Auf dem Weg zur Gesinnungsjustiz: Moralisierung des Strafrechts

Gesinnungsverbrechen: Antisemitismus

Kürzlich konnte man im Tagesspiegel eine Forderung des Antisemitismusbeauftragen Klein lesen, die mich erschreckt hat:

Außerdem brauchen wir ein politisches Zeichen: Das Strafrecht muss so erweitert werden, dass antisemitische Taten härter bestraft werden können. Nach den NSU-Morden wurde ein entsprechender Paragraf im Strafgesetzbuch geschaffen, der es ermöglicht, Taten besonders zu ahnden, wenn sie aus rassistischen und fremdenfeindlichen Motiven begangen wurden. Diesen Katalog sollten wir um antisemitische Motive ergänzen. Denn Antisemitismus ist eine besondere Form der Diskriminierung, keine Unterkategorie von Rassismus. (…) Antisemitismus ist ein Angriff auf die Würde des Menschen und auf unsere Gesellschaftsordnung, die vom Grundgesetz geschützt wird. Der Gesellschaft muss klar sein, dass sie eingreifen muss, um die Demokratie zu verteidigen. Das fängt nicht erst mit antisemitischen Angriffen an, sondern bereits dann, wenn etwas gegen Juden gesagt wird. An dieser Stelle muss man im Alltag einschreiten, im Betrieb, auf dem Fußballplatz oder in der U-Bahn. Das gilt auch, wenn Juden als deutsche Staatsbürger für Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. Der israelbezogene Antisemitismus ist die am weitesten verbreitete Form der Judenfeindschaft in Deutschland – bei Rechts- wie Linksextremen und bei den Islamisten sowieso.

Antisemitismus ist „nur“ eine Gesinnung. Ich mag Antisemitismus persönlich verurteilen, als Geisteshaltung sollte er aber nicht strafbar sein.

Auch wenn Klein nicht Gedanken verbieten will, sondern erst bei Worten („wenn etwas gegen Juden gesagt wird“) anfängt, wird es schwierig. Das Beispiel des israelbezogene Antisemitismus zeigt aus meiner Sicht, dass man mit Verboten und Verbotsforderungen leicht über das Ziel hinausschießen kann. Eine kritische Sicht auf den aktuellen israelischen Premier Netanyahu oder israelische Regierungspolitik ist – unabhängig davon, ob man diese kritische Sicht teilt oder nicht – legitim. Sie wird nicht allein deshalb illegitim und verwerflich, weil Netanyahu Jude ist.

Die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen wird nicht durch Gedanken angetastet, sondern durch Worte (z.B. § 185 Bleidigung, § 186 Üble Nachrede, § 187 Verleumdnung, § 130 Volksverhetzung), vor allem aber durch Taten.

Gedanken sind frei und das nehme ich auch für meine eigenen Gedanken in Anspruch. Als päderastisch veranlagter Mensch mag es mir nicht erlaubt sein, mit einem willigen 12jährigen Sex zu haben. Aber noch kann mir niemand verbieten, mir in meinem Kopf einvernehmlichen Sex mit einem willigen 12jährigen vorzustellen oder unkeusche Gedanken beim Anblick eines Models für Jungenmode zu haben.

Doch zurück zur Forderung des Antisemitismusbeauftragten:

Warum ist Antisemitismus (angeblich) eine besondere From der Diskriminierung und keine Unterkategorie von Rassismus? Welchen tieferen Sinn macht es, künstlich eine Strafbarkeitslücke herbeizureden? Geht es vielleicht darum, später die Lorbeeren für das Schließen einer (künstlich geschaffenen) Straflücke einheimsen zu können?

Und was ist dann mit Antiislamismus, Antijesidismus, Antihinduismus, Antikatholizismus, Homophobie und Pädophobie? Verletzen die dann nicht auch die Würde des Menschen? Müssen wir erst auf die Berufung eines Antijesidismusbeauftragten und eines Pädophobiebeauftragten warten oder wird diese Schutzlücke gleich mit geschlossen? Wer entscheidet auf welcher Grundlage, welche Menschengruppe besondern Schutz genießt und welche Gruppe eines besonderen Schutzes nicht würdig bzw. unwürdig ist?

Gesinnungsverbrechen: Femizid

Wenn ein Verbrechen an einem Juden als besonders verwerflich, verabscheuenswürdig und strafwürdig dargestellt wird, erinnert mich das auch an die Rede vom „Femizid“ als Neu-Bezeichnung des Mordes an einer Frau:

Femizid unterschiedet sich von Mord in spezifischer Weise. So werden die meisten Femizide von Partnern oder Ex-Partnern begangen, sie gehen mit häuslicher Gewalt einher, mit Drohungen und Einschüchterungen, sexueller Gewalt oder Situationen, in denen Frauen weniger Macht und Ressourcen haben. (…) Die Taten haben eine Vorgeschichte und die ist kein romantisches Drama – sondern hat mit Macht und Gewalt zu tun. Hinter Femizid steckt die Vorstellung, dass Frauen weniger wert sind.

Aus meiner Sicht ist das vor allem Geschwafel. Jede Tat (erst Recht jeder Mord) hat eine Vorgeschichte. Was sonst angeführt, etwa Drohungen, Einschüchterungen und sexuelle Gewalt gibt es nicht nur gegenüber Frauen sondern kann genauso gegen Männer gerichtet sein. Auch hat ein Mörder stets die Vorstellung, dass sein Opfer weniger, nichts oder weniger als nichts wert ist. Und: die weitaus meisten Mordopfer von Männern sind nicht etwa weiblich, sondern männlich.

Für mich ist die Forderung nach einem Sonderstatus für Gewalt gegen Frauen komplett abwegig. Warum soll der Mord an einer Frau per se anders bzw. härter bestraft werden, als der an einem Mann? Ist ein Mann weniger wert als eine Frau? Und wenn wir den Mord an Frauen künftig Femizid nennen sollen, sollen wir den Mord an einem Mann dann künftig Maskulinizid nennen? Wem hilft das?

Wie könnte man es ernsthaft rechtfertigen, dem Mörder eines weiblichen Opfers pauschal (durch Schaffung eines eigenen Straftatbestandes und möglicherweise im Sinne einer unwiderlegbaren juristischen Fiktion) Frauenhass bzw. die Überzeugung von der angeblichen Minderwertigkeit von Frauen zu unterstellen? Und müsste man dem Mörder an einem Mann dann nicht ebenso konsequent Männerhass unterstellen – mit analogen Konsequenzen?

Wäre es nur Femizid, wenn ein Mann eine Frau ermordet und Maskulinizid, wenn eine Frau einen Mann ermordet? Schließlich kann auch eine Frau frauenfeindlich und ein Mann kann männerfeindlich sein. WUnd nochmal: warum sollte der Mord am anderen Geschlecht verwerflicher sein als der am eigenen Geschlecht?

Das Gegenmodell: Gleichheit vor dem Gesetz

Ob das Opfer einer Tat arm oder reich, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, blond oder rothaarig, dick oder dünn, Linkshänder oder Rechtshänder ist, spielt für die Bewertung eines beliebigen Verbrechens heute zu Recht keine Rolle.

Das war allerdings nicht immer so. Ein Verbrechen an einem Leibeigenen, einem Sklaven oder einer Frau wurde in der Vergangenheit teilweise anders oder auch gar nicht geahndet. Ein freier Bauer etwa galt als mehr wert als ein Leibeigener, ein Adeliger galt als mehr wert als ein freier Bauer und ein Mann galt mehr als eine Frau. Das ist heute zum Glück vorbei. Und daran sollte auch nicht gerüttelt werden.

In Artikel 3, Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Das bedeutet auch, dass es (eigentlich) keine Sonderrechte oder Sondergesetze geben darf. Für alle Menschen gelten die gleichen Gesetze und alle Menschen sind durch die Gesetze gleich geschützt.

Ich möchte nicht ausschließen, dass es einzelne berechtigte Ausnahmen von dieser Regelung geben mag. Jede Abweichung von diesem Grundprinzip ist aber immer auch eine gefährliche Aufweichung des Grundprinzips der Gleichheit vor dem Gesetz, das eine tragende Säule eines als (im Wesentlichen) gerecht empfundenen Rechtssystems ist. Wer an dieser Säule gräbt, läuft Gefahr den Rechtsstaat an sich zu untergraben und auszuhöhlen.

Ausnahmen von der Regel der Gleichheit

Eine – aus meiner Sicht hoch problematische und falsche – Ausnahme gibt es bei der Beschneidung: die Körperverletzung durch Beschneidung ist beim nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kind ausdrücklich erlaubt. Beim weiblichen Geschlecht ist die Körperverletzung dagegen (unabhängig vom Alter, wobei real aber ganz überwiegend ebenfalls Kinder betroffen sein dürften) als Genitalverstümmelung verboten.

Eine andere Ausnahme gibt es beim Alter in Hinblik auf die sexuelle Selbstbestimmung. Kindern wird unabhängig von ihrer tatsächlichen Reife die Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung pauschal und unwiderlegbar abgesprochen. Sie gelten als nicht einwilligungsfähig. Perfiderweise geschieht dies auch noch unter dem Deckmantel des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung.

Auch dies ist eine aus meiner Sicht ebenfalls eine hoch problematische und falsche Ausnahme und zwar nicht etwa – wie man vielleicht meinen könnte – aus Eigennutz, weil ich mir von einer Gesetzesänderung die Möglichkeit sexueller Kontakte versprechen würde.

Unabhängig von Änderungen der Gesetzeslage bleiben sexuelle Kontakte von Erwachsenen mit Kindern mindestens in den nächsten Jahrzehnten gesellschaftlich geächtet und damit kaum möglich. Darüber hinaus müsste man für einen sexuellen Kontakt auch erst einmal seine natürliche und erworbene Schüchternheit und Verklemmtheit überwinden, was nach Jahrzehnten der Abstinenz für mich sicher ein nur schwer überwindliches Hindernis wäre. Selbst wenn das Schutzalter morgen bei 12 oder 10 läge, würde sich an meiner sexuell trostlosen Situation ralistisch betrachtet wohl wenig bis nichts ändern.

Die Gesetzgebung ist an dieser Stelle einfach sachlich falsch. Sie wird der Realität nicht gerecht und führt deshalb zu Unrechtsurteilen, die Menschen (Erwachsene und auch Kinder) ohne Not ins Unglück stürzen.

Neben der Wirkung auf Nicht-Kinder (Jugendliche und Erwachsene) kriminalsisiert die aktuelle Regelung auch Kinder, denn Kinder, die Sex mit anderen Kindern haben, machen sich in Deutschland strafbar. Es wird bei Verdacht gegen sie ermittelt und sie werden durch den Rechtsstaat schickaniert. Sie werden nur deshalb nicht angelagt, weil sie als Kinder noch strafunmündig sind. Alternative Zwangsmaßnahmen wie z.B. Inobhutnahme (Heim) oder Zwangstherapie sind allerdings auch gegen Kinder möglich und werden zunehmend auch mehrheitsfähig. Altertypisches Sexualverhalten kann deshalb heute auch für ein Kind schwere negative Konsequenzen nach sich ziehen. Das ist falsch und verwerflich.

Geschützt werden muss der Mensch

Es heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, nicht „Die Würde des Juden ist unantastbar“ oder „Die Würde der Frau ist unantastbar.“ Natürlich sind auch Frauen und Juden (und ja, sogar Pädophile) geschützt, aber nicht aufgrund Ihrer Eigenschaft als Jude oder Frau, sondern aufgrund ihrer Eigenschaft als Mensch.

Bestraft werden muss die Tat gegen einen Menschen und nicht die Tat gegen einen Juden, einen Moslem oder eine Frau. Eine Frau ist nicht lediglich aufgrund ihres Geschlechts schützenswerter als ein Mann oder ein Jude aufgrund seines Glaubens schützenswerter als ein Atheist.

Hypermoral als unseeliger Megatrend

Der Ruf nach Sondergesetzen ist meiner Einschätzung nach Ausdruck einer hypermoralischen gesellschaftlichen Strömung, bei der statt der Verletzung von Rechten die Moral bzw. das „richtig“ und „falsch“ zum bestimmenden Maßstab wird.

Es spielt dabei kaum eine Rolle, was jemand gemacht (oder nicht gemacht) hat (auch wenn sexuelle Vergehen jeder Art und jedes Schweregrads als besonders unverzeihlich gelten). Hier ein paar aktuelle Beispiele prominenter Personen:

  • Greta Thunberg wurde massiv angegriffen, weil sie in einem Rennsegelboot den Atlantik überquert hat, für dessen Rückführung klimaschädliche Flüge für Crewmitglieder anfallen. Realistisch betrachtet ist der Anlass für die heftigen Attacken kein schweres moralisches Versagen, sondern maximal die nicht ausreichend durchdachte Entscheidung einer Jugendlichen.
  • Der Schalke-Chef Clemens Tönnis wird wegen einer Bemerkung in einer frei gehaltenen Rede auf einmal als Rassist gebrandmarkt. Realistisch betrachtet ist Tönnis in der Vergangenheit (meiner Kenntnis nach) nicht als Rassist aufgefallen und hat einfach eine unbedachte, locker gemeinte Bemerkung gemacht, die spektakulär nach hinten losgegangen ist.
  • Der Opernstar Plácido Domingo wird auf einmal in die Nähe eines Vergewaltigers gerückt, weil er vor 30 Jahren Frauen sexuell belästigt haben soll. Auch wenn ich sexuelle Belästigung schon immer mies fand, hat er sich mit seinem früheren Verhalten wahrscheinlich innerhalb der damals noch akzeptierten Normen bewegt. Die Vorfälle liegen lange zurück und wären, wenn sie denn überhaupt strafbar gewesen sein sollten, wohl auch längst verjährt. Sie sind darüber hinaus unbewiesen und wurden von Domingo bestritten. Selbst wenn Domingo sich vor 30 Jahren daneben benommen haben sollte und Dinge tat, die er als Flirt, sein Gegenüber aber als Belästigung interpretierte, ist es nicht angemessen den Mann heute nach Taten zu bewerten, die er vor 30 Jahren begangen hat bzw. haben soll. In 30 Jahren verändert sich ein Mensch. Der Mann, der sich vor 30 Jahren daneben benommen haben soll, war ein anderer Plácido Domingo als der Plácido Domingo von heute.

Natürlich kann es auch nicht-Prominente treffen (auch wenn Prominente und „Peronen des Zeitgeschehens“ anfälliger sind). Z.B. könnte eine Studentin ein Stipendium, für das sie 5 Jahre oder länger hart gearbeitet hat, über Nacht verlieren, wenn sie sich (nach Mehrheitsmeinung) unangemessen gegenüber einem Obdachlosen verhält und sich ein Video dazu auf YouTube wiederfindet. Es könnte auch sein, dass nichts passiert, sie aber 10 Jahre später ihren Job als Leiterin einer Marketingabteilung verliert, weil das Video auf einmal „entdeckt“ und problematisiert wird.

Wer den aktuellen – immer restriktiver werdenden – gesellschaftlichen Normen nicht genügt oder den heutigen Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ irgendwann in der Vergangenheit einmal nicht genügt hat, läuft Gefahr, in einen „Shitstorm“ zu geraten, der zu sozialer Ausgrenzung und wirtschaftlichem Schiffsbruch führen kann. In Grunde eine neue Art der Naturgewalt, wie ein überraschendes Erdbeben oder eine Sturmflut, die theoretisch fast jeden jederzeit aus heiterem Himmel treffen kann. Dagegen versichern kann man sich leider nicht.

Das Gefühl dafür, dass Menschen im Laufe Ihres Lebens stets und unvermeidlich verdammt viele Fehler machen, ist verloren gegangen. Das Normalexemplar eines Menschen ist zwingend auf eine angemessene Fehlertoleranz seiner Umwelt angewiesen, die heute aber zunehmend verkloren geht. Fehler werden stattdessen ewig erinnert (das Internet vergisst nie) und erbarmungslos verfolgt.

Hypermoral und Recht

Statt den Unrechtsgehalt einer Tat am objektiven Eingriff in geschützte Rechtsgüter (wie das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum) festzumachen, soll zunehmend die gefühlte moralische Verwerflichkeit und der Grad der Missbilligung und Empörung als entscheidendes Kriterium für die Strafwürdigkeit einer Tat herhalten.

Das ist ein gefährlicher Irrweg. Es gefährdet den Rechtstaat, wenn nicht mehr die Tat an sich, sondern die (antisemitische, rassistische, sexistische, pädophile, weltanschauliche) Gesinnung / Orientierung bestraft werden soll.

Gesetze sollen das Recht des Einzelnen verteidigen und zwar auch gegen die Vorstellungen und Wünsche einer Mehrheit. Wenn mit dem Strafrecht „politische Zeichen“ gesetzt werden sollen, wie dies der Antisemitismusbeauftragte Klein fordert, ist das alarmierend. Es handelt sich um nichts anderes als den Missbrauch des Strafrechts für politische (und gesellschaftliche) Zwecke. Seine eigentliche Funktion (den Schutz von Rechtsgütern) kann das Strafrecht dadurch immer schlechter erfüllen.

Pädophile waren hiervon in der Vergangenheit besonders stark betroffen. Fast alle Strafverschärfungen und geschlossenen „Schutzlücken“ der letzten drei Jahrzehnte sind auf eine Moralisierung des Strafrechts und populistische „politische Zeichen“ gegen „Gewalt gegen Kinder“ oder gegen „Pädophilie“ (in hetzerischer Gleichsetzung des Pädophilen mit dem „Kinderschänder“) zurückzuführen.

Daran dürfte sich auch nichts ändern. Die nächsten Verschärfungen sind bereits angestoßen und auch damit dürfte es noch lange nicht getan sein. Kinderschutz wird politisch durch Gesetzesverschärfungen demonstriert. Dabei geht es primär um Wählerstimmen. Mit vergangenen Gesetzesverschärfungen kann man nicht mehr punkten, es müssen also immer neue her.

An diesen Stollen im Rechtssystem bricht allerdings nichts zusammen. Dafür sind zu wenige Menschen betroffen. So gesehen kann sich die nicht nur im Sexualstrafrecht, sondern im Strafrecht insgesamt feststellbare Fehlentwicklung einer zunehmenden Moralisierung ultra-langfristig vielleicht sogar als heilsam erweisen. Je mehr Menschen betroffen sind, desto eher wird die Fehlentwicklung erkannt und eine Korrektur möglich, mit der das Strafrecht wieder von Moralverboten befreit wird.

Die Schraube wird immer weiter angezogen bis sie (hoffentlich) irgendwann bricht. Leider haben wir aber heute nichts davon, wenn die Schraube (vielleicht) in zwanzig oder dreißig Jahren endlich bricht.

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Die nächste Welle

Ein Blick zurück

Pädos sind Gesetzesverschärfungen gewöhnt.

Seit 1993 ist der Besitz von Kinderpornographie illegal, sofern ein tatsächliches Geschehen wiedergegeben wird. Ursprünglich galt der Besitz (!) von Kinderpornographie nicht als strafwürdig (im Gegensatz zur Herstellung oder der Verbreitung).

Aus der Begründung der Beschlussempfehlung für die Gesetzesänderung im Jahr 1993:

Im Hinblick auf die Tatsache, daß das geltende Strafrecht die Entstehung und Ausbreitung des Videomarktes für Kinderpornographie und den damit verbundenen sexuellen Mißbrauch von Kindern nicht hat verhindern oder eindämmen können, bestand Einigkeit im Ausschuß über die Notwendigkeit der Verschärfung des Strafrechts in diesem Bereich.

Es ging dem Gesetzgeber also darum, den Kindesmissbrauch bei der Produktion von kinderpornographischem Material zu verhindern, indem der „Markt“ bekämpft wird. Deshalb macht eine Beschränkung auf kinderpornographische Darstellungen, die ein tatsächliches Geschehen wiedergeben, natürlich Sinn.

Darüber hinaus sollten Beweisschwierigkeiten in Fällen der Herstellung von Kinderpornographie beseitigt werden:

Allein der Besitz von Kinderpornographie ist nicht strafbar. Deshalb haben Händler von kinderpornographischen Videokassetten die Möglichkeit, sich als Sammler zu tarnen, wenn sie lediglich die „Masterkopie“ bei sich lagern und zum Verkauf benötigte Kopien jeweils bei Bedarf ziehen. In solchen Fällen, in denen ein Verbreitungsvorsatz nicht nach zuweisen ist, ist auch eine Einziehung des kinderpornographischen Produktes nicht möglich (§ 74 d Abs. 2 StGB).

Von der Besitzstrafbarkeit versprach man sich, Händlern von Kinderpornographie besser habhaft werden zu können.

Idee hinter der Verschärfung war der Schutz real existierender Personen, die ihre Rollen für einschlägige Fotos und Filme in aller Regel nicht freiwillig übernehmen. Für Personen, die ihre Rolle in aller Regel freiwillig übernehmen, hielt man keinen entsprechenden Schutz für erforderlich:

Diese strafrechtlichen Änderungen entsprechen weitgehend den Zielen der frauenpolitischen Sprecherinnen der Bundestagsfraktionen und der Mitglieder der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, die Eingang in den überfraktionellen Gruppenantrag „Maßnahmen gegen Kinderpornographie“ vom 11. Juni 1991 (Drucksache 12/709) gefunden haben. Sie beschränken sich allerdings auf die Regelung der Kinderpornographie. Von einer Erstreckung der Änderungen auf die anderen Formen der sogenannten harten Pornographie (pornographische Darstellungen mit Gewalttätigkeiten oder sexuellen Handlungen von Menschen mit Tieren) wird abgesehen, da die Personen hier ihre Rollen für einschlägige Fotos und Filme in aller Regel freiwillig übernehmen und ein entsprechender Schutz wie bei der Kinderpornographie nicht erforderlich ist.

Verbot des Besitzes virtueller Kinderpornographie

Seit 1997 ist auch der Besitz von Kinderpornographie, die kein tatsächliches, sondern lediglich ein „wirklichkeitsnahes“ Geschehen wiedergibt, verboten.

Dabei ging es nicht um einen möglichen Unrechtsgehalt, sondern um die Beseitigung eines (angeblichen) Verfolgungshindernisses:

Im “Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung des Schutzes der Gesellschaft vor gefährlichen Straftätern” vom 14.03.1997 wollte der Bundesrat die Worte “und gegen sie ein tatsächliches Geschehen wieder” streichen (siehe Seite 47 des verlinkten PDFs). Die Begründung dazu erfolgte unter “I. Allgemeines” auf Seite 54 des verlinkten PDFs:

Mit dem Verzicht auf das Merkmal der Wiedergabe eines tatsächlichen Geschehens in Absatz 4 und 5 Satz 1 wird ein wesentliches Hemmnis effektiver Strafverfolgung beseitigt. Diesem Aspekt kommt vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der rasch voranschreitenden Computertechnologie besondere Bedeutung zu. Sie ermöglicht Darstellungen, bei denen nicht mit hinreichender Sicherheit beurteilt werden kann, ob ein tatsächliches Geschehen wiedergegeben wird. Eine nachhaltige Forderung der Praxis, die der Bundesrat bereits geltend gemacht hat, wird damit erneut aufgegriffen (BR-Drucksache 966/96 – Beschluß -, Nr. 23; Drucksache 12/3001 S. 10).”

Der Bundestag hat den Vorschlag der Streichung mit folgender Begründung abgelehnt und eine Alternative vorgeschlagen:

Erwägungen, das tatbestandliche Erfordernis der Wiedergabe eines tatsächlichen Geschehens in § 184 Abs. 4 StGB ersatzlos zu streichen, steht die Bundesregierung angesichts der Zielsetzung dieser Regelung, zur Bekämpfung realen Kindesmißbrauchs auch bei der Nachfrage nach entsprechenden Darstellungen anzusetzen (vgl. hierzu Beschlußempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses, a. a. O.), ablehnend gegenüber. Die Bundesregierung meint jedoch, daß dem Anliegen des Bundesrates durch Änderung der genannten Vorschrift dahin Rechnung getragen werden kann, daß auf Schriften abgestellt wird, die „ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen“ wiedergeben.

So kam es dann.

Sachlich gesehen ist das Verbot aber vollkommen unnötig.

Es gab 1997 keine Möglichkeit mit Computertechnologie Darstellungen zu erzeugen, bei denen nicht mit hinreichender Sicherheit beurteilt werden kann, ob ein tatsächliches Geschehen wiedergegeben wird.

Auch heute ist es kein Problem bei einer Zeichnung oder Computeranimation festzustellen, dass es eine Zeichnung oder Computeranimation ist. Das erkennt normalerweise jeder Laie auf den ersten Blick. Computeranimationen, die erfolgreich echte Menschen vortäuschen können, sind mir jenseits von Hollywood-Blockbustern bisher noch nicht begegnet.

Die möglichen Produzenten von wirklichkeitsnaher Kinderpornographie haben keinen Zugriff auf neueste Computertechnologie für eine bestmögliche Fälschung / Täuschung, da diese sehr teuer ist und es keine zahlungswilligen Kunden gibt, denn niemand bezahlt für Dinge, die man auch kostenlos bekommen kann. Siehe dazu auch den Artikel “Die Legende von der Kinderpornoindustrie” des Rechtsanwalts Udo Vetter im lawblog (dem größten Anwalts-Blog in Deutschland).

Wer Kinderpornographie besitzt, macht sich schon mit dem Besitz einer einzigen “Schrift” (Text, Zeichnung, Bild, Video) strafbar. Wenn man in der Zeitung von einem Fall liest, geht es stets um tausende oder hunderttausende Bilder und um Gibabytes oder gar Terabytes an Daten.

Für die Prüfung der Dateien gibt es darüber hinaus auch automatisierte Verfahren, die verdächtige Dateien bzw. bekannte Missbrauchsabbildungen aufspüren, z.B. die Software Perkeo. Man muss also für den einfachen Nachweis, dass jemand in seinem Datenbestand kinderpornographische Inhalte hat, normalerweise nichts manuell sichten.

Wenn jemand mit Kinderpornographie erwischt wird, der (auch) Bilder mit tatsächlichem Geschehen besitzt, dann werden bei ihm nicht nur ein oder zwei, sondern hunderte, tausende oder hunderttausende dieser Bilder zu finden sein. Es ist also ein Leichtes den Täter des Besitzes von Kinderpornographie, die ein reales Geschehen wiedergibt, zu überführen.

Ein Verbot virtueller Kinderpornografie trägt zur effektiven Strafverfolgung also tatsächlich rein gar nichts bei.

Für einen Computerforensiker ist es darüber hinaus eine Leichtigkeit, oberflächlich gut gemachte Animationen als Animationen zu identifizieren. Das dürfte auch so bleiben. Nicht nur die Computertechnologie zur Erstellung von Bildern schreitet voran, sondern auch die Computerforensik mit der Fälschungen (also lediglich wirklichkeitsnahes Geschehen) entlarvt werden können.

Neue Tatbestände, höhere Strafrahmen

Das Strafmaß für Sexualstraftaten aller Art stieg seit den 1990ern kontinuierlich an.

Der Besitz von kinderpornographischen Darstellungen war zunächst legal und startete 1993 mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe. Die Höchststrafe hat sich seitdem verdreifacht. Aktuell liegen wir bei einer Strafandrohung von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

Parallel wurden bestehende Tatbestände immer mehr erweitert (z.B. gelten Posing-Bilder seit 2015 als Kinderpornographie) und neue geschaffen (z.B. 2015 die Jugendpornographie oder die Lex Edathy).

2002 wurde Kindesmissbrauch zur „schweren Straftat“ erklärt, so dass bei Verdacht die Telekommunikation abgehört und gespeichert werden darf.

Seit 2008 zählt auch der Besitz von Kinderpornographie zu den „schweren Straftaten“, bei denen im Verdachtsfall ein schwerer Eingriff in die Grundrechte erlaubt ist.

Verlängerung der Verjährung

Parallel wurden die Verjährungsfristen effektiv verlängert. Vor 1994 gab es keine relevanten Besonderheiten. Seit dem 30.06.1994 ruht die Verjährung bei Kindesmissbrauch bis zum 18. Lebensjahr des Opfer. Seit dem 30.06.2013 ruht sie bis zum 21. Lebensjahr des Opfers. Seit dem 27.01.2015 ruht sie bis zum 30. Lebensjahr des Opfers.

Auch der Katalog, für welche Taten (bzw. Paragraphen) die Verjährung ruht, wurde ausgeweitet. Hinzu kommt, dass sich mit den parallel erhöhten Strafmaßen auch die eigentliche Verjährungsfrist verlängert, da die Verjährungsfristen mechanisch an die Höhe des Höchstmaßes einer Straftat gekoppelt ist.

Aktuell sind sexuelle Kontakte mit Kindern (§ 176 „Kindesmissbrauch“) mit einer Höchststrafe von 10 Jahren bedroht, was eine Verjährungsfrist von 10 Jahren bedeutet.

Wenn jemand ein Kind z.B. oral befriedigt, dann läge, wenn der Täter 18 Jahre oder älter ist, ein schwerer sexueller Kindesmissbrauch vor, der mit nicht unter 2 Jahren bestraft wird (§ 176a, Absatz 2).

Ich war bisher im Glauben, dass die Höchststrafe des § 176a wie bei § 176 „Kindesmissbrauch“ 10 Jahre beträgt und lediglich die Mindeststrafen höher liegen als bei § 176, musste mich aber nach der Erstveröffentlichung dieses Artikels eines besseren belehren lassen. Ich bedanke mich bei Gabriel für seinen Hinweis und die entsprechende Erklärung.

In § 176a sind keine Höchststrafen explizit erwähnt. Das bedeutet, dass die Standardregel des § 38 zur Dauer der Freiheitsstrafe gilt („Die Freiheitsstrafe ist zeitig, wenn das Gesetz nicht lebenslange Freiheitsstrafe androht. Das Höchstmaß der zeitigen Freiheitsstrafe ist fünfzehn Jahre, ihr Mindestmaß ein Monat.“). Da § 176a mit einer Höchststrafe von 15 Jahren bedroht ist, liegt die Verjährungsfrist bei 20 Jahren..

Die Verjährung würde ruhen, bis das Opfer 30 ist. Also mindestens 17 Jahre lang (beim höchstmöglichen Alter des Opfers von 13 Jahren). Bis zum Eintritt der Verjährung vergehen nochmals 20 Jahre. Für den jüngst-möglichen Täter von schwerem sexuellen Kindesmissbrauch (18 Jahre bei der Tat) wäre die Tat also frühestens 37 Jahre später verjährt, wenn er 55 Jahre alt ist.

Aus meiner Sicht scheint es nicht angemessen, einen 55jährigen zu mindestens 2 Jahren Gefängnis zu verurteilen, weil er als 18jähriger den Fehler gemacht, hat einen 13jährigen oral zu befriedigen. Dies insbesondere, wenn der Junge oral befriedigt werden wollte (unter dieser Voraussetzung sehe ich ohnehin keinen Unrechtsgehalt der Tat) und wenn seitdem nichts strafrechtlich relevantes mehr vorgefallen ist.

Zum Vergleich:

Würde man jemandem die Beine brechen (§ 223, Körperverletzung) so ist das mit bis zu 5 Jahren Freiheitsstrafe oder mit Geldstrafe bedroht. Die Tat wäre nach 5 Jahren verjährt.

Würde man jemanden ein Auge (oder auch beide Augen) ausstechen oder zum Beispiel ein Bein so verletzen, dass es amputiert werden muss (§ 226, schwere Körperverletzung), dann wäre diese Tat mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis 10 Jahren bedroht. Bei Absicht dürfte das Strafmaß nicht unter 3 Jahren liegen (§226, Absatz 2). Die Tat (auch die absichtliche Tat) wäre nach 10 Jahren verjährt. Das gilt auch, wenn das Opfer ein Kind ist.

Ich hoffe, dass auch Kinderschützer zustimmen können, dass das Verbrechen, einen Jungen oral befriedigt zu haben, nicht ganz so schwerwiegend ist, wie das Verbrechen einem Jungen absichtlich die Augen auszustechen.

Ein Blick nach vorne: die nächste Welle

Eine treibende Kraft für Strafverschärfungen ist aktuell die CDU/CSU. In einem Positionspapier der CDU/CSU Fraktion im Bundestag vom Februar 2019 wurden etliche Strafverschärfungen gefordert, insbesondere die Erhöhung von Mindeststrafen, die Erhöhung von Höchststrafen, die Einführung der Versuchsstrafbarkeit bei Cybergrooming (also z.B. wenn das vermeintliche Kind, mit dem gechattet wird, tatsächlich ein Erwachsener ist) und Grundrechtseingriffe zur „Verbesserung der Strafverfolgung“.

Der ehemalige Vorsitzende des BGH, Prof. Dr. Thomas Fischer hat die Vorschläge in der Rechts-Kolumme von Spiegel Online treffend besprochen („Weitgehend wertlos, nützlich für die Stimmung„).

Inzwischen sind wir weiter. Vom 12.06. bis 14.06.2019 fand die 210. Sitzung der Innenministerkonferenz statt. Tagesordnungspunkt 63 war § Bekämpfung von Kindesmissbrauch“.

Es wurden folgende Beschlüsse gefasst (Quelle: PDF zu den freigegebenen Beschlüssen auf der Webseite der Innenministerkonferenz, dort Seite 49/59):

Einfach mal die Wahrheit verdrehen

1. Die IMK stellt fest, dass der Verbreitung und dem Konsum von Kinderpornographie der sexuelle Missbrauch von Kindern zu Grunde liegt.

Das ist sachlich falsch.

Es gibt Kinderpornographie, die ohne sexuellen Missbrauch von Kindern hergestellt wird, der also kein sexueller Missbrauch von Kindern zu Grunde liegt. Dies sind insbesondere Texte, Zeichnungen und Computeranimationen.

Darüber hinaus ist die Herstellung eines Posing-Fotos (die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung und die die sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes) möglich, ohne dass das Kind dafür sexuell missbraucht worden sein muss.

Ein Missbrauch setzte eine sexuelle Handlung voraus, die an, von, vor oder mit einem Kind vorgenommen wird. Eine Bild wird durch eine (auch zufällige) Körperhaltung oder durch die Komposition eines Bildausschnitts unnatürlich geschlechtsbetont. Sexueller Handlungen bedarf es dazu nicht. Ein nicht-pornographisches Bild kann auch erst durch Nachbearbeitung (anderer Bildausschnitt) zu einem Posing-Bild und damit zu Kinderpornografie werden.

Ebenso können Bilder oder Filme, die sexuelle Handlungen mit Kindern beinhalten, aber nicht kinderpornografisch sind, weil sie unter den Kunstbegriff fallen und Kunst nicht unter den Pornographiebegriff fällt (z.B. Filme wie „1900 – 1. Teil: Gewalt, Macht, Leidenschaft“ von Bernardo Bertolucci, in dem in einer Szene ein Junge an seinem Penis herumspielt) kinderpornographisch werden, wenn man den Kunstzusammenhang entfernt, indem man etwa die Szene mit dem Jungen aus dem Gesamtfilm herausschneidet.

2. Sie stellt darüber hinaus fest, dass die Fallzahlen für Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von kinderpornographischen Schriften laut polizeilicher Kriminalstatistik 2018 im Vergleich zum Vorjahr um rund 13 Prozent gestiegen sind.

Dies ist korrekt.

Die polizeiliche Kriminalstatistik gibt aber die Zahl der Fälle mit Tatverdacht wieder, nicht die Fälle, die zu Verurteilungen führen. Darüber hinaus sagt sie nur etwas über das Hellfeld aus, also (vermutete) Fälle, zu denen ermittelt wurde. Es kann sein, dass die höheren Fallzahlen lediglich Erfolg besserer Fahndungsarbeit sind und nicht Ausdruck eines sich verschärfenden Problems.

Tatsächlich schwanken die Zahlen stark und steigen vor allem an, wenn gerade ein spektakulärer Erfolg gegen eine Verbreitungsplattform gelungen ist.

Statt auf den Anstieg im Jahresvergleich hinzuweisen, könnte man auch sagen, dass die Fallzahlen seit 2007 (von 8.832 Fällen auf 7.449 Fälle) um 15.67 Prozent zurückgegangen sind, obwohl der Tatbestand seitdem massiv erweitert wurde (z.B. Einführung der Strafbarkeit von Posing-Aufnahmen als „Kinderpornographie“).

Das Herausgreifen einer einzigen Zahl einer Statistik ohne Kontext ist reiner Populismus.

Ausbau von Ermittlungsbefugnissen

3. Die IMK betont, dass die gesetzgeberischen Bestrebungen zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornographie entschieden intensiviert werden müssen. Der AK II hat den UA RV bereits in seiner letzten Sitzung am 10./11.04.19 in Warschau beauftragt, eine Aufnahme des § 184b Absatz 1 StGB in den § 100b Absatz 2 StPO zu prüfen.

§ 100b Absatz 2 der Strafprozessordnung erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen die Online-Durchsuchung.

Dies ist bei gewerbsmäßiger oder bandenmäßiger Verbreitung/Erwerb/Besitz von Kinderpornographie bereits möglich (§ 184b Absatz 2). Für „bandenmäßig“ reichen bereits drei involvierte Personen.

Die vorgeschlagene Erweiterung würde die Online-Durchsuchung auch ermöglichen, wenn niemand sonst involviert ist.

Der Ausbau von Ermittlungsbefugnissen war schon immer ein Lieblingsthema von Innenministern und Justizpolitikern. Das nimmt teils abstruse Züge an. Z.B. müssen in Deutschland in Hotels Meldezettel auf Papier ausgefüllt werden. Der Hotelier muss die Formulare ein Jahr lang sicher aufbewahren – um sie dann nach spätestens drei Monaten der Vernichtung anheimzugeben.

Es fallen 150 Millionen Meldescheine pro Jahr an, die die Hotels gerne digitalisieren würden. Das dürfen sie aber nicht. Schuld daran sind die Sicherheitsbehörden, vertreten durch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Die Ermittler wollen die Möglichkeit haben, über Fingerabdrücke und DNA-Spuren auf dem Meldezettel, Kriminellen auf die Spur zu kommen. In den letzten zehn Jahren sind 1.5 Milliarde Meldezettel angefallen. Davon wurde in genau einem Fall Fingerabdrücke von Meldescheinen genommen.

Statt permanent (mindestens bei jedem aufsehenerregenden Verbrechen) neue Ermittlungsbefugnisse zu fordern, sollte man die vorhandenen einfach mal nutzen und unnötige (wie Hotelmeldebescheinigungen) abschaffen.

Ob beim Terroristen Anis Amri, bei den Terroristen der NSU oder beim Missbrauchsfall von Lügde: das Problem sind regelmäßig nicht fehlende Ermittlungsbefugnisse, sondern organisatorisches und persönliches Versagen der Behörden und ihrer Mitarbeiter.

Erhöhung von Mindeststrafen

4. Die IMK stellt fest, dass, über die Frage des Ausbaus der Ermittlungsbefugnisse hinaus, der bisherige Strafrahmen des § 184b Absätze 1 und 3 StGB dem Unrechtsgehalt der Straftaten, gerade im Vergleich zu anderen Strafandrohungen, nicht in angemessenem Umfang gerecht wird. Das gilt auch für die Strafandrohung für Kindesmissbrauch in § 176 Absatz 1 StGB. Entsprechende Straftaten sollen daher als Verbrechen eingestuft werden.

Bei §184b Absatz 1 geht es um die Verbreitung bzw. das öffentlich zugänglich machen und die Herstellung kinderpornographischen Schriften. Der Strafrahmen liegt bei drei Monaten bis fünf Jahren.

Bei §184b Absatz 3 geht es um den Besitz einer kinderpornographischen Schrift, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergibt. Der Strafrahmen liegt bei Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Bei § 176 Absatz 1 geht es sexuelle Handlungen an/mit einer Person unter vierzehn Jahren. Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis zehn Jahren.

Wenn gefordert wird, dass diese Taten als Verbrechen eingestuft werden sollen, bedeutet das, dass die Tat mit Mindeststrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sein muss, denn genau dies ist im Strafgesetzbuch der Unterschied zwischen einem Vergehen und einem Verbrechen.

Auswirkungen auf die Aussetzung zur Bewährung

Ein höheres Strafmaß hat natürlich auch Auswirkungen auf die Höhe der tatsächlichen Strafe. Die Wahrscheinlichkeit einer Aussetzung der Strafe zur Bewährung hängt unmittelbar mit dem Strafmaß zusammen:

Es können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Entscheidung darüber trifft das erkennende Gericht. Das erkennende Gericht hat dabei eine Prognose zu erstellen, ob davon auszugehen ist, dass der Täter auch ohne den Vollzug der Freiheitsstrafe künftig keine Straftaten mehr begehen wird.

Liegt die Freiheitsstrafe unter sechs Monaten und erscheint die Prognose günstig, so ist die Strafe zwingend zur Bewährung auszusetzen (§ 56 Abs. 1 i. V. m. Abs. 3 StGB). Im Bereich von sechs Monaten bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe ist die Aussetzung zusätzlich zum Vorliegen der Prognose davon abhängig, dass die Verteidigung der Rechtsordnung die Strafvollstreckung nicht gebietet (§ 56 Abs. 3 StGB). Hier wird demnach auf den Gedanken der Generalprävention abgestellt. Bei Freiheitsstrafen über zwölf Monaten bis zu zwei Jahren kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn die Prognose günstig ist, die Verteidigung der Rechtsordnung dem nicht entgegensteht und darüber hinaus besondere Umstände vorliegen (§ 56 Abs. 2 StGB).

Wikipedia-Artikel „Strafaussetzung zur Bewährung

Insbesondere bei minder schweren Fällen, bei denen sich das Urteil des Gerichts im unteren oder untersten Bereich des gesetzlich vorgegebenen Rahmens bewegt, hat eine Erhöhung der Mindeststrafe auf 1 Jahr also sehr starke Auswirkungen.

Schon 1 Tag mehr als 12 Monate Freiheitsstrafe führt dazu, dass eine Bewährungsstrafe nur noch möglich ist, wenn neben einer positiven Prognose „besondere Umstände“ vorliegen.

Der Anteil der zur Bewährung ausgesetzten Strafen wird also sinken.

Bewertung des Unrechtsgehaltes

Ein Strafrahmen soll dem Unrechtsgehalt angemessen sein. Wenn es eine breite Spanne möglichen Unrechtsgehaltes gibt, braucht es auch eine breite Spanne im Strafrahmen.

Wenn es darum geht, die Angemessenheit des Mindeststrafmaßes zu beurteilen, muss man sich logischerweise die minder schweren Fälle mit einem relativ geringen Unrechtsgehalt ansehen.

Wenn es so kommt, wie von der Innenministerkonferenz gefordert, würde künftig der Besitz eines Posing-Bildes eines 13jährigen Kindes oder der Besitz einer „wirklichkeitsnahen“ Computeranimation eine Mindeststrafe von einem Jahr nach sich ziehen.

Das scheint mir exzessiv.

Bei einer Computeranimation gibt es keinen relevanten Unrechtsgehalt, weder in Hinblick auf die Herstellung, noch in Hinblick auf den Besitz. Es wird dadurch nämlich kein real existierendes Kind missbraucht, ausgenutzt oder sonst wie geschädigt.

Auch beim Besitz eines Posing-Bildes (die Strafbarkeit als „Kinderpornographie“ wurde erst 2015 eingeführt) scheint mir der Unrechtsgehalt allenfalls gering. Im Grunde braucht es meiner Meinung nach gar keine Strafbarkeit, da Posing-Bilder nicht den sexuellen Missbrauch eines Kindes zum Gegenstand haben.

Wenn der Zweck des Besitzverbots, die indirekte Verhinderung von Kindesmissbrauch ist, müsste man die Strafbarkeit auf „echte“ Pornographie beschränken, also Darstellungen, die ein tatsächliches Geschehen mit Kindern und sexuellen Handlungen zum Gegenstand haben. An diesen Handlungen fehlt es bei Posing-Bildern.

Tatsächlich geht es bei der Strafbarkeit von Posing-Bildern nicht darum, eine Handlung zu bestrafen, die einem anderen schadet, sondern darum, jemanden dafür zu bestrafen, dass bestimmte Bilder auf ihn sexuell anregend wirken.

Wenn sich jemand sehr darum bemüht, Inhalte zu meiden, die den Missbrauch von Kindern zum Gegenstand haben, wird er meist trotzdem Bilder besitzen, aber eben nicht solche, die sexuelle Handlungen darstellen, sondern andere. Also z.B. Bilder aus Modezeitschriften, Werbung, Porträtfotos von Kinderschauspielern und ähnliches.

Ein Junge ohne T-Shirt oder in Badehose ist bereits „teilweise unbekleidet“. Damit ist ein Kriterium bereits erfüllt. Damit das Bild „kinderpornographisch“ wird, bedarf es nach aktueller Gesetzeslage nur noch einer „unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltung“. Die Einschätzung der Natürlichkeit einer Körperhaltung ist aber stets subjektiv.

Wer sich traut und die Problematik verstehen will, kann sich Fotos des preisgekrönten Fotografen Oriano Nicolau anschauen, der unter anderem für Vogue Italia arbeitet. Auf der Portfolio-Seite von Vogue Italia zu Oriano Nicolau gibt es nicht nur Bilder von teilweise unbekleideten Jungen, sondern auch einzelne Aktfotos und einige Bilder von Jungen in „untypischen“ Unterhosen.

Wären die Bilder problematisch, dürften sie nicht auf der Seite von Vogue Italia zu finden sein. Es handelt sich immerhin um eines der absoluten Top-Modemagazine weltweit. Trotzdem sind Bilder dabei, die strafrechtlich bereits zu „Diskussionen“ führen könnten, bei denen aber vermutlich hilft, dass sie von einem angesehenen Starfotografen und nicht aus einem Hobbykeller stammen (Kunst ist keine Pornographie).

Wer sicher sein will, sich nicht versehentlich strafbar zu machen, darf als pädophiler Mensch daher inzwischen überhaupt keine Bilder mehr besitzen, zumal der „Besitz“ schon vollendet ist, wenn sich ein Bild im Arbeitsspeicher des Rechners befindet. Das ist im Grunde auch der (nicht legitime) Zweck der Gesetzgebung.

Wenn jemand lediglich Posingbilder besitzt, aber kein einziges Bild, dass ein tatsächliches Geschehen in Verbindung mit einer sexuelle Handlung zeigt, dann hat sich der Betreffende offensichtlich sehr darum bemüht, Inhalte zu meiden, die den Missbrauch von Kindern zum Inhalt haben.

Warum sollte man ihn dann bestrafen, noch dazu mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe?

Aber selbst, wenn wir von Bildern sprechen, bei denen ein tatsächlicher Missbrauch eines real existierenden Kindes stattfindet, dann handelt es sich immer noch um Lichtpunkte auf einem Computerbildschirm.

Genauso wenig wie man jemanden tötet, wenn man sich das Bild eines toten Menschen anschaut, missbraucht man ein Kind, wenn man sich das Bild eines missbrauchten Kindes anschaut. Der Unrechtsgehalt der Tötung eines Menschen ist exponentiell höher als der, ein entsprechendes Bild zu betrachten.

Das Betrachten kinderpornographischen Materials ist die Ersatzhandlung für sexuelle Handlungen mit Kindern. Egal wie abstoßend man es finden mag, es ist letztlich Vermeidungsverhalten exponentiell schlimmerer Taten. Es ist (soweit reale Kinder betroffen sind) zu Recht verboten. Der Unrechtsgehalt ist meiner Einschätung nach aber überschaubar.

Durch den Besitz oder den Versuch sich kinderpornographisches Material zu verschaffen wird auch kein Markt geschaffen, der zum Missbrauch von Kindern führt. Es gibt keinen relevanten „Markt“. Kinderpornografisches Material gibt es im Darkweb umsonst und niemand bezahlt für etwas, das er auch umsonst bekommen kann.

Das Strafmaß, dass es bei der Einführung der Strafbarkeit des Besitzes im Jahr 1993 gab, hat dem tatsächlichen Unrechtsgehalt aus meiner Sicht angemessen Rechnung getragen und war auch zu Recht nur auf tatsächliches Geschehen und auf Handlungen beschränkt (keine Strafbarkeit von Posing-Bildern). Der Strafrahmen lag damals bei einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe. Der aktuelle Strafrahmen liegt deutlich höher, bei bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.

Erhebliches Unrecht begeht (meiner Auffassung nach) lediglich, wer selbst kinderpornographisches Material mit real existierenden Kinder herstellt, das sexuelle Handlungen zeigt (also nicht nur Posing-Aufnahmen), oder wer zur Produktion solchen Materials anstiftet oder dafür bezahlt (was extrem selten vorkommen dürfte).

Straferhöhungs-Orgie

5. Die IMK hält es daher für erforderlich, den Strafrahmen für Straftaten im Zusammenhang mit kinderpornographischen Schriften in § 184b Absätze 1 und 3 StGB weiter anzuheben. Auch eine entsprechende Anpassung des Strafrahmens des §184b Absatz 2 StGB als Qualifikationstatbestand zu § 184b Absatz 1 StGB ist zur Wahrung des Qualifikationsverhältnisses erforderlich.

6. Die IMK bittet den Bund, eine entsprechende Gesetzesanpassung zu prüfen und dabei eine Einstufung von Straftaten nach § 184b Absätze 1 bis 3 sowie § 176 Absatz 1 StGB als Verbrechen (Erhöhung der Mindeststrafe auf ein Jahr) in Kombination mit der Normierung von minder schweren Fällen zur Vermeidung unbilliger Härten in Erwägung zu ziehen. Im Höchstmaß sollen Straftaten nach § 184b Absatz 1 StGB von fünf auf zehn Jahre und in § 184b Absatz 3 StGB von drei auf fünf Jahre Freiheitsstrafe erhöht werden.

[Anmerkung: es gibt auch noch einen Punkt 7 und 8, die aber inhaltlich nicht viel hergeben und hier deshalb unterschlagen werden können]

Üblicherweise wird bei Strafrahmen mit bestimmten Schritten gearbeitet. Also 6 Monate, 1 Jahr, 2, 3, 5, 10, 15 Jahre, lebenslang. Eine Höchst- oder Mindeststrafe von 7 Monaten oder von 26 Monaten gibt es nicht.

Bei §184b Absatz 1 geht es um die Verbreitung bzw. das öffentlich zugänglich machen und die Herstellung kinderpornographischen Schriften. Der Strafrahmen liegt bei drei Monaten bis fünf Jahren. Geplant ist die Erhöhung auf 1 Jahr bis 10 Jahre.

Bei §184b Absatz 2 geht es um die gewerbsmäßige oder bandenmäßige Verbreitung. Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Da der gewerbsmäßige oder bandenmäßigen Verbreitung weiterhin schärfer als Taten nach Absatz 1 bestraft werden sollen, könnte hier vielleicht ein Mindeststrafmaß von 2 Jahren kommen. Vielleicht bleibt es dann bei der Höchststrafe von 10 Jahren. Evtl. kommt aber auch eine Erhöhung der Höchststrafe auf 15 Jahre.

Bei §184b Absatz 3 geht es um den Besitz einer kinderpornographischen Schrift, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergibt. Der Strafrahmen liegt aktuell bei Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Geplant ist die Erhöhung auf 1 Jahr bis 5 Jahre.

Bei § 176 Absatz 1 geht es um sexuelle Handlungen an/mit einer Person unter vierzehn Jahren. Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis zehn Jahren. Hier soll eine Erhöhung der Mindeststrafe auf ein Jahr kommen.

Zwischenfazit – die Schrauben werden weiter angezogen

Als Ergebnis der Sitzung haben die Innenminister von Bund und Ländern für einen deutlich schärferen Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch plädiert. Der Bund soll die Mindeststrafe „vor allen Dingen auch für Straftaten im Bereich der Kinderpornografie“ auf ein Jahr verlängern.

Bundesinnenminister Horst Seehofer will sich für die entsprechenden Änderungen einsetzen. Er sagte zu, „dass wir in der Bundesregierung ein stimmiges und umfassendes Paket schnüren, um ein entschiedenes Zeichen gegen Kindesmissbrauch zu setzen“. Ziel ist eine „deutliche Intensivierung der Strafverfolgung und Strafverschärfung“.

„Besitz von Kinderpornografie“ (§ 184b Abs. 3 StGB) ist schon gegeben, wenn eine Person eine einzelne pornografische Schrift (oder: ein Bild) ohne jeglichen Bezug zu einem tatsächlichen Geschehen besitzt.

Pornographisch ist (seit 2015) schon die Wiedergabe eines „ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung“ und die „sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes“.

Da auch „wirklichkeitsnahes“ Geschehen erfasst ist, reicht bereits eine einzige Zeichnung eines Jungen (oder Mädchens) in unnatürlich geschlechtsbetonter Haltung aus, um den Tatbestand zu erfüllen und künftig eine Mindeststrafe von einem Jahr auszulösen.

Bereits seit 1993 die Strafbarkeit des Besitzes von Kinderpornographie eingeführt wurde, wurden die „gesetzgeberischen Bestrebungen zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornographie“ laufend – unter jeder Regierung und in jeder Legislaturperiode – „entschieden intensiviert“.

Dabei liegt der eigentliche Unrechtsgehalt nicht im Besitz von etwas, das für den „Konsumenten“ letztlich einer Ersatzdroge ist, sondern im Missbrauch von real existierenden Kindern – wobei eigentlich auch zwischen Missbrauch und Liebesbeziehungen scharf zu trennen wäre.

Ersatzdrogen für Süchtige sind nicht nur legal verfügbar, sie werden Betroffenen sogar kostenfrei verschrieben. Im Jahr 2016 waren in Deutschland 94.381 Substituierte im Substitutionsregister gemeldet, erhalten also Ersatzdrogen wie Methadon. Dies hilft zum Beispiel, die Beschaffungskriminalität zu senken. Die meisten Betroffenen, denen so geholfen wird, werden selbst verschuldet (mindestens fahrlässig) in ihre Abhängigkeit geraten sein.

Eigentlich müsste es für Pädophile (die für ihre sexuelle Orientierung nichts können) ebenfalls Hilfestellungen geben und der Zugang zu legalen und vertretbaren Ausweichmöglichkeiten ermöglicht werden, um „Beschaffungskriminalität“ (Missbrauch) zu verhindern. Ich denke dabei insbesondere an virtuelle Kinderpornographie, für die kein Kind missbraucht, ausgebeutet oder sonst wie geschädigt wurde.

Stattdessen hören wir die immer gleiche Schallplatte von der „Notwendigkeit der Intensivierung des Kampfes gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie“, dem „Schließen von Schutzlücken“, „entschiedenen Zeichen gegen Kindesmissbrauch“ gepaart mit Forderungen nach der Einschränkung von Grundrechten zur „Erleichterung der Strafverfolgung“.

Man darf sich schon fragen, wie es sein kann, dass die Mißstände und der Handlungsbedarf noch so groß ein sollen, wie behauptet. Man tut geradezu so, als hätten die Politiker die letzten 30 Jahre kollektiv gepennt und wären samt und sonders als „Verharmloser von Kindesmissbrauch“ und „Täterschützer“ unterwegs gewesen.

In Wahrheit geht es nicht um den Schutz real existierender Kinder oder angemessene Gesetze, sondern um Stimmungsmache, Selbstdarstellung und Wählerstimmen.

Die übernächste Welle – Unverjährbarkeit

Der Opferverein „Tour41“ sammelt per Petition Unterschriften zur vollständigen Aufhebung der Verjährungsfristen bei § 176 ff. StGB (sexueller Kindesmissbrauch).

Bisher haben 346.000 Menschen diese Petition unterschrieben. Ziel ist, eine Millionen Unterschriften zu sammeln.

Wenn das Ziel erreicht ist, soll die Petition beim Bundesinnenministerium eingereicht werden, Stand jetzt also bei Horst Seehofer, der sich ohnehin eine deutliche Intensivierung der Strafverfolgung und Strafverschärfung auf die Fahnen geschrieben hat und sicherlich für jede Vorlage und jedes Argument dankbar ist.

Wenn sich nichts grundlegendes an der Politik ändert, bei der seit fast 30 Jahren eine Verschärfung die nächste jagt, wird auch dies irgendwann kommen. Vermutlich sogar recht bald.

Persönlich hätte ich dabei nicht einmal etwas gegen die Unverjährbarkeit, wenn im Gegenzug die Tat nach dem 18. Geburtstag des Opfers zum Antragsdelikt werden würde und nur noch auf dessen Wunsch hin verfolgt werden könnte.

Dann könnten ehemalige junge Freunde über ihre Erfahrungen sprechen, ohne fürchten zu müssen, damit einen geliebten Menschen strafrechtlich in die Scheiße zu reiten. Durch die Ausgestaltung als Offizialdelikt ist die heutige extrem lange Verjährung auch ein Maulkorbgesetz.

Faktisch gesehen sind wir aktuell ohnehin schon nahe an der Unverjährbarkeit. Strafrechtlich relevant dürfte eine noch längere Verjährung eher selten werden. So lange nach der Tat sind Taten in der Regel nicht mehr nachweisbar.

Tatsächlich scheint es mir um etwas anderes zu gehen. Nicht so sehr die praktische Ermöglichung von Strafverfolgung, sondern die propagandistische Gleichsetzung von sexuellen Kontakten mit Kindern mit Mord. Denn Mord ist die einzige unverjährbare Tat, die das Strafgesetzbuch aktuell kennt.

Zu viel Einvernehmlichkeit. Zu wenig Gewalt.

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hatten überzeugte „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“ ein argumentatives Problem:

Es gab zu viele Fälle von einvernehmlichen, gewaltfreien sexuellen Beziehungen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen, bei denen sich noch dazu keine Schädigung des Kindes nachweisen ließ. Diese Fälle wurden vielfach als opferlose Verbrechen angesehen.

Eine breit angelegte kriminologische Studie des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 1983 führt im Abschnitt „Straftaten ohne Opfer – primäre und sekundäre Viktimisation“ aus:

Bei der Betrachtung der Auswirkungen von Sexualstraftaten auf das deklarierte Opfer fällt auf, daß viele angezeigte Sexualkontakte gar keinen Schaden beim jeweiligen deklarierten Opfer anrichten. Daraus folgt, daß die unkritisch gebrauchten Begriffe „Opfer“ und „Geschädigte“ für einen großen Teil der Menschen, die als Sexualopfer registriert werden, unangemessen ist. Die Worte „Opfer“ und „Geschädigte“ suggerieren wie selbstverständlich, daß die Personen geschädigt sind. Dies traf aber für viele der hier befragten Personen, die als Opfer bekannt wurden, gar nicht zu. Einige von ihnen waren erst sekundär Opfer geworden, weil sie die negativen Auswirkungen von Vorurteilen und die Anwendung des Instruments des Offizialdelikts zu spüren bekamen. So ist es auch nicht verwunderlich, das sich nur ein geringer Teil der zahlenmäßig großen Gruppe der kindlichen Sexualopfer selbst für eine Anzeige entschied. Dementsprechend wurden auch die meisten Anzeigen von den Eltern aufgegeben. So geschieht es, daß Kinder, die sich nicht geschädigt fühlen, trotzdem als „Geschädigte“ behandelt werden.

Sexualität, Gewalt und psychische Folgen
Forschungsreihe des BKA, Band 15

Die Studie konstatiert: „Bisher sind Verletzungen der Sexualnormen und sexuelle Gewaltdelikte bei uns aber immer noch in unzulässiger Weise vermischt.“

Zu den aus Sicht der Forscher notwendigen Maßnahmen gehörte auch die „Initiierung einer streng rational gestalteten Diskussion über die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (Sexualstraftaten), auch insbesondere im Hinblick auf die fällige Strafrechtsreform.“

Bei einem opferlosen Verbrechen fehlt es an der für eine Verfolgung eigentlich notwendigen Strafwürdigkeit. In letzter Konsequenz „drohte“ damit die Legalisierung einvernehmlicher sexueller Kontakte.

Die meisten Probleme sind lösbar: was nicht passt, wird passend gemacht. Gewalt und Einvernehmlichkeit wurden also einfach neu definiert.

Betrachtung bei klassischem Verständnis von Gewalt

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gewalt in dem Bericht „Gewalt und Gesundheit“ (2002) wie folgt:

Gewalt ist der tatsächliche oder angedrohte absichtliche Gebrauch von physischer oder psychologischer Kraft oder Macht, die gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft gerichtet ist und die tatsächlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.

Diese Definition von Gewalt, die auch dem allgemeinen sprachlichen Verständnis entspricht, trifft nicht auf Fälle zu, bei denen ein Kind mit einer sexuellen Handlung einverstanden war. Die BKA-Studie, die vom klassischen Gewaltbegriff ausging, führt aus:

Insgesamt erklärten 51,8% der Sexualopfer, daß sie sich in irgendeiner Weise in Zusammenhang mit dem angezeigten Sexualkontakt, also primär oder sekundär, geschädigt fühlen oder fühlten. Die empfundene Schädigung bei den geschädigten Sexualopfern dauerte im Durchschnitt 4 Jahre und 8 Monate an. Neben diesen 51,8% geschädigten Sexualopfern – davon zwei Drittel mit erheblicheren psychischen Folgen – gibt es eine große Gruppe von 48,2% der Opfer, von denen keine Schädigung bekannt wurde. (…)

Bezogen auf die angezeigten Sexualkontakte stellte sich heraus, daß von den Sexualopfern als hauptsächliche Ursache für ihre Schäden zur Hälfte die sexuelle Handlung selbst, zu einem Drittel das Verhalten des Beschuldigten und zu je etwa einem Zehntel das Verhalten von Verwandten/Bekannten sowie der Polizei gesehen wurde.

Sexualität, Gewalt und psychische Folgen
Forschungsreihe des BKA, Band 15

Aus Sicht der zum Opfer erklärten Betroffenen wurden 48.2 % also nicht geschädigt. Von den Geschädigten machte nochmal die Hälfte die Hauptursache in der Umweltreaktion aus. Der Sexualkontakt selber war also nur bei ca. 25 bis 30% der Betroffenen für Schäden verantwortlich.

Gleichgeschlechtliche Kontakte spielten statistisch und kriminologisch keine wesentliche Rolle bei der Untersuchung. Zum einen machten sie nur 10-15% der Fälle aus und zum anderen waren die beschriebenen sexuellen Handlungen „harmloser“, fast ausschließlich ohne Gewaltanwendung durch den Beschuldigten, und es fühlte sich deshalb auch keines der männlichen Opfer geschädigt. In diesen Fällen konnte auch kein Schaden mit Hilfe der Testverfahren gemessen werden. (…)

Bei einer statistischen Clusteranalyse, die alle wesentlichen Variablen dieser Untersuchung einbezog, stellte sich heraus, daß die angezeigten Sexualkontakte in drei Gruppen zu unterteilen sind:

1. Gruppe mit 57,1%
Diese zahlenmäßig größte Gruppe enthält die exhibitionistischen und vergleichsweise harmlosen erotischen sexuellen Kontakte mit eher jüngeren Opfern. Darunter sind alle männlichen Opfer. Hier traten ganz selten Schäden auf.

2. Gruppe mit 11,6%
Sie enthält intensivere Sexualkontakte mit mehr bekannten und verwandten Beschuldigten, bei eher sozial gestörten Elternhäusern der Opfer. Ein Teil der (nur weiblichen) Opfer dieses Clusters fühlte sich gar nicht geschädigt, ein anderer Teil lag im Durchschnittsbereich der gesamten Untersuchung.

3. Gruppe mit 31,3%
In ihr sind sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und Sexualkontakte mit starker emotionaler Abwehr durch das Opfer enthalten. Die (ausschließlich weiblichen) Opfer waren älter, die Beschuldigten jünger als der Durchschnitt, die Anzeige erfolgte rasch. In diesem Cluster berichteten die Opfer die größten Schäden.

Sexualität, Gewalt und psychische Folgen
Forschungsreihe des BKA, Band 15

Die Schäden (wie wir uns erinnern, bei ca. 30% der Betroffenen vorhanden) betreffen also gerade Opfer von sexueller Nötigung und Vergewaltigung und fehlender Einwilligung („starker emotionaler Abwehr“), die 31.3% der untersuchten Fälle ausmachen.

Willigt ein Kind in eine sexuelle Handlung ein und findet keine Gewaltanwendung (im klassischen Sinne) statt, gibt es nach Einschätzung der Forscher des Bundeskriminalamts in der Regel keine Schäden, bzw. diese treten „ganz selten“ auf. Die „ganz seltenen“ Schäden dürften meiner Einschätzung nach dann vor allem auf Sekundäreffekten durch Reaktionen Dritter (Eltern, Polizei, Justiz etc.) zurückzuführen sein, statt auf den eigentlichen Sexualkontakt.

Gewalt im klassischen Sinne korreliert mit Schäden. Die Abwesenheit von Gewalt im klassischen Sinne korreliert mit der Abwesenheit von Schäden.

Neudefinition von Gewalt

Jeder einigermaßen moralisch denkende Mensch ist gegen Gewalt. Gewalt aktiviert dazu, dem Opfer beizustehen und dem Täter entgegenzutreten. Wer gegen Gewalt ist, sich für Opfer von Gewalt engagiert und sich gegen Gewalttäter wendet, kann sich also der Zustimmung der überwältigenden Mehrheit sicher sein.

Wenn man für oder gegen etwas aktivieren will, funktioniert das am besten über einen emotionalen Zugang. Wer das Herz berührt, braucht keine Argumente. Gewalt ist für Aktivierung, Skandalisierung und Dämonisierung also perfekt geeignet. Wenn es in 57.1 % der Fälle keine Gewalt gibt, muss daher aus Propagandagründen die Gewaltdefinition geändert werden.

Die Gewaltdefinition von „Kinder-vor-Missbrauch-Schützern“ rückt das (unterstellte) Abhängigkeitsverhältnis in den Vordergrund.

„Kinder befinden sich – sowohl vor als auch während der Pubertät – auf einer anderen geistigen und körperlichen Entwicklungsstufe als Erwachsene. Erwachsene sind aufgrund dessen Kindern immer überlegen. Diese Position erlaubt es ihnen – und verpflichtet sie auch – Kinder zu beschützen, zu versorgen, ihre Entwicklung zu fördern und sie im Einklang mit den Werten der Gesellschaft zu erziehen. Gleichwohl besteht auch die Gefahr, diese überlegene Position für eigenen Interessen zu missbrauchen. Dann steht nicht mehr die Frage „Was braucht das Kind?“, sondern „Was will ich?“ im Vordergrund. In diesem Zusammenhang spricht man auch von „struktureller Gewalt“. Gemeint ist Gewalt im Sinne von Stärke oder Macht, die in der Beziehungsstruktur zwischen zwei Menschen liegt und dem Mächtigeren zur Durchsetzung der eignen Interessen dient. Bei sexuellen Handlungen an Kindern wird auf diese Weise immer psychischer Zwang oder psychische Gewalt ausgeübt.“

Aus „Herausforderung Pädophile
von Claudia Schwarze und Gernot Hahn

Dieser Gewaltbegriff hinkt in mehrfacher Hinsicht. Im Grunde wird hier das Potential zur Gewalt („Gewalt im Sinne von Stärke oder Macht“) zu Gewalt uminterpretiert. Das ist aber unsinnig, denn Stärke oder Macht sind etwas anderes als Gewalt.

Es macht einen Unterschied, ob ich jemandem begegne, der physisch in der Lage wäre, mich zu verprügeln, oder ob diese Person mich tatsächlich verprügelt. Im zweiten Fall hat er Gewalt ausgeübt. Im ersten nicht.

Wenn man der Meinung ist, dass schon das Potential jemanden zu verprügeln problematisch ist, müsste man schleunigst Fitnesscenter und Kampfsportarten (Judo, Karate, Ringen, Boxen, Krav Maga, …) verbieten.

Das reicht aber noch nicht. Auch Universitäten erzeugen durch Wissensvermittlung ein Machtgefälle, das missbraucht werden kann. Auch Eigentum erzeugt Ungleichheit und ein Machtgefälle. Also abschaffen. Und da drei Viertel der Straftaten von Männern begangen werden, wäre es angebracht, über die Zwangsverschreibung von Testosteronblockern an die Hälfte der Bevölkerung nachdenken.

Wie man sieht, wird die Sache schnell ziemlich lächerlich und würde konsequent weitergedacht nicht zu einem Schutz, sondern zu Bevormundung und Unterdrückung führen.

Man kann stark und mächtig sein, ohne Gewalt auszuüben. Und selbstverständlich können auch schwache Menschen gewalttätig werden. Denn die Disposition zur Gewalt ist nicht Stärke oder Macht, sondern Aggressivität als innere Bereitschaft, aggressives Verhalten auszuführen.

Das hier primär relevante Aggressionsziel ist das Durchsetzen eigener Wünsche und Interessen, die mit Wünschen oder Rechten Anderer im Konflikt stehen. Das ist aber keine typische pädophile Strategie. Sie ist sogar extrem untypisch. Es geht dem Pädophilen nicht darum, seine Wünsche auf Kosten eines anderen (des Kindes) durchzusetzen, sondern darum eine Übereinstimmung zwischen seinen Wünschen und den Wünschen des Kindes zu suchen bzw. herzustellen. Gelingt dies, gibt es keinen Konflikt mit den Wünschen oder Rechten eines anderen. Gelingt es nicht, kommt es typischerweise auch nicht zu sexuellen Handlungen.

Ein Pädophiler sucht keine Schwäche und will auch keine Macht ausüben. Er sucht Schönheit, Nähe, Gemeinschaft und einen Partner auf Augenhöhe. Wenn der potentielle Partner, auf den er programmiert ist, kleiner ist, bückt er sich oder kniet sich hin, um auf Augenhöhe zu kommen. Deshalb kann sich ein Pädo meist sehr gut auf Kinder einlassen – nicht weil er besonders manipulativ ist, sondern weil er besonders einfühlsam ist. Pädophile wünschen sich vor allem sozialen Nähe und, soweit es um das heikle Thema Sexualität geht, legen sie allergrößten Wert auf Einvernehmlichkeit mit demjenigen, in den sie sich verliebt haben.

Jemanden, der in einen anderen Menschen verliebt ist, wird man nicht einmal mit viel Druck dazu bewegen können, dem Angebeteten willentlich zu schaden. Das Element der Aggression fehlt also. Das „schlimmste“, was Pädophile typischerweise in Ihrem Repertoire haben, ist „Grooming“, also Strategien und Handlungen, mit denen man versucht, einen anderen Menschen gewaltlos so zu „manipulieren“, dass man ihn für einvernehmliche sexuelle Handlungen gewinnt. Grooming ist allerdings keine besonders perfide Strategie, sondern das normale menschliche Verhaltensprogramm eines verliebten, um einen möglichen Partner werbenden Menschen.

Fehlverwendung des Begriffs „strukturelle Gewalt“

Von „Kinder-vor-Missbrauch-Schützern“ wird das (unterstellte) Machtgefälle stark problematisiert und als strukturelle Gewalt dargestellt.

In diesem Zusammenhang spricht man auch von „struktureller Gewalt“. Gemeint ist Gewalt im Sinne von Stärke oder Macht, die in der Beziehungsstruktur zwischen zwei Menschen liegt und dem Mächtigeren zur Durchsetzung der eignen Interessen dient.

Aus „Herausforderung Pädophile
von Claudia Schwarze und Gernot Hahn

Das verschiebt (unter Vernachlässigung tatsächlicher Handlungen und des konstituierenden Elements der Aggression) nicht nur die Definition von Gewalt in unzulässiger Weise. Der Begriff „Strukturelle Gewalt“ meint originär auch etwas ganz anderes:

Strukturelle Gewalt bezeichnet die Vorstellung, dass Gewaltförmigkeit auch staatlichen bzw. gesellschaftlichen Strukturen inhärent sei – in Ergänzung zum klassischen Gewaltbegriff, der einen unmittelbaren personalen Akteur annimmt. In besonderer Weise formulierte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung ab 1971 eine solche Theorie. Beispiele für strukturelle Gewalt im Sinne Galtungs sind Altersdiskriminierung, Klassismus, Elitarismus, Ethnozentrismus, Nationalismus, Speziesismus, Rassismus und Sexismus.

Johan Galtung ergänzte den traditionellen Begriff der Gewalt, der vorsätzlich destruktives Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe bezeichnet, um die strukturelle Dimension: „Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“

Wikipedia-Artikel „Strukturelle Gewalt

Hierzu ein praktisches Beispiel eines realen Falls, über den ich bereits berichtet habe:

Als sich der 13jährige Jörn in seinen Onkel Daniel verliebte und eine Beziehung mit ihm initiierte, die nach seinem 14. Geburtstag auch eine sexuelle Komponente bekam, war das keine strukturelle Gewalt, denn ohne Beeinträchtigung der Bedürfnisbefriedigung gibt es keine strukturelle Gewalt. Man darf ziemlich sicher davon ausgehen, dass Jörns und Daniels Bedürfnisse durch die Beziehung befriedigt wurden.

Die Notwendigkeit der Liebenden, die Beziehung aufgrund der Gesetzeslage geheim zu halten, war dagegen bereits strukturelle Gewalt, da dies den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzte, was potentiell möglich gewesen wäre.

Wenn der Onkel, als das Verhältnis entdeckt wurde, von den Eltern angezeigt wurde, und Onkel und Neffe deshalb in die Niederlande flüchteten und sich erst stellten, als ihnen nach fast einem Jahr das Geld ausgegangen war, der Onkel danach zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde und ein Kontaktverbot bekam, während der Junge sich weigerte, wieder zu den Eltern, von denen er sich verraten fühlte, zurückzukehren, und deshalb vom Jugendamt in Obhut genommen wurde, dann ist das ein krasser Fall struktureller Gewalt gegen zwei Liebende (sowohl Staatsanwaltschaft als auch Richterin stuften das Verhältnis der beiden als Liebesbeziehung ein). Die Bedürfnisbefriedigung des Jungen und des Mannes sind dadurch vermeidbar extremst unter das herabgesetzt worden, was potentiell möglich gewesen wäre.

Machtgefälle in der Erwachsenen-Kind Beziehung

Natürlich gibt es ein Machtgefälle zwischen einem Kind und einem Erwachsenen. Typischerweise hat der Erwachsene die Macht und das Bestimmungsrecht.

Es gibt aber auch ein natürliches Machtgefälle zwischen einem Liebenden und dem von ihm Geliebten. Der Geliebte hat die Macht und das Bestimmungsrecht.

Wer in einer bestimmten Situation konkret bestimmt und die „Macht“ hat, wird von den Umständen, dem Charakter, der Tagesform und ähnlichem abhängen.

Wären nur Beziehungen ohne Machtgefälle tolerierbar, dürfte es gar keine Beziehungen geben.

Eine Beziehungsstruktur an sich ist – egal wie sie aussieht – niemals strukturelle Gewalt. Wäre sie es, dann wäre auch die Beziehungsstruktur von Eltern zu ihren Kindern strukturelle Gewalt, denn das schärfste Machtgefälle, dem ein Kind ausgesetzt ist, ist natürlich das zwischen Kind und Eltern. Es trieft also (vermeintlich) geradezu vor struktureller Gewalt.

Man könnte sogar sagen: bei Zahnpflege-Handlungen an Kindern wird auf diese Weise immer psychischer Zwang oder psychische Gewalt ausgeübt.

Das ist einerseits aus dem Leben gegriffen, andererseits natürlich reichlich überspitzt. Rein objektiv betrachtet sind Zahnpflege-Handlungen notwendig und es würde der Gesundheit der Kinder vorhersehbar schaden, wenn sie unterbleiben würden. Kontrolle und zur Not auch etwas Nachdruck sind also sicher vertretbar.

Das Problem ist nicht ein Machtgefälle an sich, sondern das Ausnutzen eines Machtgefälles. Dieses Ausnutzen, kann man beim Zahnpflege-Zwang eindeutig verneinen.

Demgegenüber ist es nicht so, dass Kinder einen vorhersehbaren Schaden erleiden, wenn sie nicht frühzeitig sexuelle Handlungen ausführen oder sexuelle Handlungen mit einem Erwachsen ausführen. Die sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen ist kein notwendiger oder gar zwingend positiver Entwicklungsschritt. Das bedeutet allerdings nicht, dass es keine sexuellen Handlungen geben darf, sondern lediglich, dass es (anders als bei Zahnpflegehandlungen) keinerlei Zwang zu sexuellen Handlungen geben darf.

Irgendwann hat jeder das erste Mal Sex mit einem anderen Menschen. Wenn alles gut geht, passiert das in einer vertrauensvollen und liebevollen Beziehung, macht Spaß und ist ein sinnlicher Genuss. Alles andere, wie etwa das Geschlecht und Alter des Partners, ist eigentlich egal. Wenn es dem Betroffenen gut tut, ist es eine gute Beziehung. Ein guter Gradmesser für die Qualität einer Beziehung, und auch der Einzige, der mir sinnvoll praktisch anwendbar scheint, ist ihre Freiwilligkeit.

Entscheidend ist in einer Erwachsenen-Kind Beziehung, dass das Kind jederzeit die Möglichkeit hat, körperliche Nähe abzulehnen oder die Beziehung zu beenden. Eine gewollte sexuelle Beziehung (zu wem auch immer) zu verbieten, schadet einem Kind dagegen.

Eine konkrete Beziehung kann einem konkreten Kind im Übrigen durchaus sehr nutzen, denn eine Beziehung geht in aller Regel weit über die sexuelle Komponente hinaus. Neben einer hoffentlich positiven sinnlichen Erfahrung gibt es Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Unterstützung, Hausaufgabenhilfe, Fahrtdienste, gemeinsame Freizeitaktivitäten usw.

Der Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer glaubt, dass es einen ganz wichtigen prognostischen Faktor gibt, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird:

„One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.

Interview mit Paulus Hochgatterer im Standard

Abhängigkeitsverhältnis und Gesetzeslage

Würde es „Kinder-vor-Missbrauch-Schützern“ lediglich um die Verhinderung von sexuellen Handlung in einem Abhängigkeitsverhältnis gehen, bräuchte es kein Totalverbot sexueller Handlungen.

Es gibt mit § 174 bereits einen Paragraphen im Strafgesetzbuch, der den „Sexueller Mißbrauch von Schutzbefohlenen“ verbietet.

Ich finde diesen Paragraphen in der aktuellen Fassung allerdings problematisch, da das Problem nicht in der Existenz eines Schutzbefohlenen-Verhältnisses an sich besteht, sondern erst im Missbrauch des Schutzbefohlenen-Verhältnisses für sexuelle Zwecke (wenn dieses als Hebel verwendet wird, um Sex zu erzwingen).

Es sollte also durch die Aussage der Beteiligten zumindest widerlegbar sein, dass ein Missbrauch stattfand. Kern der Sache: ein Liebesverhältnis (auch ein ungewöhnliches wie im Fall von Jörn und Daniel) sollte stets straffrei bleiben.

Betrachtungen zum klassischen Verständnis von Einvernehmlichkeit

Einvernehmlichkeit bedeutet Zustimmung, Einwilligung, Einverständnis oder Erlaubnis. Die Grenzen, die der andere setzt bzw. die seinen Kompetenzbereich (z.B. seinen Körper) betreffen, werden durch eine einvernehmliche Handlung also nicht verletzt, sondern gerade respektiert. Einvernehmlichkeit schließt ein Handeln gegen den Willen des Betroffenen aus.

Es mag Kindern an Erfahrung und teils an Weitsicht fehlen, aber sie sind nicht doof. Auch ein Kind weiß sehr genau, was ihm gefällt, was sich gut anfühlt und was nicht, und es ist in der Lage das verbal und nonverbal deutlich zu machen.

Dass Kinder einen eigenen Willen haben und diesen teilweise auch rücksichtslos durchsetzen, wissen Eltern gemeinhin. Beispiele sind etwa ein schreiender Säugling, der Hunger hat oder auf den Arm genommen werden will. Oder ein Kind, das partout kein Gemüse gegessen will. Oder wenn es beim Anziehen unbedingt ein bestimmter Pullover oder ein bestimmtes Paar Schuhe sein muss. Oder wenn es darum geht, noch ein paar gewünschte Süßigkeiten beim Einkauf durchzusetzen. Es gibt tausend weitere Gelegenheiten.

Die Fähigkeit zur willentlichen Zustimmung ist bei Kindern also vorhanden – und wird von Soziologen, Psychologen und Sexualwissenschaftlern auch nicht bestritten.

Kritisch wird es, wenn jemand diese Signale ignoriert und Grenzen überschreitet. Etwa ein Kind dazu zwingt, Nahrung zu sich zu nehmen, die es verweigert. Wenn das Kind sich gegen seinen Willen von der Patentante abknutschen lassen muss…oder in einer Weise berührt wird, die sich schlecht anfühlt oder sogar schmerzhaft ist.

Gelassenheit, Gelassenheit, Gelassenheit!

Mindestens ebenso kritisch ist es allerdings, wenn einem Kind eingeredet werden soll, dass es das, was es tatsächlich schön fand, ganz schrecklich zu finden hatte und damit nicht nur sozialer Druck aufgebaut wird (das Kind hat den Erwartungen nicht entsprochen), sondern auch sein Vertrauen in seine eigene Wahrnehmung unterminiert wird.

Etwas, das sich gut angefühlt hat und dem darüber hinaus wahrscheinlich keine besondere Bedeutung zugemessen wurde, wird dann auf einmal zu einer traumatisierenden und potentiell langfristig schädigenden Erfahrung. Das liegt dann aber nicht an der ursprünglich als angenehm wahrgenommenen sexuellen Erfahrung, sondern an der Reaktion des Umfelds.

Genauso wenig wie das Essen einer wohlschmeckenden Frucht traumatisierend ist, ist eine wohlfühlende Berührung traumatisierend. Wenn man jemandem, der eine Tomate gegessen hat, allerdings einredet, es habe sich um einen Paradiesapfel gehandelt und der Esser sei durch den Verzehr der Erbsünde anheimgefallen und man den schrecklichen Schaden an seiner Seele später immer wieder thematisiert, muss man sich nicht wundern, wenn die Person, die die Tomate gegessen hat, anschließend psychische Probleme bekommt.

Auch eine schlimme, negative Erfahrung (der erzwungene Verzehr eines verdorbenen Lebensmittels oder eine Berührung, die sich schlecht oder sogar schmerzhaft angefühlt hat) wird lange nicht so schädigend nachwirken, wenn sie als überstandene schlimme Erfahrung bewertet wird, statt als ewig nachwirkende Seelenverstümmelung.

Der zum Wohle eines Kindes richtige Umgang mit tatsächlichen und vermeintlichem Missbrauch ist daher zunächst immer Ruhe und Gelassenheit, auch wenn man sich vielleicht gerade überhaupt nicht ruhig und gelassen fühlt. Das bedeutet natürlich nicht ignorieren. Man muss sich (ruhig und gelassen) schlau machen, was vorgefallen ist und wie das Kind den Vorgang bewertet. Erst dann kann man angemessen reagieren.

Das Urteil der Kinder

In der Realität gibt es neben Fällen von Missbrauch auch sexuelle Kontakte mit Erwachsenen, denen die betroffenen Kinder zugestimmt haben, die sie vielleicht sogar initiiert haben, die sie als positiv bewerten und bei denen kein Schaden erkennbar ist.

Mir ist dabei bewusst, dass ich als päderastisch veranlagter Mann für einen unvoreingenommenen Dritten diesbezüglich nicht als Kronzeuge tauge. Ich bin schließlich „Partei“.

Es gibt aber auch Wortmeldungen, von ehemaligen Jungen, die in einer entsprechenden Beziehungen waren und diese eindeutig positiv schildern. Zum Beispiel meldete sich 2013 bei einer Podiumsdiskussion in der Niederlande, jemand zu Wort, als die Diskussion für Publikumsfragen geöffnet wurde:

Ich möchte zwei Dinge sagen. Als ich dreizehn war und die Sexualität entdeckte, war ich ständig auf der Suche nach jemandem, mit dem ich ins Bett gehen konnte. Und irgendwann habe ich das gefunden. Er war vierzig Jahre alt und es war großartig. Das war so wichtig für mich. Das ist Punkt eins. Und die andere Sache, die ich sagen möchte: Ich bin schwul, ich durfte lange Zeit nicht sein, wer ich war, und ich hoffe, dass sich jeder vorstellen kann, wie es ist, wenn man nicht sein kann, wer man ist. Wenn du eine Frau liebst: und du darfst keine Frau lieben. Wenn du einen Mann liebst: und du darfst keinen Mann lieben. Und da haben wir die Pädosexuellen, die das gleiche Problem haben, wie ich in meiner Jugend. Sie dürfen nicht fühlen, was sie fühlen, sie dürfen nicht zärtlich sein, zu dem sie zärtlich sein wollen. Dass Missbrauch furchtbar ist, da stimme ich völlig zu, aber wir müssen uns sehr bemühen, diese Menschen in der Situation, in der sie sich befinden, zu unterstützen und versuchen, sie zu verstehen.

Das Video mit dieser Wortmeldung kann man sich hier (Link) auch im Originalton anschauen.

Neudefinition von Einvernehmlichkeit

Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigten und dadurch Zugang zu echten und vermeintlichen Missbrauchsopfern haben, begegnen solche positiven Äußerungen häufiger.

Für die Fraktion der „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“ war das allerdings ein Problem:

Gerade weil ich aus prinzipiellen Gründen genital-sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern als Herrschaftsverhältnis ablehne, habe ich Schwierigkeiten, Erfahrungen einzuordnen, die für das Gegenteil einer Herrschaftssbeziehung zu stehen scheinen.

Günter Amendt, Nur die Sau rauslassen?
in: konkret. Sexualität, H. 2 (1980), S. 23–30, hier S. 23.

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen liegt vor, wenn sexuelle Handlungen (mit oder ohne direkten Körperkontakt) gegen den Willen des Kindes oder Jugendlichen geschehen. Gerade Mädchen und Jungen sagen jedoch zum Teil, dass sie zugestimmt hätten. „Für betroffene Kinder“, so schreibt der Erziehungswissenschaftler Dirk Bange, „kann eine solche Aussage eine wichtige Strategie sein, um die Situation auszuhalten.“ Aus diesem „Dilemma der ‚scheinbaren Einwilligung‘ von Kindern“ hilft das „Konzept des wissentlichen Einverständnisses“ heraus. Damit ist gemeint, dass „Kinder gegenüber Erwachsenen keine gleichberechtigten Partner sein können, weil sie ihnen körperlich, psychisch, kognitiv und sprachlich unterlegen sind. Hinzu kommt, dass Kinder auf die emotionale und soziale Fürsorge Erwachsene angewiesen und Erwachsenen rechtlich unterstellt sind. Kinder können aus diesen Gründen sexuelle Kontakte mit Erwachsenen nicht wissentlich ablehnen oder ihnen zustimmen. Aufgrund dieses strukturellen Machtgefälles ist jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sexueller Missbrauch […].


Gutachten „Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer
Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung

Die zitierten Äußerungen sagen eigentlich alles.

Aus prinzipiellen Gründen war man nicht bereit, die Wirklichkeit, so wie sie ist, zu akzeptieren. Man suchte und fand die Lösung des „Dilemmas“, dass die Wirklichkeit nicht zu den eigenen Prinzipien passt, in dem theoretischen Konzept des wissentlichen Einverständnisses und konstruiert „passende“ Erklärungsmuster, um störende Aussagen mit den eigenen Erwartungen zu vereinbaren (z.B. durch Darstellung als „Strategie, um die Situation auszuhalten“).

Der Erfinder des zentralen Arguments ist der Sozialwissenschaftler David Finkelhor. Finkelhor führte 1979 die Unterscheidung zwischen „simple consent“ und „informed consent“ ein. Er behauptet damit die entwicklungspsychologische Unfähigkeit von Kindern, aufgeklärt in sexuelle Handlungen einzuwilligen und damit gleichberechtigte Sexualpartner zu sein.

Finkelhor räumte ein, dass Kinder und teilweise Jugendliche zwar willentlich in sexuelle Handlungen einwilligen können, dabei aber nicht die Tragweite einer solchen Zustimmung überschauen. Demnach stimmten sie der Handlung nicht wissentlich (informiert) zu, unabhängig davon, wem sie zustimmen.

An dieser Stelle macht es Sinn, einen Hinweis aus dem Bericht „Gewalt und Gesundheit“ (2002) der Weltgesundheitsorganisation zu reflektieren:

Gewalt lässt sich auf die unterschiedlichste Weise definieren, es kommt immer darauf an, wer den Begriff definiert und für welchen Zweck dies geschieht.

Im englischen Wikipedia-Artikel zu David Finkelhor wird (mit der Quellenangabe „Child Sexual Abuse: New Theory and Research“, Seite 228) angeführt, Finkelhor habe erklärt, dass er beabsichtigt, seine Forschung fortzusetzen, bis er den Beweis für „einen eindeutigen und überzeugenden Befund dafür hat, dass das Problem [des sexuellen Missbrauchs von Kindern] weit verbreitet ist“.

Im englischen Original: He has stated that he intends to continue his research until he proves „an unambiguous and persuasive case that the problem [of child sexual abuse] is widespread.“

Wer so ein Forschungsziel hat, hat natürlich auch ein Interesse an einer möglichst weitgehenden Missbrauchsdefinition, die eine möglichst hohe Betroffenenzahl liefert. Die Definition kann dann allerdings auch über das Ziel hinausschießen und Fälle erfassen, bei denen schlicht kein Missbrauch vorlag.

Zur Erinnerung: in über 50% der Fälle einer großangelegten kriminologischen Untersuchung von sexuellen Handlungen mit Kindern waren keine Gewalt und keine Schäden festzustellen. Die Neudefinition von Einwilligung und Gewalt verdoppelt die Anzahl der (nominellen) Missbrauchsopfer also in etwa.

Das ist dann ein Problem, wenn reale Menschen dadurch geschädigt werden, etwa durch die nachträgliche Traumatisierung, von jemandem, der nicht traumatisiert war, oder durch langjährige Haftstrafen für nicht strafwürdige Handlungen.

Auch wenn ich das für falsch halte: die Auffassung, dass die einzig wahre und allein relevante Einwilligung die „wissentliche“ Einwilligung ist und dass Kinder in diesem Sinne nicht einwilligungsfähig sind, hat sich durchgesetzt.

Wer dagegen argumentiert wird als Lobbyist von Kinderschändern stigmatisiert und auf diese Weise mundtot gemacht.

Trotzdem wird (vermutlich) kein seriöser Wissenschaftlicher leugnen, dass Kinder willentlich in sexuelle Handlungen einwilligen können. In der Regel wird man sich aber der Stellungnahme entziehen, indem man die Frage ignoriert oder als irrelevant hinstellt. Argumentativ konzentriert man sich dann stattdessen auf die behauptete fehlende wissentliche Einwilligung.

Beweisprobleme zur „wissentlichen“ Zustimmung

Die Theorie von der stets fehlenden wissentlichen Einwilligung wird der Allgemeinheit als Wahrheit verkauft („aus Studien wissen wir …“).

Zumal wir auch aus Studien wissen, dass es keine einvernehmlichen sexuellen Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern geben kann. Einvernehmlichkeit bei sexuellen Interaktionen setzt voraus, dass die Beteiligten vollständig über den Inhalt, die Durchführung und mögliche Folgen der sexuellen Aktivität informiert sind, sie verstanden haben und ihr zustimmen. Zu solch kritischem und perspektivischem Denken sind Kinder und Jugendliche aber aus entwicklungspsychologischen Gründen gar nicht in der Lage. Das heißt, Kinder können die Folgen nicht vollständig verstehen und abwägen. Auch wenn keine körperliche Gewalt eingesetzt wird, gibt es zwischen Kindern und Erwachsenen immer ein intellektuelles Ungleichgewicht und ein Machtgefälle. Der Erwachsene ist stärker, vielleicht sogar eine Vertrauens- und Autoritätsperson und ist geistig und sexuell weiter entwickelt. Deswegen kann es keine Augenhöhe und Einvernehmlichkeit bei sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern geben.

Interview von Elisabeth Quendler
vom Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ (KTW)
am Standort des Uniklinikums Ulm mit K13 Online

Da stellt sich mir die Frage: welche Studien sollen das sein?

Und wie soll es überhaupt möglich sein, das behauptete „Wissen“ mit einer Studie zu ermitteln? Man kann in einer Studie natürlich nachfragen, ob ein Kind, das einen sexuellen Kontakt mit einem Erwachsenen hatte, sich willentlich auf den Kontakt eingelassen hat. Das Ergebnis einer solchen Studie wäre, dass sich ein erheblicher Anteil der Kinder willentlich auf den sexuellen Kontakt eingelassen hat.

Der Spiegel berichtete etwa im Jahr 1979: „Eine Untersuchung der Düsseldorfer Polizei ergab, dass von missbrauchten Kindern 22 Prozent bereits bei der Kontaktaufnahme über die Absicht des Täters im klaren und damit einverstanden waren.“

Wenn man nicht die Kontaktaufnahme, sondern den Zeitpunkt unmittelbar vor der eigentlichen sexuellen Handlung heranzieht, wird die „Einverstanden“-Quote sicher deutlich höher sein.

Die willentliche Einwilligung ist für die wissentliche Einwilligung aber ohnehin „egal“.

Wie will man nun bewerten, ob die Zustimmung „wissentlich“ genug erfolgte? Das Alter taugt vielleicht als juristischer Maßstab, kann aber sicher kein wissenschaftliches Kriterium sein. Kinder entwickeln sich ja nicht in einem einheitlichen Tempo. Bei gleichem Alter ist der eine weiter als der andere.

Es wird behauptet, dass Kinder „ aus entwicklungspsychologischen Gründen“ noch nicht so weit seien. Wie genau misst man das? Welche Studie hat wie festgestellt, dass 60, 80 oder 100% der unter-14jährigen entwicklungspsychologisch noch nicht weit genug sind und dass 60, 80 oder 100% der 14+/-jährigen entwicklungspsychologisch bereits dazu in der Lage sind?

Irgendwann muss jeder erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Ein sexuell unerfahrener 16- oder 20-jähriger ist mit dem selben praktischen Wissensdefizit konfrontiert wie ein sexuell unerfahrener 11- oder 13-jähriger. Warum sollte dann ein 16-jähriger oder 20-jähriger auf einmal mit genug Informationen (oder Reife) ausgestattet sein, um einem Sexualkontakt erstmals zustimmen zu können. Wann genau fallen die nötigen Informationen (oder die Reife) magisch vom Himmel?

Wie kommt man da weiter? Soll man die Probanden vielleicht neurowissenschaftlich untersuchen, um den Reifegrad des Gehirns festzustellen? Das ist inzwischen wohl möglich und führte, wie der Merkur berichtete, zur Erkenntnis, dass das Gehirn mit 18 längst nicht ausgereift ist und dass viele Menschen erst mit 30 Jahren den Reifegrad „Erwachsen“ erreichen würden.

Also Sex erst ab 30? Das zeigt (hoffentlich), dass diese Betrachtungsweise lächerlich ist. Die sexuelle Reife ist beim Menschen nicht an die Reife des Gehirns gebunden.

Stellt man dagegen auf die Erfahrung ab, müsste es einem 12-jährigen, der bereits Sex mit einem anderen 12jährigen hatte (was ja durchaus vorkommen soll), dann nicht erlaubt sein, fortan einvernehmlichen Sex mit einem anderen Menschen beliebigen Alters zu haben?

Das Konzept des „informed consent“ besagt, dass Kinder einer sexuellen Handlung nicht wissentlich (informiert) zustimmen können, unabhängig davon, wem sie zustimmen. Nach der Theorie des „informed consent“ sind also auch sexuell erfahrene 12-jährige „uninformiert“ und können sexuellen Handlungen mit einem anderen Menschen nicht wissentlich zustimmen (auch nicht solchen mit anderen 12jährigen).

Ausreichende“ Zustimmung

An dieser Stelle gehen die wissenschaftliche Theorie des „informed consent“ und der gesellschaftliche Konsens übrigens bereits etwas auseinander.

Trotz fehlender „wissentlicher“ Einwilligung hat zu Recht (fast) niemand ein Problem damit, wenn Kinder Doktorspiele miteinander spielen, solange die Handlungen von den beteiligten Kindern gewollt sind und sie nicht dazu genötigt werden. Doktorspiele gelten entwicklungspsychologisch als normal. Sie werden daher typischerweise jedenfalls toleriert.

Ebenso hat trotz fehlender „wissentlicher“ Einwilligung auch zu Recht (fast) niemand etwas dagegen, wenn zwei 13-jährige einvernehmlich sexuelle Handlungen miteinander haben. Auch das gilt entwicklungspsychologisch als normal. Auch diese Beziehungen werden typischerweise toleriert.

Aus gesellschaftlicher Sicht ist eine willentliche Zustimmung unter Kindern also eine „ausreichende“ Zustimmung.

Für die Folgen spielt es aber keine Rolle, ob der Sexpartner des 13-jährigen ebenfalls 13 ist, oder ob er 14 ist (und sich damit strafbar macht). Es spielt auch keine Rolle, ob er (oder sie) 30 oder 40 ist – solange die Handlungen von den Beteiligten gewollt sind und sie nicht dazu genötigt werden. Wenn die Folgen gleich sind, warum sollen sich dann die Regeln auf einmal ändern?

Mir erschließt sich jedenfalls nicht, warum ein (in der Pubertät oft entwicklungsbedingt hypersexueller und hormontriefender) Gleichaltriger notwendig ein besserer, rücksichtsvollerer oder „sichererer“ Sexualpartner sein sollte, als ein weniger impulsiver, lebenserfahrener Erwachsener. Es ist für mich deshalb auch nicht überraschend, wenn kriminologische Studien zeigen, dass von einem einvernehmlichen Sexualkontakt mit einem Älteren keine grundsätzliche Gefahr für den Jüngeren ausgeht.

Der Unterschied, der die eine Zustimmung (gegenüber einem etwa Gleichaltrigen) akzeptabel macht und die andere Zustimmung (gegenüber einem Älteren bzw. Erwachsenen) inakzeptabel macht, liegt nicht in den Folgen für das Kind, sondern lediglich im Moralempfinden Dritter.

Die Auffassung von Finkelhor ist, dass Kinder generell nicht in der Lage sind, einer sexuellen Handlung mit einer beliebigen anderen Person zuzustimmen.

Diese Auffassung scheint mir ziemlich offensichtlich falsch zu sein, da Sexualität von Beginn an Teil des Menschseins ist und auch bestimmte Formen der Sexualität mit anderen (wie Doktorspiele) schon frühzeitig zum entwicklungspsychologisch normalen Verhalten eines Kindes gehören. Jedenfalls ab der Pubertät schließt dies auch genital-sexuelles Verhalten ein.

Der gesellschaftliche Konsens (jedenfalls in Europa) ist demgegenüber, dass Kinder grundsätzlich nicht in der Lage sind, einer sexuellen Handlung mit einem Erwachsenen (!) zuzustimmen. Warum aber sollte die Zustimmung gegenüber einen anderen Kind möglich und die gegenüber einem Erwachsenen unmöglich sein? Das Alter des Partners ist keine grundlegende Eigenschaft der Zustimmung und ändert nichts an ihrer Qualität. Das wesentliche ist die Zustimmung und Freiwilligkeit.

Wann man reif genug ist

Der beste mir bekannte Gradmesser für die Reife, etwas zu machen (zum Beispiel auf einen Baum zu klettern), ist das Verlangen etwas zu machen.

Kinder können zwar willentlich auf einen Baum klettern, aber wissentlich doch wohl eher nicht. Sie werden sich vielleicht noch Gedanken machen, dass sie runter fallen und sich weh tun könnten, aber wohl eher nicht darüber, was sie sich dabei im Einzeln brechen können.

Auf Bäume klettern ist freilich nicht das selbe wie Sex haben. Persönlich schätze ich das Klettern auf Bäumen als potentiell gefährlicher ein.

Fehlendes Wissen ist der menschliche Normalzustand. Auch ein Erwachsener kann die Folgen einer Beziehung, auf die er sich einlässt, nicht im Vorfeld vollständig verstehen und abwägen. Man weiß nicht, ob der mögliche Partner treu bleibt, ob er/sie sich an Absprachen hält und verhütet (oder sich bei Kinderwunsch an die Absprache hält, nicht zu verhüten), ob man sexuell auf der selben Wellenlänge ist, ob der Partner sich als gewalttätig herausstellt oder ob er nach dem Ende der Beziehung zum Stalker wird.

Trotzdem sind die allermeisten Beziehungen solange sie andauern jedenfalls überwiegend positiv und von den Beteiligten gewollt. Auf Beziehungen lässt man sich ein, wenn man dabei ein gutes Gefühl hat. Wenn sich herausstellt, dass sie einem nicht (mehr) gut tun, beendet man sie. Das funktioniert auch bei Kindern.

Es kommt vor, dass man sich beim Sturz von einem Baum ein Bein oder sogar das Genick bricht. Es ist aber nicht der Regelfall, sondern die sehr seltene Ausnahme und gehört in den Bereich des normalen Lebensrisikos. Ein Generalverbot auf Bäume zu klettern, wäre daher verfehlt.

Auch das Glück oder Unglück in der Liebe und in Beziehungen ist Teil des normalen menschlichen Lebensrisikos. Auch dieser Bereich sollte daher nicht durch das Verbot ausgewählter, beiderseitig gewollter Beziehungen reglementiert werden.

Selbstbestimmungsrecht

Die meisten Menschen sprechen Kindern nicht das Recht auf jegliche Sexualität ab. Beziehungen mit annähernd Gleichaltrigen sind gesellschaftlich toleriert. Es geht der Gesellschaft primär darum, sie vor Erwachsenen (wie mir) zu bewahren. Faktisch wird damit aber das Selbstbestimmungsrecht von Kindern, als Schutz verbrämt, verneint.

Den starren und unerbittlichen Regeln fallen in der Realität dann allerdings auch Kinder zum Opfer. Das zeigt etwa der bereits erwähnte Fall von Jörn eindrücklich. Der vermeintliche Schutz verkommt in solchen Fällen zu struktureller Gewalt.

Wer Interesse an sexuellen Handlungen hat, ist sexuell reif genug, um sexuelle Handlungen zu haben. Den „passenden“ Sexualpartner sollte sich der Betreffende selbst aussuchen können. Wobei der oder die Auserwählte natürlich seiner- bzw. ihrerseits auch wollen muss.

Ich gehe davon aus, dass viele 13-jährige Jungen sehr gerne bereit wären, mit einer sexuell attraktiven, erwachsenen jungen Frau Sex zu haben. Frauen tendieren ihrerseits allerdings eher zu Partnern, die als Ernährer und Beschützer geeignet sein könnten. Hoch gewachsene Männer mit athletischem Körperbau gelten meist als attraktiv. Noch wichtiger sind oft Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (z.B. Vermögen, berufliche Position, Statussymbole).

In diesen Belangen schneiden Jungen gemeinhin eher schlecht ab. Den sexuell willigen 13-jährige Jungen stehen also kaum sexuell willige Frauen gegenüber. Zum Glück gibt es aber auch noch gleichaltrige (oder geringfügig jüngere) potentielle Partner.

Wenn es (wovon ich ausgehe) für die meisten Menschen vorstellbar ist, dass sich ein 13-jähriger Junge Sex mit einer Frau wünscht, bzw. dafür empfänglich wäre, sollte es eigentlich auch nicht abwegig sein, sich vorzustellen, dass es bisexuelle oder schwule Jungen gibt, die gerne Sex mit einem Mann hätten bzw. dafür empfänglich wären.

Wie etwa der Fall von Jörn oder die Wortmeldung des Zuschauers bei der Podiumsdiskussion im Jahr 2013 zeigen, ist das auch keine graue Theorie, sondern kommt im wirklichen Leben tatsächlich vor.

Blendwerk und Utopie

Das der Öffentlichkeit als „bewiesen“ verkaufte Konzept der „wissentlichen Zustimmung“ ist lediglich ein Theorie, die sich auf Anhieb hinreichend plausibel anhört, letztlich aber nur pseudowissenschaftlich ein moralisch gewolltes Verbot legitimiert.

Damit die Theorie beweisbar wird, müsste die entwicklungspsychologische Reife zur Zustimmung zu einer sexuellen Handlung objektiv nachweisbar sein. Es gäbe dann also einen Test, mit dem man bei einem „Probanden“ eine „ausreichende“ entwicklungspsychologische Reife (oder deren Fehlen) feststellen könnte.

Gäbe es diesen Test, würde das ein Schutzalter überflüssig machen.

Denn natürlich könnten auch einige überdurchschnittlich reife 12-jährige den Test „bestehen“ – und dann wirksam einer sexuellen Beziehung (zu einem Gleichaltrigen oder einem Älteren) zustimmen.

Analog würden sicherlich auch einige unterdurchschnittlich reife 18-jährige „durchfallen“. Sie könnten einer sexuellen Beziehung dann natürlich auch nicht wirksam zustimmen.

Ein entsprechendes Testergebnis könnte sich ein potentiell interessierter Partner vorzeigen lassen – und würde sich (unabhängig vom Alter des Partners) strafbar machen, wenn er mit jemandem Sex hat, der entwicklungspsychologisch noch nicht reif genug ist, um sexuellen Handlungen zuzustimmen.

Einen solchen Test gibt es aber nicht.

Gäbe es ihn doch und wäre er anerkannt (was eigentlich zwingend wäre, wenn der Test als wissenschaftlicher Beweis gelten würde), dann wäre das für Pädophile und Päderasten durchaus positiv. Reine Moralverbote wären dann jedenfalls Geschichte.

Eine zu restriktive Gestaltung des Testdesigns würde dazu führen, dass zu viele junge Erwachsene „durchfallen“ würden. Das würden sich die Wähler nicht bieten lassen. Der Test müsste also schon aus politischen Gründen auf ein realistisches und angemessenes (menschengerechtes und bestehbares) Maß beschränkt bleiben.

Fazit

Das alles zeigt, dass das erweitere Gewaltkonzept der „strukturellen Gewalt“ und das Konzept des „informed consent“ zu kurz greift.

Im Grunde ist die Sache einfach: Entwicklungspsychologisch bereit „genug“ für Sex ist, wer sich für Sex interessiert.

Im realen Leben gibt es sexuell neugierige und erfahrene 12jährige, aber auch verklemmte, jungfräuliche 17jährige. Diesen Menschen wird man gerecht, wenn sie Sex haben dürfen, wenn sie sich dafür bereit fühlen und keinen Sex haben müssen, solange sie sich nicht nicht dafür bereit fühlen. Der entscheidende Punkt ist die Freiwilligkeit – und nur sie.

Zum Thema Machtgefälle, das oft im selben Atemzug wie die fehlende „wissentliche“ Einwilligung genannt wird, habe ich schon einiges geschrieben. Tatsächlich gibt es keine Beziehungen ohne Machtgefälle. Machtgefälle drücken sich auf vielen Ebenen aus: körperliche Stärke, finanzielle Möglichkeiten, sexuelle Attraktivität, intellektuelle Überlegenheit, emotionale Reife, usw.

Wann wird der Gehaltsunterschied oder der Unterschied im Intelligenzquotienten oder der Altersunterschied zu groß, damit eine Beziehung hinreichend „ausgeglichen“ ist? Und wer soll das bestimmen? Wem will man die Macht einräumen, auf welcher Basis eine bestimmte Beziehung als akzeptabel oder nicht akzeptabel zu definieren?

Die einzige Legitimation, die eine Beziehung braucht ist, dass die Beziehungspartner glücklich sind.

Geoutet: Thomas Mann, schwuler Päderast

Am 12. August 1955 starb Thomas Mann. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen literarischen Selbstmord bereits um 44 Jahre überlebt.

Gemeint ist seine Novelle Der Tod in Venedig, die 1911 entstand. Sie erschien – wohl auch aus Unsicherheit über ihre Wirkung – zunächst als Vorzugsausgabe in einer Auflage von 100 nummerierten und von Thomas Mann signierten Exemplaren, danach in der Neuen Rundschau und ab 1913 als Einzeldruck.

Die Geschichte handelt vom Gustav von Aschenbach, einem berühmten Schriftsteller. Von Aschenbach ist etwas über 50 Jahre alt, schon länger verwitwet und muss sich seine künstlerische Leistungen täglich neu abringen. Ein stets um Haltung bemühter Asket am Rande der Erschöpfung, dessen Lieblingswort „Durchhalten“ lautet. Dieser Mann nun reist nach Venedig und entdeckt dort in der Hotelhalle am Tisch einer polnischen Familie Tadzio, einen langhaarigen Knaben „von vielleicht vierzehn Jahren“:

Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war. Sein Antlitz, bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit.

Das Klima in Venedig bekommt von Aschenbach allerdings nicht. Als ihn Schweiß- und Fieberanfälle befallen, bedauert er, die Stadt verlassen zu müssen und will nach Triest weiterreisen. Als jedoch sein Koffer vorübergehend verloren geht, nimmt er das zum Anlass zu bleiben – auch dann noch, als er seinen Koffer zurückbekommen hat.

Zunächst deutet Aschenbach seine Sehnsucht nach Tadzio als ästhetisches Kennertum und flüchtet sich in philosophischen Abhandlungen über die Schönheit.

Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewusst, dass Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden, in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios Schönheit seine kleine Abhandlung, – jene anderthalb Seiten erlesener Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte.

chließlich gesteht er sich ein, dass er den Jungen liebt.

Auch als sich eine Colera-Epidemie ankündigt, kann sich Aschenbach nicht dazu durchringen, Venedig zu verlassen. Er bringt es nicht einmal fertig, Tadzios Angehörige vor der Cholera zu warnen, weil das dazu führen würde, dass er ihm nicht mehr würde nahe sein können.

Schließlich stirbt Aschenbach, infiziert durch überreife Erdbeeren, an der Cholera, während er aus seinem Liegestuhl Tadzio ein letztes Mal am Strand beobachtet. Er meint zu erkennen, dass Tadzio lächelt und ihm zuwinkt, während er mit der anderen Hand aufs offene Meer hinaus deutet. „Und, wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen.“

Die Novelle ist teilweise auobiographisch. Tatsächlich war Mann 1911 in Venedig. Auch den polnischen Jungen gab es. Und er war wohl noch etwas jünger als Vierzehn.

Ein Jahr jünger, wenn man Katia Mann, der Frau von Thomas Mann, folgt, die in „Meine ungeschriebenen Memoiren“ ausführt:

Dann gingen wir in das Hotel-des-Bains, wo wir reserviert hatten. Es liegt am Strand, war gut besucht, und bei Tisch, gleich am ersten Tag, sahen wir diese polnische Familie, die genauso aussah, wie mein Mann sie geschildert hat: mit den etwas steif und streng gekleideten Mädchen und dem sehr reizenden, bildhübschen, etwa dreizehnjährigen Knaben, der mit einem Matrosenanzug, einem offenen Kragen und einer netten Masche gekleidet war, und meinem Mann sehr in die Augen stach. Er hatte sofort eine Faible für diesen Jungen, er gefiel ihm über die Maßen, und er hat ihn auch immer am Strand mit seinen Kameraden beobachtet. Er ist ihm nicht durch ganz Venedig nachgestiegen, das nicht, aber der Junge hat ihn fasziniert, und er dachte öfters an ihn.

Der reale Tadzio war sogar drei Jahre jünger als der 14jährige Buch-Tadzio, wenn man Władysław Moes folgt, der sich in dem Jungen wiedererkannt zu haben meint. Władysław verbrachte als 11jähriger den Mai 1911 mit seiner Familie (wie die Manns) im Hotel de Bains.

Ich bin dieser Junge! Ja, schon damals in Venedig wurde ich Adzio oder manchmal Władzio gerufen … aber in der Geschichte heiße ich Tadzio … so hat es der Meister verstanden … In der Geschichte fand ich alles genau beschrieben, sogar meine Kleidung, mein Verhalten – gut oder schlecht – und die rauen Witze, die ich mit meinem Freund auf dem Strand gespielt habe.

Wikipedia-Artikel „Władysław Moes
(eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Auch die Cholera ist tatsächlich in Venedig ausgebrochen. Da aber trennen sich die Wege von Thomas Mann und seinem Alter Ego Gustav von Aschenbach: die Manns kehrten der kranken Stadt sofort den Rücken, während Aschenbach der obsessiven Liebe zu dem Jungen Tadzio verfällt und sein Schicksal mit dem der untergehenden Stadt verbindet.

In seinem Essay über Adelbert von Chamisso, der 1911 während der Arbeit an Der Tod in Venedig entstanden ist, hat sich Thomas Mann pointiert über die geheime Identität von Autor und Fabelheld geäußert: „Es ist die alte, gute Geschichte: Werther erschoss sich, aber Goethe blieb am Leben.“

Vielleicht hing der Unterschied am Ende daran, dass Mann verheiratet und mit Familie (Frau und Bruder) in Venedig war, Aschenbach dagegen verwitwet und allein in der Stadt.

Wie kam es zu Manns Ehe? Und was bewirkte die Offenbarung seiner homoerotischen Neigungen bei seiner Frau?

Die Ehe verordnete Thomas Mann sich als „ein strenges Glück“ – nicht ohne Skepsis. (…) Mit dem in den ersten Ehejahren entstandenen Roman Königliche Hoheit (1909) erreichte Thomas Mann vorerst nicht wieder die Höhe seiner schriftstellerischen Möglichkeiten. Der Tod in Venedig aber wurde ein Meisterwerk. „Es stimmt einmal Alles, es schießt zusammen, und der Kristall ist rein.“ Thomas Mann hat „Gustav von Aschenbach“ stellvertretend für sich sterben lassen und sich fortan akzeptiert. Die Lebenslüge vom „strengen Eheglück“ ließ er fallen.

Für Katia Mann, die in der Venedig-Novelle die homoerotische Orientierung ihres Mannes erkannt hatte, folgte eine längere Zeit mit Kränklichkeit und verschiedenen Sanatoriumsaufenthalten, dessen bekanntester auf Davos fiel. In Davos fand Thomas Mann die Inspiration zu Der Zauberberg, als er besuchsweise dort einige Wochen verbrachte. Nach Der Tod in Venedig, nach Aufgabe der Willensanstrengung, ein „strenges Eheglück“ zu leben, war es von nun an tiefe Dankbarkeit, die ihn mit seiner Frau Katia verband und die sich als sehr tragfähig erweisen sollte.

Wikipedia-Artikel „Der Tod in Venedig

Im Sommer 1911 bekam Katia Mann Lungenbeschwerden und ging 1912 mit der Diagnose „geschlossene Tuberkulose“ zur Kur nach Davos. Tatsächlich dürften ihre Beschwerden anderen Ursprungs gewesen sein, denn später angefertigte Röntgenbilder zeigten, dass sie nie an Tuberkulose erkrankt gewesen sein konnte. In ihrer Autobiografie Meine ungeschriebenen Memoiren notierte sie: „Es war Sitte, dass jene, die es sich leisten konnten, nach Davos oder Arosa geschickt wurden.“

Wikipedia-Artikel „Katia Mann

Ernsthaft lungenkrank scheint Katia Mann, allen zahlreichen Sanatoriumsaufenthalten zum Trotz, nie gewesen zu sein, derlei Reisen waren auch eine Modeerscheinung. Sie begleitete Thomas Mann bei Vortragsreisen und war ihm Ratgeberin, Sekretärin und Vertraute. Manns Werk ist ohne Katia Mann, die ihrem Mann den Rücken stärkte und freihielt, kaum zu denken. Sie schuf die gediegene Atmosphäre, die Mann benötigte, um die Grenzen und Abgründe bürgerlicher Kultur auszuloten. Sie hielt die Familienbande zusammen, korrespondierte mit den Kindern, die im Zürcher Exil schon fast alle außer Haus waren. Sie verstand es dann auch, in den USA eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Familie heimisch werden konnte. In Princeton fand sie in Molly Shenstone eine enge Freundin. Dass Thomas Mann sich gelegentlich in Knaben verschaute, blieb Katia Mann nicht verborgen, sie sah über derlei Verliebtheiten hinweg, zumal er seinen ehelichen Pflichten nachkam, wie sein Tagebuch verrät.

thomasmann.de über Katia Mann

Mit Katia Pringsheim hat Thomas Mann offensichtlich einen großartigen Fang gemacht – und das nicht lediglich wegen des Vermögens ihrer Familie (In der Zeit der Werbung um Katia Pringsheim schrieb er seinem Bruder: „Ich fürchte mich nicht vor dem Reichthum.“).

Für Katia selbst wird es oft sehr schwierig gewesen sein. Sie half ihrem Mann anscheinend mit einer gewissen Vermännlichung in Frisur und Habitus. Trotz der sechs Kinder, ist Thomas Mann gemeinsame Sexualität nicht leicht gefallen. Es ist bezeichnend, wenn er sich in seinem Tagebuch für sein Versagen im Bett mit der Frage entschuldigt, ob es besser gegangen wäre, wenn ein Knabe vorgelegen hätte. Die beiden hatten getrennte Schlafzimmer und Mann schreibt in seinem Tagebuch auch darüber, wie dankbar er Katia für ihre sexuelle Anspruchslosigkeit sei.

Ich hoffe sehr, dass Katia Mann trotz der Widrigkeiten auch viel Glück erleben durfte. Die Kurzbiographie auf thomasmann.de deutet das zumindest an. („Sie war die starke Frau hinter einem sensiblen Mann. In ihrer Rolle als „Frau Thomas Mann“ ging sie auf, war anscheinend auch glücklich, ja: sie genoss sie bisweilen.“)

Doch zurück zu Thomas Mann und seinemTod in Venedig:

In gewisser Weise hat Mann sich in und mit seinem Roman in der Gestalt des Aschenbach umgebracht. Er hat sich aber gleichzeitig auch geoutet und akzeptiert.

Das Buch hätte dabei durchaus auch sein literarischer Selbstmord werden können. Das Thema der Knabenliebe – wenn auch aus der Ferne – war auch damals prekär. Dass er das Wagnis dieses Romans eingehen konnte, dürfte auch daran gelegen haben, dass er seit 1905 verheiratet war und bereits vier Kinder (Erika, Klaus, Golo und Monika) mit seiner Frau hatte (später sollten noch Elisabeth und Michael hinzukommen).

Mit diesem (nicht nur, aber auch) „Alibi“, konnte er eine schwule oder päderastische Orientierung glaubhaft leugnen. Aschenbachs Liebe bleibt im Roman außerdem keusch und unerfüllt, was sie aus bürgerlicher Sicht womöglich noch akzeptabel scheinen lässt. Den Ausschlag könnte geben, dass sie darüber hinaus auch noch mit dem Tod gesühnt wird.

Thomas Manns Befürchtungen der öffentlichen Ablehnung bewahrheiteten sich jedenfalls nicht.

Die FAZ bemerkte dazu zum 100jährigen Erscheinen des Buchs:

Mit dieser Pädophilen-Novelle bekäme man heute Schwierigkeiten: Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns „Tod in Venedig“ – und stellte die Toleranz der Literaturkritik auf die Probe.

Ein alternder, in München lebender Schriftsteller bekommt plötzlich Fernweh und macht eine Reise nach Venedig, wo er sich in einen polnischen Jungen verliebt, dann aber an Cholera stirbt: mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides. Der Erfolgsschriftsteller Thomas Mann säße dann, womöglich an vier Abenden hintereinander, in den Talkshows, wo Eltern, Pädagogen und Journalisten über ihn herfielen, Psychologen ihn in Schutz nähmen und Literaturkritiker daran erinnerten, Autor und Figur seien doch nicht ganz dasselbe, es gebe schließlich noch so etwas wie einen Kunstvorbehalt, aber das ginge im moralischen Geschrei natürlich unter. Thomas Mann stünde da als Pädophiler – das ist, neben Antisemitismus, heute das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann. (…)

Als literarische Phantasie muss uns der „Tod in Venedig“ heute aber überaus kühn, ja als eine Ungeheuerlichkeit vorkommen. Und es ist bemerkenswert, dass sie damals nicht in erster Linie als solche verstanden wurde. Zwar hat man das Gewagte daran keineswegs übersehen, und Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ Aber insgesamt schien die literarische Öffentlichkeit über diesen Punkt erstaunlich wenig alarmiert.

Das bedeutet nicht, dass man Päderastie – so lautete der Begriff für das, was wir heute unter Pädophilie verstehen – damals gutgeheißen hätte oder in Fragen der Sexualmoral insgesamt toleranter gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass man damals eher bereit war, auch einen inhaltlich brisanten literarischen Text vor allem nach seiner ästhetischen Qualität zu beurteilen und weniger nach seinem Stoff. (…)

„Kaum je“, schrieb Josef Hofmiller schon 1913, „ist die Maxime L’art pour l’art mit solcher Strenge bis in ihre absurdesten Folgerungen verfolgt worden, bis sie nicht mehr entrinnen konnte, bis der richtende Dichter über dem gerichteten das Halali blies. Hat selbst Ibsen irgendwo mit vernichtenderer Rücksichtslosigkeit über den Dichter, über sich selbst ,Gerichtstag gehalten‘, als es Thomas Mann in diesem Werke tut?“ (…)

Mit äußerster Kunstanstrengung gewagte Vorgänge oder Phantasien sprachlich so auszudifferenzieren und zu verfeinern, dass ein Skandal unterbleibt, indem der Anlass gewissermaßen zu Feinstaub gemahlen wird, garniert obendrein mit Antike-Anspielungen – wie sehr Thomas Mann’s Strategie aufging, zeigt die Rezension des Lyrikers und Literaturkritikers Carl Busse vom selben Jahr: „Ohne Zweifel wird man das Thema peinlich finden, aber man muß bekennen, daß es mit vorbildlicher Zartheit behandelt wird. Im bürgerlich-moralischen Sinne bleibt der Held völlig ,korrekt‘; er nähert sich dem schönen Knaben überhaupt nicht, er spricht nie ein Wort mit ihm – das Ganze ist nur eine erotische Gefühlsausschweifung, und sie quält umso weniger, als man das dumpfe Empfinden hat, es wäre gerade vor diesem Helden eine notwendige Rache der Natur. Jedenfalls: soweit die Kunst an sich ein solches Thema überhaupt von dem peinlichen Erdenrest, der ihm anhaftet, befreien kann, ist das hier geschehen.“ (…)

Busse trifft mit dem Stichwort vom „peinlichen Erdenrest“ dabei ein zentrales Moment in Thomas Manns Poetologie: die Auffassung, dass erotische Gefühlsausschweifungen selbst für einen fingierten Helden nur als Gedankenspielereien und nicht als Schilderungen von Realität in Frage kommen.

Thomas Mann sicherte sich also doppelt ab. So ist es zu erklären, dass dieser Tabubruch, um den es sich zweifellos handelte, Thomas Mann nicht nur nicht schadete, sondern sein schriftstellerisches Ansehen noch steigerte. Plump autobiographisch könnte man sagen, er habe mit dem „Tod in Venedig“ sein Coming-out gehabt. Wem im Werk vorher schon die eine oder andere Stelle aufgefallen war, der wusste nun Bescheid. (…)

Der Aktivist und Publizist Kurt Hiller, der im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ schon ungeduldig gefragt hatte „Wo bleibt der homoerotische Roman?“, lehnte sie [die Erzähling] denn auch ab als ein „Beispiel moralischer Enge“, das Knabenliebe bloß als Verfallssymptom behandle; Stefan George missbilligte sie aus ähnlichen Gründen. Und der englische Schriftsteller D.H. Lawrence befand: „Germany does not feel very young to me.“ (…)

So ergibt sich der verblüffende Befund, dass sich gerade das nicht homosexuelle Milieu diese Erzählung bieten ließ, während das homosexuelle sie, soweit dies anhand der wenigen Stimmen rekonstruierbar ist, wegen ihres bösen Endes ablehnte, das eine begeistert-identifikatorische Lesart zumindest erschwerte.

Es soll hier nicht unterschlagen werden, dass Thomas Mann nicht nur päderastisch veranlagt war, sondern auch homosexuell. Die Schubladen, in die wir die Menschen so gerne stecken, sind nämlich nicht wirklich menschengerecht. Sexualität ist ein Kontinuum und mancher Mensch füllt mehr als eine der zur Vereinfachung erfundenen Kategorien aus.

Einige Beispiele zur homosexuellen Seite Thomas Manns:

Den Maler Paul Ehrenberg, mit dem ihn von 1899 bis 1904 eine intensive Freundschaft verband, bezeichnete er noch im hohen Alter als „zentrale Herzenserfahrung meiner 25 Jahre“. Im Jahr 1900 war Mann 25, Ehrenberg 24.

Der als „göttliche Knabe“ mit „Hermesbeinen“ beschrieben Hotelpage / Kellner Franz Westermeier, in den sich Mann 1950 (als er bereits 75 Jahre alt war) im Grandhotel Dolder in Zürich verliebte, war 19. Als Mann nach St. Moritz weitergereist war, konsultierte er seine Frau und seine älteste Tochter Erika, ob es schicklich sei, dem Hotelpagen einen Brief zu schreiben. Beide bestätigten damit auch seine Schwärmerei, Erika riet sogar dazu, den Moritzer Aufenthalt abzubrechen, damit Thomas Mann wieder ins Dolder zurückkehren könne.

Mann schreibt schließlich und bietet dem Hotelangestellten ein Empfehlungsschreiben an. Die Antwort bleibt aus. Noch im Oktober 1950 trauert Thomas Mann dem jungen Franz und dem nicht eingegangenem Anwortbrief hinterher. Er malte sich lebhaft aus, welche Schwierigkeiten Westermeier gehabt haben könnte, sich zu einer Antwort aufzuraffen, endlich zu schreiben. Endlich. Er kommentierte sein Verhalten in seinem Tagebuch: „Zähe Torheit. Aber man sehe, wie das vorhält“. Sechs Wochen später: „Will notieren, dass ich tatsächlich bis heute jede neue Post darauf durchsehe, ob etwa eine Zuschrift des kleinen Westermeier dabei ist. Vollkommen oder fast vollkommen unsinnig“.

Klaus Heuser, den Sohn des Direktors der Düsseldorfer Kunstakademie, lernte Mann 1927 auf Sylt kennen und lud ihn zu einem 14-tägigen Aufenthalt nach München ein. In seinem Tagebuch heisst es, dass er ihm „am meisten Gewährung entgegenbrachte“. Heusner war damals 17.

Am 20. Februar 1942 findet sich in Manns Tagebuch die Notiz:

Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus-Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum erstenmal ‚den Sprung ins Traumhafte‘ tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.

Zeit-Artikel „Doppelleben eines Einzelgängers

In diesen Worten steht Thomas Mann mit seinen überwiegend unerfüllten Sehnsüchten so nackt, vor uns, wie sonst wohl nur in seinem Tod in Venedig.

Mann blieb trotz seiner 6 Kinder ein sexuell Unvollendeter. Laut Auskunft seines Sohns Golo Mann im Jahre 1975 soll er nie ein praktizierender Homosexueller gewesen sein, seine Homosexualität habe sich in pubertären Grenzen gehalten, derartige Aktivitäten seien „niemals unter die Gürtellinie gegangen“.

Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass der Blick Thomas Manns auf seinen Spaziergängen Jünglinge mit schönen Beinen oder mit nacktem Oberkörper suchte. Die Knaben und die Jünglinge, die er geliebt hat, wussten nichts von der Art und der Intensität seiner Zuneigung.

Hört sich vertraut an.

Bei Mann wurde die Liebe zum Monolog. Und manchmal zur Novelle.

Sicher war er ein schriftstellerisches Genie. Trotzdem: wohl dem, der es besser macht.

Das Aquarell „Die Quelle“ von Ludwig von Hofmann, ein Bild, das Thomas Mann seit 1914 bis zu seinem Tod in allen seinen Arbeitszimmern aufgehängt hatte. Geteilt via Wikipedia.

Pädophile Identität: Fremdbild, Selbstbild und Wirklichkeit

Vor einiger Zeit berichtete Spiegel Online über ein soziologisches Experiment. Forscher hatten in 355 Städten in 40 Ländern getestet, wie wahrscheinlich es ist, dass ein anscheinend verloren gegangenes Portemonnaie vom Finder zurückgegeben wird.

Das scheinbar paradoxe Ergebnis: je mehr Geld in der Brieftasche war, desto ehrlicher waren die Menschen.

Die Autoren – Verhaltensforscher und Ökonomen – erklären das Resultat damit, dass sich Menschen eher als Diebe fühlen, wenn sie größere Geldbeträge behalten. Mit diesem Selbstbild könnten viele schlecht leben. „Die psychologischen Kosten sind gewichtiger als der materielle Gewinn“, folgert Mitautor Alain Cohnon von der University of Michigan. „Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe“, ergänzt Maréchal.


Spiegel Online „Ehrlichkeitstest mit verlorenem
Portemonnaie – gibt der Finder es zurück?

Die Studie und der Bericht dazu zeigen eine einfache Wahrheit auf: Menschen möchten gut sein. Wer Schlechtes tut, gefährdet damit das positive Selbstbild, das wiederum eine Voraussetzung für Selbstachtung und Selbstliebe ist.

Zunächst mal muss man natürlich ein Selbstbild entwickeln. Das geschieht schon sehr früh. Und wer man ist, erfährt man zunächst einmal von seiner Umwelt. Aus den wahrgenommenen Fremdwahrnehmungen formt sich ein Selbstbild, dass sich dann auch verselbständigt und zu einem gewissen Grad von Fremdwahrnehmungen emanzipiert. Es bildet sich eine Identität, die zwar nicht unveränderlich aber doch auf innere Konsistenz und Dauer angelegt ist.

Es müssen dabei nicht immer explizite Rückmeldungen wie Aufmerksamkeit oder Ignoranz, Liebe oder Ablehnung, Lob oder Tadel sein, die das Selbstbild formen. Oft gibt es objektive Anknüpfungspunkte. Man ist groß oder klein, weiblich oder männlich, stark oder schwach, schwarz oder weiß, schnell oder langsam, dick oder dünn, rechtshändig oder linkshändig.

Wie diese objektiven Befunde bewertet werden, hat Einfluss auf Selbstbild und Selbstwertgefühl. Dabei sind mit vielen Eigenschaften auch vorgegebene gesellschaftliche Zuschreibungen verbunden: Der wilde Junge, das brave Mädchen, der starke Mann, die mitfühlende Frau. Der unzivilisierte Schwarze, der kultivierte Europäer, der alkoholabhängige Indianer, der fleißige Japaner.

Zuschreibungen bzw. Klischees können dabei sogar im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung wirken, wenn z.B. Mädchen sich von Fächern wie Mathematik, Physik, Informatik oder Ingenieurwissenschaften oder Jungen von sozialen Berufen abgeschreckt fühlen, weil sie dem Irrtum aufsitzen, in diesen Fächern mit den vermeintlich begabteren Jungen ohnehin nicht mithalten zu können oder auch dem Irrtum, dass soziales Engagement unmännlich sei.

Mein Thema in diesem weiten Feld ist die sexuelle Identität und zwar gerade die von pädophil veranlagten Menschen.

Jemand der pädophil ist, bemerkt bei sich selbst irgendwann (in der Regel in der Pubertät) ein nachhaltiges Interesse an Kindern auf der Basis von sexuellem Begehren. Das ist soweit erst einmal nichts anderes als ein objektiver Befund.

Auf persönlicher Basis gibt es zunächst auch keine unmittelbare Veranlassung zu einem negativen Werturteil. Jemand, den man begehrt, will man nicht schaden. Sexuelles Begehren erschöpft sich nicht in einem angestrebten Lustgewinn, sondern führt zu Bindungswünschen, also dem Wunsch, eine enge und von intensiven positiven Gefühlen geprägte Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Warum sollte das schlecht sein?

Ein junger Pädo wird dann aber ziemlich schnell mit einer extrem negativen Fremdwahrnehmung seines sexuellen Begehrens konfrontiert. Die gesellschaftlich Bewertung folgt starr und bedingungslos dem Narrativ des Kinderschänders und Seelenmörders. Mir fällt nichts ein, was einer schärferen gesellschaftlichen Ächtung unterliegt, als pädophiles Begehren.

Verachtende Abwertung führt zu Identitätsproblemen. Ein Mensch ist für ein zufriedenes Leben und seine emotionale Stabilität auf ein positives Selbstbild angewiesen. Ein gesellschaftliches Fremdbild, dass einen kategorisch als den letzten Abschaum betrachtet, ist da nicht gerade hilfreich. Stark negative Fremdbilder können zu psychischen Erkrankungen führen.

Zu diesem destabilisierenden Moment, kommen auch noch andere Schwierigkeiten hinzu, denn auch die Möglichkeiten eines erfüllten Sexuallebens, einer glücklichen Paarbeziehung oder einer Familiengründung sind unter den aktuell gegebenen Bedingungen äußerst bescheiden.

Ich weiß nicht, wie viele junge Pädos sich umbringen. Aber ich bin mir sicher, dass Suizid, Suizidversuche und Suizidgedanken jedenfalls nicht selten sind. Ich war auch selbst in meiner Jugend und als junger Erwachsener einige Jahre lang suizidgefährdet.

Für einen jungen Pädo ist die Selbstbehauptung gegen die moralische Vorverurteilung durch die Gesellschaft also geradezu überlebensnotwendig. Es gibt Pädos, die das mit sich selbst auszumachen versuchen. Aber ganz allein ist es kaum zu schaffen. Selbsthilfegruppen wie das Jungsforum können helfen. Manchmal gelingt mit einem Coming-Out der Durchbruch oder durch ein Treffen mit einem anderen Betroffenen.

Es gibt aber auch einen relativ bekannten, historischen Gegenentwurf zum extrem negativen Bild des Pädos als Kinderschänder, den die griechische Antike mit der Knabenliebe (Päderastie) liefert. Damals warb der ältere Beziehungspartner offen um die Gunst des von ihm begehrten Knaben. Wenn er erhört wurde, wurde er mit Billigung der Familie des Jungen dessen Liebhaber und Mentor.

Der Mann wurde dafür verantwortlich, den Jungen zu einem vollwertigen und ehrbaren Mitglied der Gesellschaft zu formen, bzw. ihn auf diesem Weg zu begleiten. Das Ansehen des Jungen war mit dem Ansehen seines Liebhabers verknüpft. Umgekehrt wurden Erfolge und Fehlverhalten des Jungen auch dem dem Mann angerechnet bzw. ihm zur Last gelegt. Die damit verbundene soziale Kontrolle förderte bei beiden Beziehungspartnern Einsatz, Leistung und ein nach dem Maßstab der Zeit tugendhaftes Verhalten.

Der sinnliche Teil der Beziehung endete mit der Volljährigkeit des Jüngeren. Die sozialen Bindungen dauerten dagegen an und blieben meist lebenslang ein wichtiger Teil des Beziehungsgeflechts der Beteiligten.

Die Päderastie war jahrhundertelang eine Hauptsäule des Erziehungs- und des Gesellschaftssystems eben jener Kultur, auf die sich unsere heutige Zivilisation in Hinblick auf Kunst, Wissenschaft und Politik beruft. Leider beruft sie sich in Hinblick auf die Moral aber stattdessen auf die jüdisch-christliche Tradition, bei der statt von Knabenliebe von Knabenschändung die Rede ist.

Ein Pädophiler, der sich auf die Päderastie beruft, tut dies nicht, weil seine Neigung (jedenfalls die von Männern zu Jungen im Alter von 12 bis 18 Jahren) damals akzeptiert war und ausgelebt werden konnte. Er tut es, weil er nun mal so fühlt, wie er fühlt und weil er gut sein möchte. Er will kein Kinderschänder sein, sondern ein Mentor, Freund und Förderer eines auch (aber nicht nur) sinnlich geliebten Menschen.

Gelingt einem Pädophilen die Selbstbehauptung, der Erhalt eines positiven Selbstbildes und eines positiven Blicks auf seine Neigung, wird das oft als verharmlosend und gefährlich interpretiert. Tatsächlich ist es für die Gesellschaft und für die Kinder gut.

Wenn jemand, der sich für einen Dieb hält, eine Brieftasche mit einem Haufen Geld findet, würde er die Brieftasche behalten, denn der materielle Gewinn wäre nicht mit neuen psychologischen Kosten erkauft. Die Kosten sind ja bereits angefallen und das Dieb-sein in die Persönlichkeit integriert. Jemand, der sich für einen Dieb hält, wird sich aber auch wie ein Dieb verhalten.

Gelänge es, einem Pädophilen einzureden, dass er ohnehin ein Kinderschänder ist, würde man damit vermutlich einiges dazu beitragen, dass sich der Betroffene am Ende so rücksichtslos wie erwartet verhält. An der Neigung an sich und der damit verbundenen, nach Erfüllung strebenden Bedürfnislage ändert sich durch eine von ihm übernommene negative Sicht schließlich nichts.

Zum Glück gelingt dieses Einreden in der Regel allerdings nicht. Der Betroffene weiß ja am Ende immer noch am besten, was er fühlt. Eigentlich bräuchte es also auch keinen Rückgriff auf ein positives antikes Vorbild.

Und doch ist es hilfreich, dass es diesen Gegenentwurf gibt und dass man sich auf ihn berufen kann. Das positive Selbstbild eines Pädos, ist ständigen, vehementen Angriffen ausgesetzt. Es vergeht kein Tag ohne hetzerische Medienartikel, in denen Missbrauchstäter als „pädophil“ betitelt werden. Die deutsche Bundeskanzlerin hat einmal (als Bundesministerin für Frauen und Jugend nach einem sexuellen Gewaltverbrechen mit Todesfolge an einem Kind) gesagt, Pädophile müsse man brandmarken. Aktuell werden Verschärfungen des Strafrechts im Bereich Cybergrooming gefordert, um Kinder vor „Pädophilen“ zu schützen.

Unter diesen Bedingungen ist ein Pädo, der noch am Anfang seines Weges steht, dringend auf jede Hilfe zur Selbstbehauptung angewiesen, die er nur bekommen kann. Für heutige Pädos kann der Rückbezug auf die Ideale der Päderastie also durchaus hilfreich sein. Für heutige „Kinder-vor-Missbrauch-Schützer“ ist die antike Päderastie dagegen ein Störfaktor, da sie eine positive Deutung und die Möglichkeit von Einvernehmlichkeit nahelegt bzw. zulässt.

Die Päderastie passt einfach nicht zum dominierenden ideologischen Konzept der sexuellen Gewalt, der zwangsläufigen Schädlichkeit sexueller Erfahrungen und der Unmöglichkeit von Einvernehmlichkeit. Sie wird daher verfälschend als eher der Homosexualität nahestehend dargestellt, obwohl Homosexualität im antiken Griechenland im Gegensatz zur Knabenliebe verpönt war, oder auch als Basis einer frauenfeindlichen Gesellschaft diffamiert, obwohl andere zeitgenössische Kulturen, bei denen die Päderastie nicht gepflegt wurde, ebenso frauenfeindlich waren, wie die antike griechische Kultur.

Neben dem Kinderschänder-Narrativ und dem Knabenliebe-Narrativ gibt es neuerdings auch noch das Kein-Täter-werden-Narrativ, vom Pädophilen, der für seine Neigung zwar nichts kann, der sich aber gefälligst in Therapie zu begeben hat, da von seiner Neigung angeblich eine immanente Gefahr für Kinder ausgeht. Die vermeintliche Bombe ist also nicht böse, solange sie sich damit einverstanden erklärt, eine Bombe zu sein und entschärft zu werden.

Das Kein-Täter-werden-Narrativ stellt im Grunde das Angebot eines psychologischen Existenzminimums an Pädophile dar, als Nicht-Täter, der sich in Therapie begibt, als menschliches Wesen zu gelten und einen Hauch weniger diskriminiert zu werden.

Das Ziel von Kein-Täter-werden ist die dabei Verhinderung von „Missbrauch“ durch Akzeptanz der eigenen Gefühle und Resignation im Sinne einer durch die Therapie vermittelten Anerkennung der Unmöglichkeit der angestrebten Liebesbeziehung, der Unmöglichkeit von Einvernehmlichkeit, der Unvermeidlichkeit einer Schädigung und der Erkenntnis der eigenen Gefährlichkeit.

Mir kommt dabei das Stichwort der erlernten Hilflosigkeit in den Sinn. Einem zur Liebe fähigen Menschen soll beigebracht werden, dass er nicht lieben kann und nicht lieben darf, weil er mit seiner Liebe sich selbst und den geliebten Menschen ebenso sicher in die Luft sprengen würde, wie ein Islamist, der seinen Sprengstoffgürtel zündet.

Ich denke es wird damit deutlich, dass ich das Kein-Täter-werden Angebot als nicht sonderlich attraktiv empfinde. Es ist in seinem Ansatz aber auch stark ideologisch getrieben und orientiert sich nicht an der Wirklichkeit.

  • Kinder haben eine Sexualität. Mit dem Beginn der Pubertät ist das sexuelle Erleben und Verhalten mit dem von Erwachsenen vergleichbar.
  • Das man Kinder nicht zur Homosexualität verführen oder durch „verfrühte“ Sexualkontakte zu sonstigen sexuellen Normabweichungen umpolen kann, ist nicht nur wissenschaftlich geklärt, sondern sollte inzwischen auch allgemein bekannt sein.
  • Die Deutungshoheit, ob jemand missbraucht wurde, steht allein dem Betroffenen zu. Wer sich nicht missbraucht fühlt, wurde auch nicht missbraucht. Der Missbrauch erfolgt dann erst durch diejenigen, die den Betroffenen in eine Opferrolle zwängen. Es ist eine grobe Missachtung der Betroffenen, wenn sie erst in der Opferrolle glaubwürdig werden.
  • Wer das das Recht hat, „NEIN“ zu sagen, muss auch das Recht haben, „JA“ zu sagen.
  • Es ist durch kriminologische Opferuntersuchungen belegt, dass gewollte Sexualkontakte nicht zu primären Schädigungen bei Kindern führen.
  • Pädophile sind abgesehen von ihrer sexuellen Neigung völlig normal. Sie sind im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nicht weniger empathisch und sensibel und auch nicht egoistischer oder rücksichtsloser.
  • Pädophile verlieben sich wie andere Menschen auch, mit denselben positiven Gefühlen gegenüber dem geliebten Menschen und neigen nicht mehr zu sexueller Gewalt als der Durchschnittsbürger, der sich nicht ständigen Vorwürfen, er sei ein Vergewaltiger oder zumindest ein potentieller Vergewaltiger, ausgesetzt sieht.

So wie das Narrativ vom Kinderschänder und das Kein-Täter-werden-Narrativ ist auch die Päderastie am Ende nur ein Narrativ, nämlich das vom Mentor. Ich finde dieses Narrativ durchaus sinnstiftend und fühle mich ihm persönlich verpflichtet. Aber es bildet natürlich ebenso wenig die Realität ab, wie die anderen Narrative.

Die Realität ist: im Durchschnitt sind Pädos nicht gewalttätiger und rücksichtsloser aber auch nicht mitfühlender und selbstloser als Heterosexuelle, Homosexuelle, Bisexuelle oder Lesben. Die Liebe eines Pädos zu dem von ihm geliebten Kind ist nicht verwerflicher und schmutziger aber auch nicht reiner und edler als sonst eine Liebe.

Sie muss es auch nicht sein.

Liebe an sich ist etwas Positives. Man wird gemeinhin lieber geliebt als nicht geliebt und dafür gibt es gute Gründe. Sich geliebt zu fühlen, ist gut für das Selbstwertgefühl und das Selbstbild. Vor allem aber: Liebe ist die ultimative Motivation. Nichts anderes motiviert einen Menschen so stark sich für einen anderen einzusetzen, wie die Liebe.

Geliebt zu werden, bringt einem daher handfeste Vorteile ein: es sichert Aufmerksamkeit und führt dazu, dass der Liebende Ressourcen aller Art freiwillig in die Beziehung und das Wohlergehen des geliebten Menschen investiert, z.B. in Form von Nahrung, Schutz, Erfahrung, Wissen, Zuneigung, Zärtlichkeit, Unterhaltung, Spiel usw. Auch Sex macht Beteiligten, die sich willentlich darauf einlassen, in der Regel Spaß. Das, worum es beim Sex primär geht, ist nämlich sinnlicher Genuss und nicht Herrschaft, Unterdrückung oder Gewalt.

Die Chance, dass am Ende für denjenigen, der geliebt wurde (idealerweise also beide Beteiligten) unter dem Strich ein positives Saldo stehen bleibt, sind ziemlich gut, zumal es einen simplen Schutzmechanismus gibt: bei einer (zu) negativen Entwicklung wird eine Beziehung abgebrochen.

Die Fehlertoleranz einer Beziehung ist aber nicht Null, sondern angemessen breit, um fehlbaren Wesen, wie Menschen es nun mal sind, gerecht zu werden. Bei der Suche nach dem besten gemeinsamen Nenner oder auch im „Alltagsbetrieb“ darf durchaus auch einmal etwas schief gehen, ohne dass deshalb gleich die Beziehung in Frage gestellt wird oder gar daran zerbricht.

An die Liebe eines Pädophilen müssen deshalb (eigentlich) keine strengeren Anforderungen angelegt werden, als an sonst eine Liebe. Die eine Anforderung, der sie – wie jede andere Liebe auch – genügen muss, ist die Einvernehmlichkeit. Und zwar nicht die Theorie zur Einvernehmlichkeit eines Dritten, sondern die praktische Einvernehmlichkeit der einzig unmittelbar Beteiligten.

Solange das, was geschieht, von beiden gewollt ist, ist alles in Ordnung.

Der kleine Prinz und die Boylover

Eines der schönsten Bücher, die ich kenne, ist die Erzählung vom Kleinen Prinz. Sie ist mit 140 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 350 Sprachen und Dialekten auch eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt.

Der Mann, der die Geschichte vom Kleinen Prinzen geschrieben hat, Antoine de Saint-Exupéry, war zwar ein anerkannter Autor, sah sich selbst aber eher als einen nur nebenher schriftstellernden Berufspiloten. Er startete am 31. Juli 1944 – heute vor 75 Jahren – zu seinem letzten Flug.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach wurde Saint-Exupéry eingezogen und diente zunächst als Ausbilder für Piloten. Später wurde er selbst Pilot bei einem Aufklärungsgeschwader. Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich am 25. Juni 1940 wurden die französischen Streitkräfte demobilisiert. Saint-Exupéry emigirierte in die Vereinigten Staaten. Dort, in New York, erschien am 06. April 1943 die Erstausgabe des Kleinen Prinzen.

Im Mai 1943 begab sich Saint-Exupéry in das inzwischen von britischen und amerikanischen Truppen kontrollierte Algerien, wurde wieder Luftwaffenpilot und als Aufklärer eingesetzt. Am 31. Juli 1944 startete er morgens vom Flughafen Bastia zu seinem planmäßig letzten Aufklärungsflug, kehrte aber nicht zurück, sondern blieb verschollen.

Sein Schicksal blieb lange ungeklärt. Im Jahr 2000 wurde ein Flugzeug vom Typ, den er geflogen hatte, auf dem Grund des Mittelmeers in der Nähe von Marseille geortet. Im Jahr 2004 wurde es anhand der Seriennummer als das von Saint-Exupéry identifiziert. Er wurde bei seiner Mission abgeschossen.

Es gibt viele Menschen, die das Werk von Antoine de Saint-Exupéry – besonders sein „Kleiner Prinz“ – berührt hat. Da sollte es nicht verwundern, dass auch BLs (also Boylover, deutsch „Jungenliebhaber“) vom Kleinen Prinz inspiriert wurden.

Hier die ersten fünf Teile einer Sammlung von Geschichten, die ursprünglich von dem Boylover Royal stammen:

Der kleine Prinz und die Boylover – Teil 1

Dann kam der kleine Prinz zu einem jungen Mann.

„Wer bist du?“ fragte der kleine Prinz. „Ich bin ein Boylover“ antwortete der Mann traurig. „Was macht ein Boylover?“ fragte der kleine Prinz und musste schlucken, weil der Mann so traurig aussah.

„Ein Boylover liebt Jungs….“ bekam er als Antwort zu hören. ‚Schön’ dachte sich der kleine Prinz und freute sich. ‚Es muss schön sein jemand zu lieben.’

Der kleine blonde Kopf drehte sich suchend von links nach rechts. „Wo sind diese Jungs?“ fragte er den Boylover neugierig, denn er wollte gerne die Jungs sehen, die geliebt wurden und sich mit ihnen freuen.

Da antwortete der BL gallig: „Ich lasse keine Jungs in meiner Umgebung zu!“ Erstaunt sah der kleine Prinz zu dem Mann auf, erkannte dessen aggressiven Gesichtsausdruck, erschrak und fragte etwas zurückhaltender: „Warum lässt du keine Jungs in deiner Umgebung zu?“ „Weil ich ihnen nicht wehtun will und weil ich selber keinen Schmerz erfahren mag…” antwortete der Mann leise und begann nun zu weinen.

Der kleine Prinz gab ihm ein Taschentuch gegen die Tränen und wollte wissen, warum der Mann denn Angst vor Schmerz habe und sich auch noch sorge, den Jungs weh zu tun. Der Mann sah ihn an und sagte: „Weil ich ein Boylover bin.“

Eine komische Logik dachte sich da der kleine Prinz. ‚Ein Boylover, der Jungs liebt, sie aber nicht sehen will, weil er Angst hat, ihnen weh zu tun. Und … wie kann er jemand lieben, wenn er Angst hat, dass dieser ihm Schmerz bereitet?’

Der kleine Prinz verstand die Logik nicht, wollte dem Mann aber von seiner Traurigkeit erlösen und lächelte ihn nett an. Da sagte der Mann: „Bist du etwa ein Junge?“ Der kleine Prinz strahlte und nickte ein „Ja“, da wandte sich der Boylover erschrocken ab und sagte: „Bitte geh weg“

Und der kleine Prinz bekam ein schweres Herz und ging seinen Weg weiter. Hinter dem ersten Baum musste er an seine Rose denken…. ‚Wie kann ich in Rosen verliebt sein’ murmelte er‚ ‘wenn ich gar keine Rosen in meinem Leben zulasse?’

Der kleine Prinz und die Boylover – Teil 2

Mit diesen tiefen Gedanken in seinem Kopf trug der kleine Prinz ein schweres Gemüt durch die Welt der Menschen. Den blonden Schopf ließ er hängen und achtete nur noch auf das kurze Stück Weg vor seinen Füssen.

Just in diesem Moment aber rollte ihm ein Ball vor die Füße und stieß an seine Zehen. „Heia, kick den Ball rüber!” hörte er eine helle Jungenstimme rufen. Das wollte der kleine Prinz auch gerne tun. Da er nun aber sein Leben lang Vulkane gepflegt, Sonnenuntergänge angesehen und mit seiner Rose gesprochen hat, konnte er einen Ball nicht so richtig gut treten.

So trat er zwar mit aller Wucht zu, traf jedoch nicht den Ball, sondern stieß sich den Fuß an einem Stein. Als der andere Junge sah, dass dem kleinen Prinzen vor Schmerz die Tränen in die Augen schossen, kam er angelaufen und legte seine Hand tröstend auf die Schulter. „Komm, wir gehen zu meinem Bruder, der hilft dir deinen zu Fuß kühlen.”

Der Junge und der kleine Prinz gingen zu den anderen Spielern. Der jugendliche Bruder und ein junger Mann hörten, dass der kleine Prinz Schmerzen hatte und trugen ihn in den Schatten einer kleinen Oase.

Während der junge Mann den Fuß des kleinen Prinzen mit einem feuchten Tuch kühlte, sah dieser wie der Jugendliche dem Mann einen Kuss auf die Lippen gab. „Bist du ein Boylover?” fragte er den Mann da sogleich neugierig. „Ein Boylover? Hmmm” sagt der junge Mann erstaunt. „Ein komisches Wort … aber wenn du meinst, ob ich diesen Junge liebe … dann: ja. Dann bin ich ein Boylover.”

Und während er dies sagte, war zu sehen, dass der Junge den Mann verliebt anblickte und nach diesen Worten glücklich strahlte und ihm einen weiteren dicken Kuss auf die Lippen drückte, den der Mann bereitwillig erwiderte. Der Junge sah den kleinen Prinz nun auch an und sagte: „Wir verbringen schöne Tage und wunderbare Nächte miteinander.”

Bevor der kleine Prinz weiterfragen konnte, sprach der Junge schnell weiter: „Ich bin schwul, als ich mich für Männer zu interessieren begann, hab ich diesen gefunden, und ihn seitdem nicht mehr hergegeben. Wir werden zusammengehören, solange wir das wollen.” Der kleine Prinz freute sich über die Liebe der zwei und die offensichtliche Zuneigung des kleineren Bruders.

Während die drei weiter Ball spielten, näherte sich dem kleinen Prinzen eine alte Frau und zischte ihm zu: „Das ist wider die Natur, was die da machen.” Gerade als der kleine Prinz erschrocken etwas antworten wollte, wandte sich die Alte ab und humpelte weiter in Richtung des Dorfplatz.

Der kleine Prinz jedoch hatte sich lange genug erholt, bedankte sich bei den drei höflich und verabschiedete sich. Während er das Spielfeld, die zwei Liebenden (und das Kind) hinter sich ließ, musste er an die Worte der Alten denken.

„Ja aber …“ so murmelte er leise, „wie kann es denn wider die Natur sein, wenn es doch in der Natur dieser beiden Menschen liegt?”

Der kleine Prinz und die Boylover – Teil 3

Durstig und neugierig suchte der kleine Prinz ebenfalls den Weg zum Dorfplatz. Auf dem Platz angekommen wurde er von den vielen Menschen beinahe überwältigt. Hatte er bisher auf seinem Planet immer nur Platz für einen oder zwei Besucher gehabt, so waren hier hunderte von Menschen versammelt.

Und jeder hatte seine eigene kleine Welt und viel zu tun. Es wurde gehandelt, geredet, gefeilscht und auch gestritten. Mit einem Glas Wasser in der Hand sah sich der kleine Prinz um und erschauderte. Er sah einen anderen Jungen, der am Rande des Marktes zum Verkauf angeboten wurde. Ohne lange nachzudenken, ging er los.

Je näher der kleine Prinz dem Jungen kam, umso mehr musste er sich aber wundern. Der Junge war ein verkleideter Mann. Noch dazu war die Verkleidung recht dürftig. Der kleine Prinz merkte, dass dies keiner der Interessenten erkannte und fragte den Mann: „Warum verkleidest du dich als Junge?” Der Mann sah ihn betrübt an und meinte er habe keine Freunde und hoffe so welche zu finden. Der kleine Prinz sah stumm zu den Jungens, die am Rande des Dorfplatzes im Sand spielten. Die Augen des Mannes folgten dem Blick, zuckten dann aber schnell zurück und fixierten den nächsten Mann, der ihn vielleicht kaufen wollte.

Der kleine Prinz wollte den Mann nicht noch trauriger machen und fragte ihn deshalb nicht, ob er ein Boylover wäre. Stattdessen fragte er: „Was verkaufst du?” und der Mann antwortete: „Meine Seele.”

Der kleine Prinz und die Boylover – Teil 4

In der Nähe des Marktplatzes sah der kleine Prinz einen Mann der einen Abfalleimer auf die Straße stellte. „Was machst du?” fragte er den Mann. „Ich räume meine Wohnung endlich auf.” beschied ihn der Mann. Der kleine Prinz ging schnurstracks an dem Mann vorbei ins Wohnzimmer, setze sich auf einen der Teppiche und fragte den Mann warum er das denn mache. „Ich habe mich entschieden ein Boylover zu sein.” meinte der Mann. Erstaunt einen angehenden Boylover gefunden zu haben, wollte der kleine Prinz wissen, „und dann räumst du auf?”„Ja, klar” wurde ihm geantwortet, „wenn ich einen Jungen kennen lernen will, so möchte ich, das er es schön hat bei mir. Dass ich ihm etwas bieten kann.”

„Aber wird er denn gerade eine aufgeräumte Wohnung an dir schätzen?” fragte der kleine Prinz erstaunt. „Toll, kennst du ihn denn schon so gut? Wo ist er?” Der blonde Besucher sah sich neugierig in der Wohnung um. Da lachte der Mann. „Nein”, sagte er „ich kenne ihn noch gar nicht. Vielleicht werde ich sogar noch lange auf ihn warten, aber er wird so ein Netter sein, dass ich nicht nur nehmen, sondern auch geben will.” „Eine aufgeräumte Wohnung geben?” fragte der Prinz verwundert. Da nickte der Mann ernst und erklärte: „Ich werde *mich* geben wollen. Und da muss ich doch Sorge tragen, dass es mir gut geht, oder? Dass ich mich wohl fühle … und der erste Schritt auf einem langen Weg ist eine aufgeräumte Wohnung.”

Danach sprach der Mann von all den vielen anderen Schritten, die er vorhatte zu seinem eigenen Wohle und zum Wohle eines Jungen zu gehen, den er noch gar nicht kennen gelernt hatte. Das gefiel dem kleinen Prinzen und er half dem Mann bis in den Abend hinein aufzuräumen.

Der kleine Prinz und die Boylover – Teil 5

In der Nacht wurde der kleine Prinz überraschend wach. Während er noch sein dünnes Gewand um sich schlang und versuchte, wieder einzuschlafen, hörte er leises Schnaufen und die Geräusche von nackter Haut. Zuerst dachte er an ein Liebespaar, welches die Gunst der dunklen Stunde nutzen würde … dann aber wurde die Nacht zusätzlich durch leise und mit aller Anstrengung unterdrückte Laute des Schmerzens durchschnitten.

Da stand der kleine Prinz auf, richtete seine Kleidung, rieb sich den Schlaf aus den Augen und ging langsam in Richtung der Geräusche. Ein paar Meter führte ihn der Weg durch die Wüste. Er spürte den kalten Sand unter seinen Füßen und während er still und lauschend weiterging, kam er zu einem kleinen Hain. In der ersten Reihe der Bäume sah er einen erwachsenen Mann, der einen kleinen Jungen vergewaltigte.

„Hallo” sagte der kleine Prinz leise. „Geh weg, das ist meiner, den schnalle ich mir um.” antwortete der Mann und ließ sich durch die Anwesenheit des Prinzen nicht beeinflussen. Der kleine Prinz indes sah sich um und konnte in der Nähe die anderen Mitglieder der Familie des Jungen erkennen, die allem Anschein nach fest und tief schliefen. „Bist du ein Boylover? Und was machst du da?” fragte er den Mann. Just in diesem Moment stieß der Mann einen kleinen Schrei der Erregung aus und ließ erschöpft und schwitzend von dem Jungen ab.

„Ein Boylover? Keine Ahnung, was das ist.” antwortete er schwer atmend. „Und was ich mache? Das siehst du doch, ich hole mir, was ich brauche, um nicht zu verrecken.” „Aber hast du keine Angst, jemand weh zu tun?” wollte der kleine Prinz wissen. „Angst? Die habe ich nur vor der Entdeckung durch die Wachen, schau, der Junge hat sich noch nie beklagt und selbst der Mutter ist es egal…” antwortete der Mann und wies mit der zittrigen Hand auf eine in der Nähe am Boden liegende Gestalt.

Und ja, als der kleine Prinz dem Jungen ins Gesicht sah, beklagte sich dieser nicht und blickte zu Boden. Noch während zwei schwere Tränen von dessen abgewandtem Gesicht rollten und auf dem Wüstenboden aufschlugen (und den trockenen Sand zu einer kleinen Perle verbucken) wusste der kleine Prinz, dass der Junge nicht mit ihm reden wollte. Als der kleine Prinz zu der Mutter ging, sah er, dass auch sie die Augen etwas geöffnet hatte und ihr ebenfalls kleine Tränen aus den Augen rannen.

Weitere Teile finden sich hier (Link).

Der alte Mann, der einmal ein Junge war

Am 20.02.2013 fand eine öffentliche Podiumsdiskussion in der Reihe Denkcafé des Arminius Konferenz- und Debattenzentrums in Rotterdam zum Thema Pädophilie statt.

Die Moderation übernahm Mirella van Markus, eine erfahrene TV-Moderatorin der Nachrichtensendung Hart van Nederland des Senders SBS6.

An der Debatte nahmen ein Polizist, ein Sexualwissenschaftler, ein Psychologe, ein Soziologe für Schwule Studien an der Universität Amsterdam und Marthijn Uittenbogaard, ein pädophiler Aktivist, teil.

Am Ende der Debatte durfte sich das Publikum zu Wort melden. Die letzte Wortmeldung kam von einem alten Mann, der einmal ein Junge war. Einer der sich noch daran erinnerte, wie das war, es in seinem Herzen bewahrt hat und das offene Wort wagte:

Ich möchte zwei Dinge sagen. Als ich dreizehn war und die Sexualität entdeckte, war ich ständig auf der Suche nach jemandem, mit dem ich ins Bett gehen konnte. Und irgendwann habe ich das gefunden. Er war vierzig Jahre alt und es war großartig. Das war so wichtig für mich. Das ist Punkt eins. Und die andere Sache, die ich sagen möchte: Ich bin schwul, ich durfte lange Zeit nicht sein, wer ich war, und ich hoffe, dass sich jeder vorstellen kann, wie es ist, wenn man nicht sein kann, wer man ist. Wenn du eine Frau liebst: und du darfst keine Frau lieben. Wenn du einen Mann liebst: und du darfst keinen Mann lieben. Und da haben wir die Pädosexuellen, die das gleiche Problem haben, wie ich in meiner Jugend. Sie dürfen nicht fühlen, was sie fühlen, sie dürfen nicht zärtlich sein, zu dem sie zärtlich sein wollen. Dass Missbrauch furchtbar ist, da stimme ich völlig zu, aber wir müssen uns sehr bemühen, diese Menschen in der Situation, in der sie sich befinden, zu unterstützen und versuchen, sie zu verstehen. [das Publium klatscht]

Übersetzung des Transskripts von http://www.brongersma.info
(herzlichen Dank für den Link an Marthijn Uittenbogaard!)

Für alle, die dem Niederländischen folgen können, hier das Video der gesamten ca. zweistündigen Podiumsdiskussion. Ich habe zwar versucht einen „Timestamp“ im verlinkten Video zu setzen, dies scheint aber bei der Verlinkung verloren zu gehen. Die zitierte Wortmeldung beginnt bei 1:52 und 7 Sekunden. Mit dem Schieberegler-Bedienelement im Video kann man relativ leicht an diese Stelle springen.

Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass dieser mutige Mann bereit war, sich in die Diskussion einzubringen.

Seine Worte sind ein Tabubruch. Es gilt heutzutage als skandalös und unerhört, die Möglichkeit von sexueller Einvernehmlichkeit zwischen einem Jungen und einem Mann auch nur in den Raum zu stellen.

Der Mann aus dem Publikum hat die real existierende Wirklichkeit dieser Einvernehmlichkeit aus unmittelbarer eigener Erfahrung eindeutig bejaht. Er unterscheidet klar zwischen Missbrauch und Liebe und erinnert daran , wie schwer es für einen Menschen ist, nicht sein zu dürfen, wer man ist und nicht lieben zu dürfen, wen man zu lieben bestimmt ist.

Der Mann aus dem Publikum hat es nicht getan, weil er es musste, oder weil er selbst etwas davon gehabt hätte, sondern weil er wusste, dass es richtig war.

Es war ein sehr wichtiger und wertvoller Beitrag, zumal man hier auch nicht nur liest, dass jemand etwas gesagt haben soll, sondern weil man hier die Möglichkeit hat, es direkt aus dem Mund eines Betroffenen zu hören.

Jeder, der als Kind eine positive Erfahrung mit einem Erwachsenen gemacht hat und es wagt das Tabu zu brechen und die Wahrheit seiner Erfahrung auszusprechen, ob unter Freunden, in einer Diskussionsrunde oder gegenüber einem Journalisten, macht den Menschen, die so fühlen und lieben wie sein ehemaliger großer Freund, ein großes und kostbares Geschenk.

Berliner CSD – 15. Jahrestag des Rauswurfs

Beim Gedenken an den Christopher Street Day nimmt es die Schwulenbewegung mit dem Datum nicht so genau und verteilt die CSD bzw. Gay Pride Paraden über den ganzen Monat Juni und Juli. Das verschafft ihr 2 Monate Aufmerksamkeit für ihr Anliegen, statt nur einen Tag und verschafft Interessierten die Möglichkeit gleich eine ganze Reihe von Märschen zu besuchen. Auf diese Weise kann mehr Präsenz gezeigt werden und die Bewegung noch größer scheinen, als sie es ohnehin ist.

So kommt es, dass heute, einen Monat nach dem 50. Jahrestag des Christopher Street Day, die Berliner CSD Parade stattfand. Zusammen mit dem Kölner CSD ist sie die wichtigste Gay Pride Parade Deutschlands.

Zum eigentlichen Jahrestag des CSD, habe ich bereits an diesen kämpferischen Urknall der Schwulenbewegung erinnert. Aber auch an die frühe Ausgrenzung von Transsexuellen, obwohl diese den Widerstand an vorderster Front mitgetragen hatten. Seit 1973 konnten Trans-Personen nicht mehr Mitglied der Gay Activists Alliance (GAA) sein, weil sich die eindeutig geschlechtlich identifizierten Schwulen und Lesben damit bessere Chancen für ein Antidiskriminierungsgesetz (Gay Rights Bill) ausrechneten.

Irgendwann wurde die Schwulenbewegung dann wieder inklusiver, vermutlich, weil man zu der Einsicht gelangt war, dass die Menge der vertretenen Menschen für die Durchsetzung der politischen und gesellschaftlichen Ziele entscheidend ist. Man fand sich als LGB-Bewegung zusammen und inkludierte immer weitere norm-abweichende Gruppen, so dass am Ende ein LGBTQIAPK (lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, intersex, asexual, pansexual, polyamorous, kink) oder das deutlich einfachere LGBT+ stand.

Die Päderasten, die einmal selbstverständlich dazugehörten, wurden dagegen rausgeschmissen. Bei den innerhalb der Bewegung schnell sehr wichtig gewordenen Lesben und Genderbewegten dominierte die feministische Vorstellung, dass Sexualität mit männlicher Herrschaft und Gewalt verknüpft ist. Sie waren zahlreicher, besser organisiert und für die Mehrheitsgesellschaft weit akzeptabler als die pädophil bzw. päderastisch orientierten Mitstreiter. Zugleich wurde immer deutlicher, dass Pädophilie für die Mehrheitsgesellschaft nie akzeptabel werden würde.

Also warf man den Ballast über Bord. Erst in den USA, dann im Rest der Welt. Im wesentlichen war der Prozess in Deutschland gegen Ende der 80er / Anfang der 90er abgeschlossen und wurde 1994 mit einer Unvereinbarkeitserklärung des Lesben– und Schwulenverbands (LSVD) abgesichert. Trotzdem waren Pädophile teilweise noch am Rand geduldet. Während sie in den USA bei Gay Pride Paraden schon 1986 ausgeschlossen wurden, wurden sie bei CSD Paraden in Berlin noch toleriert.

Hier ein Bericht von der CSD Parade in Berlin im Jahr 2001:

Christopher-Street-Day(CSD) Berlin 2001

Boylover-Treffen auf Homoparty

Kleine Minderheit zwischen großer Minderheit

(Red/K13) Auch in diesem Jahr trafen sich wieder zu den alljährlich stattfindenden Veranstaltungen der Homosexuellen einige Boylover aus ganz Deutschland und der Schweiz in Berlin. Am letzten Wochenende im Monat Juni 01 fanden sich etwa 25 Boylover an einem für Insider bekannten Platz ein, um am CSD* 2001 mitzumaschieren. Hatten noch im Jahr davor über 60 Boylover teilgenommen, so waren es in diesem Jahr erheblich weniger, die die Anreise auf sich genommen hatten und motiviert zwischen den Schwulen und Lesben dabei sein wollten.

Bereits am Vortage trafen sich die Berliner Boylover in einer Szenenkneipe, um alle angereisten Pädos zu begrüßen und auf das schwule Berlin einzustimmen. Am Samstag morgen ging es dann gemeinsam zu einem amerikanischen Restaurant, wo man sich bekanntlich zwischen vielen jungen Gästen erfreuen und Verpflegung für den langen Marsch zu sich nehmen konnte. Gegen 12:30 Uhr ging es dann los und nach einer halben Stunde traf man auf die Parade. Man wartete einen bestimmten der etwa 70 prachtvoll geschmückten Wagen ab und marschierte hinterdrein. Der Umzug dauerte drei Stunden und unterwegs gesellte sich noch ein unbekannter Pädo hinzu, der die Gruppe an den Boylover-Logos auf den T-Shirts erkannte. Der Versuch ein Gruppenfoto, mit einem Polizeiwagen im Hintergrund zu knipsen, lief leider schief, wurde aber an einem anderen Ort dennoch gemacht, um dieses gemütliche und freudige Zusammensein festzuhalten. Im Anschluß an die bunte Homoparty trafen sich alle in einer Pizzaria wieder zusammen, um die ersten Eindrücke zu verarbeiten und mit den neuen Gesichtern ins Gespräch zu kommen. Die mangels Organisation nicht stattgefundene Grillparty nach der Parade wurde spontan durch ein lockeres und gemütliches Beisammensein im Park ersetzt. Zum Ausklang des stressigen, aber tollen und erlebnisreichen Tages, vielen dann alle Teilnehmer in einen wohl geschafften und träumerischen Schlaf mit vielen tollen Jungs. Am Sonntag morgen wurden fünf Tische im Stammlokal der Berliner Boylover zusammengestellt und man „brunchte“ wie schon so oft unter den einheimischen Pädos üblich ist.. Angefangene Diskussionen der Vortage wurden weitergeführt und man überlegte wie bereits das Jahr zuvor, wie man denn den CSD 2002 besser und frühzeitiger organisieren könnte. Von einigen kamen sogar Vorschläge, einen eigenen Wagen für die Parade anzumelden. Man wird sehen, ob diese Aktivitäten im nächsten Jahr in die Realität umgesetzt werden können.

Meldung auf Krumme13.org

Der Auftritt war dabei im Grunde zurückhaltend. Das Motto lautete „Für die Akzeptanz aller sexuellen Minderheiten“. Wer nicht eingeweiht war und wusste, dass da Pädos und Päderasten marschieren, wurde auch nicht mit der Nase darauf gestoßen. Hier ein Foto vom CSD 2002, damit man eine Idee bekommt, wie man sich das vorstellen muss:

Bild übernommen von krumme13.org

2003 kamen (lt. Kurzbericht auf krumme13.org) etwa 30 Boylover auf dem CSD in Berlin und mischten sich unter die vielen Schwulen und Lesben. Das Transparent blieb außen vor, als Alternative wurden stattdessen ca. 200 Flugblätter an die Besucher verteilt.

In einem Kommentar auf der Seite Krumme13.org wurde noch 2003 eine (möglicherweise auch schon etwas ältere) Stellungnahme des CSD Berlin zur Teilnahme von Pädophilen zitiert:

Da es sich beim CSD-Aufzug um eine Demonstration handelt, kann grundsätzlich jede Person, die die Ziele des Demonstrationsaufrufers – hier der Berliner CSD e.V. – unterstützt, teilnehmen, sofern hierbei nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen wird. Dies gilt so natürlich auch für Personen, die hinsichtlich des Themas Pädophilie eine andere Auffassung vertreten als wir. Die Tatsache, dass unter Umständen solche Personen an unserer CSD-Demo teilnehmen bedeutet jedoch nicht, dass wir uns deshalb mit deren politischen Zielen gemein machen.

Wir stellen nochmals klar, daß die Ziele der Pädopilien mit den Zielen der lesbischen und schwulen Emanzipation, und damit des CSD, unvereinbar sind. Eine Teilnahme von solchen Gruppen ist uns nicht bekannt.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Schmidt

Geschäftsführer

Berliner CSD e.V.

2004 wurde das Transaparent „Für die Akzeptanz aller sexuellen Minderheiten“ dann wieder mitgeführt. Aber mit der Duldung war es vorbei. Peternetti auf dem jungsforum:

Die Leitung des CSD rief die Polizei um die „Fahne“ verschwinden zu lassen. Alle Fahnenträger wurden extra von der Polizei abgeführt, bzw. es untersagt weiterhin an der Demo, mit dem Transparent teil zu nehmen. (Die CSD-Ordner hätten es auch machen können)

Seitdem demonstrieren keine BLs mehr beim Berlin CSD!

So ist es bis heute geblieben.

Pädo-Gegner reagieren darauf mit Häme und Verhöhnung. Im tagesspiegel etwa erschien 2010 ein Meinungsartikel des antipädophilen Journalisten Manfred Karremann mit dem Titel „Mundtot“, in dem dieser sich freut:

2004 durften diese Verbände nicht mehr am Christopher Street Day teilnehmen. Einmal mehr haben sich die Schwulen und Lesben deutlich abgegrenzt von jenen, die Kinder sexuell belästigen.

Begleitend zu dem Artikel brachte der tagesspiegel diese hetzerischen Karrikatur von Klaus Stuttmann:

Geteilt via tagesspiegel

Menschen mit einer bestimmten sexuellen Orientierung, für die sie nichts können, werden also mal eben mit Vergewaltigern gleichgesetzt.

Das scheint die LGBT+ Community nicht zu stören. Sie ist ja nicht betroffen.

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Martin Niemöller

Als ich für diesen Beitrag recherchiert habe, bin ich zufällig auf einen Artikel bei queer.de, einem Internet-Portal, das sich sich selbst als „Zentralorgan der Homo-Lobby“ versteht, aus dem Jahr 2011 gestoßen. Aus diesem Artikel:

Solche Geschichten kommen normalerweise nur aus Hollywood: Der siebenjährige Malcolm hat im Radio eine Geschichte über die Benachteiligungen gehört, die Schwule und Lesben in Amerika widerfahren. Der Junge war sauer – und sprach mit seiner Mutter darüber, was er dagegen tun könne. Schließlich entschied er sich, 140 Dollar an zwei Homo-Gruppen zu spenden: zum einen an die Human Rights Campaign, die sich mit Lobbyarbeit in Washington für eine Gleichbehandlung in den Gesetzbüchern einsetzt, zum anderen an das Los Angeles Gay and Lesbian Center. Die Einrichtung bietet unter anderem einen kurzfristigen Unterschlupf für junge Obdachlose an, die wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dem Haus der Eltern geworfen worden waren. Dieses Problem hat Malcolm besonders betroffen gemacht, da es Studien zufolge in den USA immer mehr um sich greift: So kam bereits eine Untersuchung aus dem Jahr 2006 zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte aller jungen Obdachlosen schwul, lesbisch oder transsexuell sind. Grund für ihren Rauswurf aus dem Elternhaus war meist ihr Coming-out.

Auch mich hat die Meldung, dass fast die Hälfte der jungen Obdachlosen in den USA schwul, lesbisch oder transsexuell sind und von ihren Eltern wegen ihrer sexuellen Orientierung aus dem Haus geworfen wurden, getroffen. So getroffen und aufgewühlt, dass ich darüber heulen musste. Wenn ich als Pädo überhaupt etwas verstehe, dann die Angst vor Abweisungen, die Angst vor Enttäuschungen, die Angst vor Verlust.

Neben der Bestürzung ist mir aber auch noch etwas anderes in den Sinn gekommen: von wem wären die verstoßenen schwulen Jungs in der Vergangenheit wohl aufgenommen, angenommen, versorgt und geliebt worden?

Ich denke es gibt sehr gute Gründe, warum Päderasten früher einmal für Schwule selbstverständlich dazugehörten.

Es gab und gibt vermutlich immer noch viele Schwule, die gute Erinnerungen an ältere Männer haben, mit denen sie als schwule Jungen positive sexuelle Erfahrungen gesammelt haben und von denen sie sich angenommen und geliebt fühlten.

Und einige von ihnen bekamen diese Liebe gerade dann, als niemand sonst sie geliebt hat.

„Liebe Sünde“ Beitrag zur Pädophilie

1996 erschien ein Beitrag zu Pädophilie in der Sendung „Liebe Sünde“, die sich fast ausschließlich mit Themen rund um die Sexualität befasste.

Der Beitrag (auf den mich der Jufo-User Wesselin aufmerksam gemacht hat) zeigt, dass das Verständnis davon, was Pädophilie ist, in der öffentlichen Diskussion durchaus schon einmal weiter war als heute.

Der Beitrag ist ausgewogen und ausgewogen besetzt. Es kommen zu Wort:

  • Klaus, ein Pädophiler (bzw. eher Päderast) der vorwiegend auf 12, 13jährige Jungen steht
  • Ulfert Böhme, ein Vertreter der Kinderschutzorganisation „zartbitter“
  • der Soziologe und Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann
  • die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker
  • der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker (im abschließenden Interviewteil des Beitrags)

Es gibt dabei Wortmeldungen, an denen ich mich störe. Es gibt umgekehrt auch Wortmeldungen, an denen sich ein heutiger durchschnittlicher Kinderschützer stören wird. Insgesamt daher eine klare Empfehlung.

Es gibt im Beitrag übrigens auch starke Anklänge zum gestrigen Thema Grooming, so dass ich durchaus überlegt habe, ihn in den Grooming-Artikel zu integrieren. Damit wäre dieser auch zeitgeschichtlich gesehen bemerkenswerte Beitrag meiner Einschätzung nach aber in eine Art Nebenrolle gedrängt worden und zu kurz gekommen. Er verdient die Hauptrolle.

Hier trotzdem noch einige besonders relevante Stellen zum Thema Grooming (gefolgt von einer Schlussfolgerung):

Es kann Monate dauern, manchmal Jahre bis Pädophile zu diesen sexuellen Handlungen kommen und sie verwenden einen riesen Zeitaufwand und sehr viel Mühe und sehr viel Akribie diesen Annäherungsprozess zu gestalten und es ist verblüffend wie übereinstimmend diese Strategien sind.

Ulfert Böhme

Der wirkliche Pädophile hat nichts von seinen Tricks, der hat nichts davon, wenn das Kind mitmacht und nachher nicht mehr bei der Sache ist. Das würde der sofort merken und die würden dann auch die sexuelle Handlung abbrechen. Andererseits – wir alle versuchen andere herumzukriegen. Wir alle wenden gewisse Rezepturen an und wenn man das Tricks nennt, dann wenden auch die pädophilen Männer ihre Rezepte, ihre Tricks an.

Prof. Rüdiger Lautmann

Martin Dannecker verweist auf diesen Aspekt bei seiner Antwort auf die der Frage, ob es ein Einverständnis eines Kindes zu einer sexuellen Handlung überhaupt geben kann:

Ja doch, das Moment des Einverständnisses kann es geben. Nur bei dieser Erzählung, wie bei vielen Erzählungen der Pädosexuellen, wird sozusagen das, was vorher war, diese – was ich Verführung nennen würde, nicht unbedingt Strategie – diese unglaubliche Verführung, dieses stimmen, einstimmen auf meine Wünsche, das wird dabei unterschlagen.

Und natürlich kann ich mir gut vorstellen, das kommt auch real dann so, dass ein Kind dann irgendwann sagt „Ja, mach das jetzt.“ Ob das aber ein „Ja“ zur inneren Begehren, zum eigenen Begehren ist, das bezweifle ich. Das ist es nämlich nicht, es ist ein „Ja“ zu dem gespürten Begehren des anderen, was ja auch viel verspricht, man schenkt ihm etwas, weil er vielleicht auch was geschenkt hat.

Weil sie sind ja nicht [setzt neu an] Pädosexuelle sind ja keine – was in dem Film auch angeklungen ist – keine Gewalttäter, die gewalttätig und ohne Rücksicht, ohne verführerische Strategie ihre Wünsche durchsetzen, sondern sie bringen in Stimmung, sie verführen, sie bereiten das Liebesobjekt – es ist ja ein Liebesobjekt sozusagen – darauf vor und darauf antwortet das Kind. Aber es antwortet nicht auf ein inneres, eigenes Begehren.

Prof. Dr. Martin Dannecker

Im weiteren Verlauf meinte Dannecker über die Differenz zwischen Pädophilie und sexuellem Missbrauch:

Die Differenz wird ja vor allem von Rüdiger Lautmann betont, wenn er von einer Sexualform spricht, oder wenn ich vorhin gesagt habe, es gibt eine Struktur. Dort gibt es dann gleichzeitig das ungeheure Bemühen, nicht gewalttätig zu sein, das ist, was ich gesagt habe, das Kind einzustimmen. Sexueller Missbrauch, der oft nicht integriert ist, da kann man nicht von einem sexuellen Missbraucher als Struktur (sprechen), hier kommt es oft sehr viel überraschender, viel plötzlicher zu den sexuellen Eingriffen, insofern ist es eine Differenz.

Schlussfolgerung

Ich denke, dass hier insgesamt sehr deutlich wird, dass Pädophile (bzw. Päderasten) mit Gewalt, Herrschaft oder Unterdrückung nichts am Hut haben.

Sie fühlen sich angezogen, wünschen sich sozialen Nähe und, soweit es um das heikle Thema Sexualität geht, legen sie allergrößten Wert auf Einvernehmlichkeit mit ihrem Liebessubjekt (den Begriff „Liebesobjekt“ finde ich für einen Menschen deplatziert).

Kriminologische Erkenntnisse zu sexueller Einvernehmlichkeit und ihren Folgen

In meinem Artikel zum Thema „Fehlentwicklungen im Kinderschutz“ habe ich beklagt, dass es keine kriminologischen Untersuchungen dazu gibt, wie viele Fälle tatsächlicher sexueller Gewalt (im Sonne von Nötigung, Körperverletzung oder Vergewaltigung) es gegen Kinder tatsächlich gibt.

Statt die Realität so wahrzunehmen, wie sie ist, und sich mit ihr auseinanderzusetzen, wird das Problem definitorisch (also durch Sprachmanipulation) gelöst:

Bei unter 14‐Jährigen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können – sie sind immer als sexuelle Gewalt zu werten, selbst wenn ein Kind damit einverstanden wäre.

Johannes-Wilhelm Rörig,
Unabhängiger Beauftragter für Fragen
des sexuellen Kindesmissbrauchs

Dies ist aber lediglich eine subjektive Wertung, keine objektive Bestandsaufnahme.

An der Wahrnehmung der Realität objektiv gewaltloser, einvernehmlicher sexueller Handlungen hat in Politik oder in Kinderschutzorganisationen niemand ein ernsthaftes Interesse, denn damit würde man die dort gepflegte Skandalisierungs- und Kriminalisierungsstrategie angreifbar machen.

Tatsächlich stimmt es allerdings nicht, dass es keine aussagefähigen kriminologischen Untersuchungen gibt. Die Realität wurde schon einmal wissenschaftlich erfasst und analysiert. Das Ergebnis hat Politik und Kinderschutzorganisationen allerdings nicht gefallen. Also wurde es ignoriert.

Autor der Studie „Sexualität, Gewalt und psychische Folgen“, erschienen in der Forschungsreihe des BKA, Band 15, aus dem Jahr 1983 ist Michael Baurmann, seinerzeit Psychologe im Wiesbadener Bundeskriminalamt. Baurmann ist ein renommierter Opferforscher, Mitbegründer der Operativen Fallanalyse im BKA, war Leiter des Fachbereichs Kriminologie und zuletzt Wissenschaftlicher Direktor. Kein Leichtgewicht also.

Die Studie selbst ist sehr umfangreich und umfasst 791 Seiten. Das Literaturverzeichnis umfasst 52 Seiten mit ca. 500 Autoren und Quellenangaben.

Die eigentliche Studie besteht aus einer viktimologischen Untersuchung von 8.058 Opfern von Sexualdelikten:

Ausgangspunkt der viktimologischen Untersuchung war eine vierjährige Fragebogenaktion (1969-1972) bei nahezu allen Sexualopfern, die im Bundesland Niedersachsen bei der Polizei bekannt wurden. Opfer waren bei dieser Untersuchung also Personen, die selbst deklariert hatten, Opfer geworden zu sein, oder Personen, die von anderen als Opfer deklariert worden waren. (Beide werden als „deklarierte Opfer“ bezeichnet.) Die weiblichen Sexualopfer waren bis zu 20 Jahre, die männlichen bis zu 14 Jahre alt. Damit wurde der zahlenmäßig bedeutsamste Teil der deklarierten Sexualopfer befragt. Die Aussagen dieser 8058 deklarierten Sexualopfer aus der Totalerhebung wurden viktimologisch ausgewertet und sind von überregionaler Bedeutung. Schlüsse aus der Untersuchung sind nicht auf Niedersachsen zu beschränken.

In einem zweiten Schritt wurden in einer „Panel Study“ 112 zufällig ausgewählte Sexualopfer aus dem Total gebeten, an einer Nachuntersuchung teilzunehmen. Diese Nachuntersuchung fand im Einzelfall sechs bis zehn Jahre nach der Opfer-Deklaration (Anzeige) statt, und zwar in den Jahren 1979 und 1980. Die Nachuntersuchung bestand aus einem weitgehend standardisierten Tiefeninterview, in das bewährte psychodiagnostische Testverfahren und viktimologische (Begriffserläuterung „Viktimologie“) Fragestellungen integriert waren. Diese Gespräche wurden im Haus des deklarierten Sexualopfers geführt. Die Interviewer waren weibliche und männliche Psychologen.

Schließlich wurden in einem dritten Schritt die Gerichtsakten von 131 Sexualdelikten aus einer anderen Region untersucht. Bei diesen Fällen war es also nicht nur zur Anzeige bei der Polizei, sondern auch zu einer Verurteilung vor Gericht gekommen. Bei dieser viktimologisch orientierten Aktenanalyse wurden nur Fälle herangezogen, bei denen ein ausführliches psychologisches Glaubwürdigkeitsgutachten vorlag. Diese Fälle waren zu einem vergleichbaren Zeitpunkt geschehen wie die Fälle des Totals. Der Zweck dieses dritten Untersuchungsschritts war der Vergleich zwischen den lediglich angezeigten Sexualkontakten und den verurteilten. Fast alle bisher bekannten Untersuchungen hatten sich hingegen ausschließlich mit verurteilten Sexualkontakten beschäftigt.

Auszüge aus der Studie, kann man im Internet hier (Link) finden.

Ich zitiere daraus nachfolgend einige aus meiner Sicht besonders relevante Passagen, von denen die wichtigsten von mir in Fettschrift hervorgehoben sind:

Sexualdelikt ist nicht gleich Sexualdelikt

Personen, die als Opfer von gewaltlosen Sexualstraftaten bekannt werden, erleben, daß die Umwelt dem Tatbestand oftmals mehr Bedeutung beimißt, als sie es selbst tun würden, und sie haben später kaum noch Einfluß auf die Bewertung des indizierten Sexualkontakts. Betrachtet man die Aussagen von Personen, die als Sexualopfer bekannt wurden, näher und zieht die psychodiagnostischen Untersuchungen bezüglich der Opferschäden heran, dann muß man feststellen, daß diese Personen nur zum Teil als Opfer bezeichnet werden können und sich selbst häufig auch nicht als Geschädigte empfinden.

Die empirisch nachweisbaren, verschiedenen Falltypen im Bereich der sogenannten Sexualdelikte unterscheiden sich so erheblich voneinander, daß man sie nicht mehr länger als zu einer homogenen Straftatengruppe gehörig betrachten sollte.

Die drei wesentlichsten zu unterscheidenden Gruppen lassen sich folgendermaßen beschreiben:

  1. Mißbrauch von Personen als sexuelle (Ersatz-)Objekte und zur Machtdemonstration, vorwiegend gegenüber weiblichen Opfern (sexuelle Nötigung und Vergewaltigung, sowie entsprechende Mißbrauchshandlungen mit Kindern);
  2. Nichteinhalten von Sexualnormen, die das Alter und/oder das Geschlecht der Sexualpartner betreffen (gewaltlose sexuelle Kontakte mit Kindern, gewaltlose homosexuelle Kontakte zwischen Männern und Jugendlichen);
  3. Verstoß gegen Normen, die ein bestimmtes Sexualverhalten (z. B. in der Öffentlichkeit) als anstößig definieren (Zeigen des Gliedes und Masturbation in der Öffentlichkeit).

Die unkritische Vermischung dieser drei Gruppen, verbunden mit ängstlichen Einstellungen gegenüber der Sexualität, verhindert die dringend notwendige rationale Diskussion über abweichendes Sexualverhalten. Wenn in den Medien über die Gruppe der Sexualdelikte berichtet oder wenn ein Einzelfall dargestellt wird, dann enthalten solche Veröffentlichungen häufig vorurteilsbehaftete, emotionale Meinungsäußerungen, die sehr wenig mit der Realität zu tun haben. Solche Veröffentlichungen zeigen, daß sowohl die Autoren als auch die Leser beim Thema „abweichendes Sexualverhalten“ oftmals Vorstellungen haben, die von diffusen Ängsten und Vorurteilen bestimmt sind. Immer wieder werden dann erschreckende Einzelfalle herangezogen, um zu belegen, daß die bekannte Angst (z. B. vor dem „fremden Mann“) doch berechtigt ist. Viele andere Fälle, die zeigen könnten, daß die wirklich großen Gefahren hingegen zahlenmäßig geringer sind und außerdem an Stellen lauern, an denen man sich Sicherheit wünscht (z. B. Gewalt in der Familie), werden bewußt und unbewußt übersehen bzw. heruntergespielt. Damit bleiben ängstliche Vorurteile und angstmachende Fehlmeinungen erhalten.

(…)

Straftaten ohne Opfer – primäre und sekundäre Viktimisation

Bei der Betrachtung der Auswirkungen von Sexualstraftaten auf das deklarierte Opfer fällt auf, daß viele angezeigte Sexualkontakte gar keinen Schaden beim jeweiligen deklarierten Opfer anrichten. Daraus folgt, daß die unkritisch gebrauchten Begriffe .Opfer“ und „Geschädigte“ für einen großen Teil der Menschen, die als Sexualopfer registriert werden, unangemessen ist. Die Worte „Opfer“ und „Geschädigte“ suggerieren wie selbstverständlich, daß die Personen geschädigt sind. Dies traf aber für viele der hier befragten Personen, die als Opfer bekannt wurden, gar nicht zu. Einige von ihnen waren erst sekundär Opfer geworden, weil sie die negativen Auswirkungen von Vorurteilen und die Anwendung des Instruments des Offizialdelikts zu spüren bekamen. So ist es auch nicht verwunderlich, das sich nur ein geringer Teil der zahlenmäßig großen Gruppe der kindlichen Sexualopfer selbst für eine Anzeige entschied. Dementsprechend wurden auch die meisten Anzeigen von den Eltern aufgegeben. So geschieht es, daß Kinder, die sich nicht geschädigt fühlen, trotzdem als „Geschädigte“ behandelt werden. Manchmal werden sie dann im Laufe des weiteren Verfahrens von vorurteilsbehafteten Erwachsenen (die sie eigentlich schützen wollen) tatsächlich geschädigt (z. B. sekundäre Viktimisation durch Dramatisierung, Anzweifeln der Glaubwürdigkeit, Zuweisung einer Mitschuld usw.). Wegen dieser Probleme wurden hier hilfsweise die Begriffe „deklariertes Opfer“ (Person, die irgendwie als Opfer bekannt wird), „selbstdeklariertes Opfer“ (Person, die sich selbst als Opfer bezeichnet bzw. deklariert), „fremddeklariertes Opfer“ (Person, die von anderen, z. B. von den Eltern, den Instanzen der sozialen Kontrolle als Opfer bezeichnet wird) und „perzipiertes Opfer“ (Person, die sich selbst als Opfer empfindet) verwendet.

Wenn man die angezeigten Sexualkontakte speziell unter dem Schadensaspekt betrachtet, dann muß man konstatieren, daß bei etwa 34% der untersuchten deklarierten Opfer größere Schäden beobachtet werden konnten. Bei weiteren 18% waren leichtere Schäden festgestellt worden.

Etwa 48% der Personen, die als „Geschädigte“ registriert worden waren, berichteten von keinen oder nur minimalen Schäden. Sie perzipierten sich selbst auch nicht als „Geschädigte“ oder als Opfer einer primären Viktimisation. Unter den angezeigten Sexualkontakten befindet sich – gemessen an den primären schädlichen Auswirkungen auf das deklarierte Opfer – tatsächlich ein sehr großer Teil von Straftaten ohne Opfer, wenn man die subjektive Einschätzung der direkt betroffenen Personen ernst nimmt. Einige der mittlerweile meist erwachsenen deklarierten Opfer berichteten, daß sie sich zwar durch die inkriminierte Handlung selbst nicht geschädigt fühlten, wohl aber von den anschließenden dramatisierenden Reaktionsweisen der Umwelt (sekundäre Viktimisation).

Um einen besseren Schutz der potentiellen Opfer vor primärer und sekundärer Viktimisation gewährleisten zu können, ist es notwendig, daß Ergebnisse der empirischen Forschung aus den Bereichen Viktimologie, Kriminologie, Sexualforschung, Psychologie und Pädagogik verstärkt veröffentlicht und ernst genommen werden, damit sie umgesetzt werden können in opferfreundliche Reaktionsweisen im Bereich der informellen und formellen Sozialkontrolle. Wissenschaftler der genannten Disziplinen sollten verstärkt Gelegenheit erhalten, die angesprochenen Problembereiche zu erforschen bzw. sich zu diesen Problembereichen zu äußern, wenn überprüfbare Forschungsergebnisse vorliegen.

Das Instrument des abstrakten Gefährdungstatbestandes, angewandt auf gewaltlose, einvernehmliche, gleichwohl strafbare Sexualkontakte trägt nur in einem geringen Teil dieser Fälle zum individuellen Schutz der betroffenen Opfer bei.

Viele der Personen, die in dieser Weise als Opfer deklariert werden, werden erst durch die Existenz bestimmter Gesetze zu Geschädigten.

So fühlte sich ein Fünftel aller traumatisierten Opfer dieser Untersuchung, also unter Einschluß der Gewaltopfer, vordringlich durch das Verhalten der Eltern, der sonstigen Angehörigen, der Lehrer und der Personen aus den Institutionen der Strafverfolgung geschädigt. Demgegenüber konnte beobachtet werden, daß in einer Fallgruppe primäre Schäden nur ausnahmsweise auftraten (Exhibitionismus) und in einer weiteren (gewaltlose, einvernehmliche Sexualkontakte zwischen Kindern und Älteren) selten vorkamen.

Wenn in einer Straftatengruppe die Wahrscheinlichkeit der individuellen Schädigung des deklarierten Opfers sehr gering ist und gleichzeitig deutlich wird, daß die Existenz des Gesetzes sowohl im Strafverfolgungs- als auch im informellen Bereich sekundäre Schädigungen anzurichten vermag, dann sollte eine Art Aufrechnung der sozialen „Kosten“ und „Nutzen“ angestellt werden. Wenn tatsächlich ein Gesetz durch seine bloße Existenz sehr viel Schaden anrichtet und nur sehr selten schützt, dann sollten seine Vor- und Nachteile gewissenhaft und verantwortungsbewußt abgewogen werden und die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.

Bei der Abwägung sollte man sich auch und vor allem wissenschaftlicher Erkenntnismethoden bedienen und sich weniger auf Spekulationen und Ideologien verlassen.

Ganz allgemein ist zu fordern, daß die Bewertung der deliktischen Situation durch das deklarierte Opfer selbst stärkere Beachtung findet.

Vielfach wird übersehen, daß das Opfer seine Schädigung oder Nichtschädigung in der Regel sehr zutreffend beschreiben kann, wenn nur die Befragung frei von störenden Einflüssen gestaltet wird. Aus psychologischer und viktimologischer Sicht ist zu wünschen, daß Wege gefunden werden, um auch mit dem Strafrecht und Strafprozeßrecht angemessener auf die individuelle Viktimisierung eingehen zu können. Kreativen Strafrechtlern sollte es möglich sein, Gesetzesvorschläge zu machen, die die potentiellen Opfer besser schützen, und zwar sowohl vor primären als auch vor sekundären Viktimisationen.

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Mögliche Auswirkungen auf die alltägliche Praxis

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Im „Sittenbereich“ sollten die Bagatelldelikte und die schwere Kriminalität schärfer getrennt werden, damit es in geringerem Ausmaß zu schädlichen Vermischungen bei der Bewertung dieser Deliktsgruppen, bei der alltäglichen Arbeit und bei der Analyse der Sexualdelikte kommt. Zur Optimierung der Arbeit im „Sittenbereich“ sollten verstärkt Schwerpunkte gebildet werden, damit die sexuelle Gewaltkriminalität vorrangig und entschiedener bekämpft werden kann. Die Masse der bisher zu erledigenden Anzeigen nach strafbaren oberflächlichen Sexualkontakten, bei denen kein geschädigtes Opfer bekannt wird, bindet Kräfte, die verstärkt im Bereich der sexuellen Gewaltdelikte eingesetzt werden könnten.

Über die Schäden, die bei Sexualopfern auftreten können, wurde in der vorliegenden Arbeit ausführlich berichtet. Besonders bedeutungsvoll an den Ergebnissen ist, daß die Schäden meist in der Folge von Gewalterlebnissen und manchmal aufgrund von negativen Reaktionen der Umwelt nach dem Delikt auftraten. Da es bei vielen der angezeigten Sexualkontakte überhaupt nicht zur Gewaltanwendung gekommen war, berichtete diese Gruppe der deklarierten Opfer auch selten von Schäden.

Außerhalb des Bereichs der sexuellen Gewalt gibt es eine Reihe von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, bei denen keine offene Gewalt angewandt wird. Als Opfer werden hier vorwiegend Kinder, und zwar Mädchen bekannt. Abgesehen von der in solchen Fällen problematischen Gewalt-Definition (Bedeutet ein größerer Altersunterschied zwischen zwei Sexualpartnern automatisch ein Machtgefälle?), gibt es bei dieser Gruppe von bekanntgewordenen Delikten ein spezielles Problem. Einige dieser Kinder, die sich durch die sexuelle Handlung primär nicht geschädigt fühlen – es machte ihnen beispielsweise nicht viel aus, als sich der Gliedvorzeiger zur Schau stellte – erleben dann häufig erschreckende Reaktionen aus ihrer Umwelt, wenn der Vorfall bekannt wird. Entsetzte Eltern, die „das Schlimmste“ befürchten, erschreckte Lehrer, die einen Sexualmörder ahnen, diensteifrige Polizeibeamte, die nicht genügend zwischen der Schädlichkeit von Exhibitionisten und der von Vergewaltigern unterscheiden, sowie Staatsanwälte und Richter, die u. U. den „moralischen Verfall“ unserer Gesellschaft an einem Fall exemplarisch aufhalten wollen, können starke sekundäre Schäden beim Kind in seiner Opfer- und Zeugenrolle auslösen. In diesen Fällen machen die Erwachsenen dem Kind oftmals sogar unterschwellige oder ausgesprochene Vorwürfe. Das Kind glaubt vielfach, es sei in Wirklichkeit der Angeklagte. Bei Glaubwürdigkeitsuntersuchungen empfindet es, daß es als (potentieller) Lügner behandelt wird. Und in den Ämtern erlebt es häufig eine kindungemäße Atmosphäre und auch keine angemessenen Gespräche über den Vorfall. Manche Kinder werden erst nachträglich zum Opfer gemacht. Hier sollten Vorkehrungen zum besseren Schutz der Kinder getroffen werden. Schließlich bekommen sie oft diffuse Ängste und Abscheu vor dem Sexuellen vermittelt. Dies kann ihre sexuelle Entwicklung nachhaltig stören. Sowohl in den Fällen von primären Schädigungen durch die Gewalteinwirkung, als auch in den Fällen von sekundären Schädigungen durch das negative Verhalten der Umwelt nach dem strafbaren Sexualkontakt, empfinden sich die Opfer den Situationen hilflos und ohnmächtig ausgeliefert.

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Zusammenfassung der Ergebnisse

Die Sexualopfer sind zu 80-90% Mädchen und Frauen. Die hauptsächlich betroffenen Altersgruppen sind je nach Deliktsart unterschiedlich. Beim sexuellen Mißbrauch von Kindern sind annähernd zwei Drittel zwischen 7 und 13 Jahre alt. Im Bereich der Vergewaltigung sind vorwiegend die jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren gefährdet. Das Alter der Frauen, die mit einem Exhibitionisten (Gliedvorzeiger) konfrontiert werden, streut weiter. Dabei sind die jüngeren Altersgruppen etwas stärker vertreten.

Als Beschuldigte und Täter treten fast ausschließlich Männer, und zwar vorwiegend im Alter von 25 bis 35 Jahren, auf. Die immer noch weit verbreitete Vorstellung von einer Mehrzahl älterer und greiser Sittlichkeitstäter ist unzutreffend. Der Altersunterschied zwischen Opfer und Beschuldigtem beträgt im Durchschnitt 25 Jahre, beim erzwungenen Sexualkontakt allerdings nur noch sieben Jahre.

Die Sexualopfer sind also vorwiegend junge Frauen und Mädchen, die von Männern „in den besten Jahren“ bedroht werden.

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Gleichgeschlechtliche Kontakte spielten statistisch und kriminologisch keine wesentliche Rolle bei der Untersuchung. Zum einen machten sie nur 10-15% der Fälle aus und zum anderen waren die beschriebenen sexuellen Handlungen „harmloser“, fast ausschließlich ohne Gewaltanwendung durch den Beschuldigten, und es fühlte sich deshalb auch keines der männlichen Opfer geschädigt. In diesen Fällen konnte auch kein Schaden mit Hilfe der Testverfahren gemessen werden.

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Ganz anders [als bei Exhibitionismus] ist die Lage im Bereich des § 176 StGB (Sexueller Mißbrauch von Kindern). Teilweise werden die Sexualkontakte von den Kindern als nicht so wesentlich betrachtet, manchmal sogar verschwiegen, so daß das Delikt oftmals eher zufällig bekannt wird. Selbst bei schwerwiegenden Delikten in diesem Bereich schrecken die Eltern öfters vor einer Anzeige zurück, weil der Beschuldigte oftmals ein Bekannter ist. In beiden Fällen kann es – aus unterschiedlichen Gründen – leicht zu sekundären Schädigungen beim Opfer kommen, d. h. daß das Kind zusätzlich oder erst durch das Verhalten der Umwelt geschädigt wird, wobei die sekundären Schädigungen nicht selten gravierender sind als die primären.

Insgesamt erklärten 51,8% der Sexualopfer, daß sie sich in irgendeiner Weise in Zusammenhang mit dem angezeigten Sexualkontakt, also primär oder sekundär, geschädigt fühlen oder fühlten. Die empfundene Schädigung bei den geschädigten Sexualopfern dauerte im Durchschnitt 4 Jahre und 8 Monate an. Neben diesen 51,8% geschädigten Sexualopfern – davon zwei Drittel mit erheblicheren psychischen Folgen – gibt es eine große Gruppe von 48,2% der Opfer, von denen keine Schädigung bekannt wurde.

Von vielen Fachleuten wurde bisher angenommen, es gäbe kaum Sexualopfer ohne Schäden. Hier muß sicherlich einiges neu überdacht werden.

Sekundäre Schäden können nach exhibitionistischen und anderen gewaltlosen Sexualkontakten besonders leicht auftreten, wenn das Kind aus einer Familie kommt mit besonders engen sexuellen Einstellungen, aus einer Familie, in der viel Angst gemacht wurde vor dem „Sittenstrolch“, oder aus einer Familie, wo aus allgemeiner Hilflosigkeit und Angst dramatisierend mit der Viktimisierung umgegangen wird. Als weitere Quelle sekundärer Schädigungen können sich die Strafverfolgungsbehörden und auch die Polizei leider nicht ausnehmen. Es ist unter dem Gesichtspunkt des Schutzes des Verbrechensopfers und der Aufklärungsquote bei schweren Sexualdelikten unerträglich, wenn einige Opfer Schaden durch die Strafverfolgung erleiden.

Bezogen auf die angezeigten Sexualkontakte stellte sich heraus, daß von den Sexualopfern als hauptsächliche Ursache für ihre Schäden zur Hälfte die sexuelle Handlung selbst, zu einem Drittel das Verhalten des Beschuldigten und zu je etwa einem Zehntel das Verhalten von Verwandten/Bekannten sowie der Polizei gesehen wurde. Damit ist die Polizei zwar seltener als Hauptursache für psychische Schäden bei Sexualopfern verantwortlich als von mancher Seite her angenommen wurde, aber selbst wenige Fälle sollten hier schon nachdenklich stimmen und zu Verbesserungen bei der polizeilichen Arbeit führen. Bei den verurteilten Fällen konnten die Sexualopfer nicht mehr diagnostisch nachuntersucht werden. Es wird in der Literatur jedoch meist angenommen, daß die Gerichtsverhandlungen aus mehreren Gründen traumatisierende Folgen auf das Sexualopfer haben.

Neben der hauptsächlichen Ursache für den primären oder sekundären Schaden beim deklarierten Sexualopfer, wurden bei der vorliegenden Längsschnittuntersuchung weiterhin die Auswirkungen der Gespräche, die das Opfer mit Personen aus seiner Umwelt führte, erforscht. Die Gespräche mit Freundin, Freund, Geschwister, Lehrer, Psychologen, dem eigenen Rechtsanwalt, dem Sachverständigen und den Interviewern aus dieser Untersuchung wurden eher angenehmer bzw. hilfreich empfunden. Die Gespräche mit Mitschülern und Eltern hingegen wurden im Schnitt als neutral eingestuft. Bei näherer Analyse zeigte sich, daß sich ein Teil der Eltern schädigend, ein anderer Teil dagegen helfend verhalten hatte. Den Eltern kommt in solchen Situationen eine wichtige Rolle zu, weil sie als primäre Bezugspersonen emotional, zeitlich und von den Moralvorstellungen her dem Sexualopfer besonders nahe stehen und somit ganz wesentlich dazu beitragen, ob das Kind, die junge Frau den Vorfall mit oder ohne Langzeitschäden verarbeitet. Die Gespräche mit Ärzten und Beamten von Jugendamt, Polizei und Gericht, sowie mit dem Anwalt des Beschuldigten wurden eher negativ, und zwar meist leicht bis sehr schädigend empfunden. Dabei muß berücksichtigt werden, daß es bei einem Großteil der angezeigten Sexualkontakte gar nicht erst zu einer Gerichtsverhandlung gekommen war. Die Situation des Opfers vor dem Gericht und die Auswirkungen der Verhandlung auf das Opfer bedürfen einer zusätzlichen Analyse.

Die Gespräche mit der Polizei (z. B. bei der Anzeigenaufnahme) erlebten die Sexualopfer durchschnittlich eher negativ, und zwar zwischen „hat keine Wirkung auf mich gehabt“ und „war mir unangenehm, hat mir aber nicht geschadet“. Damit schneidet die Polizei zwar besser ab, als zunächst befürchtet, aber für das Opfer ist diese Situation dennoch verbesserungsbedürftig. Dieses Problem wird auch in fachkundigen Polizeikreisen zunehmend bewußt, nicht zuletzt durch die Öffentlichkeitsarbeit von Gruppierungen, die sich speziell für Opfer einsetzen und deutlich auf vorhandene Mißstände hinweisen (Notrufe für vergewaltigte Frauen, die Frauenhäuser bzw. Häuser für geschlagene Frauen, Kindersorgentelefon, der Weiße Ring u. ä.).

Bei einer statistischen Clusteranalyse, die alle wesentlichen Variablen dieser Untersuchung einbezog, stellte sich heraus, daß die angezeigten Sexualkontakte in drei Gruppen zu unterteilen sind:

1. Gruppe mit 57,1%

Diese zahlenmäßig größte Gruppe enthält die exhibitionistischen und vergleichsweise harmlosen erotischen sexuellen Kontakte mit eher jüngeren Opfern. Darunter sind alle männlichen Opfer. Hier traten ganz selten Schäden auf.

2. Gruppe mit 11,6%

Sie enthält intensivere Sexualkontakte mit mehr bekannten und verwandten Beschuldigten, bei eher sozial gestörten Elternhäusern der Opfer. Ein Teil der (nur weiblichen) Opfer dieses Clusters fühlte sich gar nicht geschädigt, ein anderer Teil lag im Durchschnittsbereich der gesamten Untersuchung.

3. Gruppe mit 31,3%

In ihr sind sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und Sexualkontakte mit starker emotionaler Abwehr durch das Opfer enthalten. Die (ausschließlich weiblichen) Opfer waren älter, die Beschuldigten jünger als der Durchschnitt, die Anzeige erfolgte rasch. In diesem Cluster berichteten die Opfer die größten Schäden.

Folgerungen

Den ausschließlich weiblichen Opfern und Zeuginnen aus der Gruppe 3 und eventuell einem Teil aus Gruppe 2 muß in Zukunft mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Politische, präventive und sozialpädagogische Maßnahmen scheinen hier dringend notwendig zu sein.

Bezogen auf die Vorurteile, die gegenüber dem Sexualverbrecher, seiner Tat und dem Sexualopfer bestehen, muß konstatiert werden, daß es das Sexualverbrechen nicht gibt. Vielmehr lassen sich drei Konstellationen deutlich voneinander unterscheiden. Bisher sind Verletzungen der Sexualnormen und sexuelle Gewaltdelikte bei uns aber immer noch in unzulässiger Weise vermischt. Gleichzeitig ist aus anderen Untersuchungen bekannt, daß in der Bevölkerung sehr ambivalente Einstellungen gegenüber der Anwendung sexueller Gewalt bestehen: Neben der formellen Ächtung sexueller Gewalt existiert unterschwellig und oft gleichzeitig eine stillschweigende Tolerierung. Sexuelle Gewalt ist, wie andere Gewalt auch, weit verbreitet. Sie ist, kriminologisch gesehen, mehr dem Bereich der Gewaltdelikte zuzurechnen als dem Bereich der Sexualdelikte.

Für die präventive Arbeit tauchen hier Probleme auf. In einer Gesellschaft, in der Gewaltanwendung häufig als legitimes Mittel zur Durchsetzung von Bedürfnissen angesehen wird, wo gewaltfördernde Denkstrukturen zu beobachten sind, dürfte es schwierig sein, sexuelle Gewaltanwendungen erfolgreich zu ächten. Dieser eher soziologische oder kriminalpolitische Problembereich kann wahrscheinlich nur als Ganzes angegangen werden.

Kurz- und mittelfristig ergibt sich aus den Ergebnissen dieser Längsschnittuntersuchung die dringende Notwendigkeit, gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Opfer von „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ zu ergreifen.

1. Differenzierung

Es sollte darauf hingewirkt werden, daß im allgemeinen Bewußtsein die drei hauptsächlichen Erscheinungsformen klar voneinander getrennt werden:

  • exhibitionistische Handlungen,
  • relativ oberflächliche, gewaltfreie erotische und sexuelle Handlungen,
  • sexuelle Gewalthandlungen und Bedrohungen.

2. Entdramatisierung und Verdeutlichung

In diesem Zusammenhang sollte angestrebt werden, daß durch eine sachliche Aufklärung über die tatsächlichen Erscheinungsformen der Sexualkriminalität und ihre Folgen in einem Bereich (a und b) eine Entdramatisierung stattfindet, während der tatsächliche Gewaltcharakter der anderen Deliktsarten (c) deutlicher ins Bewußtsein gehoben wird. Die Unterscheidung zwischen unangenehmen sexuellen Belästigungen und bedrohenden Gewaltattacken ist zum Schütze potentieller Opfer notwendig. Auch der Vorstellung von der sexualkriminellen Karriere („Aus einem Exhibitionisten wird ein Vergewaltiger.“) muß deutlich widersprochen werden. Wenn sie sich strafbar machen, dann wiederholen Exhibitionisten, Pädophile und Homosexuelle in der Regel die strafbaren Handlungen in ihrem jeweiligen Bereich. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, daß der Vergewaltiger mehr gemein hat mit anderen Gewalttätern und daß die Vergewaltigungssituation eher anderen Gewaltsituationen ähnelt. Demgegenüber üben die Exhibitionisten nur ganz selten Gewalt aus. Diese Aussage hat ganz wesentliche Folgen für die Prävention, Repression, Opferschutz und Opferhilfe, weil auf gewalttätige und gewaltlose Delikte unterschiedlich reagiert werden muß. Die polizeiliche Arbeit kann effektiver und opferfreundlicher gestaltet werden, wenn diese Ergebnisse Eingang finden in die alltägliche Praxis.

3. Informieren der Zielgruppen

Die sachliche Beschreibung der Erscheinungsformen strafbarer Sexualkontakte, ihre Ursachen und Folgen sollte Eingang finden in:

  • eine Verbesserung der Aus- und Fortbildung von Beamten, die beruflich mit Opfern in Kontakt kommen,
  • eine qualifizierte kriminalpolizeiliche Beratungstätigkeit, die zutreffende kriminologische Beschreibungen der Sexualkriminalität an Personen mit pädagogisch fundierter Multiplikatorenwirkung weitergibt,
  • eine sachliche Diskussion über strafrechtliche Bestimmungen,
  • allgemeine Öffentlichkeitsarbeit,
  • eine wissenschaftlich fundierte Sexualpädagogik,
  • eine anzustrebende Information, Aus- und Weiterbildung von Eltern und Erziehern.

4. Koordination

Es sollte angestrebt werden, daß die verschiedenen Institutionen, die mit dem Sexualopfer befaßt sind, besser zusammenarbeiten. Beispielsweise ist dem Opfer selten und Sachbearbeitern nur manchmal bekannt, daß es in vielen Städten bereits qualifizierte Beratungsstellen gibt, die das Opfer in der Krisensituation unterstützen können, wie z. B. Psychologische Beratungsstellen, Sexualberatungsstellen, „pro familia“, Notruf für vergewaltigte Frauen, Frauenhaus, Sorgentelefon für Kinder und Jugendliche, Telefonseelsorge, „Weißer Ring“ und viele andere. Der Sachbearbeiter, der das Opfer z. B. als erster in seiner Opferrolle erlebt, weiß in der Regel nicht, welche der Institutionen im jeweiligen Einzelfall am besten helfen könnte. Hier mangelt es an einem kooperierenden Informationsaustausch.

Bei allen opferunterstützenden Maßnahmen muß streng darauf geachtet werden, dass das Opfer nicht als kranke Person behandelt wird. Eine Psychiatrisierung des Opfers würde beispielsweise eine neuerliche (strukturelle) Viktimisation bedeuten. Ziel opferunterstützender Maßnahmen sollte die Reintegration des Opfers sein, weil es analog dem zu resozialisierenden Täter oftmals Unterstützung benötigt. Ziel einer solchen Reintegration sollte die Stärkung bzw. Wiedergewinnung des Selbstbewußtseins des Opfers sein und möglicherweise die Wiederherstellung des sozialen Friedens zwischen Opfer und Täter über den Weg der Wiedergutmachung. Opferunterstützende Maßnahmen haben jedoch nur einen Sinn, wenn sie gekoppelt sind mit Öffentlichkeitsarbeit, die sich gegen die strukturelle Viktimisation wendet und damit individuelle Viktimisierungen zukünftig verhindern will (präventiver Aspekt).

Für die Öffentlichkeitsarbeit, die Unterstützung des Opfers und die Fortbildung der Beamten sind einige Maßnahmen notwendig, die in der Bundesrepublik Deutschland bisher allerdings noch keinen organisatorischen Rahmen haben:

  • Wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens der sexuellen Gewalt (viktimologische Analyse der sexuellen Gewaltsituation als Kommunikation zwischen Täter und Opfer, psychosoziale Analyse der strukturellen Viktimisation);
  • Öffentlichkeitsarbeit, um das Problem der sexuellen Gewalt zu verdeutlichen;
  • Rückmeldung von opferunterstützenden Einrichtungen an die Mitarbeiter der Behörden;
  • Erarbeitung von entsprechenden Lehrplänen zur Ausbildung von Sachbearbeitern, die Kontakt haben mit stark geschädigten Opfern;
  • viktimologische Fortbildungsangebote für die zuständigen Sachbearbeiter in den Behörden;
  • Beitrag zur opferfreundlichen Kooperation der verschiedenen Institutionen und Beratungseinrichtungen untereinander;
  • Information an das Gewaltopfer in der Krisensituation und Hinweis auf bestehende Einrichtungen;
  • Untersuchungen über die Auswirkungen der Gerichtsverhandlung, des Urteilsspruchs und der damit zusammenhängenden Probleme auf das Opfer;
  • Initiierung einer streng rational gestalteten Diskussion über die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (Sexualstraftaten), auch insbesondere im Hinblick auf die fällige Strafrechtsreform.

Soweit die Ergebnisse der Baurmann-Studie.

Ich habe bei meiner Recherche auch noch den Hinweis auf eine andere kriminologische Studie gefunden, die mir nicht vorliegt, von der aber der Spiegel im Jahr 1979 wie folgt berichtete: „Eine Untersuchung der Düsseldorfer Polizei ergab, daß von mißbrauchten Kindern 22 Prozent bereits bei der Kontaktaufnahme über die Absicht des Täters im klaren und damit einverstanden waren.“

Vom Ignorieren zum Unterdrücken der Wahrheit

Wie bereits geschrieben: die Ergebnisse waren so nicht gewünscht und wurden ignoriert. Inzwischen sind wir aber einen Schritt weiter. Heute werden die Studie und ihre Ergebnisse aktiv unterdrückt.

Die Studie fiel 2013 (wohl im Zuge der medialen Aufarbeitung der Haltung der Grünen zum Thema Pädophilie in den 80er Jahren) dem Nachrichtenmagazon Focus auf, der darüber berichtete und die Existenz der Studie skandalisierte. Angeblich werde mit der Studie „Pädophilen-Jargon“ übernommen und die „Thesen von Kinderschändern verbreitet“.

Die Focus-Berichterstattung führte natürlich zu empörten Reaktionen von Kinderschützern. Ursula Enders, Gründerin des Opfervereins „Zartbitter“, beklagte die „Ignoranz des BKA gegenüber dem Leid der Opfer“ und warf dem BKA die „Bagatellisierung der Sexualdelikte von Pädosexuellen“ vor. Die Soziologin und Feministin Anita Heiliger sagte: „So etwas darf nicht als angeblich wissenschaftlich verbreitet werden.“

Die Feministin und Herausgeberin Alice Schwarzer („Emma“) unterstellte dem Autor gar „eng mit der Szene der Kinderfreunde verbandelt“ zu sein. Konkret wird ihm vorgeworfen Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS) gewesen zu sein, die sich (lt. Schwarzer) für die Legalisierung einvernehmlicher sexueller Handlungen mit Kindern einsetze. Diese Behauptung über die Positionierung der AHS wurde von der AHS in einer Pressemitteilung übrigens prompt bestritten.

Baurmann selbst sieht sich nicht in Nähe zur Pädophilen-Bewegung. Die verschiedenen Gruppen in der AHS seien relativ automon gewesen. Er habe sich in der Arbeitsgruppe „Männer gegen Männergewalt“ engagiert. Baurmann hat den Verein AHS dann wegen eines Missbrauchs-Strafverfahrens gegen einen AHS-Vorstand verlassen. Hierin kommt meiner Einschätzung nach eine persönliche Missbilligung von entsprechenden Taten zum Ausdruck.

Tatsächlich habe ich bei meiner Recherche Hinweise auf eine ganze Reihe von Sachartikeln von Baurmann zum Thema Männergewalt vorgefunden, was seine Erläuterung zu seinem zeitweisen Engagement bei der AHS sehr glaubhaft macht z.B. „Thesen zum Workshop » Männer wenden sich gegen (ihre) Gewalt «“ von 1991 oder „Die offene, heimliche und verheimlichte Gewalt von Männern gegen Frauen sowie ein Aufruf an Männer, sich gegen Männergewalt zu wenden“, ebenfalls von 1991, oder „Lernen Männer langsam? (in: Gewalt – Thema für Frauen und Männer)“ von 1992 oder „Positionen, Entwicklungen und Perspektiven bei der Arbeit zum Abbau von Männergewalt“ von 1993.

Für seine Studie hat Baurmann insgesamt etwa 500 Autoren und Quellen zitiert und dabei das abgebildet, was im Wissenschaftskosmos vorhanden war. Dazu zählten dann auch Quellen (wie Helmut Kentler oder Frits Bernard), die heute wegen „Verharmlosung von Pädophilie“ vor allem aus ideologischen Gründen abgelehnt werden. Genauso sind dort aber auch Quellen wie Günter Amend und auch Alice Schwarzer vertreten, die sich seit jeher stark anti-pädophil positioniert haben.

Unter dem Druck der Medien und Kinderschutzorganisationen zog das Bundeskriminalamt die Studie, die man bis dahin als PDF von der Seite des BKA herunterladen konnte, zurück und erklärte:

Das BKA wird die Studie Sexualität, Gewalt und psychische Folgen der Forschungsreihe des BKA, Band 15, aus dem Jahr 1983, einer externen wissenschaftlichen Begutachtung unterziehen. Bis zum Abschluss dieser Prüfung wird die Studie von der Homepage des BKA entfernt.

Auch 6 Jahre später ist es bei diesem Text geblieben.

„Schwerste Straftaten“

BKA-Präsident Ziercke betonte 2013 auf FOCUS-Anfrage, die Behörde habe „zu keiner Zeit die Legalisierung sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern befürwortet“. Jegliches Engagement dafür sei „nicht akzeptabel“. Es gehe um „schwerste Straftaten“.

Die Studie zeigt eindrücklich, dass es tatsächlich schwerste Straftaten bei Fällen von Gewalt gibt. Genauso gibt es aber in erheblichem Umfang auch einvernehmliche Fälle von kriminalisierter, normverletzender aber opferloser Sexualität.

Hierzu braucht man aber im Grunde keine Studie, etwas gesunder Menschenverstand reicht aus.

So hat kürzlich ein Pärchen in München einen 12-jährigen Jungen „missbraucht“ weil es im Außenbereich des Schwimmbeckens Geschlechtsverkehr hatte und dabei zufällig von dem Jungen beobachtet wurde. Nach dem Gesetz sexueller Kindesmißbrauch. Sicherlich ein Fehlverhalten, aber sexuelle Gewalt und „schwerste Straftat“? Ich denke da gibt es Schlimmeres.

Auch 14-jährige und 13-jährige, die altergerecht einvernehmlichen Sex haben, fallen nach aktueller Gesetzgebung unter die „schwersten Straftaten“. Der Ältere wird als Täter sexueller Gewalt kriminalisiert, der Jüngere als Opfer sexueller Gewalt diskriminiert. Diese Rollenverteilung gilt übrigens auch dann, wenn der 13-jährige der aktive Partner und Initiator war und der 14-jährige der passive Partner, der lediglich zuließ, dass sexuelle Handlungen an ihm vorgenommen werden. Er (oder sie) ist dann juristisch gesehen trotzdem Täter und der jüngere, aktive Beteiligte trotzdem Opfer.

Verbote und Ächtung

Im Bereich „Sexueller Missbrauch von Kindern“ ist aktuell politisch nichts gewünscht, was nicht „schwerste Straftat“ ist.

Dies wird deutlich, wenn man sich mit den Änderungen im Sexualstrafrecht beschäftigt.

Der frühere Strafrahmen für minder schwere Fälle (des § 176 Sexueller Missbrauch von Kindern) ist ab 01.04.2004 mit der absurden Begründung gestrichen worden, es sei Tatopfern nicht zumutbar, wenn in der Hauptverhandlung über den Begriff „minder schwerer Fall“ diskutiert werde.

Fischer, Kommentar zum Strafgesetzbuch
66. Auflage von 2019, Seite 1210 Rn. 34

Hierzu passt auch eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2003, mit der bestimmte Taten aus dem Bereich „sexueller Missbrauch von Kindern“ in einen Katalog von Taten aufgenommen wurden, deren öffentliche Billigung in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften mit Geldstrafe oder Freiheittsstrafe bis zu 3 Jahren Strafe bedroht ist (§ 140 StGB).

Durch Art. 1 Nr. 8 des SexDelÄndG v. 27.12.2003 ist der Tatkatalog im Halbsatz 2 auf die Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung nach §§ 176 Abs. 3, 176a, 176b, 177, 178 erweitert worden. Durch das StÄG 2016 (Sexualdelikte) wurde die Verweisung geändert. Dass ausgerechnet die öffentlihe Propagierung solcher Taten besonders gefährlich sein sollte, drängt sich nicht unbedingt auf.

Fischer, Kommentar zum Strafgesetzbuch
66. Auflage von 2019, Seite 1062 Rn. 5

Die absurde Konsequenz: wenn das „Opfer“ eines „Sexuellen Missbrauchs von Kindern“, zu dem es eine rechtskräftige Verurteilung gibt, die Tat später öffentlich billigt, weil er damals in die Handlung eingewillig hat und die für ihn wichtige und wertvolle Beziehung gegen seinen Willen auf traumatische Weise zerstört wurde, dann macht sich das ehemalige Opfer nach aktueller Gesetzeslage strafbar. Da nicht er selbst, sondern der „öffentliche Friede“ durch das Gesetz geschützt werden soll, hilft es ihm auch nicht, dass er selbst Betroffener bzw. „Opfer“ der gebilligten Tat war.

Die Gegenrede (von Opfern, aber auch von unbeteiligten Pädophilen und ihren Unterstützern) zur Skandalisierung und Kriminalisierung auch einvernehmlicher Sexualkontakte soll so nicht nur geächtet, sondern sogar kriminalisiert werden.

In der Praxis wichtiger als die gesetzlichen Verbote ist die gesellschaftliche Ächtung. „Schönreden“ von Pädophilie oder die Behauptung einvernehmlicher, opferloser Sexualkontakte gilt als skandalöse Grenzüberschreitungen, die eine teils echte, teils demonstrative Abscheu auslöst, die heute allenfalls noch (wenn überhaupt) von einer Holocaustleugnung übertroffen werden kann.

Es gibt ein politisches und wissenschaftliches Denkverbot – das sich in der Praxis auch durchgesetzt hat. Zwei Beispiele dazu:

Die AL-Mitgründerin und ehemalige Berliner Fraktionschefin Renate Künast sagte dem Tagesspiegel, sie könne sich das institutionelle Versagen heute nicht erklären: „Ich kann nur mit Grausen daran denken, was wir Menschen angetan haben, indem wir überhaupt Debatten über die Straffreiheit von Sex mit Kindern zugelassen haben. Im Zuge der großen kriminalpolitischen Reformdebatte haben wir nicht erkannt, dass dabei auch Tabus aufgebrochen werden, die man nicht aufbrechen darf. Es gab einen Mangel an Gefühl dafür, wer schutzbedürftig ist.“

Tagesspiegel:
Warum sich Pädophile bei den Grünen engagieren konnten

Die Leibniz Universität Hannover distanziert sich in aller Deutlichkeit von den Forschungspraktiken und der Person Helmut Kentler. „Ich bin geradezu schockiert, dass sich seinerzeit die Exekutive wie die Judikative davon haben vereinnahmen lassen“, so der Präsident der Leibniz Universität, Prof. Dr. Volker Epping, in seiner Rede auf dem Neujahrsempfang der Universität am 12. Januar 2018. „Ich bin auch völlig irritiert, dass die Fachcommunity dieses Agieren Kentlers nicht kommentiert, nicht aufgeschrien hat!“

Presseinformation der Uni Hannover:
Der Fall Helmut Kentler

Eigentlich beginnt Politik, vor allem aber die Wissenschaft mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Die aber wird heute als dermaßen skandalös empfunden und ist so stark tabuisiert, dass lieber weggeschaut wird.

Zukunftsperspektive

Ich sehe überhaupt keinen Ansatz, dass sich das irgenwann wieder ändern könnte. Aber irgendwann, wird es dennoch dazu kommen.

Es ist in der menschlichen Natur verwurzelt, dass man den, den man liebt oder begehrt regelmäßig nicht etwa vorsätzlich schädigt, sondern dass man ihm hilft und vor Schaden bewahrt.

Es ebenso ist in der menschlichen Natur verwurzelt, dass man regelmäßig keinen Schaden davon trägt, wenn man geliebt wird und sich geliebt fühlt, sondern dass es einem nutzt.

Es liegt dagegen nicht in der menschlichen Natur, dass einem der Pimmel abfällt oder die unsterbliche Seele unheilbaren Schaden nimmt, wenn man freiwillig mit einem anderen Menschen Sex hat.

Dass es einvernehmliche Sexualkontakte – auch zwischen Erwachsenen und Kinder – gibt, ohne dass es dadurch einen Geschädigten gibt, ändert sich also nicht.

Die Bereitschaft von Menschen, sich mit der Wirklichkeit zu beschäftigen, kann sich dagegen sehr wohl ändern. Man muss nur lange genug warten. Vielleicht werde ich es sogar noch erleben – in diesem Fall aber vermutlich zu alt sein, um selbst noch davon zu profitieren. Meine Hoffnung, dass sich zu meinen Lebzeiten überhaupt noch einmal etwas (in eine aus meiner Sicht positive Richtung) ändert, hält sich arg in Grenzen.