„Es kann nichts Schlimmeres geben, als Fotos von Minderjährigen im Internet zu verbreiten“

Das in der Überschrift wiedergegeben Zitat stammt von dem Rechtsanwalt Markus Schließ, der als Datenschutzexperte vom Spiegel zu einer Gerichtsentscheidung in den Niederlanden befragt wurde. Das Zitat ist dem Spiegel-Bericht über den Fall entnommen.

Meine Reaktion beim Lesen des Zitats war Unglaube. Kann wirklich jemand ernsthaft meinen, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als das Alltagsfoto eines Kindes im Internet zu verbreiten?

Was hat der Betreffende geraucht?

Zunächst mal gibt es natürlich sehr viel schlimmere Sachen auf der Welt, z.B. Mord, Totschlag oder Vergewaltigung. Es gibt auch bedeutend schlimmere Dinge, die man einem Kind antun kann, z.B. Kindeswohlgefährdung durch emotionale Vernachlässigung oder körperliche Gewalterfahrung / Kindesmisshandlung.

Eine im Laufe des Jahres 1998 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durchgeführte Befragung von Jugendlichen nach ihren Gewalterfahrungen ergab, dass in den jeweils vorausgegangenen 12 Monaten 7,2 % aller Kinder unter 12 Jahren Misshandlungen und 8,1 % dieser Kinder schwere Züchtigungen durch die Eltern erlebt hatten. Da es nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes ca. 9,3 Millionen Kinder dieser Altersgruppe in Deutschland gab, waren somit 1,42 Millionen Kinder von schweren Züchtigungen oder Misshandlungen betroffen.

Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Anzeigen wegen „Misshandlung von Schutzbefohlenen“ belaufen sich aktuell auf ca. 4.200 Fälle pro Jahr. Dunkelfeldstudien wie die bereits erwähnte Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigen, dass nur einer von 300 bis 400 Fällen bei der Polizei angezeigt wird. Das tatsächliche Ausmaß läge dann aktuell bei geschätzt 1.26 bis 1.68 Millionen Kindern. Kindliche Opfer von physischer oder emotionaler Vernachlässigung sind in dieser Zahl noch gar nicht enthalten.

Lt. Bericht der Welt vom April 2019 waren noch nie so viele Kinder wie heute in Pflegefamilien untergebracht. 2017 waren es 81.000 Kinder. Weitere ca. 100.000 Kinder waren 2017 in Heimerziehung. Die durchschnittliche Aufenthaltslänge in Kinder- und Jugendheimen liegt bei etwa 16 Monaten. In Pflegefamilien liegt sie bei 30 Monaten.

Die deutlich über eine Millionen Kinder, die von ihren Erziehungsberechtigten im aktuellen Jahr misshandelt werden bzw. misshandelt wurden und die allermeisten der 100.000 Kinder in Heimerziehung und 81.000 Kinder in Pflegefamilien hätten sich, vor die Alternative gestellt, ganz bestimmt für das „Übel“ entschieden, dass ihre Eltern Alltagsfotos von Ihnen im Internet verbreiten, statt für die Übel, die ihnen tatsächlich angetan wurden.

Selbst wenn man das „nichts Schlimmeres“ auf den Aspekt Datenschutz beschränkt, scheint mir der Anwalt völlig an der Realität vorbei zu greifen. Ich finde es in Hinblick auf den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre z.B. deutlich schlimmer, wenn jemand Aufnahmen von Unfallopfern macht und ins Internet stellt. Oder wenn jemand ohne Wissen des Partners mit versteckter Kamera eine Aufnahme des Liebesakts erstellt. Ich finde es ebenfalls schlimmer, wenn Kreditkartendaten oder Patientendaten schlecht gesichert werden und deshalb bei Dritten landen.

Ehrlich gesagt erschließt sich mir das Schlimme am Verbreiten von Alltagsbildern von Kindern nicht mal im Ansatz. Was sollen die schlimmen Folgen schon sein?

Zeitgeisttypisch ist die Angst vor Pädophilen (wie mir), die im Netz Kinderbilder „rauben“. Tatsächlich ist das wohl auch der Hintergrund der Warnung von Anwalt Schließ. Noch einmal aus dem Spiegel-Artikel:

Grundsätzlich warnt Schließ davor, die Bilder seiner Kinder online zu stellen. „Es kann nichts Schlimmeres geben, als Fotos von Minderjährigen im Internet zu verbreiten“, sagt der Anwalt. „Davon rate ich dringend ab.“ Er hoffe, die Zeiten seien vorbei, in denen Eltern „ihre tolle Familie im Internet zeigen und Nackedei-Fotos ihrer Kinder vom Strand hochladen“. Solche Bilder könnten „ganz schnell auf Kinderpornoseiten landen“.

Fotos der „tollen Familie“ und Strandfotos auf Kinderpornoseiten? Ernsthaft?

Ich habe in meiner großen Naivität bisher doch tatsächlich vermutet, dass man auf Kinderpornoseiten Kinderpornos findet. Die Information, dass man dort Fotos toller Familien und Standfotos mit Nackdeis vorfinden kann, ist mir neu. Ich frage mich, wie viele Kinderpornoseiten Anwalt Schieß wohl angeschaut hat. Auch ein Nackedei Foto mutiert nicht zu einem Kinderporno-Foto, nur weil der Betrachter pädophil ist.

Problematisiert wird der pädophile Betrachter. Zufälligerweise bin ich pädophil. Es gibt also (angeblich) nichts Schlimmeres für ein Kind als dass ich mir ein Foto von ihm anschaue. Bin ich also, ohne es zu wissen, ein Voodoo-Priester, der die Seele des Kindes durch Anschauen eines Bildes von ihm schädigt?

Hätte sich im Jahr 1977 ein Pädophiler ein Alltagsfoto des damals 10-jährigen Markus Söder angeschaut, wäre dann die Seele des kleinen Markus verdorrt? Würde der „Vorfall“ heute bekannt werden, wäre dann morgen Söders politische Karriere vorbei? Müsste der bayrische Ministerpräsident, wenn er das Nachwissen erlangt, dass er als Kind von schmutzigen Pädo-Augen betrachtet wurde, psychologisch betreut werden? Und könnte ein 1982 entstandenes Nackedei-Foto des 3-jährigen Christian aus dem Album der Familie Lindner dem heutigen FDP Vorsitzenden irgendwie schaden? Wirklich?

Die gleiche Frage kann man sich zu den Kinderbildern beliebiger weiterer prominenter und nicht-prominenter Frauen und Männer aus allen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft stellen. Mir persönlich ist kein Fall bekannt, bei dem ein Kinderbild einem Erwachsenen später geschadet hat. Ich kann mir so einen Fall auch nicht wirklich vorstellen.

Es ist nicht zu erwarten, dass sich diesbezüglich etwas grundlegendes ändert und die Kinderbilder heutiger Kinder ihnen in ihrer Zukunft als Erwachsene schaden. Es schadet auch keinem heutigen Kind, wenn ein Pädophiler heute ein Alltagsbild von ihm anschaut. Schon die Existenz des Bildes an sich wird dem Kind typischerweise relativ egal sein. Davon, wer das Foto möglicherweise irgendwann einmal anschaut, hat es keine Kenntnis und auch die Befürchtung, möglicherweise von einem Pädophilen angeschaut zu werden, steht meiner Kenntnis nach auf der Liste kindlicher Sorgen nicht sonderlich weit oben.

Sollte jemand tatsächlich Angst davor haben, dass ein Kinderbild von ihm von einem Pädophilen angeschaut werden könnte, liegt für mich der Verdacht einer krankhaften Angststörung deutlich näher als die Annahme einer begründeten Furcht vor einem tatsächlich schädigenden Ereignis.

Eine aus meiner Sicht auf den Fall übertragbare, treffende Einschätzung habe ich in einem anderen Spiegel-Artikel gefunden, bei dem es um ein anderes Thema aus dem Feld des Kinderschutzes geht. Autor ist der ehemalige BGH Vorsitzende Thomas Fischer. Den aus meiner Sicht entscheidenden Teil habe ich hervorgehoben:

Muss man, wenn man einen Text über Gewalt gegen Kinder veröffentlicht, zunächst versichern, dass man weder ein Freund der Gewalt noch der Gewalttäter, weder ein Geringschätzer noch ein Nichtversteher des Leids ist, und dass man die Apologeten der „ausrutschenden Hand“ verachtet? Die Frage zu stellen ist die halbe Antwort. Die andere Hälfte dieser Einleitung besteht aus der Feststellung, dass die Antwort nervig, langweilig und verlogen ist. Denn sie ist vor allem demonstrativ. Sie zeigt nicht den hohen Stand des Kinderschutzes in dieser Welt, sondern den Stand des Bedürfnisses von Erwachsenen, das Maß ihrer moralischen Vorbildlichkeit vorzuzeigen. Auf vertrackte Weise ist das verwoben mit der kindlichen Bedürftigkeit der Erwachsenen selbst, jedenfalls des medial sichtbarsten Teils von ihnen, und mit den gelegentlich bizarren Formen ihres Interesses an Kindern. Überwölbt wird alles von der Glocke einer Rationalität, die mit Begriffen der Demografie, des Rechtsgüterschutzes, der Ökonomie und der psychischen Gesundheit hantiert.

Aus „Gewalt in der Corono Krise Kinderleid so oder so

Meine Schussfolgerung: es gibt „nichts Schlimmeres“ als Kinderfotos im Netz zu verbreiten, weil moralisch vorbildliche Eltern so etwas nicht machen. Ob es darüber hinaus irgendeinen Sinn ergibt, ist im Grunde nicht weiter relevant

Würde es tatsächlich um Kinderschutz gehen, dann sollte man erwarten dürfen, dass etwas in Hinblick auf reale Beeinträchtigungen unternommen wird, etwa die mehr als 1 Millionen Kinder, die von Ihren Eltern jedes Jahr schwer gezüchtigt oder misshandelt werden. Medial ist dieses Problem kaum präsent.

Blicken wir zum Abschluss kurz auf den Fall in den Niederlanden, zu dem die Einschätzung des Datenschutz-Experten Markus Schließ eingeholt wurde.

Oma muss Facebook-Foto ihres Enkelkinds löschen

Mit Verweis auf die DSGVO hatte die Mutter des Kindes gefordert, dass die Großmutter die Bilder löschen muss. Experten warnen grundsätzlich davor, Kinderfotos offen im Netz zu veröffentlichen.

Ein Gericht in den Niederlanden hat entschieden, dass eine Großmutter nicht einfach Bilder ihrer Enkel im Internet veröffentlichen darf. (…) Begonnen hatte alles mit einem Streit zwischen einer Frau mit drei Kindern und ihrer Mutter, die vor der Auseinandersetzung ein Jahr keinen Kontakt gehabt haben sollen. Die Oma soll das Foto eines der drei Kinder ohne Einverständnis der Eltern auf Facebook und ein Foto der anderen Enkelkinder auf der Fotoplattform Pinterest veröffentlicht haben. (…)

Das Gericht hat der Oma eine Frist von zehn Tagen gesetzt, um die Bilder zu löschen. Für jeden weiteren Tag, an dem die Fotos im Netz bleiben, muss sie eine Strafe von 50 Euro bis zu einem Maximalbetrag von 1000 Euro bezahlen. Die Gerichtskosten werden unter den zerstrittenen Parteien aufgeteilt.

Die Klägerin hatte laut Gerichtsakten die Oma zuvor wochenlang ermahnt, Fotos der Enkel bei Facebook und Pinterest zu löschen. In einem Brief an die Oma schreibt die Frau unter anderem: „Du wurdest mehrfach von der Polizei in (…) aufgefordert, die Fotos von meinen minderjährigen Kindern auf deinen Social-Media-Kanälen zu entfernen.“ Da sie nicht auf die Forderungen reagiert haben soll, sei die Mutter vor Gericht gegangen.

Das Gericht ließ die Verteidigung der Oma nicht gelten, dass das Foto des Enkelkindes bei Facebook einen besonderen emotionalen Wert für sie gehabt habe, da das Kind sieben Jahre bis April vergangenen Jahres bei ihr und dem Opa gelebt hatte. Das Sorgerecht für das Kind sei auch in dieser Zeit bei der Mutter und ihrem Ex-Partner verblieben, der ebenfalls die Löschung gefordert habe. Das Sorgerecht für die anderen beiden Kinder liegt allein bei der Mutter.

Aus „Gerichtsurteil in den Niederlanden:
Oma muss Facebook-Foto ihres Enkelkinds löschen

Das Kind hat zuvor sieben Jahre (!) bei Oma und Opa gelebt. Das deutet für mich stark darauf hin, dass die Mutter sehr lange nicht in der Lage war, sich angemessen um das Kind zu kümmern.

Ich habe ehrlich gesagt auch gewisse Zweifel daran, dass sie heute dazu in der Lage ist. Der Prozess gegen die Oma kommt mir wie ein kleinkarierter Rachefeldzug ohne Rücksicht auf Verluste vor, der nicht von besonderer geistiger oder moralischer Reife zeugt.

Die Oma hat sich immerhin sieben Jahre lang um das Kind gekümmert, als man selbst es nicht konnte oder wollte. Da sollte man doch meinen, dass man im Gegenzug für sieben Jahre der Fürsorge hinnehmen kann, wenn die Oma ein Bild ihres geliebten Enkelkindes herumzeigt.

Wenn es in dem Fall eine Problem in Hinblick auf das Kindeswohl gibt, dann ist es nicht das von der Oma hochgeladene Foto, sondern die Tatsache, dass das Kind anscheinend ein Jahr lang die Person nicht sehen konnte (und auch weiterhin nicht sehen kann), die zuvor sieben Jahre lang seine zentrale Bezugsperson war.

Aus meiner Sicht liegt dieses eigentliche Problem für jemanden, der sich ernsthaft für das Wohl des Kindes interessiert, auf der Hand. Thematisiert wird es in dem Artikel an keiner Stelle.

Eine rechtliche Handhabe, um dem Kind zu helfen, scheint es aufgrund der Sorgerechtssituation nicht zu geben. Ein Rechtstitel ist vor Gericht eben wichtiger als das tatsächliche Kindeswohl. Traurig ist, dass sich auch die über den Fall berichtenden Medien nicht die Bohne dafür interessieren, wie es dem betroffenen Kind geht. Das tatsächliche Kindeswohl geht ihnen (jedenfalls in diesem konkreten Fall) am Arsch vorbei. Möglicherweise haben sie das Problem nicht einmal wahrgenommen.

Möglicherweise ist es ihnen aber auch einfach zu banal und alltäglich und deshalb nicht weiter berichtenswert. Jedenfalls verwendet man den zur Verfügung stehenden Platz stattdessen lieber für Propaganda gegen Kinderbilder im Netz, für die Verbreitung sinnfreier Moralregeln für vorbildhafte Eltern und das Schüren einer irrationalen Phobie. Auch Medien und Journalisten müssen wohl, dem Zeitgeist entsprechend, (schein)moralisch vorbildhaft sein.

Gewalt, Unterdrückung, staatliche Willkür und Mordversuch

Am 12. April erhielt der deutsche Pädo-Aktivist Dieter Gieseking eine Sprachnachricht auf dem Handy, das er im Impressum der Webseite krumme13.org angegeben hatte. Inhalt:

Wir sind quasi auf dem Weg zur Dir. Du kleiner Wichser, Alter. Wir sind quasi auf dem Weg, Alter. Ohne Witz. Du wirst so was von kastriert, du kleiner Kinderficker, Junge.

Aufnahme der Handy-Nachricht

Gieseking hat am 13. April Strafanzeige wegen Beleidigung (§ 185 StGB) und Bedrohung (§ 241 StGB) gegen Unbekannt erstattet. Eine Woche später, am 20. April hat die zuständige Polizeibehörde bei der Staatsanwaltschaft einen Antrag zur Feststellung der echten Identität des beschuldigten Täters gestellt. Am 23. April hat das Amtsgericht Pforzheim Beschluss zur Ermittlung der echten Identität des beschuldigten Täters erlassen.

Der Telefonanbieter teilte der Polizei inzwischen mit, dass die notwendigen Daten zur Identitätsermittlung nicht mehr vorliegen. Diese Daten werden nur 7 Tage gespeichert.

Der Antrag zur Feststellung der echten Identität des beschuldigten Täters wurde 7 Tage nach Zugang der Strafanzeige gestellt.

Mir erschien das ziemlich suspekt, da ich nicht glauben kann, dass eine Polizeibehörde nicht weiß, das die zur Identitätsermittlung eines Anrufers notwendigen Daten lediglich 7 Tage gespeichert werden.

Ich habe neben Zufall und Arbeitsüberlastung daher auch Strafvereitelung im Amt für möglich gehalten. Allerdings hat Dieter Gieseking das mit einem Kommentar hier richtig gestellt:

Zu dem kurzen Bericht über meine Strafanzeige muss ich aber etwas klar stellen: Mit Stand von heute trifft die hiesige Polizeibehörde bzw. den dortigen Polizeibeamten keinerlei Schuld. Es ist alles machbare eingeleitet und letztendlich auch durchgeführt worden. ICH bin davon ausgegangen, dass die Speicherfrist zwei Wochen beträgt und nicht nur sieben Tage. Der Beamte hat sofort und schnell gehandelt. Es ist Akteneinsicht beantragt. Diese muss ich abwarten, um genaue Einzelheiten zu erfahren, die dann natürlich teilweise veröffentlicht werden.

Kommentar von Dieter Gieseking zur Ursprungsfassung des Artikels

Zu einem noch deutlich schwerwiegenderen Fall kam es am 4. Mai in der Niederlande.

Hierzu zunächst eine etwas längere Vorgeschichte:

Die Niederlande verfügt historisch gesehen über eine besonders engagierte pädo-aktivistische Szene.

Anders als in Deutschland, wo Anfang der 80er Jahre Teile der Grünen und der FDP einer Lockerung der Sexualgesetzgebung aufgeschlossen gegenüber standen, die dann aber nicht verwirklichst werden konnte, gab es in der Niederlande tatsächlich eine Zeit lang ein liberales Sexualstrafrecht. Bis 2003 konnte, wenn das Kind mindestens 12 Jahre alt war, eine Strafverfolgung nur nach einer Beschwerde des Kindes, seiner Eltern oder des Kinderschutzbundes erfolgen.

Diese vorübergehende Einschränkung des Charakters der Straftat als Offizialdelikt ist inzwischen Geschichte. Die gesetzlichen Regelungen in der Niederlande werden (wie in Deutschland auch) seit vielen Jahren laufend verschärft und immer repressiver.

Die wichtigste pädo-aktivistische Gruppierung in der Niederlande war von 1982 bis 2014 die Vereniging MARTIJN, ein Verein, der sich für die Akzeptanz und Legalisierung willentlich einvernehmlicher sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern einsetzte. In seiner Hochzeit hatte er meiner Kenntnis nach über 600 Mitglieder.

Aufgrund einer Initiative der Eltern eines Missbrauchsopfers wurde Ende 2011 von der niederländischen Staatsanwaltschaft ein Vereinsverbot gefordert. Am 27. Juni 2012 führte das gerichtliche Verfahren dazu, dass MARTIJN in erster Instanz verboten wurde. Der Richter stellte fest, dass MARTIJN die sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern verherrlicht, und betrachtete das als eine grundlegende Verletzung der Rechte des Kindes. MARTIJN legte Berufung ein. Mit Beschluss vom 2. April 2013 hob das Berufungsgericht Arnhem-Leeuwarden den Beschluss des Bezirksgerichts Assen auf und lehnte den Antrag auf Auflösung des Vereins ab. Es folgte eine weitere Berufungsverhandlung am Obersten Gerichtshof, die am 18. April 2014 zum Verbot des Vereins führte. Die Beschwerde von MARTIJN beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde 2015 für unzulässig erklärt, womit der Rechtsweg ausgeschöpft und der Verein endgültig verboten war.

Marthijn Uittenbogaard, ein ehemaliges Vorstandsmitglied von MARTIJN und einige andere setzen ihren Aktivismus nach dem Vereinsverbot auf individueller Basis fort. Als Anfang 2020 bekannt wurde, dass pädophile Aktivsten ein Partei gründen bzw. neu gründen wollen (die „Pädo-Partei“ Partij voor Naastenliefde, Vrijheid en Diversiteit existierte bereits von 2006 bis 2010) vermutete die niederländische Justiz die Fortführung des verbotenen Vereins MARTIJN und reagierte darauf nicht etwa mit der Brechstange, sondern lieber gleich mit dem Rammbock.

Vier Wohnungen von pädophilen Aktivisten wurden durch ein Großaufgebot an Einsatzkräften überfallen, darunter auch das Haus von Marthijn Uittenbogaard. Seine Haustür wurde mit Rammbock aufgebrochen, das Haus von 18 Beamten 11 Stunden lang durchsucht. Das dort befindliche Archiv des MARTIJN-Vereins wurde beschlagnahmt. Am nächsten Tag warf jemand einen Ziegelstein gegen sein Fenster aus Spezialkunststoff. Uittenbogaard rief die Polizei an. Niemand kam.

Bei der Razzia wurde auch der Lebensgefährte von Marthijn Uittenbogaard verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, eine Missbrauchstat vorbereitet zu haben. Echte Hinweise darauf scheint es nicht zu geben. Er ist seit 21. Januar in Untersuchungshaft und wird isoliert. Wegen Corona steht ein Termin für eine Verhandlung noch nicht fest, die Untersuchungshaft wurde bereits verlängert. Auf mich wirkt das sehr willkürlich.

Nach dieser langen Vorgeschichte, nun kurz und knapp der Vorfall vom 4. Mai:

Um 6:45 am Morgen drang ein mit einem Tranchiermesser bewaffneter Mann in das Schlafzimmer von Marthijn Uittenbogaard ein und schrie „Ich bring dich um, ich bring dich um!“.

Ein zufällig anwesender pädophiler Aktivist, Norbert de Jonge, der in einem Gästezimmer übernachtet hatte, bekam den Angriff mit und griff beherzt ein. Er konnte dem Angreifer das Messer mit einem Holzstab aus der Hand schlagen. Der Angreifer floh daraufhin und wurde inzwischen von der Polizei verhaftet.

Der Mordversuch gegen Marthijn Uittenbogaard war die direkte Folge der Polizeiaktion und der hetzerischen Berichterstattung in den niederländischen Medien über den Pädo-Aktivisten Uittenbogaard, der nichts anderes tun will, als seine Meinung zu vertreten. Eine Meinung, bei der es nicht darum geht, Missbrauch zu billigen, sondern um die Existenz und Akzeptanz von wechselseitig gewollten Sexualkontakten.

Normalerweise müsste man Uittenbogaard unter Polizeischutz stellen. Also unter den Schutz von Menschen, die noch im Januar seine Wohnungstür mit einem Rammbock aufgebrochen haben. Ein traumatisches Erlebnis. Und nun nochmal durch ein noch viel traumatischeres Erlebnis übertroffen.

In seiner Wohnung und ganz besonders da, wo man schläft, ist man darauf angewiesen, sich sicher fühlen zu können. Marthijn Uittenbogaard mag äußerlich (diesmal noch) unverletzt geblieben sein, aber er wäre kein normaler Mensch, wenn ihn diese Vorfälle nicht seelisch erschüttert hätten.

Die Vorfälle zeigen wie widerwärtig und unmenschlich mit Pädophilen umgegangen wird. Sie stehen nicht allein. Ich habe auch in der Vergangenheit schon über Gewalt und Selbstjustiz gegen Pädophile berichtet:

  • Über einen 50-jährigen, der im Juli 2015 beim Spaziergang mit seiner 10-jährigen Tochter als Pädophiler beschimpft und verprügelt wurde und deshalb im Krankenhaus behandelt werden musste.
  • Über einen 29-jährigen, der über Facebook Kontakt mit einer vermeintlich 22-jährigen aufgenommen hatte und ihr ein „Wie geht’s Dir“ und etwas später noch ein „Guten Abend“ geschrieben hatte. Die Eltern des tatsächlich 12-jährigen Mädchens hatten sie bei der Einrichtung des Facebook-Accounts zehn Jahre älter gemacht und hielten den Mann nun für einen Pädophilen. Sie lockten ihn im August 2015 in eine Falle und brachten ihn um.
  • Über einen 50-jährigen, der im Juni 2018 nach einem Beitrag im RTL Mittagsjournal über einen angeblich pädophilen Mann in Bremen vermeintlich erkannt wurde und in dessen Wohnung eine Gruppe von mehr als 10 Personen eindrang, die den Mann so brutal verprügelte, dass er in Lebensgefahr schwebte.

Wer pädophil ist, zahlt einen Preis.

Er wird gehasst, verachtet und kriminalisiert damit er, wenn man ihn entdeckt, gesetzeskonform unterdrückt werden kann. Er muss sich deshalb lebenslang verstecken. Für die geistige Gesundheit ist das nicht gut. Ich schreibe meinem Blog zu einem nicht geringen Teil auch, um meine eigene geistige Gesundheit zu schützen.

Wer sich nicht versteckt und aktivistisch auftritt, zahlt einen höheren Preis.

Er muss damit rechnen, verstoßen, entlassen, gekündigt, beleidigt, bedroht und zusammengeschlagen zu werden. Damit, dass man seine Haustür mit einem Rammbock aufbricht und ein Mann mit Messer um 6:45 neben seinem Bett steht, wenn er die Augen aufmacht.

Staatliche Unterdrückung

In der Niederlande wird Aktivismus heute unterdrückt, indem man die Meinung, freiwillige sexuelle Beziehungen zwischen einem Erwachsenen und einem Kind seien möglich, zu einem Angriff auf die Würde und Rechte der Kinder erklärt. Das Verbot geht (noch) nicht so weit, dass dem Einzelnen seine Meinung und Meinungsäußerung verboten wird. Wenn sich aber zwei oder mehr Menschen mit dieser Meinung zusammenfinden und versuchen, ihre Meinung gemeinsam zu vertreten und zu erklären, dann gilt das dort heute bereits als Fortsetzung eines verbotenen Vereins und führt zu brutalen staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen und hetzerischen Medienartikeln, die Messer-Angriffe provozieren.

Soweit sind wir in Deutschland noch nicht. Aber auch hier werden Pädophile kriminalisiert, auch solche, die nie ein Kind missbraucht haben oder missbrauchen würden. Denn auch in Deutschland ist Aktivismus kaum möglich. Jemand der pädophil ist, gilt für viele Menschen allein durch seine Neigung bereits als Verbrecher. Zwei Pädophile, die sich treffen oder sonst wie austauschen, stehen damit unter dem Verdacht einer kriminellen Vereinigung.

Ein Selbsthilfeforum oder eine entsprechende Gruppe kann jederzeit zerschlagen werden. Ein passender Anfangsverdacht lässt sich immer konstruieren. In der Presse liest man dann davon, dass ein „Pädophilen-Ring“ ausgehoben wurde, dass Datenträger beschlagnahmt und Kinder gerettet wurden. Ob es tatsächlich so war, interessiert am Ende niemanden. Der Schaden für die Betroffenen ist angerichtet. Einige werden möglicherweise verhaftet, andere flüchten sich in die Büsche und verstecken sich, wieder andere hören vom Vorfall und trauen sich erst gar nicht aus den Büschen heraus.

So funktioniert Unterdrückung. So werden Menschen mundtot gemacht.

Der Preis von Aktivismus

Zu einer unterdrückten Minderheit zu gehören, hat einen Preis. Das beschränkt sich nicht auf Pädophilie.

Schwarze wurden in der USA einst als menschliche Ware gehandelt, wurden nach Abschaffung der Sklaverei weiter wirtschaftlich ausgebeutet, erhielten keinen Zugang zu Bildung und wurden als Analphabeten oder Besitzlose ihres Wahlrechts beraubt. Sie mussten getrennt leben und auf dem Platz bleiben, der ihnen von der Gesellschaft zugewiesen wurde. Das höchste der Gefühle war die hinterste Reihe im Bus.

Wer sich wehrte, zahlte einen höheren Preis. Staatliche Unterdrückung und Gewalt bis hin zum Lynchmob.

Trotz Männern wie Martin Luther King, die für ihren Aktivismus mit dem Leben bezahlten und die gegen große Widerstände viel erreichen könnten, wirkt die Verachtung für Schwarze auch heute noch nach. Die Inhaftierungsrate in Gefängnissen liegt in den USA bei 4.347 von 100.000 farbigen Männern gegenüber 678 von 100.000 weißen Männern. Und doch: 2018 wurde ein Farbiger US-Präsident.

Homosexuelle, die früher in Deutschland durch staatliche Repression verfolgt, inhaftiert und teilweise in den Selbstmord getrieben wurden, dürfen heute heiraten. Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Es ändert sich nur dann etwas, wenn man dafür kämpft, dass sich etwas ändert.

Zugleich ist es eigentlich unverständlich, dass es überhaupt jemanden gibt, der sich diesem Kampf stellt, der so aussichtslos scheint und mit so großen persönlichen Opfern verbunden ist.

Ohne Verrückte wie Dieter Gieseking oder Marthijn Uittenbogaard wäre die Welt ärmer.

Lukas Janisch, Sieger der 4. Staffel von The Voice Kids Germany

Heute abend steht das Finale der 8. Staffel von The Voice Kids Germany an. Für mich ein Grund einmal zurück zu schauen.

2016 gewann der damals 13-jährige Lukas Janisch die 4. Staffel. Sein Auftritt bei den Blind Auditons wurde auf YouTube inzwischen 38 Millionen Mal geklickt. Für mich war das auch sein bester Auftritt. Aber ich will mal nicht kleckern … hier seine Auftriffe aus dem Jahr 2016:

Blind Audition: „Fallin'“ von Alicia Keys

Battle: „Broken Strings“ von James Morrison ft. Nelly Furtado

Halbfinale: „7 Years“ von Lukas Graham

Finale: „If I Ain’t Got You“ von Alicia Keys

Finale: „When We Were Young“ von Adele

Lukas hat natürlich auch nach Voice Kids weiter Musik gemacht und zum Beispiel einen eigenen YouTube Kanal mit Videos seiner Cover-Songs. Der Erfolg ist aber nicht ganz so, wie man es vielleicht vermuten und erhoffen könnte. Der Kanal hat „nur“ 56.300 Abonennten. Normalerweise viel, aber in Vergleich zu den 38 Millionen Klicks auf seine Blind Audition nimmt es sich eher bescheiden aus.

Das liegt vielleicht teils daran, dass es eher wenige Songs auf dem Kanal gibt, es also etwas an Aktivität fehlt. Insgesamt sind es neun, der letzte wurde von 2 Jahren veröffentlicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass man, um wirklich erfolgreich zu sein, eigene Songs baucht, statt lediglich Cover.

Woran auch immer es liegt, auf seinen Auftritt und Sieg bei The Voice Kids 2016 kann Lukas jedenfalls stolz sein. Auch noch in 20 oder gar 50 Jahren.

Mal sehen wer heute Abend stolz triumphiert.

Nach Lukas waren die drei nächsten Sieger jeweils Mädchen (2017: Sofie Thomas; 2018: Anisa Celik; 2019 Mimi & Josefin). Es wäre also durchaus Zeit, dass sich mal wieder ein Junge den Sieg holt.

Vier der 8 Finalisten sind Jungen: Marc, Nikolas, Phil und Leroy.

Hier ihre Blind Auditions:

Alter Fuchs

Alter Fuchs
Pantherion

Alter Fuchs streunt über Felder
ward gezämt von Jungenhand.
Streicht voll Sehnsucht durch die Wälder
wo sein Kleiner Prinz ihn fand:

„Will dich immer in mir tragen
bist du doch ein Teil von mir!
Kann’s dir leider nicht mehr sagen
doch voll Liebe denk ich dir.

Lausch dem Leben, deinen Schritten,
die in Nacht verklungen sind.
Meinen Morgen will ich bitten
dass mich nochmal zähmt: ein Kind.“

Tomos (Piece by Piece) und Toby Lee

2017 trat der 11jährige Tomos aus Wales bei The Voice Kids UK an. Als Song für seine Blind Audition hatte er sich „Piece by Pice“ von Kelly Clarkson ausgesucht.

Kelly Clarksons Familie brach auseinander als sie 6 Jahre alt war. Ihre Eltern ließen sich scheiden, ihr Bruder lebte danach bei ihrem Vater, ihre Schwester bei einer Tante, sie selbst wuchs bei ihrer Mutter auf.

In ihrem Song erinnert sich eine Frau daran, dass ihr Vater seine Familie verlassen hat. Im Refrain erzählt sie dann von einen neuen Mann in ihrem Leben, den sie als jemanden beschreibt, der „Stück für Stück“ (Piece by Piece) ihren „Glauben wiederhergestellt hat, dass ein Mann freundlich sein und ein Vater bleiben kann“.

Tomos hat seine Sache wirklich gut gemacht und hätte eigentlich weiterkommen müssen. Trotzdem buzzerte keiner der drei Coaches für ihn.

Tomos hatte das Pech, erst in der letzen Folge der Blind Auditions aufzutreten, ein Umstand, dem auch schon andere sehr gute Talente zum Opfer gefallen sind. Es gibt eine Maximalzahl Talente pro Team und wenn diese Zahl erreicht ist, darf der Coach nicht mehr buzzern, egal wie überzeugt er von einem Talent auch sein mag.

Wenn statt drei nur noch zwei oder gar lediglich ein Coach buzzern kann, dann kann von Chancengleichheit natürlich keine Rede mehr sein. Auch Tomos erging es so. Sein Auftritt war der vorletzte der letzten Blind Auditions. Ein Coach (Pixie) gab als Grund für ihren ausgebliebenen Buzzer an, dass ihr Team schon voll sei. Auch bei einem zweiten Coach (will.i.am) war das Team bereits voll.

Der einzige, der noch für Tomos hätte buzzern können, war Danny Jones, Leadsänger und Leadgitarrist der Band McFly (10 Millionen verkaufte Alben). Auch Danny Jones hatte nur noch einen einzigen Platz in seinem Team frei und nach Tomos würde noch ein weiteres Talent kommen, dessen Qualität niemand vorausahnen konnte. Vielleicht hätte ja gerade das letzte Talent die Knallerstimme, mit der man die Staffel gewinnen würde? Ungünstiger denn als Vorletzter, bei nur noch einem einzigen freien Platz in den Teams anzutreten, können die Voraussetzungen dafür, ausgewählt zu werden, kaum sein.

Als die Audition vorbei war, erhielt Tomos sehr viel Applaus und Lob von den Coaches. Danny Jones fragte Tomos, warum er sich den Song ausgesucht habe. Tomos antworte, dass es für ihn ein sehr persönlicher Song sei. Kelly Clakson singe darüber, wie ihr Vater sie verlassen habe, und er könne das nachempfinden. In der Kurzvorstellung vor dem Auftritt hat man als Fernsehzuschauer erfahren, dass Tomos Vater die Familie verlassen hat, als Tomos 5 Jahre alt war. Wovon natürlich die Coaches nicht wissen konnten.

Auf die Erklärung zur Songauswahl meinte Danny Jones: „Weißt du was, Tomos, ich kann das auch nachempfinden. Weil, als ich 18 war, …“.

An dieser Stelle blieben ihm dann die weiteren Worte im Hals stecken. Stattdessen kamen die Tränen. Ein sehr emotionaler Moment.

Am Ende wurde noch Tomos Mutter auf die Bühne geholt und es gab eine Runde Umarmungen. Danny Jones sagte, er wünschte sich, gedrückt zu haben und Tomos solle im nächsten Jahr wiederkommen.

Das hätte ich mir auch gewünscht. Tomos ist in den späteren Staffeln leider nicht wieder angetreten. Das ändert aber nichts daran, dass er einen wirklich guten, sehenswerten, hörenswerten und emotional bewegenden Auftritt hingelegt hat, den ich hier gerne geteilt habe.

Und nun zur Zugabe:

Toby Lee (* 31.01.2005) ist ein junger Blues-Gitarist. Seine Großmutter kaufte ihm eine Ukulele als er 4 war. Seine erste elektrische Gitarre bekam er als Geschenk zu seinem 8ten Geburtstag. Er war begeistert dabei und wurde richtig gut.

Als bekannt wurde, dass einer seiner Musik-Helden, BB King, ernsthaft erkrankt war, nahm der 10jährige Toby in seinem Wohnzimmer für ihn einen „Werde Gesund“ Song auf. BB King starb wenige Tage später, aber zwei seiner Töchter bedankten sich bei Toby. Das Video der Aufnahme würde inzwischen (auf YouTube, FaceBook etc.) insgesamt 50 Millionen mal aufgerufen.

Neben der Gitarre für die Ohren, fällt Toby auch optisch auf. Sein einteiliger Schlafanzug (Onsie) im Tigerlook hat etwas. Offensichtlich mag Toby diese Art Schlafanzüge und er hat sie auch als eine Art Visitenkarte verwendet, um aufzufallen. Es gibt eine ganze Serie von Musik-Aufnahmen mit ihm in Onesies („Toby’s weekly Sunday Onesie Jams“).

Tobys Videos wurden danach immer wieder auch von bekannten Blues-Ikonen geteilt, er wurde berühmt, erhielt Einladungen in Fernsehshows und für Live-Auftritte. Womit ich nun die Verbindung zum ersten Teil dieses Artikels schließen kann.

Bei einem Live-Auftritt im Londoner Palladium Theater spielte der damals 11jährge Toby das Stück „5 Colours In Her Hair“ von McFly – und wurde während des laufenden Auftritts damit überrascht, dass die zwei Frontleute von McFly (Danny Jones und Tom Fletcher) auf die Bühne kamen und das Lied mit ihm zusammen rockten.

Es scheint auch eine echte und nicht etwa eine gestellte Überraschung gewesen zu sein. Toby wirkt überrascht und nach dem Auftritt kam der Moderator auf die Bühne und berichtete, dass es ein regelechter Alptraumjob gewesen sei, die beiden McFly-Musiker den ganzen Tag lang vor Toby zu verstecken. Die beiden Musiker von McFly freuten sich, dass die Überraschung gelungen war. 🙂

Buchempfehlung: Sehr kleine Liebe

Ich habe mir schon lange vorgenommen, eine Empfehlung zu dem Buch „Sehr kleine Liebe“ von Ted van Lieshout zu schreiben.

Der Autor wurde 1955 geboren. Er studierte Kunst und Formgebung an einer renommierten niederländischen Kunst- und Designakademie und unterrichtete danach an der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten, der ältesten Kunstakademie der Niederlande. 1990 wurde er Vollzeit-Schriftsteller. Er ist vor allem für seine Gedichte und Kinderbücher bekannt.

Sein autobiographisches Buch Zeer kleine liefde (Sehr kleine Liebe) wurde 1999 veröffentlicht. Er gewann damit 2001 einen angesehen Kinderbuchpreis (Nienke van Hichtum-prijs). Die deutsche Fassung, die ich hier bespreche, erschien 2014. Es ist ein schmales Hardcover-Buch mit einigen berührenden Gedichten, gelungenen Illustrationen und dem Abdruck eines Briefwechsels. Wer das Buch kauft, bekommt für 15.90 € kaum 30 Seiten gedruckter Text .

Aber was für Seiten!

Wie bereits erwähnt, ist das Buch autobiographisch. Es behandelt ein heikles Thema auf feinfühlige und wahrhaftige Weise.

Im Alter von 11 bis 12 Jahren hatte Ted etwa ein Jahr lang eine sehr enge Beziehung zu einem Mann, bei der es auf Initiative des Mannes auch zu sexuellen Handlungen kam. Der Junge brach die Beziehung schließlich nach einem Vorfall, bei dem der Mann seine Grenzen überschritten hatte, ab. Er ging und kehrte nie zurück.

25 Jahre später erhielt er einen Entschuldigungsbrief des Mannes. Hier ein Auszug:

Hallo Ted,

es geschah vor 25 Jahren und trotz meiner Verdrängungsversuche konnte ich es nicht vergessen. (…) Etwas, das nie hätte stattfinden dürfen und wozu ich mich als erwachsene Mann nie hätte hinreißen lassen dürfen. Trotzdem ist es geschehen. Und die Gewissensbisse halten bis heute an. (…) Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dir Schaden zugefügt habe, vielleicht gar für den Rest deines Lebens, schmerzt mich am meisten. Aber ich kann, was geschehen ist, nicht mehr ungeschehen machen. Ich werde keinen Frieden in mir finden, wenn ich nicht wenigstens versuche, dich von meiner tief empfundenen Reue zu überzeugen. (…) Ich hoffe, du akzeptierst, dass ich dich auf diese Weise um Vergebung bitte für das, was ich dir damals angetan habe. (…)

Auf mich wirkt das selbstsüchtig. Es geht nicht um Wiedergutmachung, sondern darum, eine Last von den eigenen Schultern zu rollen. Der Brief ist eine Zumutung.

Allerdings kann man dem Verfasser vermutlich zugute halten, dass er eben tatsächlich bereut und dass ihn die Vergangenheit wirklich quält. Er hat seine Qualen vielleicht selbst verursacht, aber muss er deshalb zwingend ewig unter ihnen leiden?

Ich habe für Härte nichts übrig. Wenn die Menschen einander ein wenig gnädiger begegnen würden, wäre sehr viel gewonnen.

Da es in dieser Sache aber ohnehin nicht um mich geht, ist meine Meinung im Grunde bedeutungslos. Die Meinung, auf die es ankommt, ist die von Ted.

Hier ein längerer Auszug aus dem im Buch abgedruckten Antwortbrief:

Ich bin eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, Sie könnten vielleicht Gewissensbisse haben wegen dem, was damals geschehen ist. Im Lauf der Zeit habe ich eigentlich vermutet, ich müsse einer von Vielen gewesen sein. Ich fand eine einfache Erklärung für das, was mir widerfahren war: Ich war einem Kinderverführer über den Weg gelaufen. Aber ihrem Brief entnehme ich, dass ich der Einzige war: Wenn das stimmt, warum kam es dann dazu und warum mit mir? Ein Zufall war es nicht, denn alles zusammengenommen hat es über ein Jahr gedauert. Und es gab eine sorgfältige Orchestrierung, immer ging es einen kleinen Schritt weiter. Gerade durch das beständige Verschieben der Grenzen dachte ich, Sie wüssten aus Erfahrung genau, was Sie taten.

Ihr Brief weckt Fragen in mir, die ich für längst beantwortet hielt. Aber die Antworten stimmen offenbar nicht, und damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge.

Dass ich später nach anderen Erklärungen gesucht habe, hat damit zu tun, dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. Meine Erinnerung ist mittlerweile lückenhaft, das heißt, ich kann mich irren, aber meiner Meinung nach sind Sie an diesem letzten Nachmittag mit gewissen Handlungen zu weit gegangen. Ich habe mich dann rasch in die Toilette geflüchtet. Da bin ich eine Weile geblieben, habe anschließend auf Wiedersehen gesagt und bin gegangen. Für immer.

An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie.

Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte. Ihnen ist höchstens vorzuwerfen, dass sie, indem Sie Sex in unserer Beziehung zuließen, mir ein Problem aufgehalst haben, mit dem ich mir als Zwölfjähriger keinen Rat wusste. (…)

Klar sollte sein: Sie haben nicht etwas in mir aufgewühlt, das ich versucht hätte zu vergessen. Ich konnte und wollte es nicht vergessen. Ob ich dadurch einen Schaden davongetragen habe, lässt sich schwer sagen, aber wenn dem so ist, dann bedeutet das noch nicht, dass ich diesen Schaden rückgängig gemacht haben will. Alles, was mir widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, ist nun mal Teil meines Lebens und meiner Existenz, Teil der Person, die ich geworden bin – und das lasse ich mir nicht mehr abnehmen.

Sehr schwierig an Ihrem Brief finde ich, dass bei Ihnen das Schuldgefühl im Vordergrund steht und alles andere in den Hintergrund drängt. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. Genau das aber ist es, worum Sie mich bitten.

Natürlich bin ich im Lauf der Zeit zu der Einsicht gelangt, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird, sicher sobald Sex im Spiel ist. So habe ich meinen Standpunkt teilweise der allgemeinen Haltung der Gesellschaft angepasst. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist prinzipiell abzulehnen, weil nicht einzuschätzen ist, was der Schaden für das Kind ist oder sein wird.

Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, auch wenn ich mir im Nachhinein durchaus bewusst ist, dass gerade ihre Zuwendung (eine Hand wäscht die andere) mich auch dann nachgiebig gemacht hat, wenn Sie wieder einen Schritt weiter mit mir wollten. Aber deswegen jetzt Ärger zu machen finde ich übertrieben. Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. Sie sollten nicht erfahren, dass ich, schon bevor Sie damit anfingen, durchaus wusste, was Sex war: Ich hätte Sie auch ohne Weiteres wegschieben können oder aufstehen und nach Hause gehen, aber um das zu tun war ich viel zu neugierig – und ich durfte neugierig sein auf Liebe und Sex. Mich trifft also ebenfalls kein Tadel.

Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…)

Mit fast 15 Jahren habe ich meiner Mutter erzählt, dass es während meiner Besuche bei Ihnen zu gewissen Dingen gekommen war. Der einzige Grund dafür war, dass sie mich in die Enge getrieben hatte, aber zum Glück brauchte ich nicht ins Detail gehen, denn meine Mutter glaubte mir sofort. Sie hatte nämlich schon immer etwas vermutet, aber nie irgendeinen Beweis gefunden.

Ihre Reaktion erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. Ich glaube, sie verstand, dass sie sich zwar an Ihnen hätte rächen können, aber nicht, ohne mich von lästigen Beamten in die Mangel nehmen zu lassen. Ich machte mir deshalb ebenfalls Sorgen, aber vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. Und das habe ich getan. (…)

Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten. Ungeachtet des Ausgangs. (…)

Dass Sie nur zerknirscht zurückblicken können, finde ich schade. Schlimmer: eine Leugnung des Schönen, das es gab. (…) Aber einmal damit konfrontiert, kann ich nicht anders, als Sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu vergeben, in der Hoffnung, dass dabei Raum entsteht anzuerkennen, dass Ihre damaligen Gefühle aufrichtig waren und dass ein kleiner Fehler aus Liebe (oder wie man es auch nennen mag) weniger zuzurechnen ist und keinesfalls 25 Jahre lang nachgetragen werden darf.

Dieser Tage wurde ich mit der Nase auf die Tatsachen gestoßen. Was war, ist immer noch da. Bei Ihnen offenbar auch noch, in Anbetracht Ihres Briefes, allerdings überschattet von „Selbstbestrafung“. Es ist etwas Unerledigtes, das nicht auf die Distanz mit ein paar Briefen abgehandelt oder geradegerückt werden kann. Ich denke, es ist wichtig, uns 25 Jahre später nochmals zu treffen. Mögen Sie darüber einmal nachdenken?

Mit herzlichem Gruß, Ted

Leider ist es zu dieser Begegnung nicht gekommen. Der Brief wurde (durchaus angemessen) beantwortet und das Treffen zugesagt, aber für eine unbestimmte Zukunft, da Teds ehemaliger Freund glaubte, zuvor noch weitere innere Verarbeitungsarbeit leisten zu müssen. Zugleich bat er auch darum, nicht mehr angeschrieben zu werden. Er war verheiratet und fürchtete, seine Frau würde die Briefe entdecken. Er versprach, sich telefonisch melden, wenn er soweit sei. Aber er tat es nie. Vielleicht war er nie soweit. Vielleicht ist er gestorben. Aber am Ende bleibt leider etwas Unerledigtes, das hätte erledigt werden können und müssen.

Es gibt einiges, was mich an dem im Buch „Herr M.“ genanten Mann stört. Da sind seine Selbstkasteiungen und die fehlende Würdigung der schönen gemeinsamen Momente. Da ist der erste Brief, bei dem es mehr um Entlastung für sich selbst geht, als um Wiedergutmachung für den einst geliebten Jungen.

Da ist das zu weit gehen, das nicht näher beschrieben ist, aber das vielleicht noch verzeihlich sein könnte. Schwerer verzeihlich scheint mir, dass Herr M. damals anscheinend nicht realisiert hat, dass er zu weit gegangen ist und sich nicht gekümmert hat, als Ted sich in die Toilette flüchtete und dort eine Weile nicht herauskam. Das empfinde ich als schweres Versagen.

Als ähnlich schweres Versagen empfinde ich, dass er das persönliche Treffen nicht ermöglicht hat, das eigentlich für beide hätte heilsam sein können. Aus meiner Sicht hatte Ted ein Anspruch darauf. Herr M. hat eine wichtige Chance verpasst, etwas gut zu machen.

Aber das Buch ist nun mal autobiographisch. Es erzählt keine Geschichte, sondern das Leben. Und das ist voll von unvollkommenem Menschen, die sich so gut durch das Leben schlagen, wie sie es gerade können. Liebe bekommt man immer nur von Menschen – Wesen mit Mängeln.

Liebe und Zuneigung entschuldigt viel und ich bin mir aufgrund der Schilderung der Beziehung aus Sicht des Jungen (bzw. aus der Sicht des Erwachsenen, der sich daran erinnert, dass er geliebt wurde und geliebt hat) sehr sicher, dass die Liebe und Zuneigung von Herrn M. echt war.

Die erotische Anziehung war nur das Fundament, ohne das es zwar kein Haus gibt, das aber für sich genommen nicht wärmt und nicht schützt, wie es die Beziehung schafft, die man sich auf dem Fundament zusammen aufbaut.

Der erwachsene Ted kam zu der Schlussfolgerung, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird. Ich halte das für einen Irrtum. Problematisch ist nicht ein Machtgefälle, sondern der Missbrauch von Macht. Bei aller berechtigten Kritik an Herrn M.: er hat Ted geliebt und Ted fühlte sich geliebt. Es gab in dieser Beziehung Fehler (wie in jeder anderen auch), aber keinen Missbrauch von Macht.

Ted hat aber Recht, wenn er in seiner Rückschau glaubt, dass ihm durch den sexuellen Teil der Beziehung etwas zugemutet wurde, bzw. dass er einem Risiko ausgesetzt wurde.

Die wahre Geschichte, von der das Buch erzählt, zeigt überdeutlich, dass mit der Kriminalisierung der Liebe von Erwachsenen zu Kindern auch eine Pathologisierung der Kinder verbunden ist, die sich geliebt fühlen, die aber in der Gesellschaft nichts anderes sein dürfen als Opfer.

Für die Legitimität einer Beziehung sollte es keinen anderen relevanten Maßstab geben, als das beide Beziehungspartner in und mit der Beziehung glücklich sind. Aber man muss sich auch der Realität stellen, dass die Gesellschaft andere Maßstäbe anlegt.

Ich glaube keineswegs, dass jeder sexuelle Kontakt eines Erwachsenen mit einem Kind Missbrauch (im Sinne von sexueller Gewalt) ist. Für mich hat Missbrauch nichts mit Alter oder Geschlecht zu tun, sondern liegt dann vor, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt.

Trotzdem kann ich wenig entgegensetzen, wenn Ted van Lieshout in seinem Buch fordert, dass ein Erwachsener einem Kind einen sexuellen Kontakt nicht zumuten darf, da „daraus viel Schaden entstehen kann“. Ich glaube zwar, dass der Schaden vor allem durch die Tabuisierung und Skandalisierung entsteht und durch das Schweigegebot, das auf der Beziehung lastet, aber das macht den möglichen Schaden nicht weniger real.

Das Urteil des erwachsenen Ted bleibt ambivalent.

Einerseits hält er seinem älteren Freund seine Verantwortung vor („Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten.“).

Andererseits entschuldigt er ihn auch und weist die eigentliche Verantwortung der Gesellschaft zu („Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.“).

Die Schlussfolgerung kann sein, dass willentlich einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell anzulehnen ist, weil die Gefahr von Sekundärtraumatisierungen (durch Umweltreaktionen und Angst vor Umweltreaktionen) nicht beherrschbar ist.

Die Schlussfolgerung kann aber auch sein, dass die Ächtung von willentlich einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell abzulehnen ist, weil sie eine für sich genommen positive Erfahrung potentiell in ein Trauma verkehrt und betroffenen Kindern dadurch schadet.

Ich glaube nicht, dass man sich für eine der beiden Schlussfolgerungen entscheiden muss. Beide haben eine Berechtigung.

Ich habe schon verschiedentlich eingestanden, dass ich mich nach einer Beziehung sehne, wie sie zwischen dem Jungen Ted und seinem Herrn M. anscheinend existierte. Ich wünsche mir, dass irgendwann einmal ein Junge das für mich empfindet, was Ted so beschreibt:

(…) damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge. (…) Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. (…) Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, (….) Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. (…) vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. (…)

Aber man darf deshalb nicht außer Acht lassen, dass Ted unter den Beziehungsfolgen auch gelitten hat. Es graust mir davor, dass ein Junge einmal meinetwegen Nöte durchleiden könnte, wie sie Ted hier beschreibt:

(…) dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. (…) An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, (…) Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie. (…) Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…) Ihre Reaktion [die der Mutter] erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. (…)

Ich muss mir zwar nicht vorhalten lassen, in einer ähnlichen Situation die selben Fehler wie Herr M. zu begehen, aber realistisch betrachtet bin ich als Mensch ein Wesen mit Mängeln und mache meine eigenen Fehler. Es wäre Hybris zu behaupten, dass mir etwas anderes, in der Wirkung auf einen geliebten Menschen vergleichbares, nicht passieren könnte.

Was vielleicht noch schlimmer ist: Ted hätte auch dann gelitten, wenn man die offensichtlichen Fehler von Herrn M. von der Beziehung abzieht. Die Schuldgefühle wegen Kirche und Gesellschaft, die Angst, sich von Klassenkameraden zu isolieren, der Schrecken als die Mutter von der Beziehung erfuhr, das belastende Geheimnis. Alle diese Aspekte hätte es auch dann gegeben, wenn Herr M. nicht zu weit gegangen wäre oder zumindest seinen Fehler erkannt und sich unmittelbar entschuldigt hätte.

So sehr ich mir wünsche, einen anderen Mensch glücklich zu machen und eine „ideale Beziehung“ mit ihm zu leben, so sehr graut es mir davor, einem geliebten Menschen Jahre der Schuld- und Schamgefühle aufzubürden, die es ohne mich nicht gegeben hätte.

Die autobiographische Geschichte von Ted konfrontiert mit einer Wirklichkeit, in der eine echte und warme Liebe für den Jungen gleichzeitig Segen und Zumutung ist. Der Segen kommt aus der Beziehung, die Zumutung aus der Gesellschaft.

Ohne die Ächtung durch die Gesellschaft hätte nicht nur Ted ein viel besseres Leben gehabt, sondern auch sein Herr M., der sich jahrzehntelang mit Selbstvorwürfen kasteit hat. Nicht nur Ted, sondern auch Herr M. wurde Opfer der Gesellschaft.

Aber wenn ich ehrlich bleiben will, kann ich mir nicht nur den Teil der Wahrheit heraussuchen, der mir aus persönlichen Motiven in den Kram passt. Die Gefahr einer Sekundärtraumatisierung durch eine eigentlich positiv erlebte Beziehung ist real und letztlich nicht beherrschbar.

Hinzu kommt: eine sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen ist kein notwendiger oder gar zwingend positiver Entwicklungsschritt für einen Jungen (oder ein Mädchen). Mit welchem Recht, darf man einem Jungen eine solche, auch sexuelle Beziehung dann zumuten?

Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so sehr auf meine Meinung und meine Zweifel an.

Die Person, um die es wirklich geht, deren Meinung maßgeblich ist, ist der Junge. Nicht ich und auch nicht der hypothetische, noch gar nicht existierende Erwachsene, dem man unterstellt, dass er vielleicht irgendwann einmal ein Problem mit bestimmten Aspekten der Beziehung haben könnte.

Und deshalb hoffe ich weiter, dass mir irgendwann ein junger Mensch begegnet, der meine Bedenken mit einem Lächeln beiseite wischt und mir die Chance gibt, ihn glücklich zu machen und in seinem Glück auch mein eigenes zu finden.