Geoutet: Thomas Mann, schwuler Päderast

Am 12. August 1955 starb Thomas Mann. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen literarischen Selbstmord bereits um 44 Jahre überlebt.

Gemeint ist seine Novelle Der Tod in Venedig, die 1911 entstand. Sie erschien – wohl auch aus Unsicherheit über ihre Wirkung – zunächst als Vorzugsausgabe in einer Auflage von 100 nummerierten und von Thomas Mann signierten Exemplaren, danach in der Neuen Rundschau und ab 1913 als Einzeldruck.

Die Geschichte handelt vom Gustav von Aschenbach, einem berühmten Schriftsteller. Von Aschenbach ist etwas über 50 Jahre alt, schon länger verwitwet und muss sich seine künstlerische Leistungen täglich neu abringen. Ein stets um Haltung bemühter Asket am Rande der Erschöpfung, dessen Lieblingswort „Durchhalten“ lautet. Dieser Mann nun reist nach Venedig und entdeckt dort in der Hotelhalle am Tisch einer polnischen Familie Tadzio, einen langhaarigen Knaben „von vielleicht vierzehn Jahren“:

Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war. Sein Antlitz, bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit.

Das Klima in Venedig bekommt von Aschenbach allerdings nicht. Als ihn Schweiß- und Fieberanfälle befallen, bedauert er, die Stadt verlassen zu müssen und will nach Triest weiterreisen. Als jedoch sein Koffer vorübergehend verloren geht, nimmt er das zum Anlass zu bleiben – auch dann noch, als er seinen Koffer zurückbekommen hat.

Zunächst deutet Aschenbach seine Sehnsucht nach Tadzio als ästhetisches Kennertum und flüchtet sich in philosophischen Abhandlungen über die Schönheit.

Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewusst, dass Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden, in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios Schönheit seine kleine Abhandlung, – jene anderthalb Seiten erlesener Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte.

chließlich gesteht er sich ein, dass er den Jungen liebt.

Auch als sich eine Colera-Epidemie ankündigt, kann sich Aschenbach nicht dazu durchringen, Venedig zu verlassen. Er bringt es nicht einmal fertig, Tadzios Angehörige vor der Cholera zu warnen, weil das dazu führen würde, dass er ihm nicht mehr würde nahe sein können.

Schließlich stirbt Aschenbach, infiziert durch überreife Erdbeeren, an der Cholera, während er aus seinem Liegestuhl Tadzio ein letztes Mal am Strand beobachtet. Er meint zu erkennen, dass Tadzio lächelt und ihm zuwinkt, während er mit der anderen Hand aufs offene Meer hinaus deutet. „Und, wie so oft, machte er sich auf, ihm zu folgen.“

Die Novelle ist teilweise auobiographisch. Tatsächlich war Mann 1911 in Venedig. Auch den polnischen Jungen gab es. Und er war wohl noch etwas jünger als Vierzehn.

Ein Jahr jünger, wenn man Katia Mann, der Frau von Thomas Mann, folgt, die in „Meine ungeschriebenen Memoiren“ ausführt:

Dann gingen wir in das Hotel-des-Bains, wo wir reserviert hatten. Es liegt am Strand, war gut besucht, und bei Tisch, gleich am ersten Tag, sahen wir diese polnische Familie, die genauso aussah, wie mein Mann sie geschildert hat: mit den etwas steif und streng gekleideten Mädchen und dem sehr reizenden, bildhübschen, etwa dreizehnjährigen Knaben, der mit einem Matrosenanzug, einem offenen Kragen und einer netten Masche gekleidet war, und meinem Mann sehr in die Augen stach. Er hatte sofort eine Faible für diesen Jungen, er gefiel ihm über die Maßen, und er hat ihn auch immer am Strand mit seinen Kameraden beobachtet. Er ist ihm nicht durch ganz Venedig nachgestiegen, das nicht, aber der Junge hat ihn fasziniert, und er dachte öfters an ihn.

Der reale Tadzio war sogar drei Jahre jünger als der 14jährige Buch-Tadzio, wenn man Władysław Moes folgt, der sich in dem Jungen wiedererkannt zu haben meint. Władysław verbrachte als 11jähriger den Mai 1911 mit seiner Familie (wie die Manns) im Hotel de Bains.

Ich bin dieser Junge! Ja, schon damals in Venedig wurde ich Adzio oder manchmal Władzio gerufen … aber in der Geschichte heiße ich Tadzio … so hat es der Meister verstanden … In der Geschichte fand ich alles genau beschrieben, sogar meine Kleidung, mein Verhalten – gut oder schlecht – und die rauen Witze, die ich mit meinem Freund auf dem Strand gespielt habe.

Wikipedia-Artikel „Władysław Moes
(eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Auch die Cholera ist tatsächlich in Venedig ausgebrochen. Da aber trennen sich die Wege von Thomas Mann und seinem Alter Ego Gustav von Aschenbach: die Manns kehrten der kranken Stadt sofort den Rücken, während Aschenbach der obsessiven Liebe zu dem Jungen Tadzio verfällt und sein Schicksal mit dem der untergehenden Stadt verbindet.

In seinem Essay über Adelbert von Chamisso, der 1911 während der Arbeit an Der Tod in Venedig entstanden ist, hat sich Thomas Mann pointiert über die geheime Identität von Autor und Fabelheld geäußert: „Es ist die alte, gute Geschichte: Werther erschoss sich, aber Goethe blieb am Leben.“

Vielleicht hing der Unterschied am Ende daran, dass Mann verheiratet und mit Familie (Frau und Bruder) in Venedig war, Aschenbach dagegen verwitwet und allein in der Stadt.

Wie kam es zu Manns Ehe? Und was bewirkte die Offenbarung seiner homoerotischen Neigungen bei seiner Frau?

Die Ehe verordnete Thomas Mann sich als „ein strenges Glück“ – nicht ohne Skepsis. (…) Mit dem in den ersten Ehejahren entstandenen Roman Königliche Hoheit (1909) erreichte Thomas Mann vorerst nicht wieder die Höhe seiner schriftstellerischen Möglichkeiten. Der Tod in Venedig aber wurde ein Meisterwerk. „Es stimmt einmal Alles, es schießt zusammen, und der Kristall ist rein.“ Thomas Mann hat „Gustav von Aschenbach“ stellvertretend für sich sterben lassen und sich fortan akzeptiert. Die Lebenslüge vom „strengen Eheglück“ ließ er fallen.

Für Katia Mann, die in der Venedig-Novelle die homoerotische Orientierung ihres Mannes erkannt hatte, folgte eine längere Zeit mit Kränklichkeit und verschiedenen Sanatoriumsaufenthalten, dessen bekanntester auf Davos fiel. In Davos fand Thomas Mann die Inspiration zu Der Zauberberg, als er besuchsweise dort einige Wochen verbrachte. Nach Der Tod in Venedig, nach Aufgabe der Willensanstrengung, ein „strenges Eheglück“ zu leben, war es von nun an tiefe Dankbarkeit, die ihn mit seiner Frau Katia verband und die sich als sehr tragfähig erweisen sollte.

Wikipedia-Artikel „Der Tod in Venedig

Im Sommer 1911 bekam Katia Mann Lungenbeschwerden und ging 1912 mit der Diagnose „geschlossene Tuberkulose“ zur Kur nach Davos. Tatsächlich dürften ihre Beschwerden anderen Ursprungs gewesen sein, denn später angefertigte Röntgenbilder zeigten, dass sie nie an Tuberkulose erkrankt gewesen sein konnte. In ihrer Autobiografie Meine ungeschriebenen Memoiren notierte sie: „Es war Sitte, dass jene, die es sich leisten konnten, nach Davos oder Arosa geschickt wurden.“

Wikipedia-Artikel „Katia Mann

Ernsthaft lungenkrank scheint Katia Mann, allen zahlreichen Sanatoriumsaufenthalten zum Trotz, nie gewesen zu sein, derlei Reisen waren auch eine Modeerscheinung. Sie begleitete Thomas Mann bei Vortragsreisen und war ihm Ratgeberin, Sekretärin und Vertraute. Manns Werk ist ohne Katia Mann, die ihrem Mann den Rücken stärkte und freihielt, kaum zu denken. Sie schuf die gediegene Atmosphäre, die Mann benötigte, um die Grenzen und Abgründe bürgerlicher Kultur auszuloten. Sie hielt die Familienbande zusammen, korrespondierte mit den Kindern, die im Zürcher Exil schon fast alle außer Haus waren. Sie verstand es dann auch, in den USA eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Familie heimisch werden konnte. In Princeton fand sie in Molly Shenstone eine enge Freundin. Dass Thomas Mann sich gelegentlich in Knaben verschaute, blieb Katia Mann nicht verborgen, sie sah über derlei Verliebtheiten hinweg, zumal er seinen ehelichen Pflichten nachkam, wie sein Tagebuch verrät.

thomasmann.de über Katia Mann

Mit Katia Pringsheim hat Thomas Mann offensichtlich einen großartigen Fang gemacht – und das nicht lediglich wegen des Vermögens ihrer Familie (In der Zeit der Werbung um Katia Pringsheim schrieb er seinem Bruder: „Ich fürchte mich nicht vor dem Reichthum.“).

Für Katia selbst wird es oft sehr schwierig gewesen sein. Sie half ihrem Mann anscheinend mit einer gewissen Vermännlichung in Frisur und Habitus. Trotz der sechs Kinder, ist Thomas Mann gemeinsame Sexualität nicht leicht gefallen. Es ist bezeichnend, wenn er sich in seinem Tagebuch für sein Versagen im Bett mit der Frage entschuldigt, ob es besser gegangen wäre, wenn ein Knabe vorgelegen hätte. Die beiden hatten getrennte Schlafzimmer und Mann schreibt in seinem Tagebuch auch darüber, wie dankbar er Katia für ihre sexuelle Anspruchslosigkeit sei.

Ich hoffe sehr, dass Katia Mann trotz der Widrigkeiten auch viel Glück erleben durfte. Die Kurzbiographie auf thomasmann.de deutet das zumindest an. („Sie war die starke Frau hinter einem sensiblen Mann. In ihrer Rolle als „Frau Thomas Mann“ ging sie auf, war anscheinend auch glücklich, ja: sie genoss sie bisweilen.“)

Doch zurück zu Thomas Mann und seinemTod in Venedig:

In gewisser Weise hat Mann sich in und mit seinem Roman in der Gestalt des Aschenbach umgebracht. Er hat sich aber gleichzeitig auch geoutet und akzeptiert.

Das Buch hätte dabei durchaus auch sein literarischer Selbstmord werden können. Das Thema der Knabenliebe – wenn auch aus der Ferne – war auch damals prekär. Dass er das Wagnis dieses Romans eingehen konnte, dürfte auch daran gelegen haben, dass er seit 1905 verheiratet war und bereits vier Kinder (Erika, Klaus, Golo und Monika) mit seiner Frau hatte (später sollten noch Elisabeth und Michael hinzukommen).

Mit diesem (nicht nur, aber auch) „Alibi“, konnte er eine schwule oder päderastische Orientierung glaubhaft leugnen. Aschenbachs Liebe bleibt im Roman außerdem keusch und unerfüllt, was sie aus bürgerlicher Sicht womöglich noch akzeptabel scheinen lässt. Den Ausschlag könnte geben, dass sie darüber hinaus auch noch mit dem Tod gesühnt wird.

Thomas Manns Befürchtungen der öffentlichen Ablehnung bewahrheiteten sich jedenfalls nicht.

Die FAZ bemerkte dazu zum 100jährigen Erscheinen des Buchs:

Mit dieser Pädophilen-Novelle bekäme man heute Schwierigkeiten: Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns „Tod in Venedig“ – und stellte die Toleranz der Literaturkritik auf die Probe.

Ein alternder, in München lebender Schriftsteller bekommt plötzlich Fernweh und macht eine Reise nach Venedig, wo er sich in einen polnischen Jungen verliebt, dann aber an Cholera stirbt: mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides. Der Erfolgsschriftsteller Thomas Mann säße dann, womöglich an vier Abenden hintereinander, in den Talkshows, wo Eltern, Pädagogen und Journalisten über ihn herfielen, Psychologen ihn in Schutz nähmen und Literaturkritiker daran erinnerten, Autor und Figur seien doch nicht ganz dasselbe, es gebe schließlich noch so etwas wie einen Kunstvorbehalt, aber das ginge im moralischen Geschrei natürlich unter. Thomas Mann stünde da als Pädophiler – das ist, neben Antisemitismus, heute das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann. (…)

Als literarische Phantasie muss uns der „Tod in Venedig“ heute aber überaus kühn, ja als eine Ungeheuerlichkeit vorkommen. Und es ist bemerkenswert, dass sie damals nicht in erster Linie als solche verstanden wurde. Zwar hat man das Gewagte daran keineswegs übersehen, und Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ Aber insgesamt schien die literarische Öffentlichkeit über diesen Punkt erstaunlich wenig alarmiert.

Das bedeutet nicht, dass man Päderastie – so lautete der Begriff für das, was wir heute unter Pädophilie verstehen – damals gutgeheißen hätte oder in Fragen der Sexualmoral insgesamt toleranter gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass man damals eher bereit war, auch einen inhaltlich brisanten literarischen Text vor allem nach seiner ästhetischen Qualität zu beurteilen und weniger nach seinem Stoff. (…)

„Kaum je“, schrieb Josef Hofmiller schon 1913, „ist die Maxime L’art pour l’art mit solcher Strenge bis in ihre absurdesten Folgerungen verfolgt worden, bis sie nicht mehr entrinnen konnte, bis der richtende Dichter über dem gerichteten das Halali blies. Hat selbst Ibsen irgendwo mit vernichtenderer Rücksichtslosigkeit über den Dichter, über sich selbst ,Gerichtstag gehalten‘, als es Thomas Mann in diesem Werke tut?“ (…)

Mit äußerster Kunstanstrengung gewagte Vorgänge oder Phantasien sprachlich so auszudifferenzieren und zu verfeinern, dass ein Skandal unterbleibt, indem der Anlass gewissermaßen zu Feinstaub gemahlen wird, garniert obendrein mit Antike-Anspielungen – wie sehr Thomas Mann’s Strategie aufging, zeigt die Rezension des Lyrikers und Literaturkritikers Carl Busse vom selben Jahr: „Ohne Zweifel wird man das Thema peinlich finden, aber man muß bekennen, daß es mit vorbildlicher Zartheit behandelt wird. Im bürgerlich-moralischen Sinne bleibt der Held völlig ,korrekt‘; er nähert sich dem schönen Knaben überhaupt nicht, er spricht nie ein Wort mit ihm – das Ganze ist nur eine erotische Gefühlsausschweifung, und sie quält umso weniger, als man das dumpfe Empfinden hat, es wäre gerade vor diesem Helden eine notwendige Rache der Natur. Jedenfalls: soweit die Kunst an sich ein solches Thema überhaupt von dem peinlichen Erdenrest, der ihm anhaftet, befreien kann, ist das hier geschehen.“ (…)

Busse trifft mit dem Stichwort vom „peinlichen Erdenrest“ dabei ein zentrales Moment in Thomas Manns Poetologie: die Auffassung, dass erotische Gefühlsausschweifungen selbst für einen fingierten Helden nur als Gedankenspielereien und nicht als Schilderungen von Realität in Frage kommen.

Thomas Mann sicherte sich also doppelt ab. So ist es zu erklären, dass dieser Tabubruch, um den es sich zweifellos handelte, Thomas Mann nicht nur nicht schadete, sondern sein schriftstellerisches Ansehen noch steigerte. Plump autobiographisch könnte man sagen, er habe mit dem „Tod in Venedig“ sein Coming-out gehabt. Wem im Werk vorher schon die eine oder andere Stelle aufgefallen war, der wusste nun Bescheid. (…)

Der Aktivist und Publizist Kurt Hiller, der im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ schon ungeduldig gefragt hatte „Wo bleibt der homoerotische Roman?“, lehnte sie [die Erzähling] denn auch ab als ein „Beispiel moralischer Enge“, das Knabenliebe bloß als Verfallssymptom behandle; Stefan George missbilligte sie aus ähnlichen Gründen. Und der englische Schriftsteller D.H. Lawrence befand: „Germany does not feel very young to me.“ (…)

So ergibt sich der verblüffende Befund, dass sich gerade das nicht homosexuelle Milieu diese Erzählung bieten ließ, während das homosexuelle sie, soweit dies anhand der wenigen Stimmen rekonstruierbar ist, wegen ihres bösen Endes ablehnte, das eine begeistert-identifikatorische Lesart zumindest erschwerte.

Es soll hier nicht unterschlagen werden, dass Thomas Mann nicht nur päderastisch veranlagt war, sondern auch homosexuell. Die Schubladen, in die wir die Menschen so gerne stecken, sind nämlich nicht wirklich menschengerecht. Sexualität ist ein Kontinuum und mancher Mensch füllt mehr als eine der zur Vereinfachung erfundenen Kategorien aus.

Einige Beispiele zur homosexuellen Seite Thomas Manns:

Den Maler Paul Ehrenberg, mit dem ihn von 1899 bis 1904 eine intensive Freundschaft verband, bezeichnete er noch im hohen Alter als „zentrale Herzenserfahrung meiner 25 Jahre“. Im Jahr 1900 war Mann 25, Ehrenberg 24.

Der als „göttliche Knabe“ mit „Hermesbeinen“ beschrieben Hotelpage / Kellner Franz Westermeier, in den sich Mann 1950 (als er bereits 75 Jahre alt war) im Grandhotel Dolder in Zürich verliebte, war 19. Als Mann nach St. Moritz weitergereist war, konsultierte er seine Frau und seine älteste Tochter Erika, ob es schicklich sei, dem Hotelpagen einen Brief zu schreiben. Beide bestätigten damit auch seine Schwärmerei, Erika riet sogar dazu, den Moritzer Aufenthalt abzubrechen, damit Thomas Mann wieder ins Dolder zurückkehren könne.

Mann schreibt schließlich und bietet dem Hotelangestellten ein Empfehlungsschreiben an. Die Antwort bleibt aus. Noch im Oktober 1950 trauert Thomas Mann dem jungen Franz und dem nicht eingegangenem Anwortbrief hinterher. Er malte sich lebhaft aus, welche Schwierigkeiten Westermeier gehabt haben könnte, sich zu einer Antwort aufzuraffen, endlich zu schreiben. Endlich. Er kommentierte sein Verhalten in seinem Tagebuch: „Zähe Torheit. Aber man sehe, wie das vorhält“. Sechs Wochen später: „Will notieren, dass ich tatsächlich bis heute jede neue Post darauf durchsehe, ob etwa eine Zuschrift des kleinen Westermeier dabei ist. Vollkommen oder fast vollkommen unsinnig“.

Klaus Heuser, den Sohn des Direktors der Düsseldorfer Kunstakademie, lernte Mann 1927 auf Sylt kennen und lud ihn zu einem 14-tägigen Aufenthalt nach München ein. In seinem Tagebuch heisst es, dass er ihm „am meisten Gewährung entgegenbrachte“. Heusner war damals 17.

Am 20. Februar 1942 findet sich in Manns Tagebuch die Notiz:

Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus-Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum erstenmal ‚den Sprung ins Traumhafte‘ tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.

Zeit-Artikel „Doppelleben eines Einzelgängers

In diesen Worten steht Thomas Mann mit seinen überwiegend unerfüllten Sehnsüchten so nackt, vor uns, wie sonst wohl nur in seinem Tod in Venedig.

Mann blieb trotz seiner 6 Kinder ein sexuell Unvollendeter. Laut Auskunft seines Sohns Golo Mann im Jahre 1975 soll er nie ein praktizierender Homosexueller gewesen sein, seine Homosexualität habe sich in pubertären Grenzen gehalten, derartige Aktivitäten seien „niemals unter die Gürtellinie gegangen“.

Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass der Blick Thomas Manns auf seinen Spaziergängen Jünglinge mit schönen Beinen oder mit nacktem Oberkörper suchte. Die Knaben und die Jünglinge, die er geliebt hat, wussten nichts von der Art und der Intensität seiner Zuneigung.

Hört sich vertraut an.

Bei Mann wurde die Liebe zum Monolog. Und manchmal zur Novelle.

Sicher war er ein schriftstellerisches Genie. Trotzdem: wohl dem, der es besser macht.

Das Aquarell „Die Quelle“ von Ludwig von Hofmann, ein Bild, das Thomas Mann seit 1914 bis zu seinem Tod in allen seinen Arbeitszimmern aufgehängt hatte. Geteilt via Wikipedia.

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