Geschichten des Scheiterns

In Österreich wurde vor kurzem über das Urteil im Prozess gegen einen hauptberuflichen Nachwuchstrainer im Fußball berichtet.

Hier die Berichterstattung des Standard:

Prozess gegen Fußballtrainer, der 19 Jahre lang Buben missbrauchte

Ein 67-Jähriger ist angeklagt, ab 1989 vier Kinder, die er trainierte, missbraucht zu haben. Er sagt, er sei überzeugt gewesen, dass es Liebe gewesen sei

„Ich fühl mich absolut nicht als Verbrecher“, sagt Angeklagter Robert S. in seinem an das Schöffengericht unter Vorsitz von Eva Brandstetter gerichteten Schlusswort. „Die ganze Zeit, als die Buben und ich zusammen waren, bin ich überzeugt, dass ich sie lieb gehabt habe und sie mich auch gern hatten.“ Die „Buben“, von denen der 67-Jährige spricht, waren seine Schützlinge, die er Fußball gelehrt hat. Und die er laut Staatsanwältin schwer sexuell missbraucht haben soll, seitdem sie zwölf Jahre alt waren.

In der Sache bekennt sich der Pensionist grundsätzlich schuldig, einzig den Anklagepunkt, einem Opfer damit gedroht zu haben, ihn als „schwul“ zu outen, bestreitet er vehement. Denn: „Ich will keinem Buben Schaden zufügen. Ich wollte ja nie einen ins Gebüsch zerren“, beharrt er.

Pädophiler zweifacher Vater

Dass S. pädophil ist, hat er seiner Darstellung nach mit 14 erkannt. „Zwischen 15 und 17 war die schlimmste Zeit meines Lebens“, erzählt er dem Gericht. Er habe Suizidgedanken gehabt, konnte in seinem Heimatbundesland mit niemandem darüber sprechen. Mit 17 habe er dann beschlossen, doch „einen Versuch zu machen mit Mädchen“. Mit 26 heiratete er sogar und bekam zwei Kinder. „Hat Ihre Frau von Ihren Neigungen gewusst?“, fragt die Vorsitzende. „Sie wusste am zweiten Tag, nachdem wir uns kennengelernt haben, davon. Sie hat wahrscheinlich gehofft, dass sie mich umpolen kann“, mutmaßt der Angeklagte.

Die Ehe hielt 17 Jahre lang. „Warum sind Sie geschieden?“, will Brandstetter wissen. „Wegen dem Fußball. Ich war immer unterwegs und auf dem Platz“, antwortet der ausgebildete Sozialarbeiter, der seit den frühen 80er-Jahren mehr oder weniger hauptberuflich als Jugendtrainer und Talente-Scout arbeitete und Handelsvertretungen übernahm, um Geld zu verdienen.

„Unter Freunden gibt es keine Tabus“

Spätestens 1989 soll er begonnen haben, sein erstes Opfer zu missbrauchen. Erst gewährte er ihm Vorzüge – wie die erste Reihe im Mannschaftsbus –, schob extra Privattrainings ein und verging sich dann an dem Kind. 1991 wechselte S. zu einem bekannten Wiener Fußballklub und suchte sich das nächste Opfer – mit dessen Vater er sogar befreundet war. „Unter Freunden gibt es keine Tabus“, redete er dem Buben ein – und er sei schließlich sein Freund. Der Vater habe darüber hinaus sicher nichts gegen die geschlechtlichen Handlungen, beruhigte er das Kind.

Bei Trainingslagern im Ausland ordnete der Angeklagte auch immer wieder „Untersuchungen“ an. Die teilnehmenden Buben mussten sich nackt ausziehen, er „vermaß“ sie, unter anderem ihre Geschlechtsteile. Die letzten beiden Opfer, um die es in der Anklage geht, waren Brüder – S. hörte erst auf, als er 2004 aus familiären Gründen in sein Heimatbundesland ziehen musste.

Erste Verurteilung im Jahr 2011

Wo er schließlich im Jahr 2011 zu 24 Monaten teilbedingt verurteilt wurde. Da er 2008 als Fußballtrainer einen Buben sexuell missbraucht hat. Acht Monate der Strafe waren unbedingt, auch ein dreijähriges Verbot, als Trainer zu arbeiten, wurde ausgesprochen – „was entgegen den Vorschriften nicht im Strafregisterauszug steht“, wie die Vorsitzende spitz anmerkt. Unabhängig von dieser Verurteilung wurde er 2019 auch in Wien angezeigt. Wobei: Wie sich im Prozess herausstellt, gab es bereits im Jahr 2004 eine einschlägige Anzeige in Wien, dieses Verfahren wurde aber eingestellt. Unter anderem offenbar deshalb, weil ein Bub nicht alles aussagte, da er sich neben der Mutter genierte.

Über sein erstes Opfer sagt S. dem Gericht: „Er war meine große Liebe, und ich glaube, dass er mich sehr, sehr gern gehabt hat.“ Eine psychologische und eine psychiatrische Sachverständige haben festgestellt, dass dieser Bub, wie auch andere, noch heute unter den psychischen Folgen des Missbrauchs leidet.

Bevor dem Angeklagten das Protokoll seiner Einvernahme bei der Polizei vorgehalten wird, beantragt Privatbeteiligtenvertreterin Barbara Steiner den Ausschluss der Öffentlichkeit, was das Gericht auch beschließt. Was hinter verschlossener Tür besprochen wird, lässt sich also nur anhand der Schlussplädoyers und der Urteilsbegründung rekonstruieren.

„Die Kinder wollten Fußball spielen“

So muss Beisitzer Stefan Apostol die Reumütigkeit des Geständnisses angezweifelt haben. S. scheint ausgeführt zu haben, dass es sich um „Liebesbeziehungen“ gehandelt habe und die Kinder „alles freiwillig“ gemacht hätten. Privatbeteiligtenvertreterin Steiner widerspricht in ihrem Schlussvortrag: „Die Kinder wollten Fußball spielen.“ Und S. habe die Bedingung „Fußball für Sex“ gestellt, da sonst ein intensives Training nicht möglich sei.

Verteidiger Stephan Eberhardt bestreitet das: „Sein Fokus lag auf der Entwicklung des Fußballsports und der Fähigkeiten der Kinder“, argumentiert er für seinen Mandanten. „Er hätte nie mit schwerwiegenden Folgen bei den Opfern gerechnet“, bittet er um ein mildes Urteil.

Bei einem Strafrahmen von fünf bis 15 Jahre Haft wird es eine nicht rechtskräftige Zusatzstrafe von sechs Jahren unbedingt zu den zwei Jahren teilbedingt aus dem Jahr 2011. S. ist darob mehr oder weniger fassungslos. Noch ehe er sich mit seinem Verteidiger berät, erklärt er: „Ich möchte auf jeden Fall in Berufung gehen. Ich kann meinen blinden Freund nicht alleinlassen“, spielt er darauf an, dass sein derzeitiger Lebensgefährte oder Mitbewohner, dazu macht S. unterschiedliche Angaben, vor wenigen Monaten das Sehvermögen verloren hat. Die Staatsanwältin gibt keine Erklärung ab, die Entscheidung ist daher nicht rechtskräftig. Die Opfer muss er finanziell entschädigen, er haftet auch für etwaige künftige Behandlungskosten.

„Manche zerbrechen an solchen Vorgängen“

Auch wenn die Taten schon lange her seien und seit 2008 nichts mehr vorgefallen sei, sieht das Gericht keinen Grund für eine außerordentliche Strafmilderung, begründet Vorsitzende Brandstetter. Denn das Geständnis sei nicht reumütig gewesen und auch die Folgen schwer. „Manche Kinder vertragen es besser, manche zerbrechen an solchen Vorgängen“, fasst die Vorsitzende zusammen. Der Senat wird sich noch ein weiteres Mal mit S. befassen müssen – der Fall der angeblichen Outing-Drohung, die der Angeklagte bestreitet, wird ausgeschieden, um das Opfer persönlich vernehmen zu können. (Michael Möseneder, 24.2.2021)

Aus der Berichterstattung des ORF:

Betroffene leiden zum Teil bis heute an Folgen

Die von den Übergriffen Betroffenen leiden teilweise bis zum heutigen Tag in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung bzw. einer kombinierten Belastungsstörung an den Folgen des Erlebten. Bei drei von ihnen – die Betroffenen sind inzwischen Männer im Alter von 28, 36 und 44 Jahren – sind die psychischen Folgen derart gravierend, dass diese laut fachärztlichen Gutachten jeweils einer schweren Körperverletzung gleichzusetzen sind. „Sie sind nach wie vor in ihrer Lebensführung beeinträchtigt und können nicht mit der Sache abschließen“, sagte dazu die Staatsanwältin.

Vom erstinstanzlichen Urteil umfasst waren fünf Betroffene und Tathandlungen zwischen 1989 und 2005. 1989 hatte der Trainer bei einem niederösterreichischen Verein einen Zwölfjährigen kennengelernt. Der Bub spielte in der U13-Mannschaft, der Trainer bevorzugte ihn, indem er ihn im Bus vorn sitzen ließ und ihm mehr Spielzeit einräumte. Eines Tages lud er den Buben zu sich nach Hause ein, wo es zu ersten Übergriffen kam, die sich in weiterer Folge monatlich wiederholten, bis der Betroffene 1991 den Verein wechselte.

Missbrauch auch auf Trainingslager

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Trainer über einen Bekannten einen Job bei einem Wiener Verein gefunden, wo er als Privattrainer für einen talentierten Nachwuchskicker engagiert wurde. Diesen missbrauchte er laut Anklage regelmäßig bei Treffen in seiner Wohnung, in der Umkleidekabine und auf einem Trainingslager, wobei sich die Missbrauchshandlungen intensivierten, als der Jugendliche eine Zeit lang bei ihm wohnte.

Dessen Vater glaubte, das wäre der sportlichen Karriere seines Sohnes förderlich. Der Trainer suggerierte dem ihm anvertrauten Burschen, sexuelle Handlungen wären „unter Freunden keine Tabus“, wie die Staatsanwältin diesbezüglich anmerkte. 1995 wechselte der Fußballer zu einem größeren Verein.

Zwei weitere Opfer fand der Angeklagte bei einem weiteren niederösterreichischen Club, wo er einen Buben zunächst zum Studium von Trainingsvideos nach Hause einlud und sich im weiteren Verlauf regelmäßig an diesem verging. 2003 begann er dann dessen jüngeren Bruder zu missbrauchen, was bis April 2004 andauerte. Das fünfte von der Anklage umfasste unmündige Opfer hatte der Trainer vom Juni 2004 bis Anfang Juli 2005, missbraucht, wobei der Betroffene zu Beginn zwölf Jahre alt war.

Bereits 2011 verurteilt

Vor der Erörterung der zeugenschaftlichen Angaben der von den Übergriffen Betroffenen wurde die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen. Der Angeklagte war 2008 nach Westösterreich gezogen, um sich um seine pflegebedürftige Mutter zu kümmern. Auch dort lebte er seine pädophilen Neigungen aus. 2011 wurde er vom Landesgericht Feldkirch wegen sexuellen Missbrauchs eines Unmündigen zu einer teilbedingten Haftstrafe verurteilt.

Dass er sich zuvor seit Jahren an Nachwuchsspielern vergangen hatte, wurde erst viel später bekannt. Für einen 38 Jahre alten Mann wurde der Leidensdruck zu groß, er brach sein Schweigen, das er bis dahin über das Geschehen gebreitet hatte, und zeigte seinen ehemaligen Trainer an. Ein engagierter Beamter der Kriminalpolizei forschte dann weitere Opfer aus.

Angeklagter mit Strafhöhe nicht zufrieden

Mit dem Urteil war der 67-Jährige nicht einverstanden. Die Strafe war ihm zu hoch, er legte dagegen Berufung ein. „In Zukunft passiert nichts mehr. Ich bin zu alt. Es kommt nie wieder vor“, machte er geltend. Überdies habe er sich um seinen Freund zu kümmern, dem es gesundheitlich schlecht gehe. Der 67-Jährige war von 1979 bis 1996 verheiratet und hat mit seiner geschiedenen Frau zwei Söhne groß gezogen.

Es gibt Aspekte des Falls, die mich besonders nachdenklich machen.

Ich bin selbst homohebephil und finde Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren anziehend. Auch ich habe meine Neigung mit 14 erkannt. Die Zeit zwischen 16 und 19 war die schlimmste meines Lebens inkl. chronischer Suizidgedanken.

Ich bin aber nie eine Beziehung eingegangen, weder eine Alibi-Beziehung mit einer Frau (oder einem Mann), noch eine Beziehung zu einem Jungen. Nach meiner suizidalen Phase war ich noch etwa zehn Jahre depressiv und habe mich in ein Leben als Workaholic geflüchtet. Wer mit Arbeiten beschäftigt ist, hat keine Zeit zu leiden und wenn man erst aus dem Büro kommt, wenn es bereits dunkel ist, gibt es keine Jungen auf der Straße, denen man begegnen könnte.

Ich habe Jungen sehr lange bewusst vermieden. Dabei hatte ich nie Angst, dass ich einem Jungen gegenüber übergriffig werden könnte. Es ging für mich eher darum, mich nicht noch einmal zu verlieben. Gegen Ende meiner Schulzeit gab es eine unglückliche, gänzlich unerfüllte Liebe aus der Ferne. Das hatte einfach zu weh getan. Ich wollte nie mehr so leiden.

Einige der Umstände, die in den Artikeln geschildert werden, sind aus meiner Sicht gelinde gesagt bedenklich. Eine Aktion wie die Vermessung des Geschlechtsteile der Jungen in einem Trainingscamp etwa, im Grunde aber die ganze Struktur als Fußballtrainer, um die herum er sich sein Leben aufgebaut hat. So eine Struktur verleiht Macht und auch wenn man sie nicht missbrauchen will und subjektiv nicht den Eindruck hat, es zu tun, kann es sein, dass der andere Dinge tut oder Dingen zustimmt, denen er normalerweise nicht zugestimmt hätte.

Ich nehme es „S.“ ab, wenn er sagt: „Ich will keinem Buben Schaden zufügen. Ich wollte ja nie einen ins Gebüsch zerren“ oder „Die ganze Zeit, als die Buben und ich zusammen waren, bin ich überzeugt, dass ich sie lieb gehabt habe und sie mich auch gern hatten“ oder „Er war meine große Liebe, und ich glaube, dass er mich sehr, sehr gern gehabt hat.“

Aber es ändert nichts daran, dass sich einige der Jungen heute missbraucht fühlen.

Für mich sind sie die Richter, auf die es ankommt.

Es gibt eine Strömung innerhalb der pädophilen Community, die sich auf den Standpunkt stellt, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kinder unter keinen Umständen ethisch vertretbar sind. Vertreter sind Seiten und Projekte wie „Schicksal und Herausforderung„, „Gemeinsam statt allein„, „Kinder im Herzen“ oder „Wir sind auch Menschen„. Ich fühle mich dieser Strömung nicht zugehörig, respektiere sie aber. Der Fall in Österreich zeigt für mich einmal mehr, warum sie ihre Berechtigung hat.

Wer einen sexuellen Kontakt zu einem Kind eingeht, setzt das Kind damit Risiken aus, auch dann, wenn die Beziehung wirklich einvernehmlich und beiderseitig gewollt ist. Die Beziehung muss geheim gehalten werden – eine Belastung. Wenn die Sache auffliegt und der Freund verhaftet wird, kann das in mehrfacher Hinsicht traumatisierend sein, vom verlorenen Glück einer als schön erlebten Beziehung, Scham gegenüber den Eltern, Schuldgefühlen gegenüber dem verhafteten Freund, bis zum Mobbing auf dem Pausenhof.

Und auch wenn es zu all dem nicht kommt, kann die kognitive Dissonanz zwischen positivem Erleben und einer extrem scharfen gesellschaftliche Ächtung dazu führen, dass irgendwann die Interpretation als Missbrauch obsiegt und zu einer nachträglichen Traumatisierung führt.

Es reicht nicht, nur Gutes zu wollen. Es kommt auch auf das Ergebnis an. Im Ergebnis fühlen sich die Jungen von damals heute missbraucht. Deshalb unterstelle ich dem Mann keinen schlechten Charakter. Aber er ist gescheitert. Und sein Scheitern ist abschreckend.

Es wäre weniger abschreckend, wenn der Mann offensichtlich ein Drecksack wäre, dem egal war, wie die Jungs sich fühlen. So war es aber gerade nicht. In einem der Jungen sah er gar die Liebe seines Lebens. Hier geht es nicht um das Scheitern eines ganz anderen, mit dem man überhaupt nicht vergleichbar ist und das deshalb nicht übertragen werden kann. Es ist für mich kein Scheitern, das nichts bedeutet und einfach ignoriert werden kann.

Von einem anderen Scheitern, über dessen Details weniger bekannt ist, habe ich über die einen Faktencheck von Correctiv erfahren. In den sozialen Medien war behauptet worden, der „UNO-Chef für Kinderrechte“ sei wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Tatsächlich gibt es so eine Position nicht.

Bei dem Mann, um den es geht, handelt es sich um Peter Newell aus Großbritannien, der tatsächlich ein bekannter Kinderrechtsaktivist und einer der Gründer einer globalen Initiative zur Beendigung von Körperstrafen gegen Kinder war. Unter anderem schrieb er auch zusammen mit seiner Frau, Rachel Hodgkin, ein von der Unicef veröffentlichtes Implementations-Handbuch zu den Rechten des Kindes.

Newell wurde 2018 im Alter von 77 Jahren zu sechs Jahren und acht Monaten verurteilt, weil er zwischen 1965 und 1968 sexuelle Kontakte zu einem anfangs 12-jährigen Jungen hatte. In einem Bericht der BBC heißt es (eigene Übersetzung):

Newell bekannte sich am 2. Januar in zwei Anklagepunkten wegen schweren sexuellen Übergriffen zwischen Mai 1966 und Mai 1968 und drei Anklagepunkten wegen unsittlicher Übergriffe zwischen Mai 1965 und Mai 1968 schuldig.

Bemerkenswert ist für mich vor allem, dass es 50 (!) Jahre nach der Tat zu einer Verurteilung kam. Normalerweise dürfte es nach 50 Jahren keine Chance mehr geben, so eine Tat nachzuweisen. Ich kann mir die Verurteilung nur aufgrund des Geständnisses erklären.

Meine Vermutung (!) ist, dass es einen ähnlichen Hintergrund geben könnte wie im Fall des österreichischen Fußballtrainers, dass also Newell das Geschehene für einvernehmlich hielt und gestanden hat, weil er bereit war, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, als sich herausstellte, dass der Junge sich (inzwischen?) missbraucht fühlt.

Natürlich wäre mir lieber, ich könnte mit anderen Geschichten aufwarten, die Hoffnung machen, dass die Liebe gelingen kann. Es gibt solche Geschichten. Die Webseite Jumima ist ein Archiv in dem echte Erfahrungsberichte über intime Beziehungen zwischen Männern und Jungen gesammelt werden. Es werden dort ausschließlich Berichte aufgenommen, die zumindest teilweise positiv geschildert sind und in denen die Sicht des Jungen im Vordergrund steht. Aktuell enthält sie 209 Berichte von Jungen.

Aber es gibt eben auch Geschichten ohne Happy End. Sie sind besonders schwierig, wenn es am eindeutigen Bösewicht fehlt. Ich denke man muss sie ernst nehmen und sollte nicht die Augen zumachen, wenn es unangenehm wird.

6 Kommentare zu „Geschichten des Scheiterns

  1. Och Schneei….

    >Einige der Umstände, die geschildert werden, sind gelinde gesagt bedenklich.[…] im Grunde aber die ganze Struktur als Fußballtrainer, um die herum er sich sein Leben aufgebaut hat. So eine Struktur verleiht Macht […]

    Da kannst du „Fußballtrainer“ auch durch „Erwachsener“ ersetzen. Die Tätigkeit als Trainer des Kindes ist ja eigentlich nur die Kirsche obendrauf gewesen – der Mann hatte ja allein schon durch seine Position als Erwachsener mehr Macht als das Kind. Und schwupps, da sind wir beim strukturellen und Erwachsenen-Kind-Beziehungen inhärent innewohnenden Machtgefälle.

    >[…] und auch wenn man sie nicht missbrauchen will und subjektiv nicht den Eindruck hat, es zu tun, kann es sein, dass der andere Dinge tut oder Dingen zustimmt, denen er normalerweise nicht zugestimmt hätte.

    Ja.

    >Es reicht nicht, nur Gutes zu wollen. Es kommt auch auf das Ergebnis an.

    Richtig.

    Und nun?

    Die Erkenntnis, die du aus dieser Geschichte ziehst, halte ich eigentlich für eine Selbstverständlichkeit. Und sie ändert an meiner Sichtweise auf SUH und Co nichts. Denn: Es macht immer noch einen gewaltigen Unterschied, ob man sagt, dass man sich persönlich dazu entschieden hat, auf Sexualkontakte mit Kindern zu verzichten, weil man das Risiko für zu hoch hält (sei es wegen der Gefahr der Sekundärviktimisierung oder sei es, weil man sich selbst nicht zutraut, seine Position bzw. das Kind nicht doch irgendwann zu missbrauchen) – oder aber ob man behauptet, sexuelle Handlungen mit Kindern seien *unter keinen Umständen* ethisch vertretbar, niemals, für niemanden.

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  2. „Die Tätigkeit als Trainer des Kindes ist ja eigentlich nur die Kirsche obendrauf gewesen“

    Das sehe ich anders.

    Der Punkt ist, wie gut oder schlecht sich ein Kind einer ungewollten Situation entziehen kann. Jemand der unbedingt im Verein Fussball spielen will, kann sich dem übergriffigen Fussbaltrainer nur schwer entziehen. Er muss dafür ein gefühlt „empfindliches Übel“ in Kauf nehmen, nämlich das Fussballspielen (im Verein) aufgeben.

    Einen „beliebigen“ Erwachsenen kann sich ein Kind leichter entziehen, wenn es die Verbindung (warum auch immer) nicht will. Es geht ihm einfach aus dem Weg. Das geht beim Fussballtrainer schlecht und in der Familie (bei einem Vater, einem Onkel odr einer Tante) so gut wie gar nicht.

    Deshalb sind diese Verhältnisse anfälliger für Machtmissbrauch (auch solchen, der nicht beansichtigt ist).

    „der Mann hatte ja allein schon durch seine Position als Erwachsener mehr Macht als das Kind“

    Ein Erwachsener hat mehr Handlungsoptionen, aber nicht per se Macht über ein (fremdes) Kind. Das schließt natürlich nicht aus, dass er sich die Macht anmaßt. Aber die Funktion als Trainer (oder Lehrer oder Sozialarbeiter, …) verleiht Macht über die andere, angeleitete Person.

    „Und nun? Die Erkenntnis, die du aus dieser Geschichte ziehst, halte ich eigentlich für eine Selbstverständlichkeit.“

    Glaubst du denn, dass sie für JEDEN Pädo eine Selbstverständlichkeit ist?

    „Es macht immer noch einen gewaltigen Unterschied, ob man sagt, dass man sich persönlich dazu entschieden hat, auf Sexualkontakte mit Kindern zu verzichten, weil man das Risiko für zu hoch hält (sei es wegen der Gefahr der Sekundärviktimisierung oder sei es, weil man sich selbst nicht zutraut, seine Position bzw. das Kind nicht doch irgendwann zu missbrauchen) – oder aber ob man behauptet, sexuelle Handlungen mit Kindern seien *unter keinen Umständen* ethisch vertretbar, niemals, für niemanden.“

    Da stimme ich dir zu. Ich mache mir die Position von SuH und Co auch nicht zu eigen. Wie geschrieben: „Ich fühle mich dieser Strömung nicht zugehörig“.

    Ich halte ich es durchaus für möglich, dass eine Beziehung gelingen kann. Es gibt auch Belege für gelungene Beziehungen. Ich habe auch auf ein entsprechendes Archiv verlinkt.

    Vor allem aber halte ich es für eine moralische Pflicht, sich auf die Seite des Kindes zu stellen, wenn es freiwillig in einer Beziehung mit einem Mann oder einer Frau ist. Dann gilt es sein / ihr Glück und seine / ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verteidigen. Alles andere ist aus meiner Sicht unmoralisch.

    Da selbstbestimmte Sexualität von Kindern im Denken von SuH nicht vorkommt, bzw. jedenfalls in den niedergelegten Grundsätzen und Regeln keine Rolle zu spielen scheint, kann ich nicht zu dieser Gruppierung gehören.

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    1. >Der Punkt ist, wie gut oder schlecht sich ein Kind einer ungewollten Situation entziehen kann.

      Ja, das verstehe ich schon. Aber ist das nicht immer schwierig? In der Regel werden Erwachsener und Kind ja immer in irgendeiner „Art von Beziehung“ stehen, die über eine „reine“ Liebes/Sexbeziehung hinausgeht. Irgendwie und irgendwo lernt man sich ja erstmal kennen. Und dann kommt das, was die Gesellschaft gerne „Grooming“ nennt. Man spielt zusammen, unternimmt was zusammen, entwickelt Vertrauen…
      Das Verhältnis ist dann nicht so formalisiert wie in einem Fußballverein, aber trotzdem *könnte* es aus Sicht des Kindes irgendwann so aussehen: „Wenn ich jetzt nicht diesen sexuellen Handlungen zustimme, dann…“ Und für „…“ kann man nun Beliebiges einfügen: Dann kann ich nicht mehr im Verein spielen, dann unternimmt der Erwachsene nichts mehr mit mir, dann hört er auf, mich zu mögen oder ist mir böse…

      Die vielen Handlungsoptionen des Erwachsenen konstituieren Macht. Einen Erwachsenen zu verärgern oder gar zu verlieren ist im Vergleich schwerwiegender als einen mehr oder weniger „ebenbürtigen“ Gleichaltrigen.

      Oder? Ich weiß nicht, vielleicht haben wir ja auch andere Definitionen von Macht. Aber meiner Meinung nach lässt sich das Machtgefälle eigentlich nicht wegreden und auch nicht vollends überwinden, nur über das Ausmaß könnte man streiten.

      Daher wäre meine „Lösung“ eher, zu sagen, dass dieses Machtgefälle nicht unbedingt eine Rolle spielt, gegeben die richtigen Voraussetzungen. Zu diesen Voraussetzungen zähle ich dann weniger das Sich-entziehen-können des Kindes, sondern mehr solche Punkte wie Respekt vor dem Kind, Achtung der Wünsche des Kindes und das „Kindeswohl“ als oberste Priorität.
      Bezogen auf Sexuelles würde daraus für mich dann folgen: Nur, wenn das Kind will, und zwar wirklich will. Der Erwachsene muss sich sicher sein können, dass es das nicht einfach nur macht, weil es sich aus irgendwelchen Gründen dazu genötigt oder verpflichtet fühlt. Im Zweifelsfall lässt man es bleiben, in keinem Fall stellt man die eigenen Wünsche über die des Kindes. Außerdem muss man dem Kind vermitteln, dass das alles völlig unverbindlich ist und aus einer Ablehnung eben nicht folgen würde, dass man das Kind dann nicht mehr mag. „Alles darf, nichts muss.“
      Und die Gesellschaft müsste halt eine andere sein, das käme auch noch dazu…

      >Glaubst du denn, dass sie für JEDEN Pädo eine Selbstverständlichkeit ist?

      Naja, fast ein jeder (von uns) hat wohl irgendwann mal Lolita gelesen. Aber ich meine auch außerhalb vom Pädo-Thema: Menschen meinen es gut und scheitern grandios, immer, überall, in jedem Kontext. Diese Problematik ist ja nicht etwas, mit dem nur wir uns auseinandersetzen müssten.
      Was ich anerkennen würde: Bei uns können die Konsequenzen des Scheiterns ungleich größer sein. Wer sich an eine Frau ranmacht, im Irrglauben, diese wolle das auch – der kriegt halt ne Ohrfeige und lernt hoffentlich direkt daraus. Ein Kindesmissbrauch, der vom Erwachsenen nicht als solcher wahrgenommen wird, könnte sich dagegen viel einfacher über Jahre ziehen und über Jahre hinweg Schaden anrichten.
      Auch in einer Welt, so wie ich sie mir erträumen würde, wäre einem Pädo immer noch sehr viel abverlangt. Allen voran auch kritische Selbstreflexion und eben das Zurückstellen der eigenen Wünsche.
      Aber unmöglich ist das natürlich nicht.

      >Da stimme ich dir zu. Ich mache mir die Position von SuH und Co auch nicht zu eigen. Wie geschrieben: „Ich fühle mich dieser Strömung nicht zugehörig“.

      Ja, aber du respektierst sie! Das finde ich schon komisch. 😛

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      1. >Ja, das verstehe ich schon. Aber ist das nicht immer schwierig?

        Ja, ist es. Im Grunde ist das der Punkt. Man sollte sich der Schwierigkeit (wenigstens) bewusst sein.

        Mit gefällt übrigens dein ganzer Kommentar. Danke dafür! 🙂

        >Ich weiß nicht, vielleicht haben wir ja auch andere Definitionen von Macht. Aber meiner Meinung nach lässt sich das Machtgefälle eigentlich nicht wegreden und auch nicht vollends überwinden, nur über das Ausmaß könnte man streiten.

        Das Machtgefälle ist nicht immer so eindeutig.

        Lies dir mal das „Beispiel Richard“ aus meinem Artikel „Festtag der Befreiten“ durch.

        https://paedoseite.home.blog/2019/06/28/festtag-der-befreiten/

        Ich habe zum Thema Macht auch einiges im Artikel „Sexualwissenschaftler mit Augenklappen“ geschrieben.

        https://paedoseite.home.blog/2019/04/22/sexualwissenschaftler-mit-augenklappen/

        Dazu noch einige der Zitate aus dem Blog:

        —————————

        > Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen, und wo die Macht den Vorrang hat, da fehlt die Liebe. Das eine ist der Schatten des andern. (C. G. Jung)

        > Wer liebt, herrscht ohne Gewalt und dient, ohne Sklave zu sein. (Zenta Mauriņa)

        > Es gibt immer einen Besiegten in der Liebe: den, der mehr liebt. (Franz Blei)

        —————————

        > Aber ich meine auch außerhalb vom Pädo-Thema: Menschen meinen es gut und scheitern grandios, immer, überall, in jedem Kontext. Diese Problematik ist ja nicht etwas, mit dem nur wir uns auseinandersetzen müssten. Was ich anerkennen würde: Bei uns können die Konsequenzen des Scheiterns ungleich größer sein. (…) Auch in einer Welt, so wie ich sie mir erträumen würde, wäre einem Pädo immer noch sehr viel abverlangt. Allen voran auch kritische Selbstreflexion und eben das Zurückstellen der eigenen Wünsche. Aber unmöglich ist das natürlich nicht.

        Ich teile deine Auffassung. Mit geht es um einen möglichst realistischen Blick auf die Welt. Dazu gehören eben auch die ganzen Schwierigkeiten. Die Gefahr mit seiner Liebe zu scheitern ist wegen des extrem negativen gesellschaftlichen Klimas erhöht. Sie betrifft nicht nur einen selbst. Und die negativen Konsequenzen können größer sein als in normkonformen Beziehungstypen. Aber: es gibt nicht nur ein Scheitern. Liebe ist, auch wenn man Fehler macht, in aller Regel „hinreichend gut“.

        https://paedoseite.home.blog/2019/10/03/die-hinreichend-gute-mutter/

        > Ja, aber du respektierst sie! Das finde ich schon komisch.

        Sie haben einen Grund, warum sie so denken wie sie denken und der scheint mir auch nicht völlig abwegig.

        Ich mag die Dinge anders sehen, aber deshalb steht es mir nicht zu den Lebensentwurf und die Überzeugungen anderer Menschen völlig zu verwerfen.

        Als Pädos sind sie in der selben schwierigen Lage wie wir. Und haben für sich eine andere Lösung gefunden. Ich finde es auch nicht so schwierig, Menschen zu respektieren, die nichts Böses wollen.

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  3. >Die Gefahr mit seiner Liebe zu scheitern ist wegen des extrem negativen gesellschaftlichen Klimas erhöht.

    Auf jeden Fall. Das lag mir auch schon auf der Zunge, ich habe dann aber in einem einzigen Kommentar nicht noch mehr schreiben wollen.
    Und auch, wenn man mal Gesetz und Sekundärviktimisierung nicht in den Fokus nimmt – allein schon dieses Klima der Angst, wenn man als Pädo überhaupt irgendwo etwas „privates“ schreibt. Wenn das nicht wäre…

    Erwachsene, die möglichst gute Eltern sein wollen und dabei sehr motiviert sind, setzen sich vielleicht auch mal zusammen, tauschen sich darüber aus, wie sie ihre Kinder erziehen, holen sich Tipps, auch aus Büchern, sprechen über ihre Probleme.
    Aber ist man pädophil, ist guter Rat teuer. Möchte man über eine Beziehung reden, fragt sich immer erstmal mit wem und wie viel man überhaupt preisgeben darf. Selbst, wenn man gar nichts gesetzlich Verbotenes getan hat. Es ist sehr schwierig.

    >Ich mag die Dinge anders sehen, aber deshalb steht es mir nicht zu den Lebensentwurf und die Überzeugungen anderer Menschen völlig zu verwerfen.

    Die können ihr Leben ja schon so leben, wie sie wollen, da habe ich an und für sich auch nichts gegen. Problematisch (um es mal milde auszudrücken) finde ich es aber, wenn sie diesen Lebensentwurf dann zum einzig richtigen erklären und sich anderen Lebensentwürfen damit aktiv in den Weg stellen.

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  4. Ein Faktor, den man vielleicht auch bedenken sollte, ist die Verzerrungswirkung von Entschädigungszahlungen. Wenn diese in ihrer Wahrscheinlichkeit und Höhe von der Wahrnehmung einer Traumatisierung bzw. deren Schweregrad abhängen, werden sich die entsprechenden Selbstdarstellungen auch bewusst oder unbewusst in Richtung Traumatisierung verschieben. Wenn ich Menschen dafür bezahle, dass sie sich öffentlich als geschädigtes Opfer begreifen, dann begreifen sich auch mehr Menschen stärker öffentlich als Opfer.

    Man muss übrigens auch nicht alles übers Strafrecht regeln. Man könnte z.B. in den Vertrag, den ein Trainer mit einem Fußballverein hat, reinschreiben, dass sexuelle Kontake mit den Spielern während der Vertragslaufzeit nicht erlaubt sind, mit zivilrechtlichen Sanktionen im Fall von Verstößen. Dann könnten Spieler bzw. deren Eltern auf diese Klausel bestehen, um ein sexuelles Machtgefälle zu verhindern. Das Problem mit solchen Machtsituationen hängt übrigens nicht vom Alter ab, sondern besteht auch generell unter Erwachsenen, vgl. #metoo

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