Lebensluft

Vor kurzem wurde bei Spiegel Online ein Artikel zur Medizingeschichte aus dem Jahr 2009 noch einmal nach oben geschupst und der Leserschaft präsentiert („In der Reihe „einestages-Klassiker“ präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv“). Es ging dabei um eine Erfindung aus dem Jahr 1929, die sogenannte „Eiserne Lunge“. In diesen riesigen Röhren konnten Patienten künstlich beatmet werden. Lediglich der Kopf ragte aus dem Apparat heraus. In der Röhre wurde regelmäßig ein Unterdruck erzeugt, wodurch sich die Lungen füllten und die Patienten mit lebensnotwendiger Luft versorgt wurden. .

Zu den Patienten gehörten Opfer der Kinderlähmung, bei der auch die Lunge befallen sein konnte, was früher sofort tödlich war. Die Lähmung ging später oft zurück, so dass viele Patienten lediglich temporär behandelt werden mussten. Tausende Leben konnten so gerettet werden.

Es gab aber auch Dauerpatienten, die teils Jahrzehnte in einer Eisernen Lunge verbrachten. Wer in einer Eisernen Lunge war, konnte sich nicht waschen, rasieren oder am Kopf kratzen. Die Pflege erfolgte durch seitliche Luken in der Röhre. Ziemlich heftig.

Im Journalismus werden Geschichten regelmäßig mit menschlichen Schicksalen angereichert, um eine Geschichte eindringlich und emotional an den Leser zu bringen. So auch hier.

Die Erzählung des Spiegel beginnt mit einem jungen, reichen Touristen auf Weltreise, der in Peking im Alter von 25 von der Kinderlähmung befallen wird und nur aufgrund der zufällig verfügbaren Eisernen Lunge gerettet werden konnte. Da seine Lunge gelähmt blieb, war er zeitlebens auf das Gerät angewiesen. Immerhin konnte er die Eiserne Lunge irgendwann zumindest kurzzeitig mit der Hilfe von mobilen Beatmungsgeräten verlassen. Trotz seiner verzweifelten Lage heiratete er und zeugte drei Kinder. 1954 starb er nach 18 Jahren Behandlung.

Die Geschichte endet mit dem Deutschen Ferdinand Schießl, der für sein Überleben von 1958 bis 2004 in dem Gerät schlafen musste. Tagsüber konnte er die Eiserne Lunge mit Hilfe einer antrainierten Atemtechnik verlassen. 2004 gelang ihm dann der Wechsel auf eine Atemmaske. Er hatte dabei zwar zunächst mit Umstellungsschwierigkeiten in Form von Panikattacken zu kämpfen, schaffte es aber.

Die emotionale Schlusspointe:

Erst nach Wochen gewöhnte sich Schießl an das Schlafen außerhalb des Stahlsargs. Damit änderte sich sein Leben radikal: Denn vorher war es ihm „nie vergönnt gewesen, Arm in Arm mit meiner Freundin einzuschlafen“.

Ich gebe zu, dass mich das berührt hat.

Ich gönne Frederick Snite (dem Amerikaner) seine Heirat und seine Kinder und ich gönne Ferdinand Schießl, dass er schließlich Arm in Arm mit seiner Freundin einschlafen durfte.

Es wäre aber schön selbst auch einmal Arm in Arm mit meinem Freund einzuschlafen – oder überhaupt einmal einen zu haben.

Realistisch betrachtet, muss es wohl nicht zwingend angenehm sein, wenn man neben jemandem einschläft. Es soll vorkommen, dass einem die Bettdecke weggezogen wird. Oder dass der andere einen im Schlaf ungewollt durch seine Bewegungen mit dem Ellbogen oder anderen Körperteilen malträtiert. Oder dass einem der Bettgenosse durch sein Schnarchen den Schlaf raubt und man sich deshalb am nächsten Tag gerädert fühlt.

Vielleicht ist diese Form der Nähe also gar nicht mal so erstrebenswert. Schlaf bekommt man schließlich auch ohne Mitschläfer. Eigentlich fehlt jemandem, der darauf verzichten muss, nichts Entscheidendes.

Und doch ist die Tatsache, dass ich jede Nacht alleine ins Bett gehe und am Morgen alleine aufwache, dass ich es noch nie erleben durfte, neben einem geliebten Menschen einzuschlafen und neben ihm wieder aufzuwachen, ähnlich belastend wie die vielleicht offensichtlichere Einschränkung, dass ich keinen Sex mit einer mich für mich sexuell anziehenden Person haben darf.

Was man nicht haben kann, wird umso sehnsüchtiger und schmerzhafter vermisst. Vermutlich ist das gemeinsame Schlafen eigentlich etwas Banales, das jemand, dem diese Möglichkeit zur Verfügung steht, kaum zu schätzen weiß und nicht allzu sehr vermisst, wenn er einmal eine Zeitlang darauf verzichten muss. Für jemanden, der es noch nie erlebt hat und dem es unerreichbar ist, kann daran aber gefühlt das Seelenheil hängen.

Vielleicht ist es als Ding an sich nicht weiter wichtig, sondern eher nur das Symbol für einen schrecklichen Mangel. Den Mangel an Zweisamkeit. Das Gefühl, dass es auch für mich eigentlich jemanden gibt, den ich glücklich machen könnte und der seinerseits mich glücklich manchen würde. Die Verzweiflung, dass er für mich unfindbar und wenn gefunden unberührbar bleiben muss, weil die Gesellschaft es so will.

Aber auch wenn ich jetzt herumgejammert habe: Nein, ich möchte nicht unbedingt mit Frederick Snite oder Ferdinand Schießl tauschen. Auch ihr persönlicher Schicksalschlag war hart und das überlieferte Happy End bleibt doch etwas dünn. Ich habe mich in meinem Leben zurechtgefunden. Ihres kenne ich nicht.

Außerdem wartet auf mich ja vielleicht auch noch ein Happy End. Wenn ja, dann nehme ich es – auch wenn es möglicherweise ein wenig dünn ausfallen mag.

3 Kommentare zu „Lebensluft

  1. Heute (15.8.2020) erst habe ich zufällig diesen Beitrag gefunden.
    Ich bin diese Frau, mit der Ferdinand Schießl Hand in Hand einschlafen konnte und bereue keine Minute, die ich an seiner Seite verbracht habe. Leider hat er 2014 für immer meine Hand losgelassen und schläft seitdem ohne mich…
    Wir waren beide weit über 40, als sich unsere Wege kreuzten. Bis dahin hatte Ferdinand sich bereits voll und ganz in seinem Leben ohne „die große Liebe“ zurechtgefunden und es trotzdem von Herzen genossen, zu leben.
    Die folgenden knapp 13 gemeinsamen Jahre waren ein wunderbares Geschenk an uns beide und ein alles andere als ein „dünnes Happy End“!
    Alles Gute für dich – und danke für deine Gedanken zur „Lebensluft“

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Fr. Knoll, ich freue mich sehr, dass der Zufall Sie hergeführt hat und bedanke mich für ihre lieben Worte. Es ist schön, dass die gemeinsamen Jahre so erfüllend für sie beide waren. Dass es kein dünnes, sondern ein dickes Happy-End gab, hat mir ein sehr breites Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Danke dafür!

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