Pädophilie ist gesellschaftlich geächtet. Handlungen im Umfeld pädophilen Begehrens sind umfassend juristisch unter Strafe gestellt, also kriminalisiert.
Aber so verhielt es sich nicht immer.
Pädophilie im Wandel der Zeit
Päderastische Beziehungen waren im antiken Griechenland, das immerhin gemeinhin als die Wiege der westlichen Zivilisation angesehen wird, allgemein praktiziert und institutionalisiert. Ein zentraler Aspekt einer päderastischen Beziehung war die pädagogische Zielrichtung. Der älteren Beziehungspartner, der Erastes („Liebender“) sollte dem jüngeren, in der Regel zwischen 12 und 18 Jahre alten Beziehungspartner, dem Eromenos („der geliebt wird“ bzw. „Geliebter“) zu „männlicher Tugend und sittlicher Tadellosigkeit erziehen“. Nach Platon bestanden die Ziele der Verbindung darin, „den Pais (Knaben) weise und gut zu machen, in Vernunft und der übrigen Tugend zu fördern, Bildung und die übrige Weisheit zu vermitteln“. Die sexuelle Komponente war als „Belohnung“ des Mentors für die Bildung und Erziehung des Jungen legitimiert. Der Ältere brachte Aufmerksamkeit, Zuneigung, Wissen, Erfahrung und Kontakte in die Beziehung ein und erhielt dafür Bewunderung und sexuelle Zuwendung.
Wichtigste Anbahnungsorte für päderastische Beziehungen waren die Palästra, der Sportplatz, sowie das Gymnasion, wo sich sich Männern Möglichkeiten boten, Kontakte zu einem Jugendlichen zu knüpfen und ihn mit Hilfe von Geschenken zu umwerben. Üblich waren insbesondere Tiergeschenke. Geld wurde zwar teilweise als Geschenk angeboten, eine Annahme durch den Jugendlichen galt jedoch als unehrenhaft. Umworben zu werden verlieh Status, keinen Verehrer zu haben, war ein Makel.
Dabei war Freiwilligkeit wesentlich. Der Junge entschied selbst, ob er seinen Verehrer erhörte. Dies macht natürlich auch vor dem Hintergrund der pädagogischen Zielrichtung Sinn. Ein unwilliger Schüler lernt schlecht. Nach der päderastischen Phase folgte in der Regel eine lebenslange Freundschaft. Es blieb ein familienähnliches Band, das das soziale Netzwerk erweiterte.
Päderastische Beziehungen standen grundsätzlich allen Bürgern offen, nicht jedoch Sklaven und Fremden. Wegen des hohen Zeitaufwands und der wiederholten Schenkungen war die Päderastie in erster Linie ein Privileg der Oberschicht.
Die Umdeutung des Machtgefälles
Die altersbedingt physisch-psychische Überlegenheit der Beziehungspartner, die heute im Gewand des Machtgefälles das Argument schlechthin ist, um die moralische Verdorbenheit einer solchen Beziehung im Sinne sexuellen Missbrauchs zu erklären, hat unter den Griechen gerade den hohen moralischen Wert der Beziehung im Sinne eines Mentorenverhältnisses ausgemacht und dieses erst ermöglicht.
Während die Knabenliebe die Liebe eines Mannes zu einem Jungen eindeutig gesellschaftlich akzeptiert war und teilweise sogar institutionalisiert und gefördert wurde, wurden homosexuelle Beziehungen zwischen Partnern gleicher Stellung und gleichen Alters als nicht wünschenswert eingestuft. Sie waren mit dem Makel des Weibischen verbunden, wurden aber in der Regel wohl zumindest toleriert.
Kriminalisierung und Pathologisierung
Heute gibt es aufgrund der in den letzten Jahrzehnten immer stärker gewordenen Skandalisierung, Tabuisierung und Kriminalisierung für die allermeisten Menschen keine andere Denkmöglichkeit mehr als die Einstufung jeglichen sexuellen Kontakts zwischen einem Erwachsenen und einem Kind als sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch.
Dies wirkt nicht nur auf die „Täter“, sondern auch auf die „Opfer“.
Das kann man im aktuellen Fall zu Michael Jackson in „Leaving Neverland“ sehr gut ablesen.
Der Fall Jackson
Beide, Robson und Safechuck, betonen, dass die sexuellen Begegnungen, die sie mit Michael Jackson hatten, immer zärtlich und nie gegen ihren Willen verlaufen seien. Auch das ist eine Vorstellung, die der Zuschauer erst in seinem Kopf zurechtrücken muss. Die Jungen glaubten, der Sex gehöre zu dieser „besonderen Freundschaft“, und es betrübte sie eher, wenn er nicht sofort stattfand. Schon früh impfte ihnen Jackson ein, dass sie niemals etwas erzählen dürften. Ihr Freund würde sonst für den Rest seines Lebens ins Gefängnis gehen und die Jungen auch, alles wäre zerstört. Das wollten die beiden auf keinen Fall.
„Es fühlte sich nie so an, als würde er mir etwas tun oder dass mir irgendwas Schlechtes passiert“, sagt Robson. „Ich habe Michael geliebt, Michael hat mich geliebt, das war eine Sache, die nur uns etwas anging. That’s it.“ Safechuck und Robson waren sich noch als Erwachsene sicher, dass sie ihr Geheimnis über Michael Jackson mit ins Grab nehmen würden.
„Neverland, Monsterland“ auf Spiegel Online
Wenn man der Sache inhaltlich gerecht werden will, muss man Missbrauch von der Geschlechterfrage und der Altersfrage trennen. Es geht bei Missbrauch nicht um Mann und Frau oder um Jung und Alt. Es geht darum, dass Menschen andere Menschen schlecht behandeln.
Robson und Safechuck, die sieben respektive vier Jahre lang mit Jackson zusammen waren, sagen übereinstimmend, dass ihre sexuellen Begegnungen, mit Michael Jackson immer zärtlich und nie gegen ihren Willen verlaufen sind und es sich nie so anfühlte, als würde er den Jungen etwas tun oder dass ihnen irgendwas Schlechtes passiert. Das hört sich nicht so an, als hätte Michael Jackson die beiden Jungen schlecht behandelt. Und wenn er sie nicht schlecht behandelt hat, dann müsste gelten, was auch Robson selbst schlußfolgerte: „Ich habe Michael geliebt, Michael hat mich geliebt, das war eine Sache, die nur uns etwas anging. That’s it.“
In der Logik von Anti-Mißbrauchsaktivisten führt sexualisierte Gewalt zum Zusammenbruch des Grundsicherheitsempfindens des Kindes und zum Verlust des Glaubens an die Welt als guten, vertrauenswürdigen, sicheren Ort. Behalten wir dies im Hinterkopf, wenn wir lesen, was Robson im Alter von 27 Jahren als Nachruf zum Tod von Michael Jacksons schrieb:
Michael Jackson hat die Welt und, was noch persönlicher ist, mein Leben für immer verändert. Er ist der Grund, warum ich tanze, der Grund, warum ich Musik mache, und einer der Hauptgründe, warum ich an die reine Güte der Menschheit glaube. Er ist seit 20 Jahren ein enger Freund von mir. Seine Musik, seine Bewegung, seine persönlichen Worte der Inspiration und Ermutigung und seine bedingungslose Liebe werden für immer in mir leben. Ich werde ihn unermesslich vermissen, aber ich weiß, dass er jetzt in Frieden ist und den Himmel mit einer Melodie und einem Moonwalk verzaubert.
Wade Robson zum Tod von Michael Jackson
Das hört sich nicht so an, als hätten der Kontakt mit Jackson (auch nicht der sexuelle) bei Robson zum Verlust des Glaubens an die Welt als guten, vertrauenswürdigen, sicheren Ort geführt. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Es lag also wohl keine sexualisierte Gewalt vor. Im Gegenteil erscheint Jackson (der Robson auch als Choreograph ausbildete und unterstützte) geradezu als ein Mentor und Päderast im klassisch griechischen Sinne.
Pathologisierung der Opfer
Warum also nun die Kehrtwende und posthume Anklage? Ein Aspekt mag das Geld sein, dass sich durch eine Zivilklage evtl. erstreiten lässt, ohne dem ehemals geliebten Menschen, der ja zum Glück nicht mehr davon mitbekommt, damit noch unmittelbar schaden zu können.
Ein anderer wesentlicher Aspekt ist aber die Pathologisierung der Opfer.
Jedweder sexuelle Kontakt eines Erwachsenen mit einem Kind wird kategorisch als sexueller Missbrauch und Seelenmord dargestellt.
Seelenmord ist aus meiner Sicht ein unsäglicher und schwer erträglicher Kampfbegriff, mit dem sexuelle Kontakte mit Kindern als schlimmer eingeordnet werden als Mord, das normalerweise schlimmstes mögliches Verbrechen, das ein Mensch begehen kann. Angeblich handelt es sich bei der sexuell motivierten berührung eines Kindes um nichts anderes als Mord an der gemeinhin als unsterblich angesehenen Seele. Damit bekommt Kindesmissbrauch eine geradezu satanische Dimension und kann bzw. muss mit religiösem Eifer bekämpft werden.
Der Ausdruck aktiviert aber nicht nur zur Verfolgung der (echten und vermeintlichen) Täter, sondern ist auch eine unfassbar brutale Herabwürdigung der (echten und vermeintlichen) Opfer, denn jemand dessen Seele ermordet wurde, ist seelenlos bzw. bleibt im besten Fall ein seelischer Krüppel.
Die „Opfer“ bzw. die jüngeren Partner einer pädophilen oder päderastischen Beziehung werden konsequent und für den Rest ihres Lebens pathologisiert.
Niemand verschwendet dabei einen Gedanken darauf, wie es die alten Griechen mit ihren angeblich gemeuchelten, verstümmelten und verkrüppelten Seelen fertig gebracht haben sollen, zur Wiege der westlichen Zivilisation zu werden.
Opfer auf Lebenszeit
Die gesellschaftliche Erwartungshaltung an den jüngeren Beziehungspartner einer pädophilen oder päderastischen Beziehung ist, dass er gefälligst ein Opfer zu sein hat. Als Opfer und NUR als Opfer, erhält er Anerkennung und Unterstützung.
Eine sexuelle Erfahrung, die der Junge vielleicht als schön erlebt hat, auf die er sich freiwillig eingelassen hat und die er vielleicht sogar zu wiederholen suchte, wird nachträglich von der Gesellschaft zur Seelenfolter erklärt. Was positiv als Fürsorge, Unterstützung, Vertrauen und Bestätigung erlebt wurde, wird von der Gesellschaft als Manipulation, Täuschung und Verrat hingestellt.
Natürlich bekommt jeder irgendwann mit, wie die Meinungen der Gesellschaft zu sexuellen Kontakten zwischen Kindern und Erwachsen ist. Menschen sind soziale Wesen und empfinden „Isolationsfurcht“. Sie wollen nicht isoliert sein. Die eigene, positive Erfahrung und Wahrnehmung ist nicht mit der extrem negativen Einstellung der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Die kilometerweite Kluft zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Erwartungshaltung der Gesellschaft kann zu einem Trauma führen, das auch das Vertrauen in sich selbst und in die Wahrhaftigkeit der eigenen Gefühle und Wahrnehmungen erschüttern kann. Was macht das mit einem Menschen?
Kognitive Dissonanz
Es bewirkt eine kognitive Dissonanz. Wenn zwei kognitive Elemente zueinander im Widerspruch stehen, sodass das eine in gewisser Hinsicht das Gegenteil des anderen ausdrückt, entsteht Dissonanz. Der Mensch befindet sich im Ungleichgewicht und ist bestrebt, wieder einen konsistenten Zustand – ein Gleichgewicht – zu erreichen.
Starke Dissonanz entsteht insbesondere bei einer Gefährdung des stabilen, positiven Selbstkonzepts, wenn also jemand Informationen bekommt, die ihn als dumm, unmoralisch oder irrational dastehen lassen. Kognitive Dissonanz motiviert Personen, die entsprechenden Kognitionen miteinander vereinbar zu machen, wobei unterschiedliche Strategien benutzt werden, wie beispielsweise Verhaltensänderungen oder Einstellungsänderungen. Falls nötig, werden die eigenen Überzeugungen und Werte geändert, was über temporäre Rationalisierungen weit hinausgeht.
Opferschutz auf Kosten der Opfer
Die unerbittliche Logik der Anti-Mißbrauchsaktivisten ist, dass ein Kind das Recht hat „Nein“ zu sagen, dass es aber kein Recht hat, „Ja“ zu sagen.
Zur Absicherung wurde das Konzept des wissentlichen Einverständnisses entwickelt: Kinder können danach gegenüber Erwachsenen keine gleichberechtigten Partner sein, weil sie ihnen körperlich, psychisch, kognitiv und sprachlich unterlegen sind. Deshalb können Kinder sexuellen Kontakten mit Erwachsenen nicht wissentlich zustimmen. Aufgrund des strukturellen Machtgefälles sei jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sexueller Missbrauch.
Das Kind muss also Opfer sein, koste es was es wolle. Diesem ehernen Prinzip wird im Zweifel sogar die geistige und seelische Gesundheit der Kinder geopfert.
Dabei müsste man es besser wissen.
Entmündigung statt Stärkung von Betroffenen
Aufschlussreich ist der Wikipedia-Artikel „Definitionsmacht (sexualisierte Gewalt)“. Danach soll es das Vorrecht von Betroffenen sexualisierter Gewalt sein, zu definieren, was sexualisierte Gewalt ist. Es geht darum, statt objektiver Kriterien das subjektive Erleben in den Mittelpunkt zu rücken. Das, was als sexualisierte Gewalt empfunden wird, ist somit auch sexualisierte Gewalt. Dies soll zum einen verhindern, dass Opfer unter Rechtfertigungsdruck geraten, wenn sie von sexualisierter Gewalt, die ihnen angetan wurde, berichten. Zum anderen kommen damit auch Formen sexualisierter Gewalt in den Blick, die nicht durch das Recht definiert sind. Soweit Wikipedia. Der Fokus liegt also hier darauf zu Erweitern, was als sexualisierte Gewalt gelten kann.
Wenn man Betroffenen ernsthaft das Recht zusprechen will, zu definieren, was nach ihrem subjektivem Erleben sexuelle Gewalt darstellt, dann muss Ihnen auch zugestehen zu definieren, was keine sexuelle Gewalt darstellt.
Konsequenzen
Wenn ein Erwachsener, der sich als Kind in einer auch sexuell gefärbten Beziehung, nicht missbraucht, sondern geschätzt und geliebt fühlte, auch noch als Erwachsener so über die gemeinsame Zeit denkt, dann ist er unter der geltenden Rechtslage dazu gezwungen, den Menschen, mit dem er sich einmal innig verbunden fühlte, durch dauerhaftes Schweigen zu schützen – unter Inkaufnahme aller damit verbundenen emotionalen Belastungen.
Das kann nicht richtig sein.
Wenn ein Betroffener eine Handlung, die juristisch als sexueller Missbrauch definiert ist, subjektiv nicht als Missbrauch wertet, dann liegt auch keine sexuelle Gewalt vor. Wenn diese nicht vorliegt, gibt es kein Unrecht und wenn kein Unrecht vorliegt, sollte es auch keine Strafe geben. Gibt es keine Strafe, dann entfällt ein großer Teil des Zwangs, über das Erlebte schweigen zu müssen.
Hieraus ergibt sich meines Erachtens zwingend, dass – jedenfalls ab dem Moment, in dem der Betroffene volljährig geworden ist – ein sexueller Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen nicht mehr von Amts wegen, sondern nur noch auf Antrag des Betroffenen hin verfolgt werden sollte.
Auch wenn es sicherlich auf absehbare Zeit bei der allgemeinen Strafbarkeit sexueller Kontakte mit Kindern bleibt, ist es nicht hinnehmbar, dass vermeintliche Opfer in jedem Fall konsequent und ohne Rücksicht auf ihr subjektives Erleben und ihre Gefühle pathologisiert werden.