Gehirnwäsche? Oder Gehirnwäsche?

Aktuell macht in den USA der HBO-Zweiteiler „Leaving Neverland“ Schlagzeilen, die auch schon nach Deutschland geschappt sind. Es geht darin um die Anschuldigung des sexuellen Missbrauchs an minderjähriger Jungen durch Michael Jackson.

Über insgesamt vier Stunden thematisiert der Film die Beziehung des verstorbenen King of Pop zu zwei Jungen, Wade Robson und James Safechuck. Die inzwischen längst erwachsenen Robson und Safechuck, der eine ein erfolgreicher Choreograph, der andere Programmierer, berichten in ausführlichen Interviews von ihrer Beziehung zu Jackson. Die Interviews werden durch Aussagen von Familienangehörigen und Ehepartnern ergänzt.

Derartige Anschuldigungen gegen Michal Jackson sind nicht neu. Die alten Vorwürfe werden auch in „Leaving Neverland“ thematisiert.

Jordan Chandler

Zunächst gabe es in den Jahren 1993/1994 den Fall Jordan Chandler. Das Ermittlungsverfahren 1993-1994 wurde eingestellt, als die Chandlers nach einer außergerichtlichen Einigung als Zeugen und Ankläger nicht mehr zur Verfügung standen. Im Fall Chandler haben damals sowohl Robson als auch Safechuck ausgesagt, dass sie niemals unsittlich von Michael berührt worden seien.

Es gibt Tonbandmitschnitte, die beweisen, dass der Vater des Jungen aus Profitgier gehandelt hat. Er hatte vor der Anzeige (erfolglos) 20 Millionen Dollar Schweigegeld von Jackson gefordert. Die Summe der außergerichtlichen Einigung (die nicht von Jackson, sondern von seiner Versicherungsfirma gezahlt wurde) soll später 22 Millionen US Dollar betragen haben.

Auch Jordan Chandlers Beschreibung von Jacksons Genitalien erwies sich als unzutreffend. Lt. Jermaine Jackson hat Jordan Chandlers die Anschuldigungen gegen Michale Jackson nach dem Suizid seines Vaters Evan im Jahr 2009 zurückgenommen.

Es ist natürlich denkbar, dass es zwischen Michael Jackson und Jordan nicht zu sexuellen Kontakten gekommen ist. Wahrscheinlicher scheint mir, dass der Junge nie gegen Jackson vorgehen wollte und Jacksons Genitalien bewusst falsch beschrieben hat. Er scheint auch als Erwachsener nicht der Meinung gewesen zu sein, als Kind missbraucht worden zu sein.

Gavin Arvizo

Im Fall Gavin Arvizo (2003-2005) halte ich es für überwiegend wahrscheinlich, dass es nie zu einem sexuellen Kontakt gekommen ist. Anzeige erstattete damals nicht die Familie Arvizo, sondern der der Bezirksstaatsanwalt Bezirksanwalt Tom Sneddon, die Ermittlingen im Jahr 1993 geleitet hatte und wohl der Meinung war, noch eine Rechnung mit Jackson offen zu haben.

Anlass war eine Fernsehdoku Living with Michael Jackson, in der Gavin Arvizo angab, dank Michael Jacksons Hilfe seine Krebserkrankung besiegt zu haben. Während des Interviews nahm er Jacksons Hand und lehnte sich an dessen Schulter. Beide hätten im selben Raum, jedoch nicht im selben Bett übernachtet. Gegenüber der kalifornischen Kinderfürsorge stritt die Familie zunächst jede Form von Missbrauch ab und nannte Michael Jackson in einem Video „den nettesten Menschen, den sie je getroffen hätten“. Monate später wandten sich die Arvizos an denselben Anwalt und denselben Psychologen wie die Chandlers vor zehn Jahren. Sie hatten wohl erfahren wieviel Geld die Chandlers herausgeschlagen hatten.

Während des Verfahrens verstrickte sich die Klägerfamilie in Widersprüche, machte stark voneinander abweichende Aussagen und gab zu, in einem früheren Verfahren um sexuelle Belästigung unter Eid gelogen zu haben: Sie hatten so fast 145.000 US-Dollar erhalten. Der Vater behauptete öffentlich „Meine Kinder werden routinemäßig von ihrer Mutter Janet einstudiert, zu tun oder zu sagen, was immer sie wünscht.“

Der Fall endete für Jackson mit einem Freispruch erster Klasse. Robson hat Jackson auch in diesem Verfahren unterstützt und unter Eid ausgesagt, dass er nie sexuellen Kontakt mit Jackson hatte. Safechuck wollte damals dagegen nicht mehr zugunsten Jacksons aussagen.

Ist Michael Jackson pädophil?

Für mich als Pädo war es bereits nach der Berichterstattung zu den beiden Fällen naheliegend, dass Michael Jackson auf Jungen steht und dass es dabei wohl nicht nur bei platonischer Liebe geblieben sein dürfte. Es war für mich genauso naheliegend, dass er die Jungen, mit denen er sich umgab, gut behandelt. Wäre dem nicht so gewesen, hätte es wesentlich mehr Belastungszeugen geben müssen.

Nun also geben Wade Robson und James Safechuck an, von Jackson sexuell missbraucht worden zu sein.

Mir erscheint es glaubhaft, dass es sexuelle Kontakte gab. Wenig glaubhaft erscheint mir, dass es sexuellen Missbrauch gab.

Wade Robson sagt zu Beginn von „Leaving Neverland“ über Michael Jackson:

Er war einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen, die ich kannte. Und er hat mich über sieben Jahre sexuell missbraucht.

Spiegel Online berichtet über den Film:

Die Erklärung, die die beiden Männer für ihre Kehrtwendung abgeben, gehört zu den erschütterndsten Momenten des Films. „Es war aufregend, ihn beschützen und womöglich retten zu können“, sagt Wade Robson über seine Verteidigung Michael Jacksons als harmloser Freund. Wenn man den beiden Männern glaubt, offenbaren sich hier die perfidesten Mechanismen des Missbrauchs.

Besonders Safechuck fasst seine Beziehung zu Jackson als Liebesgeschichte, bis hin zur gespielten Hochzeit, zu der Jackson ihm einen diamantbesetzten Goldring schenkte. Safechuck zieht ihn im Film mit zitternden Fingern aus einer Schatulle und sagt: „Ich mag Schmuck. Er gab ihn mir im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten. Mir fällt es immer noch schwer, nicht mir selbst die Schuld zu geben.“

In einem Interview bei Oprah Winrey sagt Wade Robson

Ich hatte kein Verständnis dafür, dass es Missbrauch war. Weißt du, ich habe Michael geliebt. Und all die Male, die ich ausgesagt habe, und viele Male, die ich in einem Interview oder was auch immer es sein mag, über ihn gesprochen habe, das war echt, weißt du. Ich habe nie einer der sexuellen Dinge, die zwischen uns passiert sind, vergessen, hatte aber kein Verständnis dafür, dass es Missbrauch war. Ich hatte kein Konzept in meinem Kopf, dass etwas an Michael jemals schlecht sein könnte. Alles, was Michael tat, war für mich so viele Jahre lang richtig.

Jimmy Safechuck sagt im selben Interview:

Ich habe (im Fall Arvizo) nicht ausgesagt, nicht weil ich dachte, ich damit etwas Gutes tue oder wusste, dass das, was er getan hat, schlecht war. Ich hatte Angst, erwischt zu werden. Es war rund um die Uhr in den Nachrichten. Es wurde gesendet und es gab so viel Aufmerksamkeit von der Welt darauf. (…) Ich hielt es nicht für gut oder schlecht. Es war diese alte Art der Verkabelung, dass, wenn du erwischt wirst, dein Leben vorbei sein würde.

Was ist die Schlußfolgerung?

Oprah spricht in Ihrer Einleitung davon, dass sexueller Missbrauch nicht nur sexueller Missbrauch, sondern auch sexuelle Verführung sei. Spiegel Online meint die perfidesten Mechanismen des Missbrauchs zu erkennen. Owen Gleiberman von Variety meint der Film zwinge einen dazu, sich der Realität zu stellen, dass das größte Pop-Genie seit den Beatles unter seinem Talent ein Monster war.

Ein Monster also.

Eines das vom Opfer, Wade Robson, auch heute noch als „einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen“ beschrieben wird, den er kannte.

Das passt doch irgendwie nicht zu „Monster“. Auch nicht der Nachruf, den Rosbson mit 27 zum Tode Jacksons schrieb:

Michael Jackson hat die Welt und, was noch persönlicher ist, mein Leben für immer verändert. Er ist der Grund, warum ich tanze, der Grund, warum ich Musik mache, und einer der Hauptgründe, warum ich an die reine Güte der Menschheit glaube. Er ist seit 20 Jahren ein enger Freund von mir. Seine Musik, seine Bewegung, seine persönlichen Worte der Inspiration und Ermutigung und seine bedingungslose Liebe werden für immer in mir leben. Ich werde ihn unermesslich vermissen, aber ich weiß, dass er jetzt in Frieden ist und den Himmel mit einer Melodie und einem Moonwalk verzaubert.

Und auf die Frage zu seiner Falschaussage im Jahr 2005 (als er 23 Jahre alt war) meinte er, er habe sich an alle sexuellen Dinge erinnert, die passiert seien aber kein Verständnis dafür entwickelt, dass es Missbrauch gewesen sei.

Könnte es dann nicht vielleicht sein, dass es gar kein Missbrauch war, sondern einfach nur „sexuelle Dinge“, die niemanden außer den Beteiligten etwas angehen?

Gehirnwäsche? Oder Gehirnwäsche?

Ist Michael Jackson, der zu Lebzeiten über 300 Millionen US-Dollar an 39 Wohltätigkeitsorganisationen spendete, für sein vielfältiges soziales Engagement mehrfach ausgezeichnet wurde, zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, und von seinem Opfer auch heute noch ale „einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen“ bezeichnet wird, in Wirklichkeit ein Monster, das erfolgreich Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit geheuchelt und bei den Jungen Gehirnwäsche betrieben hat, die bis weit in das Erwachsenenalter hinein hielt?

Oder gab es vielleicht eine andere Art von Gehirnwäsche?

Es ist ein Tabu und eine Grenzüberschreitung das Opfer einen Missbrauchs für etwas anderes als missbraucht zu sein.

Jimmy Safechuck, fasst seine Beziehung zu Jackson in „Leaving Neverland“ als Liebesgeschichte. Er sagte im Interview mit Oprah, auf die Frage, warm er 2005 nicht ausgesagt habe, dass er Angst hatte erwischt zu werden. („Es war diese alte Art der Verkabelung, dass, wenn du erwischt wirst, dein Leben vorbei sein würde.“)

2010 erschien in der Welt der Artikel „Jetzt bloß keine Hexenjagd“, ein Text mit dem der Schriftsteller Josef Haslinger, der unter anderem eine autobographisch angehauchte Kurzgeschichte über sexuellen Mibrauch in einem kirchlichen Internat geschrieben hatte, seine tatsächlichen Erfahrungen zurechtrückte: Er habe die Kurzgeschichte als moralische Anklage gegen die Kirche geschrieben, mit der er in der Zwischenzeit gebrochen hatte. Er wollte es ihnen heimzahlen, so drastisch wie möglich.

Er berichtet von seinem ersten Erebnis im Alter von 12 Jahren mit seinem damailgen Regligionslehrer. Die Kontakte hätten ihn verstört, er habe nicht gewuss, was er davon halten sollte. Es kam mir nicht in den Sinn, ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Er berichtet weiter davon, dass er später sehr wohl in der Lage gewesen sei, sexuelle Kontakte abzuwehren und zu unterbinden, diese Möglichkeiten aber nicht genutzt genutzt habe. Dass er Annäherungen nicht ausgewichen sei, sondern sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden habe. Dass die Pädophilen in der Sphäre klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit gewesen seien. Dass die Kontakte ihn verstört hätten, dass die moralische Verstörung aber weitaus übler gewesen sei als die erotische Konfusion. Er berichtet, wie er den schüchternen Liebesbrief eines Ordenspriesters erhielt und sich gegenüber seiner Mutter mit der Vertrautheit gebrüstet habe. Er berichtet von einem Gedicht, dass ihm einer geschrieben hat und dass er nich heute auswendig kennt. Von der Unterstützung, die er bei einem Schulaufsatz erhielt. Haslingers Gesamturteil fällt denn auch überaus milde aus:

Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich das gemeinhin vorstellt

Diese Meinungsäußerung, die die Zeit als „Grenzüberschreitung“ einstufte aber trotzdem abdruckte, war ein Tabubruch. Ähnliche Fälle, die an die breitere Öffentlichkeit gelangt sind, sind mir nicht bekannt.

Das liegt nicht daran, dass es keine ähnlichen Erfahrungen und Meinungen gäbe. Sie werden nur nicht wiedergegeben. Die einzige zulässige Deutung sexueller Kontake mit Kindern ist Missbrauch. Alles jenseits der Verdammung gilt als Verharmlosung von Pädophilie und Kindesmissbrauch.

In der Kommunikationswissenschaft nennt man das eine Schweigespirale. Menschen empfinden „Isolationsfurcht“, wollen nicht sozial isoliert sein. Die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu bekennen, hängt deshalb von der Einschätzung des Meinungsklimas ab und zwar insbesondere dann, wenn das Thema „moralisch aufgeladen“ ist, also das emotionale Potential hat, die Meinung der Minderheit nicht als rational falsch, sondern als moralisch schlecht erscheinen zu lassen.

Fazit

1. Hatte Michel Jackson mit Wade Robson und Jimmy Safechuck sexuelle Kontakte?

Es spricht fast alles dafür.

2. Hat Michel Jackson Wade Robson und Jimmy Safechuck sexuell mißbraucht?

Es spricht herzlich wenig dafür.

3. Haben die sexuellen Kontakte mit Michel Jackson Wade Robson und Jimmy Safechuck belastet?

Davon muss man ausgehen. Missbrauch ist mit dem sozialen Scheiterhaufen bedroht und mit äußerst empfindlichen Freiheitsstrafen belegt ist. Sexuelle Kontakte, die als Missbrauch gelten, sind deshalb mit dem Fluch des Schweigens belegt. Schweigen ist Gift und Geheimnisse belasten die Seele.

4. Durfte Michel Jackson Wade als Erwachsener den Kinder Wade Robson und Jimmy Safechuck die Beziehung, so wie sie war, dann trotzdem zumuten?

Vielleicht nicht. Aber ein Mensch ist ein Mensch und ich habe den Eindruck, dass Jackson die Jungen so sehr geliebt hat, wie er eben konnte. Manchmal muss das am Ende genügen.

3 Kommentare zu „Gehirnwäsche? Oder Gehirnwäsche?

  1. Pädophile Beziehungen existieren nur im Missbrauchskontext, welcher Verschweigen, (Ver-)Leugnen, Lügen und Abspalten von Gefühlen „verlangt“. Das gilt sowohl für die „Täter“ als auch für die „Opfer“. Jede(r): Opfer, Täter, Gesellschaft, Angehörige denken und handeln in diesem Kontext. Es ist somit nicht verwunderlich, dass es hier nur Missbraucher, Missbrauchte und ein geschocktes Publikum geben kann. Die ehemaligen Partner von Michael Jackson sind selbstverständlich traumatisiert und sie haben mit hoher Wahrscheinlichkeit Missbrauch erlebt — das wird sich erst ändern, wenn pädophile Beziehungen aus dem Missbrauchskontext heraustreten dürfen.

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