Kinderrechte – bedingt vorhanden

Kinder werden heute vermehrt ernst genommen. Wo früher über ihren Kopf hinweg entschieden wurde, wächst heute die Bereitschaft sie anzuhören und als eigene Persönlichkeiten mit eigener und relevanter Meinung wahrzunehmen.

Gewalt gegen Kinder ist weitgehend geächtet. Kinderrechte sollen gestärkt werden.

Es gibt allerdings Aussetzer.

Verbot sexueller Handlungen mit Kindern

Das Verbot sexueller Handlungen mit Kindern kümmert sich zum Beispiel nicht darum, was Kinder wollen. Obwohl die zu ihrem Schutz gedachten strafrechtlichen Regelungen im Abschnitt „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ zu finden sind, sehen der Gesetzgeber und Kinder-vor-Missbrauch-Schützer es nicht vor, dass Kinder selbst über ihre Sexualität bestimmen.

Bei unter 14‐Jährigen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können – sie sind immer als sexuelle Gewalt zu werten, selbst wenn ein Kind damit einverstanden wäre.

Johannes-Wilhelm Rörig,
Unabhängiger Beauftragter für Fragen
des sexuellen Kindesmissbrauchs

Die Strafrechtliche Verfolgung wird nicht vom fehlenden Einverständnis abhängig gemacht, sondern alle Handlungen – auch solche denen ein Kind zustimmt, die es initiiert und die es als positiv erlebt – werden pauschal kriminalisiert.

Die dahinterstehende juristische Fiktion ist, dass Kinder sexuellen Handlungen nicht zustimmen können. Mit 13 Jahren und 355 Tagen können sie es nicht. Einen Tag später, mit 14 können sie es auf wundersamer weise dann auf einmal.

Mit der Realität hat das nichts zu tun. Die Realität interessiert aber eben in diesem Fall nicht. Die juristische Fiktion der „fehlenden Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung“ ist bis zum Erreichen des 14. Lebensjahrs unwiderlegbar.

Selbst wenn es nach der Überzeugung eines Richters eine echte Liebesbeziehung zwischen den beteiligten Personen gegeben hat und das Kind den sexuellen Handlungen zugestimmt hat, gelten die gewollten Handlungen als strafbarer Missbrauch. Der Strafrahmen liegt bei Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Von einem solchen Fall habe ich vor einiger Zeit berichtet. Schon die Staatsanwaltschaft ging nicht von einer Vergewaltigung, sondern von einer Liebesbeziehung zwischen den Beteiligten (Onkel und Neffe) aus. Das schätze auch die Richterin Alexandra Sykulla so ein: „Es war eine Liebesbeziehung. Aber eine ungewöhnliche.“

Da der Junge ausgesagt hat, dass es erst zu sexuellen Handlungen kam, als er bereits 14 Jahre alt war, kam es nicht zur Verurteilung wegen sexuellem Kindesmissbrauch, sondern „nur“ zu einer Verurteilung wegen sexuellem Missbrauch eines Schutzbefohlenen.

Vor Gericht gestand Daniel B., sprach aber von einer Liebesbeziehung, die auf Initiative des Jungen entstand. „Sexuellen Kontakt gab es erst, als der Junge 14 Jahre alt war“, ließ der Ex-Politiker durch seine Anwältin Susanne Renner (39) erklären. Jörn S. [der Junge] bestätigte diese Darstellung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Es gab in dem Fall nur Verlierer. Nicht weil eine Liebesbeziehung oder sexuelle Handlungen generell schädlich wären, sondern weil die Gesellschaft und die Gesetzgebung das, was in der Realität geschieht, nicht vorsieht und nicht in der Lage ist, angemessen damit umzugehen.

Die Reaktion der Eltern, die die Strafverfolgung auslösten, trieb das Paar in die Flucht. Es stellte sich erst nach 322 Tagen, weil ihnen das Geld ausgegangen war. Von Seiten der Justiz folgte die Verurteilung des älteren Beziehungspartners und ein Kontaktverbot zwischen einem Liebespaar.

Und weil der Junge nach dieser massiven Verletzung seiner (auch sexuellen) Selbstbestimmung mit seinen Eltern nichts mehr zu tun haben wollte und auf keinen Fall zu ihnen zurück wollte, kam er stattdessen in die Obhut des Jugendamtes.

Die aktuelle Regelung zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, die ihn eigentlich schützen soll, hat insbesondere dem Jungen (und allen anderen Betroffenen) in diesem Fall massiv geschadet hat, weil sie ihn von dem Menschen, den er liebt und mit dem er gerne zusammen sein möchte, fernhält.

Jemand, der auf das Leben realer Menschen wie dem zu Beginn der Beziehung 13jährigen Jörn scheißt (also jemand wie Johannes-Wilhelm Rörig), wertet solche Fälle trotzdem aus Prinzip als sexuelle Gewalt.

Beschneidung

Ein schwerwiegender Aussetzer ist auch die Gesetzgebung zur Beschneidung.

Das Landgericht Köln stellte am 07.05.2012 den Leitsatz auf, dass eine religiös motivierte Beschneidung der Vorhaut eines männlichen Säuglings auch mit Zustimmung der Kindeseltern eine Körperverletzung gem. § 223 Abs. 1 StGB ist.

Diese juristische Einstufung wurde von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt. Trotzdem wurde nicht etwa die Praxis der massenhaften Körperverleitung männlicher Säuglinge beendet, sondern das Gesetz angepasst, um die Körperverletzung von männlichen Säuglingen auf weiterhin zu ermöglichen.

Seit Dezember 2012 erlaubt § 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuches, „eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes“ vornehmen zu lassen.

Man darf die Vorhaut eines nicht einsichtsfähigen männlichen Kindes nicht im Sinne einer sexuellen Handlung anfassen, auch nicht, wenn das Kind das möchte. Aus religiösen Gründen abschneiden darf man sie dagegen schon. Auch wenn das Kind dann natürlich schreit, wie das ja auch zu erwarten ist, wenn einem einer der sensibelsten Teile des männlichen Körpers abgeschnitten wird.

Kein Jahr später wurde die Verstümmelung weiblicher Genitalien mit dem neu geschaffenen Paragraphen 226a des Strafgesetzbuchs unter scharfe Strafandrohung gestellt. Die Tat kann mit bis 10 Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden, die Mindeststrafe liegt bei einem Jahr. In minder schweren Fällen beläuft sich die Strafandrohung auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

Das bei Jungen von Beschneidung, bei Mädchen von Verstümmelung gesprochen wird, wird übrigens damit gerechtfertigt, dass bei Jungen „nur“ die Vorhaut abgetrennt werde und nicht die Eichel, was das der Klitoris entsprechende Organ wäre.

Die männliche Vorhaut ist allerdings ein hochinnerviertes Gewebe, das sensibler als die Eichel selbst ist und über mehr Nervenenden verfügt. Ähnlich dicht wie die Vorhaut sind lediglich die Augenlider, Lippen und Fingerkuppen innerviert.

Ich gehe zwar davon aus, dass ich noch in allen wesentlichen Belangen voll funktionsfähig wäre, wenn man mir die Fingerkuppe eines meiner Ringfinger abschneiden würde. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass das unterbleibt und dass jemand der das bei mir oder sonst jemandem macht, dafür ins Gefängnis kommt.

Bei Menschen, die in einer Beschneidung von Jungen im Gegensatz zur Beschneidung von Mädchen keine Verstümmelung sehen, fällt auch unter den Tisch, dass es nicht nur eine Art der weiblichen Genitalverstümmelung gibt. Es gibt verschiedenen Typen:

  • Typ Ia: Entfernung der Klitorisvorhaut
  • Typ Ib: Entfernung der Klitorisvorhaut und der Klitoriseichel
  • Typ IIa: Entfernung der kleinen Schamlippen
  • Typ IIb: Entfernung der kleinen Schamlippen und ganz oder teilweise Entfernung der Klitoriseichel
  • Typ IIc: Entfernung der kleinen und großen Schamlippen und ganz oder teilweise der Klitoriseichel
  • Typ III (Infibulation): Verengung der Vaginalöffnung mit Bildung eines deckenden Verschlusses, indem die inneren und/oder die äußeren Schamlippen aufgeschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris.
    • Typ IIIa: Abdeckung durch Aufschneiden und Zusammenfügung der kleinen Schamlippen
    • Typ IIIb: Abdeckung durch Aufschneiden und Zusammenfügung der großen Schamlippen
  • Typ IV: Alle Praktiken erfasst, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen. (meist „nicking“ also Einritzen, ohne Entfernung)

Alle Formen sind verboten. Und das halte ich auch für absolut richtig.

Die Entfernung der Klitorisvorhaut (Typ Ia) ist vermutlich ein minder schwerer Fall, der mit Freiheitsstrafe von „lediglich“ sechs Monaten bis zu fünf Jahren bedroht ist.

Der vergleichbare Fall einer Entfernung der männlichen Vorhaut wird dagegen straffrei gestellt. Das kann nicht richtig sein.

Fazit

Ja, es gibt Kinderrechte.

Aber wenn es weh tut, sie zu beachten, weil es die eigenen Moralvorstellungen verletzt oder weil man damit die religiösen Sensibilitäten bedeutender Minderheiten verletzen würde, werden sie gerne mal mit Füßen getreten. Da werden Liebespaare auseinandergerissen, die sexuelle Selbstbestimmung verweigert oder auch mal Körperteile abgeschnitten.

Es ist bequemer so. Und die Betroffenen können sich nicht wehren.

Maarten (With You)

Bei der 3. Staffel von The Voice Kids Niederlande (2013/2014) bewarb sich auch Maarten mit einem Cover von With You von Matt Simons.

Leider hatten die Coaches einen schlechten Tag. Keiner hat für Maarten gebuzzert. Sehr schade und für mich nicht wirklich erklärlich. Maarten hätte es verdient gehabt, weiter zu kommen. Aber das Leben ist nun mal nicht immer gerecht.

Jacob Storey (Got What It Takes?)

Man könnte meinen, dass „Got What it takes?“ („Hast du das Zeug dazu?“) ein Songtitel wäre. Tatsächlich handelt es sich aber um die britische Version einer rumänischen Talentshow, die im Original „M-a facut mama artist“ („Meine Mutter hat mich zum Künstler gemacht“) heißt.

An jeder Staffel nehmen 8 junge Amateur-Sänger und ihre Mütter teil. Die Kinder im Alter von ca. 12 bis 15 Jahren singen. Die Mütter nehmen an Herausforderungen / Spielen teil und stimmen ab, haben also direkten Anteil daran, wer aus dem Nachwuchs eine Episode jeweils gewinnt.

Gegen Ende, im Halbfinale und Finale scheint es dann allerdings eine Publkumsabstimmung zu geben. Gänzlich klar sind mir die Regeln nicht. Das Konzept, das nur weibliche Erziehungsberechtigte mit ihren Kindern vorsieht, scheint mir ein wenig sexistisch. Da können aber natürlich die Kinder nichts für.

Von der Serie – die ich bisher noch nicht kannte – liefen in Großbritannien auf dem Kindersender der BBC (CBBC – Children’s British Broadcasting Corporation), der sich an ein Publikum im Alter von 6 bis 16 Jahren richtet, bereits vier Staffeln.

In der vierten Staffel, im Jahr 2018, trat Jacob Storey (15) zusammen mit seiner Mutter Annabel (47) an. Jacob hatte bereits ein wenig Musikerfahrung. Er hat 2014 in Leicestershire die Rolle des Oliver Twist in einer lokalen Produktion des Musicals Oliver! gespielt.

Hier ein paar der Auftritte von Jacob. Er kam übrigens am Ende ins Finale, konnte die Staffel aber nicht gewinnen.

Ein Weltklassejunge: Alexej Sereda

Alexej Sereda ist 13 Jahre alt, 1.51 Meter groß und wiegt 43 kg. Und er wurde gerade Europameister im Wasserspringen vom 10-Meter-Turm.

Alexey ist der jüngste Europameister im Wasserspringen aller Zeiten und verdrängte damit Tom Daley (dessen Namen die Sportschau in ihrem Artikel peinlicherweise falsch „Tom Delay“ geschrieben hat). Tom Daley wurde im März 2008 mit 13 Jahren und 10 Montaten Europameister. Alexej ist drei Monate jünger.

Zu Tom Daley lohnt übrigens ein Exkurs. Er nahm im 2008 mit 14 Jahren an den olympischen Spielen in Peking teil und wurde dort Siebter im Einzelspringen, sowie Achter im Synchronspringen. Im August 2009 wurde er mit 15 Jahren das erste mal Weltmeister. Er konnte diesen Erfolg 2015 und 2017 wiederholen, wurde viermal Europameister und gewann zwei Bronzemedaillen bei olympische Spielen.

Ende 2013 wurde Daley gefragt, wie er zu seiner wachsenden schwulen Fangemeinde stehe und reagierte mit demonstrativer Gleichgültigkeit. In einem Zeitungsartikel wurde das nicht lediglich als Ausdruck von Toleranz verstanden, sondern als Klarstellung, dass Daley selbst nicht schwul sei.

Kurz darauf, am 2. Dezember 2013 gab der damals 19jährige Daley bekannt, sich in einen Mann verliebt zu haben. Daley wollte seine Sexualität zwar eigentlich nicht thematisieren, hatte aber das Gefühl, das Missverständnis aufklären zu müssen, oder vor sich selbst als jemand dazustehen, der nicht zu sich selbst und seiner Sexualität steht. Er erklärte sich deshalb, obwohl Teamkollegen, Trainer und Freunde ihm klar davon abrieten.

Daley profitierte dabei davon, dass es gerade in seiner Sportart bereits offen schwule Wasserspringer gab: 2008 wurde der Australier Matthew Mitcham in Daleys Hauptkategorie, dem 10-Meter-Turm, zum ersten offen schwul lebenden Olympiasieger überhaupt.

Trotzdem ging Daley durchaus ein Risiko ein. Gerade in einer Randsportart wie Wasserspringen, für die sich nur wenig Sponsoren interessieren, besteht die Gefahr, dass durch den Verlust eines Sponsors die Karriere gefährdet werden kann, weil Training, Reise- und Materialkosten auf einmal nicht mehr finanziert werden können.

In vielen Sportarten sind abweichende Sexualitäten bis heute ein Tabu. Der erste und bisher einzige aktive Fußballspieler einer Spitzenliga, der sich geoutet hat, ist der US-Amerikaner Collin Martin. Martin spielt für Minnesota United in der nordamerikanischen Major League Soccer und outete sich am 29. Juni 2018. Er ist auch der bisher einzige aktive Profispieler in den großen amerikanischen Sportligen (American Football, Basketball, Eishockey, Baseball, Fußball), der sich als schwul geoutet hat.

Tom Daley hat als offen schwuler Spitzensportler sein Glück gefunden:

Ab Februar 2013 hatte er eine ernsthafte Liebesbeziehung mit Dustin Lance Black, einem Filmemacher (Oscarpreisträger für das beste Drehbuch im Jahr 2009 für „Milk“) und LGBT-Aktivisten. Nach seinem Outing im Dezember 2013 blieben ihm seine Sponsoren und Fans treu. Anfang Oktober 2015 verlobten sich Daley und Black. Am 6. Mai 2017 heirateten sie. Am 27. Juni 2018 kam Robert, ihr erstes gemeinsames (mit Hilfe einer Leihmutter gezeugtes) Kind zur Welt. Robert wurde nach Daleys verstorbenem Vater benannt.

Tom Daley ist nach wie ein Weltklassespringer. Bei der Weltmeisterschaft im südkoreanischen Gwangju im Juli 2019 wurde er Siebter vom 10-Meter-Turm, Dritter im Syncronwettbewerb vom 10-Meter-Turm (zusammen mit Matty Lee) und Vierter im Mixed Syncronwettbewerb vom 3 Meter-Brett (zuammen mit Grace Reid).

Mit dem Dritten Patz im Synchronwettbewerb der Männer vom 10-Meter-Turm schnappte Daley Alexej Sereda übrigens den Podestplatz weg. Alexej wurde (zusammen mit Pleh Serbin) Vierter. Einen weiteren vierten Platz belegte er im Einzelspringen vom 10-Meter-Turm (wo Daley Siebter wurde). Im Mixed Team Event wurde er (mit Anna Arnautowa) Neunter.

Wie Daley wird Sereda als 14jähriger bei den olympischen Spielen antreten. Das war sportlich eine klare Sache. Das Mindestalter schafft er aber nur gerade eben. Ein Teilnehmer muss laut den aktuellen Regularien des IOC im Jahr der Olympischen Spiele mindestens 14 Jahre alt sein, um eine Startberechtigung zu erhalten. Stichtag ist der 01. Januar. Sereda wird am 25. Dezember 2019 vierzehn. Sieben Tage vor dem Stichtag. Es dürfte für Alexej also ein Leichtes sein, die anderen Teilnehmer „alt“ aussehen zu lassen.

Sportlich gilt er als Mitfavorit im Turmspringen und Herausforderer der chinesischen Topspringer. Zwei vierte Plätze bei der Weltmeisterschaft, der Sieg bei der Europameisterschaft vom 10-Meter-Turm und die von mir bisher noch nicht erwähnte Vizeeuropameisterschaft im Synchronwettbewerb vom 10-Meter-Turm (zusammen mit Oleh Serbin) machen deutlich, dass Alexey Sereda Weltklasse ist.

Als wäre das noch nicht genug, ist Alexej darüberhinaus auch noch ziemlich hübsch. Wer mag, kann sich davon und von seinem sportlichen Können mit Hilfe des folgenden Beitrags des ukrainischen Fernsehens von seinem Sieg bei den Europameisterschaften überzeugen. 🙂

Geoutet: Thomas Mann, schwuler Päderast

Am 12. August 1955 starb Thomas Mann. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen literarischen Selbstmord bereits um 44 Jahre überlebt.

Gemeint ist seine Novelle Der Tod in Venedig, die 1911 entstand. Sie erschien – wohl auch aus Unsicherheit über ihre Wirkung – zunächst als Vorzugsausgabe in einer Auflage von 100 nummerierten und von Thomas Mann signierten Exemplaren, danach in der Neuen Rundschau und ab 1913 als Einzeldruck.

Die Geschichte handelt vom Gustav von Aschenbach, einem berühmten Schriftsteller. Von Aschenbach ist etwas über 50 Jahre alt, schon länger verwitwet und muss sich seine künstlerische Leistungen täglich neu abringen. Ein stets um Haltung bemühter Asket am Rande der Erschöpfung, dessen Lieblingswort „Durchhalten“ lautet. Dieser Mann nun reist nach Venedig und entdeckt dort in der Hotelhalle am Tisch einer polnischen Familie Tadzio, einen langhaarigen Knaben „von vielleicht vierzehn Jahren“:

Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war. Sein Antlitz, bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit.

Das Klima in Venedig bekommt von Aschenbach allerdings nicht. Als ihn Schweiß- und Fieberanfälle befallen, bedauert er, die Stadt verlassen zu müssen und will nach Triest weiterreisen. Als jedoch sein Koffer vorübergehend verloren geht, nimmt er das zum Anlass zu bleiben – auch dann noch, als er seinen Koffer zurückbekommen hat.

Zunächst deutet Aschenbach seine Sehnsucht nach Tadzio als ästhetisches Kennertum und flüchtet sich in philosophischen Abhandlungen über die Schönheit.

Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewusst, dass Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden, in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios Schönheit seine kleine Abhandlung, – jene anderthalb Seiten erlesener Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte.

Schließlich gesteht er sich ein, dass er den Jungen liebt.

Auch als sich eine Colera-Epidemie ankündigt, kann sich Aschenbach nicht dazu durchringen, Venedig zu verlassen. Er bringt es nicht einmal fertig, Tadzios Angehörige vor der Cholera zu warnen, weil das dazu führen würde, dass er ihm nicht mehr würde nahe sein können.

Am Ende stirbt Aschenbach, infiziert durch überreife Erdbeeren, an der Cholera, während er aus seinem Liegestuhl Tadzio ein letztes Mal am Strand beobachtet. Er meint zu erkennen, dass Tadzio lächelt und ihm zuwinkt, während er mit der anderen Hand aufs offene Meer hinaus deutet. „Und, wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen.“

Die Novelle ist teilweise autobiographisch. Tatsächlich war Mann 1911 in Venedig. Auch den polnischen Jungen gab es. Und er war wohl noch etwas jünger als Vierzehn.

Ein Jahr jünger, wenn man Katia Mann, der Frau von Thomas Mann, folgt, die in „Meine ungeschriebenen Memoiren“ ausführt:

Dann gingen wir in das Hotel-des-Bains, wo wir reserviert hatten. Es liegt am Strand, war gut besucht, und bei Tisch, gleich am ersten Tag, sahen wir diese polnische Familie, die genauso aussah, wie mein Mann sie geschildert hat: mit den etwas steif und streng gekleideten Mädchen und dem sehr reizenden, bildhübschen, etwa dreizehnjährigen Knaben, der mit einem Matrosenanzug, einem offenen Kragen und einer netten Masche gekleidet war, und meinem Mann sehr in die Augen stach. Er hatte sofort eine Faible für diesen Jungen, er gefiel ihm über die Maßen, und er hat ihn auch immer am Strand mit seinen Kameraden beobachtet. Er ist ihm nicht durch ganz Venedig nachgestiegen, das nicht, aber der Junge hat ihn fasziniert, und er dachte öfters an ihn.

Der reale Tadzio war sogar drei Jahre jünger als der 14jährige Buch-Tadzio, wenn man Władysław Moes folgt, der sich in dem Jungen wiedererkannt zu haben meint. Władysław verbrachte als 11jähriger den Mai 1911 mit seiner Familie (wie die Manns) im Hotel de Bains.

Ich bin dieser Junge! Ja, schon damals in Venedig wurde ich Adzio oder manchmal Władzio gerufen … aber in der Geschichte heiße ich Tadzio … so hat es der Meister verstanden … In der Geschichte fand ich alles genau beschrieben, sogar meine Kleidung, mein Verhalten – gut oder schlecht – und die rauen Witze, die ich mit meinem Freund auf dem Strand gespielt habe.

Wikipedia-Artikel „Władysław Moes
(eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Auch die Cholera ist tatsächlich in Venedig ausgebrochen. Da aber trennen sich die Wege von Thomas Mann und seinem Alter Ego Gustav von Aschenbach: die Manns kehrten der kranken Stadt sofort den Rücken, während Aschenbach der obsessiven Liebe zu dem Jungen Tadzio verfällt und sein Schicksal mit dem der untergehenden Stadt verbindet.

In seinem Essay über Adelbert von Chamisso, der 1911 während der Arbeit an Der Tod in Venedig entstanden ist, hat sich Thomas Mann pointiert über die geheime Identität von Autor und Fabelheld geäußert: „Es ist die alte, gute Geschichte: Werther erschoss sich, aber Goethe blieb am Leben.“

Vielleicht hing der Unterschied am Ende daran, dass Mann verheiratet und mit Familie (Frau und Bruder) in Venedig war, Aschenbach dagegen verwitwet und allein in der Stadt.

Wie kam es zu Manns Ehe? Und was bewirkte die Offenbarung seiner homoerotischen Neigungen bei seiner Frau?

Die Ehe verordnete Thomas Mann sich als „ein strenges Glück“ – nicht ohne Skepsis. (…) Mit dem in den ersten Ehejahren entstandenen Roman Königliche Hoheit (1909) erreichte Thomas Mann vorerst nicht wieder die Höhe seiner schriftstellerischen Möglichkeiten. Der Tod in Venedig aber wurde ein Meisterwerk. „Es stimmt einmal Alles, es schießt zusammen, und der Kristall ist rein.“ Thomas Mann hat „Gustav von Aschenbach“ stellvertretend für sich sterben lassen und sich fortan akzeptiert. Die Lebenslüge vom „strengen Eheglück“ ließ er fallen.

Für Katia Mann, die in der Venedig-Novelle die homoerotische Orientierung ihres Mannes erkannt hatte, folgte eine längere Zeit mit Kränklichkeit und verschiedenen Sanatoriumsaufenthalten, dessen bekanntester auf Davos fiel. In Davos fand Thomas Mann die Inspiration zu Der Zauberberg, als er besuchsweise dort einige Wochen verbrachte. Nach Der Tod in Venedig, nach Aufgabe der Willensanstrengung, ein „strenges Eheglück“ zu leben, war es von nun an tiefe Dankbarkeit, die ihn mit seiner Frau Katia verband und die sich als sehr tragfähig erweisen sollte.

Wikipedia-Artikel „Der Tod in Venedig

Im Sommer 1911 bekam Katia Mann Lungenbeschwerden und ging 1912 mit der Diagnose „geschlossene Tuberkulose“ zur Kur nach Davos. Tatsächlich dürften ihre Beschwerden anderen Ursprungs gewesen sein, denn später angefertigte Röntgenbilder zeigten, dass sie nie an Tuberkulose erkrankt gewesen sein konnte. In ihrer Autobiografie Meine ungeschriebenen Memoiren notierte sie: „Es war Sitte, dass jene, die es sich leisten konnten, nach Davos oder Arosa geschickt wurden.“

Wikipedia-Artikel „Katia Mann

Ernsthaft lungenkrank scheint Katia Mann, allen zahlreichen Sanatoriumsaufenthalten zum Trotz, nie gewesen zu sein, derlei Reisen waren auch eine Modeerscheinung. Sie begleitete Thomas Mann bei Vortragsreisen und war ihm Ratgeberin, Sekretärin und Vertraute. Manns Werk ist ohne Katia Mann, die ihrem Mann den Rücken stärkte und freihielt, kaum zu denken. Sie schuf die gediegene Atmosphäre, die Mann benötigte, um die Grenzen und Abgründe bürgerlicher Kultur auszuloten. Sie hielt die Familienbande zusammen, korrespondierte mit den Kindern, die im Zürcher Exil schon fast alle außer Haus waren. Sie verstand es dann auch, in den USA eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Familie heimisch werden konnte. In Princeton fand sie in Molly Shenstone eine enge Freundin. Dass Thomas Mann sich gelegentlich in Knaben verschaute, blieb Katia Mann nicht verborgen, sie sah über derlei Verliebtheiten hinweg, zumal er seinen ehelichen Pflichten nachkam, wie sein Tagebuch verrät.

thomasmann.de über Katia Mann

Mit Katia Pringsheim hat Thomas Mann offensichtlich einen großartigen Fang gemacht – und das nicht lediglich wegen des Vermögens ihrer Familie (In der Zeit der Werbung um Katia Pringsheim schrieb er seinem Bruder: „Ich fürchte mich nicht vor dem Reichthum.“).

Für Katia selbst wird es oft sehr schwierig gewesen sein. Sie half ihrem Mann anscheinend mit einer gewissen Vermännlichung in Frisur und Habitus. Trotz der sechs Kinder, ist Thomas Mann gemeinsame Sexualität nicht leicht gefallen. Es ist bezeichnend, wenn er sich in seinem Tagebuch für sein Versagen im Bett mit der Frage entschuldigt, ob es besser gegangen wäre, wenn ein Knabe vorgelegen hätte. Die beiden hatten getrennte Schlafzimmer und Mann schreibt in seinem Tagebuch auch darüber, wie dankbar er Katia für ihre sexuelle Anspruchslosigkeit sei.

Ich hoffe sehr, dass Katia Mann trotz der Widrigkeiten auch viel Glück erleben durfte. Die Kurzbiographie auf thomasmann.de deutet das zumindest an. („Sie war die starke Frau hinter einem sensiblen Mann. In ihrer Rolle als „Frau Thomas Mann“ ging sie auf, war anscheinend auch glücklich, ja: sie genoss sie bisweilen.“)

Doch zurück zu Thomas Mann und seinem Tod in Venedig:

In gewisser Weise hat Mann sich in und mit seinem Roman in der Gestalt des Aschenbach umgebracht. Er hat sich aber gleichzeitig auch geoutet und akzeptiert.

Das Buch hätte dabei durchaus auch sein literarischer Selbstmord werden können. Das Thema der Knabenliebe – wenn auch aus der Ferne – war auch damals prekär. Dass er das Wagnis dieses Romans eingehen konnte, dürfte auch daran gelegen haben, dass er seit 1905 verheiratet war und bereits vier Kinder (Erika, Klaus, Golo und Monika) mit seiner Frau hatte (später sollten noch Elisabeth und Michael hinzukommen).

Mit diesem (nicht nur, aber auch) „Alibi“, konnte er eine schwule oder päderastische Orientierung glaubhaft leugnen. Aschenbachs Liebe bleibt im Roman außerdem keusch und unerfüllt, was sie aus bürgerlicher Sicht womöglich noch akzeptabel scheinen lässt. Den Ausschlag könnte geben, dass sie darüber hinaus auch noch mit dem Tod gesühnt wird.

Thomas Manns Befürchtungen der öffentlichen Ablehnung bewahrheiteten sich jedenfalls nicht.

Die FAZ bemerkte dazu zum 100jährigen Erscheinen des Buchs:

Mit dieser Pädophilen-Novelle bekäme man heute Schwierigkeiten: Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns „Tod in Venedig“ – und stellte die Toleranz der Literaturkritik auf die Probe.

Ein alternder, in München lebender Schriftsteller bekommt plötzlich Fernweh und macht eine Reise nach Venedig, wo er sich in einen polnischen Jungen verliebt, dann aber an Cholera stirbt: mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides. Der Erfolgsschriftsteller Thomas Mann säße dann, womöglich an vier Abenden hintereinander, in den Talkshows, wo Eltern, Pädagogen und Journalisten über ihn herfielen, Psychologen ihn in Schutz nähmen und Literaturkritiker daran erinnerten, Autor und Figur seien doch nicht ganz dasselbe, es gebe schließlich noch so etwas wie einen Kunstvorbehalt, aber das ginge im moralischen Geschrei natürlich unter. Thomas Mann stünde da als Pädophiler – das ist, neben Antisemitismus, heute das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann. (…)

Als literarische Phantasie muss uns der „Tod in Venedig“ heute aber überaus kühn, ja als eine Ungeheuerlichkeit vorkommen. Und es ist bemerkenswert, dass sie damals nicht in erster Linie als solche verstanden wurde. Zwar hat man das Gewagte daran keineswegs übersehen, und Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ Aber insgesamt schien die literarische Öffentlichkeit über diesen Punkt erstaunlich wenig alarmiert.

Das bedeutet nicht, dass man Päderastie – so lautete der Begriff für das, was wir heute unter Pädophilie verstehen – damals gutgeheißen hätte oder in Fragen der Sexualmoral insgesamt toleranter gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass man damals eher bereit war, auch einen inhaltlich brisanten literarischen Text vor allem nach seiner ästhetischen Qualität zu beurteilen und weniger nach seinem Stoff. (…)

„Kaum je“, schrieb Josef Hofmiller schon 1913, „ist die Maxime L’art pour l’art mit solcher Strenge bis in ihre absurdesten Folgerungen verfolgt worden, bis sie nicht mehr entrinnen konnte, bis der richtende Dichter über dem gerichteten das Halali blies. Hat selbst Ibsen irgendwo mit vernichtenderer Rücksichtslosigkeit über den Dichter, über sich selbst ,Gerichtstag gehalten‘, als es Thomas Mann in diesem Werke tut?“ (…)

Mit äußerster Kunstanstrengung gewagte Vorgänge oder Phantasien sprachlich so auszudifferenzieren und zu verfeinern, dass ein Skandal unterbleibt, indem der Anlass gewissermaßen zu Feinstaub gemahlen wird, garniert obendrein mit Antike-Anspielungen – wie sehr Thomas Mann’s Strategie aufging, zeigt die Rezension des Lyrikers und Literaturkritikers Carl Busse vom selben Jahr: „Ohne Zweifel wird man das Thema peinlich finden, aber man muß bekennen, daß es mit vorbildlicher Zartheit behandelt wird. Im bürgerlich-moralischen Sinne bleibt der Held völlig ,korrekt‘; er nähert sich dem schönen Knaben überhaupt nicht, er spricht nie ein Wort mit ihm – das Ganze ist nur eine erotische Gefühlsausschweifung, und sie quält umso weniger, als man das dumpfe Empfinden hat, es wäre gerade vor diesem Helden eine notwendige Rache der Natur. Jedenfalls: soweit die Kunst an sich ein solches Thema überhaupt von dem peinlichen Erdenrest, der ihm anhaftet, befreien kann, ist das hier geschehen.“ (…)

Busse trifft mit dem Stichwort vom „peinlichen Erdenrest“ dabei ein zentrales Moment in Thomas Manns Poetologie: die Auffassung, dass erotische Gefühlsausschweifungen selbst für einen fingierten Helden nur als Gedankenspielereien und nicht als Schilderungen von Realität in Frage kommen.

Thomas Mann sicherte sich also doppelt ab. So ist es zu erklären, dass dieser Tabubruch, um den es sich zweifellos handelte, Thomas Mann nicht nur nicht schadete, sondern sein schriftstellerisches Ansehen noch steigerte. Plump autobiographisch könnte man sagen, er habe mit dem „Tod in Venedig“ sein Coming-out gehabt. Wem im Werk vorher schon die eine oder andere Stelle aufgefallen war, der wusste nun Bescheid. (…)

Der Aktivist und Publizist Kurt Hiller, der im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ schon ungeduldig gefragt hatte „Wo bleibt der homoerotische Roman?“, lehnte sie [die Erzähling] denn auch ab als ein „Beispiel moralischer Enge“, das Knabenliebe bloß als Verfallssymptom behandle; Stefan George missbilligte sie aus ähnlichen Gründen. Und der englische Schriftsteller D.H. Lawrence befand: „Germany does not feel very young to me.“ (…)

So ergibt sich der verblüffende Befund, dass sich gerade das nicht homosexuelle Milieu diese Erzählung bieten ließ, während das homosexuelle sie, soweit dies anhand der wenigen Stimmen rekonstruierbar ist, wegen ihres bösen Endes ablehnte, das eine begeistert-identifikatorische Lesart zumindest erschwerte.

Es soll hier nicht unterschlagen werden, dass Thomas Mann nicht nur päderastisch veranlagt war, sondern auch homosexuell. Die Schubladen, in die wir die Menschen so gerne stecken, sind nämlich nicht wirklich menschengerecht. Sexualität ist ein Kontinuum und mancher Mensch füllt mehr als eine der zur Vereinfachung erfundenen Kategorien aus.

Einige Beispiele zur homosexuellen Seite Thomas Manns:

Den Maler Paul Ehrenberg, mit dem ihn von 1899 bis 1904 eine intensive Freundschaft verband, bezeichnete er noch im hohen Alter als „zentrale Herzenserfahrung meiner 25 Jahre“. Im Jahr 1900 war Mann 25, Ehrenberg 24.

Der als „göttliche Knabe“ mit „Hermesbeinen“ beschrieben Hotelpage / Kellner Franz Westermeier, in den sich Mann 1950 (als er bereits 75 Jahre alt war) im Grandhotel Dolder in Zürich verliebte, war 19. Als Mann nach St. Moritz weitergereist war, konsultierte er seine Frau und seine älteste Tochter Erika, ob es schicklich sei, dem Hotelpagen einen Brief zu schreiben. Beide bestätigten damit auch seine Schwärmerei, Erika riet sogar dazu, den Moritzer Aufenthalt abzubrechen, damit Thomas Mann wieder ins Dolder zurückkehren könne.

Mann schreibt schließlich und bietet dem Hotelangestellten ein Empfehlungsschreiben an. Die Antwort bleibt aus. Noch im Oktober 1950 trauert Thomas Mann dem jungen Franz und dem nicht eingegangenem Anwortbrief hinterher. Er malte sich lebhaft aus, welche Schwierigkeiten Westermeier gehabt haben könnte, sich zu einer Antwort aufzuraffen, endlich zu schreiben. Endlich. Er kommentierte sein Verhalten in seinem Tagebuch: „Zähe Torheit. Aber man sehe, wie das vorhält“. Sechs Wochen später: „Will notieren, dass ich tatsächlich bis heute jede neue Post darauf durchsehe, ob etwa eine Zuschrift des kleinen Westermeier dabei ist. Vollkommen oder fast vollkommen unsinnig“.

Klaus Heuser, den Sohn des Direktors der Düsseldorfer Kunstakademie, lernte Mann 1927 auf Sylt kennen und lud ihn zu einem 14-tägigen Aufenthalt nach München ein. In seinem Tagebuch heisst es, dass er ihm „am meisten Gewährung entgegenbrachte“. Heuser war damals 17.

Am 20. Februar 1942 findet sich in Manns Tagebuch die Notiz:

Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus-Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum erstenmal ‚den Sprung ins Traumhafte‘ tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.

Zeit-Artikel „Doppelleben eines Einzelgängers

In diesen Worten steht Thomas Mann mit seinen überwiegend unerfüllten Sehnsüchten so nackt, vor uns, wie sonst wohl nur in seinem Tod in Venedig.

Mann blieb trotz seiner 6 Kinder ein sexuell Unvollendeter. Laut Auskunft seines Sohns Golo Mann im Jahre 1975 soll er nie ein praktizierender Homosexueller gewesen sein, seine Homosexualität habe sich in pubertären Grenzen gehalten, derartige Aktivitäten seien „niemals unter die Gürtellinie gegangen“.

Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass der Blick Thomas Manns auf seinen Spaziergängen Jünglinge mit schönen Beinen oder mit nacktem Oberkörper suchte. Die Knaben und die Jünglinge, die er geliebt hat, wussten nichts von der Art und der Intensität seiner Zuneigung.

Hört sich vertraut an.

Bei Mann wurde die Liebe zum Monolog. Und manchmal zur Novelle.

Sicher war er ein schriftstellerisches Genie. Trotzdem: wohl dem, der es besser macht.

Das Aquarell „Die Quelle“ von Ludwig von Hofmann, ein Bild, das Thomas Mann seit 1914 bis zu seinem Tod in allen seinen Arbeitszimmern aufgehängt hatte. Geteilt via Wikipedia.

Jack Goodacre

2017 trat der damals 11jährige Jack Goodacre (geboren am 11. Juli 2005) bei der britischen Version von The Voice Kids an. Und erwischte keinen guten Start. Jack war nervös und verschluckte sich wohl, jedenfalls fehlten ein paar Worte im gecoverten Lied (Free Fallin‘ von Tom Petty). Jack sang beherzt weiter, wurde zunehmend sicherer und sein Auftritt immer besser. Am Ende hatte er alle überzeugt: alle drei Coaches drehten sich um und wollten ihn in ihrem Team haben.

Dass Jack den kritischen Moment überstanden hat, lag sicher auch an seiner Vorerfahrung.

Sein Vater, Tim Goodacre, ist selbst freischaffender Singer/Songwriter und Musikproduzent. Jack begann bereits als 5jähriger seinem Vater nachzueifern und Musik zu machen. Er spielt Gitarre und trat seit 2016 mit einer Liveband auf Musikfestivals auf. Außerdem hatte er sich zusammen mit seinem Vater in der Fußgängerzone von Norwich als Straßenmusiker Selbstvertrauen und etwas Kleingeld erspielt.

In den Voice Kids Battles war von Unsicherheit dann nichts mehr zu merken. Jack präsentierte sich als Rampensau und rockte die Bühne. Damit setzte er sich dann auch verdient durch.

Im Halbfinale hatte er nach meinem Eindruck stimmlich nicht den besten Tag und schied trotz einer recht beeindruckenden Gitarrenperformance zu recht aus.

Irgend jemandem müssen Jacks Gitarrenkünste aber aufgefallen sein. Jedenfalls bekam die Rolle von Zack Mooneyham, dem Leadguitarristen in Andrew Lloyd Webbers Musical „School Of Rock“ am New London Theatre im Londoner West End. Jack spielte 12 Monate lang in dem Musical mit.

Auch damit war nicht Schluß. 2018 bewarb er sich – inwischen reife 12 Jahre alt – zusammen mit seinem Vater als Gesangsduo bei Britain’s Got Talent. Die beiden führten in Ihrer Audition einen eigenen Song „The Lucky Ones“ auf, den Jack und Tim (43) gemeinsam geschrieben hatte. Anlass von Tims Eltern, Jacks Großeltern. Es geht um die Bewältigung der Trauer und des Verlusts: Andere gingen zu früh, aber die beiden sind die Glücklichen (Lucky Ones) die einander noch haben.

Das Publikum und die Jury waren begeistert. Simon Cowell (das wichtigste Jury-Mitglied) drückte sogar den „Goldenen Buzzer“, der den beiden einen vorzeitigen Einzug in die Liveshows sicherte.

Auch der Halbfinalauftritt der beiden mit der Eigenkomposition „Big Wide World“ war überzeugend. Sie mussten nicht auf das Ergebnis des Publikumsvotings warten, sondern wurden von der Jury direkt ins Finale geschickt.

Im Finale präsentierten sie dann noch einmal ihren Song aus der Audition – zwar schön, aber auch etwas mutlos. Es fehlte das Überraschungselement, das neu begeistert. Am Ende kamen die beiden „nur“ auf den achten Platz von elf Finalteilnehmern.

Aber natürlich ist auch da nicht Schluß. Im Mai und Juni 2019 tourten die beiden in Vereinigten Königreich und aktuell gibt es eine Vorankündigung für eine Amerika-Tour.

Zum würdigen Abschluß des Beitrags über Jack, hier noch ein hochklassiges, gitarrenlastiges, rockiges Solo aus dem April 2018, ein Cover von „Just Got Paid“ in der Version von Joe Bonamassa.

Corydon brannte, der Hirt, für den schönen Alexis (Vergil)

Publius Vergilius Maro (Vergil) gilt als wichtigster Autor der klassischen römischen Antike und ist ein Klassiker der lateinischen Schullektüre. Ähnlich berühmt sind nur noch Publius Ovidius Naso (Ovid) und Quintus Horatius Flaccus (Horaz).

Seine drei Hauptwerke sind die Ekologen (zehn Hirtengedichte), die etwa zwischen 43 und 39 v. Chr. entstanden sind, die Georgica (ein Lehrgedcht „über den Landbau“ in 4 Büchern, das 37 bis 29 v. Chr. entstand) und Aeneis, ein Epos über die Vorgeschichte zur Gründung der Stadt Rom, and dem Vergil ab 29 v. Chr. bis zu seinem Tod im Jahr 19 v. Chr. arbeitete.

Vergil wurde (wie auch Horaz) von Gaius Cilnius Maecenas gefördert, der ihm zum Beispiel ein Stadthaus in Rom schenkte. Maecenas war ein Vertrauter und politischer Berater des römischen Kaisers Augustus und ein Förderer der Künste. Sein Name wurde als „Mäzen“ zum Gattungsbegriff für wohlhabende Förderer von Kunst und Wissenschaft.

Von Vergils Leben ist wenig Gesichertes bekannt. Er gilt aber als Knabenliebhaber.

Sein zweites Hirtengedicht dreht sich um die unsterbliche aber unerwiderte Liebe des Corydon, eines freien Hirten mit eigener Herde, zum Hirtenjungen Alexis, der zum Gesnde des Iollas gehört und von diesem geliebt wird.

Corydon gibt seine leidenschaftliche Zuneigung kund und beklagt sich über die spröde Zurückhaltung des Geliebten. Er verweist auf eigene Vorzüge wie die Größe seiner Herde, seine Sangeskunst und seine Schönheit. Sodann verspricht er dem Alexis Geschenke: er will er ihn die Sangeskunst lehren, ihm eine besonders gute Panflöte (Syrinx), zwei Rehkitze und Blumen in Fülle schenken.

Es nutzt nichts. (Erzähler: „Bäurischer Corydon, du! Nichts gilt dem Alexis die Gabe; Rängest du auch mit Geschenken, Iollas weichet dir doch nicht.“). Corydon sieht schließlich die Hoffnungslosigkeit ein (Corydon: „Weh mir, ach! Was hab‘ ich getan, ich Verlorener! Blumen gab ich dem Südwind hin, klarschimmernde Quellen den Ebern.“) und verurteilt sich für seine Tollheit.

Bereits in der Antike hat man das Hirtengedicht als biographisch inspiriert verstanden: Corydon sei Maske für den Dichter selbst, der in Norditalien bei Asinius Pollio (Iollas) zu Gast war, bei dem der schöne Alexander (Alexis) als Mundschenk diente.

Hier nun der Text.

Zweites Hirtengedicht des Vergil (Ekloge 2: Alexis)

Dichter

Corydon brannte, der Hirt, für den schönen Alexis, den Liebling
Seines Gebieters; jedoch mit hoffnungslosem Verlangen.
Nur zum Buchengehölz mit dicht umschattenden Wipfeln
Ging er beständig: daselbst ausströmte, vergeblich sich mühend,
Einsam dem Wald und Gebirge der Hirt schmucklose Gesänge:

Corydon

„O grausamer Alexis, so ist denn nichts mein Gesang dir?
Nimmer erbarmst du dich mein? Du zwingst mich endlich zu sterben!
Jetzt auch suchet das Vieh sich des kühlenden Schattens Erquickung;
Selbst auch birgt Eidechsen mit gründlichen Rücken der Dornstrauch.

Quendel und Knoblauchwurz, starkduftende Kräuter, zerstoßet
Thestylis jetzo den Schnittern, erschöpft von glühender Hitze.
Doch ich folge den Spuren von dir bei glühender Sonne,
Mischend mein Lied mit dem gellenden Sang der Zikaden im Busche.
Wär’s nicht besser getan, Amaryllis‘ finstere Launen,

Hohn und Stolz zu ertragen, und selbst Menalcas, wiewohl er
Schwarzbraun ist von Gesicht, und du von blendender Weiße?
Reizender Knabe, vertrau doch nicht zu trotzig der Farbe!
Abfällt weißer Liguster, gepflückt wird Iris, die dunkle.
Wer ich sei, nicht fragst du, Alexis, meiner verachtend;

Wie ich an Milch so reich und an schneeweiß schimmerndem Vieh bin:
Lämmer zu tausenden schweifen für mich auf Siziliens Bergen;
Nicht im Sommer gebricht’s mir an Milch, noch winters an frischer.
Was Amphion dereinst, der Dirkaeer, auf Attikas Berge,
Auf Arakynthus sang, wenn die Herden er sammelte, sing‘ ich.

Bin ich so hässlich doch nicht: jüngst sah ich mich am Gestade,
Als von den Winden das Meer sanft ruhete. Nimmer den Daphnis
Fürcht‘ ich: richte du selber, wofern nie täuschet ein Abbild!
O dass dir es gefiele, mit mir der verachteten Fluren,
Niedriger Hütten Bewohner zu sein, und Hirsche zu schießen,

Oder der Böcklein Herde zu treiben in grünenden Eibisch!
Singend mit mir wirst du nachahmen den Pan in den Wäldern.
Pan war’s, welcher zuerst mit Wachs zu verbinden die Rohre
Lehrete; Pan ja beschützet die Schaf‘ und die Hüter der Schafe.
Lass dich’s nimmer verdrießen, am Rohr zu zerreiben das Mäulchen!

Eben die Kunst zu erlernen, was tat nicht alles Amyntas?
Eine Syringe besitz‘ ich, gefügt aus Rohren des Schierlings,
Sieben an Zahl, ungleich. Damoetas schenkte mir einst sie.
Sprach dann sterbend: „Du bist jetzt der zweite Besitzer.“
Also Damoetas. Der Tor Amyntas sah es mit Missgunst.

Dann zwo Rehchen, erhascht von mir in gefährlicher Talschlucht
Beide, das Fell annoch ganz weißlich gesprenkelt, entleeren
Je zwo Euter der Schafe des Tags: Dir sind sie gesparet.
Längst bat Thestylis mich, sie hinweg sich führen zu dürfen;
Und es gelingt ihr noch, da meine Geschenke dich ekeln.

Komm hierher, o reizender Knab‘: es bringen die Nymphen
Lilien her in gefülletem Korb; in weißem Gewande
Pflückt dir Köpfe des Mohns und blasse Violen die Naïs,
Blüten des Dills mit süßem Gedüft und Narzissen verknüpfend.
Zeiland schlinget sie mit wohlriechenden Kräutern zum Kranze,

Iris, die zarte, zum bunten Gemisch mit gelblicher Calta.
Grauliche Quitten mit wolligem Flaum will selber ich sammeln,
Auch Kastaniennüsse, die einst Amaryllis, mein Mädchen,
Liebte, und Pflaumen wie Wachs; auch die Frucht sei uns geehrtet!
Dich, Lorbeer, auch pflück‘ ich, und dich, ihm befreundete Myrte,
Weil ihr, also gepaart, euch einet zum lieblichen Dufte.

Dichter

Bäurischer Corydon, du! Nichts gilt dem Alexis die Gabe;
Rängest du auch mit Geschenken, Iollas weichet dir doch nicht.

Corydon

Weh mir, ach! Was hab‘ ich getan, ich Verlorener! Blumen
Gab ich dem Südwind hin, klarschimmernde Quellen den Ebern.

Dichter

Ha, vor wem entfliehst du, Tor? Selbst Götter bewohnten
Haine, und Paris, der Dardaner, auch. Mag, die sie gebauet,
Pallas die Burgen bewohnen; mir sei vor allem der Hain wert.
Grimmig verfolget die Löwin den Wolf, die Ziege der Wolf dann!
Blühende Cytisusstauden verfolgt mutwillig die Ziege,
Corydon dich, o Alexis: so reißt jedweden sein Trieb hin.
Sieh, wie hangend am Joch heimschleppen die Stiere die Pflugschar,
Und wie scheidend die Sonne verdoppelt die wachsenden Schatten.

Corydon

Ich nur glühe von Liebe: wo ist doch Maß in der Liebe?

Dichter

Corydon, Corydon, ach! Wie hat dich ergriffen der Wahnsinn!

Halb nur beschnitten ist dir an der laubigen Ulme der Rebstock.
Denke doch lieber daran, ein Geflecht aus biegsamen Binsen,
Was dein Bedürfnis heischt, und aus zähem Gezweige zu schlingen.
Wirst du von diesem verschmäht, wohl findet sich sonst ein Alexis.


Die Übersetzung ist von gottwein.de übernommen.

Natürlich gibt es auch andere Übersetzungen. Hier ein paar Textbeispiele mit Verlinkung auf die vollständige Übersetzung.

Textbeispiel von gottwein.de:

Corydon brannte, der Hirt, für den schönen Alexis, den Liebling
Seines Gebieters; jedoch mit hoffnungslosem Verlangen.

Textbeispiel Projekt gutenberg.de (via Spiegel Online):

Korydon glühte, der Hirt, für den jugendlich schönen Alexis,
Den sein Herr Jollas sich erkor; und nichts bot einige Hoffnung.

Textbeispiel deutsche-liebslyrik.de:

Corydon glühte, der Hirt, für den reizenden Knaben Alexis,
Seines Gebieters Geliebten, doch hofft‘ umsonst er Erhörung.

Jai Waetford

In den ersten 4 Staffeln der australischen Ausgabe der Casting Show The X-Factor traten die Wettbewerber in den Altersgruppen 16 bis 24 Jahre und 25+ Jahre an. In der fünften Staffel wurde das Mindestalter auf 14 Jahre herabgesetzt. Danach wurde es wieder auf 16 Jahre festgesetzt.

Die großzügigere Regelung der 5. Staffel (2013) nutzte Jai Waetford, der damals 14 war, um sich zu berwerben.

In seiner Audition sang Jai zunächst ein Cover von Different Worlds (von Jes Hudak). Und weil er sich auch als Songwriter zu erkennen gegeben hatte, bat man ihn danach, auch noch ein eigenes Stück zu präsentieren. Jai entschied sich für seine Eigenkomposition Don’t Let Me Go.

Jai schaffte es nicht nur weiter zu kommen, sondern auch durch die folgenden 9 Wochenshows bis ins Finale in Woche 10, wo er schließlich Dritter wurde.

Hier sein Auftritt in Woche 9 mit einem Cover von I Won’t Give Up von Jason Mraz.

Nach X-Factor startete Jai mit der Single „Your Eyes“ seine professionelle Musikkarriere und hat seitdem beständig EPs und Singles veröffentlicht. Inzwischen ist Jai zwanzig. Er ist zwar (noch) kein Superstar geworden, aber erfolgreich und wird wohl noch lange professionell Musik machen.