Wer Schlagzeilen liest, konnte dieser Tage erfahren, dass Papst Franziskus in seiner Ansprache zum Ende des mehrtägigen Antimissbrauchsgipfels in Rom den sexuellen Missbrauch Minderjähriger mit Menschenopfern verglich.
Im Grunde ist das nur erklärbar ist, wenn man die Rede nachschaut und so feststellt, dass der Papst von heidnischen Menschenopern sprach. Konkret: „Das bringt mir auch eine grausame religiöse Praxis in Erinnerung, die in der Vergangenheit in einigen Kulturen verbreitet war, nämlich Menschen – oft Kinder – bei heidnischen Ritualen zu opfern.“
Es ging Papst Franziskus also vermutlich darum, eine möglichst große Distanz zwischen der „heidnischen“ Praxis des Kinderopfers bzw. des damit gleichgesetzten sexuellen Missbrauchs und der ja eben nicht heidnischen, sondern vielmehr „heiligen“ römisch-katholischen Kirche zu schaffen.
Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche ist dann kein Verbrechen gegen Kinder innerhalb der Kirche, sondern ein Verbrechen an Kindern und an der Kirche durch das Böse und die Hand Satans. So heißt es später in der Rede dann auch:
„Die gottgeweihte Person, die von Gott auserwählt wurde, um die Seelen zum Heil zu führen, lässt sich von ihrer menschlichen Schwäche oder ihrer Krankheit versklaven und wird so zu einem Werkzeug Satans. In den Missbräuchen sehen wir die Hand des Bösen, das nicht einmal die Unschuld der Kinder verschont. Es gibt keine ausreichenden Erklärungen für diese Missbräuche gegenüber Kindern. Demütig und beherzt müssen wir anerkennen, dass wir vor dem Geheimnis des Bösen stehen, das gegen die Schwächsten erbost ist, weil sie Bild Jesu sind.“
Manifestiertes Bösartigkeitspotential von Religion
Der Vergleich mit Menschenopfern ist natürlich gröbster Unfug. Zunächst mal ist die Motivation eine andere. Ein Menschenopfer hat religiöse Motive. Kindesmissbrauch hat persönliche Motive: die Befriedigung des Sexualtriebs. Es wird kein Kind als „Bild Jesu“ geschändet und es gibt auch kein Geheimnis des Bösen, sondern Menschen, bei denen der Sexualtrieb über die Impulskontrolle gesiegt hat.
Ein weiterer – wie ich meine nicht eben unbedeutender Unterschied – zwischen Menschenoper und sexuellem Missbrauch ist, dass ein Kind, das als Menschenopfer dargebracht wird, tot ist. Ein Kind, dass einen sexuellen Kontakt mit einem Erwachsenen hatte, ist danach noch lebendig.
Im Menschenopfer manifestiert sich darüber hinaus das inhärente Potential zur Bösartigkeit von Religion an sich. Religion ist das Konstrukt einer letztgültigen Wahrheit, der unbarmherzig und erbarmungslos alles untergeordnet wird. Eine Gedankenwelt, in der ein Vater und Schöpfer die von ihm geschaffene Welt und die nach seinem Ebenbild erschaffenen Menschen mit Stumpf und Stil auslöschen darf (etwa mit einer Sinnflut) und in der er Völkermorde und Kriegsverbrechen anordnen darf und vermeintlich trotzdem anbetungswürdig bleibt.
Die Art von Treue, die der christliche Gott der Bibel (und auch der Gott des Koran) von seinen Anhängern verlangt, ist die Treue eines Vaters (Abraham), der bereit ist seinen Sohn (Isaak) als Menschenopfer darzubringen. Der Verzicht auf die praktische Ausführung in letzter Sekunde macht die perverse Gottestreue, die in der Geschichte zum Ausdruck kommt, nicht besser. Am Ende der Geschichte vom Opfer Abrahams wird der religiöse Psychopath, der bereit war, seinen Sohn zu töten, sogar noch belohnt („Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen“).
Der Rückgriff auf rituellen Kindermord hat im Christentum übrigens Tradition. 1144 tauchte im englischen Norwich erstmals der Vorwurf auf, Juden hätten zum Pessachfest ein vermisstes christliches Kind, William von Norwich, entführt und gemartert wie Christus am Kreuz. Das Gerücht löste eine Anklage gegen örtliche Juden aus, die abgewiesen wurde und dann ein Pogrom zur Folge hatte. Thomas von Monmouth schuf um 1150 eine Legende, die die Anklage nachträglich begründen und wundergläubige Pilger anwerben sollte, um Einkünfte an den Ort der Verehrung zu bringen. Die Ritualmordlegende streute von Norwich nach Kontinantaleuropa aus und war der Startpunkt der antisemitischen Progrome des Mittelalters.
Ein universelles menschliches Phänomen
Wenn Papst Franziskus zu Beginn seiner Rede davon spricht, „anzuerkennen, dass das schwere Übel des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen leider in allen Kulturen und Gesellschaften ein geschichtlich verbreitetes Phänomen ist.“ und man die moralische Wertung jeglicher sexueller Kontakt mit Kindern einmal davon abzieht, wird deutlich, dass es sich beim auch auf Kinder gerichteten sexuellen Begehren um ein universelles menschliches Phänomen handelt.
Das Urteil, ob eine sexuelle Erfahrung gut oder schlecht war, sollte aber dem zustehen, der die Erfahrung macht.
Wer zum Sex gezwungen wird, wird die Erfahrung kaum positiv erleben. Wer zum Sex geführt oder verführt wird, kann das durchaus als verwirrend oder gar negativ erleben. Er muss es aber nicht. Sex an sich ist schön und führt nicht zum automatischen Totalschaden an der Seele – auch nicht bei Kindern.
Wenn es für möglich gehalten wird, dass zwei Dreizehnjährige gemeinsam schöne erste Erfahrungen mit Sex sammeln, sollte es auch denkbar sein, dass ein Dreizehnjähriger und ein Fünfzehnjähriger schöne gemeinsame sexuelle Erfahrungen sammeln – was nach aktueller Gesetzgebung aber bereits Kindesmissbrauch durch den Älteren darstellt.
Es wäre (für mich) sogar vorstellbar, dass ein Dreizehnjähriger und ein alter Sack wie ich, gemeinsam Spaß beim Sex haben könnten. Wobei es für mich natürlich ein wenig peinlich wäre, wenn sich (was mir fast sicher scheint) der Dreizehnjährige als sexuell erfahrener herausstellt.
Echter Schaden entsteht jedenfalls nicht durch Gesetzespostulat, sondern durch Gewalt, Zwang, Stigmatisierung und Schweigen.
Natürlich ist das Kind per Gesetz in jedem Fall Opfer einer Straftat (des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger). Ob ein Kind durch den sexuellen Kontakt mit einem Nicht-Kind auch jenseits der rein juristischen Perspektive zum Opfer geworden ist, ist aber etwas, dass man nur im Einzelfall feststellen kann. Das Urteil hierüber steht letztlich nur dem Kind zu. In der Realität wird ihm in entdeckten Fällen, die Deutungshoheit regelmäßig entrissen.
Praxisbeispiel zur Deutungshoheit von sexuellem Missbrauch
Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger schrieb Mitte der 80er die autobiographisch angehauchte Kurzgeschichte „Die plötzlichen Geschenke des Himmels“. Darin berichtet ein Ich-Erzähler, dass er als Klosterzögling von seinem Religionslehrer, einem gewissen Pater G., vergewaltigt wurde. Wörtlich heißt es: „Er legte mir sein wulstiges Fleischstück wie eine geweihte Hostie auf die Zunge, lächelte mich an dabei, sagte, na, mach schon, trau dich nur. Ein schaler, nichtssagender Geschmack, ein wenig Ekel. Da stieß es mit einem Mal in meinen Mund hinein, zuckte hin und her, ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Mein Kopf wurde von hinten gegen das Haarbüschel gepresst, es reckte mich, wenn der Religionslehrer auf meinen Gaumen stieß, die Speiseröhre hinabschlüpfen wollte…“
2010 gab es dann eine sehr kontroverse und lesenswerte Klarstellung, aus der ich hier nun zitiere:
„Ich war zwölf Jahre alt, als erstmals ein Priester, mein damaliger Religionslehrer, sich für meinen kleinen Penis interessierte und dabei ganz offensichtlich in Erregung geriet. Ein Zustand, den man als Zwölfjähriger eigentlich nicht kennt, wenn man nicht das Pech hatte, von seinen Eltern mit deren Sexualität belästigt worden zu sein. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Religionslehrer sich die intime Annäherung traute. Als er merkte, dass ich es zuließ, suchte er nach Gelegenheiten, das Spielchen zu wiederholen und, wenn möglich, ein wenig auszuweiten. Ich ging mehrere Etappen der Ausweitung dieser Spielchen mit. Es kam mir nicht in den Sinn, ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Und deshalb war ich auch nicht in der Lage, sie abzustellen.
Diese Kontakte haben mich verstört, wie man so sagt, ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und ich habe lange Zeit darüber mit niemandem gesprochen. Andere konnten darüber sprechen. Und so kam mir mein erster sakraler Erotikpartner, wenn ich das so ausdrücken darf, noch in der Klosterschule abhanden. Er wurde in ein anderes Kloster, in dem es keine Zöglinge gab, zwangsversetzt.
Dass dieser Mitschüler den Eltern von seinen Erlebnissen erzählte, fand ich mutig. Ein wenig hielt ich es auch für einen Verrat. Aber von da an habe ich natürlich gewusst, dass ich mit meinen Erlebnissen diejenigen, die sie verursachten, erpressen konnte; dass ich ein Mittel der Gegenwehr in der Hand hielt. Und ich habe auch gesehen, wie einfach das ist. Man redet darüber, und der Mann zieht den Kürzeren. Als Kind, insbesondere als Internatsschüler, entwickelt man einen strategischen Sinn. Man kann fies sein gegen jemanden. Ich kannte dieses Mittel, ich habe es oft eingesetzt. Aber nicht gegen die Priester, die mit mir sexuelle Spiele veranstalteten. (…)
Pater G. (aus der Kurzgeschichte) war eine Zusammenführung von drei Personen, mit denen ich im Alter von zwölf bis 14 Jahren sexuelle Kontakte hatte. Darüber hinaus gab es noch eine vierte Lehrperson, die allerdings aus dem Rahmen fiel, weil sie mich lehrte, dass eine Frau und eine erstaunlich große Kinderschar den Herrn Papa nicht unbedingt davon abhalten, sich für erotische Spielchen mit fremden Knaben zu interessieren. Ich bin, im Gegensatz zu meinem Protagonisten in der Kurzgeschichte, aus dem Klosterkonvikt nie abgehauen, sondern ich habe immer nur davon geträumt. Aber nicht wegen der sexuellen Vorkommnisse.
Die Kurzgeschichte war eine moralische Anklage, nein, eine Entladung. Ich hatte mittlerweile mit der Kirche gebrochen und wollte es ihnen heimzahlen, so drastisch wie möglich. Heute denke ich, es war vor allem das ständige Erniedrigtwerden bis hin zur allgegenwärtigen körperlichen Züchtigung, das im Nachhinein meine Hassgefühle hat wachsen lassen. In den Jahren, in denen außerhalb der Klostermauern über antiautoritäre Erziehung gesprochen wurde, wurden wir von den Protagonisten der Religion der Liebe, auf arabische Art, könnte man sagen, mit dem Stock geschlagen. Die Pädophilen waren in dieser Sphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit. Das Kloster war ein Exzess in dieser und jener Richtung.
Ich muss mir heute eingestehen, dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte, die damaligen sexuellen Kontakte abzuwehren und zu unterbinden. Ich habe diese Möglichkeiten nicht genutzt. Ich habe mich nicht gerade angeboten, dazu war ich zu schüchtern, aber ich habe, nach den ersten unerwarteten Annäherungen, schnell gesehen, wer aus einer bestimmten Neigung heraus sich umschaute. Und ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden.
Ich wurde in die geheime, aufregende Welt der Sexualität eingeführt. Ein Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man das endlich einmal sehen. Dass es katholische Priester waren, die mir diese Welt eröffneten, mag ungewöhnlich sein. Aber sie waren ja nicht die einzigen. Ich hatte zu Gleichaltrigen und Älteren dieselben Kontakte wie andere auch. Ich war kein sozial gestörtes Kind, das hilflos dem Triebleben sakraler Päderasten ausgeliefert war. Ich war verstört, weil ich zu dieser Zeit ja auch noch ein sehr religiöser Mensch war und selbst Priester werden wollte. Die moralische Verstörung war weitaus übler als die erotische Konfusion. (…)
Neulich, beim Durchstöbern alter Fotos, fiel mir ein Brief aus dem Kloster in die Hände, ein schüchterner Liebesbrief, der mir, dem damals Zwölfjährigen, von einem Ordenspriester geschrieben wurde. Und er hatte ein Foto von sich beigelegt. So erstaunlich, wie ich das heute finde, habe ich das damals gar nicht gefunden. Ich habe mich meiner Mutter gegenüber gebrüstet, dass ein Ordenspriester so vertraut mit mir war, und habe ihr das Foto gezeigt. Sie hat keinen Verdacht geschöpft. Und als mich der zudringliche Pater in den Ferien ins Kloster einlud, bin ich hingefahren.
Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich das gemeinhin vorstellt. Sie hätten das gar nicht nötig, weil es Kinder gibt, die sich mit Neugier darauf einlassen. Ich wurde von diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt, aber ich fühlte mich auch ernst genommen. Wir sprachen ja nicht nur über Sexualität. Einer der drei schrieb Gedichte. Ich kann heute noch eines seiner Gedichte auswendig. Und einmal sprachen wir über das Thema eines Schulaufsatzes, den ich zu schreiben hatte. Als wir uns das nächste Mal trafen, übergab er mir ein mit der Maschine geschriebenes Blatt, auf dem er sich Gedanken zu diesem Thema gemacht hatte. Es waren die Gedanken eines Erwachsenen. Ich baute sie in den Schulaufsatz ein, und da wurden sie plötzlich meine Gedanken. Sie brachten mich weiter. Der Mann hat später geheiratet und Kinder bekommen. Von meinem ersten Partner, jenem, der später in ein anderes Kloster versetzt wurde, kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass er zu Ehe und Familie gar nicht in der Lage gewesen wäre.“
Soweit der differenzierte Rückblick von Josef Haslinger.
Wer sich für die gesamte Papstrede interessiert, kann den deutschen Text auf der offiziellen Webseite des Vatikan nachlesen.
Was in der Öffentlichkeit davon hängen bleiben wird, ist aber vor allem die Schlagzeile mit der Gleichsetzung von Kindesmissbrauch mit Kindermord. Das mag heutzutage nicht gleich zum nächsten Progrom führen, treibt aber die Skandalisierung und Kriminalisierung von Pädophilie doch weiter voran.