Vom Hölzchen zum Stöckchen zum innersten Kern

Das Hölzchen

Pädophilie ist ein beliebtes, wiederkehrendes Thema für Tatorte und andere Kriminalserien. Selbstverständlich kommt der Pädo in der Regel nicht sonderlich gut weg. Pervers und abartig, rücksichtslos und gefährlich. In einem Krimi muss schließlich irgendwer über Leichen gehen.

Das trägt natürlich seinen Teil zum katastrophalen Bild bei, das sich die Öffentlichkeit von Pädophilen macht. Pädophile kennt man primär aus Nachrichten über Straftaten und aus Berichten über erfundene Straftaten in Büchern und Fernseh-Sendungen. Also gelten Pädophile als Täter. Als Kinderschänder. Als Zeitbombe.

Woher sonst könnte das Bild vom Pädophilen auch kommen? Es kennt ja niemand einen Pädophilen aus erster Hand.

Einem Schwarzen, einem Moslem oder einem Homosexuellen kann man durchaus im realen Leben begegnen und nicht selten stellt sich dann heraus, dass man sich ein falsches Bild von der Gruppe gemacht. So werden Vorurteile abgebaut. Wo eine Begegnung nicht stattfndet, werden Vorurteile konserviert und schaukeln sich potentiell sogar hoch. Es gibt zum Beispiel eine interessante Analyse der FAZ, die den Ausländeranteil der Wahlkreise und das Wahlergebnis der AfD gegenüberstellt. Ergebnis: AfD-Wähler kennen gar keine Ausländer.

Einem Pädo kann man nicht begegnen. Pädophilie ist so stark geächtet, dass Pädophile gezwungen sind, ihre Neigungen sogar im engsten Freundeskreis und in der Familie zu verheimlichen. Bei Bekanntwerden droht der soziale Tod, die vollständige gesellschaftliche Isolation bis hin zu Scheidung, Job- und Wohnungsverlust.

So bleiben neben Berichten über schlimme Gewaltverbrechen also Krimis eine zentrale Informationsquelle.

Meist schaue ich mir sowas gar nicht an, zumal ich ohnehin kein Freund von Krimis bin. So geschah es auch beim letzten Tatort, der am vergangenen Wochenende ausgestrahlt wurde. Allerdings bin ich auf einen Bericht über den Tatort auf Spiegel Online gestoßen, in dem der folgende Dialog wiedergegeben wird:

Kommissar Berg: „Der Typ könnte jeder sein. Durchschnittlicher Mann, der auf Teenager steht.“
Kommissarin Tobler: „Teenager ist eins der meistgesuchten Wörter auf Pornoseiten. Ich finds zum Kotzen: Erwachsene Männer, die nackte Mädchen gucken.“
Berg: „Es gibt auch erwachsene Frauen, die nackte Jungs angucken.“
Tobler: „Selten.“
Berg: „Na ja, ist das Reiz-Reaktions-Schema, die meisten Menschen finden junge Körper interessant.“
Tobler: „Na, dann finde ich unsere Biologie auch zum Kotzen.“

Das Stöckchen

Dieser Kommentar zeigt ein Grundproblem auf. Täter von pädokriminellen Straftaten sind in der Regel gar keine Pädophilen.

Davon gehen nach vorsichtigen Schätzungen etwa 90 % der sexuellen Missbrauchsfälle auf sogenannte regressive Täter zurück, deren primäre sexuelle Präferenz auf Erwachsene gerichtet ist. Aufgrund der leichten Verfügbarkeit von Kindern greifen sie zur sexuellen Befriedigung auf Kinder zurück. Man spricht deshalb auch von einem Ersatzobjekttäter. Der pädophile Typ folgt mit etwa 2 bis 10 % an zweiter Stelle und zählt zum sogenannten fixierten Typus.

Abschnitt Tätertypologie des Wikipedia-Artikels „Sexueller Missbrauch von Kindern

Trotzdem schrieb Spiegel Online (wie man an einem Änderungshinweis erkennen kann) in seinem Artikel zuächst von einem „pädophilen“ Täter. Dies wurde später korrigiert. Im Änderungshinweis wird erläutert, wie Pädophilie klinisch definiert ist und dass im Tatort sexueller Mißbrauch von Kindern thematisiert werde.

Beim Tatort-Täter handelt es sich also wohl um einen Ersatztäter, jemanden, der ein erfülltes Sexualleben mit einem erwachsenen Partner haben könnte, der aber zwecks Machtausübung oder Verfügbarkeit auf ein Kind zurückgegriffen hat. Aus meiner Perspektive ist das verwerflich und Ausdruck einer charakterlichen Schwäche.

Der Kern

Jemand, der ein Kind nicht wie ein Pädo wegen seiner Anziehungskraft, sondern als Ersatztäter wegen seiner Schwäche bevorzugt, wird das Kind viel eher schlecht und rücksichtslos behandeln (= missbrauchen), als dies ein Pädophiler tun würde, der sich in ein Kind verliebt: jemandem, in den man verliebt ist, möchte man nichts Böses.

Es gibt dann natürlich eine starke sexuelle Komponente, aber ein Pädophiler neigt so wenig zu Vergewaltigungen, wie der durchschnittliche hetero- oder homosexuelle Mann dies tut. Es gibt heterosexuelle Vergewaltiger und es gibt leider Gottes auch pädophile Vergewaltiger. Aber beides ist nicht die Regel, sondern die krasse Ausnahme.

Der Mensch auf den man fixiert ist, ist normalerweise der Angebetete. Ein Pädo würde den Jungen, für den er schwärmt so wenig etwas antun wollen, wie ein Gläubiger den eigenen Tempel niederzubrennen wünscht. Natürlich manipuliert auch ein Pädo den Menschen, in den er sich verliebt. Aber so wie andere Verliebte auch, indem er ihn umwirbt, nicht um ihn auszunutzen und zu schädigen, sondern weil er liebt und zurückgeliebt werden möchte.

Ein Junge, der in eine Beziehung mit einem Pädo gerät, hat gute Chancen sich geliebt zu fühlen. Weil er tatsächlich geliebt wird.

Deshalb muss es noch lange nicht zu einem sexuellen Kontakt kommen. Es gibt Pädophile, die Sex mit Kindern grundsätzlich ablehnen. Trotzdem kann es auch zu sexuellen Kontakten kommen, die ich persönlich nicht als Missbrauch einstufen würde.

Sex an und für sich ist etwas Schönes. Es gibt Jungen, die schwul sind und es gibt in der Pubertät auch eine Phase in der homosexuelle Praktiken insgesamt deutlich verbreiteter sind. Die Neugier und Experimentierfreude ist größer und es ist für die meisten Menschen auch aufregend und anregend begehrt zu werden.

Selbst wenn ein Junge nicht allzu interessiert an einem gleichgeschlechtlichen sexuellen Kontakt ist, ist die sexuelle Erregbarkeit im Jugendalter meist noch um einiges höher und auch flexibler als im Erwachsenenalter. Die sexuelle Komponente kann dann auch ein „Geschenk“ sein, dass den Jungen zwar selbst nicht freut, ihn nach seinem Gefühl aber auch nichts kostet und das er gerne gibt, weil er sich dem Älteren eng verbunden fühlt und weiß, dass es für den Beschenkten kostbar ist.

Ein freiwilliger und einvernehmlicher wiederholter Kontakt ist da nicht so abwegig, wie es vielleicht zunächst erscheinen mag.

Vielleicht ist er es aber doch. Denn zumindest der letzte Teil fußt nicht auf eigenem Erfahren, sondern lediglich auf Überlegungen, die mir plausibel scheinen und an denen ich mich festhalten kann in den vielen einsamen Nächten, die sich endlos aneinander reihen und aus denen mein Leben besteht.

Natürlich sehne ich mich danach einmal mit einem Menschen zärtlich und intim sein zu dürfen, der mich sexuell anspricht. Ich muss mir die Hoffnung bewahren, dass das irgendwann in meinem Leben möglich sein könnte, egal wie klein diese Hoffnung auch sein mag. Wenn es in meinem Leben schon keine Liebe gibt, muss ich mich wenigstens vom Traum der Liebe ernähren.

Der innerste Kern

Ist meine Pädophilie ein Schaden? Eigentlich nein. Ich weiß, was ich fühle und ich weiß, dass ich niemandem etwas Schlechtes will. Dass ich liebevoll und zärtlich sein würde, wenn ich es sein dürfte. Daran, dass ich es nicht sein darf, ist nicht meine Pädophilie schuld, sondern die Umstände einer Welt, in der Pädophilie keinen Platz hat. Aber eine Wunde ist sie doch. Wenn ich sachte drauf drücke, rollen die Tränen aus meinen Augen.

2 Kommentare zu „Vom Hölzchen zum Stöckchen zum innersten Kern

  1. Ich vermute du meinst diie Angabe zu der Verteilung der Täter auf Ersatztäter und Pädophile.

    Meine Quelle dafür war der Wikipedia-Artikel, der direkt unter dem Zitat verlinkt ist. Im Wikipedia-Artikel ist der Abschnitt, um den es geht, mit der Fußnote 13 versehen. Der zeigt wiederum auf Stangl, W. (2019). Formen des Missbrauchs. [werner stangl]s arbeitsblätter. Link dazu:
    https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MISSBRAUCH/MissbrauchFormen.shtml#Taeter

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