Warum gibt es Pädophilie?

Hier soll es nicht um die Frage gehen, warum ein bestimmtes Individuum pädophil ist, sondern die Frage, warum es überhaupt pädophile Menschen gibt.

Um mich der Frage zu nähern, möchte ich zunächst einmal den Stand der Forschung in Hinblick auf Homosexualität anreißen:

In der Forschung hat sich heute weitgehend eine Deutung durchgesetzt, die auf der gesicherten Beobachtung aufbaut, dass homosexuelles Verhalten eines Teils von Populationen in der höheren Tierwelt sehr weit verbreitet ist. Solchem Verhalten wird demgemäß eine mögliche evolutionäre Funktion für den Abbau von Aggressionen und die soziale Integration bei komplexen, hochentwickelten Wirbeltiergesellschaften beigemessen. Homosexuelles Verhalten von Teilen einer Population hochentwickelter Lebewesen ist demnach ein durch die natürliche Evolution entstandenes, in der belebten Natur weit verbreitetes und sinnvolle Funktionen erfüllendes Phänomen.

Wikipedia-Artikel Homosexualität (dort siehe Abschnitt „Übersicht“)

Auch Sex von erwachsenen Tieren mit noch nicht geschlechtsreifen Jungtieren kommt im Tierreich häufiger vor. Entsprechendes (nicht sehr einvernehmliches) Verhalten wurde bereits vor über 100 Jahren bei Pinguinen entdeckt. Ein Beispiel aus der Natur für einvernehmliches Verhalten sind Bonobo-Affen, die (zusammen mit dem Schimpansen) nächsten Verwandten des Menschen.

Bonobos zeigen eine besonders ausgeprägte sexuelle Aktivität und ein für Primaten außerordentlich breites Spektrum an Sexualkontakten. Diese erstrecken sich auch auf nichtreproduktive Lebensphasen und Partnerkombinationen. So sind homosexuelle Kontakte sowie Sexualkontakte von Jungtieren untereinander oder zu Erwachsenen häufig, und Weibchen sind während des gesamten Menstruationszyklus paarungsbereit.

Abstract der Studie „Das Sexualverhalten der Bonobos und seine Funktionen sozialen Spannungsabbaus

Das Schweizer Messer

Bei Sex, denken die meisten zuallererst an die Fortpflanzungsfunktion. Das ist zwar nachvollziehbar, aber auch genau der Denkfehler, der dazu führt, dass sexuelle Verhaltensweisen, die nicht primär der Fortpflanzung dienen, teilweise als „unnatürlich“ gesehen werden. Tatsächlich ist Sex ein Schweizer Messer der Natur, das neben der Fortpflanzung eine Reihe weiterer wichtiger Funktionen wie den Abbau von Aggressionen oder die soziale Integration für das Sozialverhalten übernimmt, die dem Überleben der beteiligen Individuen und der Art dienlich sind.

Individuen, die sich nicht fortpflanzen, die aber trotzdem zum Überleben der Art beitragen, gibt es in der Natur übrigens zuhauf. Man denke nur an einen Bienenstaat, bei dem es überhaupt nur ein einziges fortpflanzungsfähiges Weibchen gibt. Auch unter Säugetieren ist es nicht ungewöhnlich, dass sich z.B. nur die Alphatiere der Gruppe fortpflanzen. Der Rest des Rudels oder der Herde wird aber benötigt, damit die Nachkommen erfolgreich aufgezogen werden können.

Das Überleben der Art

Der Natur geht es nicht um das Überleben des Individuums oder das Überleben der Gene eines konkreten Individuums, sondern um das Überleben der Art. Das Überleben einer Art hängt davon ab, ob es zur Zeugung von Nachkommen kommt und davon, dass diese zunächst ziemlich (und im Fall des Menschen sogar völlig) hilflosen Nachkommen selbst dazu kommen, Nachkommen zu zeugen.

Dafür ist zunächst einmal Sex zwischen geschlechtsreifen Artgenossen unterschiedlichen Geschlechts erforderlich und zwar nicht nur zur Zeugung selbst (für die es ja meist ein ganze Reihe Versuche braucht). Sex sorgt auch für eine länger andauernde Bindung zwischen den Partnern, so dass diese lange genug zusammen bleiben, um gemeinsam das Überleben und die erfolgreiche Aufzucht der Jungen bewältigen zu können.

Das ist zwar nicht das einzige Modell, bei dem es zu einer Fortpflanzung kommt, aber doch das dominante. Daneben gibt es auch z.B. One-Night-Stands, Fremdgehen, Prostitution oder Vergewaltigungen (wer zweifelt, dass es all das auch im Tierreich gibt, darf gerne nochmal den Artikel zu den Pinguinen lesen). Der Vorzug der dauerhaften Verpaarung für die Erfolgsaussichten des Nachwuchses liegt aber auf der Hand – eben aus diesem Grund ist sie die dominante Variante, sozusagen Plan A.

Wo es einen Plan A gibt, gibt es auch einen Plan B und C

Die erfolgreiche Aufzucht der Kinder ist primär die Aufgabe der Eltern. Die Natur sorgt dafür, dass sich Eltern in ihre Kinder verlieben (nicht-sexuell, denn sonst käme es zu Inzest, bzw. im Tierreich Inzucht) und dauerhaft bereit sind für diese alle nur erdenklich Beschwerden in Kauf zu nehmen und Ressourcen aufzuwenden, um sie erfolgreich großzuziehen, bis sie selbst Nachkommen zeugen können. Und auch da hört die Liebe und der Erfolg der Bindungsstrategien der Natur nicht auf. Die Eltern helfen oft auch als Großeltern bei der Erziehung der Enkelgeneration. Auch Onkel, Tanten usw. helfen oft mit. Das macht sowohl für das Überleben der Art Sinn, als auch für die Weitergabe der eigenen Gene, denn die Nachkommen des Bruders oder der Schwester tragen ja auch einen Teil der eigenen Gene mit sich, weil sie teilweise aus dem selben Gen-Reservoir kommen.

Neben Plan B, den Verwandten, gibt es aber auch noch einen Plan C. Es kommt schließlich durchaus auch vor, dass Eltern nicht in der Lage sind, sich adäquat um den Nachwuchs zu kümmern (z.B. im Todesfall oder wenn sie aus anderen Gründen verhindert oder nicht in der Lage sind, für den Nachwuchs zu sorgen).

Damit ein Individuum bereit ist, die Ressourcen zu investieren, die für einen Erfolg von Plan C notwendig sind, muss es einen erheblichen Anreiz geben. Hierzu zwei Zitate:

Ehe man eigene Kinder hat, hat man nicht die leiseste Vorstellung davon, welches Ausmaß die eigene Stärke, Liebe oder Erschöpfung annehmen kann.

Peter Gallagher

Liebe: nur ein schmutziger Trick der Natur, um das Fortbestehen der Menschheit zu garantieren.

William Somerset Maugham

Niemand würde die Mühen auf sich nehmen, fremden Nachwuchs zu versorgen, zu erziehen und ins Erwachsenenleben zu begleiten, wenn er nicht dafür irgendwie entlohnt wird. Die stärksten Entlohnungsstrategien, die es gibt und die von der Natur speziell erfunden wurden, um potentielle Eltern zusammen zu bringen, lange genug zusammen zu halten und sie dazu zu bewegen, sich freiwillig um den Nachwuchs zu kümmern und dabei unglaubliche Strapazen in Kauf zu nehmen, sind Sex und Liebe.

Genau diese Instrumente hat sich die Natur bei Pädophilen für ihren Plan C zu nutze gemacht. Es geht dabei keineswegs nur um die sexuelle Belohnung, denn dann würde das Interesse am Kind nur einen Sexakt lang anhalten. Sinn der Sache ist aber, dass der Betroffene sich dauerhaft, bzw. langfristig um das noch nicht eigenständige Kind bzw. den Jugendlichen kümmert. Dazu braucht es eine echte, langfristige emotionale Bindung – zuweilen auch Liebe genannt.

Die pädophile Anziehung, die subjektiv gespürte Attraktivität von Kindern und Jugendlichen schafft den Willen, fremde Kinder und Jugendliche zu betreuen, zu erziehen und auch bis ins Erwachsenenalter hinein zu ernähren und ist gleichzeitig eine Belohnung für diese anstrengende und biologisch selbstlose Arbeit, die bis hin zur Aufopferung für die Aufzucht von fremdem Nachwuchs gehen kann.

Der Pädophile ist also der (im Idealfall glückliche) Depp im Plan C der Natur, der sich selbst normalerweise nicht fortpflanzen wird, der aber im Laufe seines Lebens viel dazu beitragen kann, dass eine ganze Reihe von fremden Kinder aus seinem Umfeld, ihre Kindheit gut überstehen, sich erfolgreich entwickeln und schließlich dazu kommen, selbst Nachwuchs zu zeugen.

Es wäre dabei übrigens nicht richtig, Plan C lediglich als Ersatz im Falle des Scheiterns von Plan A und B zu begreifen. Plan A und B greifen schließlich auch ineinander. Großeltern kümmern sich auch dann unterstützend um die Enkelgeneration, wenn Plan A funktioniert und liebevolle, fitte und verantwortungsvolle Eltern zur Verfügung stehen. Ein Pädophiler verliebt sich nicht primär in vernachlässigte oder verwaiste Kinder. Er verliebt sich in Kinder, wie sich heterosexuelle und homesexuelle Menschen auch verlieben: ohne Plan und ohne Sinn und Verstand. Und der Vollständigkeit halber hinzugefügt: natürlich auch ohne Hinterlist.

Für die Gruppe und das Überleben der Art war es jedenfalls evolutionsgeschichtlich von Vorteil, wenn einige Individuen der Gruppe pädophil waren. Dazu wie sich die Situation im Laufe der historischen Geschichte bis heute verändert hat, bei anderer Gelegenheit mehr.

Gutes aus der Niederlande

Das TV Format „The Voice“ und das Kinderformat „The Voice Kids“ wurden bekanntlich in der Niederlande erfunden.

Die Niederlande hat etwa 17.3 Millionen Einwohner. Die Blind Audition von Bart bei der niederländischen Ausgabe von The Voice Kids aus dem Jahr 2015 wurde auf Youtube bereits 39.5 Millionen mal aufgerufen.

Dann muss das doch eigentlich gut sein, oder? Ja, ist es. 🙂

Oklahoma von Billy Gilman

Billy Gilman ist ein amerikanischer Sänger, der aus dem Country-Bereich kommt, dabei aber auch Pop-kompatibel ist. Seine Debut-Single „One Voice“ erschien im Jahr 2000 als er 11 Jahre alt war und erreichte die Top20 der amerikanischen Billboard Hot Country Songs (der wichtigsten Single-Hitparade für das Genre Country-Musik) und die Top40 der allgemeinen amerikanischen Single Charts.

Das ebenfalls „One Voice“ benannte Debut-Album erschien noch im selben Jahr und erreichte Doppel-Platin in den USA, wurde also mehr als 2 Millionen mal verkauft. Danach folgten noch 2 Gold-Alben (jeweils mehr als 500.000 mal verkauft). Insgesamt hat Billy Gilman 5 Millionen Platten verkauft.

Ein so großer Erfolg hat natürlich einen Grund: Billy singt gefühlvoll, kraftvoll und mit Herz.

Eines der Lieder seines Debut-Albums ist „Oklahoma“, bei dem es um einen Jungen geht, dessen Mutter gestorben ist und der seinen Vater nicht kennt. Der Junge ist in einer Pflegefamilie untergekommen und glaubt dort sein neues Zuhause gefunden zu haben. Dann aber macht das Jugendamt den Vater in Oklahoma ausfindig. Der Junge soll nun zu seinem Vater ziehen, einem Vater, nach dem er sich gesehnt hat, den er aber nicht kennt. In den Abschiedsschmerz von der bisherigen Pflegefamilie mischt sich Freude, aber auch Angst, ob der Vater so ist, wie erträumt und was die Zukunft bringt.

Das Video begleitet den Jungen beim Abschied von seinen Pflegeeltern und auf dem Weg nach Oklahoma, blendet zum Vater, der von seinem Sohn nichts wusste und erst durch die Behörde von ihm erfahren hat und zeigt auch wie er seiner Frau ‚beichtet‘, dass er noch einen Sohn hat. Das Ende des Videos zeigt die Ankunft und Begrüßung im neuen Leben in Oklahoma.

Alles in allem ziemlich gefühlsduselig und durch einen besonderen Kunstgriff (den ich hier nicht verrate) wird am Ende noch einmal eins drauf gesetzt. Aber gefühlsduselig heißt nicht zwangsläufig schlecht. Auch Schnulzen können schön sein, wenn sie gut gemacht sind. Die Musik und das Musikvideo dazu sind perfekt gemacht. Eines meiner absoluten Lieblingsvideos!


Wie schon erwähnt folgten noch eine ganze Reihe erfolgreicher Songs und Alben – nach dem Stimmbruch war mit der Karriere aber erstmal Schluß. Billy legte eine fünfjährige Pause ein und machte dann weiter professionell Musik, wurde aber nicht wieder richtig erfolgreich.

Im Jahr 2014 hatte er dann sein Coming-Out als schwul. Obwohl er viel Zuspruch erhielt, ist es im eher konservativen Country-Bereich für die Vermarktungschancen nicht sehr vorteilhaft offen schwul zu sein.

Billy Gilman über sein Coming Out

Um im Musikgeschäft wieder Fuß zu fassen versuchte Billy sich deshalb über eine Teilnahme in der US Ausgabe der Casting-Show „The Voice“ als Popkünstler neu zu erfinden. Er hat zwar nicht gewonnen, kam aber ins Finale und wurde Zweiter. Hier seine Blind Audition:

Der Erfolg bei The Voice hat die Karriere von Billy revitalisiert, aber für den erneuten großen Durchbruch hat es bisher nicht gereicht. Von der Stimme her hätte er es drauf, aber hier zeigt sich die Brutalität des Musikgeschäfts: auch von den richtig starken Sängern und Performern schaffen es am Ende nur die wenigsten auf den Olymp. Trotzdem denke ich, dass Billy gute Voraussetzungen mit seiner Leidenschaft vielleicht nicht das ganz große Geld aber doch zumindest einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu verdienen.

Mit seinem Coming-Out hat er vielleicht nicht seine Vermarktungschancen verbessert, die Aussicht auf ein erfülltes Leben aber allemal. Sein Lebenspartner ist seit 2014 Chris Meyer.

Ich war bereits in meinen Zwanzigerm als ich ernsthaft in mich ging und mich selbst besser kennen lernte. Dann traf ich meinen Freund Chris [Meyer] und dachte „Das ist es“, und da habe ich wirklich verstanden, dass Liebe Liebe ist … Ich habe eine fantastische Familie. (…) Meine Eltern haben das sofort akzeptiert. Als ich meinen Freund kennengelernt habe, bin ich in eine wunderbare erweiterte Familie hineingefallen und sie alle nehmen uns so, wie wir sind!“

Billy Gilman über sein Coming Out (eigene Übersetzung aus ArticleBio)

Die Heirat der beiden steht unmittelbar bevor.

„Lorenz wehrt sich“ – Kindersachbuch über Kindesmißbrauch

Das Kindersachbuch „Lorenz wehrt sich“ ist lt. Angaben auf der Buchrückseite für Kinder ab etwa 10 Jahre in Begleitung erwachsener Vertrauenspersonen geeignet. Es „ermöglicht Kindern ab etwa 10 Jahren durch klare Worte und deutliche Bilder, über sexuellen Missbrauch zu sprechen“.

Ich finde es sinnvoll, dass es ein solches Buch gibt. Leider ist aber nicht alles sinnvoll, was in dem Buch enthalten ist.

Ausgangspunkt ist die Missbrauchserfahrung, die dem Protagonisten, dem 11-jährigen Lorenz zustößt. Diese wird als Auszug aus dem ersten Kapitel in der Produktbeschreibung auf amazon.de geschildert. Noch etwas mehr Text und weitere Seiten des Buches kann man als Leseprobe auf der Seite des Verlags einsehen. Hier der Textauszug, den man auch auf amazon findet:

Das schlechte Geheimnis * Eine Geschichte zum (Vor-)Lesen *

Lorenz ist schon 11 und ein fröhlicher Junge. Aber seit einiger Zeit fühlt er sich scheußlich, hohl und irgendwie abgenutzt. Es ist, als ob etwas in ihn hineingekrochen wäre und den Lorenz, den er bislang kannte, verdrängen und kleiner machen würde. Dieses Etwas verleidet ihm sogar die Freude an den schönen Dingen und treibt ihn nach der Schule in sein Zimmer. Dort liegt er dann meist bis zum Abendessen schlaff wie ein Kartoffelsack im Bett herum und grübelt. Er spielt das Erlebte immer wieder durch und fragt sich hoffnungsvoll, ob sich – wenn er sich ganz oft in die Arme zwickt – nicht doch alles als Traum erweist.

Wenn Lorenz am Tag vor lauter Nachdenken die Augen zufallen, dann quälen ihn im Dunkeln erneut die gleichen Bilder. Das geht so lange, bis ihm schwindlig wird. Ganz egal, ob er fest seinen Kopf schüttelt, seine Haare ziemlich grob bürstet oder mit Eiswürfeln seine Stirn kühlt: Die Gedanken daran verblassen nicht. Lorenz ist sich nicht sicher, was er nun tun soll.

Lorenz erinnert sich: Im Fußball-Trainingslager wollte er sich mit seiner Mannschaft auf die Bezirksmeisterschaft der U13 vorbereiten. Wie immer ging er wie alle anderen nach dem Sport duschen. Später wäre er zum Tischtennis verabredet gewesen. Doch daraus ist nichts geworden, weil der sympathische Trainer, mit dem Lorenz seit Jahren arbeitet, alles kaputt gemacht hat.

Lorenz hat sich in der Dusche ein wenig mehr Zeit gelassen als die anderen. Ihn alleine in der Dusche zu finden, darauf hat es der Trainer vielleicht sogar angelegt. Denn er steht plötzlich nackt vor Lorenz.

Zuerst denkt Lorenz, der Trainer habe sich verlaufen. Doch als dieser grinsend näher kommt und ihn auffordert, ihm den Rücken zu waschen, verfliegen die Zweifel.

Ein eigenartiges Gefühl, vermischt mit Angst und Unwillen, keimt in Lorenz auf. Er versucht, mit zu Boden gesenktem Blick die Sache abzuwenden, indem er flüstert: „Nein, das mag ich nicht.“ Doch der Trainer greift Lorenz‘ Arm und zieht ihn zu sich heran. Dann sagt er: „Mach schon, du willst doch beim Turnier nicht als Stürmer auf der Bank sitzen.“

Das will Lorenz auf keinen Fall, weshalb er rasch nach dem Schwamm greift und tut, wie ihm befohlen wird. Anschließend muss Lorenz den Trainer am ganzen Körper abtrocknen.

Als er über dessen Penis rubbelt, atmet der Trainer sehr schnell und keucht, als ob er einen steilen Berg erklimmen würde. Wenig später atmet er wieder normal und wäscht eine helle, klebrige Flüssigkeit von seinem Penis und vom Bauch.

Danach fasst der Trainer Lorenz im Gesicht an. Er blickt ihm fest in die Augen und sagt: „Das muss unser Geheimnis bleiben. Du willst doch nicht aus der Mannschaft fliegen, oder?“

Als der Trainer pfeifend die Gemeinschaftsdusche verlässt, hätte Lorenz sich vor Ekel beinahe angekotzt.


Geschichte eines Missbrauchs

Das was geschildert wird, ist eindeutig Missbrauch, denn Missbrauch bedeutet, dass ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt. Dies geschieht hier in mehrfacher Hinsicht. Erstens wird Lorenz überrumpelt. Zweitens sagt er „Nein, das mag ich nicht.“ – trotzdem setzt sich der Trainer über die klare und unmissverständliche Willensäußerung hinweg. Drittens erzwingt der Trainer die gewünschte Handlung durch eine Drohung (dass Lorenz sonst beim Turnier auf der Bank sitzen wird). Viertens versucht er durch eine nochmal deutlich schärfere Drohung (die Androhung aus der Mannschaft zu fliegen) Lorenz Schweigen zu erzwingen.

Die Vorgehensweise des Trainers hat etwas von sexueller Belästigung, Nötigung und Erpressung.

§ 184i Sexuelle Belästigung

(1) Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn nicht die Tat in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist.

§ 253 Erpressung

(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt und dadurch dem Vermögen des Genötigten oder eines anderen Nachteil zufügt, um sich oder einen Dritten zu Unrecht zu bereichern, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

§ 240 Nötigung

(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Es gibt aber einen weiteren, noch spezifischeren strafrechtlichen Tatbestand, der Vorrang haben dürfte. Die für den Fall Lorenz besonders relvanten Abschnitte habe ich durch Fettstellung hervorgehoben.

§ 177 Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung

(1) Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer anderen Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wenn
1. der Täter ausnutzt, dass die Person nicht in der Lage ist, einen entgegenstehenden Willen zu bilden oder zu äußern,
2. der Täter ausnutzt, dass die Person auf Grund ihres körperlichen oder psychischen Zustands in der Bildung oder Äußerung des Willens erheblich eingeschränkt ist, es sei denn, er hat sich der Zustimmung dieser Person versichert,
3. der Täter ein Überraschungsmoment ausnutzt,
4. der Täter eine Lage ausnutzt, in der dem Opfer bei Widerstand ein empfindliches Übel droht, oder
5. der Täter die Person zur Vornahme oder Duldung der sexuellen Handlung durch Drohung mit einem empfindlichen Übel genötigt hat.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) Auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr ist zu erkennen, wenn die Unfähigkeit, einen Willen zu bilden oder zu äußern, auf einer Krankheit oder Behinderung des Opfers beruht.

(5) Auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr ist zu erkennen, wenn der Täter
1. gegenüber dem Opfer Gewalt anwendet,
2. dem Opfer mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben droht oder
3. eine Lage ausnutzt, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist.

(6) In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren zu erkennen. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder vollziehen lässt oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder von ihm vornehmen lässt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung), oder
2. die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird.

(7) Auf Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter
1. eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug bei sich führt,
2. sonst ein Werkzeug oder Mittel bei sich führt, um den Widerstand einer anderen Person durch Gewalt oder Drohung mit Gewalt zu verhindern oder zu überwinden, oder
3. das Opfer in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.

(8) Auf Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter
1. bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug verwendet oder
2. das Opfer
a) bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder
b) durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt.

(9) In minder schweren Fällen der Absätze 1 und 2 ist auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu drei Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 4 und 5 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 7 und 8 ist auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen.


Lorenz hat den Kontakt erkennbar abgeleht. („Nein, das mag ich nicht.“) Der Trainer hat mit der Situation unter des Dusche ein Überraschungsmoment ausgenutzt. Die Drohung nicht aufgestellt zu werden, besonders aber der angedrohte Rauswurf aus der Fußballmannschaft war nach den Maßstäben des Opfer, auf die es hier meiner Meinung nach ankommt, ein „empfindliches Übel“. Hinzu kommt, dass Lorenz unter der Dusche bereits nackt war. Nackt fühlt man sich angreifbarer und schutzlos. Wenn man wegen dem Element der Schutzlosigkeit einen „minder schweren Fall des Absatzes 5“ annimmt, läge die Strafandrohung bei sechs Monaten bis 10 Jahren.

Was Lorenz widerfährt wäre also auch dann strafbar, wenn es den Paragraphen 176 (sexueller Missbrauch von Kindern) nicht gäbe. Tatsächlich sieht dieser nicht einmal schärfere Strafen vor:

§ 176 Sexueller Missbrauch von Kindern

(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.

§ 176 wird also gar nicht benötigt, um den sexuellen Mißbrauch von Kindern bestrafen. Sexueller Mißbrauch wäre sowieso strafbar. Die Funktion des § 176 ist, auch Handlungen bestrafen zu können, die einvernehmlich, ohne Überrumpelung, ohne Belästigung, Erpressung oder Drohung zustande kommen und die von den betroffenen Kindern auch nicht als Missbrauch empfunden werden.

Eigentlicher Zweck der Norm ist dann aber nicht der Schutz von Kindern oder der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung, sondern die Sexualmoral, im Sinne einer Durchsetzung der gesellschaftliche Mißbilligung einvernehmlicher Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kindern.

Mängel der Lorenz-Geschichte

Ich halte den Text zur Lorenz-Geschichte nicht für gelungen oder geeignet, um sexuellen Missbrauch von Kindern entgegenzutreten.

Es gibt mit Sicherheit genug Kinder, die ein „Nein, das mag ich nicht.“ nicht herausbringen. Und auch dann wäre der geschilderte Vorgang mit Überrumpelung, Nötigung und Erpressung immer noch Missbrauch. Es könnte also bei einem Kind der Eindruck entstehen, dass es schuld daran ist, nicht „Nein“ gesagt zu haben.

Dieser Kritikpunkt wird etwas entkräftet, wenn man bedenkt, dass das Buch in Begleitung erwachsener Vertrauenspersonen gelesen werden soll.

Und dann wird es auf einmal eklig

Problematischer ist meines Erachtens, dass der Autor entscheidet, was das Kind zu Empfinden hat: „Ein eigenartiges Gefühl, vermischt mit Angst und Unwillen, keimt in Lorenz auf. (…) Als der Trainer pfeifend die Gemeinschaftsdusche verlässt, hätte Lorenz sich vor Ekel beinahe angekotzt.“

Für mich wäre nachvollziehbar, wenn sich Lorenz am Ende der Geschichte hilflos, schwach oder schlecht fühlt, verwirrt ist, sich ärgert oder wütend ist, dass der Trainer ihm gedroht und zu etwas gezwungen hat, was er nicht wollte.

Ekel scheint mir bei dem geschilderten Vorfall eine eher unwahrscheinliche (aber zugegeben zumindest mögliche) Reaktion. Ekelgefühle wären für mich nachvollziehbar, wenn Lorenz in der Geschichte etwa zu Oralverkehr gezwungen worden wäre, was ja aber nicht der Fall war.

Der heutige „Artikel des Tages“ auf der deutschsprachigen Wikipedia ist „Ekel“. Danach ist Ekel eine erlernte Reaktion. Auf Gerüche, die Erwachsene als ekelerregend bezeichnen – wie den von Kot oder Schweiß – reagieren Kleinkinder bis etwa drei Jahren z.B. nicht. Da die Ekelreaktion kein angeborener Instinkt sei, werde sie im Laufe der Sozialisation nach dem Vorbild von anderen, vor allem den Eltern, erlernt und sei kulturell beeinflusst. Das Prinzip laute: „Ekele dich vor den Dingen, die in der Gesellschaft, in der du lebst, als ekelhaft gelten!“

Ein Kind, dass sich mit dem Thema Sex bzw. sexuellen Handlungen noch nicht oder kaum auseinandergesetzt hat, weil es sich entwicklungsbedingt für das Thema bisher noch nicht sonderlich interessiert hat, hat normalerweise schlicht keinen entsprechenden Hintergrund, um das was in der Lorenz-Geschichte erzählt wird, als eklig einzustufen.

Bei einem Erwachsenen wie der Autorin sieht das anders aus. Sie hat gelernt, dass der sexueller Kontakt eines Kindes mit einem Erwachsenen in der Gesellschaft als ekelhaft gilt, also ekelhaft ist – und überträgt die eigenen Gefühlsregungen unzulässigerweise auf die Gefühlslage des Kindes.

Im Wikipedia-Artikel ist übrigens auch angemerkt, dass neuere Untersuchungen zur Neurobiologie darauf hinweisen, dass auch Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Unfairness Ekelreaktionen hervorrufen – was die geschilderte Reaktion von Lorenz möglich scheinen lässt. Allerdings wäre dies dann wohl kein Ekel über die sexuelle Handlung an sich, sondern über die ungerechte und unfaire Vorgehensweise des Trainers.

Zum Ekel hinmanipliert

Die Konsequenz aus der Geschichte scheint mir zu sein, dass ein Kind, dass das Buch liest oder vorgelesen bekommt, zur Schlussfolgerung gelangt, bzw. geführt wird, dass es sich hätte ekeln müssen und das etwas mit ihm nicht stimmt, falls es sich nicht geekelt hat.

Es wird zwar eine Geschichte erzählt, die eindeutig einen Missbrauch schildert, aber die Deutungshoheit über seine Gefühle sollte man dem Kind trotzdem lassen – um ihm dann passgenau zu seiner tatsächlichen Gefühlslage helfen zu können.

Dies gilt umso mehr, als man davon ausgehen muss, dass auch Kinder mit dem Buch konfrontiert werden, die eben nicht erpresst oder genötigt wurden und die sich auch nicht geekelt haben. Jemand, der sich nicht als Opfer fühlt, wird dann künstlich und ohne Rücksicht auf sein Wohlergehen zum Opfer gemacht und nachträglich traumatisiert.

Deswegen müsste man einen Täter wie den Trainer von Lorenz natürlich nicht straffrei davon kommen lassen. Die Bestrafungsaktion darf aber nicht zu Lasten des vom Unrecht Betroffenen gehen. Der Punkt dabei ist: das Opfer einer Ungerechtigkeit, bei der der Täter am Ende zur Rechenschaft gezogen wird, kann sich viel leichter von der Tat erholen, als das Opfer eines „Seelenmordes“, der dogmatisch als eine unheilbare, lebenslange Verletzung eingestuft wird.

Drückt man dem Kind seine Interpretation des Geschehens (z.B. als eklig) auf, dann nimmt man damit auch die Gefahr in Kauf, dass fälschlich Sex an sich als ekelhaft interpretiert wird, womit zum Schaden des Kindes eine positive Einstellung zu Sexualität für die Zukunft untergraben wird.

Missbrauch ist aber nicht primär schlimm, weil er sexuelle Kontakte beinhaltet (dann wären z.B. auch entwicklungsbedingt durchaus normale, einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen etwa gleichaltrigen Kindern grundsätzlich schlimm und schädlich), sondern weil das beteiligte Kind im Kontext des sexuellen Kontakts schlecht behandelt wird, also z.B. wie im Fall Lorenz bedrängt, bedroht oder erpresst wird.

In der Leseprobe des Verlags finden sich im weiteren Verlauf eine Reihe Seiten, die gut und kindgerecht über verschiedene Aspekte eines Strafverfahrens informieren. Die Belehrung des Kindes darüber, was es zu fühlen hat, setzt sich aber teilweise auch fort, etwa auf Seite 51 des Buches (Seite 8 der Leseprobe). Dort soll das Kind bei 9 cartoonartig dargestellten Szenen bewerten, welche Berührungen unangenehm sind. Daran ist nichts auszusetzen. Wohl aber kann man an der konkreten Aufgabenstellung: „Berührungen fühlen sich entweder angenehm oder unangenehm an. Entscheide selbst, welche Berührungen von dir als unangenehm erlebt werden und umkreise sie. Kreuze dann jene drei Berührungen an, die dich besonders ekeln.“

Es gibt überhaupt nur 4 Zeichnungen, die potentiell unangenehm sein können:
– ein Junge, der von einer Frau auf die Backe geküsst wird, wobei sie seinen Kopf festhält, so dass der Junge sich nicht entziehen kann
– ein Mädchen, dem ein älterer Mann an die Brust fasst (beide bekleidet)
– ein Junge, dem ein älterer Mann an den Po fasst (vermutlich im Freibad)
– ein Junge, dem ein Mann während der Hausaufgaben am Ohr zieht

Die anderen Bilder stellen erkennbar positive Interaktionen dar – was auch durch die dargestellte Mimik des Kindes jeweils deutlich wird (hierzu zähle ich auch das Bild eines traurigen Jungen, der von einer Frau getröstet wird).

Warum sprechen die Autoren auf einmal wieder von „ekeln“ statt unangenehm?

Und warum sollen es drei Berühungen sein? Fällt das Kind durch, wenn es nur eine oder zwei Berührungen als eklig ankreuzt?

Opferhilfe ohne geheime Agenda

Ich verurteile den Missbrauch von Menschen und besonders den Missbrauch von Kindern.

Die Auseinandersetzung mit einem vermuteten Missbrauch darf aber nicht dazu führen, dass einem Kind eingeredet wird, was es nach Meinung der Erwachsenen gefälligst zu fühlen hat.

Aber auch darum geht es dem Buch. Dies wird auch deutlich, wenn man den (in der Leseprobe des Verlags enthaltenen) Text auf die Buchrückseite liest – den Knackpunkt habe ich durch Fettstellung hervorgehoben:

Sexuelle Gewalt passiert nie zufällig, sondern sie macht Minderjährige zielgerichtet zu einem Spielzeug, mit dem ausschließlich inadäquate sexuelle Bedürfnisse gewaltausübender Personen befriedigt werden. Die Opfer – bevorzugt besonders autoritätshörige, unaufgeklärte oder schüchterne Kinder – werden durch massive Drohungen zum Schweigen gebracht. Sie reden erst dann über die sexuellen Übergriffe, wenn sie die sexuelle Gewalt als solche erkennen oder wenn die psychische Belastung unerträglich wird.

Nach dieser Logik ist jeder sexuelle Kontakt ein Übergriff und sexuelle Gewalt. Kinder, denen bei einem sexuellen Kontakt keine Gewalt widerfährt oder die nicht durch massive Drohungen zum Schweigen gebracht werden, kommen in dieser gedachten Wirklichkeit nicht vor.

Wenn dass Kind, den Kontakt nicht als Gewalt erkennt, muss ihm diese Erkenntnis (natürlich nur zu seinem eigenen Besten) eingeredet bzw. aufgezwungen werden. Während man einem Opfer glauben soll, wird einem Kind, das sich nicht für ein Opfer hält, nicht geglaubt. Es wird zunächst zum Opfer-Dasein bekehrt. Erst danach ist es dann würdig, anerkannt und respektiert zu werden.

Das kann es nicht sein.

Wenn man jemandem erst einreden muss, dass er ein Opfer war, dann war er ursprünglich kein Opfer und wurde erst nachträglich in die Opferrolle gezwungen. Auf diese Weise werden Kinder, die nicht traumatisiert sind, künstlich nachtraumatisiert.

Wer sich tatsächlich um das Wohl von Kindern sorgt, sollte zuallererst die Gefühle von Kindern ernst nehmen.

Ulrik Munther

Ulrik Munther ist ein schwedischer Singer-Songwriter, der 2011 im Alter von 17 Jahren sein Debütalbum herausbrachte und damit gleich die Nummer 1 der schwedischen Albumcharts eroberte. D

amals wäre er optisch durchaus auch noch als 14 oder 15-jähriger durchgegangen. Vor allem aber konnte und kann er gut singen.

Hier ein Musikvideos aus dem Jahr 2011:

Mit 15, als er noch wie 12 oder 13 aussah, war er (für mich) noch hübscher. Auch damals konnte er schon singen und gewann mit einer schwedisch-sprachigen Eigenkomposition den schwedischen Nachwuchs-Musikwettbewerb Lilla Melodifestivalen und danach den gesamtnordischen Nachwuchs-Musikwettbewerb MGP Nordic.

Stimmlich gefiel mir Ulrik dazwischen am besten. Nach dem Motto „Das beste zum Schluß“ hier ein Musikvideos aus dem Jahr 2010 (als er 16 war):

Mein Sohn ist schwul, na und?

Es gibt Sätze, die man als Pädo neidisch sein darf. Zum Beispiel „Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ von Klaus Wowereit, der sich damit outete – und kurz darauf erst zum Spitzenkandidaten der SPD und dann zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt wurde.

Den Satz „Ich bin pädophil – und das ist auch gut so“ hätte etwa ein Sebastian Edathy nicht sagen können. Seine Karriere wäre sofort beendet gewesen. Als er unter Verdacht stand, hat er es lieber mit dem Gegenteil versucht: „Ich bin nicht pädophil„. Geholfen hat es ihm nicht.

Das Gerichtsverfahren gegen Edathy wegen Besitz von Material im „Grenzbereich zu dem, was Justiz unter Kinderpornografie versteht“ wurde gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt, was wohl kaum passiert wäre, wenn es sich tatsächlich um Pornographie gehandelt hätte. Es waren Nackaufnahmen – und die moralische Entrüstung darüber hat prompt zur nächsten Gesetzesverschärfung geführt.

Edathy selbst ist ausgewandert, um den Anfeindungen und der sozialen Ächtung zu entgehen – erst nach Dänemark, dann nach Marokko – und betont immer noch, dass er angeblich kein sexuelles Interesse an Minderjährigen habe und hat (mutmaßlich aus Alibi-Gründen) inzwischen (einen Mann) geheiratet.

Aber Pädophilie ist nicht nicht nur ein Problem für Pädophile, sondern auch für Ihre Angehörigen. Im Jahr 2017 erschien in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ ein Artikel, den ich ausdrücklich empfehlen möchte:

Mein Sohn ist schwul, na und? (ja, das ist ein Link – einfach drauf klicken) 🙂

Ich habe damals einen Leserbrief zu diesem Artikel an die Autorin geschrieben und auch eine nette Antwort erhalten, verbunden mit dem Eingeständnis, dass sich die Empfängerin vom Inhalt meiner Mail überfordert fühlt und mit einer Kontaktempfehlung zur Wiener Beratungsstelle, des Projekts „Kein Täter werden“. Persönlich habe ich an diesem Angebot kein Interesse und verspreche mir nichts davon (dazu vielleicht bei anderer Gelegenheit mehr), trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass es dem einen oder anderen weiterhelfen kann.

Wie auch immer. Hier mein damaliger Leserbrief.


Aw: Mein Sohn ist schwul, na und?

Guten Tag Fr. Weisz,

das war ein schöner und in vielerlei Hinsicht wohltuender Text.

Es muss natürlich nicht immer so kommen. Es gibt auch Eltern, die überhaupt nicht mit einer Homosexualität Ihrer Kinder klarkommen. Da es dabei nicht nur um die verlorenen Enkelkinder geht, sondern da das auch soziale Gründe hat, hilft ein solcher Beitrag vielleicht, dem einen oder anderen zu einem positiven Umgang zu finden. Das nützt am Ende allen.

Für den Sohn Ihrer Freundin ist der positive Umgang seiner Mutter mit der Sache sicher eine unheimliche Erleichterung. Auch seine Mutter hat sich ja Sorgen gemacht, wie sie reagieren würde, wenn es wirklich soweit ist. Beim Sohn wird es ähnlich gewesen sein. Dass diese Last nun für beide weggefallen ist, ist einfach nur schön.

Was mich angeht, musste ich beim Lesen des Artikels weinen – es gibt nämlich nicht nur inzwischen vergleichsweise „unkomplizierte“ Sexualpräferenzen wie Homosexualität. Ich selbst bin pädophil und fühle mich zu Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren hingezogen. Für mich gilt es, die Gefahr, dass ich mich verliebe, zu vermeiden. Wenn Liebe unerreichbar ist, wird sie zur Tortur. Ich war lange Zeit depressiv und habe auch zwei längere Lebensabschnitte hinter mir, in denen ich oft an Selbstmord gedacht habe. Auch wenn ich mich mit inzwischen über […] Jahren mit einigem abgefunden habe, sehne ich mich natürlich trotzdem weiterhin nach Liebe. Es tut immer wieder mal unvermittelt weh – wie beim Lesen Ihres Artikel.

Natürlich ist das Glück Ihrer Kinder auch für meine Mutter wichtig. Auch darüber habe ich beim Lesen Ihres Beitrags ein paar Tränen vergossen. Meine Mutter weiß seit längerem Bescheid und es ist soweit alles damit gut gegangen. Aber sie weiß damit eben auch, dass ihr Sohn in einem zentralen Lebensbereich nicht glücklich ist und sein kann. Ich mache also, ohne es zu Wollen oder beeinflussen zu können, auch noch andere Menschen, die mir wichtig sind, traurig.

Freundliche Grüße
[…]

PS:
Nein, ich heiße nicht […] – ich habe mir den Mail-Account gerade erst zugelegt, weil ich denke, dass ich als Pädophiler doch besser anonym bleiben sollte.

Ein Politikerspruch, der sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat ist: „Pädophile muss man brandmarken“. Das mag vielen Menschen aus der Seele sprechen, aber brandmarken ist etwas, das man mit Tieren macht. Ich bin kein Tier. Aber Entdeckung und Bloßstellung wären unvermeidlich das soziale und berufliche Aus. Da passt der Ausdruck brandmarken schon.

Es geht aber noch weiter: In der Zeit des Nationalsozialismus wurden nicht nur Juden, Zeugen Jehovas, Behinderte, Sinti und Roma, Kommunisten, politische Aktivisten und Homosexuelle verfolgt, sondern auch Pädophile. Nur: während die Vergasung von Juden nicht mehr konsensfähig ist, ist es die Vergasung von Pädos oder wenigstens Ihre Kastration durchaus noch. Ich lebe deshalb auch mit einer dumpfen Angst, die immer wieder Mal durch meine Fasern schwingt und dann einen Druck auf mich ausübt, der mir die Tränen aus den Augen treibt.