenen verstehen will, muss man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl heranziehen. Das ist eine kriminologische Häufigkeitsangabe und gibt die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles an. Kinder unter acht Jahren werden dabei nicht berücksichtigt. Die Tatverdächtigenbelastungszahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden.

Einen Einblick in die aktuellen Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) liefert die Statistik der Tatverdächtigenbelastung Deutsche nach Alter und Geschlecht der Kriminalstatistik 2019.

Ich habe aus den Angaben zu den verschiedenen Straftaten eine Auswahl getroffen und dabei zur besseren Übersichtlichkeit auf die Differenzierung der Täter nach Geschlecht verzichtet. Leider ist die Tabelle recht groß, so dass das Bild dazu hier nur sehr klein dargestellt wird. Um die Tabelle gut lesen zu können, muss man etwas heranzoomen.

Ausgewählte Straftaten PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Bei den den „Straftaten gesamt“, Körperverletzung, Diebstahl, Beleidigung und Sachbeschädigung usw. sieht man, dass Kinder schon ganz allgemein gesehen keineswegs „unschuldig“ sind. Sie kommen überall vor. In der Gruppe der 12 bis 13-jährigen liegt die Tatverdächtigenbelastungszahl außer bei Beleidigungen und fahrlässiger Körperverletzung sogar über dem Wert für die Gesamtbevölkerung.

Bei jüngeren Kinder sinken die Werte. Diesbezüglich sollte aber beachtet werden, dass strafrechtlich relevante Handlungen von Kindern oft nicht angezeigt werden, weil viele sich über die Straflosigkeit von Kindern aufgrund ihrer fehlenden Strafmündigkeit im Klaren sind. Bei einem 12 bis 13-jährigen kann man auf Anhieb nicht sicher erkennen, ob er vielleicht bereits strafmündig ist. Bei jüngeren Kindern gelingt dies schon eher.

Teilt man den Wert der Altersklasse z.B. bei der vorsätzlichen einfachen Körperverletung 381 pro 100.000 für die 12 bis 13-jährgen durch den Wert für die Gesamtbevölkerung von 331, dann erhält man ein Aktivitätsniveau der Alterklasse relativ zur Gesamtbevölkerung von 115%. Dieses Niveau habe ich für jede der Straftaten und Alterklassen errechnet.

Interessant finde ich zum Beispiel, dass Kinder relativ seltener bei fahrlässiger Körperverletzung auffällig werden (z.B. 48 % bei 12 bis 13-jährgen). Wenn man sich die absichtlichen (vorsätzlichen) Fälle anschaut, liegen die 12 bis 13-jährgen darüber (115%). Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung steigt das Niveau noch weiter an.

Ehe man nun mit der Verteuflung anfängt: sie liegen immer noch unterhalb des Niveaus aller Altersklassen darüber bis inklusive der 25 bis 30-jährigen.

Natürlich interessieren mich hier besonders die Werte aus dem Bereich der Sexualstraftaten. Hier eine entsprechende Übersicht zu ausgewählten Straftaten mit Sexualitätsbezug:

Ausgewählte Straftaten mit Sexualitätsbezug, PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Für den sexuellen Missbrauch von Kindern liegen das Aktivitätsniveau der 10 bis 11-jährigen bei 89% des durchschnittlichen Aktivitätsniveaus der Gesamtbevölkerung. Bei den 12 bis 13-jährigen liegt der Wert 328%, bei 14 bis 15-jährigen bei 646%, bei 17 bis 18-jährigen bei 434%. Danach geht der Wert dann für Heranwachsende auf 225% zurück und bleibt für höhere Altersklassen bei etwa 120%. Er sackt dann im Bereich der 50 bis 60-jährigen auf 59% und für die noch älteren auf 24% ab. Die Fallzahlen der 8 bis 9-jährigen (65%) liegt etwa auf dem Niveau der 50 bis 60-jährigen.

Eine ähnliche Beobachtung kann man auch bei den anderen Straftaten mit Sexualbezug ablesen. Im Grunde sieht man hier wohl vor allem, wie sich die Libido bzw. das sexuelle Interesse im Laufe des Lebens ändert.

Schaut man sich die Prozentzahlen an, kann man leicht erkennen, dass durch die Bank bei allen dargestellten Straftaten die höchste Aktivität bei den 12 bis 13-jährigen, den 14 bis 15-jährigen und den 16 bis 17-jährigen zu verzeichnen ist.

Mich verwundert das kein bisschen. Dieses Segment der Bevölkerung ist pubertäts-bedingt das sexuell aktivste und fällt deshalb natürlich auch am häufigsten auf.

Mit der sexuellen „Unschuld“ der Kinder ist es jedenfalls nicht weit her, auch nicht wenn man die offiziellen Zahlen zu den Tatverdächtigen-Statistiken des BKA heranzieht. Schon 10 bis 11-jährige sind da bereits nahe am Niveau der Gesamtbevölkerung. Danach kommt es zu einem fast schon exponentiellen wirkenden Anstieg des sexuellen Interesses und der „Auffälligkeiten“ mit Spitzenwerten bei den 14 bis 15-jährigen. Erst nach der Heranwachsendenphase (Altersklasse 18 bis 20) wird ein „Normallevel“ erreicht.

Schauen wir uns nun die Werte für Pornographiedelikte an:

Ausgewählte Straftaten mit Pornographiebezug, PKS 2019 (TVBZ und realtives Niveau nach Altersklasse)

Man kann erkennen, dass die Herstellung (!) von Kinder- und Jugendpornographie vor allem ein Kinder- und Jugendverbrechen ist. Wahrscheinlich handelt es sich überwiegend um „Selbstportraits“. Die Hürden sind denkbar niedrig. Mehr als sexuelles Interesse und ein Smartphone braucht es dazu nicht.

Die pädoaktivistische Seite Krumme13.org berichtete dazu bereits vor ein paar Tagen:

Auch in diesem Jahr wird an der polizeilichen Kriminalstatistik(PKS) wieder deutlich, dass auch immer mehr Kinder & Jugendliche von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen und verbreiten. Die Kriminalisierung der Kids schreitet weiter voran. Hausdurchsuchungen bei der Eltern sind stets die furchtbaren Folgen. Die Kids von heute sind keine sexuallosen Wesen, die nicht wissen, was sie wollen. Kinder, die von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen, können sich dabei nicht selbst vergewaltigen. Sie können dabei auch nicht an ihrem eigenen Körper sexuell übergriffig werden. Erst Recht gilt dies für Jugendliche.

Aus dem Artikel „Kriminalstatistik 2019 veröffentlicht

Die Herstellung von Kinderpornographie mit Verbreitungsabsicht (!) kommt bei 8 bis 9-jährigen 3,16-mal, bei den 10 bis 11-jährigen 5,14-mal, bei 12 bis 13-jährigen 14,53-mal (!) und bei 14 bis 15-jährigen 3,52-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Die Herstellung von Jugendpornographie mit Verbreitungsabsicht kommt bei 14 bis 15-jährigen fast 20-mal (!) und bei 16 bis 17-jährigen 9,32-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Auch Cybergrooming (vorherige Tabelle, dort die Zeile „Einwirken auf Kinder § 176 Abs. 4 Nr. 3 und 4 StG“) ist ganz entschieden vor allem eine Straftat von Kindern ab 12 (641%), Jugendlichen (960%) und Heranwachsenden (606%).

Ein paar Schlussfolgerungen dazu:

1) Die Gesetze, die Kinder und Jugendliche schützen sollen, treffen Kinder und Jugendliche überproportional häufig.

Aus meiner Sicht, bedeutet das nicht, dass man spezielle Straf- und Erziehungskonzepte für auffällig gewordene Kinder und Jugendliche benötigt, sondern dass kinder- und jugendtypisches Verhalten, das nicht strafwürdig ist, nach aktuellem Gesetz unter Strafandrohung steht. Hier gibt es Korrekturbedarf.

Die Herstellung von kinder- oder jugendpornographischen Schriften sollte für Kinder und Jugendliche straffrei sein. Die eigene Verbreitung eines kinder- oder jugendpornographischen Selbstportraits sollte ebenfalls von Strafe befreit sein.

Bei sexuellem Missbrauch von Kindern (inkl. Cybergrooming) sollte es eine Altersdistanzklausel von drei oder vier Jahren geben, die bewirkt, dass sich zum Beispiel ein 14-jähriger, der einvernehmlichen Sex mit einem 12-jährigen hat, nicht mehr strafbar macht.

2) Schon 12 bis 13-jährige haben ganz offensichtlich regelmäßig ein intensives sexuelles Interesse.

Wer sich für etwas interessiert, ist typischerweise entwicklungsgemäß auch reif genug, um auf dem betreffenden Gebiet Erfahrungen zu sammeln. Das Lebensrisiko, dass dabei nicht jede Erfahrung zwingend positiv sein muss, muss man in diesem Fall hinnehmen.

Kinder haben Rechte und zu diesen Rechten gehört auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung also das Recht „ja“ oder „nein“ zu sagen. Eine Verkürzung auf das Recht, „nein“ zu sagen, ist für jemanden, der sich bereits intrinsisch motiviert für sexuelle Handlungen interessiert, nicht hinnehmbar.

Eine Anerkennung des Rechts des Kindes, „ja“ zu sagen, bedeutet dabei noch nicht, dass man willentlich einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen deshalb zwingend legalisieren muss. Es gibt schließlich zwei Beteiligte und es ist möglich, eine Pflicht des Erwachsenen zu postulieren, in diesem Fall „nein“ zu sagen, auch wenn er eigentlich gerne „ja“ sagen würde.

Die Pflicht, auf ein „ja“ mit einem „nein“ zu antworten, wäre dann aber ein schwerwiegender Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung des Erwachsenen UND des Kindes. Er müsste daher sehr gut begründet sein. Es müsste dafür wissenschaftlich nachweisbar sein, dass ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt eines Kindes mit einem Erwachsenen ein Kind mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit belastet, als ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt mit einem anderen Kind.

Eine Pflicht, eines Kindes (oder eines beinahe-Kindes) auf ein „ja“ eines anderen Kindes mit einem „nein“ zu antworten, kann es dagegen nicht geben. Einem Erwachenden gegenüber mag das bei guter sachlicher Begründung noch zumutbar sein. Dieselbe Anforderung an ein Kind zu stellen, wäre unverhältnismäßig.

Zumindest die Schutzwirkung einer tatbestandsauschließenden Alterdistanzklausel ist daher überfällig. In Österreich und der Schweiz gibt es bereits entsprechende Regelungen. Deutschland sollte nachziehen.

Beispiel für eine solche Klausel (aus Artikel 187 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs):

Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.

3) Wenn Kinder offensichtlich mit 10 und 11 Jahren schon annähernd auf dem sexuellen „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung liegen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 95%) und Kinder von 12 und 13 Jahren das „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung deutlich übertreffen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 579%), dann erscheint das aktuelle, starre Schutzalter von 14 Jahren als zu hoch.

Das mit dem Schutzalter geschützte Rechtsgut ist die „von vorzeitigen sexuellen Erlebnissen ungestörte Gesamtentwicklung des Kindes“.

Vorzeitig ist, was von außen aufgedrängt wird, bevor es ein eigenständiges intrinsisches sexuelles Interesse gibt. Hiervon kann spätestens in der Altersklasse der 12 bis 13-jährigen wohl keine Rede mehr sein.

Wer aus „entwicklungspsychologischen Gründen“ dennoch eine erst spätere sexuelle Reife postuliert, die das Kind erst später zur Ausübung seines sexuellen Selbstbestimmungsrechts befähigt, muss es aushalten, wenn wissenschaftliche Beweise für seine These verlangt werden. Eine lediglich von Moralvorstellungen getragene Meinung oder Theorie reicht zur Rechtfertigung eines schwerwiegenden Grundrechtseingriffs nicht aus.

Gute Frage … (sichtbar sein – aber wo?)

Vorurteile überleben nicht immer die Begegnung mit der Wirklichkeit.

Einem Muslim, einem Asylanten, einem Homosexuellen oder einem Transsexuellen kann man im wirklichen Leben begegnen. Und dann stellt man vielleicht fest, dass die Person nicht oder jedenfalls nicht so ganz in das Bild passt, das man sich von ihr gemacht hat. Sie ist dann eben die Ausnahme. Das ändert nichts am Vorurteil, weicht es aber vielleicht doch ein wenig auf.

Wenn man dann der dritten, fünften oder zehnten Ausnahme begegnet ist, wird das eigene Erleben langsam wichtiger als das fremdvermittelte Bild an dem man sich bis dahin orientiert hat. Und wenn man genug Menschen kennenlernt hat, bestehen gute Chancen, dass sich die eigene Erfahrung der Wirklichkeit annähert.

Das vermittelte Bild vom Pädophilen ist der gewalttätige oder manipulative in jedem Fall aber egoistische, triebhafte und böse Kinderschänder. Pädophile und vermeintliche Pädophile „kennt“ man nur aus Nachrichten über Missbrauchstaten und die Massenmarkt-taugliche Verarbeitung in Krimisendungen. Das Bild speist sich also vor allem aus echten und erfundenen Verbrechen gegen Kinder, die nicht notwendigerweise von Pädophilen begangen wurden, ihnen in der Regel aber zugeschrieben werden. Die Mehrzahl der Täter sind in Wirklichkeit Ersatztäter.

Entkräftet werden kann dieses Bild nicht. Man begegnet ja keinen Pädophilen. Oder richtiger: man begegnet zwar Pädophilen, erkennt sie aber nicht als solche. Man kann schließlich niemandem die Pädophilie an der Nasenspitze ansehen und Pädophilie ist so stark geächtet, dass niemand sich freiwillig dem Risiko aussetzt, sich als Pädo zu erkennen zu geben.

Orte, wo man Pädophilen zumindest virtuell begegnen könnte, etwa auf Selbsthilfeforen wie dem Jungsforum, auf Seiten von Aktivisten wie K13 Online oder auf meinem Blog, ziehen Normsexuelle nicht an und die meisten, die zufällig darauf stoßen, wenden sich sofort wieder ab, ohne sich mit dem Vorgefundenen auseinander gesetzt zu haben.

Einerseits empfinden viele Normsexuelle diese sexuelle Orientierung als abstoßend, andererseits kann die Befürchtung aufkommen, dass man allein durch den zufälligen Besuch einer pädophilen bzw. pädofreundlichen Webseite selbst in den Verdacht geraten könnte, pädophil zu sein – und aufgrund dieses Verdachts geächtet zu werden oder Besuch von der Polizei zu bekommen.

Auch bei frei zugänglichen und inhaltlich völlig legalen Angeboten beschränkt sich die Leserschaft pädophiler Internetseiten daher im Wesentlichen auf Pädophile.

Wenn man als Pädophiler trotzdem ein wenig an den Vorurteilen rütteln will, bedeutet das meines Erachtens, dass man dahin muss, wo man vor allem Normsexuelle erreicht und wo man sich pseudonym als Pädo outen kann, ohne dass man deshalb rausgeschmissen oder geblockt wird.

Wohin könnte man da gehen? Gute Frage …

Die Antwort – jedenfalls eine mögliche Antwort – ist gutefrage.net.

gutefrage.net (Eigenschreibweise: gutefrage) ist eine digitale Frage-Antwort-Community, nach Zahlen die größte ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Ziel der Plattform ist es, praktische Ratschläge, persönliche Erfahrungen, Wissen und Meinungen kostenfrei zwischen den Nutzern zu vermitteln. Der Austausch auf gutefrage.net ist, sofern gesetzeskonform, nicht themenlimitiert und kann entsprechend zu allen Bereichen des täglichen Lebens stattfinden. (…)

Die Internetplattform dient Fragestellern dazu, von anderen Nutzern Antworten auf individuelle Fragen zu erhalten. Diese können nach einem persönlichen Rat oder einer persönlichen Erfahrung fragen, Diskussionen anstoßen oder lexikalischen Charakter haben. Sowohl Fragen als auch Antworten lassen sich nach einer Registrierung unlimitiert einstellen.

Die Vergabe von Themen/Schlagworten (Social Tagging) erleichtert das Auffinden von Fragen und Antworten. Registrierte Nutzer können einzelne Themen abonnieren und somit Fragen zu diesen Themen per Mail sowie in ihrem persönlichen Fragen-Feed erhalten.

Als Content Farm besteht der Inhalt der Seite größtenteils aus User-Generated-Content. Beiträge der Nutzer werden dabei durch ein internes System der Punktevergabe (Gamification) belohnt, welches auf Bewertungen durch andere Nutzer beruht. (…)

Neben der Contentproduktion haben die Nutzer die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen, über private Nachrichten zu kommunizieren und Beiträge aller Art zu bewerten. Fragesteller haben zudem die Option, unter den Antworten auf ihre Frage die hilfreichste auszuzeichnen. (…)

Auf gutefrage.net wird nach formalen Richtlinien moderiert. Eine inhaltliche Moderation findet mit wenigen Ausnahmen nicht statt.

Aus dem Wikipedia-Artikel Gutefrage.net

Ich habe mich vor etwas über einem Jahr auf Gutefrage.net als Schneeprinz angemeldet (Schneeschnuppe war leider nicht verfügbar). Bisher habe ich 67 Antworten eingestellt, überwiegend zu den Themenbereichen Pädophile und Kindesmissbrauch. Zum Teil habe ich dabei auch Abschnitte aus Blogartikeln wiederverwendet oder auf Blogartikel verlinkt. Im Unterschied zum Blog sind meine Leser dort aber ganz überwiegend Normsexuelle.

Hier ein paar aktuelle Beispiele:

Frage von DasPferdechen:

Was sagst du zu dieser Aussage (Pädophilie)?

„Da es Kinder gibt, die durch sexuelle Handlungen mit Erwachsenen gar nicht schwer traumatisiert werden, sollte Sex mit Kindern grundsätzlich legalisiert werden. Sexueller Missbrauch soll aber trotzdem verboten bleiben.“

Ich persönlich bin absolut gegen diese Aussage aus verschiedenen Gründen und würde gerne eure Argumentation dazu hören.

Meine Antwort dazu (85 mal gelesen, von 5 Personen als „hilfreich“ markiert und 2 mal mit einem „Danke“ bedacht):

Für mich wäre das wesentliche, dass sexueller Missbrauch weiterhin strafbar bleibt.

Wenn es keinen sexuellen Missbrauch gab (also: willentliches Einverständnis, keine Gewalt, keine Nötigung, keine Drohungen, keine Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, kein Inzest) und keine Schädigung erkennbar ist (keine Traumatisierung) wäre der Resttatbestand aus meiner Sicht nicht strafwürdig.

Es stellt sich für mich dann die Frage, ob in Hinblick auf den Resttatbestand überhaupt noch ein legitimer Schutzzweck erfüllt wird. Moralvorstellungen haben im Sexualstrafrecht eigentlich nichts verloren. Es geht um den Schutz von Rechtsgütern vor einer Beeinträchtigung (sexuelle Selbstbestimmung) und vor einer Gefährdung (Ungestörte sexuelle Entwicklung).

Bei Fehlen von Missbrauchstatbeständen UND willentlichem Einverständnis UND Abwesenheit von Beeinträchtigungen / Schäden kann man von einem Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht mehr reden. Allerdings kann man durch die Tat eine abstrakte Gefährdung der sexuellen Entwicklung annehmen, die dann strafbar sein kann, ohne dass sich die Gefährdung tatsächlich realisieren muss.

Dem steht entgegen, dass durch ein lediglich auf abstrakten Gefährungsüberlegungen beruhendes Verbot die sexuelle Selbstbestimmung des Kindes eingeschränkt wird. Wenn Kinder Rechte haben (was ja neuerdings durch Politiker aller Parteien überwiegend bejaht wird), dann muss man diese Rechte auch ernst nehmen und eine Ausübung der Rechte akzeptieren, die einem nicht in de kram passt und die man anstößig findet.

Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn es mehr Forschungen zu den Wirkung (auch Spätwirkungen) von sexuellen Kontakten gäbe. Dies ist bereits wichtig, um die bestmögliche Behandlung von Schäden bzw. Versorgung von Opfern zu gewährleisten, sollte aber auch Erkenntnisse in Hinblick auf die Haltbarkeit des abstrakten Gefährungstatbestandes liefern.

In anderen Bereichen haben sich vermutete (oder vorgeschobene) abstrakte Gefährdungen bereits als wissenschaftlich haltlos erwiesen (Verführungstheorie zur Homosexualität). Das bedeutet nicht, dass er sich an anderer Stelle zwangsläufig ebenfalls als haltlos erweisen muss. Wenn man hierzu wissenschaftliche Erkenntnisse hätte, wäre das aber durchaus bedeutsam, auch für die strafrechtliche Würdigung.

Wenn man die Existenz nicht oder weniger strafwürdiger Fälle bejaht, wäre es meines Erachtens sinnvoll, zur Vermeidung unbilliger Härte z.B. einen „minder schweren Fall“ einzuführen.

Wenn z.B. Staatsanwalt und Richter der Auffassung sind, dass es zwischen den Beteiligten ein Liebesverhältnis gab, macht die Bestrafung aus meiner Sicht keinen Sinn und ist sogar schädlich.

Wenn man meint, dass es solche Fälle ohnehin nicht gibt, kann man die Möglichkeit von einer Bestrafung in diesem Fall abzusehen, zulassen, da sie in der Praxis ohnehin nie greifen würde also auch niemandem den Schutz entzieht.

Wenn man es für möglich hält, dass es solche Fälle tatsächlich gibt, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man dieser Wirklichkeit besser gerecht werden kann als es mit dem heutigen Strafrecht möglich ist.

Disclaimer

Ich bin pädophil, bzw. päderastisch veranlagt und fühle mich zu Jungen im Alter von ca. 10 bis 14 Jahren hingezogen. Ich bin weder übergriffig geworden, noch sehe ich die Gefahr einmal übergriffig zu werden.

Wenn jemand meint, dass meine Gedanken bereits dadurch entwertet werden, dass man mir ein Eigeninteresse unterstellt, muss ich das in Kauf nehmen.

Ich hoffe, dass es trotzdem möglich ist, die Argumente zum Thema sachlich abzuwägen und zu diskutieren. Es kommt nicht darauf an, was ich mir vielleicht wünsche oder was ein anderer ekelig und unmoralisch findet, sondern darauf, wie man den Menschen am besten gerecht wird.

Als weiteres Beispiel eine Frage von Alien94:

Sexueller Missbrauch, Schutzalter und Psychologie?

TRIGGERWARNUNG: Wer selbst Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste, muss damit rechnen, dass es in der Frage Trigger gibt.

Laut 176 StGB liegt das Schutzalter in Deutschland bei 14 Jahren. Jetzt kann man sich freilich fragen, ob dieses spezielle Alter auf einer wissenschaftlichen Basis fußt.

Gibt es psychologische Studien, die sich mit der Frage nach dem „richtigen“ Schutzalter befassen? Falls ja, bitte einen Link oder eine Buchquelle etc. posten, falls es sowas gibt 🙂

Vielleicht auch nur indirekt? Dass z.B. untersucht wird, wie schlimm die psychischen Folgen in Relation zum Alter sind. In Relation zum Verhältnis zum Täter. Zu Persönlichkeitseigenschaften des Opfers. Zum Umfeld des Opfers.

Denn ich als Laie kann mir nur schwer erklären, wieso die Unterschiede in den Folgen für die Opfer so unterschiedlich sind. Im Grenzbereich unseres Schutzalters (12-15) fällt es mir aus ethischer (nicht: rechtlicher) Sicht oft schwer zu sagen, ob das jetzt ein Missbrauch war oder nicht. Im Grenzbereich verschwimmt alles.

Da wäre halt die Psychologie am Zug, um auf wissenschaftlicher Basis festzustellen, unter welchen Konstellationen Traumata entstehen und unter welchen nicht.

Je nach Ergebnis sollte das Schutzalter erhöht, gesenkt oder flexibilisiert werden. Das gleiche gilt für das Strafmaß.

Ich hoffe, es wird deutlich was ich meine.

Danke für eure Antworten 🙂

Meine Antwort dazu (196 mal gelesen, 2 mal „hilfreich“, 1 mal „Danke“, 26 Kommentare):

Es gibt eine Reihe von Studien, die nahelegen, dass es sich bei sexuellen Kontakten mit Minderjährigen nicht immer um sexuelle Gewalt handelt. Einige Beispiele:

1) Studie „Sexualität, Gewalt und psychische Folgen“, erschienen in der Forschungsreihe des BKA, Band 15, aus dem Jahr 1983, von Michael Baurmann

Die Studie ist sehr umfangreich und umfasst 791 Seiten. Das Literaturverzeichnis umfasst 52 Seiten mit ca. 500 Autoren und Quellenangaben. Die eigentliche Studie besteht aus einer viktimologischen Untersuchung von 8.058 Opfern von Sexualdelikten. Ausgangspunkt der viktimologischen Untersuchung war eine vierjährige Fragebogenaktion (1969-1972) bei nahezu allen Sexualopfern, die im Bundesland Niedersachsen bei der Polizei bekannt wurden.

Ich habe diese Studie hier besprochen und umfangreich daraus zitiert.

2) Studie „The prevalence of unwanted and unlawful sexual experiences reportedby Danish adolescents: Results from a national youth survey in 2002“ (= Die Prävalenz unerwünschter und ungesetzlicher sexueller Erfahrungen, die von dänischen Jugendlichen gemeldet werden: Ergebnisse einer nationalen Jugendstudie aus dem Jahr 2002).

Die Studie basiert auf multimedialen, computergestützten, selbstverwalteten Fragebögen, die von einer nationalen, repräsentativen Stichprobe von 15- bis 16-Jährigen ausgefüllt wurden (5.829 Teilnehmer).

Ich habe diese Studie hier besprochen.

Link zur Studie im Volltext.

3) „A meta‐analytic review of findings from nationalsamples on psychological correlates of child sexualabuse“ von Rind, Tromovitch (1997)

Metaanalyse von 7 nationalen Studien mit insgesamt 8.500 Teilnehmern. Auf der Grundlage der Ergebnisse kamen die Autooren zu dem Schluss, dass der allgemeine Konsens, der Kindesmissbrauch mit intensivem, allgegenwärtigem Schaden und langfristiger Fehlanpassung in Verbindung bringt, falsch ist.

Link zur Studie im Volltext.

4) Meta-Analyse von Rind, Tromovitch, Bauserman „A Meta-Analytic Examination of Assumed Properties of Child SexualAbuse Using College Samples“ (1998)

Metaanalyse von 59 Studien (36 veröffentlichte Studien, 21 unveröffentlichte Doktorarbeiten und 2 unveröffentlichte Masterarbeiten) mit einer Gesamtstichprobengröße von 35.703 Hochschulstudenten (13.704 Männer und 21.999 Frauen).

Die Ergebnisse der Meta-Analyse zeigten, dass Studenten, die Kindesmissbrauch erlebt hatten, im Vergleich zu anderen Studenten, die keinen Kindesmissbrauch erlebt hatten, etwas weniger gut angepasst waren, aber dass das familiäre Umfeld einen bedeutenden Störparameter (Confounder) darstellte, der für den Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und Schaden verantwortlich sein könnte. Intensive, allgegenwärtige Schäden und langfristige Fehlanpassung waren in den meisten Studien eher auf Störparameter (Confounder) als auf den sexuellen Missbrauch selbst zurückzuführen (obwohl Ausnahmen für Missbrauch mit Gewalt oder Inzest festgestellt wurden).

Link zur Studie im Voltext.

5) „Reactions to First Postpubertal Male Same-Sex Sexual Experience in the Kinsey Sample: A Comparison of Minors With Peers, Minors With Adults, and Adults With Adults“ von Rind und Welter (2016)

Link zur Studie im Volltext

Grundlage der Studie ist der Original-Datensatz mit allen befragten Jungen und Männern der Kinsey-Studie (ohne die Gefängnisinsassen, 6.621 Personen). Davon wurden all jene 1.094 Personen berücksichtigt, für die Daten zur ersten postpubertären gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrung und dem Alter des Partners vorlagen.

Als postpubertär wurden jene Menschen angesehen, die bereits ihre erste Ejakulation hatten. Das Durchschnittsalter bei der Pubertät betrug 12.62 Jahre und reichte von 8 bis 18 Jahre.

Die Menschen wurden damals gefragt, ob sie ihre erste sexuelle Erfahrung genossen haben. Es gab diese Antwortmöglichkeiten: 1=nein, 2=ein bisschen, 3=etwas, 4=sehr („1=no; 2=little; 3=some; 4=much“).

Minderjährige unter 18 Jahren mit Erwachsenen (mittleres Alter: 14,0 bzw. 30,5 Jahre) reagierten häufig (70%) positiv (dh genossen die Erfahrung „sehr“) und selten (16%) emotional negativ (z. B. Angst, Ekel, Scham, Bedauern). Diese Quoten waren die gleichen wie bei Personen, die ihre erste gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrung als Erwachsene mit anderen Erwachsenen hatten (mittleres Alter: 21,2 bzw. 25,9): 68% positiv bzw. 16%. negativ.

Minderjährige mit Gleichaltrigen (mittleres Alter: 13,3 bzw. 13,8 Jahre) reagierten signifikant häufiger positiv (82%) und nominell weniger häufig negativ (9%).

Minderjährige mit Erwachsenen reagierten ebenso häufig (69%) positiv auf Geschlechtsverkehr (oral, anal) wie auf Outercourse (Körperkontakt, Masturbation, femoral) (72%) und reagierten emotional signifikant seltener negativ (9% gegenüber 25%).

Die Ergebnisse werden in Bezug auf den kulturellen Kontext diskutiert, der für Kinseys Zeit spezifisch ist.

6) Ich habe mich hier eingehend mit der Frage des „informed consent“ auseinandergesetzt.

Als letztes Beispiel eine Frage von Nico888235:

Pädophile oder zwangsgedanken??

Hallo, ich bin männlich 14 Jahre alt und habe seit 2 Monaten Angst Pädophile zu sein ich stand immer auf gleichaltrige oder ältere aber seit dem habe ich Angst das es nicht mehr so ist, wen ich ein Kind sehe ist es unangenehm ich finde es irgendwie ecklig, aber wen es mir gut geht sind die gedanken weg, ich habe mal ein porno angeschaut mit einer kleinen puppe kinder ähnlich um zu schauen ob mir das Gefällt und habe mich darauf befriedigt aber es war irgendwie unangenehm, und das hab ich nur einmal gemacht, bin ich jetzt Pädophile?

Meine Antwort (23 mal gelesen, 1 „hilfreich“, 1 Kommentar):

Da du bisher immer auf gleichaltrige oder ältere gestanden hast, halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass du pädophil bist. Normalerweise verschiebt sich die Alterspräferenz in der Pubertät nicht mehr nach unten. Sie bleibt wo sie ist oder wächst noch ein bischen mit.

So wie ich es verstehe hast du vor einiger Zeit eine sexuelle Erregung an dir bemerkt, die für dich nun auf eine pädophile Neigung hindeutet und dich in Angst und Schrecken versetzt.

Nur weil dich etwas erregt hat, sagt das nichts über deine primäre sexuelle Neigung aus. Vor allem ist Sexualität nicht binär. Man kann z.B. auch 90% heterosexuell sein und ganz selten (10%) doch einmal auf einen Mann / Jungen anspringen. Deswegen ist man dann nicht homosexuell. Man hat vielleicht eine homosexuelle Nebenader, aber das ändert dann nichts daran, dass man dann immer noch primär an weiblichen Wesen interessiert ist.

So ähnlich ist es auch mit dem Alter bzw. der sexuellen Alterspräferenz. Er gibt keine Männer, die sich erst punktgenau ab dem 18. Geburtstag für eine Frau interessieren. Die Augen sehen ja nicht zuerst den Pass.

Im Prinzip liegt unterliegt die altersmäßige Anziehung einer Normalverteilung. Wo der Höhepunkt der Kurve ist, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er könnte Beispielsweise bei 20 Jahren liegen und 15 bis 25 wäre dann so etwas wie der Kernbereich der Alterspräferenz. Aber auch jüngere wären dann noch prinzipiell anziehend, selbst wenn sie nicht mehr im primären anziehenden Bereich liegen. Hinzu kommt: ältere machen sich jünger (auch 40jährige Frauen versuchen noch mit Kosmetiktricks als 25 durchzugehen) und jüngere machen sich älter (weil sie als erwachsen und reif gelten wollen) und ziehen sich erwachsen an, schminken sich etc.

Dass Männer duch 13jährige erregbar sind, ist vermutlich gar nicht so selten. Sehr viele Mädchen sind dann auch schon geschlechtsreif. Das Durchschnittsalter für die 1. Menstruation liegt bei 12.5 Jahren. Mit der Geschlechtsreife setzt naturbedingt auch das sexuelle Interesse der bereits geschlechtsreifen Exemplare der Spezies an. Das ist eben die Natur. Dass das in der Gesellschaft extrem verpönt ist, liegt an der kulturbedingten „künstlichen“ Verlängerung der Kindheit, die aber an den natürlichen Voraussetzungen nichts ändert.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte:

Wenn du bisher typischerweise auf Gleichaltrige oder Ältere angesprungen bist, dann ist der Höhepunkt deiner sexuellen Alterspräferenz genau da, wo er auch kulturell geduldet ist und als „normal“ gilt.

Das schließt aber eben nicht aus, dass du ausnahmsweise auch mal von jemandem sexuell angesprochen wirst, der außerhalb des Kernbereichs liegt. Ich denke so verhält es sich hier. Dass dich das so brutal aus der Bahn wirft, zeigt vor allem wie stark kulturelle Tabus wirken.

Falls dich meine rationalen Erklärungen alleine nicht überzeugen: Ich bin selbst pädophil (bzw päderastisch) veranlagt. Es wird dich nicht überraschen, dass ich auch mal 14 und in der Pubertät war. Ich kann dir versichern, dass ich mich nie zu Gleichaltrigen oder Älteren hingezogen gefühlt habe. Also auch aus eigener Erfahrung: so wie du dich schilderst, bist du nicht pädophil.

Mach dir nicht zu viele Sorgen.

Und wenn ich einen Wunsch für die Zukunft äußern darf: sei ein wenig gnädig, wenn es darum geht über Menschen zu urteilen, die eine abweichende sexuelle Orientierung haben. Sie haben es sich nicht ausgesucht. Und wie hart das sein kann, merkst du ja gerade selbst. Auch wenn es bei dir ganz bestimmt ein Fehlalarm ist, vielleicht hilft dir der Schreck ein wenig nachzuvollziehen wie es anderen geht, die wirklich so eine Sexualpräferenz haben und trotzdem mit ihrem Leben klar kommen müssen.

Der schon erwähnte eine Kommentar zu dieser Antwort war „Dankesehr wirklich“ und kam vom Fragesteller.

Die Beispiele zeigen, dass man Normsexuelle tatsächlich erreichen und pseudonym mit real existierenden Pädophilen konfrontieren kann. Nicht in großer Masse, aber doch zumindest einige Hundert. Das ist zwar immer noch nicht viel, aber bedeutend mehr als die ein oder zwei Normalos, die sich auf eine „Pädoseite“ verirrt haben oder dorthin gefunden haben, weil sie sich aus persönlichen Gründen für das Thema interessieren.

Ich bin übrigens keineswegs der einzige Pädophile oder Pädophilen-freundlich gesinnte Mensch, der gutefrage.net nutzt, um das überkommene Bild von Pädophilen ein wenig zurecht zu rücken. Es ist auch durchaus Platz für weitere Pädos verhanden. Ich finde, ein Blick auf diese Möglichkeit lohnt sich.

Das Ersatztäter-Problem

Niemand möchte gerne der Taten anderer beschuldigt und für sie bestraft werden.

Schuld und Verantwortung ist hochpersönlich. Die Zuweisung von Kollektivschuld ist manifest ungerecht. Das ist den meisten Menschen auch bewusst. Kollektivstrafen sind geächtet und gelten etwa im humanitären Völkerrecht sogar als Kriegsverbrechen.

Trotzdem gibt es natürlich weiterhin Beurteilungen und Bewertungen, die sich gegen Gruppen richten und undifferenziert allen Mitgliedern der Gruppe zugeschrieben werden. Diese führen auch zu realen Benachteiligungen, zu Feindseligkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung von Angehörigen der Gruppe.

Vorurteile

Männer sind schuld an der Geschlechterdiskriminierung, Deutsche an den Verbrechen des Nationalsozialismus, Israelis am Nahostkonflikt.

Neben solchen recht direkten Schuldzuweisungen gibt es auch Zuschreibungen als Vormeinungen über wenig schmeichelhafte vermutete „mittlere“ Eigenschaften der Mitglieder einer Gruppe.

Amerikaner sind Imperialisten, Zigeuner kriminell, Muslime radikal, Banker asozial, Arbeitslose faul. In diese Reihe gehört auch: Pädophile sind Kinderschänder (als Zuweisung einer Schuld) oder Pädophile sind gefährlich für Kinder (als Zuweisung einer vermeintlichen „mittleren“ Eigenschaft).

Natürlich kommt es in der Realität nicht selten vor, dass ein konkretes Gruppenmitglied tatsächlich nicht den zugeschriebenen mittleren Eigenschaften „seiner“ Gruppe entspricht. Es kommt aber auch vor, dass bereits die Vormeinung über die vermeintlichen mittleren Eigenschaften trügt und die mittleren Eigenschaften tatsächlich anders sind als vermutet.

Vorurteile sind mitunter praktisch, weil sie ressourcensparende Entscheidungen ermöglichen. Weniger freundlich ausgedrückt: sie ersparen einem das eigenständige Denken. Sie werden dabei auch aufgrund eines wahrgenommenen Gruppendrucks akzeptiert und übernommen. Wer unsicher ist oder keine klare Meinung hat, was zu tun ist, richtet sich danach, was die anderen tun. Menschen schließen durch Beobachten anderer Menschen auf praktikable Lösungen.

Vorurteile sind unvermeidlich aber sie sollten nicht gepflegt, sondern angetastet, untersucht und von allen Seiten betrachtet werden. In der Regel braucht man sie nämlich gar nicht so dringend.

Hinzu kommt ein moralischer Aspekt. Die ‚Goldene Regel der Ethik‘ besagt: „Behandle Andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ bzw. in der negativen Fassung: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem Andern zu.“

Wie schon eingangs angeführt: Niemand möchte gerne für Taten Anderer beschuldigt und bestraft werden. Niemand möchte gerne selbst Opfer eines Vorurteils und in der Folge von Feindseligkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung werden.

Natürlich habe auch ich Vorurteile.

Mein eigenes Vorurteil zur Pädophilie

Als pädophil (bzw. päderastisch) veranlagter Mensch bilde ich mir ein, eine Kapazität für die Beurteilung von pädophil (bzw. päderastisch) veranlagten Menschen zu sein. Mein Urteil basiert nicht unerheblich auf intimen Kenntnissen meiner selbst, die ich auf andere Menschen verallgemeinere.

Ich halte mich für einen guten, aber auch nicht übermäßig guten Menschen. Ich habe keine unerfüllbaren Ansprüche an meine Gutheit bzw. mein Wohlverhalten. Für ein positives Selbstbild reicht es mir aus, niemandem bewusst zu schaden und sich bietenden Gelegenheiten, anderen zu helfen, im Durchschnitt der Fälle aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Im Grunde Mittelmaß. Aber da Menschen zu einem positiven Selbstbild neigen und dazu auch ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung gehört, tendiere ich dazu, mich auf der unsichtbaren Skala guter Menschen als gehobenes Mittelmaß einzusortieren.

Ich weiß, dass meine sexuelle Neigung hierauf keinen eigenständigen Einfluss hat. Ich bewerte sie deshalb als ethisch neutral. Sie ist sehr „unbequem“ aber weder gut noch böse. Ich unterstelle daher, dass die Neigung an sich auch andere Menschen nicht gut oder böse werden bzw. handeln lässt.

Soweit das für mich aus eigenem Erleben und aus persönlichen Kontakten erkennbar ist: Pädophile sind abgesehen von ihrer sexuellen Neigung völlig normal. Sie sind im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nicht weniger empathisch und sensibel und auch nicht egoistischer oder rücksichtsloser.

Ich habe den Eindruck, dass sich das gut mit der Realität deckt, zumal man auch in jedem Fachbuch, dass von Pädophilie handelt, nachlesen kann, dass es Pädophile in jeder Schicht und auf jedem Bildungsniveau gibt, dass sie in der Regel gut angepasst sind und auch sonst nicht sonderlich auffallen.

Sie zeichnen sich allerdings durch eine überdurchschnittliche emotionale Affinität zu Kindern aus und ich gehe auch davon aus, dass sie im Durchschnitt der Fälle öfter traurig sind und eher zu Depression neigen als Normsexuelle. Der zentrale Lebensbereich der Sexualität und Partnerschaft kommt eben in ihrem Leben permanent zu kurz. Darüber hinaus besteht ein starkes Gefühl von Stigmatisierung und Ausgrenzung. Abgesehen von einer erhöhten Single-Quote dürfte es viel mehr Besonderheiten meiner Einschätzung nach nicht geben.

Dass Pädophile „normal“ sind, heißt aber auch, dass es die negativen Sonderfälle gibt, die es auch unter Normsexuellen gibt. Es gibt heterosexuelle Vergewaltiger, homosexuelle Vergewaltiger und leider auch pädophile Vergewaltiger. Eine pädophile Orientierung macht nicht gut.

Es ist für mich aufgrund eigenen Erlebens aber auch offensichtlich, dass Pädophile sich wie andere Menschen auch verlieben, mit denselben positiven Gefühlen gegenüber dem geliebten Menschen.

Da es Pädophilen an einer besonderen soziopathischen Auffälligkeit fehlt, neigen sie nicht mehr zu sexueller Gewalt als der Durchschnittsbürger. Einiges von dem, was Pädos als übergriffiges Verhalten und sexuelle Gewalt ausgelegt wird, wie etwa das sogenannte Groooming, ist meiner Einschätzung nach bei unvoreingenommener Betrachtung „normales“ und im Kern unproblematisches, weil nicht-aggressives menschliches Verhalten. Der Vorwurf der Heimtücke ist diesbezüglich schlicht verfehlt.

Missbrauch ist für mich, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt. Jemand, der verliebt ist, wird den oder die Angebetete auf keinen Fall schlecht behandeln, jedenfalls nicht bewusst und freiwillig. Jeder Mensch, der schon einmal verliebt war, sollte das eigentlich nachvollziehen können.

Einschränkend muss ich hier gewisse Erfahrungsdefizite einräumen. Da ich viele Jahre lang jeden Kontakt mit Jungen vermieden habe, weil ich mir die Qualen einer unerfüllbaren, unglücklichen Verliebtheit ersparen wollte, sind mir die meisten normsexuell strukturierten Menschen auf diesem Gebiet erfahrungstechnisch deutlich voraus. Sollte mir also ein Leser ernstlich versichern, dass er Menschen, in die er verliebt ist, sehenden Auges schlecht behandelt, dann erschiene mir das hochgradig unplausibel und unverständlich, ich würde es aber am Ende wohl hinnehmen müssen, ohne mir absolut sicher sein zu dürfen, dass ich den anderen bei einer Lüge ertappt habe.

Nach meiner Überzeugung neigen Pädophile nicht dazu, Kinder zu missbrauchen (schlecht zu behandeln). Im Gegenteil. Wenn sich ein Pädophiler in ein Kind verliebt, wird er dazu neigen, dieses Kind gut zu behandeln, einfach weil Menschen dazu neigen, geliebte Menschen gut zu behandeln.

Warum gibt es dann trotzdem Kindesmissbrauch?

Trotzdem gibt es zweifelsohne echten Kindesmissbrauch. Kinder, die bedrängt, belästigt, genötigt, bedroht oder vergewaltigt werden. Wenn die Täter nach meiner Logik typischerweise keine Pädophilen sind, müssten es nach dem Ausschlussverfahren Ersatztäter sein.

Ich habe mich entsprechend in der Vergangenheit schon sehr negativ über Ersatztäter geäußert, z.B.:

Die heutige Stigmatisierung und Ächtung von Pädophilie im Allgemeinen und Päderastie im besonderen ist stark von einer öffentlichen Wahrnehmung des Pädophilen beeinflusst, die auf Personen beruht, die tatsächlich gar keine Pädophilen sind, sondern lediglich Ersatztäter, die sich bei Kindern holen, was sie von Erwachsenen nicht bekommen. Die 90% nicht-pädophiler Ersatztäter, die wegen sexuellem Kindesmissbrauch verurteilt werden, prägen das Bild vom Pädophilen an sich.

Aus meinem Artikel Eine kleine Geschichte der Päderastie

Ich weise die Schuld für das extrem schlechte Ansehen und die Diskriminierung von Pädophilen also in einem erheblichen Maße den nicht-pädophilen Ersatztätern zu.

Es ist dabei etwas problematisch, das man den tatsächlichen Anteil an Ersatztätern nicht kennt. Die Zahlen, die man finden kann, liegen zwischen 60 % und 95%.

Im 2015 erschienen Buch „Straffälligkeit älterer Menschen: Interdisziplinäre Beiträge aus Forschung und Praxis“ wird von 95% Ersatztäter ausgegangen. Aus Seite 146:

Die Verwirrung besteht darin, dass häufig alle sexuellen Handlungen von Erwachsenen an Kindern als pädophile Straftaten gesehen werden, obwohl der Anteil tatsächlich Pädophiler an diesen Straftätern nur ca. 5% betrifft. Für die übrigen Sexualstraftäter wurde der Begriff der Ersatztäter geprägt. Bei diesen handelt es sich häufig um Verwandte oder Personen des sozialen Umfelds, die keine sexuelle Erfüllung in ihren Beziehungen erreichen und sich dem schwächeren Glied in der Familie zuwenden und diese Art der Beziehungsebene für die Befriedigung eigener sexueller Wünsche missbrauchen.

In einem Artikel, der im Magazin der Journalistenschule ifp erschienen ist, wird Rita Steffesenn, Leiterin des Zentrums für Kriminologie und Polizeiforschung, mit der Aussage zitiert:

60 bis 70 Prozent der erfassten Kindermissbraucher sind sogenannte Ersatztäter. Sie sind nicht sexuell motiviert, sondern haben andere Gründe für den Missbrauch, zum Beispiel Angst im Umgang mit Erwachsenen und Machtstreben.

In den Arbeitsblättern von Werner Stangl, die auch auf Wikipedia zur Tätertypologie zitiert werden, heißen Ersatztäter „regressiver Typ“ und ihr Anteil wird auf 90% geschätzt. Für Pädophile („fixierter Typ“) werden 2 bis 10% angegeben. Der soziopathische Tätertyp, der sich durch mangelnde Empathie und zuweilen sadistische Neigungen auszeichnet, tritt danach nur in wenigen Einzelfällen auf.

Ob es nun 95% oder 60% Ersatztäter sind spielt natürlich schon eine Rolle. Im zweiten Fall wäre der Anteil der pädophilen Täter an der Gesamtzahl schließlich ganze sechsmal so hoch, wie im ersten.

Einer der Gründe für die große Spannbreite der Angaben dürfte sein, dass ein Täter aus Eigennutz einen Anreiz hat, sich als Ersatztäter darzustellen.

Vor dem Richter will niemand pädophil sein

Ein Ersatztäter gilt als Gelegenheitstäter, den man rehabilitieren kann, ein Pädophiler als Triebtäter, dessen Gefährlichkeit in seiner Natur liegt.

Die besseren Aussichten auf eine Rehabilitation wirken sich bereits bei der Strafzumessung im Sinne einer potentiell niedrigeren Strafe aus, da es zu den Grundsätzen der Strafzumessung gehört, zu berücksichtigen, welche Auswirkungen die Strafe auf die zukünftige Lebensführung des Täters haben wird.

Für die Rehabilitation sind kürzere Strafen günstiger, da Freiheitsentziehung einen entsozialisierenden und deprivatisierenden Effekt hat. Lange Haftstrafen sind für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft also schädlich. Glaubt man ohnehin nicht wirklich an eine Rehabilitation, dann muss man hier wenig Rücksicht nehmen. Der Sühne-Charakter der Strafe tritt in den Vordergrund. Der Vollzug der Freiheitsstrafe soll abschreckend wirken und dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten dienen.

Auch die Auswirkungen auf eine mögliche Bewährung (Aussetzung der Strafvollstreckung) sind massiv:

Eine Sozialprognose oder Legalprognose ist eine kriminologische, psychiatrische und psychologische Risikobeurteilung einer straffälligen Person bezüglich ihrer Fähigkeit und Motivation, zu einem späteren Zeitpunkt Regeln und Gesetze einzuhalten. Sie ist nach § 56 (1) StGB Grundlage der Einschätzung ob eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden muss oder kann und bei der Resozialisierbarkeit von Straftätern.

Aus dem Wikipedia-Artikel Sozialprognose

Der Sinn der Bewährung ist an die Straftheorien geknüpft. Die Bewährung lässt vermuten, dass sich der Täter schon die Verurteilung zur Warnung dienen lässt und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird (§ 56 StGB). Insbesondere bei Straftätern, die keine oder kaum Sozialisierungsdefizite aufweisen, besteht eher die Möglichkeit, eine Aussetzung einer Strafe zur Bewährung vorzunehmen. Nach einer teilweisen Strafverbüßung besteht außerdem die Möglichkeit, einen Strafrest zur Bewährung auszusetzen. (…)

Es können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Entscheidung darüber trifft das erkennende Gericht. Das erkennende Gericht hat dabei eine Prognose zu erstellen, ob davon auszugehen ist, dass der Täter auch ohne den Vollzug der Freiheitsstrafe künftig keine Straftaten mehr begehen wird.

Liegt die Freiheitsstrafe unter sechs Monaten und erscheint die Prognose günstig, so ist die Strafe zwingend zur Bewährung auszusetzen (§ 56 Abs. 1 i. V. m. Abs. 3 StGB). Im Bereich von sechs Monaten bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe ist die Aussetzung zusätzlich zum Vorliegen der Prognose davon abhängig, dass die Verteidigung der Rechtsordnung die Strafvollstreckung nicht gebietet (§ 56 Abs. 3 StGB). Hier wird demnach auf den Gedanken der Generalprävention abgestellt. Bei Freiheitsstrafen über zwölf Monaten bis zu zwei Jahren kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn die Prognose günstig ist, die Verteidigung der Rechtsordnung dem nicht entgegensteht und darüber hinaus besondere Umstände vorliegen (§ 56 Abs. 2 StGB).

Aus dem Wikipedia-Artikel Strafaussetzung zur Bewährung

Das Rückfallrisiko ist bei Ersatztätern geringer. Sie haben daher im Gegensatz zu „Triebtätern“ bzw. „Neigungstätern“ eine weit bessere Aussicht auf eine Bewährungsstrafe und die Aussetzung einer Reststrafe zur Bewährung.

Auch in Hinblick auf die Verhängung, Dauer (mindestens zwei und höchstens fünf Jahre) und Schärfe einer Führungsaufsicht haben Ersatztäter deutlich bessere Karten als pädophile Täter.

Die Führungsaufsicht ist eine „Maßregel der Besserung und Sicherung“, die nicht als Strafe gilt, sondern auf die Zukunft gerichtet eine erneute Straffälligkeit verhindern helfen sollen. Die Maßnahmen sind teils einschneidend, unterliegen einer Kontrolle und werden von den von ihnen Betroffenen typischerweise durchaus als Strafe empfunden.

Führungsaufsicht kann bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verhängt werden, die mindestens sechs Monate betragen. Sie tritt in diesem Deliktbereich automatisch bei einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ein und kann in diesem Fall ausnahmsweise entfallen, wenn zu erwarten ist, dass der Verurteilte keine Straftaten mehr begehen wird (was bei Ersatztätern deutlich häufiger angenommen wird als bei Neigungstätern).

Zu den möglichen Weisungen der Führungsaufsicht gehören unter anderem:

  • Wohn- oder Aufenthaltsort nicht ohne Erlaubnis verlassen,
  • sich nicht an bestimmten Orten aufzuhalten (z.B. in der Nähe von Schulen, Schwimmbädern, Freizeitparks oder Spielplätzen)
  • zu der verletzten Person oder bestimmten Personen oder Personen einer bestimmten Gruppe, keinen Kontakt aufzunehmen (z.B. Kontaktverbot zu Kindern)
  • bestimmte Tätigkeiten nicht auszuüben
  • bestimmte Gegenstände nicht zu besitzen, bei sich zu führen oder verwahren zu lassen (z.B. Besitzverbot für Computer oder Smartphone)
  • sich zu bestimmten Zeiten bei der Aufsichtsstelle oder dem Bewährungshelfer zu melden,
  • jeden Wechsel der Wohnung oder des Arbeitsplatzes unverzüglich zu melden,
  • Teilnahme an einer Therapie (z.B. Therapie für Sexualstraftäter)
  • Überwachung des Aufenthaltsortes (z.B. elektronische Fußfessel)

Ein Verstoß gegen eine Weisung im Rahmen der Führungsaufsicht kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden.

Aussichten auf eine geringere Strafe, bessere Chancen auf eine Bewährungsstrafe und Strafaussetzung, erhebliche Vorteile in Hinblick auf eine drohende Führungsaufsicht … wer da – soweit es darstellbar ist – nicht versucht, sich als Gelegenheitstäter bzw. Ersatztäter darzustellen, ist schön blöd.

Hinzu kommt eine gesellschaftliche Ebene. Wer „nur“ Ersatztäter ist, kann darauf hoffen, irgendwann wieder in die soziale Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ein Pädophiler bleibt lebenslang stigmatisiert.

Es könnte also sein, dass der Anteil an Ersatztätern systematisch zu hoch angegeben wird. Andererseits sind die Verlockungen einer falschen Selbstauskunft den Fachleuten, die die Statistiken erstellen, sicherlich bekannt. Täuschungsversuche sind vermutlich oft gar nicht ohne weiteres möglich und die meisten Versuche fliegen wahrscheinlich auch auf, da ein Gericht bei Zweifeln einen Gutachter zu dieser Frage einschalten dürfte.

Welchen Wert (60% oder 95%) man auch ansetzt, die Ersatztäter bleiben die Mehrheit.

Wie unterscheiden sich die Taten von Ersatztätern von den Taten von Pädophilen?

Statistiken zu dieser Frage sind mir nicht bekannt. Ersatztäter dürften häufiger Einfach-Täter und pädophile Täter häufiger Mehrfach-Täter sein. Das korrespondiert mit dem höheren Rückfallrisiko pädophiler Täter.

Für mich persönlich ist die entscheidende Frage aber, wie die Täter das Opfer behandeln und welche Konsequenzen die Tat für das Opfer hat.

Es scheint mir äußerst wahrscheinlich, dass die Tatbegehungen von Personen, für die das Kind lediglich Ersatzobjekt ist, gröber und rücksichtsloser sind, als die Handlungen von jemandem, der sich nicht nur Sex, sondern auch soziale Nähe wünscht und in vielen Fällen in das Kind verliebt sein wird.

Ich assoziiere Ersatztäter mit Druck, Einschüchterung, Drohungen, Nötigung und Gewalt. Pädophile assoziiere ich mit mit der weitgehenden Abwesenheit dieser „Strategien“.

Pädophile zielen auf willentliches Einvernehmen ab. Gewalt ist für den durchschnittlichen Pädophilen so undenkbar wie für den durchschnittlichen Heterosexuellen eine Vergewaltigung undenkbar ist.

Eine erfüllte Sexualität ist für einen Pädophilen nur mit einem Kind möglich, so wie sie bei einem heterosexuellen Mann nur mit einer Frau möglich ist. Die Bedingungen für eine als erfüllt erlebte Sexualität erschöpfen sich aber nicht im kindlichen Körperschema. Ein heterosexueller Mann wünscht sich eine Partnerin, die freiwillig mitmacht, bei der Sache ist und selbst Lust empfindet. Das ist bei einem Pädophilen nicht anders.

Dies klang zum Beispiel auch von Seiten der Sexualwissenschaftler Prof. Rüdiger Lautmann und Prof. Martin Dannecker in einem Beitrag zur Sendung „Liebe Sünde“ an:

Der wirkliche Pädophile hat nichts von seinen Tricks, der hat nichts davon, wenn das Kind mitmacht und nachher nicht mehr bei der Sache ist. Das würde der sofort merken und die würden dann auch die sexuelle Handlung abbrechen. Andererseits – wir alle versuchen andere herumzukriegen. Wir alle wenden gewisse Rezepturen an und wenn man das Tricks nennt, dann wenden auch die pädophilen Männer ihre Rezepte, ihre Tricks an.

Prof. Rüdiger Lautmann

Ja doch, das Moment des Einverständnisses kann es geben. Nur bei dieser Erzählung, wie bei vielen Erzählungen der Pädosexuellen, wird sozusagen das, was vorher war, diese – was ich Verführung nennen würde, nicht unbedingt Strategie – diese unglaubliche Verführung, dieses stimmen, einstimmen auf meine Wünsche, das wird dabei unterschlagen. (…) Weil sie sind ja nicht (…) Gewalttäter, die gewalttätig und ohne Rücksicht, ohne verführerische Strategie ihre Wünsche durchsetzen, sondern sie bringen in Stimmung, sie verführen, sie bereiten das Liebesobjekt – es ist ja ein Liebesobjekt sozusagen – darauf vor und darauf antwortet das Kind.

Prof. Dr. Martin Dannecker

Da es Vergewaltigungen durch Heterosexuelle gibt, weiß man, dass es Heterosexuelle gibt, die aus dem „normalen“ Rahmen fallen und für die eine Vergewaltigung denkbar und ausführbar ist. Solche Menschen gibt es auch unter Pädophilen. Sie sind aber so wenig repräsentativ für den durchschnittlichen Pädophilen, wie es ein Vergewaltiger für den durchschnittlichen heterosexuellen Mann ist.

Es wäre für mich interessant, zu wissen, ob und wie sich die Tatbegehungen von pädophilen Tätern von den Tatbegehungen von Ersatztätern unterscheiden. Meine Vermutungen dazu habe ich dargelegt und ich halte sie für plausibel. Studien dazu sind mir leider nicht bekannt.

Ich frage mich auch, ob der pädophile Täteranteil im Hellfeld (den Fällen, die bekannt werden) sich vom Anteil im Dunkelfeld unterscheidet. Ich persönlich würde das erwarten.

Wer sich geliebt fühlt, erleidet durch die liebevolle Beziehung (meiner Einschätzung nach) typischerweise auch keine Schäden. Wer sich schlecht behandelt und missbraucht fühlt, wird durch die Beziehung belastet und geschädigt.

Liebe dürfte bei Pädophilen viel öfter anzutreffen sein als bei nicht-pädophilen Tätern. Entsprechend dürften sie den Kindern auch viel eher das Gefühl vermitteln, dass sie geliebt werden. Als positiv erlebte Beziehungen fallen aber vermutlich deutlich seltener auf als solche, unter denen die Kinder leiden.

Wie ticken Ersatztäter überhaupt?

Anders als bei Pädophilen, deren Gedanken- und Gefühlswelt ich nachvollziehen kann, ist es mir unverständlich, wie ein Ersatztäter tickt und warum es überhaupt Ersatztäter gibt.

Die Existenz von Ersatztätern ist auch für die breite Öffentlichkeit ein blinder Fleck. Es ist einfach kontra-intuitiv, das jemand Sex mit Kinder sucht, der sexuell eigentlich gar nicht (allzu sehr) an Kindern interessiert ist. Es liegt ohnehin schon nicht nahe und erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie stark Sex mit Kindern geächtet ist und wie hoch die Strafandrohungen sind.

Dass jemand, der sich sexuell von Kindern angezogen fühlt, sexuell mit Kindern einlässt, ist für mich nachvollziehbar. Ich kann das ähnlich gut nachvollziehen, wie dass sich jemand, der sich sexuell von Frauen angezogen fühlt, sexuell mit Frauen einlässt.

Ich kann mir aber für mich selbst als jemand, der sich sexuell nicht von Frauen angezogen fühlt, überhaupt nicht vorstellen, mich sexuell mit einer Frau einzulassen. Das macht für mich schlicht keinen Sinn und würde bei mir auch nicht als „Notprogramm“ funktionieren.

Bei einigen Menschen scheint sich das anders zu verhalten.

Wenn man sich an den Charakter und die Motivation dieser Menschen herantasten will, kann man möglicherweise die Charakterisierung von Missbrauchstätern zu Hilfe nehmen. Da die meisten Missbrauchstäter (60 bis 95%) Ersatztäter sind, passt die Charakterisierung vermutlich vor allem und gerade auf diese Haupttätergruppe.

Zum Profil von Missbrauchstätern heißt es im PDF „Fakten und Zahlen zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“:

Missbrauchende Männer stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern. (…) Es gibt kein klassisches Täterprofil und keine einheitliche Täterpersönlichkeit. Gemeinsam ist den Täter*innen der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat das Gefühl von Überlegenheit zu erleben. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu (Pädosexualität).

In [werner stangl]s arbeitsblättern steht:

Täter sind oft Männer mit einem geringen Selbstwertgefühl, „die sich gezielt Kinder suchen, um ihre eigenen Ohmachts- und Hilflosigkeitsgefühle, ihre eigenen Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, ihren Hass und ihre Wut auf Kosten der Kinder zu befriedigen“, wobei ein großer Teil der Täter nicht nur ein Kind sexuell missbraucht, sondern sich immer wieder neue Opfer sucht (Bange & Deegener 1996, S. 56,S. 132 ). (Stangl, 2020).

Soweit es pädophile Täter betrifft, halte ich diese Charakterisierung (was nach meinen bisherigen Ausführungen niemanden überraschen wird) für falsch. Ich glaube nicht, dass es einem typischen pädophilen Täter um das Gefühl der Überlegenheit, Machtausübung oder die Bewältigung von Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen geht.

Das primäre sexuelle Interesse von Pädophilen ist auf Kinder gerichtet. Ein Pädophiler ist bei seiner Annäherung intrinsisch sexuell motiviert und kommt dabei ohne die geschilderten nicht-sexuellen Motive aus. Sie spielen keine kausale Rolle beim Erleben sexueller Erregung. Die kausale Rolle spielt das kindliche Körperschema.

Der typische Pädophile hat mit Gewalt, Herrschaft oder Unterdrückung nichts am Hut. Pädophile fühlen sich von Kindern angezogen, wünschen sich soziale Nähe und, soweit es um Sexualität geht, legen sie allergrößten Wert auf Einvernehmlichkeit mit ihrem Liebessubjekt.

Soweit es Ersatztäter betrifft, scheint mir die Charakterisierung dagegen plausibel. Ich glaube aber nicht, dass sie das Phänomen vollständig erklären kann.

Wie menschliche Sexualität funktioniert

Bei der Antwort auf die Frage, warum es Ersatztäter gibt, hilft vielleicht ein Blick darauf, wie menschliche Sexualität ganz allgemein typischerweise funktioniert. Nämlich in einem Kontinuum.

Wer normalerweise vor allem auf blonde, blauäugige Frauen des nordischen Typs anspringt, kann sich trotzdem „ausnahmsweise“ in eine schwarzhaarige Frau oder gar in eine Afrikanerin verlieben. Jemand, der sich von Männer angezogen fühlt, kann trotzdem verheiratet sein, Kinder haben und muss unter diesen Bedingungen auch nicht zwangsweise eine unglückliche Ehe führen. Jemand der exklusiv heterosexuell ist, kann in einer Gefängnissituation auch mit homosexuellen Handlungen vorlieb nehmen. Ohne einen gewissen Grad an Empfänglichkeit für den Alternativpartner wäre das nicht möglich.

Sexualität ist nicht binär. Ein hypothetischer Jemand kann z.B. auch zu 90% heterosexuell sein und sich ausnahmsweise (10%) doch einmal zu einem Mann hingezogen fühlen. Deswegen ist er dann nicht auf einmal homosexuell, denn seine primäre Präferenz gilt immer noch Frauen. Eine homosexuelle Nebenader, die sich gerade manifestiert, ändert nichts daran, dass der Betroffene immer noch primär an weiblichen Wesen interessiert ist.

So ähnlich ist es auch mit dem Alter bzw. der sexuellen Alterspräferenz. Er gibt keine Männer, die sich erst punktgenau ab dem 18. Geburtstag für eine Frau interessieren. Die Augen sehen ja nicht zuerst den Pass.

Im Prinzip liegt unterliegt die altersmäßige Anziehung einer Normalverteilung, also einer statistischen Wahrscheinlichkeitsverteilung, die als Kurve dargestellt etwa einer Glocke gleicht.

Die besondere Bedeutung der Normalverteilung beruht unter anderem auf dem zentralen Grenzwertsatz, dem zufolge Verteilungen, die durch additive Überlagerung einer großen Zahl von unabhängigen Einflüssen entstehen, unter schwachen Voraussetzungen annähernd normalverteilt sind.

Aus dem Wikipedia-Artikel Normalverteilung

So dürfte es sich auch bei der menschlichen Sexualität verhalten.

Die Zeit berichtet zum Beispiel über eine genomweite Assoziationsstudie, bei der das Erbgut von 477.522 Menschen auf einen Zusammenhang mit Homosexualität untersucht wurde:

Das Fazit der aktuellen Studie: Es gibt nicht das eine Homo-Gen. Im Gegenteil: Wie für andere Verhaltensmerkmale finden sich zahlreiche genetische Effekte, die die sexuelle Orientierung beeinflussen. Es ist wahrscheinlich, dass Hunderte oder Tausende genetische Varianten je einen geringen Anteil daran haben. Zugleich machen sie insgesamt nur einen Teil all dessen aus, was sexuelles Verhalten formt.

Das lässt sich sicher auch auf andere Aspekte der menschlichen Sexualität übertragen. Es gibt nicht das eine Gen, das das Herz für Rothaarige schneller schlagen lässt oder eine Vorliebe für Pummelige bewirkt oder das über die individuelle Alterspräferenz entscheidet.

Es gibt tausende mikroskopisch kleine Effekte (und zwar keineswegs nur genetische), die in ihrer Addition zu einem Gesamtergebnis führen.

Im Grunde kann man sich die Wahrscheinlichkeit, dass man durch jemand anderen eines bestimmten Alters erregbar ist, also als Kurve etwa dieser Form vorstellen.

Intervalle um μ bei der Normalverteilung, Darstellung von M. W. Toews., geteilt via Wikimedia

Wo der Höhepunkt der Kurve liegt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er könnte beispielsweise bei 20 Jahren liegen und 15 bis 25 wäre dann so etwas wie der Kernbereich der Alterspräferenz. Um die 70 % der Menschen, auf die man sexuell anspricht, lägen bei meinem hypothetischen Beispiel dann im Bereich zwischen 15 und 25 Jahren.

Aber auch jüngere und ältere wären dann noch prinzipiell anziehend, selbst wenn sie nicht mehr im primären anziehenden Bereich liegen. Hinzu kommt: Ältere machen sich jünger (auch 40jährige Frauen versuchen noch mit Kosmetiktricks als 25 durchzugehen) und Jüngere machen sich älter (weil sie als erwachsen und reif gelten wollen) und ziehen sich erwachsen an, schminken sich etc.

Dass Männer durch 13jährige erregbar sind, ist vermutlich gar nicht so selten. Sehr viele Mädchen sind dann auch schon geschlechtsreif. Das Durchschnittsalter für die 1. Menstruation liegt bei 12.5 Jahren. Mit der Geschlechtsreife setzt naturbedingt auch das sexuelle Interesse der bereits geschlechtsreifen Exemplare der Spezies an. So funktioniert eben die Natur, die das mögliche Zeitfenster für eine Fortpflanzung auch nutzen will.

Dass das in der Gesellschaft extrem verpönt ist, liegt an der kulturbedingten „künstlichen“ Verlängerung der Kindheit, die aber an den natürlichen Voraussetzungen nichts ändert.

Bei den Ersatztätern, also Menschen, deren primäres sexuelles Interesse nicht auf Kinder gerichtet ist, kann es also Fälle geben, bei denen sich jemand ausnahmsweise im unteren Randbereich seiner Bandbreite verliebt hat und genauso Fälle, bei denen nur eine eher schwache Anziehung vorliegt, das Kind aber als eine Art Notpartner noch akzeptabel ist, so wie für viele heterosexuelle Männer in Gefangenschaft (oder auf einer einsamen Insel) auch andere Männer als Notpartner in Frage kommen.

Im Endeffekt gibt es also wohl nicht den einen Ersatztäter und es ist (bei einer pädophilen Nebenströmung) auch möglich, dass man nicht hinreichend trennscharf zwischen Ersatztäter und pädophilem Täter unterscheiden kann.

Mindestens auf den Einzelfall bezogen können meine negativen Vorurteile zu Ersatztätern also falsch sein.

Entscheidend ist für mich aber ohnehin nicht, ob jemand pädophil oder nicht-pädophil ist, sondern

  • wie der andere Mensch in der Beziehung (das Kind oder der Jugendliche) behandelt wird (Missbrauch ist, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt)
  • wie er selbst die Beziehung erlebt (die Deutungshoheit steht dem Betroffenen zu)
  • ob er sie willentlich freiwillig eingeht, und
  • ob er die Möglichkeit hat, sich jederzeit von der Beziehung zurückzuziehen bzw. sie zu beenden.

Ersatztäter als Basis für das Bild vom Pädophilen?

Eines meiner Vorurteile ist, dass die Stigmatisierung und Ächtung von Pädophilie durch eine Wahrnehmung von Pädophilie beeinflusst ist, für die nicht-pädophile Missbrauchstäter verantwortlich sind. Basis des Vorurteils ist, dass Pädophile als Missbraucher wahrgenommen werden und ca. 90% der Missbrauchstäter Ersatztäter sind.

Wer neun unsympathischen Engländern begegnet und einem Sympathischen, wird seine Einschätzung, dass Engländer unsympathisch sind, an der Mehrzahl der Engländer ausrichten, die ihm begegnet sind. Wenn die Mehrzahl der Täter Ersatztäter sind, dann prägt diese Gruppe und die Taten aus dieser Gruppe den Eindruck der Öffentlichkeit vom typischen Täter.

Der Schönheitsfehler dieser Hypothese ist, dass es nicht so sehr auf die Mehrheit der Täter ankommt, sondern auf die Mehrheit der wahrgenommenen Täter und Taten. Engländer, die ich nicht kennen gelernt habe, spielen für mein subjektives Urteil über Engländer keine Rolle.

Da es in der Regel nur die schweren und schwersten Fälle in die Medien schaffen, wird der Eindruck, den die Öffentlichkeit von den „typischen“ Taten hat, vor allem von den schwersten Tatbegehungen geprägt.

Im Grunde gibt es dabei zwei Typologien:

Einerseits Taten, die als besonders schwerwiegend empfunden werden, weil es besonders viele Opfer gibt. Diese Taten werden eher von Pädophilen begangen, die ja zeitlich konstant auf Kinder ansprechen. Ersatztäter, die Kinder als „Notpartner“ nutzen, sprechen auf Kinder nur an, solange die „Notsituation“ besteht.

Andererseits Taten, die sich durch besondere Rücksichtslosigkeit oder Brutalität auszeichnen, bis hin zu Sexualmorden. Diese Taten werden vermutlich überwiegend von soziopathischen oder sadistisch veranlagten Tätern begangen, die sehr selten vorkommen (Einzelfälle) und unter denen sowohl pädophil veranlagte Täter als auch Ersatztäter vertreten sein dürften. Soziopathische Täter zeichnen sich z.B. durch mangelnde Fähigkeit und Bereitschaft zu Empathie und Mitgefühl und eine Neigung zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten aus.

Wenn es sich so verhält, dann spielen Ersatztäter, obwohl sie die Mehrheit der Missbrauchstäter stellen und vermutlich auch überproportional für schädigende Auswirkungen bei betroffenen Kindern verantwortlich sind, für die Wahrnehmung von Pädophilen in der Gesellschaft eher eine untergeordnete Rolle.

Das Bild wird stattdessen von der Missbrauchsberichterstattung über pädophile Wiederholungs- bzw. Mehrfachtäter und besonders schlimme und brutale Taten von Soziopathen geprägt.

Ob bei den Opfern tatsächlich ein Missbrauch vorlag und ein Schaden infolge des Kontakts entstanden ist, spielt keine Rolle. Es wird vorausgesetzt, dass IMMER ein schwerer Schaden entsteht.

Nicht straffällig gewordene Pädophile spielen in der Wahrnehmung dagegen kaum eine Rolle, obwohl sie die deutliche Mehrheit unter den Pädophilen stellen dürften. Es gibt schließlich keine Möglichkeit, diese Pädophilen kennenzulernen und im Kontakt mit der Wirklichkeit das eine oder andere Vorurteil abzuschleifen.

Die Öffentlichkeit kennt (echte und vermeintliche) Pädophile nur aus der Berichterstattung über besonders aufsehenerregende, schwerwiegende und abstoßende Kriminalfälle und durch die entsprechenden Schablonen aus der Unterhaltungsindustrie (Filme, Serien und Bücher mit Serienmördern / Kinderschändern / bösen Zauberern, die auf kleine Jungen stehen).

Auch positive Erfahrungen von Jungen (oder Mädchen) mit Pädophilen haben keine Auswirkung auf die öffentliche Meinung. Sie werden typischerweise nicht bekannt und, wenn doch, werden sie als Selbsttäuschung und Bewältigungsstrategie abgetan. Tatsächlich scheinen positive Erfahrungen insbesondere im Dunkelfeld (bei dem das Problem der Sekundärtraumatisierung zurücktritt) aber eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

Studie von „Kein Täter werden“: Verharmlosung von Pädophilie ist harmlos!

Nach der etwas reißerische Überschrift muss ich leider sofort wieder ein wenig abbremsen. Denn natürlich gibt es keine Studie, die zur offiziellen Einschätzung kommt, dass die Verharmlosung von Pädophilie harmlos ist. Was es gibt, kommt dem aber doch sehr nahe.

Kein Täter werden“

Bevor ich hierzu ins Detail gehe, zunächst ein paar grundlegende Informationen. Schließlich muss nicht jeder das Projekt „Kein Täter werden“ kennen. Es handelt sich um ein staatlich finanziertes Präventionsnetzwerk, mit dem sexuelle Übergriffe auf Kinder und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen im Internet (sog. Kinderpornografie) durch Pädophile verhindert werden soll.

Das Programm richtet sich also nicht an Ersatztäter, die sexuelle Übergriffe auf Kinder begehen, ohne dass sie sexuell primär von Kindern angezogen werden und die für die Mehrzahl der Übergriffe gegen Kinder verantwortlich sind. Es geht auch nicht primär darum, Pädophilen zu helfen, sondern darum, Missbrauchsfälle durch die Teilgruppe der pädophil veranlagten Täter zu verhindern. Dass dabei teils auch den Pädophilen geholfen wird, ist im Grunde lediglich ein wünschenswerter Nebeneffekt.

Der Knackpunkt: Pädophilie ist eine auf Dauer angelegte sexuelle Neigung. Man kann sie nicht „heilen“. Das ist auch den Projektverantwortlichen bewusst. Was stattdessen beeinflusst werden soll, ist die Kontrolle. Einerseits die Eigenkontrolle des Pädophilen bezüglich als problematisch angesehener Handlungen, darüber hinaus, wenn möglich, aber auch die Fremd- bzw. Sozialkontrolle, indem Pädophile tendenziell dazu ermutigt werden, sich anderen Personen gegenüber zu outen. Das Wissen des Pädophilen darum, dass andere, für ihn wichtige Menschen um seine Neigung wissen und zum Teil dann auch deren direkte, wissende Beobachtung soll ebenfalls helfen, als problematisch angesehene Handlungen zu verhindern.

Kontrolle erreicht man nicht, indem man seine (ohnehin auf Dauer angelegten) Neigungen bekämpft. Ein (von vorneherein aussichtsloser) Kampf führt zum Kräfteverschleiß und zur Schwächung der emotionalen und geistigen Stabilität. Stattdessen muss zunächst einmal die Neigung akzeptiert werden und der Betroffene emotional stabil werden. Es kann zum Beispiel unterstützt werden, positive Ausgleichsmöglichkeiten zu finden und Ressourcen zu erschließen. Auch ein Outing kann – wenn alles gut geht – viel zur emotionalen Stabilität beitragen. Ein gelungenes Outing kann auch einige der Ängste erheblich lindern, die Pädos in ihrem Leben schwer belasten. Einzelnen Pädos kann das Angebot von „Kein Täter werden“ deshalb durchaus helfen.

Ideologisch belastet

Das Projekt ist allerdings dogmatisch-ideologisch belastet. Im Kern geht es um die Verhinderung von „Missbrauch“ durch Akzeptanz der eigenen Gefühle und Resignation im Sinne einer durch die Therapie vermittelten Anerkennung der Unmöglichkeit der angestrebten Liebesbeziehung, der Unmöglichkeit von Einvernehmlichkeit, der Unvermeidlichkeit einer Schädigung und der Erkenntnis der eigenen Gefährlichkeit.

Das hat aus meiner Sicht etwas von erlernter Hilflosigkeit. Einem zur Liebe fähigen Menschen soll beigebracht werden, dass er nicht lieben kann und nicht lieben darf, weil er mit seiner Liebe sich selbst und den geliebten Menschen ebenso sicher in die Luft sprengen würde, wie ein Islamist, der seinen Sprengstoffgürtel zündet.

Dieser Teil des Ansatzes von „Kein Täter werden“ ist ideologisch getrieben und kümmert sich nicht um beobachtbare Wirklichkeit. Die Verantwortlichen streiten z.B. kategorisch und dogmatisch ab, dass es so etwas wie Einvernehmlichkeit zwischen einem Kind und einem Erwachsenen geben kann. Diese normative Aussage, basiert auf einer Theorie (dem Konzept des „informed consent“) und wird als verbindliche, allgemeingültige und unumstößliche Wahrheit hingestellt.

Mit wissenschaftlichen Arbeiten hat das wenig zu tun. Normalerweise sind Theorien Hypothesen, erfordern einen Beweis und können widerlegt werden. Faktisch gibt es hier aber ein Denk- und Sprachverbot für Wissenschaftler. Wer in den Verdacht gerät, pädophilen-freundliche Aussagen zu vertreten, kann seine Karriere heutzutage an den Nagel hängen.

Ich könnte über die Gegenposition viel schreiben, was den Artikel deutlich länger machen würde, beschränke mich aber auf den Verweis auf meinen Artikel „Zu viel Einvernehmlichkeit. Zu wenig Gewalt.“ und die Wiedergabe einer Wortmeldung aus dem Publikum bei einer öffentlichen Diskussion zum Thema Pädophilie aus dem Jahr 2013:

Ich möchte zwei Dinge sagen. Als ich dreizehn war und die Sexualität entdeckte, war ich ständig auf der Suche nach jemandem, mit dem ich ins Bett gehen konnte. Und irgendwann habe ich das gefunden. Er war vierzig Jahre alt und es war großartig. Das war so wichtig für mich. Das ist Punkt eins. Und die andere Sache, die ich sagen möchte: Ich bin schwul, ich durfte lange Zeit nicht sein, wer ich war, und ich hoffe, dass sich jeder vorstellen kann, wie es ist, wenn man nicht sein kann, wer man ist. Wenn du eine Frau liebst: und du darfst keine Frau lieben. Wenn du einen Mann liebst: und du darfst keinen Mann lieben. Und da haben wir die Pädosexuellen, die das gleiche Problem haben, wie ich in meiner Jugend. Sie dürfen nicht fühlen, was sie fühlen, sie dürfen nicht zärtlich sein, zu dem sie zärtlich sein wollen. Dass Missbrauch furchtbar ist, da stimme ich völlig zu, aber wir müssen uns sehr bemühen, diese Menschen in der Situation, in der sie sich befinden, zu unterstützen und versuchen, sie zu verstehen.

Wortmeldung aus dem Publikum, Podiumsdiskussion in der Reihe Denkcafé des Arminius Konferenz- und Debattenzentrums in Rotterdam

Für mich hört sich dieser Lebensbericht nicht nach Missbrauch an. Nach der für mich sehr glaubhaften Schilderung war die Beziehung aktiv gewünscht und hat dem Jungen gut getan.

Dieser Teil des Spektrums der Realität sexueller Kontakte wird konsequent geleugnet und ignoriert, weil man glaubt ansonsten eine Lücke in einer Mauer zuzulassen, die aus ideologischer Sicht gar nicht dick genug sein kann.

Die Kosten für die Leugnung der Wirklichkeit tragen dann andere. Nicht nur Pädophile, sondern auch dreizehnjährige Jungen, die ihre Beziehung großartig und total wichtig finden, die aber sie zwangsweise verheimlichen müssen und denen bei Entdeckung „beigebracht“ wird, dass sie angeblich auf furchtbarste Weise getäuscht und missbraucht wurden.

Sexuelle Selbstbestimmung sieht anders aus.

Finanziell abhängig

Eine weitere Schwäche des Projekts ist, dass es staatlich finanziert ist. Das Projekt ist also mitnichten unabhängig, sondern vom Wohlwollen eines Geldgebers abhängig, der den Kampf gegen Kindesmissbrauch zur populistischen Selbstdarstellung nutzt.

Projekte, die sich um Drogenabhängige kümmern, haben sich in der Vergangenheit für die begrenzte Legalisierung von Marihuana (Besitz für den Provatgebrauch) stark gemacht oder sich für die kostenlose Abgabe von Ersatzdrogen wie Methadon eingesetzt. Das wäre – eigentlich – auch auf Pädophilie übertragbar. Zur Kontrolle gehört auch die Möglichkeit einer für Dritte unschädlichen Form der Triebabfuhr.

Aus meiner Sicht ist es möglich und naheliegend, dass der Konsum von Posing-Bildern (also Bildern, die keine sexuelle Handlungen zum Gegenstand haben) oder virtueller Kinderpornographie (Zeichnungen, Computeranimationen) einigen Pädophilen in diesem Sinne sehr helfen kann, mit Ihrer Neigung klarzukommen und reale Sexualkontakte mit Kindern zu verhindern.

Hier wäre einiges denkbar, z.B. die Entkriminalisierung und des Besitzes von Posing-Bildern (seit 2015 strafbar) oder die generelle Freigabe von Herstellung, Vertrieb und Besitz virtueller Kinderpornographie (Texte, Zeichnungen, Computeranimationen).

Eine weitere Möglichkeit wäre die Duldung des Vertriebs und vielleicht sogar die Verschreibungsfähigkeit geeigneter Sexpuppen. Schon die Vorstellung mag der normsexuelle Durchschnittsbürger ekelerregend finden, aber Sexpuppen sind nun einmal Dinge und Dingen kann man keine sexuelle Gewalt antun. Wenn ihr Einsatz einen therapeutischen Nutzen hätte, wären pseudo-moralische Anwandlungen unangebracht und müssten zurücktreten. Die Klärung der Frage, ob es einen entsprechenden therapeutischen Nutzen gibt, wäre ein sinnvoller Forschungsgegenstand.

Solche Ansätze sucht man bei “Kein Täter werden” aber vergeblich. Es gibt auch keine ernsthafte Differenzierung zwischen Kinderpornographie, Posing-Bildern oder virtueller Kinderpornographie. Alles, was Pädophile erregen kann, wird unter den Dachbegriff “Missbrauchsabbildungen” gepackt (soll heißen: Darstellungen, die zeigen, wie Kinder sexuelle Gewalt erleben). Das virtuelle Kinderpornografie (Texte, Zeichnungen, Computeranimationen) völlig ohne real existierende Kinder auskommt, spielt keine Rolle. Die Verdammung erstreckt sich auf alles, was der Gesetzgeber verdammt.

Diese Positionierung scheint mir weder in Hinblick auf die Lebensqualität der Teilnehmer, noch unter präventiven Gesichtspunkten, die ja eigentlich den Kern der Projekts ausmachen, sinnvoll.

Der bessere Zugang zu Pornographie ab den 60er Jahren korrelierte mit einer Abnahme von Sexualstraftaten. Meiner Einschätzung nach ist dies auf Kinderpornografie übertragbar.

Zudem kam auch eine Schweizer Studie zur Delinquenz von Konsumenten von Kinderpornografie, zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Kinderpornografie alleine keinen Risikofaktor für spätere physische Sexualdelikte darstellt.

Umgang mit „Verharmlosung“

Kinder-vor-Missbrauch-Schützer sind in Ihrem Ansatz extrem dogmatisch und absolut kompromisslos.

Ein Pädophiler, der ein Kind „liebt“, ist Opfer einer Selbsttäuschung.

Kein Kind würde jemals einem sexuellen Kontakt zustimmen. Täte es dies doch, liegt trotzdem zwingend sexuelle Gewalt vor, denn “Bei unter 14‐Jährigen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können – sie sind immer als sexuelle Gewalt zu werten, selbst wenn ein Kind damit einverstanden wäre.”

Jedes Posing-Bild und auch die Darstellung sexueller Interaktion allzu jugendlicher Comicfiguren ist eine Missbrauchsabbildung.

Wer von diesen und ähnlichen Positionen abweicht, verharmlost „schwerste Verbrechen“.

Auch die Verantwortlichen von „Kein Täter werden“ sind „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“. An dieser Stelle nähern wir uns nun langsam der reißerischen Überschrift.

Die Harmlosigkeit von Verharmlosung

Auf der Seite von „Kein Täter werden“ sind in der Rubrik „Themen“ unter der Überschrift „Präventionsprojekt“ auch „Publikationen“ verlinkt.

Eine der Veröffentlichungen aus dem Jahr 2016 trägt den Titel „The Association of Sexual Preference and Dynamic Risk Factors with Undetected Child Pornography Offending, Berlin 2016“ (Die Assoziation der sexuellen Präferenz und dynamischer Risikofaktoren mit unentdeckten Kinderpornographie-Vergehen).

Neben der schon im Titel genannten Nutzung von Kinderpornographie bzw. Missbrauchsabbildungen (CAI = Child Abuse Images) wird mit der Studie auch der Effekt der Risikofaktoren auf gemischte Straftaten, also die Nutzung von Missbrauchsabbildungen UND sexuellen Kindesmissbrauch untersucht.

An der Studie nahmen 190 Probanden teil, die auch an einer Therapie beim Projekt „Kein Täter werden“ teilgenommen haben.

Einer der untersuchten Risikofaktoren war eine verharmlosende Einstellung zu Kindesmissbrauch, gemessen nach der BMS Skala.

BMS ist eine 38-Punkte-Skala, die maladaptive Kognitionen und verletzungsunterstützende Einstellungen zugunsten von Kindesmissbrauch (CSA = Child sexual abuse) misst. Aussagen über Kinder und Sex mit Kindern werden auf einer 4-Punkte-Likert-Skala bewertet, die von 1 (trifft nicht zu) bis 4 (stimmt stark zu) reicht. Die Werte reichen von 38 bis 152. Höhere Werte weisen auf Straftat-begünstigende Einstellungen und eine größere Tendenz zur Rechtfertigung von Sexualstraftaten hin.

Ich habe einen (englischsprachigen) BMS Fragebogen gefunden und mal nachgeschaut auf welchen Wert ich kommen würde. Ich lande auf der “Verharmlungs-Skala“ danach bei 97 von 152 möglichen Punkten.

Zu den verschiedenen untersuchten Risikofaktoren wurde statistisch jeweils ein Chancenverhältnis ermittelt. Ein Chancenverhältnis von genau 1 bedeutet, dass es keinen Unterschied in den Chancen gibt, >1 bedeutet, dass die Chancen größer sind, <1 bedeutet, dass die Chancen kleiner sind. Ein Wert von 0.5 steht für eine Halbierung des Risikos, ein Wert von 2 für eine Verdoppelung des Risikos.

Nach dem Ergebnis der Studie scheint die sexuelle Präferenz (pädophil oder hebephil) ein relevanter Risikofaktor zu sein, das 95%-Konfidenzintervall für die statistisch ermittelten Spannbreiten des Chancenverhältnisses ist aber (laut dem Abschnitt in dem die Ergebnisse erläutert werden) aber relativ hoch, die Aussagen daher nicht ganz zuverlässig. Der einzige in der Studie klar identifizierte und besonders herausgestellte Risikofaktor ist eine zwanghafte sexuelle Fixierung (sexual preoccupation).

Der Risikofaktor „Offence Supportive Attitudes“ (Straftat-begünstigende Einstellungen) hatte gar keinen Einfluss auf das Chancenverhältnis. Das Chancenverhältnis lag je nachdem was miteinander verglichen und welches statistische Verfahren verwendet wurde bei Werten von 0,99 bis 1,01 und das 95%-Konfidenzintervall für die Spannbreite des Chancenverhältnisses war so eng wie bei keinem anderen untersuchten Faktor. Die Spannweite lag im Bereich von 0,96 bis 1,04.

Hätte man untersucht, ob die Präferenz für Kaffee oder Tee den Konsum von Kinderpornographischen Abbildungen oder den sexuellen Missbrauch von Kindern beeinflusst, wären vermutlich sehr ähnliche Werte herausgekommen.

Das Vorhandensein angeblich sexuelle Übergriffe begünstigender Einstellungen spielt also lt. Untersuchung von „Kein Täter werden“ für das Auftreten von Straftaten (Kinderpornographie, sexueller Kindesmissbrauch) keine Rolle. Es gab keinen anderen untersuchten Faktor, der auch nur annähernd so wenig Einfluss auf das Risiko einer Straftat hatte.

Als Ergebnis liest man dazu: „Die übrigen Faktoren (Exklusivität der Pädohebephilie, Geschlechtspräferenz und Straftat-begünstigende Einstellungen) zeigten keine signifikanten Zusammenhänge“.

Fragwürdiger Fragebogen

Abschließend muss ich allerdings auch feststellen, dass der Fragebogen zum Thema „Straftat-begünstigende Einstellungen“ eine ziemliche Katastrophe ist.

Er soll anhand der Beantwortung von 37 Fragen „kognitive Verzerrungen“ messen, die auf Straftat-begünstigende Einstellungen hindeuten. Es gibt also aus der normativen Sicht der Fragebogen-Erfinder eine richtige und eine falsche Antwort und zwar nicht lediglich im moralischen Sinne, sondern in Hinblick auf die Wirklichkeit. Wer unter einer kognitiven Verzerrung leidet nimmt die Welt nämlich nicht so wahr, wie sie tatsächlich ist.

Nehmen wir nun etwa die Frage: „Das bloße Liebkosen/Fummel eines Kindes ist nicht so schlimm wie das Eindringen in ein Kind und wird das Kind wahrscheinlich nicht so stark beeinträchtigen.“ Die Antwort dazu erfolgt (wie bei jeder der Fragen) auf einer 4-Punkte-Skala, die von 1 (trifft nicht zu) bis 4 (stimmt stark zu) reicht.

Wer nicht glauben mag, dass eine Hand am Po genauso schlimm für ein Kind ist eine anale oder vaginale Vergewaltigung leidet an einer kognitiven Verzerrung in Hinblick auf die angebliche Wirklichkeit und hat bereits 4 Punkte gesammelt, um am Ende der Auswertung als Mensch mit angeblich Straftat-begünstigender Einstellung hingestellt zu werden.

Es gib für echte Gläubige eben nur schwerste Straftaten. Der minder schwere Fall ist dogmatisch abgeschafft, Petting genauso schrecklich (Seelenmord !!!) wie eine Vergewaltigung. Ketzer, die gedanklich gegen diese reine Lehre verstoßen, haben eine Straftat-begünstigende Einstellung und sind pro-pädophil.

Sogar Gedanken werden mit Taten gleichgesetzt. Frage: „Sexuelle Gedanken und Fantasien über ein Kind zu haben, ist nicht so schlimm, weil es dem Kind zumindest nicht wirklich schadet.“ Wer zustimmt, hat eine kognitive Verzerrung (weil sexuelle Fantasien nach Meinung der Fragesteller anscheinend ebenso schlimm sind, wie sexuelle Übergriffe) und damit weitere 4 Punkte gesammelt.

Nicht alle Fragen sind gleich unterirdisch, das Niveau ist in der Summe aber erschreckend.

Fazit

Es wäre schön, wenn das Ergebnis der Studie von „Kein Täter werden“ ein Umdenken bei den Verantwortlichen bewirken könnte und ihren vielleicht die Erkenntnis vermittelt, dass es für die Prävention von Kindesmissbrauch nichts bringt, vermeintlich Straftat-begünstigende Einstellungen zu bekämpfen.

Ja, es wäre schön. Zu schön. um wahr zu sein.

Ansonsten dürfte die Studie ziemlich wertlos sein, weil Dinge als gleich behandelt und ausgewertet werden, die nicht gleich sind.

Es wird nicht zwischen Petting und Anal-/Vaginalverkehr unterschieden. Posing-Bildern, virtuelle Kinderpornographie und Kinderpornographie landen gemeinsam im Topf Missbrauchsbilder. Genauso landet alles im Topf Kindesmissbrauch. Liebesbeziehung, willentliche Einwilligung, Drohungen, Zwang und Gewalt – für die Forscher von „Kein Täter werden“ alles dasselbe.

Das Ergebnis ist vorhersehbar: für die Tonne.

Auf dem Weg zur Gesinnungsjustiz: Moralisierung des Strafrechts

Gesinnungsverbrechen: Antisemitismus

Kürzlich konnte man im Tagesspiegel eine Forderung des Antisemitismusbeauftragen Klein lesen, die mich erschreckt hat:

Außerdem brauchen wir ein politisches Zeichen: Das Strafrecht muss so erweitert werden, dass antisemitische Taten härter bestraft werden können. Nach den NSU-Morden wurde ein entsprechender Paragraf im Strafgesetzbuch geschaffen, der es ermöglicht, Taten besonders zu ahnden, wenn sie aus rassistischen und fremdenfeindlichen Motiven begangen wurden. Diesen Katalog sollten wir um antisemitische Motive ergänzen. Denn Antisemitismus ist eine besondere Form der Diskriminierung, keine Unterkategorie von Rassismus. (…) Antisemitismus ist ein Angriff auf die Würde des Menschen und auf unsere Gesellschaftsordnung, die vom Grundgesetz geschützt wird. Der Gesellschaft muss klar sein, dass sie eingreifen muss, um die Demokratie zu verteidigen. Das fängt nicht erst mit antisemitischen Angriffen an, sondern bereits dann, wenn etwas gegen Juden gesagt wird. An dieser Stelle muss man im Alltag einschreiten, im Betrieb, auf dem Fußballplatz oder in der U-Bahn. Das gilt auch, wenn Juden als deutsche Staatsbürger für Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. Der israelbezogene Antisemitismus ist die am weitesten verbreitete Form der Judenfeindschaft in Deutschland – bei Rechts- wie Linksextremen und bei den Islamisten sowieso.

Antisemitismus ist „nur“ eine Gesinnung. Ich mag Antisemitismus persönlich verurteilen, als Geisteshaltung sollte er aber nicht strafbar sein.

Auch wenn Klein nicht Gedanken verbieten will, sondern erst bei Worten („wenn etwas gegen Juden gesagt wird“) anfängt, wird es schwierig. Das Beispiel des israelbezogene Antisemitismus zeigt aus meiner Sicht, dass man mit Verboten und Verbotsforderungen leicht über das Ziel hinausschießen kann. Eine kritische Sicht auf den aktuellen israelischen Premier Netanyahu oder israelische Regierungspolitik ist – unabhängig davon, ob man diese kritische Sicht teilt oder nicht – legitim. Sie wird nicht allein deshalb illegitim und verwerflich, weil Netanyahu Jude ist.

Die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen wird nicht durch Gedanken angetastet, sondern durch Worte (z.B. § 185 Bleidigung, § 186 Üble Nachrede, § 187 Verleumdnung, § 130 Volksverhetzung), vor allem aber durch Taten.

Gedanken sind frei und das nehme ich auch für meine eigenen Gedanken in Anspruch. Als päderastisch veranlagter Mensch mag es mir nicht erlaubt sein, mit einem willigen 12jährigen Sex zu haben. Aber noch kann mir niemand verbieten, mir in meinem Kopf einvernehmlichen Sex mit einem willigen 12jährigen vorzustellen oder unkeusche Gedanken beim Anblick eines Models für Jungenmode zu haben.

Doch zurück zur Forderung des Antisemitismusbeauftragten:

Warum ist Antisemitismus (angeblich) eine besondere From der Diskriminierung und keine Unterkategorie von Rassismus? Welchen tieferen Sinn macht es, künstlich eine Strafbarkeitslücke herbeizureden? Geht es vielleicht darum, später die Lorbeeren für das Schließen einer (künstlich geschaffenen) Straflücke einheimsen zu können?

Und was ist dann mit Antiislamismus, Antijesidismus, Antihinduismus, Antikatholizismus, Homophobie und Pädophobie? Verletzen die dann nicht auch die Würde des Menschen? Müssen wir erst auf die Berufung eines Antijesidismusbeauftragten und eines Pädophobiebeauftragten warten oder wird diese Schutzlücke gleich mit geschlossen? Wer entscheidet auf welcher Grundlage, welche Menschengruppe besondern Schutz genießt und welche Gruppe eines besonderen Schutzes nicht würdig bzw. unwürdig ist?

Gesinnungsverbrechen: Femizid

Wenn ein Verbrechen an einem Juden als besonders verwerflich, verabscheuenswürdig und strafwürdig dargestellt wird, erinnert mich das auch an die Rede vom „Femizid“ als Neu-Bezeichnung des Mordes an einer Frau:

Femizid unterschiedet sich von Mord in spezifischer Weise. So werden die meisten Femizide von Partnern oder Ex-Partnern begangen, sie gehen mit häuslicher Gewalt einher, mit Drohungen und Einschüchterungen, sexueller Gewalt oder Situationen, in denen Frauen weniger Macht und Ressourcen haben. (…) Die Taten haben eine Vorgeschichte und die ist kein romantisches Drama – sondern hat mit Macht und Gewalt zu tun. Hinter Femizid steckt die Vorstellung, dass Frauen weniger wert sind.

Aus meiner Sicht ist das vor allem Geschwafel. Jede Tat (erst Recht jeder Mord) hat eine Vorgeschichte. Was sonst angeführt, etwa Drohungen, Einschüchterungen und sexuelle Gewalt gibt es nicht nur gegenüber Frauen sondern kann genauso gegen Männer gerichtet sein. Auch hat ein Mörder stets die Vorstellung, dass sein Opfer weniger, nichts oder weniger als nichts wert ist. Und: die weitaus meisten Mordopfer von Männern sind nicht etwa weiblich, sondern männlich.

Für mich ist die Forderung nach einem Sonderstatus für Gewalt gegen Frauen komplett abwegig. Warum soll der Mord an einer Frau per se anders bzw. härter bestraft werden, als der an einem Mann? Ist ein Mann weniger wert als eine Frau? Und wenn wir den Mord an Frauen künftig Femizid nennen sollen, sollen wir den Mord an einem Mann dann künftig Maskulinizid nennen? Wem hilft das?

Wie könnte man es ernsthaft rechtfertigen, dem Mörder eines weiblichen Opfers pauschal (durch Schaffung eines eigenen Straftatbestandes und möglicherweise im Sinne einer unwiderlegbaren juristischen Fiktion) Frauenhass bzw. die Überzeugung von der angeblichen Minderwertigkeit von Frauen zu unterstellen? Und müsste man dem Mörder an einem Mann dann nicht ebenso konsequent Männerhass unterstellen – mit analogen Konsequenzen?

Wäre es nur Femizid, wenn ein Mann eine Frau ermordet und Maskulinizid, wenn eine Frau einen Mann ermordet? Schließlich kann auch eine Frau frauenfeindlich und ein Mann kann männerfeindlich sein. WUnd nochmal: warum sollte der Mord am anderen Geschlecht verwerflicher sein als der am eigenen Geschlecht?

Das Gegenmodell: Gleichheit vor dem Gesetz

Ob das Opfer einer Tat arm oder reich, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, blond oder rothaarig, dick oder dünn, Linkshänder oder Rechtshänder ist, spielt für die Bewertung eines beliebigen Verbrechens heute zu Recht keine Rolle.

Das war allerdings nicht immer so. Ein Verbrechen an einem Leibeigenen, einem Sklaven oder einer Frau wurde in der Vergangenheit teilweise anders oder auch gar nicht geahndet. Ein freier Bauer etwa galt als mehr wert als ein Leibeigener, ein Adeliger galt als mehr wert als ein freier Bauer und ein Mann galt mehr als eine Frau. Das ist heute zum Glück vorbei. Und daran sollte auch nicht gerüttelt werden.

In Artikel 3, Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Das bedeutet auch, dass es (eigentlich) keine Sonderrechte oder Sondergesetze geben darf. Für alle Menschen gelten die gleichen Gesetze und alle Menschen sind durch die Gesetze gleich geschützt.

Ich möchte nicht ausschließen, dass es einzelne berechtigte Ausnahmen von dieser Regelung geben mag. Jede Abweichung von diesem Grundprinzip ist aber immer auch eine gefährliche Aufweichung des Grundprinzips der Gleichheit vor dem Gesetz, das eine tragende Säule eines als (im Wesentlichen) gerecht empfundenen Rechtssystems ist. Wer an dieser Säule gräbt, läuft Gefahr den Rechtsstaat an sich zu untergraben und auszuhöhlen.

Ausnahmen von der Regel der Gleichheit

Eine – aus meiner Sicht hoch problematische und falsche – Ausnahme gibt es bei der Beschneidung: die Körperverletzung durch Beschneidung ist beim nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kind ausdrücklich erlaubt. Beim weiblichen Geschlecht ist die Körperverletzung dagegen (unabhängig vom Alter, wobei real aber ganz überwiegend ebenfalls Kinder betroffen sein dürften) als Genitalverstümmelung verboten.

Eine andere Ausnahme gibt es beim Alter in Hinblik auf die sexuelle Selbstbestimmung. Kindern wird unabhängig von ihrer tatsächlichen Reife die Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung pauschal und unwiderlegbar abgesprochen. Sie gelten als nicht einwilligungsfähig. Perfiderweise geschieht dies auch noch unter dem Deckmantel des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung.

Auch dies ist eine aus meiner Sicht ebenfalls eine hoch problematische und falsche Ausnahme und zwar nicht etwa – wie man vielleicht meinen könnte – aus Eigennutz, weil ich mir von einer Gesetzesänderung die Möglichkeit sexueller Kontakte versprechen würde.

Unabhängig von Änderungen der Gesetzeslage bleiben sexuelle Kontakte von Erwachsenen mit Kindern mindestens in den nächsten Jahrzehnten gesellschaftlich geächtet und damit kaum möglich. Darüber hinaus müsste man für einen sexuellen Kontakt auch erst einmal seine natürliche und erworbene Schüchternheit und Verklemmtheit überwinden, was nach Jahrzehnten der Abstinenz für mich sicher ein nur schwer überwindliches Hindernis wäre. Selbst wenn das Schutzalter morgen bei 12 oder 10 läge, würde sich an meiner sexuell trostlosen Situation ralistisch betrachtet wohl wenig bis nichts ändern.

Die Gesetzgebung ist an dieser Stelle einfach sachlich falsch. Sie wird der Realität nicht gerecht und führt deshalb zu Unrechtsurteilen, die Menschen (Erwachsene und auch Kinder) ohne Not ins Unglück stürzen.

Neben der Wirkung auf Nicht-Kinder (Jugendliche und Erwachsene) kriminalsisiert die aktuelle Regelung auch Kinder, denn Kinder, die Sex mit anderen Kindern haben, machen sich in Deutschland strafbar. Es wird bei Verdacht gegen sie ermittelt und sie werden durch den Rechtsstaat schickaniert. Sie werden nur deshalb nicht angelagt, weil sie als Kinder noch strafunmündig sind. Alternative Zwangsmaßnahmen wie z.B. Inobhutnahme (Heim) oder Zwangstherapie sind allerdings auch gegen Kinder möglich und werden zunehmend auch mehrheitsfähig. Altertypisches Sexualverhalten kann deshalb heute auch für ein Kind schwere negative Konsequenzen nach sich ziehen. Das ist falsch und verwerflich.

Geschützt werden muss der Mensch

Es heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, nicht „Die Würde des Juden ist unantastbar“ oder „Die Würde der Frau ist unantastbar.“ Natürlich sind auch Frauen und Juden (und ja, sogar Pädophile) geschützt, aber nicht aufgrund Ihrer Eigenschaft als Jude oder Frau, sondern aufgrund ihrer Eigenschaft als Mensch.

Bestraft werden muss die Tat gegen einen Menschen und nicht die Tat gegen einen Juden, einen Moslem oder eine Frau. Eine Frau ist nicht lediglich aufgrund ihres Geschlechts schützenswerter als ein Mann oder ein Jude aufgrund seines Glaubens schützenswerter als ein Atheist.

Hypermoral als unseeliger Megatrend

Der Ruf nach Sondergesetzen ist meiner Einschätzung nach Ausdruck einer hypermoralischen gesellschaftlichen Strömung, bei der statt der Verletzung von Rechten die Moral bzw. das „richtig“ und „falsch“ zum bestimmenden Maßstab wird.

Es spielt dabei kaum eine Rolle, was jemand gemacht (oder nicht gemacht) hat (auch wenn sexuelle Vergehen jeder Art und jedes Schweregrads als besonders unverzeihlich gelten). Hier ein paar aktuelle Beispiele prominenter Personen:

  • Greta Thunberg wurde massiv angegriffen, weil sie in einem Rennsegelboot den Atlantik überquert hat, für dessen Rückführung klimaschädliche Flüge für Crewmitglieder anfallen. Realistisch betrachtet ist der Anlass für die heftigen Attacken kein schweres moralisches Versagen, sondern maximal die nicht ausreichend durchdachte Entscheidung einer Jugendlichen.
  • Der Schalke-Chef Clemens Tönnis wird wegen einer Bemerkung in einer frei gehaltenen Rede auf einmal als Rassist gebrandmarkt. Realistisch betrachtet ist Tönnis in der Vergangenheit (meiner Kenntnis nach) nicht als Rassist aufgefallen und hat einfach eine unbedachte, locker gemeinte Bemerkung gemacht, die spektakulär nach hinten losgegangen ist.
  • Der Opernstar Plácido Domingo wird auf einmal in die Nähe eines Vergewaltigers gerückt, weil er vor 30 Jahren Frauen sexuell belästigt haben soll. Auch wenn ich sexuelle Belästigung schon immer mies fand, hat er sich mit seinem früheren Verhalten wahrscheinlich innerhalb der damals noch akzeptierten Normen bewegt. Die Vorfälle liegen lange zurück und wären, wenn sie denn überhaupt strafbar gewesen sein sollten, wohl auch längst verjährt. Sie sind darüber hinaus unbewiesen und wurden von Domingo bestritten. Selbst wenn Domingo sich vor 30 Jahren daneben benommen haben sollte und Dinge tat, die er als Flirt, sein Gegenüber aber als Belästigung interpretierte, ist es nicht angemessen den Mann heute nach Taten zu bewerten, die er vor 30 Jahren begangen hat bzw. haben soll. In 30 Jahren verändert sich ein Mensch. Der Mann, der sich vor 30 Jahren daneben benommen haben soll, war ein anderer Plácido Domingo als der Plácido Domingo von heute.

Natürlich kann es auch nicht-Prominente treffen (auch wenn Prominente und „Peronen des Zeitgeschehens“ anfälliger sind). Z.B. könnte eine Studentin ein Stipendium, für das sie 5 Jahre oder länger hart gearbeitet hat, über Nacht verlieren, wenn sie sich (nach Mehrheitsmeinung) unangemessen gegenüber einem Obdachlosen verhält und sich ein Video dazu auf YouTube wiederfindet. Es könnte auch sein, dass nichts passiert, sie aber 10 Jahre später ihren Job als Leiterin einer Marketingabteilung verliert, weil das Video auf einmal „entdeckt“ und problematisiert wird.

Wer den aktuellen – immer restriktiver werdenden – gesellschaftlichen Normen nicht genügt oder den heutigen Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ irgendwann in der Vergangenheit einmal nicht genügt hat, läuft Gefahr, in einen „Shitstorm“ zu geraten, der zu sozialer Ausgrenzung und wirtschaftlichem Schiffsbruch führen kann. In Grunde eine neue Art der Naturgewalt, wie ein überraschendes Erdbeben oder eine Sturmflut, die theoretisch fast jeden jederzeit aus heiterem Himmel treffen kann. Dagegen versichern kann man sich leider nicht.

Das Gefühl dafür, dass Menschen im Laufe Ihres Lebens stets und unvermeidlich verdammt viele Fehler machen, ist verloren gegangen. Das Normalexemplar eines Menschen ist zwingend auf eine angemessene Fehlertoleranz seiner Umwelt angewiesen, die heute aber zunehmend verkloren geht. Fehler werden stattdessen ewig erinnert (das Internet vergisst nie) und erbarmungslos verfolgt.

Hypermoral und Recht

Statt den Unrechtsgehalt einer Tat am objektiven Eingriff in geschützte Rechtsgüter (wie das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum) festzumachen, soll zunehmend die gefühlte moralische Verwerflichkeit und der Grad der Missbilligung und Empörung als entscheidendes Kriterium für die Strafwürdigkeit einer Tat herhalten.

Das ist ein gefährlicher Irrweg. Es gefährdet den Rechtstaat, wenn nicht mehr die Tat an sich, sondern die (antisemitische, rassistische, sexistische, pädophile, weltanschauliche) Gesinnung / Orientierung bestraft werden soll.

Gesetze sollen das Recht des Einzelnen verteidigen und zwar auch gegen die Vorstellungen und Wünsche einer Mehrheit. Wenn mit dem Strafrecht „politische Zeichen“ gesetzt werden sollen, wie dies der Antisemitismusbeauftragte Klein fordert, ist das alarmierend. Es handelt sich um nichts anderes als den Missbrauch des Strafrechts für politische (und gesellschaftliche) Zwecke. Seine eigentliche Funktion (den Schutz von Rechtsgütern) kann das Strafrecht dadurch immer schlechter erfüllen.

Pädophile waren hiervon in der Vergangenheit besonders stark betroffen. Fast alle Strafverschärfungen und geschlossenen „Schutzlücken“ der letzten drei Jahrzehnte sind auf eine Moralisierung des Strafrechts und populistische „politische Zeichen“ gegen „Gewalt gegen Kinder“ oder gegen „Pädophilie“ (in hetzerischer Gleichsetzung des Pädophilen mit dem „Kinderschänder“) zurückzuführen.

Daran dürfte sich auch nichts ändern. Die nächsten Verschärfungen sind bereits angestoßen und auch damit dürfte es noch lange nicht getan sein. Kinderschutz wird politisch durch Gesetzesverschärfungen demonstriert. Dabei geht es primär um Wählerstimmen. Mit vergangenen Gesetzesverschärfungen kann man nicht mehr punkten, es müssen also immer neue her.

An diesen Stollen im Rechtssystem bricht allerdings nichts zusammen. Dafür sind zu wenige Menschen betroffen. So gesehen kann sich die nicht nur im Sexualstrafrecht, sondern im Strafrecht insgesamt feststellbare Fehlentwicklung einer zunehmenden Moralisierung ultra-langfristig vielleicht sogar als heilsam erweisen. Je mehr Menschen betroffen sind, desto eher wird die Fehlentwicklung erkannt und eine Korrektur möglich, mit der das Strafrecht wieder von Moralverboten befreit wird.

Die Schraube wird immer weiter angezogen bis sie (hoffentlich) irgendwann bricht. Leider haben wir aber heute nichts davon, wenn die Schraube (vielleicht) in zwanzig oder dreißig Jahren endlich bricht.

Die nächste Welle

Ein Blick zurück

Pädos sind Gesetzesverschärfungen gewöhnt.

Seit 1993 ist der Besitz von Kinderpornographie illegal, sofern ein tatsächliches Geschehen wiedergegeben wird. Ursprünglich galt der Besitz (!) von Kinderpornographie nicht als strafwürdig (im Gegensatz zur Herstellung oder der Verbreitung).

Aus der Begründung der Beschlussempfehlung für die Gesetzesänderung im Jahr 1993:

Im Hinblick auf die Tatsache, daß das geltende Strafrecht die Entstehung und Ausbreitung des Videomarktes für Kinderpornographie und den damit verbundenen sexuellen Mißbrauch von Kindern nicht hat verhindern oder eindämmen können, bestand Einigkeit im Ausschuß über die Notwendigkeit der Verschärfung des Strafrechts in diesem Bereich.

Es ging dem Gesetzgeber also darum, den Kindesmissbrauch bei der Produktion von kinderpornographischem Material zu verhindern, indem der „Markt“ bekämpft wird. Deshalb macht eine Beschränkung auf kinderpornographische Darstellungen, die ein tatsächliches Geschehen wiedergeben, natürlich Sinn.

Darüber hinaus sollten Beweisschwierigkeiten in Fällen der Herstellung von Kinderpornographie beseitigt werden:

Allein der Besitz von Kinderpornographie ist nicht strafbar. Deshalb haben Händler von kinderpornographischen Videokassetten die Möglichkeit, sich als Sammler zu tarnen, wenn sie lediglich die „Masterkopie“ bei sich lagern und zum Verkauf benötigte Kopien jeweils bei Bedarf ziehen. In solchen Fällen, in denen ein Verbreitungsvorsatz nicht nach zuweisen ist, ist auch eine Einziehung des kinderpornographischen Produktes nicht möglich (§ 74 d Abs. 2 StGB).

Von der Besitzstrafbarkeit versprach man sich, Händlern von Kinderpornographie besser habhaft werden zu können.

Idee hinter der Verschärfung war der Schutz real existierender Personen, die ihre Rollen für einschlägige Fotos und Filme in aller Regel nicht freiwillig übernehmen. Für Personen, die ihre Rolle in aller Regel freiwillig übernehmen, hielt man keinen entsprechenden Schutz für erforderlich:

Diese strafrechtlichen Änderungen entsprechen weitgehend den Zielen der frauenpolitischen Sprecherinnen der Bundestagsfraktionen und der Mitglieder der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, die Eingang in den überfraktionellen Gruppenantrag „Maßnahmen gegen Kinderpornographie“ vom 11. Juni 1991 (Drucksache 12/709) gefunden haben. Sie beschränken sich allerdings auf die Regelung der Kinderpornographie. Von einer Erstreckung der Änderungen auf die anderen Formen der sogenannten harten Pornographie (pornographische Darstellungen mit Gewalttätigkeiten oder sexuellen Handlungen von Menschen mit Tieren) wird abgesehen, da die Personen hier ihre Rollen für einschlägige Fotos und Filme in aller Regel freiwillig übernehmen und ein entsprechender Schutz wie bei der Kinderpornographie nicht erforderlich ist.

Verbot des Besitzes virtueller Kinderpornographie

Seit 1997 ist auch der Besitz von Kinderpornographie, die kein tatsächliches, sondern lediglich ein „wirklichkeitsnahes“ Geschehen wiedergibt, verboten.

Dabei ging es nicht um einen möglichen Unrechtsgehalt, sondern um die Beseitigung eines (angeblichen) Verfolgungshindernisses:

Im “Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung des Schutzes der Gesellschaft vor gefährlichen Straftätern” vom 14.03.1997 wollte der Bundesrat die Worte “und gegen sie ein tatsächliches Geschehen wieder” streichen (siehe Seite 47 des verlinkten PDFs). Die Begründung dazu erfolgte unter “I. Allgemeines” auf Seite 54 des verlinkten PDFs:

Mit dem Verzicht auf das Merkmal der Wiedergabe eines tatsächlichen Geschehens in Absatz 4 und 5 Satz 1 wird ein wesentliches Hemmnis effektiver Strafverfolgung beseitigt. Diesem Aspekt kommt vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der rasch voranschreitenden Computertechnologie besondere Bedeutung zu. Sie ermöglicht Darstellungen, bei denen nicht mit hinreichender Sicherheit beurteilt werden kann, ob ein tatsächliches Geschehen wiedergegeben wird. Eine nachhaltige Forderung der Praxis, die der Bundesrat bereits geltend gemacht hat, wird damit erneut aufgegriffen (BR-Drucksache 966/96 – Beschluß -, Nr. 23; Drucksache 12/3001 S. 10).”

Der Bundestag hat den Vorschlag der Streichung mit folgender Begründung abgelehnt und eine Alternative vorgeschlagen:

Erwägungen, das tatbestandliche Erfordernis der Wiedergabe eines tatsächlichen Geschehens in § 184 Abs. 4 StGB ersatzlos zu streichen, steht die Bundesregierung angesichts der Zielsetzung dieser Regelung, zur Bekämpfung realen Kindesmißbrauchs auch bei der Nachfrage nach entsprechenden Darstellungen anzusetzen (vgl. hierzu Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses, a. a. O.), ablehnend gegenüber. Die Bundesregierung meint jedoch, daß dem Anliegen des Bundesrates durch Änderung der genannten Vorschrift dahin Rechnung getragen werden kann, daß auf Schriften abgestellt wird, die „ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen“ wiedergeben.

So kam es dann.

Sachlich gesehen ist das Verbot aber vollkommen unnötig.

Es gab 1997 keine Möglichkeit mit Computertechnologie Darstellungen zu erzeugen, bei denen nicht mit hinreichender Sicherheit beurteilt werden kann, ob ein tatsächliches Geschehen wiedergegeben wird.

Auch heute ist es kein Problem bei einer Zeichnung oder Computeranimation festzustellen, dass es eine Zeichnung oder Computeranimation ist. Das erkennt normalerweise jeder Laie auf den ersten Blick. Computeranimationen, die erfolgreich echte Menschen vortäuschen können, sind mir jenseits von Hollywood-Blockbustern bisher noch nicht begegnet.

Die möglichen Produzenten von wirklichkeitsnaher Kinderpornographie haben keinen Zugriff auf neueste Computertechnologie für eine bestmögliche Fälschung / Täuschung, da diese sehr teuer ist und es keine zahlungswilligen Kunden gibt, denn niemand bezahlt für Dinge, die man auch kostenlos bekommen kann. Siehe dazu auch den Artikel “Die Legende von der Kinderpornoindustrie” des Rechtsanwalts Udo Vetter im lawblog (dem größten Anwalts-Blog in Deutschland).

Wer Kinderpornographie besitzt, macht sich schon mit dem Besitz einer einzigen “Schrift” (Text, Zeichnung, Bild, Video) strafbar. Wenn man in der Zeitung von einem Fall liest, geht es stets um tausende oder hunderttausende Bilder und um Gibabytes oder gar Terabytes an Daten.

Für die Prüfung der Dateien gibt es darüber hinaus auch automatisierte Verfahren, die verdächtige Dateien bzw. bekannte Missbrauchsabbildungen aufspüren, z.B. die Software Perkeo. Man muss also für den einfachen Nachweis, dass jemand in seinem Datenbestand kinderpornographische Inhalte hat, normalerweise nichts manuell sichten.

Wenn jemand mit Kinderpornographie erwischt wird, der (auch) Bilder mit tatsächlichem Geschehen besitzt, dann werden bei ihm nicht nur ein oder zwei, sondern hunderte, tausende oder hunderttausende dieser Bilder zu finden sein. Es ist also ein Leichtes den Täter des Besitzes von Kinderpornographie, die ein reales Geschehen wiedergibt, zu überführen.

Ein Verbot virtueller Kinderpornografie trägt zur effektiven Strafverfolgung also tatsächlich rein gar nichts bei.

Für einen Computerforensiker ist es darüber hinaus eine Leichtigkeit, oberflächlich gut gemachte Animationen als Animationen zu identifizieren. Das dürfte auch so bleiben. Nicht nur die Computertechnologie zur Erstellung von Bildern schreitet voran, sondern auch die Computerforensik mit der Fälschungen (also lediglich wirklichkeitsnahes Geschehen) entlarvt werden können.

Neue Tatbestände, höhere Strafrahmen

Das Strafmaß für Sexualstraftaten aller Art stieg seit den 1990ern kontinuierlich an.

Der Besitz von kinderpornographischen Darstellungen war zunächst legal und startete 1993 mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe. Die Höchststrafe hat sich seitdem verdreifacht. Aktuell liegen wir bei einer Strafandrohung von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

Parallel wurden bestehende Tatbestände immer mehr erweitert (z.B. gelten Posing-Bilder seit 2015 als Kinderpornographie) und neue geschaffen (z.B. 2015 die Jugendpornographie oder die Lex Edathy).

2002 wurde Kindesmissbrauch zur „schweren Straftat“ erklärt, so dass bei Verdacht die Telekommunikation abgehört und gespeichert werden darf.

Seit 2008 zählt auch der Besitz von Kinderpornographie zu den „schweren Straftaten“, bei denen im Verdachtsfall ein schwerer Eingriff in die Grundrechte erlaubt ist.

Verlängerung der Verjährung

Parallel wurden die Verjährungsfristen effektiv verlängert. Vor 1994 gab es keine relevanten Besonderheiten. Seit dem 30.06.1994 ruht die Verjährung bei Kindesmissbrauch bis zum 18. Lebensjahr des Opfer. Seit dem 30.06.2013 ruht sie bis zum 21. Lebensjahr des Opfers. Seit dem 27.01.2015 ruht sie bis zum 30. Lebensjahr des Opfers.

Auch der Katalog, für welche Taten (bzw. Paragraphen) die Verjährung ruht, wurde ausgeweitet. Hinzu kommt, dass sich mit den parallel erhöhten Strafmaßen auch die eigentliche Verjährungsfrist verlängert, da die Verjährungsfristen mechanisch an die Höhe des Höchstmaßes einer Straftat gekoppelt ist.

Aktuell sind sexuelle Kontakte mit Kindern (§ 176 „Kindesmissbrauch“) mit einer Höchststrafe von 10 Jahren bedroht, was eine Verjährungsfrist von 10 Jahren bedeutet.

Wenn jemand ein Kind z.B. oral befriedigt, dann läge, wenn der Täter 18 Jahre oder älter ist, ein schwerer sexueller Kindesmissbrauch vor, der mit nicht unter 2 Jahren bestraft wird (§ 176a, Absatz 2).

Ich war bisher im Glauben, dass die Höchststrafe des § 176a wie bei § 176 „Kindesmissbrauch“ 10 Jahre beträgt und lediglich die Mindeststrafen höher liegen als bei § 176, musste mich aber nach der Erstveröffentlichung dieses Artikels eines besseren belehren lassen. Ich bedanke mich bei Gabriel für seinen Hinweis und die entsprechende Erklärung.

In § 176a sind keine Höchststrafen explizit erwähnt. Das bedeutet, dass die Standardregel des § 38 zur Dauer der Freiheitsstrafe gilt („Die Freiheitsstrafe ist zeitig, wenn das Gesetz nicht lebenslange Freiheitsstrafe androht. Das Höchstmaß der zeitigen Freiheitsstrafe ist fünfzehn Jahre, ihr Mindestmaß ein Monat.“). Da § 176a mit einer Höchststrafe von 15 Jahren bedroht ist, liegt die Verjährungsfrist bei 20 Jahren..

Die Verjährung würde ruhen, bis das Opfer 30 ist. Also mindestens 17 Jahre lang (beim höchstmöglichen Alter des Opfers von 13 Jahren). Bis zum Eintritt der Verjährung vergehen nochmals 20 Jahre. Für den jüngst-möglichen Täter von schwerem sexuellen Kindesmissbrauch (18 Jahre bei der Tat) wäre die Tat also frühestens 37 Jahre später verjährt, wenn er 55 Jahre alt ist.

Aus meiner Sicht scheint es nicht angemessen, einen 55jährigen zu mindestens 2 Jahren Gefängnis zu verurteilen, weil er als 18jähriger den Fehler gemacht, hat einen 13jährigen oral zu befriedigen. Dies insbesondere, wenn der Junge oral befriedigt werden wollte (unter dieser Voraussetzung sehe ich ohnehin keinen Unrechtsgehalt der Tat) und wenn seitdem nichts strafrechtlich relevantes mehr vorgefallen ist.

Zum Vergleich:

Würde man jemandem die Beine brechen (§ 223, Körperverletzung) so ist das mit bis zu 5 Jahren Freiheitsstrafe oder mit Geldstrafe bedroht. Die Tat wäre nach 5 Jahren verjährt.

Würde man jemanden ein Auge (oder auch beide Augen) ausstechen oder zum Beispiel ein Bein so verletzen, dass es amputiert werden muss (§ 226, schwere Körperverletzung), dann wäre diese Tat mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis 10 Jahren bedroht. Bei Absicht dürfte das Strafmaß nicht unter 3 Jahren liegen (§226, Absatz 2). Die Tat (auch die absichtliche Tat) wäre nach 10 Jahren verjährt. Das gilt auch, wenn das Opfer ein Kind ist.

Ich hoffe, dass auch Kinderschützer zustimmen können, dass das Verbrechen, einen Jungen oral befriedigt zu haben, nicht ganz so schwerwiegend ist, wie das Verbrechen einem Jungen absichtlich die Augen auszustechen.

Ein Blick nach vorne: die nächste Welle

Eine treibende Kraft für Strafverschärfungen ist aktuell die CDU/CSU. In einem Positionspapier der CDU/CSU Fraktion im Bundestag vom Februar 2019 wurden etliche Strafverschärfungen gefordert, insbesondere die Erhöhung von Mindeststrafen, die Erhöhung von Höchststrafen, die Einführung der Versuchsstrafbarkeit bei Cybergrooming (also z.B. wenn das vermeintliche Kind, mit dem gechattet wird, tatsächlich ein Erwachsener ist) und Grundrechtseingriffe zur „Verbesserung der Strafverfolgung“.

Der ehemalige Vorsitzende des BGH, Prof. Dr. Thomas Fischer hat die Vorschläge in der Rechts-Kolumme von Spiegel Online treffend besprochen („Weitgehend wertlos, nützlich für die Stimmung„).

Inzwischen sind wir weiter. Vom 12.06. bis 14.06.2019 fand die 210. Sitzung der Innenministerkonferenz statt. Tagesordnungspunkt 63 war § Bekämpfung von Kindesmissbrauch“.

Es wurden folgende Beschlüsse gefasst (Quelle: PDF zu den freigegebenen Beschlüssen auf der Webseite der Innenministerkonferenz, dort Seite 49/59):

Einfach mal die Wahrheit verdrehen

1. Die IMK stellt fest, dass der Verbreitung und dem Konsum von Kinderpornographie der sexuelle Missbrauch von Kindern zu Grunde liegt.

Das ist sachlich falsch.

Es gibt Kinderpornographie, die ohne sexuellen Missbrauch von Kindern hergestellt wird, der also kein sexueller Missbrauch von Kindern zu Grunde liegt. Dies sind insbesondere Texte, Zeichnungen und Computeranimationen.

Darüber hinaus ist die Herstellung eines Posing-Fotos (die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung und die die sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes) möglich, ohne dass das Kind dafür sexuell missbraucht worden sein muss.

Ein Missbrauch setzte eine sexuelle Handlung voraus, die an, von, vor oder mit einem Kind vorgenommen wird. Eine Bild wird durch eine (auch zufällige) Körperhaltung oder durch die Komposition eines Bildausschnitts unnatürlich geschlechtsbetont. Sexueller Handlungen bedarf es dazu nicht. Ein nicht-pornographisches Bild kann auch erst durch Nachbearbeitung (anderer Bildausschnitt) zu einem Posing-Bild und damit zu Kinderpornografie werden.

Ebenso können Bilder oder Filme, die sexuelle Handlungen mit Kindern beinhalten, aber nicht kinderpornografisch sind, weil sie unter den Kunstbegriff fallen und Kunst nicht unter den Pornographiebegriff fällt (z.B. Filme wie „1900 – 1. Teil: Gewalt, Macht, Leidenschaft“ von Bernardo Bertolucci, in dem in einer Szene ein Junge an seinem Penis herumspielt) kinderpornographisch werden, wenn man den Kunstzusammenhang entfernt, indem man etwa die Szene mit dem Jungen aus dem Gesamtfilm herausschneidet.

2. Sie stellt darüber hinaus fest, dass die Fallzahlen für Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von kinderpornographischen Schriften laut polizeilicher Kriminalstatistik 2018 im Vergleich zum Vorjahr um rund 13 Prozent gestiegen sind.

Dies ist korrekt.

Die polizeiliche Kriminalstatistik gibt aber die Zahl der Fälle mit Tatverdacht wieder, nicht die Fälle, die zu Verurteilungen führen. Darüber hinaus sagt sie nur etwas über das Hellfeld aus, also (vermutete) Fälle, zu denen ermittelt wurde. Es kann sein, dass die höheren Fallzahlen lediglich Erfolg besserer Fahndungsarbeit sind und nicht Ausdruck eines sich verschärfenden Problems.

Tatsächlich schwanken die Zahlen stark und steigen vor allem an, wenn gerade ein spektakulärer Erfolg gegen eine Verbreitungsplattform gelungen ist.

Statt auf den Anstieg im Jahresvergleich hinzuweisen, könnte man auch sagen, dass die Fallzahlen seit 2007 (von 8.832 Fällen auf 7.449 Fälle) um 15.67 Prozent zurückgegangen sind, obwohl der Tatbestand seitdem massiv erweitert wurde (z.B. Einführung der Strafbarkeit von Posing-Aufnahmen als „Kinderpornographie“).

Das Herausgreifen einer einzigen Zahl einer Statistik ohne Kontext ist reiner Populismus.

Ausbau von Ermittlungsbefugnissen

3. Die IMK betont, dass die gesetzgeberischen Bestrebungen zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornographie entschieden intensiviert werden müssen. Der AK II hat den UA RV bereits in seiner letzten Sitzung am 10./11.04.19 in Warschau beauftragt, eine Aufnahme des § 184b Absatz 1 StGB in den § 100b Absatz 2 StPO zu prüfen.

§ 100b Absatz 2 der Strafprozessordnung erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen die Online-Durchsuchung.

Dies ist bei gewerbsmäßiger oder bandenmäßiger Verbreitung/Erwerb/Besitz von Kinderpornographie bereits möglich (§ 184b Absatz 2). Für „bandenmäßig“ reichen bereits drei involvierte Personen.

Die vorgeschlagene Erweiterung würde die Online-Durchsuchung auch ermöglichen, wenn niemand sonst involviert ist.

Der Ausbau von Ermittlungsbefugnissen war schon immer ein Lieblingsthema von Innenministern und Justizpolitikern. Das nimmt teils abstruse Züge an. Z.B. müssen in Deutschland in Hotels Meldezettel auf Papier ausgefüllt werden. Der Hotelier muss die Formulare ein Jahr lang sicher aufbewahren – um sie dann nach spätestens drei Monaten der Vernichtung anheimzugeben.

Es fallen 150 Millionen Meldescheine pro Jahr an, die die Hotels gerne digitalisieren würden. Das dürfen sie aber nicht. Schuld daran sind die Sicherheitsbehörden, vertreten durch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Die Ermittler wollen die Möglichkeit haben, über Fingerabdrücke und DNA-Spuren auf dem Meldezettel, Kriminellen auf die Spur zu kommen. In den letzten zehn Jahren sind 1.5 Milliarde Meldezettel angefallen. Davon wurde in genau einem Fall Fingerabdrücke von Meldescheinen genommen.

Statt permanent (mindestens bei jedem aufsehenerregenden Verbrechen) neue Ermittlungsbefugnisse zu fordern, sollte man die vorhandenen einfach mal nutzen und unnötige (wie Hotelmeldebescheinigungen) abschaffen.

Ob beim Terroristen Anis Amri, bei den Terroristen der NSU oder beim Missbrauchsfall von Lügde: das Problem sind regelmäßig nicht fehlende Ermittlungsbefugnisse, sondern organisatorisches und persönliches Versagen der Behörden und ihrer Mitarbeiter.

Erhöhung von Mindeststrafen

4. Die IMK stellt fest, dass, über die Frage des Ausbaus der Ermittlungsbefugnisse hinaus, der bisherige Strafrahmen des § 184b Absätze 1 und 3 StGB dem Unrechtsgehalt der Straftaten, gerade im Vergleich zu anderen Strafandrohungen, nicht in angemessenem Umfang gerecht wird. Das gilt auch für die Strafandrohung für Kindesmissbrauch in § 176 Absatz 1 StGB. Entsprechende Straftaten sollen daher als Verbrechen eingestuft werden.

Bei §184b Absatz 1 geht es um die Verbreitung bzw. das öffentlich zugänglich machen und die Herstellung kinderpornographischen Schriften. Der Strafrahmen liegt bei drei Monaten bis fünf Jahren.

Bei §184b Absatz 3 geht es um den Besitz einer kinderpornographischen Schrift, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergibt. Der Strafrahmen liegt bei Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Bei § 176 Absatz 1 geht es sexuelle Handlungen an/mit einer Person unter vierzehn Jahren. Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis zehn Jahren.

Wenn gefordert wird, dass diese Taten als Verbrechen eingestuft werden sollen, bedeutet das, dass die Tat mit Mindeststrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sein muss, denn genau dies ist im Strafgesetzbuch der Unterschied zwischen einem Vergehen und einem Verbrechen.

Auswirkungen auf die Aussetzung zur Bewährung

Ein höheres Strafmaß hat natürlich auch Auswirkungen auf die Höhe der tatsächlichen Strafe. Die Wahrscheinlichkeit einer Aussetzung der Strafe zur Bewährung hängt unmittelbar mit dem Strafmaß zusammen:

Es können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Entscheidung darüber trifft das erkennende Gericht. Das erkennende Gericht hat dabei eine Prognose zu erstellen, ob davon auszugehen ist, dass der Täter auch ohne den Vollzug der Freiheitsstrafe künftig keine Straftaten mehr begehen wird.

Liegt die Freiheitsstrafe unter sechs Monaten und erscheint die Prognose günstig, so ist die Strafe zwingend zur Bewährung auszusetzen (§ 56 Abs. 1 i. V. m. Abs. 3 StGB). Im Bereich von sechs Monaten bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe ist die Aussetzung zusätzlich zum Vorliegen der Prognose davon abhängig, dass die Verteidigung der Rechtsordnung die Strafvollstreckung nicht gebietet (§ 56 Abs. 3 StGB). Hier wird demnach auf den Gedanken der Generalprävention abgestellt. Bei Freiheitsstrafen über zwölf Monaten bis zu zwei Jahren kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn die Prognose günstig ist, die Verteidigung der Rechtsordnung dem nicht entgegensteht und darüber hinaus besondere Umstände vorliegen (§ 56 Abs. 2 StGB).

Wikipedia-Artikel „Strafaussetzung zur Bewährung

Insbesondere bei minder schweren Fällen, bei denen sich das Urteil des Gerichts im unteren oder untersten Bereich des gesetzlich vorgegebenen Rahmens bewegt, hat eine Erhöhung der Mindeststrafe auf 1 Jahr also sehr starke Auswirkungen.

Schon 1 Tag mehr als 12 Monate Freiheitsstrafe führt dazu, dass eine Bewährungsstrafe nur noch möglich ist, wenn neben einer positiven Prognose „besondere Umstände“ vorliegen.

Der Anteil der zur Bewährung ausgesetzten Strafen wird also sinken.

Bewertung des Unrechtsgehaltes

Ein Strafrahmen soll dem Unrechtsgehalt angemessen sein. Wenn es eine breite Spanne möglichen Unrechtsgehaltes gibt, braucht es auch eine breite Spanne im Strafrahmen.

Wenn es darum geht, die Angemessenheit des Mindeststrafmaßes zu beurteilen, muss man sich logischerweise die minder schweren Fälle mit einem relativ geringen Unrechtsgehalt ansehen.

Wenn es so kommt, wie von der Innenministerkonferenz gefordert, würde künftig der Besitz eines Posing-Bildes eines 13jährigen Kindes oder der Besitz einer „wirklichkeitsnahen“ Computeranimation eine Mindeststrafe von einem Jahr nach sich ziehen.

Das scheint mir exzessiv.

Bei einer Computeranimation gibt es keinen relevanten Unrechtsgehalt, weder in Hinblick auf die Herstellung, noch in Hinblick auf den Besitz. Es wird dadurch nämlich kein real existierendes Kind missbraucht, ausgenutzt oder sonst wie geschädigt.

Auch beim Besitz eines Posing-Bildes (die Strafbarkeit als „Kinderpornographie“ wurde erst 2015 eingeführt) scheint mir der Unrechtsgehalt allenfalls gering. Im Grunde braucht es meiner Meinung nach gar keine Strafbarkeit, da Posing-Bilder nicht den sexuellen Missbrauch eines Kindes zum Gegenstand haben.

Wenn der Zweck des Besitzverbots, die indirekte Verhinderung von Kindesmissbrauch ist, müsste man die Strafbarkeit auf „echte“ Pornographie beschränken, also Darstellungen, die ein tatsächliches Geschehen mit Kindern und sexuellen Handlungen zum Gegenstand haben. An diesen Handlungen fehlt es bei Posing-Bildern.

Tatsächlich geht es bei der Strafbarkeit von Posing-Bildern nicht darum, eine Handlung zu bestrafen, die einem anderen schadet, sondern darum, jemanden dafür zu bestrafen, dass bestimmte Bilder auf ihn sexuell anregend wirken.

Wenn sich jemand sehr darum bemüht, Inhalte zu meiden, die den Missbrauch von Kindern zum Gegenstand haben, wird er meist trotzdem Bilder besitzen, aber eben nicht solche, die sexuelle Handlungen darstellen, sondern andere. Also z.B. Bilder aus Modezeitschriften, Werbung, Porträtfotos von Kinderschauspielern und ähnliches.

Ein Junge ohne T-Shirt oder in Badehose ist bereits „teilweise unbekleidet“. Damit ist ein Kriterium bereits erfüllt. Damit das Bild „kinderpornographisch“ wird, bedarf es nach aktueller Gesetzeslage nur noch einer „unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltung“. Die Einschätzung der Natürlichkeit einer Körperhaltung ist aber stets subjektiv.

Wer sich traut und die Problematik verstehen will, kann sich Fotos des preisgekrönten Fotografen Oriano Nicolau anschauen, der unter anderem für Vogue Italia arbeitet. Auf der Portfolio-Seite von Vogue Italia zu Oriano Nicolau gibt es nicht nur Bilder von teilweise unbekleideten Jungen, sondern auch einzelne Aktfotos und einige Bilder von Jungen in „untypischen“ Unterhosen.

Wären die Bilder problematisch, dürften sie nicht auf der Seite von Vogue Italia zu finden sein. Es handelt sich immerhin um eines der absoluten Top-Modemagazine weltweit. Trotzdem sind Bilder dabei, die strafrechtlich bereits zu „Diskussionen“ führen könnten, bei denen aber vermutlich hilft, dass sie von einem angesehenen Starfotografen und nicht aus einem Hobbykeller stammen (Kunst ist keine Pornographie).

Wer sicher sein will, sich nicht versehentlich strafbar zu machen, darf als pädophiler Mensch daher inzwischen überhaupt keine Bilder mehr besitzen, zumal der „Besitz“ schon vollendet ist, wenn sich ein Bild im Arbeitsspeicher des Rechners befindet. Das ist im Grunde auch der (nicht legitime) Zweck der Gesetzgebung.

Wenn jemand lediglich Posingbilder besitzt, aber kein einziges Bild, dass ein tatsächliches Geschehen in Verbindung mit einer sexuelle Handlung zeigt, dann hat sich der Betreffende offensichtlich sehr darum bemüht, Inhalte zu meiden, die den Missbrauch von Kindern zum Inhalt haben.

Warum sollte man ihn dann bestrafen, noch dazu mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe?

Aber selbst, wenn wir von Bildern sprechen, bei denen ein tatsächlicher Missbrauch eines real existierenden Kindes stattfindet, dann handelt es sich immer noch um Lichtpunkte auf einem Computerbildschirm.

Genauso wenig wie man jemanden tötet, wenn man sich das Bild eines toten Menschen anschaut, missbraucht man ein Kind, wenn man sich das Bild eines missbrauchten Kindes anschaut. Der Unrechtsgehalt der Tötung eines Menschen ist exponentiell höher als der, ein entsprechendes Bild zu betrachten.

Das Betrachten kinderpornographischen Materials ist die Ersatzhandlung für sexuelle Handlungen mit Kindern. Egal wie abstoßend man es finden mag, es ist letztlich Vermeidungsverhalten exponentiell schlimmerer Taten. Es ist (soweit reale Kinder betroffen sind) zu Recht verboten. Der Unrechtsgehalt ist meiner Einschätung nach aber überschaubar.

Durch den Besitz oder den Versuch sich kinderpornographisches Material zu verschaffen wird auch kein Markt geschaffen, der zum Missbrauch von Kindern führt. Es gibt keinen relevanten „Markt“. Kinderpornografisches Material gibt es im Darkweb umsonst und niemand bezahlt für etwas, das er auch umsonst bekommen kann.

Das Strafmaß, dass es bei der Einführung der Strafbarkeit des Besitzes im Jahr 1993 gab, hat dem tatsächlichen Unrechtsgehalt aus meiner Sicht angemessen Rechnung getragen und war auch zu Recht nur auf tatsächliches Geschehen und auf Handlungen beschränkt (keine Strafbarkeit von Posing-Bildern). Der Strafrahmen lag damals bei einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe. Der aktuelle Strafrahmen liegt deutlich höher, bei bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.

Erhebliches Unrecht begeht (meiner Auffassung nach) lediglich, wer selbst kinderpornographisches Material mit real existierenden Kinder herstellt, das sexuelle Handlungen zeigt (also nicht nur Posing-Aufnahmen), oder wer zur Produktion solchen Materials anstiftet oder dafür bezahlt (was extrem selten vorkommen dürfte).

Straferhöhungs-Orgie

5. Die IMK hält es daher für erforderlich, den Strafrahmen für Straftaten im Zusammenhang mit kinderpornographischen Schriften in § 184b Absätze 1 und 3 StGB weiter anzuheben. Auch eine entsprechende Anpassung des Strafrahmens des §184b Absatz 2 StGB als Qualifikationstatbestand zu § 184b Absatz 1 StGB ist zur Wahrung des Qualifikationsverhältnisses erforderlich.

6. Die IMK bittet den Bund, eine entsprechende Gesetzesanpassung zu prüfen und dabei eine Einstufung von Straftaten nach § 184b Absätze 1 bis 3 sowie § 176 Absatz 1 StGB als Verbrechen (Erhöhung der Mindeststrafe auf ein Jahr) in Kombination mit der Normierung von minder schweren Fällen zur Vermeidung unbilliger Härten in Erwägung zu ziehen. Im Höchstmaß sollen Straftaten nach § 184b Absatz 1 StGB von fünf auf zehn Jahre und in § 184b Absatz 3 StGB von drei auf fünf Jahre Freiheitsstrafe erhöht werden.

[Anmerkung: es gibt auch noch einen Punkt 7 und 8, die aber inhaltlich nicht viel hergeben und hier deshalb unterschlagen werden können]

Üblicherweise wird bei Strafrahmen mit bestimmten Schritten gearbeitet. Also 6 Monate, 1 Jahr, 2, 3, 5, 10, 15 Jahre, lebenslang. Eine Höchst- oder Mindeststrafe von 7 Monaten oder von 26 Monaten gibt es nicht.

Bei §184b Absatz 1 geht es um die Verbreitung bzw. das öffentlich zugänglich machen und die Herstellung kinderpornographischen Schriften. Der Strafrahmen liegt bei drei Monaten bis fünf Jahren. Geplant ist die Erhöhung auf 1 Jahr bis 10 Jahre.

Bei §184b Absatz 2 geht es um die gewerbsmäßige oder bandenmäßige Verbreitung. Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Da der gewerbsmäßige oder bandenmäßigen Verbreitung weiterhin schärfer als Taten nach Absatz 1 bestraft werden sollen, könnte hier vielleicht ein Mindeststrafmaß von 2 Jahren kommen. Vielleicht bleibt es dann bei der Höchststrafe von 10 Jahren. Evtl. kommt aber auch eine Erhöhung der Höchststrafe auf 15 Jahre.

Bei §184b Absatz 3 geht es um den Besitz einer kinderpornographischen Schrift, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergibt. Der Strafrahmen liegt aktuell bei Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Geplant ist die Erhöhung auf 1 Jahr bis 5 Jahre.

Bei § 176 Absatz 1 geht es um sexuelle Handlungen an/mit einer Person unter vierzehn Jahren. Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis zehn Jahren. Hier soll eine Erhöhung der Mindeststrafe auf ein Jahr kommen.

Zwischenfazit – die Schrauben werden weiter angezogen

Als Ergebnis der Sitzung haben die Innenminister von Bund und Ländern für einen deutlich schärferen Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch plädiert. Der Bund soll die Mindeststrafe „vor allen Dingen auch für Straftaten im Bereich der Kinderpornografie“ auf ein Jahr verlängern.

Bundesinnenminister Horst Seehofer will sich für die entsprechenden Änderungen einsetzen. Er sagte zu, „dass wir in der Bundesregierung ein stimmiges und umfassendes Paket schnüren, um ein entschiedenes Zeichen gegen Kindesmissbrauch zu setzen“. Ziel ist eine „deutliche Intensivierung der Strafverfolgung und Strafverschärfung“.

„Besitz von Kinderpornografie“ (§ 184b Abs. 3 StGB) ist schon gegeben, wenn eine Person eine einzelne pornografische Schrift (oder: ein Bild) ohne jeglichen Bezug zu einem tatsächlichen Geschehen besitzt.

Pornographisch ist (seit 2015) schon die Wiedergabe eines „ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung“ und die „sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes“.

Da auch „wirklichkeitsnahes“ Geschehen erfasst ist, reicht bereits eine einzige Zeichnung eines Jungen (oder Mädchens) in unnatürlich geschlechtsbetonter Haltung aus, um den Tatbestand zu erfüllen und künftig eine Mindeststrafe von einem Jahr auszulösen.

Bereits seit 1993 die Strafbarkeit des Besitzes von Kinderpornographie eingeführt wurde, wurden die „gesetzgeberischen Bestrebungen zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornographie“ laufend – unter jeder Regierung und in jeder Legislaturperiode – „entschieden intensiviert“.

Dabei liegt der eigentliche Unrechtsgehalt nicht im Besitz von etwas, das für den „Konsumenten“ letztlich einer Ersatzdroge ist, sondern im Missbrauch von real existierenden Kindern – wobei eigentlich auch zwischen Missbrauch und Liebesbeziehungen scharf zu trennen wäre.

Ersatzdrogen für Süchtige sind nicht nur legal verfügbar, sie werden Betroffenen sogar kostenfrei verschrieben. Im Jahr 2016 waren in Deutschland 94.381 Substituierte im Substitutionsregister gemeldet, erhalten also Ersatzdrogen wie Methadon. Dies hilft zum Beispiel, die Beschaffungskriminalität zu senken. Die meisten Betroffenen, denen so geholfen wird, werden selbst verschuldet (mindestens fahrlässig) in ihre Abhängigkeit geraten sein.

Eigentlich müsste es für Pädophile (die für ihre sexuelle Orientierung nichts können) ebenfalls Hilfestellungen geben und der Zugang zu legalen und vertretbaren Ausweichmöglichkeiten ermöglicht werden, um „Beschaffungskriminalität“ (Missbrauch) zu verhindern. Ich denke dabei insbesondere an virtuelle Kinderpornographie, für die kein Kind missbraucht, ausgebeutet oder sonst wie geschädigt wurde.

Stattdessen hören wir die immer gleiche Schallplatte von der „Notwendigkeit der Intensivierung des Kampfes gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie“, dem „Schließen von Schutzlücken“, „entschiedenen Zeichen gegen Kindesmissbrauch“ gepaart mit Forderungen nach der Einschränkung von Grundrechten zur „Erleichterung der Strafverfolgung“.

Man darf sich schon fragen, wie es sein kann, dass die Mißstände und der Handlungsbedarf noch so groß ein sollen, wie behauptet. Man tut geradezu so, als hätten die Politiker die letzten 30 Jahre kollektiv gepennt und wären samt und sonders als „Verharmloser von Kindesmissbrauch“ und „Täterschützer“ unterwegs gewesen.

In Wahrheit geht es nicht um den Schutz real existierender Kinder oder angemessene Gesetze, sondern um Stimmungsmache, Selbstdarstellung und Wählerstimmen.

Die übernächste Welle – Unverjährbarkeit

Der Opferverein „Tour41“ sammelt per Petition Unterschriften zur vollständigen Aufhebung der Verjährungsfristen bei § 176 ff. StGB (sexueller Kindesmissbrauch).

Bisher haben 346.000 Menschen diese Petition unterschrieben. Ziel ist, eine Millionen Unterschriften zu sammeln.

Wenn das Ziel erreicht ist, soll die Petition beim Bundesinnenministerium eingereicht werden, Stand jetzt also bei Horst Seehofer, der sich ohnehin eine deutliche Intensivierung der Strafverfolgung und Strafverschärfung auf die Fahnen geschrieben hat und sicherlich für jede Vorlage und jedes Argument dankbar ist.

Wenn sich nichts grundlegendes an der Politik ändert, bei der seit fast 30 Jahren eine Verschärfung die nächste jagt, wird auch dies irgendwann kommen. Vermutlich sogar recht bald.

Persönlich hätte ich dabei nicht einmal etwas gegen die Unverjährbarkeit, wenn im Gegenzug die Tat nach dem 18. Geburtstag des Opfers zum Antragsdelikt werden würde und nur noch auf dessen Wunsch hin verfolgt werden könnte.

Dann könnten ehemalige junge Freunde über ihre Erfahrungen sprechen, ohne fürchten zu müssen, damit einen geliebten Menschen strafrechtlich in die Scheiße zu reiten. Durch die Ausgestaltung als Offizialdelikt ist die heutige extrem lange Verjährung auch ein Maulkorbgesetz.

Faktisch gesehen sind wir aktuell ohnehin schon nahe an der Unverjährbarkeit. Strafrechtlich relevant dürfte eine noch längere Verjährung eher selten werden. So lange nach der Tat sind Taten in der Regel nicht mehr nachweisbar.

Tatsächlich scheint es mir um etwas anderes zu gehen. Nicht so sehr die praktische Ermöglichung von Strafverfolgung, sondern die propagandistische Gleichsetzung von sexuellen Kontakten mit Kindern mit Mord. Denn Mord ist die einzige unverjährbare Tat, die das Strafgesetzbuch aktuell kennt.

Zu viel Einvernehmlichkeit. Zu wenig Gewalt.

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hatten überzeugte „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“ ein argumentatives Problem:

Es gab zu viele Fälle von einvernehmlichen, gewaltfreien sexuellen Beziehungen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen, bei denen sich noch dazu keine Schädigung des Kindes nachweisen ließ. Diese Fälle wurden vielfach als opferlose Verbrechen angesehen.

Eine breit angelegte kriminologische Studie des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 1983 führt im Abschnitt „Straftaten ohne Opfer – primäre und sekundäre Viktimisation“ aus:

Bei der Betrachtung der Auswirkungen von Sexualstraftaten auf das deklarierte Opfer fällt auf, daß viele angezeigte Sexualkontakte gar keinen Schaden beim jeweiligen deklarierten Opfer anrichten. Daraus folgt, daß die unkritisch gebrauchten Begriffe „Opfer“ und „Geschädigte“ für einen großen Teil der Menschen, die als Sexualopfer registriert werden, unangemessen ist. Die Worte „Opfer“ und „Geschädigte“ suggerieren wie selbstverständlich, daß die Personen geschädigt sind. Dies traf aber für viele der hier befragten Personen, die als Opfer bekannt wurden, gar nicht zu. Einige von ihnen waren erst sekundär Opfer geworden, weil sie die negativen Auswirkungen von Vorurteilen und die Anwendung des Instruments des Offizialdelikts zu spüren bekamen. So ist es auch nicht verwunderlich, das sich nur ein geringer Teil der zahlenmäßig großen Gruppe der kindlichen Sexualopfer selbst für eine Anzeige entschied. Dementsprechend wurden auch die meisten Anzeigen von den Eltern aufgegeben. So geschieht es, daß Kinder, die sich nicht geschädigt fühlen, trotzdem als „Geschädigte“ behandelt werden.

Sexualität, Gewalt und psychische Folgen
Forschungsreihe des BKA, Band 15

Die Studie konstatiert: „Bisher sind Verletzungen der Sexualnormen und sexuelle Gewaltdelikte bei uns aber immer noch in unzulässiger Weise vermischt.“

Zu den aus Sicht der Forscher notwendigen Maßnahmen gehörte auch die „Initiierung einer streng rational gestalteten Diskussion über die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (Sexualstraftaten), auch insbesondere im Hinblick auf die fällige Strafrechtsreform.“

Bei einem opferlosen Verbrechen fehlt es an der für eine Verfolgung eigentlich notwendigen Strafwürdigkeit. In letzter Konsequenz „drohte“ damit die Legalisierung einvernehmlicher sexueller Kontakte.

Die meisten Probleme sind lösbar: was nicht passt, wird passend gemacht. Gewalt und Einvernehmlichkeit wurden also einfach neu definiert.

Betrachtung bei klassischem Verständnis von Gewalt

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gewalt in dem Bericht „Gewalt und Gesundheit“ (2002) wie folgt:

Gewalt ist der tatsächliche oder angedrohte absichtliche Gebrauch von physischer oder psychologischer Kraft oder Macht, die gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft gerichtet ist und die tatsächlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.

Diese Definition von Gewalt, die auch dem allgemeinen sprachlichen Verständnis entspricht, trifft nicht auf Fälle zu, bei denen ein Kind mit einer sexuellen Handlung einverstanden war. Die BKA-Studie, die vom klassischen Gewaltbegriff ausging, führt aus:

Insgesamt erklärten 51,8% der Sexualopfer, daß sie sich in irgendeiner Weise in Zusammenhang mit dem angezeigten Sexualkontakt, also primär oder sekundär, geschädigt fühlen oder fühlten. Die empfundene Schädigung bei den geschädigten Sexualopfern dauerte im Durchschnitt 4 Jahre und 8 Monate an. Neben diesen 51,8% geschädigten Sexualopfern – davon zwei Drittel mit erheblicheren psychischen Folgen – gibt es eine große Gruppe von 48,2% der Opfer, von denen keine Schädigung bekannt wurde. (…)

Bezogen auf die angezeigten Sexualkontakte stellte sich heraus, daß von den Sexualopfern als hauptsächliche Ursache für ihre Schäden zur Hälfte die sexuelle Handlung selbst, zu einem Drittel das Verhalten des Beschuldigten und zu je etwa einem Zehntel das Verhalten von Verwandten/Bekannten sowie der Polizei gesehen wurde.

Sexualität, Gewalt und psychische Folgen
Forschungsreihe des BKA, Band 15

Aus Sicht der zum Opfer erklärten Betroffenen wurden 48.2 % also nicht geschädigt. Von den Geschädigten machte nochmal die Hälfte die Hauptursache in der Umweltreaktion aus. Der Sexualkontakt selber war also nur bei ca. 25 bis 30% der Betroffenen für Schäden verantwortlich.

Gleichgeschlechtliche Kontakte spielten statistisch und kriminologisch keine wesentliche Rolle bei der Untersuchung. Zum einen machten sie nur 10-15% der Fälle aus und zum anderen waren die beschriebenen sexuellen Handlungen „harmloser“, fast ausschließlich ohne Gewaltanwendung durch den Beschuldigten, und es fühlte sich deshalb auch keines der männlichen Opfer geschädigt. In diesen Fällen konnte auch kein Schaden mit Hilfe der Testverfahren gemessen werden. (…)

Bei einer statistischen Clusteranalyse, die alle wesentlichen Variablen dieser Untersuchung einbezog, stellte sich heraus, daß die angezeigten Sexualkontakte in drei Gruppen zu unterteilen sind:

1. Gruppe mit 57,1%
Diese zahlenmäßig größte Gruppe enthält die exhibitionistischen und vergleichsweise harmlosen erotischen sexuellen Kontakte mit eher jüngeren Opfern. Darunter sind alle männlichen Opfer. Hier traten ganz selten Schäden auf.

2. Gruppe mit 11,6%
Sie enthält intensivere Sexualkontakte mit mehr bekannten und verwandten Beschuldigten, bei eher sozial gestörten Elternhäusern der Opfer. Ein Teil der (nur weiblichen) Opfer dieses Clusters fühlte sich gar nicht geschädigt, ein anderer Teil lag im Durchschnittsbereich der gesamten Untersuchung.

3. Gruppe mit 31,3%
In ihr sind sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und Sexualkontakte mit starker emotionaler Abwehr durch das Opfer enthalten. Die (ausschließlich weiblichen) Opfer waren älter, die Beschuldigten jünger als der Durchschnitt, die Anzeige erfolgte rasch. In diesem Cluster berichteten die Opfer die größten Schäden.

Sexualität, Gewalt und psychische Folgen
Forschungsreihe des BKA, Band 15

Die Schäden (wie wir uns erinnern, bei ca. 30% der Betroffenen vorhanden) betreffen also gerade Opfer von sexueller Nötigung und Vergewaltigung und fehlender Einwilligung („starker emotionaler Abwehr“), die 31.3% der untersuchten Fälle ausmachen.

Willigt ein Kind in eine sexuelle Handlung ein und findet keine Gewaltanwendung (im klassischen Sinne) statt, gibt es nach Einschätzung der Forscher des Bundeskriminalamts in der Regel keine Schäden, bzw. diese treten „ganz selten“ auf. Die „ganz seltenen“ Schäden dürften meiner Einschätzung nach dann vor allem auf Sekundäreffekten durch Reaktionen Dritter (Eltern, Polizei, Justiz etc.) zurückzuführen sein, statt auf den eigentlichen Sexualkontakt.

Gewalt im klassischen Sinne korreliert mit Schäden. Die Abwesenheit von Gewalt im klassischen Sinne korreliert mit der Abwesenheit von Schäden.

Neudefinition von Gewalt

Jeder einigermaßen moralisch denkende Mensch ist gegen Gewalt. Gewalt aktiviert dazu, dem Opfer beizustehen und dem Täter entgegenzutreten. Wer gegen Gewalt ist, sich für Opfer von Gewalt engagiert und sich gegen Gewalttäter wendet, kann sich also der Zustimmung der überwältigenden Mehrheit sicher sein.

Wenn man für oder gegen etwas aktivieren will, funktioniert das am besten über einen emotionalen Zugang. Wer das Herz berührt, braucht keine Argumente. Gewalt ist für Aktivierung, Skandalisierung und Dämonisierung also perfekt geeignet. Wenn es in 57.1 % der Fälle keine Gewalt gibt, muss daher aus Propagandagründen die Gewaltdefinition geändert werden.

Die Gewaltdefinition von „Kinder-vor-Missbrauch-Schützern“ rückt das (unterstellte) Abhängigkeitsverhältnis in den Vordergrund.

„Kinder befinden sich – sowohl vor als auch während der Pubertät – auf einer anderen geistigen und körperlichen Entwicklungsstufe als Erwachsene. Erwachsene sind aufgrund dessen Kindern immer überlegen. Diese Position erlaubt es ihnen – und verpflichtet sie auch – Kinder zu beschützen, zu versorgen, ihre Entwicklung zu fördern und sie im Einklang mit den Werten der Gesellschaft zu erziehen. Gleichwohl besteht auch die Gefahr, diese überlegene Position für eigenen Interessen zu missbrauchen. Dann steht nicht mehr die Frage „Was braucht das Kind?“, sondern „Was will ich?“ im Vordergrund. In diesem Zusammenhang spricht man auch von „struktureller Gewalt“. Gemeint ist Gewalt im Sinne von Stärke oder Macht, die in der Beziehungsstruktur zwischen zwei Menschen liegt und dem Mächtigeren zur Durchsetzung der eignen Interessen dient. Bei sexuellen Handlungen an Kindern wird auf diese Weise immer psychischer Zwang oder psychische Gewalt ausgeübt.“

Aus „Herausforderung Pädophile
von Claudia Schwarze und Gernot Hahn

Dieser Gewaltbegriff hinkt in mehrfacher Hinsicht. Im Grunde wird hier das Potential zur Gewalt („Gewalt im Sinne von Stärke oder Macht“) zu Gewalt uminterpretiert. Das ist aber unsinnig, denn Stärke oder Macht sind etwas anderes als Gewalt.

Es macht einen Unterschied, ob ich jemandem begegne, der physisch in der Lage wäre, mich zu verprügeln, oder ob diese Person mich tatsächlich verprügelt. Im zweiten Fall hat er Gewalt ausgeübt. Im ersten nicht.

Wenn man der Meinung ist, dass schon das Potential jemanden zu verprügeln problematisch ist, müsste man schleunigst Fitnesscenter und Kampfsportarten (Judo, Karate, Ringen, Boxen, Krav Maga, …) verbieten.

Das reicht aber noch nicht. Auch Universitäten erzeugen durch Wissensvermittlung ein Machtgefälle, das missbraucht werden kann. Auch Eigentum erzeugt Ungleichheit und ein Machtgefälle. Also abschaffen. Und da drei Viertel der Straftaten von Männern begangen werden, wäre es angebracht, über die Zwangsverschreibung von Testosteronblockern an die Hälfte der Bevölkerung nachdenken.

Wie man sieht, wird die Sache schnell ziemlich lächerlich und würde konsequent weitergedacht nicht zu einem Schutz, sondern zu Bevormundung und Unterdrückung führen.

Man kann stark und mächtig sein, ohne Gewalt auszuüben. Und selbstverständlich können auch schwache Menschen gewalttätig werden. Denn die Disposition zur Gewalt ist nicht Stärke oder Macht, sondern Aggressivität als innere Bereitschaft, aggressives Verhalten auszuführen.

Das hier primär relevante Aggressionsziel ist das Durchsetzen eigener Wünsche und Interessen, die mit Wünschen oder Rechten Anderer im Konflikt stehen. Das ist aber keine typische pädophile Strategie. Sie ist sogar extrem untypisch. Es geht dem Pädophilen nicht darum, seine Wünsche auf Kosten eines anderen (des Kindes) durchzusetzen, sondern darum eine Übereinstimmung zwischen seinen Wünschen und den Wünschen des Kindes zu suchen bzw. herzustellen. Gelingt dies, gibt es keinen Konflikt mit den Wünschen oder Rechten eines anderen. Gelingt es nicht, kommt es typischerweise auch nicht zu sexuellen Handlungen.

Ein Pädophiler sucht keine Schwäche und will auch keine Macht ausüben. Er sucht Schönheit, Nähe, Gemeinschaft und einen Partner auf Augenhöhe. Wenn der potentielle Partner, auf den er programmiert ist, kleiner ist, bückt er sich oder kniet sich hin, um auf Augenhöhe zu kommen. Deshalb kann sich ein Pädo meist sehr gut auf Kinder einlassen – nicht weil er besonders manipulativ ist, sondern weil er besonders einfühlsam ist. Pädophile wünschen sich vor allem sozialen Nähe und, soweit es um das heikle Thema Sexualität geht, legen sie allergrößten Wert auf Einvernehmlichkeit mit demjenigen, in den sie sich verliebt haben.

Jemanden, der in einen anderen Menschen verliebt ist, wird man nicht einmal mit viel Druck dazu bewegen können, dem Angebeteten willentlich zu schaden. Das Element der Aggression fehlt also. Das „schlimmste“, was Pädophile typischerweise in Ihrem Repertoire haben, ist „Grooming“, also Strategien und Handlungen, mit denen man versucht, einen anderen Menschen gewaltlos so zu „manipulieren“, dass man ihn für einvernehmliche sexuelle Handlungen gewinnt. Grooming ist allerdings keine besonders perfide Strategie, sondern das normale menschliche Verhaltensprogramm eines verliebten, um einen möglichen Partner werbenden Menschen.

Fehlverwendung des Begriffs „strukturelle Gewalt“

Von „Kinder-vor-Missbrauch-Schützern“ wird das (unterstellte) Machtgefälle stark problematisiert und als strukturelle Gewalt dargestellt.

In diesem Zusammenhang spricht man auch von „struktureller Gewalt“. Gemeint ist Gewalt im Sinne von Stärke oder Macht, die in der Beziehungsstruktur zwischen zwei Menschen liegt und dem Mächtigeren zur Durchsetzung der eignen Interessen dient.

Aus „Herausforderung Pädophile
von Claudia Schwarze und Gernot Hahn

Das verschiebt (unter Vernachlässigung tatsächlicher Handlungen und des konstituierenden Elements der Aggression) nicht nur die Definition von Gewalt in unzulässiger Weise. Der Begriff „Strukturelle Gewalt“ meint originär auch etwas ganz anderes:

Strukturelle Gewalt bezeichnet die Vorstellung, dass Gewaltförmigkeit auch staatlichen bzw. gesellschaftlichen Strukturen inhärent sei – in Ergänzung zum klassischen Gewaltbegriff, der einen unmittelbaren personalen Akteur annimmt. In besonderer Weise formulierte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung ab 1971 eine solche Theorie. Beispiele für strukturelle Gewalt im Sinne Galtungs sind Altersdiskriminierung, Klassismus, Elitarismus, Ethnozentrismus, Nationalismus, Speziesismus, Rassismus und Sexismus.

Johan Galtung ergänzte den traditionellen Begriff der Gewalt, der vorsätzlich destruktives Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe bezeichnet, um die strukturelle Dimension: „Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“

Wikipedia-Artikel „Strukturelle Gewalt

Hierzu ein praktisches Beispiel eines realen Falls, über den ich bereits berichtet habe:

Als sich der 13jährige Jörn in seinen Onkel Daniel verliebte und eine Beziehung mit ihm initiierte, die nach seinem 14. Geburtstag auch eine sexuelle Komponente bekam, war das keine strukturelle Gewalt, denn ohne Beeinträchtigung der Bedürfnisbefriedigung gibt es keine strukturelle Gewalt. Man darf ziemlich sicher davon ausgehen, dass Jörns und Daniels Bedürfnisse durch die Beziehung befriedigt wurden.

Die Notwendigkeit der Liebenden, die Beziehung aufgrund der Gesetzeslage geheim zu halten, war dagegen bereits strukturelle Gewalt, da dies den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzte, was potentiell möglich gewesen wäre.

Wenn der Onkel, als das Verhältnis entdeckt wurde, von den Eltern angezeigt wurde, und Onkel und Neffe deshalb in die Niederlande flüchteten und sich erst stellten, als ihnen nach fast einem Jahr das Geld ausgegangen war, der Onkel danach zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde und ein Kontaktverbot bekam, während der Junge sich weigerte, wieder zu den Eltern, von denen er sich verraten fühlte, zurückzukehren, und deshalb vom Jugendamt in Obhut genommen wurde, dann ist das ein krasser Fall struktureller Gewalt gegen zwei Liebende (sowohl Staatsanwaltschaft als auch Richterin stuften das Verhältnis der beiden als Liebesbeziehung ein). Die Bedürfnisbefriedigung des Jungen und des Mannes sind dadurch vermeidbar extremst unter das herabgesetzt worden, was potentiell möglich gewesen wäre.

Machtgefälle in der Erwachsenen-Kind Beziehung

Natürlich gibt es ein Machtgefälle zwischen einem Kind und einem Erwachsenen. Typischerweise hat der Erwachsene die Macht und das Bestimmungsrecht.

Es gibt aber auch ein natürliches Machtgefälle zwischen einem Liebenden und dem von ihm Geliebten. Der Geliebte hat die Macht und das Bestimmungsrecht.

Wer in einer bestimmten Situation konkret bestimmt und die „Macht“ hat, wird von den Umständen, dem Charakter, der Tagesform und ähnlichem abhängen.

Wären nur Beziehungen ohne Machtgefälle tolerierbar, dürfte es gar keine Beziehungen geben.

Eine Beziehungsstruktur an sich ist – egal wie sie aussieht – niemals strukturelle Gewalt. Wäre sie es, dann wäre auch die Beziehungsstruktur von Eltern zu ihren Kindern strukturelle Gewalt, denn das schärfste Machtgefälle, dem ein Kind ausgesetzt ist, ist natürlich das zwischen Kind und Eltern. Es trieft also (vermeintlich) geradezu vor struktureller Gewalt.

Man könnte sogar sagen: bei Zahnpflege-Handlungen an Kindern wird auf diese Weise immer psychischer Zwang oder psychische Gewalt ausgeübt.

Das ist einerseits aus dem Leben gegriffen, andererseits natürlich reichlich überspitzt. Rein objektiv betrachtet sind Zahnpflege-Handlungen notwendig und es würde der Gesundheit der Kinder vorhersehbar schaden, wenn sie unterbleiben würden. Kontrolle und zur Not auch etwas Nachdruck sind also sicher vertretbar.

Das Problem ist nicht ein Machtgefälle an sich, sondern das Ausnutzen eines Machtgefälles. Dieses Ausnutzen, kann man beim Zahnpflege-Zwang eindeutig verneinen.

Demgegenüber ist es nicht so, dass Kinder einen vorhersehbaren Schaden erleiden, wenn sie nicht frühzeitig sexuelle Handlungen ausführen oder sexuelle Handlungen mit einem Erwachsen ausführen. Die sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen ist kein notwendiger oder gar zwingend positiver Entwicklungsschritt. Das bedeutet allerdings nicht, dass es keine sexuellen Handlungen geben darf, sondern lediglich, dass es (anders als bei Zahnpflegehandlungen) keinerlei Zwang zu sexuellen Handlungen geben darf.

Irgendwann hat jeder das erste Mal Sex mit einem anderen Menschen. Wenn alles gut geht, passiert das in einer vertrauensvollen und liebevollen Beziehung, macht Spaß und ist ein sinnlicher Genuss. Alles andere, wie etwa das Geschlecht und Alter des Partners, ist eigentlich egal. Wenn es dem Betroffenen gut tut, ist es eine gute Beziehung. Ein guter Gradmesser für die Qualität einer Beziehung, und auch der Einzige, der mir sinnvoll praktisch anwendbar scheint, ist ihre Freiwilligkeit.

Entscheidend ist in einer Erwachsenen-Kind Beziehung, dass das Kind jederzeit die Möglichkeit hat, körperliche Nähe abzulehnen oder die Beziehung zu beenden. Eine gewollte sexuelle Beziehung (zu wem auch immer) zu verbieten, schadet einem Kind dagegen.

Eine konkrete Beziehung kann einem konkreten Kind im Übrigen durchaus sehr nutzen, denn eine Beziehung geht in aller Regel weit über die sexuelle Komponente hinaus. Neben einer hoffentlich positiven sinnlichen Erfahrung gibt es Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Unterstützung, Hausaufgabenhilfe, Fahrtdienste, gemeinsame Freizeitaktivitäten usw.

Der Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer glaubt, dass es einen ganz wichtigen prognostischen Faktor gibt, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird:

„One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.

Interview mit Paulus Hochgatterer im Standard

Abhängigkeitsverhältnis und Gesetzeslage

Würde es „Kinder-vor-Missbrauch-Schützern“ lediglich um die Verhinderung von sexuellen Handlung in einem Abhängigkeitsverhältnis gehen, bräuchte es kein Totalverbot sexueller Handlungen.

Es gibt mit § 174 bereits einen Paragraphen im Strafgesetzbuch, der den „Sexueller Mißbrauch von Schutzbefohlenen“ verbietet.

Ich finde diesen Paragraphen in der aktuellen Fassung allerdings problematisch, da das Problem nicht in der Existenz eines Schutzbefohlenen-Verhältnisses an sich besteht, sondern erst im Missbrauch des Schutzbefohlenen-Verhältnisses für sexuelle Zwecke (wenn dieses als Hebel verwendet wird, um Sex zu erzwingen).

Es sollte also durch die Aussage der Beteiligten zumindest widerlegbar sein, dass ein Missbrauch stattfand. Kern der Sache: ein Liebesverhältnis (auch ein ungewöhnliches wie im Fall von Jörn und Daniel) sollte stets straffrei bleiben.

Betrachtungen zum klassischen Verständnis von Einvernehmlichkeit

Einvernehmlichkeit bedeutet Zustimmung, Einwilligung, Einverständnis oder Erlaubnis. Die Grenzen, die der andere setzt bzw. die seinen Kompetenzbereich (z.B. seinen Körper) betreffen, werden durch eine einvernehmliche Handlung also nicht verletzt, sondern gerade respektiert. Einvernehmlichkeit schließt ein Handeln gegen den Willen des Betroffenen aus.

Es mag Kindern an Erfahrung und teils an Weitsicht fehlen, aber sie sind nicht doof. Auch ein Kind weiß sehr genau, was ihm gefällt, was sich gut anfühlt und was nicht, und es ist in der Lage das verbal und nonverbal deutlich zu machen.

Dass Kinder einen eigenen Willen haben und diesen teilweise auch rücksichtslos durchsetzen, wissen Eltern gemeinhin. Beispiele sind etwa ein schreiender Säugling, der Hunger hat oder auf den Arm genommen werden will. Oder ein Kind, das partout kein Gemüse gegessen will. Oder wenn es beim Anziehen unbedingt ein bestimmter Pullover oder ein bestimmtes Paar Schuhe sein muss. Oder wenn es darum geht, noch ein paar gewünschte Süßigkeiten beim Einkauf durchzusetzen. Es gibt tausend weitere Gelegenheiten.

Die Fähigkeit zur willentlichen Zustimmung ist bei Kindern also vorhanden – und wird von Soziologen, Psychologen und Sexualwissenschaftlern auch nicht bestritten.

Kritisch wird es, wenn jemand diese Signale ignoriert und Grenzen überschreitet. Etwa ein Kind dazu zwingt, Nahrung zu sich zu nehmen, die es verweigert. Wenn das Kind sich gegen seinen Willen von der Patentante abknutschen lassen muss…oder in einer Weise berührt wird, die sich schlecht anfühlt oder sogar schmerzhaft ist.

Gelassenheit, Gelassenheit, Gelassenheit!

Mindestens ebenso kritisch ist es allerdings, wenn einem Kind eingeredet werden soll, dass es das, was es tatsächlich schön fand, ganz schrecklich zu finden hatte und damit nicht nur sozialer Druck aufgebaut wird (das Kind hat den Erwartungen nicht entsprochen), sondern auch sein Vertrauen in seine eigene Wahrnehmung unterminiert wird.

Etwas, das sich gut angefühlt hat und dem darüber hinaus wahrscheinlich keine besondere Bedeutung zugemessen wurde, wird dann auf einmal zu einer traumatisierenden und potentiell langfristig schädigenden Erfahrung. Das liegt dann aber nicht an der ursprünglich als angenehm wahrgenommenen sexuellen Erfahrung, sondern an der Reaktion des Umfelds.

Genauso wenig wie das Essen einer wohlschmeckenden Frucht traumatisierend ist, ist eine wohlfühlende Berührung traumatisierend. Wenn man jemandem, der eine Tomate gegessen hat, allerdings einredet, es habe sich um einen Paradiesapfel gehandelt und der Esser sei durch den Verzehr der Erbsünde anheimgefallen und man den schrecklichen Schaden an seiner Seele später immer wieder thematisiert, muss man sich nicht wundern, wenn die Person, die die Tomate gegessen hat, anschließend psychische Probleme bekommt.

Auch eine schlimme, negative Erfahrung (der erzwungene Verzehr eines verdorbenen Lebensmittels oder eine Berührung, die sich schlecht oder sogar schmerzhaft angefühlt hat) wird lange nicht so schädigend nachwirken, wenn sie als überstandene schlimme Erfahrung bewertet wird, statt als ewig nachwirkende Seelenverstümmelung.

Der zum Wohle eines Kindes richtige Umgang mit tatsächlichen und vermeintlichem Missbrauch ist daher zunächst immer Ruhe und Gelassenheit, auch wenn man sich vielleicht gerade überhaupt nicht ruhig und gelassen fühlt. Das bedeutet natürlich nicht ignorieren. Man muss sich (ruhig und gelassen) schlau machen, was vorgefallen ist und wie das Kind den Vorgang bewertet. Erst dann kann man angemessen reagieren.

Das Urteil der Kinder

In der Realität gibt es neben Fällen von Missbrauch auch sexuelle Kontakte mit Erwachsenen, denen die betroffenen Kinder zugestimmt haben, die sie vielleicht sogar initiiert haben, die sie als positiv bewerten und bei denen kein Schaden erkennbar ist.

Mir ist dabei bewusst, dass ich als päderastisch veranlagter Mann für einen unvoreingenommenen Dritten diesbezüglich nicht als Kronzeuge tauge. Ich bin schließlich „Partei“.

Es gibt aber auch Wortmeldungen, von ehemaligen Jungen, die in einer entsprechenden Beziehungen waren und diese eindeutig positiv schildern. Zum Beispiel meldete sich 2013 bei einer Podiumsdiskussion in der Niederlande, jemand zu Wort, als die Diskussion für Publikumsfragen geöffnet wurde:

Ich möchte zwei Dinge sagen. Als ich dreizehn war und die Sexualität entdeckte, war ich ständig auf der Suche nach jemandem, mit dem ich ins Bett gehen konnte. Und irgendwann habe ich das gefunden. Er war vierzig Jahre alt und es war großartig. Das war so wichtig für mich. Das ist Punkt eins. Und die andere Sache, die ich sagen möchte: Ich bin schwul, ich durfte lange Zeit nicht sein, wer ich war, und ich hoffe, dass sich jeder vorstellen kann, wie es ist, wenn man nicht sein kann, wer man ist. Wenn du eine Frau liebst: und du darfst keine Frau lieben. Wenn du einen Mann liebst: und du darfst keinen Mann lieben. Und da haben wir die Pädosexuellen, die das gleiche Problem haben, wie ich in meiner Jugend. Sie dürfen nicht fühlen, was sie fühlen, sie dürfen nicht zärtlich sein, zu dem sie zärtlich sein wollen. Dass Missbrauch furchtbar ist, da stimme ich völlig zu, aber wir müssen uns sehr bemühen, diese Menschen in der Situation, in der sie sich befinden, zu unterstützen und versuchen, sie zu verstehen.

Das Video mit dieser Wortmeldung kann man sich hier (Link) auch im Originalton anschauen.

Neudefinition von Einvernehmlichkeit

Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigten und dadurch Zugang zu echten und vermeintlichen Missbrauchsopfern haben, begegnen solche positiven Äußerungen häufiger.

Für die Fraktion der „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“ war das allerdings ein Problem:

Gerade weil ich aus prinzipiellen Gründen genital-sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern als Herrschaftsverhältnis ablehne, habe ich Schwierigkeiten, Erfahrungen einzuordnen, die für das Gegenteil einer Herrschaftssbeziehung zu stehen scheinen.

Günter Amendt, Nur die Sau rauslassen?
in: konkret. Sexualität, H. 2 (1980), S. 23–30, hier S. 23.

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen liegt vor, wenn sexuelle Handlungen (mit oder ohne direkten Körperkontakt) gegen den Willen des Kindes oder Jugendlichen geschehen. Gerade Mädchen und Jungen sagen jedoch zum Teil, dass sie zugestimmt hätten. „Für betroffene Kinder“, so schreibt der Erziehungswissenschaftler Dirk Bange, „kann eine solche Aussage eine wichtige Strategie sein, um die Situation auszuhalten.“ Aus diesem „Dilemma der ‚scheinbaren Einwilligung‘ von Kindern“ hilft das „Konzept des wissentlichen Einverständnisses“ heraus. Damit ist gemeint, dass „Kinder gegenüber Erwachsenen keine gleichberechtigten Partner sein können, weil sie ihnen körperlich, psychisch, kognitiv und sprachlich unterlegen sind. Hinzu kommt, dass Kinder auf die emotionale und soziale Fürsorge Erwachsene angewiesen und Erwachsenen rechtlich unterstellt sind. Kinder können aus diesen Gründen sexuelle Kontakte mit Erwachsenen nicht wissentlich ablehnen oder ihnen zustimmen. Aufgrund dieses strukturellen Machtgefälles ist jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sexueller Missbrauch […].


Gutachten „Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer
Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung

Die zitierten Äußerungen sagen eigentlich alles.

Aus prinzipiellen Gründen war man nicht bereit, die Wirklichkeit, so wie sie ist, zu akzeptieren. Man suchte und fand die Lösung des „Dilemmas“, dass die Wirklichkeit nicht zu den eigenen Prinzipien passt, in dem theoretischen Konzept des wissentlichen Einverständnisses und konstruiert „passende“ Erklärungsmuster, um störende Aussagen mit den eigenen Erwartungen zu vereinbaren (z.B. durch Darstellung als „Strategie, um die Situation auszuhalten“).

Der Erfinder des zentralen Arguments ist der Sozialwissenschaftler David Finkelhor. Finkelhor führte 1979 die Unterscheidung zwischen „simple consent“ und „informed consent“ ein. Er behauptet damit die entwicklungspsychologische Unfähigkeit von Kindern, aufgeklärt in sexuelle Handlungen einzuwilligen und damit gleichberechtigte Sexualpartner zu sein.

Finkelhor räumte ein, dass Kinder und teilweise Jugendliche zwar willentlich in sexuelle Handlungen einwilligen können, dabei aber nicht die Tragweite einer solchen Zustimmung überschauen. Demnach stimmten sie der Handlung nicht wissentlich (informiert) zu, unabhängig davon, wem sie zustimmen.

An dieser Stelle macht es Sinn, einen Hinweis aus dem Bericht „Gewalt und Gesundheit“ (2002) der Weltgesundheitsorganisation zu reflektieren:

Gewalt lässt sich auf die unterschiedlichste Weise definieren, es kommt immer darauf an, wer den Begriff definiert und für welchen Zweck dies geschieht.

Im englischen Wikipedia-Artikel zu David Finkelhor wird (mit der Quellenangabe „Child Sexual Abuse: New Theory and Research“, Seite 228) angeführt, Finkelhor habe erklärt, dass er beabsichtigt, seine Forschung fortzusetzen, bis er den Beweis für „einen eindeutigen und überzeugenden Befund dafür hat, dass das Problem [des sexuellen Missbrauchs von Kindern] weit verbreitet ist“.

Im englischen Original: He has stated that he intends to continue his research until he proves „an unambiguous and persuasive case that the problem [of child sexual abuse] is widespread.“

Wer so ein Forschungsziel hat, hat natürlich auch ein Interesse an einer möglichst weitgehenden Missbrauchsdefinition, die eine möglichst hohe Betroffenenzahl liefert. Die Definition kann dann allerdings auch über das Ziel hinausschießen und Fälle erfassen, bei denen schlicht kein Missbrauch vorlag.

Zur Erinnerung: in über 50% der Fälle einer großangelegten kriminologischen Untersuchung von sexuellen Handlungen mit Kindern waren keine Gewalt und keine Schäden festzustellen. Die Neudefinition von Einwilligung und Gewalt verdoppelt die Anzahl der (nominellen) Missbrauchsopfer also in etwa.

Das ist dann ein Problem, wenn reale Menschen dadurch geschädigt werden, etwa durch die nachträgliche Traumatisierung, von jemandem, der nicht traumatisiert war, oder durch langjährige Haftstrafen für nicht strafwürdige Handlungen.

Auch wenn ich das für falsch halte: die Auffassung, dass die einzig wahre und allein relevante Einwilligung die „wissentliche“ Einwilligung ist und dass Kinder in diesem Sinne nicht einwilligungsfähig sind, hat sich durchgesetzt.

Wer dagegen argumentiert wird als Lobbyist von Kinderschändern stigmatisiert und auf diese Weise mundtot gemacht.

Trotzdem wird (vermutlich) kein seriöser Wissenschaftlicher leugnen, dass Kinder willentlich in sexuelle Handlungen einwilligen können. In der Regel wird man sich aber der Stellungnahme entziehen, indem man die Frage ignoriert oder als irrelevant hinstellt. Argumentativ konzentriert man sich dann stattdessen auf die behauptete fehlende wissentliche Einwilligung.

Beweisprobleme zur „wissentlichen“ Zustimmung

Die Theorie von der stets fehlenden wissentlichen Einwilligung wird der Allgemeinheit als Wahrheit verkauft („aus Studien wissen wir …“).

Zumal wir auch aus Studien wissen, dass es keine einvernehmlichen sexuellen Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern geben kann. Einvernehmlichkeit bei sexuellen Interaktionen setzt voraus, dass die Beteiligten vollständig über den Inhalt, die Durchführung und mögliche Folgen der sexuellen Aktivität informiert sind, sie verstanden haben und ihr zustimmen. Zu solch kritischem und perspektivischem Denken sind Kinder und Jugendliche aber aus entwicklungspsychologischen Gründen gar nicht in der Lage. Das heißt, Kinder können die Folgen nicht vollständig verstehen und abwägen. Auch wenn keine körperliche Gewalt eingesetzt wird, gibt es zwischen Kindern und Erwachsenen immer ein intellektuelles Ungleichgewicht und ein Machtgefälle. Der Erwachsene ist stärker, vielleicht sogar eine Vertrauens- und Autoritätsperson und ist geistig und sexuell weiter entwickelt. Deswegen kann es keine Augenhöhe und Einvernehmlichkeit bei sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern geben.

Interview von Elisabeth Quendler
vom Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ (KTW)
am Standort des Uniklinikums Ulm mit K13 Online

Da stellt sich mir die Frage: welche Studien sollen das sein?

Und wie soll es überhaupt möglich sein, das behauptete „Wissen“ mit einer Studie zu ermitteln? Man kann in einer Studie natürlich nachfragen, ob ein Kind, das einen sexuellen Kontakt mit einem Erwachsenen hatte, sich willentlich auf den Kontakt eingelassen hat. Das Ergebnis einer solchen Studie wäre, dass sich ein erheblicher Anteil der Kinder willentlich auf den sexuellen Kontakt eingelassen hat.

Der Spiegel berichtete etwa im Jahr 1979: „Eine Untersuchung der Düsseldorfer Polizei ergab, dass von missbrauchten Kindern 22 Prozent bereits bei der Kontaktaufnahme über die Absicht des Täters im klaren und damit einverstanden waren.“

Wenn man nicht die Kontaktaufnahme, sondern den Zeitpunkt unmittelbar vor der eigentlichen sexuellen Handlung heranzieht, wird die „Einverstanden“-Quote sicher deutlich höher sein.

Die willentliche Einwilligung ist für die wissentliche Einwilligung aber ohnehin „egal“.

Wie will man nun bewerten, ob die Zustimmung „wissentlich“ genug erfolgte? Das Alter taugt vielleicht als juristischer Maßstab, kann aber sicher kein wissenschaftliches Kriterium sein. Kinder entwickeln sich ja nicht in einem einheitlichen Tempo. Bei gleichem Alter ist der eine weiter als der andere.

Es wird behauptet, dass Kinder „ aus entwicklungspsychologischen Gründen“ noch nicht so weit seien. Wie genau misst man das? Welche Studie hat wie festgestellt, dass 60, 80 oder 100% der unter-14jährigen entwicklungspsychologisch noch nicht weit genug sind und dass 60, 80 oder 100% der 14+/-jährigen entwicklungspsychologisch bereits dazu in der Lage sind?

Irgendwann muss jeder erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Ein sexuell unerfahrener 16- oder 20-jähriger ist mit dem selben praktischen Wissensdefizit konfrontiert wie ein sexuell unerfahrener 11- oder 13-jähriger. Warum sollte dann ein 16-jähriger oder 20-jähriger auf einmal mit genug Informationen (oder Reife) ausgestattet sein, um einem Sexualkontakt erstmals zustimmen zu können. Wann genau fallen die nötigen Informationen (oder die Reife) magisch vom Himmel?

Wie kommt man da weiter? Soll man die Probanden vielleicht neurowissenschaftlich untersuchen, um den Reifegrad des Gehirns festzustellen? Das ist inzwischen wohl möglich und führte, wie der Merkur berichtete, zur Erkenntnis, dass das Gehirn mit 18 längst nicht ausgereift ist und dass viele Menschen erst mit 30 Jahren den Reifegrad „Erwachsen“ erreichen würden.

Also Sex erst ab 30? Das zeigt (hoffentlich), dass diese Betrachtungsweise lächerlich ist. Die sexuelle Reife ist beim Menschen nicht an die Reife des Gehirns gebunden.

Stellt man dagegen auf die Erfahrung ab, müsste es einem 12-jährigen, der bereits Sex mit einem anderen 12jährigen hatte (was ja durchaus vorkommen soll), dann nicht erlaubt sein, fortan einvernehmlichen Sex mit einem anderen Menschen beliebigen Alters zu haben?

Das Konzept des „informed consent“ besagt, dass Kinder einer sexuellen Handlung nicht wissentlich (informiert) zustimmen können, unabhängig davon, wem sie zustimmen. Nach der Theorie des „informed consent“ sind also auch sexuell erfahrene 12-jährige „uninformiert“ und können sexuellen Handlungen mit einem anderen Menschen nicht wissentlich zustimmen (auch nicht solchen mit anderen 12jährigen).

Ausreichende“ Zustimmung

An dieser Stelle gehen die wissenschaftliche Theorie des „informed consent“ und der gesellschaftliche Konsens übrigens bereits etwas auseinander.

Trotz fehlender „wissentlicher“ Einwilligung hat zu Recht (fast) niemand ein Problem damit, wenn Kinder Doktorspiele miteinander spielen, solange die Handlungen von den beteiligten Kindern gewollt sind und sie nicht dazu genötigt werden. Doktorspiele gelten entwicklungspsychologisch als normal. Sie werden daher typischerweise jedenfalls toleriert.

Ebenso hat trotz fehlender „wissentlicher“ Einwilligung auch zu Recht (fast) niemand etwas dagegen, wenn zwei 13-jährige einvernehmlich sexuelle Handlungen miteinander haben. Auch das gilt entwicklungspsychologisch als normal. Auch diese Beziehungen werden typischerweise toleriert.

Aus gesellschaftlicher Sicht ist eine willentliche Zustimmung unter Kindern also eine „ausreichende“ Zustimmung.

Für die Folgen spielt es aber keine Rolle, ob der Sexpartner des 13-jährigen ebenfalls 13 ist, oder ob er 14 ist (und sich damit strafbar macht). Es spielt auch keine Rolle, ob er (oder sie) 30 oder 40 ist – solange die Handlungen von den Beteiligten gewollt sind und sie nicht dazu genötigt werden. Wenn die Folgen gleich sind, warum sollen sich dann die Regeln auf einmal ändern?

Mir erschließt sich jedenfalls nicht, warum ein (in der Pubertät oft entwicklungsbedingt hypersexueller und hormontriefender) Gleichaltriger notwendig ein besserer, rücksichtsvollerer oder „sichererer“ Sexualpartner sein sollte, als ein weniger impulsiver, lebenserfahrener Erwachsener. Es ist für mich deshalb auch nicht überraschend, wenn kriminologische Studien zeigen, dass von einem einvernehmlichen Sexualkontakt mit einem Älteren keine grundsätzliche Gefahr für den Jüngeren ausgeht.

Der Unterschied, der die eine Zustimmung (gegenüber einem etwa Gleichaltrigen) akzeptabel macht und die andere Zustimmung (gegenüber einem Älteren bzw. Erwachsenen) inakzeptabel macht, liegt nicht in den Folgen für das Kind, sondern lediglich im Moralempfinden Dritter.

Die Auffassung von Finkelhor ist, dass Kinder generell nicht in der Lage sind, einer sexuellen Handlung mit einer beliebigen anderen Person zuzustimmen.

Diese Auffassung scheint mir ziemlich offensichtlich falsch zu sein, da Sexualität von Beginn an Teil des Menschseins ist und auch bestimmte Formen der Sexualität mit anderen (wie Doktorspiele) schon frühzeitig zum entwicklungspsychologisch normalen Verhalten eines Kindes gehören. Jedenfalls ab der Pubertät schließt dies auch genital-sexuelles Verhalten ein.

Der gesellschaftliche Konsens (jedenfalls in Europa) ist demgegenüber, dass Kinder grundsätzlich nicht in der Lage sind, einer sexuellen Handlung mit einem Erwachsenen (!) zuzustimmen. Warum aber sollte die Zustimmung gegenüber einen anderen Kind möglich und die gegenüber einem Erwachsenen unmöglich sein? Das Alter des Partners ist keine grundlegende Eigenschaft der Zustimmung und ändert nichts an ihrer Qualität. Das wesentliche ist die Zustimmung und Freiwilligkeit.

Wann man reif genug ist

Der beste mir bekannte Gradmesser für die Reife, etwas zu machen (zum Beispiel auf einen Baum zu klettern), ist das Verlangen etwas zu machen.

Kinder können zwar willentlich auf einen Baum klettern, aber wissentlich doch wohl eher nicht. Sie werden sich vielleicht noch Gedanken machen, dass sie runter fallen und sich weh tun könnten, aber wohl eher nicht darüber, was sie sich dabei im Einzeln brechen können.

Auf Bäume klettern ist freilich nicht das selbe wie Sex haben. Persönlich schätze ich das Klettern auf Bäumen als potentiell gefährlicher ein.

Fehlendes Wissen ist der menschliche Normalzustand. Auch ein Erwachsener kann die Folgen einer Beziehung, auf die er sich einlässt, nicht im Vorfeld vollständig verstehen und abwägen. Man weiß nicht, ob der mögliche Partner treu bleibt, ob er/sie sich an Absprachen hält und verhütet (oder sich bei Kinderwunsch an die Absprache hält, nicht zu verhüten), ob man sexuell auf der selben Wellenlänge ist, ob der Partner sich als gewalttätig herausstellt oder ob er nach dem Ende der Beziehung zum Stalker wird.

Trotzdem sind die allermeisten Beziehungen solange sie andauern jedenfalls überwiegend positiv und von den Beteiligten gewollt. Auf Beziehungen lässt man sich ein, wenn man dabei ein gutes Gefühl hat. Wenn sich herausstellt, dass sie einem nicht (mehr) gut tun, beendet man sie. Das funktioniert auch bei Kindern.

Es kommt vor, dass man sich beim Sturz von einem Baum ein Bein oder sogar das Genick bricht. Es ist aber nicht der Regelfall, sondern die sehr seltene Ausnahme und gehört in den Bereich des normalen Lebensrisikos. Ein Generalverbot auf Bäume zu klettern, wäre daher verfehlt.

Auch das Glück oder Unglück in der Liebe und in Beziehungen ist Teil des normalen menschlichen Lebensrisikos. Auch dieser Bereich sollte daher nicht durch das Verbot ausgewählter, beiderseitig gewollter Beziehungen reglementiert werden.

Selbstbestimmungsrecht

Die meisten Menschen sprechen Kindern nicht das Recht auf jegliche Sexualität ab. Beziehungen mit annähernd Gleichaltrigen sind gesellschaftlich toleriert. Es geht der Gesellschaft primär darum, sie vor Erwachsenen (wie mir) zu bewahren. Faktisch wird damit aber das Selbstbestimmungsrecht von Kindern, als Schutz verbrämt, verneint.

Den starren und unerbittlichen Regeln fallen in der Realität dann allerdings auch Kinder zum Opfer. Das zeigt etwa der bereits erwähnte Fall von Jörn eindrücklich. Der vermeintliche Schutz verkommt in solchen Fällen zu struktureller Gewalt.

Wer Interesse an sexuellen Handlungen hat, ist sexuell reif genug, um sexuelle Handlungen zu haben. Den „passenden“ Sexualpartner sollte sich der Betreffende selbst aussuchen können. Wobei der oder die Auserwählte natürlich seiner- bzw. ihrerseits auch wollen muss.

Ich gehe davon aus, dass viele 13-jährige Jungen sehr gerne bereit wären, mit einer sexuell attraktiven, erwachsenen jungen Frau Sex zu haben. Frauen tendieren ihrerseits allerdings eher zu Partnern, die als Ernährer und Beschützer geeignet sein könnten. Hoch gewachsene Männer mit athletischem Körperbau gelten meist als attraktiv. Noch wichtiger sind oft Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (z.B. Vermögen, berufliche Position, Statussymbole).

In diesen Belangen schneiden Jungen gemeinhin eher schlecht ab. Den sexuell willigen 13-jährige Jungen stehen also kaum sexuell willige Frauen gegenüber. Zum Glück gibt es aber auch noch gleichaltrige (oder geringfügig jüngere) potentielle Partner.

Wenn es (wovon ich ausgehe) für die meisten Menschen vorstellbar ist, dass sich ein 13-jähriger Junge Sex mit einer Frau wünscht, bzw. dafür empfänglich wäre, sollte es eigentlich auch nicht abwegig sein, sich vorzustellen, dass es bisexuelle oder schwule Jungen gibt, die gerne Sex mit einem Mann hätten bzw. dafür empfänglich wären.

Wie etwa der Fall von Jörn oder die Wortmeldung des Zuschauers bei der Podiumsdiskussion im Jahr 2013 zeigen, ist das auch keine graue Theorie, sondern kommt im wirklichen Leben tatsächlich vor.

Blendwerk und Utopie

Das der Öffentlichkeit als „bewiesen“ verkaufte Konzept der „wissentlichen Zustimmung“ ist lediglich ein Theorie, die sich auf Anhieb hinreichend plausibel anhört, letztlich aber nur pseudowissenschaftlich ein moralisch gewolltes Verbot legitimiert.

Damit die Theorie beweisbar wird, müsste die entwicklungspsychologische Reife zur Zustimmung zu einer sexuellen Handlung objektiv nachweisbar sein. Es gäbe dann also einen Test, mit dem man bei einem „Probanden“ eine „ausreichende“ entwicklungspsychologische Reife (oder deren Fehlen) feststellen könnte.

Gäbe es diesen Test, würde das ein Schutzalter überflüssig machen.

Denn natürlich könnten auch einige überdurchschnittlich reife 12-jährige den Test „bestehen“ – und dann wirksam einer sexuellen Beziehung (zu einem Gleichaltrigen oder einem Älteren) zustimmen.

Analog würden sicherlich auch einige unterdurchschnittlich reife 18-jährige „durchfallen“. Sie könnten einer sexuellen Beziehung dann natürlich auch nicht wirksam zustimmen.

Ein entsprechendes Testergebnis könnte sich ein potentiell interessierter Partner vorzeigen lassen – und würde sich (unabhängig vom Alter des Partners) strafbar machen, wenn er mit jemandem Sex hat, der entwicklungspsychologisch noch nicht reif genug ist, um sexuellen Handlungen zuzustimmen.

Einen solchen Test gibt es aber nicht.

Gäbe es ihn doch und wäre er anerkannt (was eigentlich zwingend wäre, wenn der Test als wissenschaftlicher Beweis gelten würde), dann wäre das für Pädophile und Päderasten durchaus positiv. Reine Moralverbote wären dann jedenfalls Geschichte.

Eine zu restriktive Gestaltung des Testdesigns würde dazu führen, dass zu viele junge Erwachsene „durchfallen“ würden. Das würden sich die Wähler nicht bieten lassen. Der Test müsste also schon aus politischen Gründen auf ein realistisches und angemessenes (menschengerechtes und bestehbares) Maß beschränkt bleiben.

Fazit

Das alles zeigt, dass das erweitere Gewaltkonzept der „strukturellen Gewalt“ und das Konzept des „informed consent“ zu kurz greift.

Im Grunde ist die Sache einfach: Entwicklungspsychologisch bereit „genug“ für Sex ist, wer sich für Sex interessiert.

Im realen Leben gibt es sexuell neugierige und erfahrene 12jährige, aber auch verklemmte, jungfräuliche 17jährige. Diesen Menschen wird man gerecht, wenn sie Sex haben dürfen, wenn sie sich dafür bereit fühlen und keinen Sex haben müssen, solange sie sich nicht nicht dafür bereit fühlen. Der entscheidende Punkt ist die Freiwilligkeit – und nur sie.

Zum Thema Machtgefälle, das oft im selben Atemzug wie die fehlende „wissentliche“ Einwilligung genannt wird, habe ich schon einiges geschrieben. Tatsächlich gibt es keine Beziehungen ohne Machtgefälle. Machtgefälle drücken sich auf vielen Ebenen aus: körperliche Stärke, finanzielle Möglichkeiten, sexuelle Attraktivität, intellektuelle Überlegenheit, emotionale Reife, usw.

Wann wird der Gehaltsunterschied oder der Unterschied im Intelligenzquotienten oder der Altersunterschied zu groß, damit eine Beziehung hinreichend „ausgeglichen“ ist? Und wer soll das bestimmen? Wem will man die Macht einräumen, auf welcher Basis eine bestimmte Beziehung als akzeptabel oder nicht akzeptabel zu definieren?

Die einzige Legitimation, die eine Beziehung braucht ist, dass die Beziehungspartner glücklich sind.

Geoutet: Thomas Mann, schwuler Päderast

Am 12. August 1955 starb Thomas Mann. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen literarischen Selbstmord bereits um 44 Jahre überlebt.

Gemeint ist seine Novelle Der Tod in Venedig, die 1911 entstand. Sie erschien – wohl auch aus Unsicherheit über ihre Wirkung – zunächst als Vorzugsausgabe in einer Auflage von 100 nummerierten und von Thomas Mann signierten Exemplaren, danach in der Neuen Rundschau und ab 1913 als Einzeldruck.

Die Geschichte handelt vom Gustav von Aschenbach, einem berühmten Schriftsteller. Von Aschenbach ist etwas über 50 Jahre alt, schon länger verwitwet und muss sich seine künstlerische Leistungen täglich neu abringen. Ein stets um Haltung bemühter Asket am Rande der Erschöpfung, dessen Lieblingswort „Durchhalten“ lautet. Dieser Mann nun reist nach Venedig und entdeckt dort in der Hotelhalle am Tisch einer polnischen Familie Tadzio, einen langhaarigen Knaben „von vielleicht vierzehn Jahren“:

Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war. Sein Antlitz, bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit.

Das Klima in Venedig bekommt von Aschenbach allerdings nicht. Als ihn Schweiß- und Fieberanfälle befallen, bedauert er, die Stadt verlassen zu müssen und will nach Triest weiterreisen. Als jedoch sein Koffer vorübergehend verloren geht, nimmt er das zum Anlass zu bleiben – auch dann noch, als er seinen Koffer zurückbekommen hat.

Zunächst deutet Aschenbach seine Sehnsucht nach Tadzio als ästhetisches Kennertum und flüchtet sich in philosophischen Abhandlungen über die Schönheit.

Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewusst, dass Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden, in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios Schönheit seine kleine Abhandlung, – jene anderthalb Seiten erlesener Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte.

chließlich gesteht er sich ein, dass er den Jungen liebt.

Auch als sich eine Colera-Epidemie ankündigt, kann sich Aschenbach nicht dazu durchringen, Venedig zu verlassen. Er bringt es nicht einmal fertig, Tadzios Angehörige vor der Cholera zu warnen, weil das dazu führen würde, dass er ihm nicht mehr würde nahe sein können.

Schließlich stirbt Aschenbach, infiziert durch überreife Erdbeeren, an der Cholera, während er aus seinem Liegestuhl Tadzio ein letztes Mal am Strand beobachtet. Er meint zu erkennen, dass Tadzio lächelt und ihm zuwinkt, während er mit der anderen Hand aufs offene Meer hinaus deutet. „Und, wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen.“

Die Novelle ist teilweise auobiographisch. Tatsächlich war Mann 1911 in Venedig. Auch den polnischen Jungen gab es. Und er war wohl noch etwas jünger als Vierzehn.

Ein Jahr jünger, wenn man Katia Mann, der Frau von Thomas Mann, folgt, die in „Meine ungeschriebenen Memoiren“ ausführt:

Dann gingen wir in das Hotel-des-Bains, wo wir reserviert hatten. Es liegt am Strand, war gut besucht, und bei Tisch, gleich am ersten Tag, sahen wir diese polnische Familie, die genauso aussah, wie mein Mann sie geschildert hat: mit den etwas steif und streng gekleideten Mädchen und dem sehr reizenden, bildhübschen, etwa dreizehnjährigen Knaben, der mit einem Matrosenanzug, einem offenen Kragen und einer netten Masche gekleidet war, und meinem Mann sehr in die Augen stach. Er hatte sofort eine Faible für diesen Jungen, er gefiel ihm über die Maßen, und er hat ihn auch immer am Strand mit seinen Kameraden beobachtet. Er ist ihm nicht durch ganz Venedig nachgestiegen, das nicht, aber der Junge hat ihn fasziniert, und er dachte öfters an ihn.

Der reale Tadzio war sogar drei Jahre jünger als der 14jährige Buch-Tadzio, wenn man Władysław Moes folgt, der sich in dem Jungen wiedererkannt zu haben meint. Władysław verbrachte als 11jähriger den Mai 1911 mit seiner Familie (wie die Manns) im Hotel de Bains.

Ich bin dieser Junge! Ja, schon damals in Venedig wurde ich Adzio oder manchmal Władzio gerufen … aber in der Geschichte heiße ich Tadzio … so hat es der Meister verstanden … In der Geschichte fand ich alles genau beschrieben, sogar meine Kleidung, mein Verhalten – gut oder schlecht – und die rauen Witze, die ich mit meinem Freund auf dem Strand gespielt habe.

Wikipedia-Artikel „Władysław Moes
(eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Auch die Cholera ist tatsächlich in Venedig ausgebrochen. Da aber trennen sich die Wege von Thomas Mann und seinem Alter Ego Gustav von Aschenbach: die Manns kehrten der kranken Stadt sofort den Rücken, während Aschenbach der obsessiven Liebe zu dem Jungen Tadzio verfällt und sein Schicksal mit dem der untergehenden Stadt verbindet.

In seinem Essay über Adelbert von Chamisso, der 1911 während der Arbeit an Der Tod in Venedig entstanden ist, hat sich Thomas Mann pointiert über die geheime Identität von Autor und Fabelheld geäußert: „Es ist die alte, gute Geschichte: Werther erschoss sich, aber Goethe blieb am Leben.“

Vielleicht hing der Unterschied am Ende daran, dass Mann verheiratet und mit Familie (Frau und Bruder) in Venedig war, Aschenbach dagegen verwitwet und allein in der Stadt.

Wie kam es zu Manns Ehe? Und was bewirkte die Offenbarung seiner homoerotischen Neigungen bei seiner Frau?

Die Ehe verordnete Thomas Mann sich als „ein strenges Glück“ – nicht ohne Skepsis. (…) Mit dem in den ersten Ehejahren entstandenen Roman Königliche Hoheit (1909) erreichte Thomas Mann vorerst nicht wieder die Höhe seiner schriftstellerischen Möglichkeiten. Der Tod in Venedig aber wurde ein Meisterwerk. „Es stimmt einmal Alles, es schießt zusammen, und der Kristall ist rein.“ Thomas Mann hat „Gustav von Aschenbach“ stellvertretend für sich sterben lassen und sich fortan akzeptiert. Die Lebenslüge vom „strengen Eheglück“ ließ er fallen.

Für Katia Mann, die in der Venedig-Novelle die homoerotische Orientierung ihres Mannes erkannt hatte, folgte eine längere Zeit mit Kränklichkeit und verschiedenen Sanatoriumsaufenthalten, dessen bekanntester auf Davos fiel. In Davos fand Thomas Mann die Inspiration zu Der Zauberberg, als er besuchsweise dort einige Wochen verbrachte. Nach Der Tod in Venedig, nach Aufgabe der Willensanstrengung, ein „strenges Eheglück“ zu leben, war es von nun an tiefe Dankbarkeit, die ihn mit seiner Frau Katia verband und die sich als sehr tragfähig erweisen sollte.

Wikipedia-Artikel „Der Tod in Venedig

Im Sommer 1911 bekam Katia Mann Lungenbeschwerden und ging 1912 mit der Diagnose „geschlossene Tuberkulose“ zur Kur nach Davos. Tatsächlich dürften ihre Beschwerden anderen Ursprungs gewesen sein, denn später angefertigte Röntgenbilder zeigten, dass sie nie an Tuberkulose erkrankt gewesen sein konnte. In ihrer Autobiografie Meine ungeschriebenen Memoiren notierte sie: „Es war Sitte, dass jene, die es sich leisten konnten, nach Davos oder Arosa geschickt wurden.“

Wikipedia-Artikel „Katia Mann

Ernsthaft lungenkrank scheint Katia Mann, allen zahlreichen Sanatoriumsaufenthalten zum Trotz, nie gewesen zu sein, derlei Reisen waren auch eine Modeerscheinung. Sie begleitete Thomas Mann bei Vortragsreisen und war ihm Ratgeberin, Sekretärin und Vertraute. Manns Werk ist ohne Katia Mann, die ihrem Mann den Rücken stärkte und freihielt, kaum zu denken. Sie schuf die gediegene Atmosphäre, die Mann benötigte, um die Grenzen und Abgründe bürgerlicher Kultur auszuloten. Sie hielt die Familienbande zusammen, korrespondierte mit den Kindern, die im Zürcher Exil schon fast alle außer Haus waren. Sie verstand es dann auch, in den USA eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Familie heimisch werden konnte. In Princeton fand sie in Molly Shenstone eine enge Freundin. Dass Thomas Mann sich gelegentlich in Knaben verschaute, blieb Katia Mann nicht verborgen, sie sah über derlei Verliebtheiten hinweg, zumal er seinen ehelichen Pflichten nachkam, wie sein Tagebuch verrät.

thomasmann.de über Katia Mann

Mit Katia Pringsheim hat Thomas Mann offensichtlich einen großartigen Fang gemacht – und das nicht lediglich wegen des Vermögens ihrer Familie (In der Zeit der Werbung um Katia Pringsheim schrieb er seinem Bruder: „Ich fürchte mich nicht vor dem Reichthum.“).

Für Katia selbst wird es oft sehr schwierig gewesen sein. Sie half ihrem Mann anscheinend mit einer gewissen Vermännlichung in Frisur und Habitus. Trotz der sechs Kinder, ist Thomas Mann gemeinsame Sexualität nicht leicht gefallen. Es ist bezeichnend, wenn er sich in seinem Tagebuch für sein Versagen im Bett mit der Frage entschuldigt, ob es besser gegangen wäre, wenn ein Knabe vorgelegen hätte. Die beiden hatten getrennte Schlafzimmer und Mann schreibt in seinem Tagebuch auch darüber, wie dankbar er Katia für ihre sexuelle Anspruchslosigkeit sei.

Ich hoffe sehr, dass Katia Mann trotz der Widrigkeiten auch viel Glück erleben durfte. Die Kurzbiographie auf thomasmann.de deutet das zumindest an. („Sie war die starke Frau hinter einem sensiblen Mann. In ihrer Rolle als „Frau Thomas Mann“ ging sie auf, war anscheinend auch glücklich, ja: sie genoss sie bisweilen.“)

Doch zurück zu Thomas Mann und seinemTod in Venedig:

In gewisser Weise hat Mann sich in und mit seinem Roman in der Gestalt des Aschenbach umgebracht. Er hat sich aber gleichzeitig auch geoutet und akzeptiert.

Das Buch hätte dabei durchaus auch sein literarischer Selbstmord werden können. Das Thema der Knabenliebe – wenn auch aus der Ferne – war auch damals prekär. Dass er das Wagnis dieses Romans eingehen konnte, dürfte auch daran gelegen haben, dass er seit 1905 verheiratet war und bereits vier Kinder (Erika, Klaus, Golo und Monika) mit seiner Frau hatte (später sollten noch Elisabeth und Michael hinzukommen).

Mit diesem (nicht nur, aber auch) „Alibi“, konnte er eine schwule oder päderastische Orientierung glaubhaft leugnen. Aschenbachs Liebe bleibt im Roman außerdem keusch und unerfüllt, was sie aus bürgerlicher Sicht womöglich noch akzeptabel scheinen lässt. Den Ausschlag könnte geben, dass sie darüber hinaus auch noch mit dem Tod gesühnt wird.

Thomas Manns Befürchtungen der öffentlichen Ablehnung bewahrheiteten sich jedenfalls nicht.

Die FAZ bemerkte dazu zum 100jährigen Erscheinen des Buchs:

Mit dieser Pädophilen-Novelle bekäme man heute Schwierigkeiten: Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns „Tod in Venedig“ – und stellte die Toleranz der Literaturkritik auf die Probe.

Ein alternder, in München lebender Schriftsteller bekommt plötzlich Fernweh und macht eine Reise nach Venedig, wo er sich in einen polnischen Jungen verliebt, dann aber an Cholera stirbt: mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides. Der Erfolgsschriftsteller Thomas Mann säße dann, womöglich an vier Abenden hintereinander, in den Talkshows, wo Eltern, Pädagogen und Journalisten über ihn herfielen, Psychologen ihn in Schutz nähmen und Literaturkritiker daran erinnerten, Autor und Figur seien doch nicht ganz dasselbe, es gebe schließlich noch so etwas wie einen Kunstvorbehalt, aber das ginge im moralischen Geschrei natürlich unter. Thomas Mann stünde da als Pädophiler – das ist, neben Antisemitismus, heute das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann. (…)

Als literarische Phantasie muss uns der „Tod in Venedig“ heute aber überaus kühn, ja als eine Ungeheuerlichkeit vorkommen. Und es ist bemerkenswert, dass sie damals nicht in erster Linie als solche verstanden wurde. Zwar hat man das Gewagte daran keineswegs übersehen, und Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ Aber insgesamt schien die literarische Öffentlichkeit über diesen Punkt erstaunlich wenig alarmiert.

Das bedeutet nicht, dass man Päderastie – so lautete der Begriff für das, was wir heute unter Pädophilie verstehen – damals gutgeheißen hätte oder in Fragen der Sexualmoral insgesamt toleranter gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass man damals eher bereit war, auch einen inhaltlich brisanten literarischen Text vor allem nach seiner ästhetischen Qualität zu beurteilen und weniger nach seinem Stoff. (…)

„Kaum je“, schrieb Josef Hofmiller schon 1913, „ist die Maxime L’art pour l’art mit solcher Strenge bis in ihre absurdesten Folgerungen verfolgt worden, bis sie nicht mehr entrinnen konnte, bis der richtende Dichter über dem gerichteten das Halali blies. Hat selbst Ibsen irgendwo mit vernichtenderer Rücksichtslosigkeit über den Dichter, über sich selbst ,Gerichtstag gehalten‘, als es Thomas Mann in diesem Werke tut?“ (…)

Mit äußerster Kunstanstrengung gewagte Vorgänge oder Phantasien sprachlich so auszudifferenzieren und zu verfeinern, dass ein Skandal unterbleibt, indem der Anlass gewissermaßen zu Feinstaub gemahlen wird, garniert obendrein mit Antike-Anspielungen – wie sehr Thomas Mann’s Strategie aufging, zeigt die Rezension des Lyrikers und Literaturkritikers Carl Busse vom selben Jahr: „Ohne Zweifel wird man das Thema peinlich finden, aber man muß bekennen, daß es mit vorbildlicher Zartheit behandelt wird. Im bürgerlich-moralischen Sinne bleibt der Held völlig ,korrekt‘; er nähert sich dem schönen Knaben überhaupt nicht, er spricht nie ein Wort mit ihm – das Ganze ist nur eine erotische Gefühlsausschweifung, und sie quält umso weniger, als man das dumpfe Empfinden hat, es wäre gerade vor diesem Helden eine notwendige Rache der Natur. Jedenfalls: soweit die Kunst an sich ein solches Thema überhaupt von dem peinlichen Erdenrest, der ihm anhaftet, befreien kann, ist das hier geschehen.“ (…)

Busse trifft mit dem Stichwort vom „peinlichen Erdenrest“ dabei ein zentrales Moment in Thomas Manns Poetologie: die Auffassung, dass erotische Gefühlsausschweifungen selbst für einen fingierten Helden nur als Gedankenspielereien und nicht als Schilderungen von Realität in Frage kommen.

Thomas Mann sicherte sich also doppelt ab. So ist es zu erklären, dass dieser Tabubruch, um den es sich zweifellos handelte, Thomas Mann nicht nur nicht schadete, sondern sein schriftstellerisches Ansehen noch steigerte. Plump autobiographisch könnte man sagen, er habe mit dem „Tod in Venedig“ sein Coming-out gehabt. Wem im Werk vorher schon die eine oder andere Stelle aufgefallen war, der wusste nun Bescheid. (…)

Der Aktivist und Publizist Kurt Hiller, der im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ schon ungeduldig gefragt hatte „Wo bleibt der homoerotische Roman?“, lehnte sie [die Erzähling] denn auch ab als ein „Beispiel moralischer Enge“, das Knabenliebe bloß als Verfallssymptom behandle; Stefan George missbilligte sie aus ähnlichen Gründen. Und der englische Schriftsteller D.H. Lawrence befand: „Germany does not feel very young to me.“ (…)

So ergibt sich der verblüffende Befund, dass sich gerade das nicht homosexuelle Milieu diese Erzählung bieten ließ, während das homosexuelle sie, soweit dies anhand der wenigen Stimmen rekonstruierbar ist, wegen ihres bösen Endes ablehnte, das eine begeistert-identifikatorische Lesart zumindest erschwerte.

Es soll hier nicht unterschlagen werden, dass Thomas Mann nicht nur päderastisch veranlagt war, sondern auch homosexuell. Die Schubladen, in die wir die Menschen so gerne stecken, sind nämlich nicht wirklich menschengerecht. Sexualität ist ein Kontinuum und mancher Mensch füllt mehr als eine der zur Vereinfachung erfundenen Kategorien aus.

Einige Beispiele zur homosexuellen Seite Thomas Manns:

Den Maler Paul Ehrenberg, mit dem ihn von 1899 bis 1904 eine intensive Freundschaft verband, bezeichnete er noch im hohen Alter als „zentrale Herzenserfahrung meiner 25 Jahre“. Im Jahr 1900 war Mann 25, Ehrenberg 24.

Der als „göttliche Knabe“ mit „Hermesbeinen“ beschrieben Hotelpage / Kellner Franz Westermeier, in den sich Mann 1950 (als er bereits 75 Jahre alt war) im Grandhotel Dolder in Zürich verliebte, war 19. Als Mann nach St. Moritz weitergereist war, konsultierte er seine Frau und seine älteste Tochter Erika, ob es schicklich sei, dem Hotelpagen einen Brief zu schreiben. Beide bestätigten damit auch seine Schwärmerei, Erika riet sogar dazu, den Moritzer Aufenthalt abzubrechen, damit Thomas Mann wieder ins Dolder zurückkehren könne.

Mann schreibt schließlich und bietet dem Hotelangestellten ein Empfehlungsschreiben an. Die Antwort bleibt aus. Noch im Oktober 1950 trauert Thomas Mann dem jungen Franz und dem nicht eingegangenem Anwortbrief hinterher. Er malte sich lebhaft aus, welche Schwierigkeiten Westermeier gehabt haben könnte, sich zu einer Antwort aufzuraffen, endlich zu schreiben. Endlich. Er kommentierte sein Verhalten in seinem Tagebuch: „Zähe Torheit. Aber man sehe, wie das vorhält“. Sechs Wochen später: „Will notieren, dass ich tatsächlich bis heute jede neue Post darauf durchsehe, ob etwa eine Zuschrift des kleinen Westermeier dabei ist. Vollkommen oder fast vollkommen unsinnig“.

Klaus Heuser, den Sohn des Direktors der Düsseldorfer Kunstakademie, lernte Mann 1927 auf Sylt kennen und lud ihn zu einem 14-tägigen Aufenthalt nach München ein. In seinem Tagebuch heisst es, dass er ihm „am meisten Gewährung entgegenbrachte“. Heusner war damals 17.

Am 20. Februar 1942 findet sich in Manns Tagebuch die Notiz:

Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus-Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum erstenmal ‚den Sprung ins Traumhafte‘ tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.

Zeit-Artikel „Doppelleben eines Einzelgängers

In diesen Worten steht Thomas Mann mit seinen überwiegend unerfüllten Sehnsüchten so nackt, vor uns, wie sonst wohl nur in seinem Tod in Venedig.

Mann blieb trotz seiner 6 Kinder ein sexuell Unvollendeter. Laut Auskunft seines Sohns Golo Mann im Jahre 1975 soll er nie ein praktizierender Homosexueller gewesen sein, seine Homosexualität habe sich in pubertären Grenzen gehalten, derartige Aktivitäten seien „niemals unter die Gürtellinie gegangen“.

Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass der Blick Thomas Manns auf seinen Spaziergängen Jünglinge mit schönen Beinen oder mit nacktem Oberkörper suchte. Die Knaben und die Jünglinge, die er geliebt hat, wussten nichts von der Art und der Intensität seiner Zuneigung.

Hört sich vertraut an.

Bei Mann wurde die Liebe zum Monolog. Und manchmal zur Novelle.

Sicher war er ein schriftstellerisches Genie. Trotzdem: wohl dem, der es besser macht.

Das Aquarell „Die Quelle“ von Ludwig von Hofmann, ein Bild, das Thomas Mann seit 1914 bis zu seinem Tod in allen seinen Arbeitszimmern aufgehängt hatte. Geteilt via Wikipedia.

Pädophile Identität: Fremdbild, Selbstbild und Wirklichkeit

Vor einiger Zeit berichtete Spiegel Online über ein soziologisches Experiment. Forscher hatten in 355 Städten in 40 Ländern getestet, wie wahrscheinlich es ist, dass ein anscheinend verloren gegangenes Portemonnaie vom Finder zurückgegeben wird.

Das scheinbar paradoxe Ergebnis: je mehr Geld in der Brieftasche war, desto ehrlicher waren die Menschen.

Die Autoren – Verhaltensforscher und Ökonomen – erklären das Resultat damit, dass sich Menschen eher als Diebe fühlen, wenn sie größere Geldbeträge behalten. Mit diesem Selbstbild könnten viele schlecht leben. „Die psychologischen Kosten sind gewichtiger als der materielle Gewinn“, folgert Mitautor Alain Cohnon von der University of Michigan. „Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe“, ergänzt Maréchal.


Spiegel Online „Ehrlichkeitstest mit verlorenem
Portemonnaie – gibt der Finder es zurück?

Die Studie und der Bericht dazu zeigen eine einfache Wahrheit auf: Menschen möchten gut sein. Wer Schlechtes tut, gefährdet damit das positive Selbstbild, das wiederum eine Voraussetzung für Selbstachtung und Selbstliebe ist.

Zunächst mal muss man natürlich ein Selbstbild entwickeln. Das geschieht schon sehr früh. Und wer man ist, erfährt man zunächst einmal von seiner Umwelt. Aus den wahrgenommenen Fremdwahrnehmungen formt sich ein Selbstbild, dass sich dann auch verselbständigt und zu einem gewissen Grad von Fremdwahrnehmungen emanzipiert. Es bildet sich eine Identität, die zwar nicht unveränderlich aber doch auf innere Konsistenz und Dauer angelegt ist.

Es müssen dabei nicht immer explizite Rückmeldungen wie Aufmerksamkeit oder Ignoranz, Liebe oder Ablehnung, Lob oder Tadel sein, die das Selbstbild formen. Oft gibt es objektive Anknüpfungspunkte. Man ist groß oder klein, weiblich oder männlich, stark oder schwach, schwarz oder weiß, schnell oder langsam, dick oder dünn, rechtshändig oder linkshändig.

Wie diese objektiven Befunde bewertet werden, hat Einfluss auf Selbstbild und Selbstwertgefühl. Dabei sind mit vielen Eigenschaften auch vorgegebene gesellschaftliche Zuschreibungen verbunden: Der wilde Junge, das brave Mädchen, der starke Mann, die mitfühlende Frau. Der unzivilisierte Schwarze, der kultivierte Europäer, der alkoholabhängige Indianer, der fleißige Japaner.

Zuschreibungen bzw. Klischees können dabei sogar im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung wirken, wenn z.B. Mädchen sich von Fächern wie Mathematik, Physik, Informatik oder Ingenieurwissenschaften oder Jungen von sozialen Berufen abgeschreckt fühlen, weil sie dem Irrtum aufsitzen, in diesen Fächern mit den vermeintlich begabteren Jungen ohnehin nicht mithalten zu können oder auch dem Irrtum, dass soziales Engagement unmännlich sei.

Mein Thema in diesem weiten Feld ist die sexuelle Identität und zwar gerade die von pädophil veranlagten Menschen.

Jemand der pädophil ist, bemerkt bei sich selbst irgendwann (in der Regel in der Pubertät) ein nachhaltiges Interesse an Kindern auf der Basis von sexuellem Begehren. Das ist soweit erst einmal nichts anderes als ein objektiver Befund.

Auf persönlicher Basis gibt es zunächst auch keine unmittelbare Veranlassung zu einem negativen Werturteil. Jemand, den man begehrt, will man nicht schaden. Sexuelles Begehren erschöpft sich nicht in einem angestrebten Lustgewinn, sondern führt zu Bindungswünschen, also dem Wunsch, eine enge und von intensiven positiven Gefühlen geprägte Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Warum sollte das schlecht sein?

Ein junger Pädo wird dann aber ziemlich schnell mit einer extrem negativen Fremdwahrnehmung seines sexuellen Begehrens konfrontiert. Die gesellschaftlich Bewertung folgt starr und bedingungslos dem Narrativ des Kinderschänders und Seelenmörders. Mir fällt nichts ein, was einer schärferen gesellschaftlichen Ächtung unterliegt, als pädophiles Begehren.

Verachtende Abwertung führt zu Identitätsproblemen. Ein Mensch ist für ein zufriedenes Leben und seine emotionale Stabilität auf ein positives Selbstbild angewiesen. Ein gesellschaftliches Fremdbild, dass einen kategorisch als den letzten Abschaum betrachtet, ist da nicht gerade hilfreich. Stark negative Fremdbilder können zu psychischen Erkrankungen führen.

Zu diesem destabilisierenden Moment, kommen auch noch andere Schwierigkeiten hinzu, denn auch die Möglichkeiten eines erfüllten Sexuallebens, einer glücklichen Paarbeziehung oder einer Familiengründung sind unter den aktuell gegebenen Bedingungen äußerst bescheiden.

Ich weiß nicht, wie viele junge Pädos sich umbringen. Aber ich bin mir sicher, dass Suizid, Suizidversuche und Suizidgedanken jedenfalls nicht selten sind. Ich war auch selbst in meiner Jugend und als junger Erwachsener einige Jahre lang suizidgefährdet.

Für einen jungen Pädo ist die Selbstbehauptung gegen die moralische Vorverurteilung durch die Gesellschaft also geradezu überlebensnotwendig. Es gibt Pädos, die das mit sich selbst auszumachen versuchen. Aber ganz allein ist es kaum zu schaffen. Selbsthilfegruppen wie das Jungsforum können helfen. Manchmal gelingt mit einem Coming-Out der Durchbruch oder durch ein Treffen mit einem anderen Betroffenen.

Es gibt aber auch einen relativ bekannten, historischen Gegenentwurf zum extrem negativen Bild des Pädos als Kinderschänder, den die griechische Antike mit der Knabenliebe (Päderastie) liefert. Damals warb der ältere Beziehungspartner offen um die Gunst des von ihm begehrten Knaben. Wenn er erhört wurde, wurde er mit Billigung der Familie des Jungen dessen Liebhaber und Mentor.

Der Mann wurde dafür verantwortlich, den Jungen zu einem vollwertigen und ehrbaren Mitglied der Gesellschaft zu formen, bzw. ihn auf diesem Weg zu begleiten. Das Ansehen des Jungen war mit dem Ansehen seines Liebhabers verknüpft. Umgekehrt wurden Erfolge und Fehlverhalten des Jungen auch dem dem Mann angerechnet bzw. ihm zur Last gelegt. Die damit verbundene soziale Kontrolle förderte bei beiden Beziehungspartnern Einsatz, Leistung und ein nach dem Maßstab der Zeit tugendhaftes Verhalten.

Der sinnliche Teil der Beziehung endete mit der Volljährigkeit des Jüngeren. Die sozialen Bindungen dauerten dagegen an und blieben meist lebenslang ein wichtiger Teil des Beziehungsgeflechts der Beteiligten.

Die Päderastie war jahrhundertelang eine Hauptsäule des Erziehungs- und des Gesellschaftssystems eben jener Kultur, auf die sich unsere heutige Zivilisation in Hinblick auf Kunst, Wissenschaft und Politik beruft. Leider beruft sie sich in Hinblick auf die Moral aber stattdessen auf die jüdisch-christliche Tradition, bei der statt von Knabenliebe von Knabenschändung die Rede ist.

Ein Pädophiler, der sich auf die Päderastie beruft, tut dies nicht, weil seine Neigung (jedenfalls die von Männern zu Jungen im Alter von 12 bis 18 Jahren) damals akzeptiert war und ausgelebt werden konnte. Er tut es, weil er nun mal so fühlt, wie er fühlt und weil er gut sein möchte. Er will kein Kinderschänder sein, sondern ein Mentor, Freund und Förderer eines auch (aber nicht nur) sinnlich geliebten Menschen.

Gelingt einem Pädophilen die Selbstbehauptung, der Erhalt eines positiven Selbstbildes und eines positiven Blicks auf seine Neigung, wird das oft als verharmlosend und gefährlich interpretiert. Tatsächlich ist es für die Gesellschaft und für die Kinder gut.

Wenn jemand, der sich für einen Dieb hält, eine Brieftasche mit einem Haufen Geld findet, würde er die Brieftasche behalten, denn der materielle Gewinn wäre nicht mit neuen psychologischen Kosten erkauft. Die Kosten sind ja bereits angefallen und das Dieb-sein in die Persönlichkeit integriert. Jemand, der sich für einen Dieb hält, wird sich aber auch wie ein Dieb verhalten.

Gelänge es, einem Pädophilen einzureden, dass er ohnehin ein Kinderschänder ist, würde man damit vermutlich einiges dazu beitragen, dass sich der Betroffene am Ende so rücksichtslos wie erwartet verhält. An der Neigung an sich und der damit verbundenen, nach Erfüllung strebenden Bedürfnislage ändert sich durch eine von ihm übernommene negative Sicht schließlich nichts.

Zum Glück gelingt dieses Einreden in der Regel allerdings nicht. Der Betroffene weiß ja am Ende immer noch am besten, was er fühlt. Eigentlich bräuchte es also auch keinen Rückgriff auf ein positives antikes Vorbild.

Und doch ist es hilfreich, dass es diesen Gegenentwurf gibt und dass man sich auf ihn berufen kann. Das positive Selbstbild eines Pädos, ist ständigen, vehementen Angriffen ausgesetzt. Es vergeht kein Tag ohne hetzerische Medienartikel, in denen Missbrauchstäter als „pädophil“ betitelt werden. Die deutsche Bundeskanzlerin hat einmal (als Bundesministerin für Frauen und Jugend nach einem sexuellen Gewaltverbrechen mit Todesfolge an einem Kind) gesagt, Pädophile müsse man brandmarken. Aktuell werden Verschärfungen des Strafrechts im Bereich Cybergrooming gefordert, um Kinder vor „Pädophilen“ zu schützen.

Unter diesen Bedingungen ist ein Pädo, der noch am Anfang seines Weges steht, dringend auf jede Hilfe zur Selbstbehauptung angewiesen, die er nur bekommen kann. Für heutige Pädos kann der Rückbezug auf die Ideale der Päderastie also durchaus hilfreich sein. Für heutige „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“ ist die antike Päderastie dagegen ein Störfaktor, da sie eine positive Deutung und die Möglichkeit von Einvernehmlichkeit nahelegt bzw. zulässt.

Die Päderastie passt einfach nicht zum dominierenden ideologischen Konzept der sexuellen Gewalt, der zwangsläufigen Schädlichkeit sexueller Erfahrungen und der Unmöglichkeit von Einvernehmlichkeit. Sie wird daher verfälschend als eher der Homosexualität nahestehend dargestellt, obwohl Homosexualität im antiken Griechenland im Gegensatz zur Knabenliebe verpönt war, oder auch als Basis einer frauenfeindlichen Gesellschaft diffamiert, obwohl andere zeitgenössische Kulturen, bei denen die Päderastie nicht gepflegt wurde, ebenso frauenfeindlich waren, wie die antike griechische Kultur.

Neben dem Kinderschänder-Narrativ und dem Knabenliebe-Narrativ gibt es neuerdings auch noch das Kein-Täter-werden-Narrativ, vom Pädophilen, der für seine Neigung zwar nichts kann, der sich aber gefälligst in Therapie zu begeben hat, da von seiner Neigung angeblich eine immanente Gefahr für Kinder ausgeht. Die vermeintliche Bombe ist also nicht böse, solange sie sich damit einverstanden erklärt, eine Bombe zu sein und entschärft zu werden.

Das Kein-Täter-werden-Narrativ stellt im Grunde das Angebot eines psychologischen Existenzminimums an Pädophile dar, als Nicht-Täter, der sich in Therapie begibt, als menschliches Wesen zu gelten und einen Hauch weniger diskriminiert zu werden.

Das Ziel von Kein-Täter-werden ist die dabei Verhinderung von „Missbrauch“ durch Akzeptanz der eigenen Gefühle und Resignation im Sinne einer durch die Therapie vermittelten Anerkennung der Unmöglichkeit der angestrebten Liebesbeziehung, der Unmöglichkeit von Einvernehmlichkeit, der Unvermeidlichkeit einer Schädigung und der Erkenntnis der eigenen Gefährlichkeit.

Mir kommt dabei das Stichwort der erlernten Hilflosigkeit in den Sinn. Einem zur Liebe fähigen Menschen soll beigebracht werden, dass er nicht lieben kann und nicht lieben darf, weil er mit seiner Liebe sich selbst und den geliebten Menschen ebenso sicher in die Luft sprengen würde, wie ein Islamist, der seinen Sprengstoffgürtel zündet.

Ich denke es wird damit deutlich, dass ich das Kein-Täter-werden Angebot als nicht sonderlich attraktiv empfinde. Es ist in seinem Ansatz aber auch stark ideologisch getrieben und orientiert sich nicht an der Wirklichkeit.

  • Kinder haben eine Sexualität. Mit dem Beginn der Pubertät ist das sexuelle Erleben und Verhalten mit dem von Erwachsenen vergleichbar.
  • Das man Kinder nicht zur Homosexualität verführen oder durch „verfrühte“ Sexualkontakte zu sonstigen sexuellen Normabweichungen umpolen kann, ist nicht nur wissenschaftlich geklärt, sondern sollte inzwischen auch allgemein bekannt sein.
  • Die Deutungshoheit, ob jemand missbraucht wurde, steht allein dem Betroffenen zu. Wer sich nicht missbraucht fühlt, wurde auch nicht missbraucht. Der Missbrauch erfolgt dann erst durch diejenigen, die den Betroffenen in eine Opferrolle zwängen. Es ist eine grobe Missachtung der Betroffenen, wenn sie erst in der Opferrolle glaubwürdig werden.
  • Wer das das Recht hat, „NEIN“ zu sagen, muss auch das Recht haben, „JA“ zu sagen.
  • Es ist durch kriminologische Opferuntersuchungen belegt, dass gewollte Sexualkontakte nicht zu primären Schädigungen bei Kindern führen.
  • Pädophile sind abgesehen von ihrer sexuellen Neigung völlig normal. Sie sind im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nicht weniger empathisch und sensibel und auch nicht egoistischer oder rücksichtsloser.
  • Pädophile verlieben sich wie andere Menschen auch, mit denselben positiven Gefühlen gegenüber dem geliebten Menschen und neigen nicht mehr zu sexueller Gewalt als der Durchschnittsbürger, der sich nicht ständigen Vorwürfen, er sei ein Vergewaltiger oder zumindest ein potentieller Vergewaltiger, ausgesetzt sieht.

So wie das Narrativ vom Kinderschänder und das Kein-Täter-werden-Narrativ ist auch die Päderastie am Ende nur ein Narrativ, nämlich das vom Mentor. Ich finde dieses Narrativ durchaus sinnstiftend und fühle mich ihm persönlich verpflichtet. Aber es bildet natürlich ebenso wenig die Realität ab, wie die anderen Narrative.

Die Realität ist: im Durchschnitt sind Pädos nicht gewalttätiger und rücksichtsloser aber auch nicht mitfühlender und selbstloser als Heterosexuelle, Homosexuelle, Bisexuelle oder Lesben. Die Liebe eines Pädos zu dem von ihm geliebten Kind ist nicht verwerflicher und schmutziger aber auch nicht reiner und edler als sonst eine Liebe.

Sie muss es auch nicht sein.

Liebe an sich ist etwas Positives. Man wird gemeinhin lieber geliebt als nicht geliebt und dafür gibt es gute Gründe. Sich geliebt zu fühlen, ist gut für das Selbstwertgefühl und das Selbstbild. Vor allem aber: Liebe ist die ultimative Motivation. Nichts anderes motiviert einen Menschen so stark sich für einen anderen einzusetzen, wie die Liebe.

Geliebt zu werden, bringt einem daher handfeste Vorteile ein: es sichert Aufmerksamkeit und führt dazu, dass der Liebende Ressourcen aller Art freiwillig in die Beziehung und das Wohlergehen des geliebten Menschen investiert, z.B. in Form von Nahrung, Schutz, Erfahrung, Wissen, Zuneigung, Zärtlichkeit, Unterhaltung, Spiel usw. Auch Sex macht Beteiligten, die sich willentlich darauf einlassen, in der Regel Spaß. Das, worum es beim Sex primär geht, ist nämlich sinnlicher Genuss und nicht Herrschaft, Unterdrückung oder Gewalt.

Die Chance, dass am Ende für denjenigen, der geliebt wurde (idealerweise also beide Beteiligten) unter dem Strich ein positives Saldo stehen bleibt, sind ziemlich gut, zumal es einen simplen Schutzmechanismus gibt: bei einer (zu) negativen Entwicklung wird eine Beziehung abgebrochen.

Die Fehlertoleranz einer Beziehung ist aber nicht Null, sondern angemessen breit, um fehlbaren Wesen, wie Menschen es nun mal sind, gerecht zu werden. Bei der Suche nach dem besten gemeinsamen Nenner oder auch im „Alltagsbetrieb“ darf durchaus auch einmal etwas schief gehen, ohne dass deshalb gleich die Beziehung in Frage gestellt wird oder gar daran zerbricht.

An die Liebe eines Pädophilen müssen deshalb (eigentlich) keine strengeren Anforderungen angelegt werden, als an sonst eine Liebe. Die eine Anforderung, der sie – wie jede andere Liebe auch – genügen muss, ist die Einvernehmlichkeit. Und zwar nicht die Theorie zur Einvernehmlichkeit eines Dritten, sondern die praktische Einvernehmlichkeit der einzig unmittelbar Beteiligten.

Solange das, was geschieht, von beiden gewollt ist, ist alles in Ordnung.