One boy band

Ich mag die Musik von The Police und Sting. Eines ihrer bekanntesten Lieder ist „Roxanne“. Besungen wird eine Prostituierte, in die der Sänger sich verliebt hat und die er davon überzeugen will, ihr Gewerbe aufzugeben.

Roxanne
You don’t have to put on the red light
Those days are over
You don’t have to sell your body to the night
Roxanne
You don’t have to wear that dress tonight
Walk the streets for money
You don’t care if it’s wrong or if it’s right
(…)
I loved you since I knew ya
I wouldn’t talk down to ya
I have to tell you just how I feel
I won’t share you with another boy
I know my mind is made up
So put away your make-up
Told you once, I won’t tell you again it’s a bad way
Roxanne
You don’t have to put on the red light
Roxanne
You don’t have to put on the red light
(…)

Noch besser als das Original gefällt mir das Cover von Noa Johannesson, der dabei alles selbst macht: Gesang, Gitarre, Bass und Drums.

Das Cover stammt aus dem Jahr 2007 (hochgeladen am 16. Juli 2007). Auch wenn er deutlich jünger wirkt, zu diesem Zeitpunkt was Noa (geboren am 29.05.1992) bereits 15 Jahre alt. Vielleicht liegt hier auch ein Grund, warum es nur 4 Musikvideos von ihm auf YouTube zu finden gibt. Mit 15 ist der Stimmbruch oft schon eingetreten und jedenfalls nicht mehr weit. Die Freude an der Musik ist Noa aber nicht vergangen. Wenn man gründlich sucht, findet man auch neue Videos von ihm auf YouTube. Ich gebe aber zu: mir persönlich gefiel der 15-jährige Noa optisch und gesanglich deutlich besser.

Geoutet: Winckelmann – Schwuler, Päderast und … Praktiker

Johann Joachim Winckelmann (geboren am 9. Dezember 1717, ermordet am 8. Juni 1768 in Triest), gilt als einer der Begründer der Archäologie und der Kunstgeschichte, sowie als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigen Raum.

Winckelmann pries die „edle Einfalt und stille Größe“ der griechischen Kunst und forderte die „Nachahmung der Alten“. Er war eine gesamteuropäische Gallionsfigur der Gräkomanie. Die „unnachahmlichen“ Kunstleistungen der Griechen erklärte er aus deren politischer Freiheit und ihren sportlichen Übungen, die sie unter dem „wollüstigen Himmel“ von Hellas in jugendfrischer Nacktheit durchführten – „Gymnasium“, heißt nach dem griechischen Wort gymnos – nackt.

Er war schwul und konnte im liberaleren Italien seine homoerotischen Neigungen wohl auch halboffen ausleben. Aufgrund seines relativ offenen Umgangs mit seiner Orientierung, kann Winckelmann auch als Pionier und Wegbereiter der Homosexuellen gelten.

Der Germanist Paul Derks meint, Winckelmann sei »der wohl erste in einer Geschichte des deutschen Ich« gewesen, »der nicht vereinzelte sodomitische Akte betrieb, sondern als Homosexueller lebte, dachte, wirkte und dieses Leben, Denken, Wirken in seine Lebensarbeit hinein trug und diese aus jenem speiste.

Als seine große Liebe gilt gemeinhin Friedrich von Berg (1736–1809), den er 1762 kennenlernte, als der junge adlige Balte einen Sommer in Rom verbrachte. Von Berg war da sechsundzwanzig, also beileibe kein Knabe mehr. Ein Brief offenbart, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Zu Winckelmanns Unglück blieb die Liebe unerwidert.

Am 9. Juni 1762 versicherte Winckelmann seinem unerreichbaren Geliebten, dass es für ihn eine Art Liebe auf den ersten Blick war: »ein unbegreiflicher Zug zu Ihnen, den nicht Gestalt und Gewächs allein erwecket, ließ mich von dem ersten Augenblicke an, da ich Sie sahe, eine Spur von derjenigen Harmonie fühlen, die über menschliche Begriffe gehet, und von der ewigen Verbindung der Dinge angestimmet wird.“ Weiter heißt es: „Mein werther Freund, eine gleich starke Neigung kann kein Mensch in der Welt gegen Sie tragen: denn eine völlige Uebereinstimmung der Seelen ist nur allein zwischen zween [sic] möglich …“.

Aus „Winckelmanns Briefe und die mannmännliche Liebe“

Das war aber nicht Winckelmanns erste große Liebe und er war wohl nicht nur homosexuell.

Obwohl Winckelmann Berg versicherte, dass ihre Liebe einzigartig sei, gab er zu, schon einmal eine ähnliche Passion gehabt zu haben: »In 40 Jahren meines Lebens ist dieses der zweyte Fall, in welchem ich mich befunden, und es wird vermuthlich der letzte seyn«.

Winckelmann spielte damit auf Friedrich Wilhelm Peter Lamprecht (1728–1797) an, einen seiner Schüler aus der Zeit als Lehrer in Deutschland. Im Jahr 1743 zog der Junge sogar zu Winckelmann nach Seehausen, wo sich beide ein Zimmer teilten. Die Liebesbriefe an Lamprecht waren fast melodramatisch leidenschaftlich. Im Jahr 1747 schrieb er auf Französisch, dass tausend Seufzer seine Liebe bewiesen: »Mille soupirs sont des témoins que je me meure pour désir de celui, que j’aime éperdument« (Übersetzung: Tausend Seufzer sind Zeugen, dass ich für den Wunsch desjenigen sterbe, den ich so verzweifelt liebe.“). Wie der Germanist Dennis Sweet schreibt, war diese Beziehung eine Mischung von Pädagogik und Leidenschaft, von Persönlichem und Professionellem.

Aus „Winckelmanns Briefe und die mannmännliche Liebe“

Eine Mischung Pädagogik und Leidenschaft, von Persönlichem und Professionellem … aha. Da hätte Dennis Sweet vielleicht Tinte sparen und gleich „päderastische Beziehung“ schreiben können.

Auch im Tagesspiegel wird über diese Liebesbeziehung kurz unter der Überschrift „Unglücklich verliebt in einen Jugendlichen“ berichtet:

Winckelmann verliebte sich unglücklich in einen 14-jährigen Schüler. Von seiner Leidenschaft zeugen zwei Hefte mit Gedichten des griechischen Lyrikers Anakreon. Es sind schwelgerische Oden auf die Liebe, auf Sinnesfreuden und weltliche Genüsse: „Ich will die Helden und Könige singen, / In mächtigen Versen, gewaltige Dinge. / Beginne, meine Muse! – Aber siehe da! Die Saiten wollen von nichts als Eros klingen!“

In der Tat endete die Liebe unglücklich:

Am 6. Juli 1754 schrieb Winckelmann an seinen vertrauten Altfreund aus Seehausen, Hieronymus Dietrich Berendis (1719–1782): »Das Commerce mit Lambrechten aber ist nun gäntzlich aufgehoben. Sein Bezeigen ist schändlich, und ich will und muß ihn vergeßen. Der Gram und Kummer über diesen Umstand, der mich unbeschreiblich angegriffen, ist die Haupt-Ursach zu meiner Schwachheit«.

Dass dieser Liebeskummer eine erotische Seite hatte, geht aus der Tatsache hervor, dass Winckelmann sich nicht frei fühlte, seinem Beichtvater alles darüber zu beichten: »Meine eintzige Zuflucht ist der Königliche Beichtvater gewesen, ich kann ihm aber doch mein gantzes Hertz nicht offenbaren«.

Aus „Winckelmanns Briefe und die mannmännliche Liebe“

Allerdings lagen zwischen dem unglücklichen Ende 1754 und dem Anfang 1743 ja doch eine ganze Reihe von Jahren. Die Verbindung hielt wohl mindestens die 5 Jahre, die Winckelmann in Seefeld verbrachte und hatte es in sich:

Nach der Ernennung zum Tutor von Friedrich Wilhelm Peter Lamprecht (1728-97), dem Sohn des „chief magistrate“ (unklar: Amtsrichter? Oberstaatsanwalt?) von Hadmersleben in Sachsen-Anhalt, überschritt Winckelmann bald seine Rolle als Lehrer, seine verbotene „Freundschaft“ mit dem jüngeren Lamprecht entwickelte sich zu „der großen Liebe zum Leben Winckelmanns“. Diese Situation wurde zu einer „Komposition in Pädagogik und Leidenschaft“, so dass „als Winckelmann im Frühjahr 1743 das Familienhaus Lamprecht verließ, um eine Stelle als stellvertretender Schulleiter in einer Schule in Seehausen anzunehmen, der junge Lamprecht folgte, dort in Winckelmanns Zimmer wohnte und für die nächsten fünf Jahre seinen Unterricht“ fortsetzte, Unterricht durchdrungen von einem „Wunsch, der Eros, Pädagogik und Ästhetik vermischt“.

Übersetzung aus dem Englischen aus
Secreted Desires: The Major Uranians: Hopkins, Pater and Wilde

Nach heutigen juristischen Maßstäben dürfte da wohl zumindest sexueller Mißbrauch von Schutzbefohlenen (§ 174) vorgelegen haben: “Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist, vornimmt oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.”

Es kann aber auch gut sein, dass der Junge noch ein Kind war, als das Verhältnis begann. Lt. Wikipedia: „Vom Sommer 1742 bis Frühjahr 1743 war Winckelmann Hauslehrer in der Familie des Oberamtmanns Lamprecht in Hadmersleben und von 1743 bis 1748 Konrektor der Lateinschule im altmärkischen Seehausen.“

Im Sommer 1742 könnte der 1728 geborene Junge durchaus noch jünger als 14 gewesen sein, also juristisch gesehen noch ein Kind. Wie wir wissen nahm Winckelmann den Jungen dann mit nach Seehausen, wo sie ein Zimmer teilten.

Ganz ohne sexuelle Erfüllung blieb Winckelmann jedenfalls nicht. In der Welt wird eine Episode wiedergegeben bei der Winckelmanns von Giacomo Casanova 1760 in seinem Arbeitszimmer beim Kardinal Albani überrascht wurde. Casanova berichtet von dem Vorfall:

„Ich trat zu früher Stunde ohne anzuklopfen in einen Raum, in dem er gewöhnlich allein mit der Entzifferung antiker Texte beschäftigt war, und sah einen jungen Burschen flüchten, der in aller Eile seine Hosen in Ordnung brachte. Ich tat, als hätte ich nichts gesehen … Winckelmann kam lachend auf mich zu und meinte, nach dem Wenigen, das ich gesehen hätte, könne er mir wohl das Übrige auch nicht vorenthalten.

,Sie müssen wissen‘, sagte er, ,dass ich nicht nur alles andere als ein Päderast bin, sondern auch mein ganzes Leben lang erklärt habe, ich könne nicht begreifen, wie diese Neigung dem Menschengeschlecht so verlockend habe erscheinen können … In meiner langen Beschäftigung mit der Antike bin ich zuerst ihr Bewunderer, dann ihr Anbeter geworden; und deren Vertreter waren, wie Sie wissen, fast alle Anhänger der Knabenliebe … Sie gingen sogar so weit, sich auf ihre Neigung als Beweis für ihre Sittenreinheit zu berufen. Als mir diese Wahrheit deutlich zum Bewusstsein kam, warf ich einen Blick auf mich selbst und stellte mit Abscheu, mit einer Art von Beschämung fest, dass ich in diesem Punkt meinen Helden keineswegs glich. Meine Eigenliebe litt darunter, dass ich mich gewissermaßen als verächtlich erkannte, und da ich mich von meiner Dummheit nicht durch kühle Theorie heilen konnte, beschloss ich, mich durch die Praxis aufzuklären. Ich hoffte, dass mein Geist durch die Analyse dieser Erfahrung die Erkenntnis gewinnen würde, die ihm zur Unterscheidung des Wahren vom Falschen nötig ist.'“

„Da ich mich von meiner Dummheit nicht durch kühle Theorie heilen konnte, beschloss ich, mich durch die Praxis aufzuklären“ – das scheint mir keine vor Gericht erfolgversprechende Verteidigungsstrategie zu sein. Immerhin bekennt sich Winckelmann recht freiherzig zu analytisch experimenteller Knabenliebe. Wie alt, der junge Bursche gewesen sein mag, ist allerdings nicht überliefert.

Das Winckelmann nicht nur auf Männer, sondern auch auf Jungen stand, ist aber sicher. In einem Brief vom 3. Oktober 1761 erzählte er einem schweizer Freund dass er ein Porträt von einem »schönen Castraten von 14 Jahren bey mir im Zimmer« malen ließ. Auch dass er deswegen mit seiner eigenen Arbeit nicht vorankomme, verheimlichte er nicht: »zuweilen bin ich verliebt.“ (siehe „Winckelmanns Briefe und die mannmännliche Liebe“).

Eine Stimme gegen Mobbing – durch Erwachsene

Der US-amerikanische Kinderbuchautor Theodor Seuss Geisel, genannt Dr. Seuss hat zu Lebzeiten 600 Millionen Bücher verkauft und wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Unter anderem hat er den inzwischen auch in Deutschland bekannten weihnachtshassenden Grinch erdacht.

Eines seiner Bücher, die Erzählung von den 5000 Fingern des Dr. T. wurde 1953 als Musical verfilmt. Filmheld ist der junge Bart Collins, gespielt von Tommy Rettig (sonst vor allem aus den Lassie-Filmen bekannt).

Bart quält sich durch die verhassten Klavierstunden beim autoritären Dr. Terwilliker und wird von ihnen sogar bis in seine Träume verfolgt. Dort spielt auch der Hauptteil des Films, in dem Bart eine Revolution gegen den verrückten Diktator Terwilliker und seine Welteroberungspläne anzettelt.

Im Laufe der Handlung singt Bart das Lied „Because We’re Kids“. Die Stimme dazu gehört aber nicht, wie man meinen könnte, Tommy Rettig. Barts Gesangsstimme wurde synchronisiert und gehört in Wirklichkeit dem damals etwa 12-jährigen Tony Butala, der nach dem Stimmbruch als Erwachsener noch einmal mit der Gruppe „The Lettermen“ musikalischen Erfolg hatte.

Mir gefällt das Lied, vor allem aber der Text. 66 Jahre alt. Und doch trotz aller Fortschritte irgendwie zeitlos.

Because We’re Kids

Now just because we’re kids
Because we’re sort of small
Because we’re closer to the ground
And you are much bigger by the pound
You have no right
You have no right
To push and shove us little kids around

Just because your throat
Has got a deeper voice
And lots of wind to blow it out
At little kids who don’t dare shout
You have no right
You have no right
To boss and beat us little kids about

Just because you’ve whiskers on your face to shave
You treat us like a slave
So what? It’s only hair
Just because you wear a wallet near your heart
You think you’re twice as smart
You know, that isn’t fair

But we’ll grow up some day
When we do, I pray
We won’t just grow in size and sound
And just be bigger pound by pound
I’d hate to grow
Like some I know
Who push and shove us little kids around

Gehirnwäsche? Oder Gehirnwäsche?

Aktuell macht in den USA der HBO-Zweiteiler „Leaving Neverland“ Schlagzeilen, die auch schon nach Deutschland geschappt sind. Es geht darin um die Anschuldigung des sexuellen Missbrauchs an minderjähriger Jungen durch Michael Jackson.

Über insgesamt vier Stunden thematisiert der Film die Beziehung des verstorbenen King of Pop zu zwei Jungen, Wade Robson und James Safechuck. Die inzwischen längst erwachsenen Robson und Safechuck, der eine ein erfolgreicher Choreograph, der andere Programmierer, berichten in ausführlichen Interviews von ihrer Beziehung zu Jackson. Die Interviews werden durch Aussagen von Familienangehörigen und Ehepartnern ergänzt.

Derartige Anschuldigungen gegen Michal Jackson sind nicht neu. Die alten Vorwürfe werden auch in „Leaving Neverland“ thematisiert.

Jordan Chandler

Zunächst gabe es in den Jahren 1993/1994 den Fall Jordan Chandler. Das Ermittlungsverfahren 1993-1994 wurde eingestellt, als die Chandlers nach einer außergerichtlichen Einigung als Zeugen und Ankläger nicht mehr zur Verfügung standen. Im Fall Chandler haben damals sowohl Robson als auch Safechuck ausgesagt, dass sie niemals unsittlich von Michael berührt worden seien.

Es gibt Tonbandmitschnitte, die beweisen, dass der Vater des Jungen aus Profitgier gehandelt hat. Er hatte vor der Anzeige (erfolglos) 20 Millionen Dollar Schweigegeld von Jackson gefordert. Die Summe der außergerichtlichen Einigung (die nicht von Jackson, sondern von seiner Versicherungsfirma gezahlt wurde) soll später 22 Millionen US Dollar betragen haben.

Auch Jordan Chandlers Beschreibung von Jacksons Genitalien erwies sich als unzutreffend. Lt. Jermaine Jackson hat Jordan Chandlers die Anschuldigungen gegen Michale Jackson nach dem Suizid seines Vaters Evan im Jahr 2009 zurückgenommen.

Es ist natürlich denkbar, dass es zwischen Michael Jackson und Jordan nicht zu sexuellen Kontakten gekommen ist. Wahrscheinlicher scheint mir, dass der Junge nie gegen Jackson vorgehen wollte und Jacksons Genitalien bewusst falsch beschrieben hat. Er scheint auch als Erwachsener nicht der Meinung gewesen zu sein, als Kind missbraucht worden zu sein.

Gavin Arvizo

Im Fall Gavin Arvizo (2003-2005) halte ich es für überwiegend wahrscheinlich, dass es nie zu einem sexuellen Kontakt gekommen ist. Anzeige erstattete damals nicht die Familie Arvizo, sondern der der Bezirksstaatsanwalt Bezirksanwalt Tom Sneddon, die Ermittlingen im Jahr 1993 geleitet hatte und wohl der Meinung war, noch eine Rechnung mit Jackson offen zu haben.

Anlass war eine Fernsehdoku Living with Michael Jackson, in der Gavin Arvizo angab, dank Michael Jacksons Hilfe seine Krebserkrankung besiegt zu haben. Während des Interviews nahm er Jacksons Hand und lehnte sich an dessen Schulter. Beide hätten im selben Raum, jedoch nicht im selben Bett übernachtet. Gegenüber der kalifornischen Kinderfürsorge stritt die Familie zunächst jede Form von Missbrauch ab und nannte Michael Jackson in einem Video „den nettesten Menschen, den sie je getroffen hätten“. Monate später wandten sich die Arvizos an denselben Anwalt und denselben Psychologen wie die Chandlers vor zehn Jahren. Sie hatten wohl erfahren wieviel Geld die Chandlers herausgeschlagen hatten.

Während des Verfahrens verstrickte sich die Klägerfamilie in Widersprüche, machte stark voneinander abweichende Aussagen und gab zu, in einem früheren Verfahren um sexuelle Belästigung unter Eid gelogen zu haben: Sie hatten so fast 145.000 US-Dollar erhalten. Der Vater behauptete öffentlich „Meine Kinder werden routinemäßig von ihrer Mutter Janet einstudiert, zu tun oder zu sagen, was immer sie wünscht.“

Der Fall endete für Jackson mit einem Freispruch erster Klasse. Robson hat Jackson auch in diesem Verfahren unterstützt und unter Eid ausgesagt, dass er nie sexuellen Kontakt mit Jackson hatte. Safechuck wollte damals dagegen nicht mehr zugunsten Jacksons aussagen.

Ist Michael Jackson pädophil?

Für mich als Pädo war es bereits nach der Berichterstattung zu den beiden Fällen naheliegend, dass Michael Jackson auf Jungen steht und dass es dabei wohl nicht nur bei platonischer Liebe geblieben sein dürfte. Es war für mich genauso naheliegend, dass er die Jungen, mit denen er sich umgab, gut behandelt. Wäre dem nicht so gewesen, hätte es wesentlich mehr Belastungszeugen geben müssen.

Nun also geben Wade Robson und James Safechuck an, von Jackson sexuell missbraucht worden zu sein.

Mir erscheint es glaubhaft, dass es sexuelle Kontakte gab. Wenig glaubhaft erscheint mir, dass es sexuellen Missbrauch gab.

Wade Robson sagt zu Beginn von „Leaving Neverland“ über Michael Jackson:

Er war einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen, die ich kannte. Und er hat mich über sieben Jahre sexuell missbraucht.

Spiegel Online berichtet über den Film:

Die Erklärung, die die beiden Männer für ihre Kehrtwendung abgeben, gehört zu den erschütterndsten Momenten des Films. „Es war aufregend, ihn beschützen und womöglich retten zu können“, sagt Wade Robson über seine Verteidigung Michael Jacksons als harmloser Freund. Wenn man den beiden Männern glaubt, offenbaren sich hier die perfidesten Mechanismen des Missbrauchs.

Besonders Safechuck fasst seine Beziehung zu Jackson als Liebesgeschichte, bis hin zur gespielten Hochzeit, zu der Jackson ihm einen diamantbesetzten Goldring schenkte. Safechuck zieht ihn im Film mit zitternden Fingern aus einer Schatulle und sagt: „Ich mag Schmuck. Er gab ihn mir im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten. Mir fällt es immer noch schwer, nicht mir selbst die Schuld zu geben.“

In einem Interview bei Oprah Winrey sagt Wade Robson

Ich hatte kein Verständnis dafür, dass es Missbrauch war. Weißt du, ich habe Michael geliebt. Und all die Male, die ich ausgesagt habe, und viele Male, die ich in einem Interview oder was auch immer es sein mag, über ihn gesprochen habe, das war echt, weißt du. Ich habe nie einer der sexuellen Dinge, die zwischen uns passiert sind, vergessen, hatte aber kein Verständnis dafür, dass es Missbrauch war. Ich hatte kein Konzept in meinem Kopf, dass etwas an Michael jemals schlecht sein könnte. Alles, was Michael tat, war für mich so viele Jahre lang richtig.

Jimmy Safechuck sagt im selben Interview:

Ich habe (im Fall Arvizo) nicht ausgesagt, nicht weil ich dachte, ich damit etwas Gutes tue oder wusste, dass das, was er getan hat, schlecht war. Ich hatte Angst, erwischt zu werden. Es war rund um die Uhr in den Nachrichten. Es wurde gesendet und es gab so viel Aufmerksamkeit von der Welt darauf. (…) Ich hielt es nicht für gut oder schlecht. Es war diese alte Art der Verkabelung, dass, wenn du erwischt wirst, dein Leben vorbei sein würde.

Was ist die Schlußfolgerung?

Oprah spricht in Ihrer Einleitung davon, dass sexueller Missbrauch nicht nur sexueller Missbrauch, sondern auch sexuelle Verführung sei. Spiegel Online meint die perfidesten Mechanismen des Missbrauchs zu erkennen. Owen Gleiberman von Variety meint der Film zwinge einen dazu, sich der Realität zu stellen, dass das größte Pop-Genie seit den Beatles unter seinem Talent ein Monster war.

Ein Monster also.

Eines das vom Opfer, Wade Robson, auch heute noch als „einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen“ beschrieben wird, den er kannte.

Das passt doch irgendwie nicht zu „Monster“. Auch nicht der Nachruf, den Rosbson mit 27 zum Tode Jacksons schrieb:

Michael Jackson hat die Welt und, was noch persönlicher ist, mein Leben für immer verändert. Er ist der Grund, warum ich tanze, der Grund, warum ich Musik mache, und einer der Hauptgründe, warum ich an die reine Güte der Menschheit glaube. Er ist seit 20 Jahren ein enger Freund von mir. Seine Musik, seine Bewegung, seine persönlichen Worte der Inspiration und Ermutigung und seine bedingungslose Liebe werden für immer in mir leben. Ich werde ihn unermesslich vermissen, aber ich weiß, dass er jetzt in Frieden ist und den Himmel mit einer Melodie und einem Moonwalk verzaubert.

Und auf die Frage zu seiner Falschaussage im Jahr 2005 (als er 23 Jahre alt war) meinte er, er habe sich an alle sexuellen Dinge erinnert, die passiert seien aber kein Verständnis dafür entwickelt, dass es Missbrauch gewesen sei.

Könnte es dann nicht vielleicht sein, dass es gar kein Missbrauch war, sondern einfach nur „sexuelle Dinge“, die niemanden außer den Beteiligten etwas angehen?

Gehirnwäsche? Oder Gehirnwäsche?

Ist Michael Jackson, der zu Lebzeiten über 300 Millionen US-Dollar an 39 Wohltätigkeitsorganisationen spendete, für sein vielfältiges soziales Engagement mehrfach ausgezeichnet wurde, zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, und von seinem Opfer auch heute noch ale „einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen“ bezeichnet wird, in Wirklichkeit ein Monster, das erfolgreich Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit geheuchelt und bei den Jungen Gehirnwäsche betrieben hat, die bis weit in das Erwachsenenalter hinein hielt?

Oder gab es vielleicht eine andere Art von Gehirnwäsche?

Es ist ein Tabu und eine Grenzüberschreitung das Opfer einen Missbrauchs für etwas anderes als missbraucht zu sein.

Jimmy Safechuck, fasst seine Beziehung zu Jackson in „Leaving Neverland“ als Liebesgeschichte. Er sagte im Interview mit Oprah, auf die Frage, warm er 2005 nicht ausgesagt habe, dass er Angst hatte erwischt zu werden. („Es war diese alte Art der Verkabelung, dass, wenn du erwischt wirst, dein Leben vorbei sein würde.“)

2010 erschien in der Welt der Artikel „Jetzt bloß keine Hexenjagd“, ein Text mit dem der Schriftsteller Josef Haslinger, der unter anderem eine autobographisch angehauchte Kurzgeschichte über sexuellen Mibrauch in einem kirchlichen Internat geschrieben hatte, seine tatsächlichen Erfahrungen zurechtrückte: Er habe die Kurzgeschichte als moralische Anklage gegen die Kirche geschrieben, mit der er in der Zwischenzeit gebrochen hatte. Er wollte es ihnen heimzahlen, so drastisch wie möglich.

Er berichtet von seinem ersten Erebnis im Alter von 12 Jahren mit seinem damailgen Regligionslehrer. Die Kontakte hätten ihn verstört, er habe nicht gewuss, was er davon halten sollte. Es kam mir nicht in den Sinn, ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Er berichtet weiter davon, dass er später sehr wohl in der Lage gewesen sei, sexuelle Kontakte abzuwehren und zu unterbinden, diese Möglichkeiten aber nicht genutzt genutzt habe. Dass er Annäherungen nicht ausgewichen sei, sondern sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden habe. Dass die Pädophilen in der Sphäre klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit gewesen seien. Dass die Kontakte ihn verstört hätten, dass die moralische Verstörung aber weitaus übler gewesen sei als die erotische Konfusion. Er berichtet, wie er den schüchternen Liebesbrief eines Ordenspriesters erhielt und sich gegenüber seiner Mutter mit der Vertrautheit gebrüstet habe. Er berichtet von einem Gedicht, dass ihm einer geschrieben hat und dass er nich heute auswendig kennt. Von der Unterstützung, die er bei einem Schulaufsatz erhielt. Haslingers Gesamturteil fällt denn auch überaus milde aus:

Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich das gemeinhin vorstellt

Diese Meinungsäußerung, die die Zeit als „Grenzüberschreitung“ einstufte aber trotzdem abdruckte, war ein Tabubruch. Ähnliche Fälle, die an die breitere Öffentlichkeit gelangt sind, sind mir nicht bekannt.

Das liegt nicht daran, dass es keine ähnlichen Erfahrungen und Meinungen gäbe. Sie werden nur nicht wiedergegeben. Die einzige zulässige Deutung sexueller Kontake mit Kindern ist Missbrauch. Alles jenseits der Verdammung gilt als Verharmlosung von Pädophilie und Kindesmissbrauch.

In der Kommunikationswissenschaft nennt man das eine Schweigespirale. Menschen empfinden „Isolationsfurcht“, wollen nicht sozial isoliert sein. Die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu bekennen, hängt deshalb von der Einschätzung des Meinungsklimas ab und zwar insbesondere dann, wenn das Thema „moralisch aufgeladen“ ist, also das emotionale Potential hat, die Meinung der Minderheit nicht als rational falsch, sondern als moralisch schlecht erscheinen zu lassen.

Fazit

1. Hatte Michel Jackson mit Wade Robson und Jimmy Safechuck sexuelle Kontakte?

Es spricht fast alles dafür.

2. Hat Michel Jackson Wade Robson und Jimmy Safechuck sexuell mißbraucht?

Es spricht herzlich wenig dafür.

3. Haben die sexuellen Kontakte mit Michel Jackson Wade Robson und Jimmy Safechuck belastet?

Davon muss man ausgehen. Missbrauch ist mit dem sozialen Scheiterhaufen bedroht und mit äußerst empfindlichen Freiheitsstrafen belegt ist. Sexuelle Kontakte, die als Missbrauch gelten, sind deshalb mit dem Fluch des Schweigens belegt. Schweigen ist Gift und Geheimnisse belasten die Seele.

4. Durfte Michel Jackson Wade als Erwachsener den Kinder Wade Robson und Jimmy Safechuck die Beziehung, so wie sie war, dann trotzdem zumuten?

Vielleicht nicht. Aber ein Mensch ist ein Mensch und ich habe den Eindruck, dass Jackson die Jungen so sehr geliebt hat, wie er eben konnte. Manchmal muss das am Ende genügen.

Die Bibel in gut …

Ich bin nicht nur kirchenkritisch, sondern allgemein religionskritisch eingestellt. Trotzdem kann man auch in der Bibel lesenswertes und lebenswertes finden.

Gemeinhin geht man ja davon aus, dass die Bibel für Homosexuelle oder Pädos nur eine Liste von Verdammungen und Steinigungsanweisungen bereithält. Zum Beispiel hier:

Denkt daran: Für Menschen, die Unrecht tun, ist kein Platz in Gottes neuer Welt! Täuscht euch nicht: Menschen, die Unzucht treiben oder Götzen anbeten, die die Ehe brechen oder als Männer mit Knaben oder ihresgleichen verkehren, Diebe, Wucherer, Trinker, Verleumder und Räuber werden nicht in Gottes neue Welt kommen.

Bibel, Neues Testament, 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 6, Vers 9 bis 10

Oder hier:

Wir dagegen wissen: Das Gesetz, das Gott gegeben hat, ist gut, wenn es in der rechten Weise gebraucht wird. Wir dürfen nämlich eines nicht vergessen: Das Gesetz ist nicht für Menschen da, die tun, was Gott will, sondern für solche, die sich um Recht und Ordnung nicht kümmern. Es ist für Sünder bestimmt, die Gott und seine Gebote verachten, für Leute, die Vater und Mutter töten, Mord und Unzucht begehen und als Männer mit Knaben oder ihresgleichen verkehren, für Menschenhändler und solche, die lügen und falsche Eide schwören oder sonst etwas tun, was im Widerspruch zur gesunden Lehre steht.

Bibel, Neues Testament, 1. Brief des Paulus an Timotheus, Kapitel 1, Vers 8 bis 10

Aber: eben der Paulus, von dem die obigen Zitate stammen, hat sich auch wie folgt geäußert:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Bibel, Neues Testament, Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 13, Vers 8

Und:

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Bibel, Neues Testament, Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 13, Vers 10

Um die Zitate nochmal prägnant zusammenzuführen:

  1. „Für Menschen, die Unrecht tun, ist kein Platz in Gottes neuer Welt!“
  2. „Das Gesetz ist nicht für Menschen da, die tun, was Gott will.“
  3. „Wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“
  4. „Liebe tut dem Nächsten nichts Böses“

Dazu ebenfalls passend:

Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.

Bibel, Neues Testament, 1. Brief des Johannes, Kapitel 4, Vers 8

Also:

Gott will, dass wir lieben. Wer liebt und damit das Gesetz erfüllt, tut logischerweise kein Unrecht und auch nichts Böses.

Verdammt ist niemals die Liebe, sondern Unrecht im Sinne von Missbrauch. Bei diesem Missbrauch geht es aber nicht um eine Legaldefinition, sondern darum, dass ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt („etwas Böses tut“).

Natürlich ist „Liebe“ nicht mit „Sex“ gleichzusetzen. Aber da Gott den Menschen erschaffen hat – noch dazu nach seinem Ebenbild – wird er sich auch beim Sexualtrieb etwas gedacht haben. Sex schließt Liebe, wie sie in der Bibel gemeint ist, also keineswegs aus.

Wer liebt, kann sich darüber hinaus an einer interessanten „Zusatzklausel“ festhalten, die sich sowohl im Alten Testament wie auch im Neuen Testament findet:

Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle Übertretungen zu.

Bibel, Altes Testament, Buch der Sprichwörter, Kapitel 10, Vers 12

Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu«.

Bibel, Neues Testament, 1. Brief des Petrus, Kapitel 4, Vers 8

Ganz blöd ist die Bibel also doch nicht, auch nicht für BLs.