Gedanken zum Referententwurf für die Verschärfung des Sexualstrafrechts

Der Referentenentwurf zur Verschärfung im Sexualstrafrecht vom 31.08. stellt im Abschnitt A („Problem und Ziel“) den Grund für die Verschärfung wie folgt dar:

A. Problem und Ziel

Die ungestörte Entwicklung von Kindern ist ein besonders hohes Gut. Sexualisierte Gewalt kann Kinder für ihr gesamtes Leben traumatisieren. Die Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder ist deshalb eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit und zentrale Aufgabe des Staates.

Im Zuge des technischen Wandels hat sich die Art der gegen Kinder gerichteten Straftaten verändert. Durch soziale Netzwerke und die Chatfunktionen von Onlinespielen besteht leichter denn je die Möglichkeit, aus sexuellen Motiven heraus Kontakt zu Minderjährigen herzustellen. Das Internet, insbesondere das Darknet, bietet viel Raum, um anderen kinderpornographische Inhalte zur Verfügung zu stellen oder auf diese Inhalte zuzugreifen. Durch die neuen technischen Möglichkeiten hat sich aber das Gefährdungspotential für Kinder nicht bloß in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt erhöht. Denn der Verbreitung und dem Konsum von Kinderpornographie liegt häufig reale sexualisierte Gewalt gegen Kinder zugrunde.

Die Zahlen bekanntgewordener Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung, des Besitzes und der Besitzverschaffung von Kinderpornographie sind deutlich gestiegen.

Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, die einschlägigen Straftatbestände zu ändern, damit sie ihre Schutzfunktion für Kinder besser entfalten können. Dafür bedarf es unter anderem einer deutlichen Verschärfung der Strafrahmen. Zugleich sind Maßnahmen notwendig, um eine effektivere Strafverfolgung zu erreichen. Die Anstrengungen dürfen sich aber nicht auf das Straf- und Strafprozessrecht beschränken.

Vor diesem Hintergrund verfolgt der Entwurf das Ziel, mit einem ganzen Bündel von Maß-nahmen, die insbesondere auch die Prävention betreffen, den Schutz von Kindern vor se-xualisierter Gewalt zu verbessern.

Sexualisierte Gewalt

Zu dem ausdrücklich auf „Brandmarken“ zielenden und damit im Grund hetzerischen Begriff „sexualisierte Gewalt“ habe ich bereits von ein paar Tagen Stellung bezogen.

In aller Kürze:

Mit dem Begriff will man einer in der Realität nirgends zu erkennenden Bagatellisierung entgegenwirken und aggraviert den für Handlungen im Rahmen von Liebesbeziehungen ohnehin bereits aggravierenden Begriff „sexueller Missbrauch“ noch weiter. Da der neue Begriff gar nicht erst die Wirklichkeit abbilden, sondern im Gegenteil verschleiern soll, ist der Begriff unehrlich.

Das staatlich gewollte „Brandmarken“ knüpft an mittelalterliche Strafvorstellungen und die Behandlung von Tieren an und ist deshalb unmoralisch, insbesondere aber auch eines Staates unwürdig, der die Unantastbarkeit der Würde des Menschen in den ersten Satz seines Grundgesetzes hineingeschrieben hat.

Skandalisierung und Brandmarkung unterlaufen darüber hinaus das staatliche Gewaltmonopol. Brandmarken ist letztlich Brandstiftung, die Bürger zur Selbstjustiz ermuntert.

Traumafolgen

Sexualisierte Gewalt kann Kinder für ihr gesamtes Leben traumatisieren.

Eigentlich ist der Satz erstaunlich, weil ein Trauma als Folge „sexualisierter Gewalt“ hier lediglich als Möglichkeit und nicht als unausweichliche Konsequenz dargestellt wird.

Aus Sicht von Politikern wie NRW Innenminister Herbert Reul, muss der Satz im Grunde eine Verharmlosung darstellen. („Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch.“)

Die Einschätzung im Referentenentwurf ist aber immerhin deutlich realistischer als die allgemeine Polemik zum Thema. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2018 sagte Fr. Prof. Dr. Michaela Pfundmair:

Es ist absolut zu verneinen, dass notgedrungen eine psychische Störung zu Tage tritt. (…) Tatsächlich kann Missbrauch in der Kindheit das Risiko für eine Vielzahl psychischer Störungen erhöhen – aber: die Zusammenhänge sind im Allgemeinen schwach bis mäßig ausgeprägt. Das heißt, Missbrauch ist nur ein unspezifischer Risikofaktor. Der Anteil symptomfrei bleibender Betroffener wird auf etwa 40 Prozent geschätzt.

Im Rahmen einer groß angelegten kriminologischen Studie des Bundeskriminalamts wurde festgestellt, dass etwa 48% der Personen, die als „Geschädigte“ registriert worden waren, von keinen oder nur minimalen Schäden berichteten. Schäden korrelierten dabei stark mit Fällen von sexueller Nötigung, Vergewaltigung und Sexualkontakten mit starker emotionaler Abwehr (31.3% % der Fälle). In der Gruppe der“exhibitionistischen und vergleichsweise harmlosen erotischen sexuellen Kontakten mit eher jüngeren Opfern“ (57.1 % der Fälle) traten „ganz selten“ Schäden auf.

In Ihrem Interview (das in keinem Zusammenhang mit der bereits 1983 veröffentlichen BKA-Studie steht) sagte Fr. Prof. Dr. Pfundmair: „Vielleicht aber haben viele der Betroffenen keine „seelische Erschütterung“ erfahren. Dann sollte man das auch nicht weiter aufbauschen.“

So ist es. Eigentlich. Aber diesen nicht-traumatisierten Betroffenen wird nun gesagt, sie seien „Opfer sexualisierter Gewalt“.

Wie soll Ihnen das helfen?

Es wird damit eine völlig unnötige, nachträgliche seelische Erschütterung wissentlich in Kauf genommen, weil man eine Verletzung sexueller Normen politisch unbedingt „brandmarken“ möchte.

Klarsichtiger und menschlicher war da die Schlussfolgerung der BKA-Studie:

Bisher sind Verletzungen der Sexualnormen und sexuelle Gewaltdelikte bei uns immer noch in unzulässiger Weise vermischt. (…)

Es sollte darauf hingewirkt werden, daß im allgemeinen Bewußtsein die drei hauptsächlichen Erscheinungsformen klar voneinander getrennt werden:

a) exhibitionistische Handlungen

b) relativ oberflächliche, gewaltfreie erotische und sexuelle Handlungen

c) sexuelle Gewalthandlungen und Bedrohungen

Differenzierung

In diesem Zusammenhang sollte angestrebt werden, daß durch eine sachliche Aufklärung über die tatsächlichen Erscheinungsformen der Sexualkriminalität und ihre Folgen in einem Bereich (a und b) eine Entdramatisierung stattfindet, während der tatsächliche Gewaltcharakter der anderen Deliktsarten (c) deutlicher ins Bewußtsein gehoben wird.

Der Begriff sexualisierte Gewalt macht also absolut Sinn, wenn damit der tatsächliche Gewaltcharakter von Taten, denen „Gewalthandlungen und Bedrohungen“ zugrunde liegen deutlich gemacht wird. Dann würde man zu recht schreiben:

„Sexualisierte Gewalt kann Kinder für ihr gesamtes Leben traumatisieren.“

Er ist absolut schädlich, wenn damit „oberflächliche, gewaltfreie erotische und sexuelle Handlungen“ als Gewalt diffamiert werden, bei denen es an Gewalthandlungen und Bedrohungen gerade fehlt.

Statt der eigentlich sinnvollen Differenzierung, einer Entdramatisierung und einem „nicht Aufbauschen“ geschieht mit dieser „Brandmarkung“ das glatte Gegenteil – zu Lasten der Betroffenen.

Ein Satz wie

Oberflächliche, gewaltfreie erotische und sexuelle Handlungen können Kindern für ihr gesamtes Leben traumatisieren.“

ist zwar nicht im strengen Sinne falsch, da es durchaus seltene Einzelfälle mit Trauma-Folge geben mag. Die tatsächlich Prävalenz lebenslanger Traumata dürfte aber für diese Fallgruppe minimal sein. Eigentlich. Denn für die Betroffenen ist die Dramatisierung Gift. Sie kann nachträglich gerade jene seelische Erschütterung verursachen, die im Zusammenhang mit der Tat selbst glücklicherweise ausblieb.

Cybergrooming

Im Zuge des technischen Wandels hat sich die Art der gegen Kinder gerichteten Straftaten verändert. Durch soziale Netzwerke und die Chatfunktionen von Onlinespielen besteht leichter denn je die Möglichkeit, aus sexuellen Motiven heraus Kontakt zu Minderjährigen herzustellen.

Dies ist richtig, die Möglichkeiten werden aber vor allem von einer Tätergruppe genutzt, die es am allerwenigsten verdient, gebrandmarkt zu werden: Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden.

Der Anteil minderjähriger Täter steigt seit Jahren stark überproportional. 2019 waren 11.44 % der Verdächtigen von Cybergrooming selbst Kinder, 28.54 % waren Jugendliche und 13.22 % Heranwachsende. Weniger als die Hälfte der Täter war erwachsen.

Der Zuwachs der Taten bei Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden lag im Vergleich zum Vorjahr bei 39.74%. Bei Erwachsenen gab es nur einen leichten, statistisch nicht aussagekräftigen Zuwachs um 3.96 %.

Kinderpornographie und reale Delikte gegen Kinder

Das Internet, insbesondere das Darknet, bietet viel Raum, um anderen kinderpornographische Inhalte zur Verfügung zu stellen oder auf diese Inhalte zuzugreifen. Durch die neuen technischen Möglichkeiten hat sich aber das Gefährdungspotential für Kinder nicht bloß in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt erhöht. Denn der Verbreitung und dem Konsum von Kinderpornographie liegt häufig reale sexualisierte Gewalt gegen Kinder zugrunde.

Hier wird ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Kinderpornographie und Taten gegen Kinder behauptet, den es so nicht gibt.

Mich erinnert das an die lange propagierte Rede von Kinderpornographie als einem Milliardenmarkt für den Kinder ausgebeutet werden, den es aber nie gegeben hat.

Im Jahr 2000 gab es noch Schlagzeilen wie „10 Milliarden Mark Umsatz mit Online-Kinderpornos“ oder 2013 „Cyberfirma wusch Kinderporno-Milliarden„. Die Behauptung der Existenz einer Kinderpornoindustrie, die erst von „Kinderschützern“, dann von Politikern und Medien viele Jahre lang unwidersprochen verbreitet und einfach unreflektiert geglaubt wurde, brach zusammen, als man Anschläge auf den Datenschutz mit dem Kampf gegen Kinderpornos begründen wollte (Stichwort Zugangserschwerungsgesetz und Voratsdatenspeicherung). Menschen, denen der Schutz ihrer Daten wichtig ist, prüften die Fakten und widerlegten die Lüge.

Nun also stattdessen „der Verbreitung und dem Konsum von Kinderpornographie liegt häufig reale sexualisierte Gewalt gegen Kinder zugrunde.“

Auch hier ist „häufig“ durchaus erstaunlich, wird doch sonst fast stets davon gesprochen, dass „jedem Bild sexuelle Gewalt gegen ein Kind“ zugrunde liegt.

Dass nun von „häufig“ gesprochen wird, dürfte am Segment der fiktiven Kinderpornographie liegen, also Texten, Zeichnungen, Computeranimationen, die ganz ohne real existierende Kinder hergestellt wurden und bei denen folglich auch kein Kind missbraucht, ausgenutzt oder sonst wie geschädigt wurde. Diese Materialien müssten daher gänzlich legalisiert werden, was aber auch in der aktuellen Reform unterbleibt.

Auch wenn man fiktive Kinderpornographie ganz ausklammert, bleibt allerdings immer noch ein beträchtlicher Anteil an Material übrig, dem keine sexualisierte Gewalt gegen Kinder zugrunde liegt, z.B. Posing-Aufnahmen und Aufnahmen, die von Kindern selbst erstellt und verbreitet wurden.

Die Vorstellung von der Unschuld der Kinder ist nämlich eine Fehlvorstellung. Die Herstellung von Kinderpornographie mit Verbreitungsabsicht (!) kommt lt. den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik bei 8 bis 9-jährigen 3.16-mal, bei den 10 bis 11-jährigen 5.14-mal, bei 12 bis 13-jährigen 14.53-mal (!) und bei 14 bis 15-jährigen 3.52-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Unrechtsgehalt von Kinderpornographie

Ich halte Kinderpornographie durchaus für problematisch. Selbst wenn Aufnahmen einvernehmlich entstanden sind, möchte normalerweise niemand, dass seine intimen Sexbilder von Fremden angesehen werden. Die Verbreitung und Betrachtung pornographischer Abbildungen von Kindern verletzt typischerweise deren Persönlichkeitsrechte. Dennoch bleibt der Konsum von Kinderpornographie die Ersatzhandlung für exponentiell schlimmere Taten.

Da NRW-Innenminister Reul Kindesmissbrauch gerne mit psychischem Mord vergleicht: Hat jemand, der sich das Bild eines Mordes (oder gar eines fiktiven Mordes) anschaut, die gleiche oder eine vergleichbare Schuld auf sich geladen wie der Mörder? Gehört also jeder, der sich eine Dokumentation über John F. Kennedy oder über die Mordtaten der Nationalsozialisten, jeder, der einen Krimi oder einen Actionfilm anschaut, in den Knast?

Da man diese Beispiele noch relativ leicht als abwegig oder irrelevant abtun kann, hier eines, bei dem das vielleicht etwas schwieriger ist:

Wie groß ist der Anteil an der Ermordung, den jemand hat, der sich als Schaulustiger ein Enthauptungsvideo des Islamischen Staates anschaut? Man darf davon ausgehen, dass das Enthauptungsvideo aus Propagandazwecken erstellt wurde und dass hohe Zuschauerzahlen weitere Enthauptungen nach sich ziehen könnten.

Ich käme nicht auf die Idee mir ein solches Video anzusehen und würde es auch verwerflich finden, wenn sich jemand absichtlich ein solches Video anschaut. Wirklich strafwürdig finde ich allerdings erst die Verbreitung und natürlich auch die Herstellung.

Im Prinzip kann man die Strafwürdigkeit auch schon beim Besitz eines solchen Videos ansetzen. Allerdings scheint es mir eher abwegig zu vermuten, dass der Besitzer eines solchen Videos automatisch zum Nachahmer der Tat wird. Es würde mir auch nicht einfallen, für den Konsumenten eines Enthauptungsvideos vergleichbar hohe Strafen wie für den Mörder zu fordern.

In Deutschland ist der Besitz und Konsum eines Enthauptungsvideos straffrei. Die Verbreitung wird nach § 131 – Gewaltdarstellungen mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe geahndet.

Das Strafmaß für den Besitz eines kinderpornographischen Bildes oder Videos, dass ein tatsächliches Kind (oder jemanden, der wie ein tatsächliches Kind wirkt) zeigt, soll künftig bei einem Jahr bis zu fünf Jahren liegen. Der Strafrahmen für die Verbreitung soll künftig bei einem Jahr bis zu zehn Jahren liegen.

Da es Fälle mit nur einer kinderpornographischen Schrift in der Praxis nicht gibt und bei der Berichterstattung über Fälle in der Regel von hunderten oder hunderttausenden Bildern und Videos die Rede ist, werden in den Urteilen Gesamtstrafen gebildet.

Der Besitz jeder einzelnen Datei ist eine eigene Straftat. Mit dem Urteil werden also mehrere Straftaten eines Täters gleichzeitig abgeurteilt. Anders als in den USA werden in Deutschland die Strafen nicht einfach addiert. Die Bildung einer Gesamtstrafe erfolgt durch angemessene Erhöhung der höchsten Einzelstrafe. Welche Erhöhung angemessen ist, muss jeweils aufgrund der Umstände des Einzelfalles ermittelt werden, wobei etwa die Persönlichkeit des Täters und der Zusammenhang der einzelnen Taten eine Rolle spielen. Die gesetzliche Obergrenze ist dabei lediglich, dass eine Gesamtstrafe 15 Jahre Freiheitsentzug nicht übersteigen darf.

In der Praxis wird zur Berechnung der Gesamtstrafe häufig eine Faustformel angewandt: Die höchsten Einzelstrafe wird um die Hälfte der Summe der weiteren Einzelstrafen erhöht.

Über die Praxis der Bildung von Gesamtstrafen schreibt ein Anwaltsportal:

Wenn es nur um zwei Straftaten geht, ist die Berechnung meistens ziemlich leicht: Man zählt zur höheren Strafe die Hälfte der niedrigeren hinzu und kommt so auf die Gesamtstrafe. 80 plus 60 Tagessätze ergeben 110, drei Jahre und zwei Jahre werden zu vier Jahren Gefängnis, acht Monate und vier Monate zu zehn. Geht es um mehr als zwei Taten, werden die weiteren Strafen mit absteigender Tendenz berücksichtigt. (…) Eine feste Formel gibt es übrigens nicht und ein Richter darf in ein Urteil auch nichts davon hineinschreiben, dass er die weiteren Strafen in Bruchteilen hat einfließen lassen. Denn eine formelhafte Berechnung würde laut Rechtsprechung gegen das Gesetz verstoßen. Aber selbstverständlich werden solche Überlegungen – zumindest außerhalb des Urteilstextes – angestellt.

Die tatsächliche in der Praxis zu erwartende Höchststrafe für Verbreitung bei Tatmehrheit (also bei einer „Sammlung“, die ja eigentlich den Regelfall darstellt) dürfte bei der theoretisch möglichen Höchstgrenze von 15 Jahren liegen. Die „reale“ Höchststrafe für Besitz vermutlich bei 7 1/2 Jahren.

Ist ein kinderpornographisches Videos wirklich so viel schlimmer als ein Enthauptungsvideo? (Besitz straffrei; Verbreitung bis 1 Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe)

Ich meine nein.

Funktion von Kinderpornographie für den Konsumenten

Durch die Strafbarkeit von Kinderpornographie werden Menschen bestraft, die nur stark reduzierte Möglichkeiten haben, ihre sexuellen Wünsche auszuleben.

Konsumenten kinderpornographischer Inhalte sind in der Regel gerade keine Missbrauchstäter. Sie nutzen eine Ersatzdroge. Während an Drogenabhängige Ersatzdrogen wie Methadon kostenfrei abgegeben werden, landen Menschen, die keine Taten gegen Kinder begehen wollen, sich aber stattdessen für die falsche Ersatzdroge entscheiden, für viele Jahre im Gefängnis.

Auch ein nennenswertes Nachahmungsrisiko besteht nicht. Eine Schweizer Studie zur Delinquenz von Konsumenten von Kinderpornografie kam zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Kinderpornografie alleine keinen Risikofaktor für spätere physische Sexualdelikte darstellt.

Natürlich ist es besser, wenn stattdessen Ersatzdrogen ohne negative Wirkungen verwendet werden, z.B. fiktive Kinderpornographie (Texte, Zeichnungen, Computeranimationen) oder kindlich aussehende Sexpuppen oder auch Alltagsfotos von Kindern (z.B. Modebilder, Portraits von Schauspielern etc.).

Wer das (noch) nicht schafft, dem sollte man in erster Linie helfen, es die Zukunft hinzubekommen. Der Grundsatz „Helfen statt strafen“ hat sich schließlich auch auf anderen Gebieten als nützlich erwiesen.

Keine Korrelation zwischen Kinderpornographie und sexuellem Missbrauch von Kindern

Dass Kinderpornographie und reale Missbrauchstaten gegen Kinder nicht miteinander korrelieren zeigt auch die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS).

Hier die offiziellen Fallzahlen der letzten 25 Jahre:

Wenn Kinderpornographie zu Kindesmissbrauch führen würde, müssten sich die Fallzahlen bei Kindesmissbrauch in den letzten 25 Jahren verdreißigfacht haben. Sie müssten dann über 470.000 liegen. Das tut sie aber nicht. Langfristig gesehen sind sie sogar um 15 Prozent zurückgegangen.

Eine positive Korrelation zwischen den beiden Tatbeständen im Sinne von mehr Kinderpornographie = mehr Kindesmissbrauch ist anhand der Fallzahlen überhaupt nicht erkennbar. Es ist deshalb aberwitzig sich von höheren Strafen für den Besitz oder die Verbreitung von Kinderpornographie einen Rückgang von Sexualdelikten gegen Kinder zu versprechen.

Handlungsbedarf wegen deutlich ansteigenden Fallzahlen

Die Zahlen bekanntgewordener Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung, des Besitzes und der Besitzverschaffung von Kinderpornographie sind deutlich gestiegen.

Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, die einschlägigen Straftatbestände zu ändern, damit sie ihre Schutzfunktion für Kinder besser entfalten können. Dafür bedarf es unter anderem einer deutlichen Verschärfung der Strafrahmen. Zugleich sind Maßnahmen notwendig, um eine effektivere Strafverfolgung zu erreichen. Die Anstrengungen dürfen sich aber nicht auf das Straf- und Strafprozessrecht beschränken.

Vor diesem Hintergrund verfolgt der Entwurf das Ziel, mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen, die insbesondere auch die Prävention betreffen, den Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt zu verbessern.

Die Statistik zu den Fallzahlen der PKS für den Zeitraum 1995 bis 2019 zeigt, dass es tatsächlich einen erheblichen Anstieg bei Verbreitung und Besitz von Kinderpornographie gibt. Für den sexuellen Missbrauch von Kindern gilt dies dagegen nicht. Langfristig betrachtet sind die Fallzahlen hier sogar rückläufig.

Die Fallzahlen entsprechen aber nicht den Taten. Gerade in Hinblick auf Kindesmissbrauch gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die „Dunkelziffer“ aufgrund einer viel höheren Anzeigebereitschaft und gesteigerter gesellschaftlicher Sensibilität in den letzten drei Jahrzehnten deutlich abgenommen hat. Der Rückgang der Taten ist also mutmaßlich noch deutlich größer als der Rückgang der Fallzahlen im Hellfeld suggeriert.

Einen Handlungsbedarf im Sinne von „die Fallzahlen steigen, wir müssen die Gesetze verschärfen“ gibt es im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern also gar nicht.

Die fehlende Korrelation der Kinderpornographiedelikte und der Fälle sexuellen Missbrauchs zeigt, dass die Strafbarkeit des Besitzes von Kinderpornographie nichts zum Schutz von Kindern vor sexuellen Übergriffen beiträgt. Man kann deshalb aus einem Anstieg der Fallzahlen in diesem Bereich keinen Handlungsbedarf zum Schutz der Kinder vor sexuellen Übergriffen ableiten.

„Markt“ für kinderpornographische Inhalte

Einen „Markt“ kinderpornographischer Inhalte, der aufgrund der „Nachfrage“ zu Kindesmissbrauch führt, gibt es genauso wenig wie es den lange postulierten Milliardenmarkt einer Kinderpornoindustrie je gegeben hat.

Tatsächlich dürfte es nur es extrem wenige Fälle geben, bei denen Kinder missbraucht werden, um Bildaufnahmen davon zu machen und sie zu veröffentlichen. Umgekehrt gibt es aber sicherlich Fälle, bei denen Kinder missbraucht werden und zusätzlich Bildaufnahmen gemacht werden. Die Herstellung kann dabei mit oder ohne Verbreitungsabsicht geschehen.

Gegen eine Verbreitungsabsicht spricht, dass die Bilder fast zwangsläufig irgendwann auch bei Ermittlungsbehörden landen dürften. Die Kinder oder der Tatort sind dann häufig identifizierbar. Jede Veröffentlichung erhöht für den Täter das Entdeckungsrisiko beträchtlich. Da es keinen relevanten Bezahlmarkt für kinderpornographische Inhalte gibt, scheidet auch ein finanzielles Motiv in aller Regel aus. Warum kommt es dann trotzdem zur Veröffentlichung von solchem Material?

In der Regel dürfte das Motiv Geltungssucht sein. Wer solches Material verbreitet, fühlt sich mutmaßlich bestätigt, wenn jemand seine Missbrauchsdateien herunterlädt. Wenn eine Datei dann 1.000 mal heruntergeladen wird, wie groß ist dann der Anteil einer der 1.000 Personen am erfolgten Missbrauch oder am zukünftigen Missbrauch?

Er dürfte nahe null liegen. Und das nicht, weil der Anteil an der Befriedigung der Geltungssucht bei einem Tausendstel liegt, sondern weil nur das Verbreiten, nicht aber der Missbrauch selbst Folge der vom „Markt“ befriedigten Geltungssucht ist.

Der Besitzer hat also typischerweise keinen Anteil am Missbrauch selbst. Er hat aber Anteil an der Verbreitung, die ein Kind ebenfalls bzw. zusätzlich belasten kann. Diese Belastung ist der wesentliche Grund, weshalb ich Kinderpornographie (mit realen Kindern) für verwerflich halte und der Meinung bin, dass sie zu Recht verboten ist.

Möglicherweise reduziert die Verfügbarkeit von kinderpornographischen Inhalten die Anzahl der Übergriffe allerdings sogar. Entsprechende Effekte werden in Hinblick auf die Legalisierung von Erwachsenenpornographie und den parallel beobachteten Rückgang von Vergewaltigungsdelikten vermutet. Es erscheint nicht plausibel, im Fall von Kindern eine andere Wirkweise anzunehmen. Der Zugang zu Pornographie kann Konsumenten eine weniger schädliche Alternative zu übergriffigem Verhalten bieten.

Dies spricht aufgrund des gebotenen Schutzes der Persönlichkeitsrechte von Kindern zwar nicht für eine Legalisierung von kinderpornographischem Material insgesamt, wohl aber für die Legalisierung von Herstellung, Verbreitung, Import etc. von fiktiven kinderpornographischen Materialien (Texten Zeichnungen, Computeranimationen).

Was ist das angemessene Strafmaß?

Wenn man über das angemessene Strafmaß für den Besitz realer Kinderpornographie nachdenkt und den Unrechtsgehalt an der Verletzung der Persönlichkeitsrechte des dargestellten Kindes festmacht, hilft ein Blick auf § 201a – Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen:

§ 201a Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen

(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1. von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt eine Bildaufnahme herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt,

2. eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt,

3. eine durch eine Tat nach den Nummern 1 oder 2 hergestellte Bildaufnahme gebraucht oder einer dritten Person zugänglich macht oder

4. eine befugt hergestellte Bildaufnahme der in den Nummern 1 oder 2 bezeichneten Art wissentlich unbefugt einer dritten Person zugänglich macht und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt.

(2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt von einer anderen Person eine Bildaufnahme, die geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden, einer dritten Person zugänglich macht.

(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine Bildaufnahme, die die Nacktheit einer anderen Person unter achtzehn Jahren zum Gegenstand hat,

1. herstellt oder anbietet, um sie einer dritten Person gegen Entgelt zu verschaffen, oder

2. sich oder einer dritten Person gegen Entgelt verschafft.

(4) Absatz 1 Nummer 2, auch in Verbindung mit Absatz 1 Nummer 3 oder Nummer 4, Absatz 2 und 3 gelten nicht für Handlungen, die in Wahrnehmung überwiegender berechtigter Interessen erfolgen, namentlich der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dienen.

(5) Die Bildträger sowie Bildaufnahmegeräte oder andere technische Mittel, die der Täter oder Teilnehmer verwendet hat, können eingezogen werden. § 74a ist anzuwenden.

Strafbar ist hier stets nur das Herstellen, Übertragen, einer dritten Person zugänglich machen, nicht aber der Besitz.

Hiervon ausgenommen ist lediglich, eine Aufnahme, die die Nacktheit einer anderen Person unter achtzehn Jahren zum Gegenstand hat, sich oder einer dritten Person gegen Entgelt zu verschaffen. Diese Tat wird mit einer Strafe von zwei Jahren oder mit Geldstrafe bedroht.

Auf Kinderpornographie übertragen wäre aus Gründen der Verhältnismäßigkeit ein etwas höherer Strafrahmen gerechtfertigt, da das Intimitätsniveau sexueller Handlungen über dem von bloßer Nacktheit liegt.

Als Lösung bietet es sich an, für den Fall der Besitzverschaffung gegen Entgelt beim bisherigen Strafrahmen von bis zu 3 Jahren zu bleiben. Eine sinnvolle Änderung könnte also sein:

Aktuell:

§ 184b – Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften

(3) Wer es unternimmt, sich den Besitz an einer kinderpornographischen Schrift, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergibt, zu verschaffen, oder wer eine solche Schrift besitzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Neu:

§ 184b – Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften

(3) Wer es unternimmt, sich oder einem Dritten den Besitz an einer kinderpornographischen Schrift, die ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergibt, gegen Entgelt zu verschaffen, oder wer eine solche Schrift besitzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

In allen anderen Fällen des Besitzes scheint es ausreichend, eine Ordnungswidrigkeit zu definieren, die den Einzug des betroffenen Materials ermöglicht und darüber hinaus über die Androhung einer Geldstrafe eine gewisse Abschreckungswirkung erzielt.

Eine entsprechende Reform hätte natürlich auch zur Folge, dass die Anzahl der Fälle in der Kriminalstatistik deutlich sinken würde. Vielleicht ebnet das dann ja den Weg für die nächste Reform, in der man dann lesen darf:

Die Zahlen bekanntgewordener Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung, des Besitzes und der Besitzverschaffung von Kinderpornographie sind deutlich gesunken.

Vor diesem Hintergrund bedarf es einer deutlichen Absenkung der Strafrahmen.

Wer das absurd findet, dem sei gesagt:

Natürlich ist es absurd.

Es ist ganz genauso absurd wie es absurd ist, einen Anstieg von Fallzahlen als Begründung für eine Anhebung des Strafrahmens anzuführen, nachdem man zuvor 30 Jahre lang in schöner Regelmäßigkeit „Schutzlücken“ geschlossen hat und mit neuen und erweiterten Tatbeständen alles dafür getan hat, die Fallzahlen immer weiter nach oben zu treiben.

Hilfe für Nicht-Täter: Pädophile brauchen eine legale Möglichkeit der Triebabfuhr

Ich habe mich entschieden etwas Neues auszuprobieren und eine Petition zu starten. Ich hoffe ich habe die richtigen Worte gefunden, um auch Nicht-Betroffenen zu ermöglichen die Petition zu zeichnen, ohne deshalb „in Verdacht“ zu geraten.

Unterzeichnen kann man die Petition hier.


Hilfe für Nicht-Täter: Pädophile brauchen eine legale Möglichkeit der Triebabfuhr

Strafbarkeit des Besitzes virtueller Kinderpornographie (Texte, Bilder, Zeichnungen) abschaffen!

Ich bin pädophil, bzw. homo-hebephil. Ich fühle mich zu Jungen im Alter von 10-14 Jahren hingezogen. Ich lebe mit meiner Neigung nun schon einige Jahrzehnte und bin nicht straffällig geworden.

Es gibt in Deutschland schätzungsweise 250.000 pädophile Männer. Die allermeisten von Ihnen leben verantwortungsvoll und werden nie einem Kind gegenüber übergriffig.

Ich habe mir meine Neigung nicht ausgesucht. Das Leben mit einer pädophilen Neigung ist nicht einfach, ich kann Ihnen aber versichern, dass Pädophilie einen nicht böse macht und einen auch nicht dazu zwingt, böse Taten zu begehen. Ein Hetero-Mann wird ja (selbst wenn er längere Zeit keinen Sexualpartner findet und deshalb abstinent ist) auch nicht automatisch zum Frauenvergewaltiger.

Langfristig gesehen sind die Hauptbelastungen

  • der tiefe Schmerz und die Trauer, nie die Erfüllung der Grundbedürfnisse durch intimen Körperkontakt, durch Hautkontakt, erleben zu können und
  • die Isolation und Verachtung durch die Gesellschaft, die aktuell ganz besonders schlimm und intensiv ist.

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich ihren Hass für Missbrauchstäter (zu ca. 90% nicht-pädophile Ersatztäter) aufheben. So ist es aber leider nicht. In einer anonymen Umfrage plädierten 49% der Befragten für eine präventive Inhaftierung von Nicht-Tätern mit sexuellem Interesse an Kindern, 27% wünschten diesen den Tod.

Niemand darf einem anderen durch das Ausleben seiner Sexualität schaden. Wer pädophil ist, muss mit seiner Sexualität verantwortungsvoll umgehen. Die Neigung verschwindet aber nicht, indem man sie unterdrückt. Was man unterdrückt wird mit der Zeit schwer beherrschbar. Für einen verantwortungsvollen Umgang kommt es aber gerade auf Kontrolle an. Das ist auch im Interesse von Kinderschutz und Prävention.

Der Psychologe Prof. Dr. Jorge Ponseti vom Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ äußerte sich vor kurzem im Welt-Artikel „Pädophile Männer brauchen eine legale Möglichkeit zur Triebabfuhr“ wie folgt:

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„Es ist in keiner Form akzeptabel, wenn Kinder missbraucht werden“, sagt der Kieler Sexualwissenschaftler Jorge Ponseti. „Aber inzwischen sind auch computeranimierte Filme und Bilder mit Strafen bewehrt. Das muss sich ändern. Pädophile Männer brauchen eine legale Möglichkeit zur Triebabfuhr, das geht sonst schief.“

Der Sexualwissenschaftler Jorge Ponseti, der bereits Dutzende pädophiler Männer behandelt hat, hält das für ein moralisches Fehlurteil der Juristen. Es mache die Situation für Kinder eher bedrohlicher als besser. „Viele Pädophile nutzen die Pornografie, um mit ihren Trieben besser umzugehen, sie hilft ihnen, die Finger von Kindern zu lassen. Wenn die Kinder in den Missbrauchsdarstellungen gar keine echten Kinder sind, dann ist dieses Verhalten ethisch nicht verabscheuungswürdig, sondern verantwortungsvoll.

„Diese Männer mit diesen Neigungen sind da, mitten unter uns, sie verschwinden nicht, nur weil wir sie immer strenger sanktionieren“, sagt der Kieler Sexualforscher Ponseti. „Sinnvolle Prävention können wir erst machen, wenn wir unser Sanktionsbedürfnis wieder etwas bremsen. Dort, wo es sinnvolle Maßnahmen verhindert.

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Verbote im Bereich virtueller Kinderpornographie (Texte, Zeichnungen, Computeranimationen) gehen zu weit. Ein Text oder eine Zeichnung schadet niemandem. Es wird damit kein Kind sexuell ausgebeutet.

Ich blättere gerne in der Wikipedia und bin dort vor einiger Zeit über den Artikel „Billigkeit“ gestolpert. Im Abschnitt zur Bedeutungsgeschichte heißt es: „Bereits 1837 galt: „Wer nicht zum Nachteile anderer seinen Vorteil sucht und wer überhaupt nichts will, wodurch andere in ihren Rechten verletzt oder auf andere Weise eingeschränkt werden könnten, handelt billig oder gerecht“.“

Sexualität wird neben der Nahrungsaufnahme, Schlaf und dem Erhalt der körperlichen Unversehrtheit zu den psychologischen Grundbedürfnissen gezählt, deren Befriedigung das erste Ziel eines jeden Menschen ist.

Natürlich bin ich für mein Handeln verantwortlich, insbesondere dafür niemand anderem zu schaden. Es ist mir aber nicht ersichtlich, wie einem anderen durch meinen Besitz einer Zeichnung ein Nachteil entstehen könnte, andere dadurch in ihren Rechten verletzt oder auf andere Weise eingeschränkt werden könnten.

Etwas, das nach allgemeinen Maßstäben als „billig oder gerecht“ angesehen werden müsste, kann eigentlich nicht rechtmäßig mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren bedroht sein.

Ich meine auch, dass aufgrund der Unmöglichkeit realer sexueller Kontakte mit diesem Verzichtzwang Unzumutbares von Betroffenen verlangt wird.

Deshalb fordere ich Jusitzizminsterin Christine Lambrecht und den Deutschen Bundestag auf:

Schaffen Sie die Strafbarkeit des Besitzes virtueller Kinderpornographie (Texte, Bilder, Zeichnungen) ab.

Definitiv Päderast

Als ich ein Junge war, wusste ich bereits, was ich fühle, hatte aber keinen Namen dafür.

Ich habe dann einfach den Hauptartikel zum Thema Sexualität in unserem Lexikon nachgeschlagen und bin den Querverweisen gefolgt. Ich bin mir leider nicht mehr ganz sicher, wie alt ich damals war. Vielleicht 12. Vielleicht auch bereits 14.

Im DTV Lexikon von 1982 hätte ich den folgenden Eintrag zur Päderastie finden können:

Päderastie [grch.], erotisch-sexuelle Beziehungen männl. Erwachsener zu Jugendlichen gleichen Geschlechts; Form homosexuellen Verhaltens.

Das ist doch etwas sehr dürftig. Zum Glück hatten wir zu Hause die Ausgabe von 1973. Die Stellen, die mir damals besonders relevant erschienen, habe ich hervorgehoben.

Päderastie [grch. >Knabenliebe<], die; die gleichgeschlechtliche Beziehung von älteren zu jüngeren Männern oder Knaben (→ Homosexualität).

Erhaltene Gesetzte beweisen, dass es gleichgeschlechtliche Verhältnisse zwischen Männern bei allen Völkern des Vorderen Orients gab. So wird im assyrischen Gesetzbuch der geschlechtl. Verkehr zwischen Männern mit Strafe bedroht; während bei den Hethitern anscheinend nur der Verkehr des Vaters mit dem Sohn verboten war. Im alten Iran wurde die P. von Zoroaster und der zoroastrischen Priesterschaft verfolgt und bekämpft.

Der strenge Standpunkt des A.T. erhellt aus 1. Mos, 19, 1-29; 3. Mos., 18, 22 und 20, 13; der des jüd. Gesetzes aus Sanhedrin VII, 4. In der christl. Kirche setzte sich die alttestamentl. Anschauung, unterstützt von Äußerungen des Paulus (Rom. 1, 26-27, 1. Kor. 6, 9-10), durch.

Über die P. Im Aten Orient wissen wir nur, dass es Kinäden (Tänzer) gab, die auch in gewissen Götterkulten auftraten und deren Namen geradezu gleichbedeutend mit pathicus (passiver Päderast) wurde.

Bedeutend mehr ist über die P. In der griech.-röm. Antike bekannt. Im alten Griechenland fand die Knabenliebe öffentl. Duldung und Förderung, ja Heiligung. Am ausgeprägtesten war sie bei den Doreren, wo sie mit dem Rittertum und der Organisation der Gesellschaft verknüpft war, Ethisches und sinnliches Moment standen gleichberechtigt nebeneinander. Auf Kreta pflegte der Liebhaber den Knaben mit Duldung der Familie zu rauben, um ihn zwei Monate lang in den ritterl. Künsten zu unterweisen; keinen Liebhaber zu haben galt als Schande. In Sparta war der Liebhaber der gesetzl. Vormund des Knaben. Auf der Insel Thera gefundene Felsinschriften beweisen, dass die sinnliche Knabenliebe gerade in den besten Kreisen sich in aller Öffentlichkeit vollzog, In Attika war die Knabenliebe mit Palästra und Gymnasium verbunden; Vasenbilder schildern das Liebeswerben der Männer um die Knaben, und nur die gewerbsmäßige Unzucht galt als schimpflich.

Die Römer übernahmen die gleichgeschl. Liebe teils von den Etruskern, teils von den Griechen. Gegenstand der Liebe war bei ihnen jedoch meist ein Sklave. Seit Justinian setzte sich aber die jüd. und christl. Auffassung von der Knabenliebe auch in der Gesetzgebung durch und behaftete die P. mit einem Makel.

Die hellenist. Überlieferung setzte sich im mittelalterl. und neueren Orient bis in die neueste Zeit fort. Trotz der Polemik der Geistlichkeit, die sich auf die in den Koran aufgenommene Lotgeschichte berief, pflogen nach dem Eindringen der Araber in die hellenist. Welt alle Stände der P. Ihr war auch die Lyrik, vor allem die pers. und türk. gewidmet (Attar, Iraki, Hafis). Gegenstand dieser Liebe waren neben freien Knaben und Jünglingen hauptsächl. die wegen ihrer Schönheit bekannten Sklaven osttürk. Herkunft. In Turkestan sind die Tänze der Tanzknaben, die von Liebhabern angeschwärmt werden, eine weitverbreitete Volksbelustigung. Die islam. Mystiker betrachten vielfach die Schönheit des Knaben oder Jünglings als Abglanz der Schönheit Gottes.

Das passte! In dieser Lexikon-Definition habe ich das, was ich fühlte, eindeutig wiedererkannt.

Daran, jemanden zu lieben, ist nichts schändlich. Das war mir schon damals völlig klar. Die abfällige Meinung des Christentums hat mich nicht sonderlich interessiert, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass Religion in meinem Elternhaus keine große Rolle spielte. Mein sehr religiöser Großvater war diesbezüglich eher ein abschreckendes Beispiel.

Nachdem ich den Lexikoneintrag gelesen hatte, war jedenfalls alles klar. Er hatte meine Frage zufriedenstellend beantwortet und die Antwort war für mich undramatisch. Ich konnte gut damit leben.

Die Schmerzen kamen erst später. Einerseits die Tantalosqualen des unglücklich Verliebten, der seinen unerreichbaren Traumjungen aus der Ferne anschmachtet. Andererseits das volle Bewusstsein der Verachtung der Gesellschaft. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich ja auch durchaus schon erzählt habe. Es handelt sich ja leider um ein Dauerthema.

Auch wenn es nach der ersten seelischen Erschütterung besser wird, bleibt die Verachtung und Stigmatisierung ein andauernder Druck, der auf die Seele eine ähnliche Wirkung hat, wie die ständige Belastung durch Bettlägrigkeit auf die Haut. Wenn man sich nicht darum kümmert, führt sie zum Wundliegen bzw. dazu, dass sich ein Druckgeschwür entwickelt. Das hört sich vielleicht immer noch eher harmlos an, aber das vergeht, wenn man „Dekubitus“ googelt und die Bildersuche bemüht.

Man behandelt den Druck am besten, durch Kontakt mit anderen Betroffenen z.B. in Selbsthilfeforen oder indem man sich im Abglanz der Schönheit Gottes sonnt. Ein besonderes Bild oder nettes Video kann manchmal schon ein wenig helfen. Aber ein Pädo blüht so wirklich auf, wenn er soziale Nähe zu Jungs erleben darf (bzw. zu Mädchen, wenn das die Geschlechtspräferenz ist). Das, was man gemeinhin unter Sexualität verbucht, ist keineswegs das Wichtigste.

Ich identifiziere mich auch heute noch mit der Idee der Päderastie. Sie beschreibt das Ideal des sinnlich begehrten Jungen, dem man heute ein Mentor ist und morgen ein lebenslanger Freund wird. In ihr verbinden sich Liebe und Verantwortung für einen jungen Menschen in einer für mich natürlichen Weise.

Im Grunde kann man sexuelle Anziehung nicht erklären. Irgendwann bemerkt man, dass sie da ist und sie hat dann etwas magnetisches. Dann dreht man sich um, um jemanden anzuschauen, den man normalerweise nicht weiter beachten würde. Für jemanden wie mich sind Jungen die schönsten Wesen der Welt.

Schönheit ist in gewisser Weise ultimativ subjektiv, es gibt aber auch einen für Menschen quasi allgemeingültigen Anteil. Es gibt gewisse Naturerlebnisse, die eigentlich jeder schön findet. Ein besonders beeindruckender Berg, ein malerischer See, Meeresbrandung auf Felsen, ein Sonnenuntergang oder die Zweige eines Baumes.

Ein Muster, dass eigentlich alle Menschen anspricht ist das Kindchenschema, also kindliche Proportionen, vor allem auch bestimmte Gesichtszüge, die als Schlüsselreiz wirken und Brutpflegeverhalten auslösen. Wer diese Züge aufweist wird für niedlich und oft auch schön gehalten. Brutpflege hat offensichtlich etwas Erfüllendes. Es gibt viele Haustierrassen, bei denen man den adulten Tieren jungtierhafte Züge angezüchtet hat. Und das betrifft oft nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch das Verhalten, etwa einen ausgeprägten Spieltrieb.

Das für mich interessante Alter liegt bei ca. 10 bis 14 Jahren. Auch etwas jüngere Jungen finde ich bereits schön, aber noch nicht sexuell anziehend. Im unteren Bereich meiner Altersrange finde ich Jungen niedlicher und süßer. In diesem Bereich dominiert der Wunsch, die Jungen zu beschützen. Im oberen Bereich finde ich sie vor allem sexy. Der Wunsch den Jungen zu beschützen verschwindet nicht, aber das Begehren tritt in den Vordergrund. Wenn die Pubertät dann den optischen Sprung in Richtung Mann vollzieht, ist der Junge für mich auf einmal verwelkt. Jedenfalls äußerlich. Ein geliebter Mensch bleibt wichtig aber die Schönheit ist dahin und die Liebe ist anders als zuvor.

Innerhalb der für mich interessanten Altersgruppe tritt das sexuelle Begehren nie allein auf. Es gibt immer auch einen gewissen Anteil „Brutpflegeverhalten“. Die Anteile verschieben je nach Alter eines Jungen etwas, sie sind aber beide immer vorhanden. Und weil beides stets zusammenfällt, entspricht für mich das „natürliche Streben“ meiner sexuellen Ausrichtung dem Ideal der griechischen Päderastie, also dem eines Mentorenverhältnis, von dem ich mir wünsche, dass es sich nach dem Ausklingen des sinnlich-sexuellen Anteils in eine lebenslange Freundschaft wandelt.

Für Kinderschützer ist Päderastie dagegen ein rotes Tuch. Nicht nur weil sie eine positive Deutung und die Möglichkeit von Einvernehmlichkeit nahelegt bzw. zulässt. Es ist auch noch gerade die Ungleichheit der Beteiligten, die aus der Sicht heutiger Kinderschützer jeden Kontakt zu Gewalt macht, die den ethisch-sittlichen Wert der Päderastie stiftet. Ein Mentorenverhältnis unter Gleichen wäre nicht möglich. Päderastie wird deshalb oft wahlweise verleugnet und als Homosexualität umgedeutet oder als institutionalisierte Vergewaltigung hingestellt.

In Grunde ist es aber wie bei jeder Liebe. Derjenige, der geliebt wird, wird für den Liebenden zum wichtigsten Menschen der Welt. Er bekommt Aufmerksamkeit, Zuneigung, Liebe, Interesse, Zärtlichkeit, Verständnis, Hilfe, Unterstützung und Gemeinschaft.

Welchen Wert hat das?

Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer glaubt, dass es einen ganz wichtigen prognostischen Faktor gibt, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird:

„One caring person“. Das ist eine Person, idealerweise eine erwachsene, bei der das Kind das Gefühl hat, dieser Mensch interessiert sich für mich, diesem Menschen bin ich wirklich ein Anliegen. Das kann ein Elternteil sein oder ein Großelternteil, das kann jemand in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft sein, eine Tante oder ein Onkel. Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist.

Paulus Hochgatterer möchte das vermutlich nicht hören, aber es ist auch egal, ob der Erwachsene pädophil ist.

Egal wie skandalös man das finden mag: wer liebt und sich kümmert, ist gut genug.

Staatsfeind Nr. 1

Für die Politik, viele Medienhäuser und prominente Meinungsführer sind Pädophile heute Staatsfeind Nr. 1.

Pädophilie wird immer wieder, aktuell aber ganz besonders massiv mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt. Damit wird jeder Pädophile kriminalisiert. Bei der Berichterstattung über Missbrauchsfälle ist dann von Pädophilen-Netzwerken, Pädophilen-Ringen oder Pädophilie-Fällen die Rede. Von Menschen, die sich „der Pädophilie schuldig“ gemacht haben. Bei Kinderpornos wird von Pädophilenseiten gesprochen. Eine kleine Sammlung entsprechender Beispiele findet man regelmäßig in den „Sonntagskisten“ des Blogs „Kinder im Herzen“, z.B. „Sirius‘ Sonntagskiste #33: Das Nachbeben von Münster“ .

Ausgangspunkt und „Superspreader“ des Hasses sind meiner Einschätzung nach vor allem Menschen, die sich als Kinderschützer darstellen. Sie werden als Experten wahrgenommen und jemandem, der sich für Opfer einsetzt wird schon aus moralischen Gründen kaum widersprochen. Man will nicht auf der falschen Seite stehen. Und die Experten, die besonders nah an den Opfern dran sind und das Thema zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, müssen ja wissen wovon sie reden. Also wird geglaubt, übernommen und weiter verbreitet.

Kinderfolter

Ursula Enders, Mitbegründerin und Leiterin des Vereins Zartbitter, etwa hält im Gespräch mit der Aachener Zeitung die Konzentration auf die sexuelle Orientierung für irreführend: Es gehe nicht um das Ausleben sexueller Fantasien einzelner Täter, wie es der aus ihrer Sicht verharmlosende Begriff der Pädophilie suggeriere. „Der Begriff blendet aus, dass es um schlimmste Formen der Unterwerfung und Folter geht. Die Täter handeln mit Kindern und den Videos der Taten. Wir haben es hier mit organisiertem Verbrechen im eigentlichen Sinne zu tun.“

Das ist extrem manipulativ. Der gedankliche Anker, den Frau Enders setzt ist, dass Pädophile ihre sexuellen Fantasien ausleben. Das aber ist bereits falsch. Pädophilie beschreibt kein Ausleben, sondern eine sexuelle Ansprechbarkeit. Die meisten Pädophilen leben ihre Neigung nicht aus.

Das von Frau Enders gezeichnete und damit geweckte aber auch sofort wieder verworfene Bild des sich auf Kosten von Kindern auslebenden Pädophilen gleicht bereits der Karikatur eines Juden im Stürmer. Angeblich sei das aber bereits eine Verharmlosung. In Wirklichkeit gehe es bei Pädophilie Fr. Enders zufolge um schlimmste Formen der Unterwerfung und Folter. Um dann auch noch mit Bilder der Taten zu handeln. Und mit den Kindern selbst.

Mich erinnert das an die Kindermord-Verwürfe, die im Mittelalter verwendet wurden, um zu Haß und Übergriffen gegen Juden anzustacheln.

Tatgeneigte

Sarah Allard vom Verein Behandlungsinitiative Opferschutz (Bios) erklärt:

Bei Bios werden diese Betroffenen, die Phantasien haben, sie aber nicht aktiv ausleben möchten, „Tatgeneigte“ genannt.

Eigentlich sollte man ja meinen, dass Personen, die ihre Phantasien gerade nicht durch eine Tat aktiv ausleben möchten, „Tatabgeneigte“ genannt werden müssten.

Bei den Kinderschützern von BIOS wird das ins Gegenteil verkehrt. Pädophile werden dort als explosionsgeneigte, Kinderseelen zerfetzende Handgranaten dargestellt, von denen die völlige Unterdrückung jeglicher Sexualität verlangt wird, nicht nur von Handlungen, sondern auch von Gedanken. Aus einem Gespräch mit dem Nachrichtenportal watson:

In absoluten Härtefällen sagen wir, wenn es gar nicht anders geht, dann spiel‘ es in Gedanken durch, nur in Gedanken und nur selten. Das ist die allerletzte Option. Das ist auch nicht gut, weil es Glücksgefühle mit Kindesmissbrauch verknüpft. Man muss es dann aber leider in Kauf nehmen.

Meister der Manipulation und Täuschung

Ein beliebtes Motiv ist auch die Darstellung des Pädophilen als Meister der Manipulation und Täuschung.

Der unabhängiger Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, äußerte gegenüber der Welt zum Missbrauchsfall von Münster:

Oft fehlen für sexuelle Gewalt erkennbare Indizien. Kinder und auch Mitwissende aus dem sozialen Umfeld stehen oft unter einem enormen Schweigedruck. Missbrauchstäter sind Meister der Täuschung. Ihre perfiden Strategien sind voll darauf ausgerichtet, ihr Umfeld zu verwirren, um unentdeckt zu bleiben.

Auch wenn Rörig hier von Missbrauchstätern spricht, wird deutlich, dass Pädophile mindestens mitgemeint sind.

Die Darstellung hat natürlich den Vorteil, dass man damit a priori alles entwertet, was ein Pädophiler möglicherweise sagen könnte, ohne sich mit dem Gesagten auch nur beschäftigen zu müssen. Je überzeugender das Argument, desto mehr bestätigt sich damit ja die unterstellte Meisterschaft. Einem Pädophilen zu glauben wird unmöglich.

Seelenmord

Der von Menschen, die als Kinderschützer auftreten, erfundene Topos von Kindesmissbrauch als Seelenmord ist längst auch die Politik angekommen.

Z.B. der Innenminister von NRW, Herbert Reul, hat sich dieser Sichtweise angeschlossen („Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch“). Reul schlug auf der Innenministerkonferenz daher vor, dass schwerer sexueller Missbrauch von Kindern hinsichtlich der Schwere des Delikts künftig wie Totschlag eingestuft werden soll.

Die Beschlüsse dieser Innenministerkonferenz sind inzwischen veröffentlicht. Punkt 3 des TOP 23 lautet:

Die IMK ist der Auffassung, dass Taten im Sinne der §§ 176a, 176b StGB (Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und sexueller Missbrauch von Kindern mit Todesfolge) eine hohe kriminelle Energie sowie eine kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung zugrunde liegt, die im Unrechtsgehalt mit einem Tötungsdelikt im Sinne des § 212 StGB vergleichbar ist. Aus diesem Grund fordert sie eine Anpassung der strafprozessualen Regelungen, indem §§ 176a, 176b StGB als absoluter Haftgrund in die Strafprozessordnung (§ 112 Absatz 3 StPO) aufgenommen werden.

Eine Untersuchungshaft des Beschuldigten wäre dann allein durch die Schwere der Tat gerechtfertigt. Der üblichen Haftgründe für Untersuchungshaft (Flucht, Fluchtgefahr, Verdunkelungsgefahr) bedarf es dann nicht mehr. Es wird auch kein dringender Tatverdacht benötigt. Ein begründeter Tatverdacht reicht. Die Untersuchungshaft darf in der Regel höchstens sechs Monate dauern, kann aber verlängert werden. Bisher am längsten waren Fritz Teufel (fünf Jahre) sowie Ralf Wohlleben (sechs Jahre und acht Monate) in Untersuchungshaft.

Bei angeblich ähnlichem Unrechtsgehalt sollte man auch ein ähnliches Strafmaß erwarten. Schaut man in § 212, so findet man eine Mindeststrafe von nicht unter fünf Jahren vor. In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.

Das deutet für mich darauf hin, dass der Hinweis auf Missbrauch von Kindern mit Todesfolge ein Ablenkungsmanöver darstellt. Natürlich wird jeder einen Missbrauch von Kindern mit Todesfolge mindestens einem Totschlag gleichstellen. Die Forderung der Innenministerkonferenz erscheint da nun wirklich nicht unbillig..

Schaut man in § 176b (Sexueller Mißbrauch von Kindern mit Todesfolge) stellt man allerdings fest, dass die Tat dort mit lebenslanger Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren belegt ist. Also eine höhere Mindeststrafe als beim § 212, dem man angeblich nacheifern will, und die Möglichkeit einer lebenslangen Freiheitsstrafe, ohne dass es dafür eines besonders schweren Falles bedarf.

Niemand wird ernsthaft vermuten, dass die Innenminsterkonferenz den Strafrahmen für Missbrauch von Kindern mit Todesfolge absenken will. Dass ein Fall mit Todesfolge erwähnt wird, ist also Verpackung oder, weniger vornehm ausgedrückt, pure Propaganda.

Durch die Verwendung der Begrifflichkeiten „mit Todesfolge“ und „Tötungsdelkt“ wird eine auf Anhieb plausible, aber in Wirklichkeit unangemessene Gleichsetzung von „schwerem sexuellem Missbrauch“ mit Totschlag konstruiert. Hätte man sich im Beschluss auf § 176b beschränkt, wäre nichts zu beanstanden. Um diesen ging es aber eigentlich gar nicht, zumal es sich um ein extrem seltenes Delikt handelt. In den letzten 10 Jahren (2010 bis 2019) gab es lt. Polizeilicher Kriminalstatistik insgesamt 2 Fälle.

Tatsächlich ging den Innenministern um den § 176a StGB. Man liest „Todesfolge“ und „Tötungsdelikt“ und denkt sich „richtig so!“. Über den eigentlichen Inhalt wurde man damit aber getäuscht.

„Schwerer sexueller Missbrauch“ – ein Etikettenschwindel

Der in der Praxis relevante Fall, für den die Haftgründe entfallen sollen und bei dem auch das Strafmaß erhöht werden soll, ist der schwere Missbrauch von Kindern (§ 176a StGB).

Da ein Missbrauch ohnehin zu Mord an der Kinderseele stilisiert wird, bedarf ein schwerer Kinderseelenmord natürlich einer besonders klaren Antwort des Rechtsstaats. Auch hier gibt es aber einen hohen Verpackungsanteil.

Ein unbefangener Bürger stellt sich unter „schwerem Kindesmissbrauch“ krasse Fälle vor. Das Höchstmaß in der aktuellen Fassung ist 15 Jahre Freiheitsstrafe. Lt. Absatz 5 ist die Mindeststrafe, wenn ein Kind körperlich schwer misshandelt oder durch die Tat in die Gefahr des Todes gerät, 5 Jahre. Die Mindeststrafe in den schweren Fällen von schwerem Kindesmissbrauch liegt also schon jetzt auf dem Level des § 212. Die Höchststrafe ist zwar noch nicht lebenslänglich, aber 15 Jahre sind das nächsthöchste, was das Strafgesetzbuch hergibt.

Das Höchstmaß wird auch ausgeschöpft. Die Haupttäter im Missbrauchsfall von Staufen wurden zu 12 bzw. 12 ½ Jahren verurteilt, die Haupttäter im Missbrauchsfall von Lügde zu 12 bzw. 13 Jahren. Von den vier Verurteilten wurde für drei die anschließende Sicherheitsverwahrung angeordnet (nur bei der Mutter des Jungen im Missbrauchsfall von Staufen wurde hierauf verzichtet). Eine Erhöhung der Höchststrafe für die Fälle des Absatz 5, also die Möglichkeit eine lebenslange Haftstrafe zu verhängen, würde im Ergebnis nichts nennenswert ändern.

Die eigentlich relevante Änderung ist die Mindeststrafe für die Fälle jenseits des Absatz 5. Die beiden wichtigsten sind mit Absatz 1 der Wiederholungsfall des § 176 und mit Absatz 2, Punkt 1 die Vornahme sexueller Handlungen, die mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind, wenn der Täter über 18 Jahre alt ist.

Es geht beim „schweren sexuellen Missbrauch“ also nicht um Gewalt, Einschüchterung, Drohung, Nötigung, Erpressung oder ähnliches, sondern um einen Zungenkuss, einen Finger oder Gegenstand im Po, Oralsex, Analsex und Vaginalsex. Es kommt nicht darauf an, ob das Kind aktiv oder passiv beteiligt war. Es kommt auch nicht auf den Willen der Beteiligten an.

Wenn man über Mindeststrafen spricht, muss man sich grundsätzlich den Fall mit dem geringstmöglichen Unrechtsgehalt ansehen. Der Unrechtsgehalt ist etwas subjektiv, daher einfach mal zwei Angebote:

  • Ein 13-jähriger schwuler Junge spricht im Schwimmbad einen Mann an. Nach einiger Zeit ist klar, dass beide erregt sind. Der Junge forder den Mann auf, ihn in der Umkleide oral zu befriedigen. Der Mann kommt dem Wunsch nach.
  • Ein 18-jähriger und eine 13-jährige haben sich verliebt. Das Mädchen wird im nächsten Monat 14. Die beiden sind schon ein paar Monate zusammen. Es kommt zu einem Zungenkuss.

Für diese beiden Fälle soll künftig eine Mindeststrafe von 2 Jahren gelten, sowie ohne Vorliegen weiterer Haftgründe Untersuchungshaft bei begründetem Tatverdacht. Die Höchststrafe liegt dann bei 15 Jahren.

Auf das Beispiel eines Kusses zwischen einer 12-jährigen und einem Erwachsenen angesprochen reagierte CDU-Generalsektretät Ziemak ziemlich unwirsch. Er wolle nicht einzelne Beispiele durchgehen, weil das völlig an der Sache vorbeigehe.

Es ging bei der Frage übrigens um einen Kuss, nicht um einen Zungenkuss. Beim Kuss ist die Mindeststrafe wegen der Heraufstufung zum Verbrechen künftig 1 Jahr. Beim Zungenkuss 2 Jahre.

Hohe kriminelle Energie, sowie kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung

Dem schweren sexuellen Missbrauch liegt nach Auffassung der Innenministerkonferenz eine „hohe kriminelle Energie sowie eine kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung“ zugrunde. Ich habe versucht herauszufinden, was es mit dem Ausdruck „kriminelle Energie“ auf sich hat.

Eine besonders niedrige kriminelle Energie wird typischerweise unterstellt, wenn es einen Fall von „Täterverführung“ gab (nein, ich habe mir diesen Ausdruck nicht ausgedacht!). Das kann eine Verführung zur Tat durch einen V-Mann sein oder eine bewusste oder unbewusste Tatförderung durch das Opfer.

Hohe kriminelle Energie liegt vor, wenn es eine unerwünschte oder ausbleibende Verarbeitung kriminalrechtlicher Vorerfahrungen gibt, also etwa bei Wiederholungstätern. Hinzu kommen Formen intensiver Tatbegehungen.

Ansonsten ist der Begriff eine fast beliebig Verfügungsmasse bei der Straffindung. Ein Einbruch bei Nacht kann als Ausdruck besonderer Verschlagenheit hohe kriminelle Energie begründen. Ein Einbruch bei „helllichten Tag“ kann als besonders dreite Begehung zum selben Ergebnis führen. Im Grunde ist „hohe kriminelle Energie“ eine Leerformel.

Es bleibt also die „kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung“. Haben Pädophile die?

Ich zitiere aus „Herausforderung Pädophilie – Beratung, Selbsthlfe, Prävention“ von Claudia Schwarze (Leiterin der Psychotherapeutischen Fachambulanz in Nürnberg) und Dr. Gernot Hahn (Leiter der Forensischen Ambulanz im Klinikum Erlangen):

Wie wir schon erwähnt haben, ist nur ein geringer Teil der missbrauchenden Männer tatsächlich pädophil. FIEDLER (2004) nennt eine Zahl von circa 12-20%. Darunter sind sicher auch einige, die sich zuvor wenig Gedanken gemacht haben oder denen die Folgen für die Kinder nicht so wichtig sind. Aber der Großteil wird das Ziel gehabt haben, den Mädchen und Jungen, die sie so gerne haben, auf keinen Fall wehzutun. (Quelle: Seite 100)

(…)

Für viele pädophile Männer, die sexuelle Kontakte mit Kindern hatten, spielt die Überzeugung der Einvernehmlichkeit solcher Handlungen eine große Rolle. Die Einschätzung, dass es gleichberechtigte sexuelle Interessen und Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern „auf Augenhöhe“ geben kann, entspricht nach unserer Auffassung nicht der Realität. Es ist mehr Rechtfertigung vor sich selbst bzw. ein Ausdruck der Hoffnung und Sehnsucht, dass es eine nicht schädigende gemeinsame Sexualität geben kann. (Quelle: Seite 111)

Pädophile, auch solche, die gegen das geltende Gesetz zum Kindesmissbrauch verstoßen, wollen Kindern also typischerweise nicht schaden.

Dies zeigt auch ein Fallbeispiel, das in dem Buch beschrieben wird:

Thomas schätzte den Kontakt zu dem Jungen als normal und ungefährlich ein: „Der Junge hat sich total zu mir hingezogen gefühlt. Der wollte selbst Körperkontakt. Der hat mich immer voll umarmt. Bei dem ging das ja damals los mit der Sexualität. Der hat mich lauter so Sachen gefragt, sexuelle Sachen, wo er sich nicht auskannte. Ich hab ihm das halt erklärt, das hat ja sonst keiner gemacht. Und ich habe es ihm dann halt auch gezeigt, wie das geht, z.B. mit dem Onanieren. Der hat das ja voll gewollt, ich musste ihn doch nicht mal überreden. Wenn dem das nicht gefallen hätte, wäre er doch nicht immer wieder gekommen. Wenn der Angst oder so gehabt hätte, wäre er doch weggeblieben. Aber nein: Er kam immer wieder. Wir haben Playstation gespielt oder am PC. Wir hatten Sex und dann haben wir was unternommen, Freizeitpark und so.“ Thomas berichtete, dass er das Kind zu den sexuellen Handlungen nicht überreden musste. Er habe auch keine Gewalt angewandt, das hätte er niemals getan. Wenn es einmal so gewesen sein, dass der Junge keine Lust hatte, habe er das akzeptiert. Die sexuellen Kontakte hätten „auf Augenhöhe“ stattgefunden, gleichberechtigt.

So wie Thomas nehmen viele pädophile Männer ihre Straftaten wahr. In ihrer Wahrnehmung haben sich die Zärtlichkeiten und sexuellen Handlungen von beiden Seiten aus entwickelt. Weil sie sich mochten, gemeinsam Spaß hatten, hätten beide auch kuscheln wollen. Und wenn man sich an entsprechenden Stellen berührte, wäre da ein Kribbeln gewesen, bei beiden, das hätte ein Verlangen nach mehr ausgelöst. Sie sagen, der Sex war einvernehmlich, von beiden Seiten gewollt. (Quelle: Seite 112)

Man kann das für das Ergebnis einer Selbsttäuschung halten. Eine „kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung“ gibt diese aber nicht her. Ich halte es für ausgeschlossen, dass die Innenminster sich dessen nicht bewusst sind.

Da die überwiegende Anzahl der Missbrauchstaten nicht von pädophilen Personen, sondern von nicht-pädophilen Ersatztätern begangen wird, wird es in der Realität natürlich durchaus Fälle geben, bei denen eine „kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung“ vorkommt (in Einzelfällen auch bei pädophilen Tätern). Bei einem jedenfalls nicht unerheblichen Anteil der Täter (nämlich solchen, die zugleich die Eigenschaft „pädophil“ aufweisen) fehlt sie aber fast immer. Und wenn das so ist, kann man eine„kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung“ nicht zum konstituierenden Element aller Delikte des Straftatbestandes erklären.

Die „kinderfeindliche und menschenverachtende Gesinnung“ ist letztlich ein bewusste Lüge, die der Emotionalisierung und Skandalisierung dient.

Die Charakterisierung des Pädophilen, der Art wie er mit Kindern umgeht und wie er sie behandeln will aus dem Buch „Herausforderung Pädophilie“ (das von wirklichen Experten verfasst wurde) steht auch im krassesten möglichen Gegensatz zu der von Fr. Enders verbreiteten Folter- und Unterwerfungslegende.

Schwere Fälle als Anlass zur Erhöhung von Mindeststrafen

Eine Anhebung der Mindeststrafen wurde bereits auf der Innenministerkonferenz vom Juni 2019 gefordert, konnte aber koalitionsintern anscheinend nicht durchgesetzt werden. Die Durchsetzung gelang nun durch die gezielte Anheizung der Stimmung unter Ausnutzung eines besonders spektakulären Missbrauchsfalles (Münster).

Diese Vorgehensweise ist verwerflich, da man, wenn es um das Mindestmass geht, gerade Fälle mit besonders geringem Unrechtsgehalt anschauen muss und gerade nicht besonders schwere Fälle, die typischerweise zu einem Ruf nach einer Strafverschärfung führen. Die Instrumentalisierung von Münster zeigt meiner Einschätzung nach, dass hier verlogen argumentiert wird und es den handelnden Politikern lediglich um die maximale populistische Wirkung ging.

Faktencheck Missbrauchsfolgen

In diesem Sinne muss man auch Herbert Reul interpretieren, wenn er Missbrauch mit Mord gleichsetzt („Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch“).

Die Realität ist nämlich eine andere. Und das weiß vermutlich auch Herr Reul sehr genau.

Zwei Zitate als Faktencheck:

Die heute verbreitete Behauptung oder Unterstellung, jede Konfrontation mit Sexualität führe bei (fast) allen Kindern (fast) immer zu (schweren) „Traumatisierungen“, erheblichen psychischen Störungen und Spätfolgen, ist sicher nicht richtig, sondern – zum Glück – eine dramatisierte Übertreibung. Dies festzustellen, ist wiederum keine „Verharmlosung“; vielmehr kommt es hier wie anderswo gerade darauf an, die Dinge realistisch und rational zu betrachten und die schweren von den zum Glück leichten Fällen zu unterscheiden. Jedes Kind, das mit einer pornografischen Darstellung konfrontiert wurde, ohne Weiteres als schwer traumatisiertes Opfer zu behandeln und zwecks „Aufarbeitung“ einer Therapie zuzuführen, ist nicht sinnvoll.

Prof. Dr. Thomas Fischer (ehem. BGH Vorsitzender) auf Spiegel Online

Als beste Schutzfaktoren bei sexuellen Übergriffen hat sich in der Forschung unter anderem herauskristallisiert, zu Kontrollüberzeugungen zu gelangen, Optimismus beizubehalten, wichtige Bindungen aufrechtzuerhalten – aber auch so etwas wie die externale Attribution der Schuld, also sich klar zu machen, dass man selbst nicht für das Geschehene verantwortlich ist. Natürlich sind auch Psychotherapien eine Möglichkeit. Vielleicht aber haben viele der Betroffenen keine „seelische Erschütterung“ erfahren. Dann sollte man das auch nicht weiter aufbauschen. (…)

Wenn wir wieder zurück zu den Befunden zum sexuellen Missbrauch gehen, finden Studien natürlich eine stärkere Ausprägung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Opfern als bei Nicht-Opfern. PTBS ist eines der häufigsten Symptome nach sexuellem Missbrauch. Auch Ängste, Verhaltensstörungen und ein geringes Selbstwertgefühl gehören zu häufigen Symptomen. Aber es gilt wieder: Es ist absolut zu verneinen, dass notgedrungen eine psychische Störung zu Tage tritt. (…)

Tatsächlich kann Missbrauch in der Kindheit das Risiko für eine Vielzahl psychischer Störungen erhöhen – aber: die Zusammenhänge sind im Allgemeinen schwach bis mäßig ausgeprägt. Das heißt, Missbrauch ist nur ein unspezifischer Risikofaktor. Der Anteil symptomfrei bleibender Betroffener wird auf etwa 40 Prozent geschätzt. Ob es Viktimisierungsfolgen gibt oder nicht, liegt unter anderem an der Missbrauchserfahrung selbst – der Schwere, Dauerhaftigkeit, Täter-Opfer-Beziehung und an verfügbaren Bewältigungsressourcen sozialer und personaler Art.

Fr. Prof. Dr. Michaela Pfundmair (lehrt Sozialpsychologie an der LMU München) aus einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung

Gerade Fälle mit geringen Unrechtsgehalt bleiben also in der Regel folgenlos. Mit psychischem Mord haben diese Fälle nichts zu tun.

Zum Abschluss dieses Aspekts ein weiter Fall aus „Herausforderung Pädophilie“, der nicht unbedingt eine getötete Seele nahelegt:

Auch die auf eine Strafanzeige folgenden Vernehmungen und Kontakte mit Polizei und Richtern können belastende Folgen des sexuellen Missbrauchs darstellen. Dazu berichtet Jens (39), ein Klient aus unserer ambulanten Therapiegruppe, rückblickend: „Da war ich ja gerade 13 geworden, als ich Gerhard kennenlernte. Den fand ich richtig gut, menschlich, was der so drauf hatte, aber eben auch körperlich. Der hatte immer viel Sport gemacht und sag gut aus. Er gefiel mir. Wir hatten dann eine richtige Beziehung und eben auch Sex. Das war richtig schön. Gerhard war so zärtlich zu mir. Das war nicht nur rein raus und fertig. Blöd fand ich nur, dass das Ganze geheim bleiben musste. Ich wusste ja, dass der das nicht darf. Und mir war’s natürlich peinlich. Wenn die das in der Schule herausgefunden hätten … Das wollte ich mir gar nicht vorstellen. Zur Belastung wurde die Beziehung zu Gerhard erst, als alles aufflog und er verurteilt wurde. Da war ich richtig schockiert. Ich hatte ja das Gefühl, dass nichts Schlimmes passiert, und trotzdem schicken sie ihn in den Knast. Ich hatte ganz schöne Schuldgefühle, weil ich ja auch aussagen sollte vor Gericht.

Letztlich können auch solche Folgen (Geheimhaltung, Polizeivernehmung, Gerichtsverhandlung, Reaktion der Eltern, Scham- und Schuldgefühle usw.) eine Schädigung des Kindes nach sich ziehen. Für einige pädophile Menschen ist das ein Grund, für eine Legalisierung sexueller Beziehungen mit Minderjährigen zu kämpfen. Dagegen ist zum einen einzuwenden, dass es zuvor nicht absehbar ist, ob das Mädchen oder der Junge sich so positiv wie Jens an das Zusammensein erinnern wird. Wesentlich häufiger wird das Geschehene später als Missbrauch wahrgenommen. Zum anderen sind die gesellschaftlichen Werte und Gesetzte nun mal so, wie sie sind. Unter den aktuellen Gegebenheiten setzt somit jeder Erwachsene, der sich für sexuelle Handlungen mit einem minderjährigen Kind entscheidet, dieses Kind neben dem Risiko einer primären auch dem einer weiteren Traumatisierung durch die Reaktionen des Umfelds aus. (Quelle: Seite 135)

Weshalb wird gelogen und die Wahrheit zur Unkenntlichkeit verzerrt?

Ich habe vor kurzem den Artikel „Warum Schwarze in den USA für das gleiche Delikt öfter verurteilt werden und länger im Gefängnis sitzen als Weisse“ in der NZZ gelesen. Dabei ist mir vor allem diese Passage aufgefallen:

Im Jahr 1968 löste der Mord an Martin Luther King landesweite Unruhen aus, und der Parteikonvent der Demokraten wurde zu einer Massendemonstration gegen den Vietnamkrieg. Vor diesem Hintergrund präsentierte sich der Republikaner Richard Nixon als Vertreter von «Recht und Ordnung», was ihm zur Wahl zum Präsidenten verhalf. Donald Trump versucht derzeit, diese Strategie zu kopieren. Nixon sagte dem Konsum und Vertrieb illegaler Drogen 1971 in einer denkwürdigen Rede den Kampf an, als er den Drogenmissbrauch zum «Staatsfeind Nummer eins» erklärte. Im Jahr zuvor hatte der Kongress ein umfangreiches Gesetz erlassen, das die Grundlage für diesen «War on Drugs» bildete.

Der Präsident verachtete solche Substanzen; ihm schwebte das Ideal einer drogenfreien Gesellschaft vor. Doch im Jahr 2016 publizierte «Harper’s Magazine» Aussagen von John Ehrlichman, einem wichtigen innenpolitischen Berater Nixons, die dessen «Krieg gegen Drogen» auch als gezielte politische Strategie erscheinen lassen. Laut Ehrlichman hatte Nixon im Wahlkampf 1968 zwei Feinde: linke Kriegsgegner und Afroamerikaner. Ein Verbot, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, sei nicht möglich gewesen. «Aber indem wir die Öffentlichkeit dazu brachten, Hippies mit Marihuana zu assoziieren und Schwarze mit Heroin, und dann beides hart bestraften, konnten wir diese Gruppen diskreditieren», sagte Ehrlichman laut dem Artikel 1994. «Wussten wir, dass wir über die Drogen logen? Natürlich.»

Heute lügen (!) fast alle Politiker und bedeutenden Kinderschutzorganisationen. Als Grund vermute ich, dass Kinderschutz gesellschaftlich hoch angesehen ist, finanziell stark gefördert wird und Wählerstimmen bringt. Als Bonus lässt er sich instrumentalisieren, um ansonsten kaum vermittelbare Begehrlichkeiten wie die Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen. Die Lügner haben auch deshalb kein Problem mit ihren Lügen, weil sie – wie damals Nixon – aus ihrer Sicht für einen guten Zweck lügen, übertreiben, dramatisieren, skandalisieren und kriminalisieren.

Neue Lügen

Als das Thema Mindeststrafen politisch bereits durchgesetzt war, sprach NRW Justizminister Biesenbach in einer Pressekonferenz auf einmal von der ungeheuerlichen Zahl von 30.000 Verdächtigen, gegen die ermittelt werde. Suggeriert wurden letztlich 30.000 Täter, die potentiell davon kommen, weil Datenschützer angeblich Täterschutz betreiben.

Später musste dann richtig gestellt werden, dass es nicht etwa um 30.000 Verdächtige geht, sondern um 30.000 Hinweise zu Verdächtigen (IP-Adressen, Chatpseudonyme etc.). Wie viele Verdächtige es wirklich sind, weiß aktuell noch niemand.

Neue Verschärfungen

Die CDU Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel fordert aktuell ein Verbot des Handels mit kindlich aussehenden Sexpuppen. Als müsste man Puppen (= Dinge) vor sexuellen Übergriffen schützen. Als wäre es gerechtfertigt Menschen, die in der Ausübung ihrer Sexualität ohnehin äußerst eingeschränkt sind, auch noch die letzten Möglichkeiten zu nehmen, legal ihre Sexualität ausleben zu dürfen.

Es ist legitim, Kinder von Übergriffen zu schützen. Es ist nicht legitim, alles zu kriminalisieren, was Pädophile möglicherweise sexuell stimulieren könnte. Das wird aber aktuell gemacht. Die klare Tendenz ist pauschal zu unterstellen, dass jeder sexuelle Gedanke eines Pädophilen abstrakt ein Kind gefährden könnte. Alles, was potentiell der sexuellen Erregung dienen könnte, wird zur Gefahr erklärt. Damit wird dann aber letztlich die Neigung an sich kriminalisiert.

Und wenn man meint, noch kotziger kann es nicht werden, liest man, dass erste Rufe nach einer Meldepflicht für Pädophile laut werden. Im BILD-Talk „Jetzt reden vier – der Talk der Woche“ präsentierte die Moderatorin und Schauspielerin Charlotte Würdig ihre Vorstellungen:

Ich bin komplett für die Meldepflicht. Ich will es wissen, wenn so jemand in meiner Nachbarschaft wohnt. (…) Man muss sie in die Öffentlichkeit zerren.

Interessante Lösung. Natürlich noch keine Endlösung, aber das war der Judenstern ja auch noch nicht.

Was macht das alles mit den Betroffenen?

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit in einem Blogartikel eine Möglichkeit vorgestellt, Hassrede gegen Pädophile zu melden. Ich habe den Artikel dazu im Jungsforum, einem Selbsthilfeforum für Pädos beworben. Das kann die Anzahl der Aufrufe schon mal um 20% erhöhen.

Als ich den Artikel „Hassrede gegen Pädophile melden“ beworben habe, hat sich die Zahl der Aufrufe verdreifacht. So eine Reaktion gab es vorher noch nie. Insgesamt gibt es auf meinem Blog 153 Kommentare zu 339 Artikeln. Der Artikel zur Hassrede hat alleine 20.

Offensichtlich fühlen sich viele Pädos durch den allgegenwärtigen Hass auf Pädophile bedrückt.

Hier ein paar Wortmeldungen zur aktuellen Lage aus dem Jungsforum und aus einem Leserbrief:

Worauf willst Du denn hoffen????????

Hoffnung????? Für Pädos?????

Was rauchst Du denn?????

Irgendwas für Pädos zu hoffen ist ähnlich sinnvoll wie irgendwas für Juden im Deutschland von 1938 zu hoffen. Wir spielen eine wohldefinierte gesellschaftliche Rolle, nämlich die der Untermenschen, gegen die sich die gesamte Gesellschaft vereinigen kann, um sie zu bekämpfen. Da kann sogar die Linke mit der AfD zusammen kämpfen. Genau wie sich Deutsche, Polen, und Ukrainer im Kampf gegen die Juden vereinigen konnten.

Wie die Pädos oder die Juden darauf reagieren ist sowas von egal. Egaler geht es gar nicht.

Danil im Jungsforum

Es ist Krieg!

(…) Das Andere ist die Pädo-, Hebe- und Ephebophilie, die als sexuelle Preferenzen, für die man nichts kann, eindeutig als strafbar kommuniziert werden. Man spricht von der Präferenz und setzt diese gleich mit der strafbar erachteten Handlung. Dazu beschneidet man jeglichen Versuch, sich einen Raum der Kommunikation zu schaffen, sodass einem keine andere Wahl mehr bleibt, als entweder auf die Auseinandersetzung mit „seinem“ stärksten Trieb zu verzichten oder in den Untergrund zu gehen und zu hoffen. Und nur der Versuch, darüber gemäßigt sprechen zu wollen, sei es noch so wissenschaftlich fundiert, kann Dich Deine Existenz kosten. Es gibt Therapeuten, die wg ihrer Arbeit im Thema ernsthaft in Konflikt mit den Behörden kommen. Denen wird bei allzu wohlwollend erachteter Dokumentation und wissenschaftlicher Publikation die Hölle heiß gemacht. Sie bekommen dann eben keine Stelle oder keine Lizenz für eine Praxis. Jedes Engagement in einer Selbsthilfegruppe wird kriminalisiert, jegliche öffentliche Stellungnahme zieht Ermittlungen nach sich. Anfangsverdacht! (…) Unsere Präferenz wird mundtod gemacht. Seit Jahren! Uns soll es nicht geben und die Phantasie darüber auch nicht! Ganz einfach.

(…)

Vergewaltigung soll strafbar sein! Über jegliche Altersgrenzen hinweg. Eine Definition dafür gibt es, mit guten klaren Grenzen und Gesetzen. Über die Definition für den Begriff Missbrauch fehlen mir gerade die Worte.


n°aigùr im Jungsforum

Ich bin im Moment gerade etwas am Verzweifeln. Zumindest gefühlt – ich habe das bisher nicht überprüft – nimmt die Frequenz von Gesetzesänderungen, die sich auf die ein oder andere Weise gegen Pädophile richten sollen, in letzter Zeit zu. (…) Da die Höchststrafen anscheinend bereits in vielen Bereichen das Maximum erreicht haben, will man jetzt die Mindeststrafen erhöhen. Ich finde das völlig irrsinnig, da ein ausgewogenes Strafrecht doch gerade angemessene Strafen für die gesamte Bandbreite der vom Gesetz erfassten möglichen Taten bereit halten muss. (…)

Heute Abend ist mir dann aber endgültig die Kinnlade runtergefallen, als ich von den Forderungen von Christian Baldauf aus der CDU Rheinland-Pfalz las. Er fordert nun, dass die Mindeststrafe für den Besitz von Kinderpornografie auf zwei Jahre erhöht wird und die Mindeststrafe für schweren sexuellen Missbrauch von zwei auf 14 (!) Jahre erhöht wird. So langsam frage ich mich, ob ich wirklich in der Realität lebe oder in irgendeinem bizarren Traum gelandet bin. (…) Wie kann man als rational denkender Mensch bitte (…) zu dem Schluss kommen, dass die von Baldauf vorgeschlagene Mindeststrafe auch nur ansatzweise angemessen sein könnte?

Man kann doch nicht Extremfälle wie die aktuellen, allem Anschein nach wohl tatsächlich furchtbaren Geschehnisse in Münster als Leitfaden für das Festsetzen von Mindeststrafen heranziehen. Man kann doch nicht jahrelang die Definition von Kinderpornografie immer weiter ausdehnen und um Vorfelddelikte erweitern, so dass eben inzwischen nicht nur Missbrauchsdarstellungen sondern auf Basis von äußerst schwammigen Formulierungen auch deutlich weniger oder sogar überhaupt nicht Schwerwiegendes strafbar ist, und dann im nächsten Schritt plötzlich die Mindeststrafen drastisch erhöhen.

Ich muss sagen, dass mich die Dreistigkeit dieser Forderungen tatsächlich ziemlich schockiert hat.

Ich bekomme auch langsam das Gefühl, dass es immer schwieriger wird sich dem Zyklus immer neuer Gesetzesänderungen noch irgendwie entgegenzustellen.

Die von dir bereits mehrfach zitierte Studie/Umfrage über die gesellschaftliche Sichtweise auf Pädophile zeigt doch vielleicht sogar auf, dass es großen Teilen der Gesellschaft eigentlich auch gar nicht darum geht bestimmte Straftaten und Handlungen mit angemessenen Strafen zu versehen, sondern vielmehr darum pädophile Menschen generell möglichst komplett aus der Gesellschaft auszuschließen. In der von dir zitierten Studie waren immerhin 26% der Meinung, dass es besser wäre, wenn alle pädophilen Menschen tot wären, und etwa die Hälfte würde ein dauerhaftes Wegsperren befürworten, natürlich ebenfalls tatunabhängig.

Kürzlich las ich, dass es in den Niederlanden anscheinend vor ein paar Jahren eine Onlinepetition gab, die sich dafür einsetzte, dass alle Menschen, bei denen eine pädophile Neigung diagnostiziert wurde, zwangsweise chemisch kastriert werden sollten. (…) Ich finde es sehr gruselig, dass solch eine menschenverachtende Petition mitten in Europa durch die sozialen Netzwerke geistern und Zuspruch jenseits von Neonazis finden konnte. Selbst wenn solche Wünsche auf Grund von menschenrechtlichen Grenzen nicht umgesetzt werden können, so fragt man sich ja schon, wie weit man es mit den Gesetzesänderungen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch treiben wird. Gibt es da irgendwo ein Limit? (…)

Ich fühle mich durch die aktuelle Diskussion in Medien und Gesellschaft gerade wieder extrem ausgegrenzt. Ich habe letzte Woche versucht (mit diesem anonymen Mailkonto) ein paar Politiker anzuschreiben und auf Tagesschau.de zu kommentieren. (…) Einerseits tut es trotzdem gut zumindest zu versuchen etwas zu tun, da man sich so vom passiven in den aktiven Part begibt. Andererseits macht mir die intensive Beschäftigung mit diesen Themen aber auch erst recht psychisch zu schaffen. Letzte Woche las ich mir 75 Kommentare unter einem Tagesschau-Artikel am Stück durch und fühlte mich danach durch den aggressiven Tonfall, die pauschalen Angriffe gegen Pädos und die Gleichsetzung mit schlimmsten Straftätern mental völlig am Ende und habe auch in der darauf folgenden Nacht nicht gut schlafen können. (…)

Heute Abend habe ich, als ich las, dass jemand von der CDU die Forderungen noch mal ins völlig Absurde erhöht hat, nachdem ich angenommen hatte, der momentane Höhepunkt wäre erst mal erreicht, direkt einen Nervenzusammenbruch bekommen. Auch wenn ich nicht akut von den Änderungen betroffen bin, fühle ich mich trotzdem angegriffen und gesellschaftlich verfolgt. Es ist ja schon an und für sich eine bodenlose Frechheit, dass im Kontext von schwersten Straftaten gegen Kinder immer ganz selbstverständlich von „Pädophilen“ die Rede ist.

Leserbrief von „Stefan Becker“ (Pseudonym)

Ich fühle mit meinen Brüdern. Verzweiflung, Zorn, Angst, Hoffnungslosigkeit. Trotz.

Eigentlich hatte ich mir das hier für die Kategorie „Sprüche und Weisheiten“ aufgehoben. Aber es gehört heute hierhin:

Lebenskunst entsteht im Trotzdem.

Philippo im Jungsforum

Die Verteidigung von Romeo, Julia und Finn in der Gegenwart

Wenn man die relative „Kriminalitätsneigung“ von Kindern im Vergleich zu der von Erwachsenen verstehen will, muss man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) heranziehen. Das ist eine kriminologische Häufigkeitsangabe und gibt die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles an. Die Tatverdächtigenbelastungszahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden.

Betrachtet man alle Straftaten, dann sieht die grafische Darstellung der TVBZ wie folgt aus:

Das ist vermutlich in etwa das Bild, das man intuitiv erwartet. 12/13-jährige fallen schon auf, aber so richtig geht die Kurve erst ab 14/15 nach oben. Schwerpunkt sind dann die älteren Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen. Mit zunehmenden Alter geht die Kriminalität langsam aber stetig immer weiter zurück.

Wenn an der linke Achse für die Altersgruppe der 18/19/20-jährigen ein Wert von etwas über 5000 abgelesen werden kann (der genaue Wert ist 5.344), dann bedeutet das, dass im Jahr 2019 von 100.000 Vertretern der 18/19/20-jährigen 5.344 durch eine Straftat aufgefallen sind.

Die Ziffer zeigt also das Hellfeld der Kriminalität. Tatsächlich gibt es ein mehr oder weniger großes Dunkelfeld. Allerdings muss man auch bedenken, dass lange nicht jeder Tatverdächtige auch schuldig sein muss und verurteilt wird. Trotz dieser Einschränkungen bekommt man doch ein strukturell zutreffendes Bild der „alterbedingten“ Kriminalitätsneigung in den diversen Altersklassen.

Man muss schon eine Weile suchen, um typische Delikte älterer Menschen zu finden. Zwei davon habe ich entdeckt. Einerseits den das doch recht spezielle Delikt des unerlaubten Umgangs mit Abfällen, andererseits das weite Feld der Wirtschaftskriminalität:

Ein Bereich, in dem vor allem ältere Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene auffällig werden, sind Rauschgiftdelikte. Die jungen Täter dominieren das Bild hier noch weit deutlicher als in der Gesamtschau aller Straftaten.
Bei den Sexualstraftaten bzw. den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung würde man vielleicht ähnliches erwarten. In diesem Tatsegment gelten gemeinhin vor allem junge Männer als potentiell gefährlich.

Tatsächlich sind die Täter (und Täterinnen) etwas jünger, als die meisten vielleicht erwarten würden:

Am auffälligsten sind die 14/15-jährigen, gefolgt von den 16/17-jährigen und der noch nicht strafmündigen Gruppe der 12/13-jährigen. Auf kindliche Unschuld in Hinblick auf Sex deutet das nicht gerade hin. Wirklich überraschen darf es aber nicht. Das sexuelle Interesse erreicht in der Pubertät seinen Höhepunkt und wer ehrlich mit sich ist und an seine Kindheit zurückdenkt, weiß das auch. Das sexuelle Verlangen geht im Erwachsenenalter deutlich zurück und bekommt jenseits der 60 dann noch einmal einen deutlichen Knick. Letztlich genau das, was man auch in der Statistik sieht.

Denkt man an den sexuellen Missbrauch von Kindern, dann haben die meisten pädophile Täter im Kopf. Die Vorstellung geht in Richtung erwachsener, fremder, pädophiler Männer, die sich manipulativ das Vertrauen des Kindes erschleichen und dann für sexuelle Übergriffe ausnutzen.

Wer sich etwas besser auskennt, weiß dass die Mehrzahl der Täter nicht-pädophile Ersatztäter sind und dass die Täter überwiegend aus dem familiären und sozialen Nahbereich kommen.

Was man vielleicht nicht unbedingt vermutet, ist dass es eine extreme Häufung der Tatverdächtigen im Pubertätsalter gibt.

Auch dieser Befund darf aber eigentlich niemanden überraschen. Das sexuelle Interesse hat in der Pubertät seinen Höhepunkt. Die Stars von denen möglicherweise Poster im Kinderzimmer hängen sind nicht erreichbar. Aber man verbringt den größten Teil des Tages in der Schule unter etwa Gleichaltrigen. 13/14-jährige gehen in die selbe Klasse. 13 und 15-jährige begegnen sich auf dem Pausenhof. Kann es da irgendwen verwundern, wenn es zu sexuellen Kontakten zwischen noch-Kindern und nicht-mehr-Kindern kommt?

Dass diese Kontakte in Deutschland unabhängig vom Willen der Beteiligten grundsätzlich strafbar sind, ist ein himmelschreiendes Unrecht gegenüber diesen noch-Kindern und nicht-mehr-Kindern. Shakespeares Julia war 13, Romeo ein wenig älter, vielleicht 15 oder 16. Heute fände ihre Liebe in Deutschland kein Gnade vor dem Gesetz.

Während es in Österreich und der Schweiz eine sinnvolle Lösung in Form einer tatbestandsausschließende Altersdistanzklausel gibt („Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.“), sind die Betroffenen in Deutschland den Mühlen des Gesetzes ausgeliefert (Ermittlungsverfahren, Strafen, Jugendamt, Kontaktverbote).

Ein Absehen von Strafverfolgung wegen Geringfügigkeit ist nur bei Vergehen möglich. Kommt die geplante Anhebung der Mindeststrafe auf 1 Jahr (und damit die Einstufung als Verbrechen), dann entfällt diese Möglichkeit.

Auch ein fallweises Absehen von Strafe bzw. Strafverfolgung, wie es heute noch (!) möglich ist, reicht nicht aus, denn einerseits kommen die ersten Folterinstrumente (wie ein Ermittlungsverfahren) schon lange vor dem potentiellen Absehen von Strafe bzw. Strafverfolgung zum Einsatz, andererseits bleiben die Betroffenen damit Objekte staatlicher Willkür.

In Zukunft dürfte sich die für ein junges Liebespaar schon jetzt schlechte Situation noch einmal deutlich verschlimmern. Sie werden wegen ihrer Liebe und für altersgerechtes Verhalten drangsaliert und kriminalisiert.

Romeo und Julia brauchen Hilfe. Dringend. Finn auch.

Es gibt noch ein weiteres Kriminalitätsfeld, von dem Kinder als vermeintliche Täter besonders betroffen sind.

Heute hat jedes Kind ein Smartphone. Die Besitzquote bei älteren Kindern liegt bei ca. 98.5 %. Wenn der 13-jähriger Finn seinen eregierten Penis mit dem Smartphone aufnimmt, stellt er damit Kinderpornographie her. Er ist dann Täter aber noch nicht strafmündig. Wenn er das Bild nach seinem 14. Geburtstag noch besitzt, ist er Täter und strafmündig, was den Besitz von Kinderpornographie angeht. Künftig ein Verbrechen. Der Unrechtsgehalt des Verbrechens liegt dabei aber realistisch betrachtet etwa auf dem Niveau, sich den eigenen eregierten Penis in einem Spiegel anzuschauen.

Statt Kindern beibringen zu wollen, wie schrecklich das doch ist – weil man sich unter Kinderpornographie nichts anderes als Aufnahmen von anal vergewaltigten Kleinkindern vorstellen kann, die selbst hartgesottene Polizisten bei der Sichtung der Beweismittel zuverlässig in Traumata stürzen – sollte man der Realität ins Auge blicken, dass man das als Kind vermutlich auch gemacht hätte, wenn es damals schon Smartphones gegeben hätte und dass es sich um ein alterskonformes und in keiner Weise strafwürdiges Verhalten handelt.

Und dann sollte man auch anfangen, sich Gedanken zu machen, wie man erwachsen, also verantwortungsvoll damit umgeht.

Finstere Zeiten. Und ein wenig Licht.

Irgendwie ist es gerade eine verdammt finstere Zeit.

Die Forderung nach der nächsten Strafverschärfung stand schon länger im Raum, war aber noch nicht durchsetzbar.

Also wartete man auf den nächsten spektakulären Missbrauchsfall, der ja zwangsläufig irgendwann kommen muss, um sich dann „spontan“ für härtere Strafen einzusetzen. Kindern, die gerade eben Opfer eines schlimmen Missbrauchsfalls wurden, muss man schließlich beispringen, wenn man ein Herz hat. Wer sich da in den Weg stellt, ist herzlos und wird mit allgemeiner Billigung und unter Beifall platt gemacht.

Entrüstung, Skandal, Vorwürfe gegen die unmenschlichen, arbeitsverweigernden Politiker, die sich noch zieren und sich aus unerfindlichen Gründen nicht für Kinder stark machen. Bis die unter dem Druck einknicken.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, lobte im Gespräch mit tagesschau24, die Politik reagiere inzwischen „sehr spontan und gut“ auf das Bekanntwerden neuer Missbrauchsfälle. Aha.

Über Gesetze, die Menschenleben berühren, spontan zu entscheiden ist ja sooooo gut. Sollte man vielleicht künftig immer so machen. In Wahrheit war aber nichts spontan. Es wurde ein bewährtes Skript abgespult.

Die Messe ist im Grunde gelesen. Die nächste Strafverschärfung kommt. Wie schlimm es genau wird, weiß man noch nicht. Aber neben den Hauptforderungen (Erhöhung der Mindeststrafe für Kindesmissbrauch und für den Besitz von Kinderpornographie auf ein Jahr) gibt es zahlreiche weitere.

Ein paar Kostproben:

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) drängt darauf, das Herstellen und Verbreiten von Kinderpornografie als Verbrechen und nicht mehr als Vergehen einzustufen. „Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND, Mittwoch). „Wenn die Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsbildern immer noch genauso bestraft wird wie Ladendiebstahl, dann fehlt mir dafür jedes Verständnis. Dann interessiert mich auch nicht mehr, ob das rechtssystematisch richtig oder falsch ist. Das ist mir wurscht“

(…)

Nach Ansicht von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) stehen die 15 Jahre Haft und Sicherungsverwahrung bei Kindesmissbrauch nicht nur auf dem Papier. „Beispielsweise wurde im Fall Lügde dieser Strafrahmen fast ausgeschöpft“, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung (Mittwoch)“. „Das ist eine der höchsten Strafen, die unsere Rechtsordnung überhaupt kennt.“ Forderungen nach schärferen Strafen erteilte die Justizministerin eine Absage. „Wichtiger ist es, konkret den Ermittlern mehr Möglichkeiten zu geben und sie gut auszustatten. Dass das wirkt, zeigt sich in NRW.“

SZ: Reul: „Missbrauch ist wie Mord“, scharfe Kritik an Lambrecht

Bald darauf knickte Lambrecht – wieder besseren Wissens – ein. Der Druck war einfach zu groß geworden. Und sie setze im Grunde noch einen drauf. Möglicherweise soll nun zusätzlich auch die Strafbarkeitsschwelle gesenkt werden. Berührungen „in sexueller Weise“ sollen reichen:

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht will bestimmte Delikte im Bereich Kinderpornografie nun doch härter sanktionieren und dafür auch die Gesetzeslage ändern. Das sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Ich will härtere Strafen auch für die Fälle, die sexueller Missbrauch sind, aber nicht mit körperlicher Gewalt und Misshandlungen einhergehen. Das sind zum Beispiel Berührungen von Kindern in sexueller Weise. Im Gesetz muss ganz klar zum Ausdruck kommen, dass es sich bei hierbei ohne Wenn und Aber um Verbrechen handelt.“

Konkret geht es ihr um Menschen, die pornografische Bilder von Minderjährigen austauschten. Denn damit sei immer Missbrauch verbunden. „Ich will, dass Täter, die mit Kinderpornografie auf widerlichste Weise Geld verdienen oder kriminelle Tauschringe betreiben, härter bestraft werden. Es ist ein abscheuliches Verbrechen, mit dem Missbrauch von Kindern Geld zu machen – und muss mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden können.“

Tagesschau.de: Lambrecht nun doch für härtere Strafen

Auch die Ermittlungen will man weiter vereinfachen. Die Vorratsdatenspeicherung soll wieder mal her. Wenn der Terrorismus es gerade nicht hergibt, muss es der Kampf gegen die abscheuliche, widerliche Kinderpornographie richten.

An der Entwicklung verfassungskonformer Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung ist die Politik bereits mehrfach gescheitert. Anstatt ein verfassungskonformes Gesetz auf den Weg zu bringen, wird jetzt deshalb laut darüber nachgedacht, die Verfassung vorratsdatenspeicherungskonform zu machen:

Müller: Also Sie sind fest davon überzeugt, dass man die umstrittene Vorratsdatenspeicherung, die ja nicht nur in Deutschland umstritten ist, sondern auch in Europa vor dem Europäischen Gerichtshof, so formulieren kann, endlich einmal so formulieren kann, wie Sie es vielleicht formulieren würden, dass das auch Bestand hat?

Ziemiak: Ja, da bin ich fest von überzeugt, und man kann ja im Deutschen Bundestag und Bundesrat entsprechend, sollte es notwendig sein, auch die Regelung unserer Verfassung so anpassen, dass es verfassungskonform ist.

Deutschlandfunk: Streit um Strafrechtsverschärfung –
„Es gibt keine leichten Fälle, wenn Kinder missbraucht werden“

Der irrste Vorschlag kommt aktuell vom CDU-Landtagsfraktionsvorsitzenden Christian Baldauf:

Der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Christian Baldauf hat deutlich höhere Gefängnisstrafen für Kindesmissbrauch gefordert. Auf schweren sexuellen Missbrauch müsse eine Mindeststrafe von 14 Jahre Haft stehen, sagte der Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. „Wer Kinder schwer sexuell missbraucht und hiervon Aufnahmen macht und diese veröffentlicht, um damit Geld zu verdienen, soll für mindestens 15 Jahre in das Gefängnis“, verlangte Baldauf. „Sexueller Missbrauch von Kindern ist Mord an Kinderseelen.“

n-tV: Mertin kritisiert Baldaufs Forderungen zum Kindesmissbrauch

Aktuell ist die Mindeststrafe für schweren sexuellen Missbrauch zwei Jahre. 14 Jahre sollen es werden, wenn es nach Baldauf geht.

Was schwerer sexueller Missbrauch ist, weiß der Durchschnittsbürger dabei gar nicht. Er zeichnet sich nicht etwa durch Gewalt, Drohungen oder Einschüchterung aus, sondern durch ein Eindringen in den Körper. Es reicht ein Zungenkuss oder das Eindringen eines Fingers. Dabei muss das Kind auch nicht den passiven Part übernehmen. Es reicht, wenn ein Mädchen einem Mann einen Finger in den Po steckt, wenn ein Mann einen Jungen oral befriedigt oder eine Frau vaginalen Sex mit einem Jungen hat. In allen diesen Fällen ist der Tatbestand „schwerer sexueller Missbrauch“ erfüllt, ganz gleich, ob das Kind den Sex wollte, oder ob es am nächsten Tag 14 wird.

Für mich ist das Irrsinn. Gerade wenn es um Mindeststrafen geht, darf man nicht einen spektakulären Missbrauchsfall instrumentalisieren, sondern muss an den Fall mit dem geringsten möglichen Unrechtsgehalt denken. Aber für den interessiert sich die Politik nicht. Sich will nicht von ihm genervt werden. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak im Interview:

Müller: Man mag das kaum so formulieren, ich tu es jetzt trotzdem, weil mir keine Alternative einfällt: Es gibt ja auch kleine Vergehen, kleinste Vergehen, wie immer die definiert sind, ein Kuss zum Beispiel. Ich weiß nicht, ob das das richtige Beispiel ist, aber das nur als Beispiel. Dann müsste man, wenn ich das richtig verstanden habe, wenn es die Kategorie Verbrechen demnächst gibt, dann müsste man das mit einem Jahr Mindeststrafe bestrafen. Wollen Sie das?

Ziemiak: Ja, ich möchte jedes Vergehen beim Missbrauch von Kindern und auch bei der Verbreitung, dem Erwerb und dem Handeltreiben mit kinderpornografischen Inhalten zum Verbrechen erklären und deshalb auch mit Gefängnis bestrafen. Die von Ihnen angeführten Beispiele – und gestern haben wir es auch gehört –, ein Beispiel, ein 14-Jähriger küsst eine 13-Jährige, das gestern aus dem Bereich der SPD vorgetragen wurde, ist einfach absurd. Es gibt im deutschen Recht die Möglichkeit, solche krassen Fälle auszuschließen. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, wenn in einer öffentlichen Hauptverhandlung drei Volljuristen, die an der Rechtspflege mitwirken, der Richter und der Staatsanwalt und der Verteidiger so einen Fall nicht erkennen würden, das halte ich einfach für völlig unrealistisch. Deswegen sind diese Beispiele völlig unbrauchbar.

Es gibt aber tatsächlich keine leichten Fälle, wenn Kinder missbraucht werden, zumindest aus meiner Sicht. Das sind schwere Verbrechen. Und ich will daran erinnern, dass wir in anderen Bereichen durchaus ganz harte Strafrahmen haben und Mindeststrafen haben. Dort sprechen wir auch darüber, dass es sinnvoll ist, wenn Sie das beispielsweise nehmen im Betäubungsmittelrecht, da haben wir zum Teil Strafandrohungen von nicht unter fünf Jahren.

Müller: Aber bleiben wir bei diesem Beispiel noch einmal. Das ist umstritten, das haben Sie gestern auch gesagt, eine heikle Argumentation. Dennoch tun wir das mal. Also ein Erwachsener küsst eine 12-Jährige, das ist Missbrauch, das ist ein Vergehen, das ist aus Ihrer Sicht ganz klar, oder soll so sein, in Zukunft Verbrechen, Gefängnis, ein Jahr Minimum.

Ziemiak: Also ich will jetzt nicht einzelne Beispiele durchgehen, weil das völlig an der Sache vorbeigeht.

Ziemak will sich mit den Fällen, um die es beim Mindestmaß geht, nicht weiter belasten. Weil das ja „an der Sache vorbeigeht“.

Fälle, bei denen das neue Mindestmaß nicht passt, sollen nach seiner Vorstellung in einer öffentlichen Hauptverhandlung von drei Volljuristen, dem Richter, dem Staatsanwalt und dem Verteidiger erkannt werden. Und was sollen die dann machen, nachdem sie den Fall „erkannt“ haben? Sich einfach über gesetzliche Regelungen hinwegsetzen?

Wichtig scheit nur, dass die Politiker vor dem Wahlvolk mit Härte Punkten können. Das Problem irgendwie noch verhältnismäßige Strafen hinzubekommen, wird auf die Justiz abgewälzt. Und wenn das im Einzelfall nicht klappt oder sogar nicht mehr klappen kann, hat der Angeklagte eben Pech gehabt.

Die Sache, um die es den Strafverschärfern geht, ist gut dazustehen, die großen Helden des Kinderschutzes zu sein und vom Wähler dafür belohnt zu werden. Ob die Gesetze rechtssystematisch richtig oder falsch sind, ist „wurscht“. Es müssen ja andere ausbaden.

Die Legal Tribune Online hat Strafrechtler gefragt, was sie von den Verschärfungen halten:

„Erhöhung der Strafrahmen nicht vordringlich“

Strafrechtler und Kriminologen lehnen diese Ideen (…) ab oder halten eine Erhöhung der Strafrahmen jedenfalls für alles andere als vordringlich. 

So sagte der Augsburger Professor für Strafrecht Dr. Michael Kubiciel gegenüber LTO: „Wenn man Kindesmissbrauch verhindern will, sollte zunächst gefragt werden, ob die Jugendämter angemessen ausgestattet sind, um Verdachtsmomenten nachzugehen oder potentiell vulnerable Kinder in Familien mit einschlägig Vorbestraften zu schützen.“ Was die Strafverfolgung betreffe, so Kubiciel, „sollte geprüft werden, ob die Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit haben, den Verbreitungswegen im Internet nachzuspüren oder ob sie beispielsweise Schwierigkeiten haben, die Verbindungsdaten einem konkreten Anschluss zuzuordnen. Erst an dritter Stelle sollte man über die Strafrahmen nachdenken.“

Kubiciel gab im Hinblick auf eine Heraufstufung des § 176 StGB zum Verbrechen weiter zu bedenken, dass eine von dieser Vorschrift erfasste sexuelle Handlung weit verstanden werde. „Das müsste dann von einer Regelung für minder schwere Fälle begleitet werden, mit niedrigerem Straffrahmen – kurz: eine Umkehrung der jetzigen Regelung“, so Kubiciel.

„Positionen von ermüdender Vorhersehbarkeit“

Geradezu genervt auf die Forderungen der Union reagierte der Münchner Strafrechtler und Kriminologe, Prof Dr. Ralf Kölbel: „Solche Positionierungen sind von ermüdender Vorhersehbarkeit, gerade für die Law-and-Order-Ecke. Immer das gleiche Muster: Gar nichts tun schaut bei all der öffentlichen Aufregung irgendwie schlecht aus. Also beweist man ‚Handlungsfähigkeit‘ und schwingt die strafrechtliche Keule“. 

Kölbel warnte im Gespräch mit LTO davor, den Besitz von Kinderpornografie zum Verbrechen heraufzustufen: „Wer jeden Fall des § 184b als Verbrechen einstufen will, hat keine Ahnung von der Breite des real vorkommenden Spektrums. Die Geringfügigkeitskonstellationen sind hier ja auch nicht anderweitig aufzufangen, denn es gibt bei § 184b keinen minder schweren Fall.“

Der Tübinger Strafrechtler Prof. Jörg Eisele regte in diesem Zusammenhang an, „verschiedene Tatbestände zu bilden, um leichtere Fälle noch angemessen sanktionieren zu können“.

„Keinen Deut mehr Sicherheit für mögliche Opfer“

Ähnlich reagierte auch der Göttinger Strafrechtler Prof. Dr. Kai Ambos: „Der reflexhafte Ruf nach höheren Strafen bringt keinen Deut mehr Sicherheit für mögliche Opfer. Aus der kriminologischen Forschung wissen wir, dass allenfalls die Entdeckungswahrscheinlichkeit eine Abschreckungswirkung für potentielle Täter entfaltet, nicht aber höhere Strafrahmen.“ Es gehe also, so Ambos, um bessere Aufklärung und die werde allenfalls durch polizeilich-prozessuale Reformen erreicht und setze insbesondere ausreichend geschultes Ermittlungspersonal voraus.

Im Hinblick auf § 184b StGB stelle sich für ihn die Frage, „ob eine Heraufstufung aller Verhaltensweisen, etwa auch das Posten eines kinderpornographischen Comics, zu einem Verbrechen mit einer Mindeststrafe von einem Jahr tatsächlich angemessen und sinnvoll ist, denn damit wird den Staatsanwaltschaften die Möglichkeit einer flexiblen Reaktion im Rahmen der Opportunitätseinstellung genommen“.

Ablehnend reagierte gegenüber LTO auch der Potsdamer Hochschullehrer für Strafrecht und Kriminologie, Prof. Dr. Wolfgang Mitsch: „Ich bin gegen eine Strafrahmenerhöhung. Erstens nützt es nichts und zweitens bringt es das ganze Strafgefüge im StGB durcheinander.“

Den Politikern ist die Meinung der Rechtsexperten aber egal. Aus Politikersicht gehen rechtliche Argumente und unangenehme Detailfragen, wenn es um das Thema Sexualstrafrecht geht, „an der Sache vorbei“.

Für die Betroffene, die zur Zielgruppe gehören, die bekämpft werden soll, und die sich ohnehin diskriminiert, verfolgt und stigmatisiert fühlen, sind die Pläne eine psychische Belastung.

Dabei geht es nicht nur um die Erhöhung von Mindeststrafen und Höchststrafen, sondern auch um eine mögliche Ausweitung der Straftatbestände. Wenn Berührungen in sexueller Absicht strafbar werden, dann kann es sein, dass einem Mensch mit pädophiler Neigung grundsätzlich bei jeder Berührung eines Kindes eine sexuelle Absicht unterstellt wird. Es gilt also möglicherweise bald eine Schuldvermutung bei Berührungen durch Pädophile.

Vermutungen reichen für eine Verurteilung normalerweise freilich nicht. Wenn man aber bei Berührungen durch Pädophile generell sexuelle Absicht vermutet, kann es aber viel häufiger als jetzt zu einem Anfangsverdacht kommen. Also Ermittlungsverfahren, Hausdurchsuchung und alles was dazu gehört inkl. der Auswirkungen auf das soziale Umfeld und den Job.

Und beim Zufallsfund eines Bildes, das man selbst für völlig harmlos gehalten hat, bei dem aber jemand anderes (der Staatsanwalt, der Richter) eine unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung zu erkennen meint, droht dann mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe.

Das Gesetz ist auch als Unterdrückungsstrategie gedacht. Pädophile gelten für Kinderschützer und Politiker nicht als Menschen, sondern als explosionsgeneigte, Kinderseelen zerfetzende Handgranaten.

Schon heute kann eine Selbsthilfegruppe oder ein Selbsthilfeforum jederzeit dicht gemacht werden. Man braucht nur einen Anfangsverdacht gegen ein paar Mitglieder, einige Hausdurchsuchungen, ein paar Zufallsfunde. Schwups hat man einen Pädophilen-Ring gesprengt und Kinder gerettet. Ob das dann auch wirklich stimmt, spielt im Endeffekt keine Rolle. Das wird künftig noch schlimmer werden.

Aber was ist die Konsequenz? Die Leute verschwinden ja nicht einfach.

Ich wage zu bezweifeln, dass es Kinder vor Missbrauch schützt, Pädophile so stark zu unterdrücken, dass diese daran zerbrechen.

Es ist das schrecklichste Gegenmittel gegen ungewöhnliche Menschen, sie dergestalt tief in sich hinein zu treiben, daß ihr Wiederherauskommen jedesmal ein vulkanischer Ausbruch wird.

Friedrich Nietze in „Unzeitgemäße Betrachtungen“

Vulkanausbrüche und die dadurch verursachten Kollateralschäden kann eigentlich niemand wollen.

Wer nicht zerbricht, wird sich noch tiefer verstecken. Jemand, der sich extrem kriminalisiert fühlt und die Gesetze als ungerecht empfindet, wird diese nicht mehr respektieren. Es geht dann stattdessen nur noch darum, nicht erwischt zu werden. Die Betroffenen flüchten dann in Anonymisierungsdienste, Datenverschlüsselung und das Darknet. Und machen dort, was immer sie vor sich selbst moralisch verantworten können, ohne auf das Gesetz und die Moral anderer Rücksicht zu nehmen.

Auch das kann nicht im Sinne des Kinderschutzes sein.

Und doch sind wir noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Es wird immer schlimmer.

Die ständigen Vergleiche von Kindesmissbrauch mit Mord zielen darauf die Verjährungs, die ohnehin bereits extrem verlängert wurde, gänzlich abzuschaffen.

Die ständige Skandalisierung von Alltagsbildern von Kindern, die zur Beute von Pädophilen werden, zielt darauf, dass es künftig als Kinderpornographie gelten soll, wenn ich mir „sexuell motiviert“ ein beliebiges Kinderfoto ansehe. Das ist schließlich abscheulich und widerlich. Es kann also nur Kinderpornographie sein.

Und diese Seite wird irgendwann vom Strafbestand „Verherrlichung von Pädophile“ erfasst werden. Schließlich ist Pädophilie Gewalt gegen Kinder. Das sagen ja sogar die Vereinten Nationen. Muss also stimmen.

[Die Generalversammlung] 22. verurteilt alle Formen der Gewalt gegen Kinder in allen Umfeldern, namentlich körperliche, seelische, psychische und sexuelle Gewalt, Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung, Missbrauch und Ausbeutung von Kindern, Geiselnahme, häusliche Gewalt, Inzest, Kinderhandel oder Verkauf von Kindern und ihren Organen, Pädophilie, Kinderprostitution, Kinderpornografie, Kindersextourismus, Banden- und bewaffnete Gewalt, sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet, Mobbing, auch im virtuellen Raum, und schädliche Praktiken, und fordert die Staaten nachdrücklich auf, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, um im Wege eines umfassenden Ansatzes jede derartige Gewalt gegen Kinder zu verhüten und sie davor zu schützen, und einen in die nationalen Planungsprozesse integrierten, vielgestaltigen und systematischen Rahmen zur Bekämpfung der Gewalt gegen Kinder zu entwickeln;

Resolution A/RES/72/245 der
Generalversammlung der Vereinten Nationen,
verabschiedet am 24. Dezember 2017

Manchmal ist die Welt einfach nur scheiße.

Und dann geht man auf ein BL-Forum. Und wenn man Glück hat, findet man ein Licht, an dem man sich wären kann.

Eines habe ich auf Boychat entdeckt, einen autobiographischen Text des BLs „Muppet“, die Geschichte, wie er sich dem Jungen, den er liebte, geoutet hat. Ich habe sie für den Blog gekapert und übersetzt:


Mein Outung gegenüber meinen jungen Freund – wahre Geschichte

Man sagt, es sei aus Sicherheitsgründen wichtig, Zeit verstreichen zu lassen, bevor man Geschichten über sich selbst erzählt, um so ein erhöhtes Risiko identifizierbar zu werden, zu vermeiden. Nun, ich hoffe, dass gut 30 Jahre Wartezeit lang genug sind, auch wenn ich mich an diesen Tag erinnere, als wäre es gestern gewesen.

Aber zuerst ein paar Hintergrundinformationen. Mein junger Freund – nennen wir ihn Jay – war zu dieser Zeit bereits in seinen frühen Teenagerjahren, was ihn, wenn wir in den Ländern der „Achse des Bösen“ [Anmerkung: hier sind die USA und die angelsächsischen Länder gemeint] gelebt hätten, unter die Schutzaltersgrenze gebracht hätte. Aber das taten wir nicht, und er war es auch nicht. Ich war in einem längerfristigen Auslandseinsatz und kannte ihn seit etwa 3 Jahren. Ich hatte schon lange akzeptiert, dass unsere Freundschaft immer nur platonisch sein würde, und fühlte mich sehr wohl damit. Ich liebte ihn trotzdem, einfach für seine Gesellschaft. Er stand auf Mädchen, obwohl er noch nicht bereit für eine „richtige“ Freundin war. In den frühen Tagen unserer Freundschaft war er ziemlich taktil gewesen, und Umarmungen und Kuscheln waren an der Tagesordnung. Aber als er älter wurde, wurden das immer seltener. Jay war ein hochintelligenter junger Mann, bildungsmäßig an der Spitze seiner Klasse, und wurde später Anwalt.

Die Umstände meines „Selbst-Outings“ begannen etwa 3 Monate, bevor es tatsächlich geschah, als sich Jays Eltern trennten und ein Scheidungsverfahren anstrengten. Es war eine wirklich schlimme Situation, und Jay litt sehr darunter. Seine Mutter wusste von der engen Bindung, die Jay und ich hatten, also bat sie mich, ihm bei all beiseitezustehen, indem ich mit ihm sprach. Ich habe Jay zuliebe gerne geholfen.

Er war gezwungen, 3 ½ Tage pro Woche bei seinem Vater und 3 ½ Tage bei seiner Mutter zu leben. Er hasste es, tolerierte es aber, um nicht noch mehr Streit zu verursachen. Es stellte sich bald heraus, dass seine größter Kummer war, dass seine Mutter ihn im Grunde ignorierte, selbst wenn er bei ihr übernachtete. Also beschloss ich nach ein paar Wochen, dass ich sie damit konfrontieren musste. Ihre Reaktion schockierte mich.

In einfachen Worten sagte sie: „Ich habe einen großen Teil meines Lebens aufgegeben, um ihn aufzuziehen, also werde ich jetzt tun, was ich tun will. Wenn ihm das nicht gefällt, Pech gehabt. Wenn er damit nicht zurechtkommt, dann ist das sein Problem. Das ist mir schnuppe“. Ich antwortete, wenn sie das so empfand, warum dann nicht Jay ganz bei bei seinem Vater wohnen lassen? Sie schoss zurück mit „… und seinen Vater glauben lassen, er habe gewonnen? – Nie und nimmer!“

Ich musste meine Ärger in diesem Zeitpunkt zurückhalten. Das Schlimmste von allem war, dass Jay neben mir saß und jedes Wort seiner Mutter hörte. Schließlich sagte sie einfach: „Wenn er sich gestresst fühlt, massier ihm den Rücken. Das mag er immer“. Ich vergaß für einen Moment das Land, in dem ich mich befand, und meine „Achse des Bösen“-Mentalität setzte ein. Der Gedanke schoss mir durch den Kopf: „Auf keinen Fall werde ich diesen Weg einschlagen. Klassischer „rücksichtsloser Pädophiler“, mit dem Szenario ein emotional verwundbaren Kindes auszunutzen“. Ich konnte sofort erkennen, wie die Leute diese Situation auffassen würden, wenn die Geschichte jemals heraus käme, auch wenn sie damit völlig falsch gelegen hätten.

Nach diesem Treffen sagte ich Jay, dass er nicht bei seiner Mutter bleiben müsse. Das Einzige, womit sie Recht hatte, war, dass er alt genug war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, und so sagte ich ihm, dass er, wenn er mit seinem Vater glücklicher sei, überlegen solle, Vollzeit bei ihm zu leben, und dass seine Mutter ihn nicht davon abhalten könne. Aber es war noch zu früh für ihn. Er träumte immer noch davon, dass seine Familie wieder zusammenkommt, und er wollte nicht den Eindruck erwecken „Partei zu ergreifen“.

Und so kam es, das Jay an jenem Tag, etwa drei Wochen nach dem Gespräch mit seiner Mutter, völlig verzweifelt bei mir zu Hause ankam. Er und seine Mutter waren in einen heftigen Streit geraten, nachdem sie ihn ohne Vorwarnung mit ihrem neuen Freund überrumpelt hatte. In den nächsten 30 Minuten mit mir durchlebte er alle Emotionen von heftiger Wut bis hin zur totalen Verzweiflung. Als sich die Gefühle etwas beruhigten, drehte er sich zu mir um und sagte: „Muppet, kannst du mir einen Gefallen tun? Ich brauche dringend eine Rückenmassage, um mich zu beruhigen.“ Jetzt war ich an der Reihe, in Panik zu geraten. Was soll ich tun? Er war bereits auf dem Weg ins Schlafzimmer, um sich hinzulegen, und ich ging langsam hinter ihm her, unsicher, was ich machen sollte.

Es ging mir nicht um rechtliche Bedenken, weil (a) wir nichts Sexuelles tun würden und (b) er in dieser Gerichtsbarkeit ohnehin über der Schutzalter war. Meine Sorge galt Jay. Wenn ich das täte und es zur Gewohnheit werden würde, wie würde er sich fühlen, wenn er irgendwann in der Zukunft meine Vorliebe für Jungen im frühen Teenageralter entdecken würde? Würde er sich verraten fühlen? Würde er glauben, dass ich ihn und seine Situation ausgenutzt habe? Würde er das Gefühl haben, dass ich unehrlich zu ihm war? Schließlich gab es Menschen in meinem Leben, die wussten, dass ich ein BL war, und so war das kein unmögliches Szenario.

Also sprang ich über die Klippe und beschloss, dass es am besten sei, ihm die Wahrheit zu sagen. Er lag auf dem Bett, an die Wand gelehnt, und ich saß auf einem Stuhl. „Jay, wir müssen zuerst reden.“ Das Gespräch begann so:

Muppet: „Hast du dich je gefragt, warum ich keine Freundin habe?“

Jay – nachdenklich: „Nein“ … Pause … „Willst du mir sagen, dass du schwul bist?“

Muppet: „Irgendwie, aber nicht genau.“

In den nächsten 15-20 Minuten erzählte ich ihm alles. Ich erzählte ihm von meiner Vorliebe für heranwachsende Jungen, von meiner „Beihnahe-Kollision“ mit dem Gesetz ein paar Jahre zuvor aufgrund einer falschen Anschuldigung, von meinen früheren jungen Freunden, von meinen Schwierigkeiten als jüngerer Mann, mit meiner Sexualität zurechtzukommen, und von den Selbstmordgedanken, die meine jungen Jahre geprägt hatten.

Er saß gefesselt da, ohne ein Wort zu sagen. Ich glaube ehrlich gesagt, es war das erste Mal seit der Trennung seiner Eltern, dass er seine eigene Situation beiseite schieben und sich auf etwas völlig anderes konzentrieren konnte.

Zum Schluss sagte ich ihm, dass ich bis über beide Ohren in ihn verliebt sei, und zwar schon seit drei Jahren. Nach einer Pause sprach er, und seine Reaktion ließ mich fassungslos und völlig demütig zurück.

Jay: „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

Muppet: „Ich hatte Angst, du würdest mich nicht mehr mögen.“

Jay: „Ich dachte, du würdest mich besser kennen.“

Diese letzte Bemerkung hat mich wirklich getroffen. Ich fühlte mich schuldig, dass ich ihm nicht vertraut hatte, vor allem nach all dem Vertrauen, das er in mich gesetzt hatte. Nach einem kurzen Gespräch kamen wir wieder auf das Thema der Rückenmassage zu sprechen, und ich sagte ihm, dass ich es angesichts dessen, was ich ihm gerade gesagt hatte, nicht für angebracht hielt, mit dem Austeilen von Massagen zu beginnen.

Jay – grinste breit: „Blödsinn. Es klingt so, als würde du das jetzt genauso sehr genießen wie ich“.

Also ließ sich Jay den Rücken massieren, und in den folgenden Monaten noch einige weitere Male. Schließlich zog Jay wieder bei seinem Vater ein und begann, wieder etwas Stabilität in sein Leben zu bekommen. Unsere Freundschaft hielt an, aber sein Bedürfnis nach emotionaler Unterstützung durch mich nahm ab, als sein Stresspegel sank.

Ein paar Jahre später war mein Auslandseinsatz beendet, und ich zog zurück in mein Heimatland. Wir blieben eine Zeit lang über das Telefon in Kontakt (damals gab es noch keine sozialen Medien), aber selbst diese Anrufe wurden weniger häufig.

An seinem 21. Geburtstag beschloss ich jedoch, ihn zu überraschen, und flog unangekündigt zu ihm. Als ich bei ihm zu Hause ankam, war er gerade auf dem Weg zu einem Essen mit ein paar Studienkollegen, zu dem ich hinzugeladen wurde. Es war eine verhaltene Feier, vor allem, weil sie in der nächsten Woche oder so Prüfungen hatten, und sie wollten die eigentliche Feier erst nach diesen Prüfungen beginnen.

Jay und ich fuhren in einem Auto, seine Kumpel in dem anderen, und das gab uns Gelegenheit zum Plausch. Nachdem er sich über allgemeine Angelegenheiten informiert hatte, wurde er still. Ich fragte ihn, ob es ihm gut ginge, und er gab mir einfach noch einmal eins drauf.

Jay: „Erinnerst du dich an den Tag, an dem du mir zum ersten Mal gesagt hast, dass du mich liebst?

Muppet – vorsichtig: „Ja“. (Ich fragte mich, wohin das führen würde).

Jay: „Ich fühlte mich an diesem Tag so besonders. Als ich an diesem Abend zu Bett ging, war es das erste Mal nach der Trennung meiner Eltern, dass ich die Nacht durchschlief, ohne aufzuwachen.

Muppet: „Wirklich?“

Jay: „Ich möchte dir einfach für alles danken, was du für mich getan hast. Ohne deine Liebe hätte ich diese Zeit nie überstanden.“

Muppet: „Wow. Ich liebe dich immer noch, weißt du. Vielleicht nicht so, wie ich dich damals geliebt habe, aber ich liebe dich immer noch.“

Jay: „Ich weiß.“

Von da an verlagerte sich unser Gespräch auf andere Dinge, und wir genossen ein tolles Essen. Am Ende des Essens umarmten wir uns und ich ging. Das war das letzte Mal, dass ich ihn persönlich gesehen habe.

Er ist jetzt glücklich verheiratet und hat selbst Kinder, und wir sind beide mit unseren Leben weitergezogen. Aber wie man sieht, werden mir die Erinnerungen für immer bleiben.

Muppet


Ich habe es nicht ohne Tränen durch diesen Bericht von Muppet geschafft.

Da weiß man wieder, warum man BL ist und warum das Leben trotz allem lebenswert sein kann.

Buchempfehlung: Sehr kleine Liebe

Ich habe mir schon lange vorgenommen, eine Empfehlung zu dem Buch „Sehr kleine Liebe“ von Ted van Lieshout zu schreiben.

Der Autor wurde 1955 geboren. Er studierte Kunst und Formgebung an einer renommierten niederländischen Kunst- und Designakademie und unterrichtete danach an der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten, der ältesten Kunstakademie der Niederlande. 1990 wurde er Vollzeit-Schriftsteller. Er ist vor allem für seine Gedichte und Kinderbücher bekannt.

Sein autobiographisches Buch Zeer kleine liefde (Sehr kleine Liebe) wurde 1999 veröffentlicht. Er gewann damit 2001 einen angesehen Kinderbuchpreis (Nienke van Hichtum-prijs). Die deutsche Fassung, die ich hier bespreche, erschien 2014. Es ist ein schmales Hardcover-Buch mit einigen berührenden Gedichten, gelungenen Illustrationen und dem Abdruck eines Briefwechsels. Wer das Buch kauft, bekommt für 15.90 € kaum 30 Seiten gedruckter Text .

Aber was für Seiten!

Wie bereits erwähnt, ist das Buch autobiographisch. Es behandelt ein heikles Thema auf feinfühlige und wahrhaftige Weise.

Im Alter von 11 bis 12 Jahren hatte Ted etwa ein Jahr lang eine sehr enge Beziehung zu einem Mann, bei der es auf Initiative des Mannes auch zu sexuellen Handlungen kam. Der Junge brach die Beziehung schließlich nach einem Vorfall, bei dem der Mann seine Grenzen überschritten hatte, ab. Er ging und kehrte nie zurück.

25 Jahre später erhielt er einen Entschuldigungsbrief des Mannes. Hier ein Auszug:

Hallo Ted,

es geschah vor 25 Jahren und trotz meiner Verdrängungsversuche konnte ich es nicht vergessen. (…) Etwas, das nie hätte stattfinden dürfen und wozu ich mich als erwachsene Mann nie hätte hinreißen lassen dürfen. Trotzdem ist es geschehen. Und die Gewissensbisse halten bis heute an. (…) Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dir Schaden zugefügt habe, vielleicht gar für den Rest deines Lebens, schmerzt mich am meisten. Aber ich kann, was geschehen ist, nicht mehr ungeschehen machen. Ich werde keinen Frieden in mir finden, wenn ich nicht wenigstens versuche, dich von meiner tief empfundenen Reue zu überzeugen. (…) Ich hoffe, du akzeptierst, dass ich dich auf diese Weise um Vergebung bitte für das, was ich dir damals angetan habe. (…)

Auf mich wirkt das selbstsüchtig. Es geht nicht um Wiedergutmachung, sondern darum, eine Last von den eigenen Schultern zu rollen. Der Brief ist eine Zumutung.

Allerdings kann man dem Verfasser vermutlich zugute halten, dass er eben tatsächlich bereut und dass ihn die Vergangenheit wirklich quält. Er hat seine Qualen vielleicht selbst verursacht, aber muss er deshalb zwingend ewig unter ihnen leiden?

Ich habe für Härte nichts übrig. Wenn die Menschen einander ein wenig gnädiger begegnen würden, wäre sehr viel gewonnen.

Da es in dieser Sache aber ohnehin nicht um mich geht, ist meine Meinung im Grunde bedeutungslos. Die Meinung, auf die es ankommt, ist die von Ted.

Hier ein längerer Auszug aus dem im Buch abgedruckten Antwortbrief:

Ich bin eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, Sie könnten vielleicht Gewissensbisse haben wegen dem, was damals geschehen ist. Im Lauf der Zeit habe ich eigentlich vermutet, ich müsse einer von Vielen gewesen sein. Ich fand eine einfache Erklärung für das, was mir widerfahren war: Ich war einem Kinderverführer über den Weg gelaufen. Aber ihrem Brief entnehme ich, dass ich der Einzige war: Wenn das stimmt, warum kam es dann dazu und warum mit mir? Ein Zufall war es nicht, denn alles zusammengenommen hat es über ein Jahr gedauert. Und es gab eine sorgfältige Orchestrierung, immer ging es einen kleinen Schritt weiter. Gerade durch das beständige Verschieben der Grenzen dachte ich, Sie wüssten aus Erfahrung genau, was Sie taten.

Ihr Brief weckt Fragen in mir, die ich für längst beantwortet hielt. Aber die Antworten stimmen offenbar nicht, und damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge.

Dass ich später nach anderen Erklärungen gesucht habe, hat damit zu tun, dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. Meine Erinnerung ist mittlerweile lückenhaft, das heißt, ich kann mich irren, aber meiner Meinung nach sind Sie an diesem letzten Nachmittag mit gewissen Handlungen zu weit gegangen. Ich habe mich dann rasch in die Toilette geflüchtet. Da bin ich eine Weile geblieben, habe anschließend auf Wiedersehen gesagt und bin gegangen. Für immer.

An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie.

Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte. Ihnen ist höchstens vorzuwerfen, dass sie, indem Sie Sex in unserer Beziehung zuließen, mir ein Problem aufgehalst haben, mit dem ich mir als Zwölfjähriger keinen Rat wusste. (…)

Klar sollte sein: Sie haben nicht etwas in mir aufgewühlt, das ich versucht hätte zu vergessen. Ich konnte und wollte es nicht vergessen. Ob ich dadurch einen Schaden davongetragen habe, lässt sich schwer sagen, aber wenn dem so ist, dann bedeutet das noch nicht, dass ich diesen Schaden rückgängig gemacht haben will. Alles, was mir widerfahren ist, Gutes wie Schlechtes, ist nun mal Teil meines Lebens und meiner Existenz, Teil der Person, die ich geworden bin – und das lasse ich mir nicht mehr abnehmen.

Sehr schwierig an Ihrem Brief finde ich, dass bei Ihnen das Schuldgefühl im Vordergrund steht und alles andere in den Hintergrund drängt. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. Genau das aber ist es, worum Sie mich bitten.

Natürlich bin ich im Lauf der Zeit zu der Einsicht gelangt, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird, sicher sobald Sex im Spiel ist. So habe ich meinen Standpunkt teilweise der allgemeinen Haltung der Gesellschaft angepasst. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist prinzipiell abzulehnen, weil nicht einzuschätzen ist, was der Schaden für das Kind ist oder sein wird.

Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, auch wenn ich mir im Nachhinein durchaus bewusst ist, dass gerade ihre Zuwendung (eine Hand wäscht die andere) mich auch dann nachgiebig gemacht hat, wenn Sie wieder einen Schritt weiter mit mir wollten. Aber deswegen jetzt Ärger zu machen finde ich übertrieben. Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. Sie sollten nicht erfahren, dass ich, schon bevor Sie damit anfingen, durchaus wusste, was Sex war: Ich hätte Sie auch ohne Weiteres wegschieben können oder aufstehen und nach Hause gehen, aber um das zu tun war ich viel zu neugierig – und ich durfte neugierig sein auf Liebe und Sex. Mich trifft also ebenfalls kein Tadel.

Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…)

Mit fast 15 Jahren habe ich meiner Mutter erzählt, dass es während meiner Besuche bei Ihnen zu gewissen Dingen gekommen war. Der einzige Grund dafür war, dass sie mich in die Enge getrieben hatte, aber zum Glück brauchte ich nicht ins Detail gehen, denn meine Mutter glaubte mir sofort. Sie hatte nämlich schon immer etwas vermutet, aber nie irgendeinen Beweis gefunden.

Ihre Reaktion erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. Ich glaube, sie verstand, dass sie sich zwar an Ihnen hätte rächen können, aber nicht, ohne mich von lästigen Beamten in die Mangel nehmen zu lassen. Ich machte mir deshalb ebenfalls Sorgen, aber vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. Und das habe ich getan. (…)

Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten. Ungeachtet des Ausgangs. (…)

Dass Sie nur zerknirscht zurückblicken können, finde ich schade. Schlimmer: eine Leugnung des Schönen, das es gab. (…) Aber einmal damit konfrontiert, kann ich nicht anders, als Sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu vergeben, in der Hoffnung, dass dabei Raum entsteht anzuerkennen, dass Ihre damaligen Gefühle aufrichtig waren und dass ein kleiner Fehler aus Liebe (oder wie man es auch nennen mag) weniger zuzurechnen ist und keinesfalls 25 Jahre lang nachgetragen werden darf.

Dieser Tage wurde ich mit der Nase auf die Tatsachen gestoßen. Was war, ist immer noch da. Bei Ihnen offenbar auch noch, in Anbetracht Ihres Briefes, allerdings überschattet von „Selbstbestrafung“. Es ist etwas Unerledigtes, das nicht auf die Distanz mit ein paar Briefen abgehandelt oder geradegerückt werden kann. Ich denke, es ist wichtig, uns 25 Jahre später nochmals zu treffen. Mögen Sie darüber einmal nachdenken?

Mit herzlichem Gruß, Ted

Leider ist es zu dieser Begegnung nicht gekommen. Der Brief wurde (durchaus angemessen) beantwortet und das Treffen zugesagt, aber für eine unbestimmte Zukunft, da Teds ehemaliger Freund glaubte, zuvor noch weitere innere Verarbeitungsarbeit leisten zu müssen. Zugleich bat er auch darum, nicht mehr angeschrieben zu werden. Er war verheiratet und fürchtete, seine Frau würde die Briefe entdecken. Er versprach, sich telefonisch melden, wenn er soweit sei. Aber er tat es nie. Vielleicht war er nie soweit. Vielleicht ist er gestorben. Aber am Ende bleibt leider etwas Unerledigtes, das hätte erledigt werden können und müssen.

Es gibt einiges, was mich an dem im Buch „Herr M.“ genanten Mann stört. Da sind seine Selbstkasteiungen und die fehlende Würdigung der schönen gemeinsamen Momente. Da ist der erste Brief, bei dem es mehr um Entlastung für sich selbst geht, als um Wiedergutmachung für den einst geliebten Jungen.

Da ist das zu weit gehen, das nicht näher beschrieben ist, aber das vielleicht noch verzeihlich sein könnte. Schwerer verzeihlich scheint mir, dass Herr M. damals anscheinend nicht realisiert hat, dass er zu weit gegangen ist und sich nicht gekümmert hat, als Ted sich in die Toilette flüchtete und dort eine Weile nicht herauskam. Das empfinde ich als schweres Versagen.

Als ähnlich schweres Versagen empfinde ich, dass er das persönliche Treffen nicht ermöglicht hat, das eigentlich für beide hätte heilsam sein können. Aus meiner Sicht hatte Ted ein Anspruch darauf. Herr M. hat eine wichtige Chance verpasst, etwas gut zu machen.

Aber das Buch ist nun mal autobiographisch. Es erzählt keine Geschichte, sondern das Leben. Und das ist voll von unvollkommenem Menschen, die sich so gut durch das Leben schlagen, wie sie es gerade können. Liebe bekommt man immer nur von Menschen – Wesen mit Mängeln.

Liebe und Zuneigung entschuldigt viel und ich bin mir aufgrund der Schilderung der Beziehung aus Sicht des Jungen (bzw. aus der Sicht des Erwachsenen, der sich daran erinnert, dass er geliebt wurde und geliebt hat) sehr sicher, dass die Liebe und Zuneigung von Herrn M. echt war.

Die erotische Anziehung war nur das Fundament, ohne das es zwar kein Haus gibt, das aber für sich genommen nicht wärmt und nicht schützt, wie es die Beziehung schafft, die man sich auf dem Fundament zusammen aufbaut.

Der erwachsene Ted kam zu der Schlussfolgerung, dass in einer Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind immer ein Machtgefälle vorliegt und dass damit Missbrauch betrieben wird. Ich halte das für einen Irrtum. Problematisch ist nicht ein Machtgefälle, sondern der Missbrauch von Macht. Bei aller berechtigten Kritik an Herrn M.: er hat Ted geliebt und Ted fühlte sich geliebt. Es gab in dieser Beziehung Fehler (wie in jeder anderen auch), aber keinen Missbrauch von Macht.

Ted hat aber Recht, wenn er in seiner Rückschau glaubt, dass ihm durch den sexuellen Teil der Beziehung etwas zugemutet wurde, bzw. dass er einem Risiko ausgesetzt wurde.

Die wahre Geschichte, von der das Buch erzählt, zeigt überdeutlich, dass mit der Kriminalisierung der Liebe von Erwachsenen zu Kindern auch eine Pathologisierung der Kinder verbunden ist, die sich geliebt fühlen, die aber in der Gesellschaft nichts anderes sein dürfen als Opfer.

Für die Legitimität einer Beziehung sollte es keinen anderen relevanten Maßstab geben, als das beide Beziehungspartner in und mit der Beziehung glücklich sind. Aber man muss sich auch der Realität stellen, dass die Gesellschaft andere Maßstäbe anlegt.

Ich glaube keineswegs, dass jeder sexuelle Kontakt eines Erwachsenen mit einem Kind Missbrauch (im Sinne von sexueller Gewalt) ist. Für mich hat Missbrauch nichts mit Alter oder Geschlecht zu tun, sondern liegt dann vor, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt.

Trotzdem kann ich wenig entgegensetzen, wenn Ted van Lieshout in seinem Buch fordert, dass ein Erwachsener einem Kind einen sexuellen Kontakt nicht zumuten darf, da „daraus viel Schaden entstehen kann“. Ich glaube zwar, dass der Schaden vor allem durch die Tabuisierung und Skandalisierung entsteht und durch das Schweigegebot, das auf der Beziehung lastet, aber das macht den möglichen Schaden nicht weniger real.

Das Urteil des erwachsenen Ted bleibt ambivalent.

Einerseits hält er seinem älteren Freund seine Verantwortung vor („Dennoch finde auch ich, dass Sie zu weit gegangen sind. Auch für Sie galt ja, dass Sie nicht absehen konnten, welchen Schaden Sie mir vielleicht zufügten, und darum ist Ihnen vorzuwerfen, dass Sie mich in Gefahr gebracht haben, indem Sie Sex mit mir hatten.“).

Andererseits entschuldigt er ihn auch und weist die eigentliche Verantwortung der Gesellschaft zu („Aber kann man Ihnen das vorwerfen? Sie sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass die Gesellschaft Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ablehnt und ich dadurch mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen hatte.“).

Die Schlussfolgerung kann sein, dass willentlich einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell anzulehnen ist, weil die Gefahr von Sekundärtraumatisierungen (durch Umweltreaktionen und Angst vor Umweltreaktionen) nicht beherrschbar ist.

Die Schlussfolgerung kann aber auch sein, dass die Ächtung von willentlich einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen und Kindern prinzipiell abzulehnen ist, weil sie eine für sich genommen positive Erfahrung potentiell in ein Trauma verkehrt und betroffenen Kindern dadurch schadet.

Ich glaube nicht, dass man sich für eine der beiden Schlussfolgerungen entscheiden muss. Beide haben eine Berechtigung.

Ich habe schon verschiedentlich eingestanden, dass ich mich nach einer Beziehung sehne, wie sie zwischen dem Jungen Ted und seinem Herrn M. anscheinend existierte. Ich wünsche mir, dass irgendwann einmal ein Junge das für mich empfindet, was Ted so beschreibt:

(…) damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für was ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus dem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge. (…) Ich hatte sie verlassen, obwohl ich Sie liebte, und doch traute ich mich nicht mehr zurück. (…) Ich habe nie die schönen Seiten von damals aus dem Auge verloren, ich habe nie das Gefühl gehabt, Ihnen etwas vergeben zu müssen. (…) Sie haben mir nicht wehgetan und mir auch nichts Böses gewollt; Sie haben mich mit Aufmerksamkeit umgeben. In meinen Augen war es darum ein ideales Verhältnis: zwischen einem Jungen und einem Mann, der begriff, dass ich mehr war als „nur ein Kind“. Ein Mann, der mich für außergewöhnlich genug befand, um mit mir Umgang zu pflegen, der mich lieb fand, obwohl er kein Verwandter war, der mir zuhörte und mir Zeit schenkte, der nicht ständig sagte, dies oder das dürfe ich nicht, der mir Wärme gab und mich anfassen wollte, sanftmütig war und mich ins Vertrauen nahm, und der außerdem groß und stark genug war, mich zu beschützen. – Ja, ich war stolz darauf, dass wir etwas zusammen hatten. Ich habe unser Verhältnis darum nie als eine Situation erfahren, in der ich missbraucht wurde, (….) Ich war nicht auf den Kopf gefallen und durchschaute durchaus, dass Sie auf mich flogen. Dass mir das klar war, habe ich Ihnen nie gesagt, sondern für mich behalten. (…) vor allem ging es mir darum, dass niemand Ihnen etwas Böses tat. Sie zu beschützen fand ich am allernötigsten. (…)

Aber man darf deshalb nicht außer Acht lassen, dass Ted unter den Beziehungsfolgen auch gelitten hat. Es graust mir davor, dass ein Junge einmal meinetwegen Nöte durchleiden könnte, wie sie Ted hier beschreibt:

(…) dass unsere Beziehung recht unvermittelt abbrach und ich mit lauter Gefühlen dasaß, mit denen ich mir keinen Rat wusste. (…) An diesem Nachmittag überfielen mich fürchterliche Schamgefühle. Die Ablehnung der Kirche und Gesellschaft die neue Schule, Angst, mich von Klassenkameraden zu isolieren; das alles spielte mit hinein. Anschließend fühlte ich mich schuldig, (…) Diese Gefühle der Schuld und der Scham musste ich allein verarbeiten, ohne zu wissen, wie. (…) Dennoch habe ich jahrelang geglaubt, schuldig zu sein, weil ich ein großes Geheimnis mit mir herumtrug. Mit etwa 20 Jahren habe ich häppchenweise darüber zu sprechen begonnen, weil ich mich nicht mehr dafür schämte, und dann kam ich langsam dahinter, dass es nicht mein Geheimnis war, mit dem ich mich da abschleppte, sondern Ihres. Damit waren auch meine Schuldgefühle vorbei. (…) Ihre Reaktion [die der Mutter] erschreckte mich dann aber doch. Sie wurde fürch-ter-lich wütend auf Sie. Sie wollte umgehend zur Polizei stöckeln und nur durch mein Flehen konnte ich sie davon abhalten. Als meine Mutter sah, welche Angst ihre Reaktion in mir hervorrief, beruhigte sie sich. (…)

Ich muss mir zwar nicht vorhalten lassen, in einer ähnlichen Situation die selben Fehler wie Herr M. zu begehen, aber realistisch betrachtet bin ich als Mensch ein Wesen mit Mängeln und mache meine eigenen Fehler. Es wäre Hybris zu behaupten, dass mir etwas anderes, in der Wirkung auf einen geliebten Menschen vergleichbares, nicht passieren könnte.

Was vielleicht noch schlimmer ist: Ted hätte auch dann gelitten, wenn man die offensichtlichen Fehler von Herrn M. von der Beziehung abzieht. Die Schuldgefühle wegen Kirche und Gesellschaft, die Angst, sich von Klassenkameraden zu isolieren, der Schrecken als die Mutter von der Beziehung erfuhr, das belastende Geheimnis. Alle diese Aspekte hätte es auch dann gegeben, wenn Herr M. nicht zu weit gegangen wäre oder zumindest seinen Fehler erkannt und sich unmittelbar entschuldigt hätte.

So sehr ich mir wünsche, einen anderen Mensch glücklich zu machen und eine „ideale Beziehung“ mit ihm zu leben, so sehr graut es mir davor, einem geliebten Menschen Jahre der Schuld- und Schamgefühle aufzubürden, die es ohne mich nicht gegeben hätte.

Die autobiographische Geschichte von Ted konfrontiert mit einer Wirklichkeit, in der eine echte und warme Liebe für den Jungen gleichzeitig Segen und Zumutung ist. Der Segen kommt aus der Beziehung, die Zumutung aus der Gesellschaft.

Ohne die Ächtung durch die Gesellschaft hätte nicht nur Ted ein viel besseres Leben gehabt, sondern auch sein Herr M., der sich jahrzehntelang mit Selbstvorwürfen kasteit hat. Nicht nur Ted, sondern auch Herr M. wurde Opfer der Gesellschaft.

Aber wenn ich ehrlich bleiben will, kann ich mir nicht nur den Teil der Wahrheit heraussuchen, der mir aus persönlichen Motiven in den Kram passt. Die Gefahr einer Sekundärtraumatisierung durch eine eigentlich positiv erlebte Beziehung ist real und letztlich nicht beherrschbar.

Hinzu kommt: eine sexuelle Beziehung zu einem Erwachsenen ist kein notwendiger oder gar zwingend positiver Entwicklungsschritt für einen Jungen (oder ein Mädchen). Mit welchem Recht, darf man einem Jungen eine solche, auch sexuelle Beziehung dann zumuten?

Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so sehr auf meine Meinung und meine Zweifel an.

Die Person, um die es wirklich geht, deren Meinung maßgeblich ist, ist der Junge. Nicht ich und auch nicht der hypothetische, noch gar nicht existierende Erwachsene, dem man unterstellt, dass er vielleicht irgendwann einmal ein Problem mit bestimmten Aspekten der Beziehung haben könnte.

Und deshalb hoffe ich weiter, dass mir irgendwann ein junger Mensch begegnet, der meine Bedenken mit einem Lächeln beiseite wischt und mir die Chance gibt, ihn glücklich zu machen und in seinem Glück auch mein eigenes zu finden.

Kindliche Unschuld: Fehlanzeige

Ein Mythos, der sich zäh hält, ist der von der angeblichen Unschuld der Kinder.

Kinder wirken niedlich (Kindchenschema) und sind schutzbedürftig, aber mit Unschuld sollte man das nicht verwechseln. Insbesondere sind Kinder nicht sexuell „unschuldig“, was aber eigentlich ohnehin schon unsinnig ist, weil Sexualität generell nichts mit Schuld zu tun hat.

Ich finde es verstörend, wenn einerseits mantrahaft die kindliche Unschuld betont wird, andererseits eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Herabsetzung der Strafmündigkeit befürwortet.

In einer Umfrage bei Stern.de vom Juli 2019 waren 83 Prozent für die Herabsetzung von 14 auf 12 Jahre und 12 Prozent dagegen (ca. 3.200 Teilnehmer). Bei einer Insa-Meinungstrend Umfrage aus dem selben Monat im Auftrag der „Bild“-Zeitung waren 57.9 Prozent für eine Herabsetzung, 25.8 Prozent dagegen.

Ich halte es da eher mit Prof. Dr. Thomas Fischer, ehemaliger Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs:

Von allen Möglichkeiten und Vorschlägen, wie man mit problematischen, sozial randständigen, gefährdeten oder verwahrlosten kindlichen Grenzüberschreitern und Straftatverwirklichern umgehen kann oder soll, ist die Ausweitung des Strafrechts auf sie die sinnloseste, erbärmlichste und schädlichste.

Aus „Das Kind, der Verbrecher und die CSU“ bei Spiegel Online

Die Gleichzeitigkeit des Zelebrierens kindlicher Unschuld und der Propagierung einer Bestrafung verbrecherischer Kinder ist für mich schizophren.

Aber zurück zur Sexualität.

In Wissenschaftskreisen ist längst bekannt, dass es auch vorpubertär eine kindliche Sexualität gibt, die sich zwar von der Erwachsenen-Sexualität unterscheidet, aber deswegen nicht minder sexuell ist. In der Pubertät wird das sexuelle Erleben und Verhalten dann mit dem von Erwachsenen vergleichbar. Das sexuelle Interesse erreicht in der Pubertät sogar seinen Höhepunkt.

Schaut man in die üblichen Tabellen der Polizeilichen Kriminalstatistik, dann wirkt der Anteil kindlicher Tatverdächtiger an den verschiedenen Sexualstraftaten erst einmal nicht sehr hoch. In der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS 2019) findet man in der Statistik der Tatverdächtigen nach Alter und Geschlecht für den Sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) insgesamt 10.259 Tatverdächtige von denen 1.276 Kinder unter 14 Jahren waren.

Es gibt aber natürlich nicht so viele Kinder wie Erwachsene.

Wenn man die relative „Kriminalitätsneigung“ von Kindern im Vergleich zu der von Erwachsenen verstehen will, muss man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl heranziehen. Das ist eine kriminologische Häufigkeitsangabe und gibt die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles an. Kinder unter acht Jahren werden dabei nicht berücksichtigt. Die Tatverdächtigenbelastungszahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden.

Einen Einblick in die aktuellen Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) liefert die Statistik der Tatverdächtigenbelastung Deutsche nach Alter und Geschlecht der Kriminalstatistik 2019.

Ich habe aus den Angaben zu den verschiedenen Straftaten eine Auswahl getroffen und dabei zur besseren Übersichtlichkeit auf die Differenzierung der Täter nach Geschlecht verzichtet. Leider ist die Tabelle recht groß, so dass das Bild dazu hier nur sehr klein dargestellt wird. Um die Tabelle gut lesen zu können, muss man etwas heranzoomen.

Ausgewählte Straftaten PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Bei den den „Straftaten gesamt“, Körperverletzung, Diebstahl, Beleidigung und Sachbeschädigung usw. sieht man, dass Kinder schon ganz allgemein gesehen keineswegs „unschuldig“ sind. Sie kommen überall vor. In der Gruppe der 12 bis 13-jährigen liegt die Tatverdächtigenbelastungszahl außer bei Beleidigungen und fahrlässiger Körperverletzung sogar über dem Wert für die Gesamtbevölkerung.

Bei jüngeren Kinder sinken die Werte. Diesbezüglich sollte aber beachtet werden, dass strafrechtlich relevante Handlungen von Kindern oft nicht angezeigt werden, weil viele sich über die Straflosigkeit von Kindern aufgrund ihrer fehlenden Strafmündigkeit im Klaren sind. Bei einem 12 bis 13-jährigen kann man auf Anhieb nicht sicher erkennen, ob er vielleicht bereits strafmündig ist. Bei jüngeren Kindern gelingt dies schon eher.

Teilt man den Wert der Altersklasse z.B. bei der vorsätzlichen einfachen Körperverletung 381 pro 100.000 für die 12 bis 13-jährgen durch den Wert für die Gesamtbevölkerung von 331, dann erhält man ein Aktivitätsniveau der Alterklasse relativ zur Gesamtbevölkerung von 115%. Dieses Niveau habe ich für jede der Straftaten und Alterklassen errechnet.

Interessant finde ich zum Beispiel, dass Kinder relativ seltener bei fahrlässiger Körperverletzung auffällig werden (z.B. 48 % bei 12 bis 13-jährgen). Wenn man sich die absichtlichen (vorsätzlichen) Fälle anschaut, liegen die 12 bis 13-jährgen darüber (115%). Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung steigt das Niveau noch weiter an.

Ehe man nun mit der Verteuflung anfängt: sie liegen immer noch unterhalb des Niveaus aller Altersklassen darüber bis inklusive der 25 bis 30-jährigen.

Natürlich interessieren mich hier besonders die Werte aus dem Bereich der Sexualstraftaten. Hier eine entsprechende Übersicht zu ausgewählten Straftaten mit Sexualitätsbezug:

Ausgewählte Straftaten mit Sexualitätsbezug, PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Für den sexuellen Missbrauch von Kindern liegen das Aktivitätsniveau der 10 bis 11-jährigen bei 89% des durchschnittlichen Aktivitätsniveaus der Gesamtbevölkerung. Bei den 12 bis 13-jährigen liegt der Wert 328%, bei 14 bis 15-jährigen bei 646%, bei 17 bis 18-jährigen bei 434%. Danach geht der Wert dann für Heranwachsende auf 225% zurück und bleibt für höhere Altersklassen bei etwa 120%. Er sackt dann im Bereich der 50 bis 60-jährigen auf 59% und für die noch älteren auf 24% ab. Die Fallzahlen der 8 bis 9-jährigen (65%) liegt etwa auf dem Niveau der 50 bis 60-jährigen.

Eine ähnliche Beobachtung kann man auch bei den anderen Straftaten mit Sexualbezug ablesen. Im Grunde sieht man hier wohl vor allem, wie sich die Libido bzw. das sexuelle Interesse im Laufe des Lebens ändert.

Schaut man sich die Prozentzahlen an, kann man leicht erkennen, dass durch die Bank bei allen dargestellten Straftaten die höchste Aktivität bei den 12 bis 13-jährigen, den 14 bis 15-jährigen und den 16 bis 17-jährigen zu verzeichnen ist.

Mich verwundert das kein bisschen. Dieses Segment der Bevölkerung ist pubertäts-bedingt das sexuell aktivste und fällt deshalb natürlich auch am häufigsten auf.

Mit der sexuellen „Unschuld“ der Kinder ist es jedenfalls nicht weit her, auch nicht wenn man die offiziellen Zahlen zu den Tatverdächtigen-Statistiken des BKA heranzieht. Schon 10 bis 11-jährige sind da bereits nahe am Niveau der Gesamtbevölkerung. Danach kommt es zu einem fast schon exponentiellen wirkenden Anstieg des sexuellen Interesses und der „Auffälligkeiten“ mit Spitzenwerten bei den 14 bis 15-jährigen. Erst nach der Heranwachsendenphase (Altersklasse 18 bis 20) wird ein „Normallevel“ erreicht.

Schauen wir uns nun die Werte für Pornographiedelikte an:

Ausgewählte Straftaten mit Pornographiebezug, PKS 2019 (TVBZ und realtives Niveau nach Altersklasse)

Man kann erkennen, dass die Herstellung (!) von Kinder- und Jugendpornographie vor allem ein Kinder- und Jugendverbrechen ist. Wahrscheinlich handelt es sich überwiegend um „Selbstportraits“. Die Hürden sind denkbar niedrig. Mehr als sexuelles Interesse und ein Smartphone braucht es dazu nicht.

Die pädoaktivistische Seite Krumme13.org berichtete dazu bereits vor ein paar Tagen:

Auch in diesem Jahr wird an der polizeilichen Kriminalstatistik(PKS) wieder deutlich, dass auch immer mehr Kinder & Jugendliche von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen und verbreiten. Die Kriminalisierung der Kids schreitet weiter voran. Hausdurchsuchungen bei der Eltern sind stets die furchtbaren Folgen. Die Kids von heute sind keine sexuallosen Wesen, die nicht wissen, was sie wollen. Kinder, die von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen, können sich dabei nicht selbst vergewaltigen. Sie können dabei auch nicht an ihrem eigenen Körper sexuell übergriffig werden. Erst Recht gilt dies für Jugendliche.

Aus dem Artikel „Kriminalstatistik 2019 veröffentlicht

Die Herstellung von Kinderpornographie mit Verbreitungsabsicht (!) kommt bei 8 bis 9-jährigen 3,16-mal, bei den 10 bis 11-jährigen 5,14-mal, bei 12 bis 13-jährigen 14,53-mal (!) und bei 14 bis 15-jährigen 3,52-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Die Herstellung von Jugendpornographie mit Verbreitungsabsicht kommt bei 14 bis 15-jährigen fast 20-mal (!) und bei 16 bis 17-jährigen 9,32-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Auch Cybergrooming (vorherige Tabelle, dort die Zeile „Einwirken auf Kinder § 176 Abs. 4 Nr. 3 und 4 StG“) ist ganz entschieden vor allem eine Straftat von Kindern ab 12 (641%), Jugendlichen (960%) und Heranwachsenden (606%).

Ein paar Schlussfolgerungen dazu:

1) Die Gesetze, die Kinder und Jugendliche schützen sollen, treffen Kinder und Jugendliche überproportional häufig.

Aus meiner Sicht, bedeutet das nicht, dass man spezielle Straf- und Erziehungskonzepte für auffällig gewordene Kinder und Jugendliche benötigt, sondern dass kinder- und jugendtypisches Verhalten, das nicht strafwürdig ist, nach aktuellem Gesetz unter Strafandrohung steht. Hier gibt es Korrekturbedarf.

Die Herstellung von kinder- oder jugendpornographischen Schriften sollte für Kinder und Jugendliche straffrei sein. Die eigene Verbreitung eines kinder- oder jugendpornographischen Selbstportraits sollte ebenfalls von Strafe befreit sein.

Bei sexuellem Missbrauch von Kindern (inkl. Cybergrooming) sollte es eine Altersdistanzklausel von drei oder vier Jahren geben, die bewirkt, dass sich zum Beispiel ein 14-jähriger, der einvernehmlichen Sex mit einem 12-jährigen hat, nicht mehr strafbar macht.

2) Schon 12 bis 13-jährige haben ganz offensichtlich regelmäßig ein intensives sexuelles Interesse.

Wer sich für etwas interessiert, ist typischerweise entwicklungsgemäß auch reif genug, um auf dem betreffenden Gebiet Erfahrungen zu sammeln. Das Lebensrisiko, dass dabei nicht jede Erfahrung zwingend positiv sein muss, muss man in diesem Fall hinnehmen.

Kinder haben Rechte und zu diesen Rechten gehört auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung also das Recht „ja“ oder „nein“ zu sagen. Eine Verkürzung auf das Recht, „nein“ zu sagen, ist für jemanden, der sich bereits intrinsisch motiviert für sexuelle Handlungen interessiert, nicht hinnehmbar.

Eine Anerkennung des Rechts des Kindes, „ja“ zu sagen, bedeutet dabei noch nicht, dass man willentlich einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen deshalb zwingend legalisieren muss. Es gibt schließlich zwei Beteiligte und es ist möglich, eine Pflicht des Erwachsenen zu postulieren, in diesem Fall „nein“ zu sagen, auch wenn er eigentlich gerne „ja“ sagen würde.

Die Pflicht, auf ein „ja“ mit einem „nein“ zu antworten, wäre dann aber ein schwerwiegender Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung des Erwachsenen UND des Kindes. Er müsste daher sehr gut begründet sein. Es müsste dafür wissenschaftlich nachweisbar sein, dass ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt eines Kindes mit einem Erwachsenen ein Kind mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit belastet, als ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt mit einem anderen Kind.

Eine Pflicht, eines Kindes (oder eines beinahe-Kindes) auf ein „ja“ eines anderen Kindes mit einem „nein“ zu antworten, kann es dagegen nicht geben. Einem Erwachenden gegenüber mag das bei guter sachlicher Begründung noch zumutbar sein. Dieselbe Anforderung an ein Kind zu stellen, wäre unverhältnismäßig.

Zumindest die Schutzwirkung einer tatbestandsauschließenden Alterdistanzklausel ist daher überfällig. In Österreich und der Schweiz gibt es bereits entsprechende Regelungen. Deutschland sollte nachziehen.

Beispiel für eine solche Klausel (aus Artikel 187 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs):

Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.

3) Wenn Kinder offensichtlich mit 10 und 11 Jahren schon annähernd auf dem sexuellen „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung liegen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 95%) und Kinder von 12 und 13 Jahren das „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung deutlich übertreffen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 579%), dann erscheint das aktuelle, starre Schutzalter von 14 Jahren als zu hoch.

Das mit dem Schutzalter geschützte Rechtsgut ist die „von vorzeitigen sexuellen Erlebnissen ungestörte Gesamtentwicklung des Kindes“.

Vorzeitig ist, was von außen aufgedrängt wird, bevor es ein eigenständiges intrinsisches sexuelles Interesse gibt. Hiervon kann spätestens in der Altersklasse der 12 bis 13-jährigen wohl keine Rede mehr sein.

Wer aus „entwicklungspsychologischen Gründen“ dennoch eine erst spätere sexuelle Reife postuliert, die das Kind erst später zur Ausübung seines sexuellen Selbstbestimmungsrechts befähigt, muss es aushalten, wenn wissenschaftliche Beweise für seine These verlangt werden. Eine lediglich von Moralvorstellungen getragene Meinung oder Theorie reicht zur Rechtfertigung eines schwerwiegenden Grundrechtseingriffs nicht aus.

Gute Frage … (sichtbar sein – aber wo?)

Vorurteile überleben nicht immer die Begegnung mit der Wirklichkeit.

Einem Muslim, einem Asylanten, einem Homosexuellen oder einem Transsexuellen kann man im wirklichen Leben begegnen. Und dann stellt man vielleicht fest, dass die Person nicht oder jedenfalls nicht so ganz in das Bild passt, das man sich von ihr gemacht hat. Sie ist dann eben die Ausnahme. Das ändert nichts am Vorurteil, weicht es aber vielleicht doch ein wenig auf.

Wenn man dann der dritten, fünften oder zehnten Ausnahme begegnet ist, wird das eigene Erleben langsam wichtiger als das fremdvermittelte Bild an dem man sich bis dahin orientiert hat. Und wenn man genug Menschen kennenlernt hat, bestehen gute Chancen, dass sich die eigene Erfahrung der Wirklichkeit annähert.

Das vermittelte Bild vom Pädophilen ist der gewalttätige oder manipulative in jedem Fall aber egoistische, triebhafte und böse Kinderschänder. Pädophile und vermeintliche Pädophile „kennt“ man nur aus Nachrichten über Missbrauchstaten und die Massenmarkt-taugliche Verarbeitung in Krimisendungen. Das Bild speist sich also vor allem aus echten und erfundenen Verbrechen gegen Kinder, die nicht notwendigerweise von Pädophilen begangen wurden, ihnen in der Regel aber zugeschrieben werden. Die Mehrzahl der Täter sind in Wirklichkeit Ersatztäter.

Entkräftet werden kann dieses Bild nicht. Man begegnet ja keinen Pädophilen. Oder richtiger: man begegnet zwar Pädophilen, erkennt sie aber nicht als solche. Man kann schließlich niemandem die Pädophilie an der Nasenspitze ansehen und Pädophilie ist so stark geächtet, dass niemand sich freiwillig dem Risiko aussetzt, sich als Pädo zu erkennen zu geben.

Orte, wo man Pädophilen zumindest virtuell begegnen könnte, etwa auf Selbsthilfeforen wie dem Jungsforum, auf Seiten von Aktivisten wie K13 Online oder auf meinem Blog, ziehen Normsexuelle nicht an und die meisten, die zufällig darauf stoßen, wenden sich sofort wieder ab, ohne sich mit dem Vorgefundenen auseinander gesetzt zu haben.

Einerseits empfinden viele Normsexuelle diese sexuelle Orientierung als abstoßend, andererseits kann die Befürchtung aufkommen, dass man allein durch den zufälligen Besuch einer pädophilen bzw. pädofreundlichen Webseite selbst in den Verdacht geraten könnte, pädophil zu sein – und aufgrund dieses Verdachts geächtet zu werden oder Besuch von der Polizei zu bekommen.

Auch bei frei zugänglichen und inhaltlich völlig legalen Angeboten beschränkt sich die Leserschaft pädophiler Internetseiten daher im Wesentlichen auf Pädophile.

Wenn man als Pädophiler trotzdem ein wenig an den Vorurteilen rütteln will, bedeutet das meines Erachtens, dass man dahin muss, wo man vor allem Normsexuelle erreicht und wo man sich pseudonym als Pädo outen kann, ohne dass man deshalb rausgeschmissen oder geblockt wird.

Wohin könnte man da gehen? Gute Frage …

Die Antwort – jedenfalls eine mögliche Antwort – ist gutefrage.net.

gutefrage.net (Eigenschreibweise: gutefrage) ist eine digitale Frage-Antwort-Community, nach Zahlen die größte ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Ziel der Plattform ist es, praktische Ratschläge, persönliche Erfahrungen, Wissen und Meinungen kostenfrei zwischen den Nutzern zu vermitteln. Der Austausch auf gutefrage.net ist, sofern gesetzeskonform, nicht themenlimitiert und kann entsprechend zu allen Bereichen des täglichen Lebens stattfinden. (…)

Die Internetplattform dient Fragestellern dazu, von anderen Nutzern Antworten auf individuelle Fragen zu erhalten. Diese können nach einem persönlichen Rat oder einer persönlichen Erfahrung fragen, Diskussionen anstoßen oder lexikalischen Charakter haben. Sowohl Fragen als auch Antworten lassen sich nach einer Registrierung unlimitiert einstellen.

Die Vergabe von Themen/Schlagworten (Social Tagging) erleichtert das Auffinden von Fragen und Antworten. Registrierte Nutzer können einzelne Themen abonnieren und somit Fragen zu diesen Themen per Mail sowie in ihrem persönlichen Fragen-Feed erhalten.

Als Content Farm besteht der Inhalt der Seite größtenteils aus User-Generated-Content. Beiträge der Nutzer werden dabei durch ein internes System der Punktevergabe (Gamification) belohnt, welches auf Bewertungen durch andere Nutzer beruht. (…)

Neben der Contentproduktion haben die Nutzer die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen, über private Nachrichten zu kommunizieren und Beiträge aller Art zu bewerten. Fragesteller haben zudem die Option, unter den Antworten auf ihre Frage die hilfreichste auszuzeichnen. (…)

Auf gutefrage.net wird nach formalen Richtlinien moderiert. Eine inhaltliche Moderation findet mit wenigen Ausnahmen nicht statt.

Aus dem Wikipedia-Artikel Gutefrage.net

Ich habe mich vor etwas über einem Jahr auf Gutefrage.net als Schneeprinz angemeldet (Schneeschnuppe war leider nicht verfügbar). Bisher habe ich 67 Antworten eingestellt, überwiegend zu den Themenbereichen Pädophile und Kindesmissbrauch. Zum Teil habe ich dabei auch Abschnitte aus Blogartikeln wiederverwendet oder auf Blogartikel verlinkt. Im Unterschied zum Blog sind meine Leser dort aber ganz überwiegend Normsexuelle.

Hier ein paar aktuelle Beispiele:

Frage von DasPferdechen:

Was sagst du zu dieser Aussage (Pädophilie)?

„Da es Kinder gibt, die durch sexuelle Handlungen mit Erwachsenen gar nicht schwer traumatisiert werden, sollte Sex mit Kindern grundsätzlich legalisiert werden. Sexueller Missbrauch soll aber trotzdem verboten bleiben.“

Ich persönlich bin absolut gegen diese Aussage aus verschiedenen Gründen und würde gerne eure Argumentation dazu hören.

Meine Antwort dazu (85 mal gelesen, von 5 Personen als „hilfreich“ markiert und 2 mal mit einem „Danke“ bedacht):

Für mich wäre das wesentliche, dass sexueller Missbrauch weiterhin strafbar bleibt.

Wenn es keinen sexuellen Missbrauch gab (also: willentliches Einverständnis, keine Gewalt, keine Nötigung, keine Drohungen, keine Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses, kein Inzest) und keine Schädigung erkennbar ist (keine Traumatisierung) wäre der Resttatbestand aus meiner Sicht nicht strafwürdig.

Es stellt sich für mich dann die Frage, ob in Hinblick auf den Resttatbestand überhaupt noch ein legitimer Schutzzweck erfüllt wird. Moralvorstellungen haben im Sexualstrafrecht eigentlich nichts verloren. Es geht um den Schutz von Rechtsgütern vor einer Beeinträchtigung (sexuelle Selbstbestimmung) und vor einer Gefährdung (Ungestörte sexuelle Entwicklung).

Bei Fehlen von Missbrauchstatbeständen UND willentlichem Einverständnis UND Abwesenheit von Beeinträchtigungen / Schäden kann man von einem Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht mehr reden. Allerdings kann man durch die Tat eine abstrakte Gefährdung der sexuellen Entwicklung annehmen, die dann strafbar sein kann, ohne dass sich die Gefährdung tatsächlich realisieren muss.

Dem steht entgegen, dass durch ein lediglich auf abstrakten Gefährungsüberlegungen beruhendes Verbot die sexuelle Selbstbestimmung des Kindes eingeschränkt wird. Wenn Kinder Rechte haben (was ja neuerdings durch Politiker aller Parteien überwiegend bejaht wird), dann muss man diese Rechte auch ernst nehmen und eine Ausübung der Rechte akzeptieren, die einem nicht in de kram passt und die man anstößig findet.

Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn es mehr Forschungen zu den Wirkung (auch Spätwirkungen) von sexuellen Kontakten gäbe. Dies ist bereits wichtig, um die bestmögliche Behandlung von Schäden bzw. Versorgung von Opfern zu gewährleisten, sollte aber auch Erkenntnisse in Hinblick auf die Haltbarkeit des abstrakten Gefährungstatbestandes liefern.

In anderen Bereichen haben sich vermutete (oder vorgeschobene) abstrakte Gefährdungen bereits als wissenschaftlich haltlos erwiesen (Verführungstheorie zur Homosexualität). Das bedeutet nicht, dass er sich an anderer Stelle zwangsläufig ebenfalls als haltlos erweisen muss. Wenn man hierzu wissenschaftliche Erkenntnisse hätte, wäre das aber durchaus bedeutsam, auch für die strafrechtliche Würdigung.

Wenn man die Existenz nicht oder weniger strafwürdiger Fälle bejaht, wäre es meines Erachtens sinnvoll, zur Vermeidung unbilliger Härte z.B. einen „minder schweren Fall“ einzuführen.

Wenn z.B. Staatsanwalt und Richter der Auffassung sind, dass es zwischen den Beteiligten ein Liebesverhältnis gab, macht die Bestrafung aus meiner Sicht keinen Sinn und ist sogar schädlich.

Wenn man meint, dass es solche Fälle ohnehin nicht gibt, kann man die Möglichkeit von einer Bestrafung in diesem Fall abzusehen, zulassen, da sie in der Praxis ohnehin nie greifen würde also auch niemandem den Schutz entzieht.

Wenn man es für möglich hält, dass es solche Fälle tatsächlich gibt, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man dieser Wirklichkeit besser gerecht werden kann als es mit dem heutigen Strafrecht möglich ist.

Disclaimer

Ich bin pädophil, bzw. päderastisch veranlagt und fühle mich zu Jungen im Alter von ca. 10 bis 14 Jahren hingezogen. Ich bin weder übergriffig geworden, noch sehe ich die Gefahr einmal übergriffig zu werden.

Wenn jemand meint, dass meine Gedanken bereits dadurch entwertet werden, dass man mir ein Eigeninteresse unterstellt, muss ich das in Kauf nehmen.

Ich hoffe, dass es trotzdem möglich ist, die Argumente zum Thema sachlich abzuwägen und zu diskutieren. Es kommt nicht darauf an, was ich mir vielleicht wünsche oder was ein anderer ekelig und unmoralisch findet, sondern darauf, wie man den Menschen am besten gerecht wird.

Als weiteres Beispiel eine Frage von Alien94:

Sexueller Missbrauch, Schutzalter und Psychologie?

TRIGGERWARNUNG: Wer selbst Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste, muss damit rechnen, dass es in der Frage Trigger gibt.

Laut 176 StGB liegt das Schutzalter in Deutschland bei 14 Jahren. Jetzt kann man sich freilich fragen, ob dieses spezielle Alter auf einer wissenschaftlichen Basis fußt.

Gibt es psychologische Studien, die sich mit der Frage nach dem „richtigen“ Schutzalter befassen? Falls ja, bitte einen Link oder eine Buchquelle etc. posten, falls es sowas gibt 🙂

Vielleicht auch nur indirekt? Dass z.B. untersucht wird, wie schlimm die psychischen Folgen in Relation zum Alter sind. In Relation zum Verhältnis zum Täter. Zu Persönlichkeitseigenschaften des Opfers. Zum Umfeld des Opfers.

Denn ich als Laie kann mir nur schwer erklären, wieso die Unterschiede in den Folgen für die Opfer so unterschiedlich sind. Im Grenzbereich unseres Schutzalters (12-15) fällt es mir aus ethischer (nicht: rechtlicher) Sicht oft schwer zu sagen, ob das jetzt ein Missbrauch war oder nicht. Im Grenzbereich verschwimmt alles.

Da wäre halt die Psychologie am Zug, um auf wissenschaftlicher Basis festzustellen, unter welchen Konstellationen Traumata entstehen und unter welchen nicht.

Je nach Ergebnis sollte das Schutzalter erhöht, gesenkt oder flexibilisiert werden. Das gleiche gilt für das Strafmaß.

Ich hoffe, es wird deutlich was ich meine.

Danke für eure Antworten 🙂

Meine Antwort dazu (196 mal gelesen, 2 mal „hilfreich“, 1 mal „Danke“, 26 Kommentare):

Es gibt eine Reihe von Studien, die nahelegen, dass es sich bei sexuellen Kontakten mit Minderjährigen nicht immer um sexuelle Gewalt handelt. Einige Beispiele:

1) Studie „Sexualität, Gewalt und psychische Folgen“, erschienen in der Forschungsreihe des BKA, Band 15, aus dem Jahr 1983, von Michael Baurmann

Die Studie ist sehr umfangreich und umfasst 791 Seiten. Das Literaturverzeichnis umfasst 52 Seiten mit ca. 500 Autoren und Quellenangaben. Die eigentliche Studie besteht aus einer viktimologischen Untersuchung von 8.058 Opfern von Sexualdelikten. Ausgangspunkt der viktimologischen Untersuchung war eine vierjährige Fragebogenaktion (1969-1972) bei nahezu allen Sexualopfern, die im Bundesland Niedersachsen bei der Polizei bekannt wurden.

Ich habe diese Studie hier besprochen und umfangreich daraus zitiert.

2) Studie „The prevalence of unwanted and unlawful sexual experiences reported by Danish adolescents: Results from a national youth survey in 2002“ (= Die Prävalenz unerwünschter und ungesetzlicher sexueller Erfahrungen, die von dänischen Jugendlichen gemeldet werden: Ergebnisse einer nationalen Jugendstudie aus dem Jahr 2002).

Die Studie basiert auf multimedialen, computergestützten, selbstverwalteten Fragebögen, die von einer nationalen, repräsentativen Stichprobe von 15- bis 16-Jährigen ausgefüllt wurden (5.829 Teilnehmer).

Ich habe diese Studie hier besprochen.

Link zur Studie im Volltext.

3) „A meta‐analytic review of findings from national samples on psychological correlates of child sexual abuse“ von Rind, Tromovitch (1997)

Metaanalyse von 7 nationalen Studien mit insgesamt 8.500 Teilnehmern. Auf der Grundlage der Ergebnisse kamen die Autooren zu dem Schluss, dass der allgemeine Konsens, der Kindesmissbrauch mit intensivem, allgegenwärtigem Schaden und langfristiger Fehlanpassung in Verbindung bringt, falsch ist.

Link zur Studie im Volltext.

4) Meta-Analyse von Rind, Tromovitch, Bauserman „A Meta-Analytic Examination of Assumed Properties of Child Sexual Abuse Using College Samples“ (1998)

Metaanalyse von 59 Studien (36 veröffentlichte Studien, 21 unveröffentlichte Doktorarbeiten und 2 unveröffentlichte Masterarbeiten) mit einer Gesamtstichprobengröße von 35.703 Hochschulstudenten (13.704 Männer und 21.999 Frauen).

Die Ergebnisse der Meta-Analyse zeigten, dass Studenten, die Kindesmissbrauch erlebt hatten, im Vergleich zu anderen Studenten, die keinen Kindesmissbrauch erlebt hatten, etwas weniger gut angepasst waren, aber dass das familiäre Umfeld einen bedeutenden Störparameter (Confounder) darstellte, der für den Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und Schaden verantwortlich sein könnte. Intensive, allgegenwärtige Schäden und langfristige Fehlanpassung waren in den meisten Studien eher auf Störparameter (Confounder) als auf den sexuellen Missbrauch selbst zurückzuführen (obwohl Ausnahmen für Missbrauch mit Gewalt oder Inzest festgestellt wurden).

Link zur Studie im Voltext.

5) „Reactions to First Postpubertal Male Same-Sex Sexual Experience in the Kinsey Sample: A Comparison of Minors With Peers, Minors With Adults, and Adults With Adults“ von Rind und Welter (2016)

Link zur Studie im Volltext

Grundlage der Studie ist der Original-Datensatz mit allen befragten Jungen und Männern der Kinsey-Studie (ohne die Gefängnisinsassen, 6.621 Personen). Davon wurden all jene 1.094 Personen berücksichtigt, für die Daten zur ersten postpubertären gleichgeschlechtlichen sexuellen Erfahrung und dem Alter des Partners vorlagen.

Als postpubertär wurden jene Menschen angesehen, die bereits ihre erste Ejakulation hatten. Das Durchschnittsalter bei der Pubertät betrug 12.62 Jahre und reichte von 8 bis 18 Jahre.

Die Menschen wurden damals gefragt, ob sie ihre erste sexuelle Erfahrung genossen haben. Es gab diese Antwortmöglichkeiten: 1=nein, 2=ein bisschen, 3=etwas, 4=sehr („1=no; 2=little; 3=some; 4=much“).

Minderjährige unter 18 Jahren mit Erwachsenen (mittleres Alter: 14,0 bzw. 30,5 Jahre) reagierten häufig (70%) positiv (dh genossen die Erfahrung „sehr“) und selten (16%) emotional negativ (z. B. Angst, Ekel, Scham, Bedauern). Diese Quoten waren die gleichen wie bei Personen, die ihre erste gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrung als Erwachsene mit anderen Erwachsenen hatten (mittleres Alter: 21,2 bzw. 25,9): 68% positiv bzw. 16%. negativ.

Minderjährige mit Gleichaltrigen (mittleres Alter: 13,3 bzw. 13,8 Jahre) reagierten signifikant häufiger positiv (82%) und nominell weniger häufig negativ (9%).

Minderjährige mit Erwachsenen reagierten ebenso häufig (69%) positiv auf Geschlechtsverkehr (oral, anal) wie auf Outercourse (Körperkontakt, Masturbation, femoral) (72%) und reagierten emotional signifikant seltener negativ (9% gegenüber 25%).

Die Ergebnisse werden in Bezug auf den kulturellen Kontext diskutiert, der für Kinseys Zeit spezifisch ist.

6) Ich habe mich hier eingehend mit der Frage des „informed consent“ auseinandergesetzt.

Als letztes Beispiel eine Frage von Nico888235:

Pädophile oder zwangsgedanken??

Hallo, ich bin männlich 14 Jahre alt und habe seit 2 Monaten Angst Pädophile zu sein ich stand immer auf gleichaltrige oder ältere aber seit dem habe ich Angst das es nicht mehr so ist, wen ich ein Kind sehe ist es unangenehm ich finde es irgendwie ecklig, aber wen es mir gut geht sind die gedanken weg, ich habe mal ein porno angeschaut mit einer kleinen puppe kinder ähnlich um zu schauen ob mir das Gefällt und habe mich darauf befriedigt aber es war irgendwie unangenehm, und das hab ich nur einmal gemacht, bin ich jetzt Pädophile?

Meine Antwort (23 mal gelesen, 1 „hilfreich“, 1 Kommentar):

Da du bisher immer auf gleichaltrige oder ältere gestanden hast, halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass du pädophil bist. Normalerweise verschiebt sich die Alterspräferenz in der Pubertät nicht mehr nach unten. Sie bleibt wo sie ist oder wächst noch ein bischen mit.

So wie ich es verstehe hast du vor einiger Zeit eine sexuelle Erregung an dir bemerkt, die für dich nun auf eine pädophile Neigung hindeutet und dich in Angst und Schrecken versetzt.

Nur weil dich etwas erregt hat, sagt das nichts über deine primäre sexuelle Neigung aus. Vor allem ist Sexualität nicht binär. Man kann z.B. auch 90% heterosexuell sein und ganz selten (10%) doch einmal auf einen Mann / Jungen anspringen. Deswegen ist man dann nicht homosexuell. Man hat vielleicht eine homosexuelle Nebenader, aber das ändert dann nichts daran, dass man dann immer noch primär an weiblichen Wesen interessiert ist.

So ähnlich ist es auch mit dem Alter bzw. der sexuellen Alterspräferenz. Er gibt keine Männer, die sich erst punktgenau ab dem 18. Geburtstag für eine Frau interessieren. Die Augen sehen ja nicht zuerst den Pass.

Im Prinzip liegt unterliegt die altersmäßige Anziehung einer Normalverteilung. Wo der Höhepunkt der Kurve ist, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er könnte Beispielsweise bei 20 Jahren liegen und 15 bis 25 wäre dann so etwas wie der Kernbereich der Alterspräferenz. Aber auch jüngere wären dann noch prinzipiell anziehend, selbst wenn sie nicht mehr im primären anziehenden Bereich liegen. Hinzu kommt: ältere machen sich jünger (auch 40jährige Frauen versuchen noch mit Kosmetiktricks als 25 durchzugehen) und jüngere machen sich älter (weil sie als erwachsen und reif gelten wollen) und ziehen sich erwachsen an, schminken sich etc.

Dass Männer duch 13jährige erregbar sind, ist vermutlich gar nicht so selten. Sehr viele Mädchen sind dann auch schon geschlechtsreif. Das Durchschnittsalter für die 1. Menstruation liegt bei 12.5 Jahren. Mit der Geschlechtsreife setzt naturbedingt auch das sexuelle Interesse der bereits geschlechtsreifen Exemplare der Spezies an. Das ist eben die Natur. Dass das in der Gesellschaft extrem verpönt ist, liegt an der kulturbedingten „künstlichen“ Verlängerung der Kindheit, die aber an den natürlichen Voraussetzungen nichts ändert.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte:

Wenn du bisher typischerweise auf Gleichaltrige oder Ältere angesprungen bist, dann ist der Höhepunkt deiner sexuellen Alterspräferenz genau da, wo er auch kulturell geduldet ist und als „normal“ gilt.

Das schließt aber eben nicht aus, dass du ausnahmsweise auch mal von jemandem sexuell angesprochen wirst, der außerhalb des Kernbereichs liegt. Ich denke so verhält es sich hier. Dass dich das so brutal aus der Bahn wirft, zeigt vor allem wie stark kulturelle Tabus wirken.

Falls dich meine rationalen Erklärungen alleine nicht überzeugen: Ich bin selbst pädophil (bzw päderastisch) veranlagt. Es wird dich nicht überraschen, dass ich auch mal 14 und in der Pubertät war. Ich kann dir versichern, dass ich mich nie zu Gleichaltrigen oder Älteren hingezogen gefühlt habe. Also auch aus eigener Erfahrung: so wie du dich schilderst, bist du nicht pädophil.

Mach dir nicht zu viele Sorgen.

Und wenn ich einen Wunsch für die Zukunft äußern darf: sei ein wenig gnädig, wenn es darum geht über Menschen zu urteilen, die eine abweichende sexuelle Orientierung haben. Sie haben es sich nicht ausgesucht. Und wie hart das sein kann, merkst du ja gerade selbst. Auch wenn es bei dir ganz bestimmt ein Fehlalarm ist, vielleicht hilft dir der Schreck ein wenig nachzuvollziehen wie es anderen geht, die wirklich so eine Sexualpräferenz haben und trotzdem mit ihrem Leben klar kommen müssen.

Der schon erwähnte eine Kommentar zu dieser Antwort war „Dankesehr wirklich“ und kam vom Fragesteller.

Die Beispiele zeigen, dass man Normsexuelle tatsächlich erreichen und pseudonym mit real existierenden Pädophilen konfrontieren kann. Nicht in großer Masse, aber doch zumindest einige Hundert. Das ist zwar immer noch nicht viel, aber bedeutend mehr als die ein oder zwei Normalos, die sich auf eine „Pädoseite“ verirrt haben oder dorthin gefunden haben, weil sie sich aus persönlichen Gründen für das Thema interessieren.

Ich bin übrigens keineswegs der einzige Pädophile oder Pädophilen-freundlich gesinnte Mensch, der gutefrage.net nutzt, um das überkommene Bild von Pädophilen ein wenig zurecht zu rücken. Es ist auch durchaus Platz für weitere Pädos verhanden. Ich finde, ein Blick auf diese Möglichkeit lohnt sich.

Das Ersatztäter-Problem

Niemand möchte gerne der Taten anderer beschuldigt und für sie bestraft werden.

Schuld und Verantwortung ist hochpersönlich. Die Zuweisung von Kollektivschuld ist manifest ungerecht. Das ist den meisten Menschen auch bewusst. Kollektivstrafen sind geächtet und gelten etwa im humanitären Völkerrecht sogar als Kriegsverbrechen.

Trotzdem gibt es natürlich weiterhin Beurteilungen und Bewertungen, die sich gegen Gruppen richten und undifferenziert allen Mitgliedern der Gruppe zugeschrieben werden. Diese führen auch zu realen Benachteiligungen, zu Feindseligkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung von Angehörigen der Gruppe.

Vorurteile

Männer sind schuld an der Geschlechterdiskriminierung, Deutsche an den Verbrechen des Nationalsozialismus, Israelis am Nahostkonflikt.

Neben solchen recht direkten Schuldzuweisungen gibt es auch Zuschreibungen als Vormeinungen über wenig schmeichelhafte vermutete „mittlere“ Eigenschaften der Mitglieder einer Gruppe.

Amerikaner sind Imperialisten, Zigeuner kriminell, Muslime radikal, Banker asozial, Arbeitslose faul. In diese Reihe gehört auch: Pädophile sind Kinderschänder (als Zuweisung einer Schuld) oder Pädophile sind gefährlich für Kinder (als Zuweisung einer vermeintlichen „mittleren“ Eigenschaft).

Natürlich kommt es in der Realität nicht selten vor, dass ein konkretes Gruppenmitglied tatsächlich nicht den zugeschriebenen mittleren Eigenschaften „seiner“ Gruppe entspricht. Es kommt aber auch vor, dass bereits die Vormeinung über die vermeintlichen mittleren Eigenschaften trügt und die mittleren Eigenschaften tatsächlich anders sind als vermutet.

Vorurteile sind mitunter praktisch, weil sie ressourcensparende Entscheidungen ermöglichen. Weniger freundlich ausgedrückt: sie ersparen einem das eigenständige Denken. Sie werden dabei auch aufgrund eines wahrgenommenen Gruppendrucks akzeptiert und übernommen. Wer unsicher ist oder keine klare Meinung hat, was zu tun ist, richtet sich danach, was die anderen tun. Menschen schließen durch Beobachten anderer Menschen auf praktikable Lösungen.

Vorurteile sind unvermeidlich aber sie sollten nicht gepflegt, sondern angetastet, untersucht und von allen Seiten betrachtet werden. In der Regel braucht man sie nämlich gar nicht so dringend.

Hinzu kommt ein moralischer Aspekt. Die ‚Goldene Regel der Ethik‘ besagt: „Behandle Andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ bzw. in der negativen Fassung: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem Andern zu.“

Wie schon eingangs angeführt: Niemand möchte gerne für Taten Anderer beschuldigt und bestraft werden. Niemand möchte gerne selbst Opfer eines Vorurteils und in der Folge von Feindseligkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung werden.

Natürlich habe auch ich Vorurteile.

Mein eigenes Vorurteil zur Pädophilie

Als pädophil (bzw. päderastisch) veranlagter Mensch bilde ich mir ein, eine Kapazität für die Beurteilung von pädophil (bzw. päderastisch) veranlagten Menschen zu sein. Mein Urteil basiert nicht unerheblich auf intimen Kenntnissen meiner selbst, die ich auf andere Menschen verallgemeinere.

Ich halte mich für einen guten, aber auch nicht übermäßig guten Menschen. Ich habe keine unerfüllbaren Ansprüche an meine Gutheit bzw. mein Wohlverhalten. Für ein positives Selbstbild reicht es mir aus, niemandem bewusst zu schaden und sich bietenden Gelegenheiten, anderen zu helfen, im Durchschnitt der Fälle aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Im Grunde Mittelmaß. Aber da Menschen zu einem positiven Selbstbild neigen und dazu auch ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung gehört, tendiere ich dazu, mich auf der unsichtbaren Skala guter Menschen als gehobenes Mittelmaß einzusortieren.

Ich weiß, dass meine sexuelle Neigung hierauf keinen eigenständigen Einfluss hat. Ich bewerte sie deshalb als ethisch neutral. Sie ist sehr „unbequem“ aber weder gut noch böse. Ich unterstelle daher, dass die Neigung an sich auch andere Menschen nicht gut oder böse werden bzw. handeln lässt.

Soweit das für mich aus eigenem Erleben und aus persönlichen Kontakten erkennbar ist: Pädophile sind abgesehen von ihrer sexuellen Neigung völlig normal. Sie sind im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nicht weniger empathisch und sensibel und auch nicht egoistischer oder rücksichtsloser.

Ich habe den Eindruck, dass sich das gut mit der Realität deckt, zumal man auch in jedem Fachbuch, dass von Pädophilie handelt, nachlesen kann, dass es Pädophile in jeder Schicht und auf jedem Bildungsniveau gibt, dass sie in der Regel gut angepasst sind und auch sonst nicht sonderlich auffallen.

Sie zeichnen sich allerdings durch eine überdurchschnittliche emotionale Affinität zu Kindern aus und ich gehe auch davon aus, dass sie im Durchschnitt der Fälle öfter traurig sind und eher zu Depression neigen als Normsexuelle. Der zentrale Lebensbereich der Sexualität und Partnerschaft kommt eben in ihrem Leben permanent zu kurz. Darüber hinaus besteht ein starkes Gefühl von Stigmatisierung und Ausgrenzung. Abgesehen von einer erhöhten Single-Quote dürfte es viel mehr Besonderheiten meiner Einschätzung nach nicht geben.

Dass Pädophile „normal“ sind, heißt aber auch, dass es die negativen Sonderfälle gibt, die es auch unter Normsexuellen gibt. Es gibt heterosexuelle Vergewaltiger, homosexuelle Vergewaltiger und leider auch pädophile Vergewaltiger. Eine pädophile Orientierung macht nicht gut.

Es ist für mich aufgrund eigenen Erlebens aber auch offensichtlich, dass Pädophile sich wie andere Menschen auch verlieben, mit denselben positiven Gefühlen gegenüber dem geliebten Menschen.

Da es Pädophilen an einer besonderen soziopathischen Auffälligkeit fehlt, neigen sie nicht mehr zu sexueller Gewalt als der Durchschnittsbürger. Einiges von dem, was Pädos als übergriffiges Verhalten und sexuelle Gewalt ausgelegt wird, wie etwa das sogenannte Groooming, ist meiner Einschätzung nach bei unvoreingenommener Betrachtung „normales“ und im Kern unproblematisches, weil nicht-aggressives menschliches Verhalten. Der Vorwurf der Heimtücke ist diesbezüglich schlicht verfehlt.

Missbrauch ist für mich, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt. Jemand, der verliebt ist, wird den oder die Angebetete auf keinen Fall schlecht behandeln, jedenfalls nicht bewusst und freiwillig. Jeder Mensch, der schon einmal verliebt war, sollte das eigentlich nachvollziehen können.

Einschränkend muss ich hier gewisse Erfahrungsdefizite einräumen. Da ich viele Jahre lang jeden Kontakt mit Jungen vermieden habe, weil ich mir die Qualen einer unerfüllbaren, unglücklichen Verliebtheit ersparen wollte, sind mir die meisten normsexuell strukturierten Menschen auf diesem Gebiet erfahrungstechnisch deutlich voraus. Sollte mir also ein Leser ernstlich versichern, dass er Menschen, in die er verliebt ist, sehenden Auges schlecht behandelt, dann erschiene mir das hochgradig unplausibel und unverständlich, ich würde es aber am Ende wohl hinnehmen müssen, ohne mir absolut sicher sein zu dürfen, dass ich den anderen bei einer Lüge ertappt habe.

Nach meiner Überzeugung neigen Pädophile nicht dazu, Kinder zu missbrauchen (schlecht zu behandeln). Im Gegenteil. Wenn sich ein Pädophiler in ein Kind verliebt, wird er dazu neigen, dieses Kind gut zu behandeln, einfach weil Menschen dazu neigen, geliebte Menschen gut zu behandeln.

Warum gibt es dann trotzdem Kindesmissbrauch?

Trotzdem gibt es zweifelsohne echten Kindesmissbrauch. Kinder, die bedrängt, belästigt, genötigt, bedroht oder vergewaltigt werden. Wenn die Täter nach meiner Logik typischerweise keine Pädophilen sind, müssten es nach dem Ausschlussverfahren Ersatztäter sein.

Ich habe mich entsprechend in der Vergangenheit schon sehr negativ über Ersatztäter geäußert, z.B.:

Die heutige Stigmatisierung und Ächtung von Pädophilie im Allgemeinen und Päderastie im besonderen ist stark von einer öffentlichen Wahrnehmung des Pädophilen beeinflusst, die auf Personen beruht, die tatsächlich gar keine Pädophilen sind, sondern lediglich Ersatztäter, die sich bei Kindern holen, was sie von Erwachsenen nicht bekommen. Die 90% nicht-pädophiler Ersatztäter, die wegen sexuellem Kindesmissbrauch verurteilt werden, prägen das Bild vom Pädophilen an sich.

Aus meinem Artikel Eine kleine Geschichte der Päderastie

Ich weise die Schuld für das extrem schlechte Ansehen und die Diskriminierung von Pädophilen also in einem erheblichen Maße den nicht-pädophilen Ersatztätern zu.

Es ist dabei etwas problematisch, das man den tatsächlichen Anteil an Ersatztätern nicht kennt. Die Zahlen, die man finden kann, liegen zwischen 60 % und 95%.

Im 2015 erschienenen Buch „Straffälligkeit älterer Menschen: Interdisziplinäre Beiträge aus Forschung und Praxis“ wird von 95% Ersatztäter ausgegangen. Aus Seite 146:

Die Verwirrung besteht darin, dass häufig alle sexuellen Handlungen von Erwachsenen an Kindern als pädophile Straftaten gesehen werden, obwohl der Anteil tatsächlich Pädophiler an diesen Straftätern nur ca. 5% betrifft. Für die übrigen Sexualstraftäter wurde der Begriff der Ersatztäter geprägt. Bei diesen handelt es sich häufig um Verwandte oder Personen des sozialen Umfelds, die keine sexuelle Erfüllung in ihren Beziehungen erreichen und sich dem schwächeren Glied in der Familie zuwenden und diese Art der Beziehungsebene für die Befriedigung eigener sexueller Wünsche missbrauchen.

In einem Artikel, der im Magazin der Journalistenschule ifp erschienen ist, wird Rita Steffesenn, Leiterin des Zentrums für Kriminologie und Polizeiforschung, mit der Aussage zitiert:

60 bis 70 Prozent der erfassten Kindermissbraucher sind sogenannte Ersatztäter. Sie sind nicht sexuell motiviert, sondern haben andere Gründe für den Missbrauch, zum Beispiel Angst im Umgang mit Erwachsenen und Machtstreben.

In den Arbeitsblättern von Werner Stangl, die auch auf Wikipedia zur Tätertypologie zitiert werden, heißen Ersatztäter „regressiver Typ“ und ihr Anteil wird auf 90% geschätzt. Für Pädophile („fixierter Typ“) werden 2 bis 10% angegeben. Der soziopathische Tätertyp, der sich durch mangelnde Empathie und zuweilen sadistische Neigungen auszeichnet, tritt danach nur in wenigen Einzelfällen auf.

Ob es nun 95% oder 60% Ersatztäter sind spielt natürlich schon eine Rolle. Im zweiten Fall wäre der Anteil der pädophilen Täter an der Gesamtzahl schließlich ganze sechsmal so hoch, wie im ersten.

Einer der Gründe für die große Spannbreite der Angaben dürfte sein, dass ein Täter aus Eigennutz einen Anreiz hat, sich als Ersatztäter darzustellen.

Vor dem Richter will niemand pädophil sein

Ein Ersatztäter gilt als Gelegenheitstäter, den man rehabilitieren kann, ein Pädophiler als Triebtäter, dessen Gefährlichkeit in seiner Natur liegt.

Die besseren Aussichten auf eine Rehabilitation wirken sich bereits bei der Strafzumessung im Sinne einer potentiell niedrigeren Strafe aus, da es zu den Grundsätzen der Strafzumessung gehört, zu berücksichtigen, welche Auswirkungen die Strafe auf die zukünftige Lebensführung des Täters haben wird.

Für die Rehabilitation sind kürzere Strafen günstiger, da Freiheitsentziehung einen entsozialisierenden und deprivatisierenden Effekt hat. Lange Haftstrafen sind für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft also schädlich. Glaubt man ohnehin nicht wirklich an eine Rehabilitation, dann muss man hier wenig Rücksicht nehmen. Der Sühne-Charakter der Strafe tritt in den Vordergrund. Der Vollzug der Freiheitsstrafe soll abschreckend wirken und dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten dienen.

Auch die Auswirkungen auf eine mögliche Bewährung (Aussetzung der Strafvollstreckung) sind massiv:

Eine Sozialprognose oder Legalprognose ist eine kriminologische, psychiatrische und psychologische Risikobeurteilung einer straffälligen Person bezüglich ihrer Fähigkeit und Motivation, zu einem späteren Zeitpunkt Regeln und Gesetze einzuhalten. Sie ist nach § 56 (1) StGB Grundlage der Einschätzung ob eine Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden muss oder kann und bei der Resozialisierbarkeit von Straftätern.

Aus dem Wikipedia-Artikel Sozialprognose

Der Sinn der Bewährung ist an die Straftheorien geknüpft. Die Bewährung lässt vermuten, dass sich der Täter schon die Verurteilung zur Warnung dienen lässt und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird (§ 56 StGB). Insbesondere bei Straftätern, die keine oder kaum Sozialisierungsdefizite aufweisen, besteht eher die Möglichkeit, eine Aussetzung einer Strafe zur Bewährung vorzunehmen. Nach einer teilweisen Strafverbüßung besteht außerdem die Möglichkeit, einen Strafrest zur Bewährung auszusetzen. (…)

Es können nur Freiheitsstrafen mit einer Dauer von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Entscheidung darüber trifft das erkennende Gericht. Das erkennende Gericht hat dabei eine Prognose zu erstellen, ob davon auszugehen ist, dass der Täter auch ohne den Vollzug der Freiheitsstrafe künftig keine Straftaten mehr begehen wird.

Liegt die Freiheitsstrafe unter sechs Monaten und erscheint die Prognose günstig, so ist die Strafe zwingend zur Bewährung auszusetzen (§ 56 Abs. 1 i. V. m. Abs. 3 StGB). Im Bereich von sechs Monaten bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe ist die Aussetzung zusätzlich zum Vorliegen der Prognose davon abhängig, dass die Verteidigung der Rechtsordnung die Strafvollstreckung nicht gebietet (§ 56 Abs. 3 StGB). Hier wird demnach auf den Gedanken der Generalprävention abgestellt. Bei Freiheitsstrafen über zwölf Monaten bis zu zwei Jahren kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn die Prognose günstig ist, die Verteidigung der Rechtsordnung dem nicht entgegensteht und darüber hinaus besondere Umstände vorliegen (§ 56 Abs. 2 StGB).

Aus dem Wikipedia-Artikel Strafaussetzung zur Bewährung

Das Rückfallrisiko ist bei Ersatztätern geringer. Sie haben daher im Gegensatz zu „Triebtätern“ bzw. „Neigungstätern“ eine weit bessere Aussicht auf eine Bewährungsstrafe und die Aussetzung einer Reststrafe zur Bewährung.

Auch in Hinblick auf die Verhängung, Dauer (mindestens zwei und höchstens fünf Jahre) und Schärfe einer Führungsaufsicht haben Ersatztäter deutlich bessere Karten als pädophile Täter.

Die Führungsaufsicht ist eine „Maßregel der Besserung und Sicherung“, die nicht als Strafe gilt, sondern auf die Zukunft gerichtet eine erneute Straffälligkeit verhindern helfen sollen. Die Maßnahmen sind teils einschneidend, unterliegen einer Kontrolle und werden von den von ihnen Betroffenen typischerweise durchaus als Strafe empfunden.

Führungsaufsicht kann bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verhängt werden, die mindestens sechs Monate betragen. Sie tritt in diesem Deliktbereich automatisch bei einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ein und kann in diesem Fall ausnahmsweise entfallen, wenn zu erwarten ist, dass der Verurteilte keine Straftaten mehr begehen wird (was bei Ersatztätern deutlich häufiger angenommen wird als bei Neigungstätern).

Zu den möglichen Weisungen der Führungsaufsicht gehören unter anderem:

  • Wohn- oder Aufenthaltsort nicht ohne Erlaubnis verlassen,
  • sich nicht an bestimmten Orten aufzuhalten (z.B. in der Nähe von Schulen, Schwimmbädern, Freizeitparks oder Spielplätzen)
  • zu der verletzten Person oder bestimmten Personen oder Personen einer bestimmten Gruppe, keinen Kontakt aufzunehmen (z.B. Kontaktverbot zu Kindern)
  • bestimmte Tätigkeiten nicht auszuüben
  • bestimmte Gegenstände nicht zu besitzen, bei sich zu führen oder verwahren zu lassen (z.B. Besitzverbot für Computer oder Smartphone)
  • sich zu bestimmten Zeiten bei der Aufsichtsstelle oder dem Bewährungshelfer zu melden,
  • jeden Wechsel der Wohnung oder des Arbeitsplatzes unverzüglich zu melden,
  • Teilnahme an einer Therapie (z.B. Therapie für Sexualstraftäter)
  • Überwachung des Aufenthaltsortes (z.B. elektronische Fußfessel)

Ein Verstoß gegen eine Weisung im Rahmen der Führungsaufsicht kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden.

Aussichten auf eine geringere Strafe, bessere Chancen auf eine Bewährungsstrafe und Strafaussetzung, erhebliche Vorteile in Hinblick auf eine drohende Führungsaufsicht … wer da – soweit es darstellbar ist – nicht versucht, sich als Gelegenheitstäter bzw. Ersatztäter darzustellen, ist schön blöd.

Hinzu kommt eine gesellschaftliche Ebene. Wer „nur“ Ersatztäter ist, kann darauf hoffen, irgendwann wieder in die soziale Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ein Pädophiler bleibt lebenslang stigmatisiert.

Es könnte also sein, dass der Anteil an Ersatztätern systematisch zu hoch angegeben wird. Andererseits sind die Verlockungen einer falschen Selbstauskunft den Fachleuten, die die Statistiken erstellen, sicherlich bekannt. Täuschungsversuche sind vermutlich oft gar nicht ohne weiteres möglich und die meisten Versuche fliegen wahrscheinlich auch auf, da ein Gericht bei Zweifeln einen Gutachter zu dieser Frage einschalten dürfte.

Welchen Wert (60% oder 95%) man auch ansetzt, die Ersatztäter bleiben die Mehrheit.

Wie unterscheiden sich die Taten von Ersatztätern von den Taten von Pädophilen?

Statistiken zu dieser Frage sind mir nicht bekannt. Ersatztäter dürften häufiger Einfach-Täter und pädophile Täter häufiger Mehrfach-Täter sein. Das korrespondiert mit dem höheren Rückfallrisiko pädophiler Täter.

Für mich persönlich ist die entscheidende Frage aber, wie die Täter das Opfer behandeln und welche Konsequenzen die Tat für das Opfer hat.

Es scheint mir äußerst wahrscheinlich, dass die Tatbegehungen von Personen, für die das Kind lediglich Ersatzobjekt ist, gröber und rücksichtsloser sind, als die Handlungen von jemandem, der sich nicht nur Sex, sondern auch soziale Nähe wünscht und in vielen Fällen in das Kind verliebt sein wird.

Ich assoziiere Ersatztäter mit Druck, Einschüchterung, Drohungen, Nötigung und Gewalt. Pädophile assoziiere ich mit mit der weitgehenden Abwesenheit dieser „Strategien“.

Pädophile zielen auf willentliches Einvernehmen ab. Gewalt ist für den durchschnittlichen Pädophilen so undenkbar wie für den durchschnittlichen Heterosexuellen eine Vergewaltigung undenkbar ist.

Eine erfüllte Sexualität ist für einen Pädophilen nur mit einem Kind möglich, so wie sie bei einem heterosexuellen Mann nur mit einer Frau möglich ist. Die Bedingungen für eine als erfüllt erlebte Sexualität erschöpfen sich aber nicht im kindlichen Körperschema. Ein heterosexueller Mann wünscht sich eine Partnerin, die freiwillig mitmacht, bei der Sache ist und selbst Lust empfindet. Das ist bei einem Pädophilen nicht anders.

Dies klang zum Beispiel auch von Seiten der Sexualwissenschaftler Prof. Rüdiger Lautmann und Prof. Martin Dannecker in einem Beitrag zur Sendung „Liebe Sünde“ an:

Der wirkliche Pädophile hat nichts von seinen Tricks, der hat nichts davon, wenn das Kind mitmacht und nachher nicht mehr bei der Sache ist. Das würde der sofort merken und die würden dann auch die sexuelle Handlung abbrechen. Andererseits – wir alle versuchen andere herumzukriegen. Wir alle wenden gewisse Rezepturen an und wenn man das Tricks nennt, dann wenden auch die pädophilen Männer ihre Rezepte, ihre Tricks an.

Prof. Rüdiger Lautmann

Ja doch, das Moment des Einverständnisses kann es geben. Nur bei dieser Erzählung, wie bei vielen Erzählungen der Pädosexuellen, wird sozusagen das, was vorher war, diese – was ich Verführung nennen würde, nicht unbedingt Strategie – diese unglaubliche Verführung, dieses stimmen, einstimmen auf meine Wünsche, das wird dabei unterschlagen. (…) Weil sie sind ja nicht (…) Gewalttäter, die gewalttätig und ohne Rücksicht, ohne verführerische Strategie ihre Wünsche durchsetzen, sondern sie bringen in Stimmung, sie verführen, sie bereiten das Liebesobjekt – es ist ja ein Liebesobjekt sozusagen – darauf vor und darauf antwortet das Kind.

Prof. Dr. Martin Dannecker

Da es Vergewaltigungen durch Heterosexuelle gibt, weiß man, dass es Heterosexuelle gibt, die aus dem „normalen“ Rahmen fallen und für die eine Vergewaltigung denkbar und ausführbar ist. Solche Menschen gibt es auch unter Pädophilen. Sie sind aber so wenig repräsentativ für den durchschnittlichen Pädophilen, wie es ein Vergewaltiger für den durchschnittlichen heterosexuellen Mann ist.

Es wäre für mich interessant, zu wissen, ob und wie sich die Tatbegehungen von pädophilen Tätern von den Tatbegehungen von Ersatztätern unterscheiden. Meine Vermutungen dazu habe ich dargelegt und ich halte sie für plausibel. Studien dazu sind mir leider nicht bekannt.

Ich frage mich auch, ob der pädophile Täteranteil im Hellfeld (den Fällen, die bekannt werden) sich vom Anteil im Dunkelfeld unterscheidet. Ich persönlich würde das erwarten.

Wer sich geliebt fühlt, erleidet durch die liebevolle Beziehung (meiner Einschätzung nach) typischerweise auch keine Schäden. Wer sich schlecht behandelt und missbraucht fühlt, wird durch die Beziehung belastet und geschädigt.

Liebe dürfte bei Pädophilen viel öfter anzutreffen sein als bei nicht-pädophilen Tätern. Entsprechend dürften sie den Kindern auch viel eher das Gefühl vermitteln, dass sie geliebt werden. Als positiv erlebte Beziehungen fallen aber vermutlich deutlich seltener auf als solche, unter denen die Kinder leiden.

Wie ticken Ersatztäter überhaupt?

Anders als bei Pädophilen, deren Gedanken- und Gefühlswelt ich nachvollziehen kann, ist es mir unverständlich, wie ein Ersatztäter tickt und warum es überhaupt Ersatztäter gibt.

Die Existenz von Ersatztätern ist auch für die breite Öffentlichkeit ein blinder Fleck. Es ist einfach kontra-intuitiv, das jemand Sex mit Kinder sucht, der sexuell eigentlich gar nicht (allzu sehr) an Kindern interessiert ist. Es liegt ohnehin schon nicht nahe und erst recht nicht, wenn man bedenkt, wie stark Sex mit Kindern geächtet ist und wie hoch die Strafandrohungen sind.

Dass jemand, der sich sexuell von Kindern angezogen fühlt, sexuell mit Kindern einlässt, ist für mich nachvollziehbar. Ich kann das ähnlich gut nachvollziehen, wie dass sich jemand, der sich sexuell von Frauen angezogen fühlt, sexuell mit Frauen einlässt.

Ich kann mir aber für mich selbst als jemand, der sich sexuell nicht von Frauen angezogen fühlt, überhaupt nicht vorstellen, mich sexuell mit einer Frau einzulassen. Das macht für mich schlicht keinen Sinn und würde bei mir auch nicht als „Notprogramm“ funktionieren.

Bei einigen Menschen scheint sich das anders zu verhalten.

Wenn man sich an den Charakter und die Motivation dieser Menschen herantasten will, kann man möglicherweise die Charakterisierung von Missbrauchstätern zu Hilfe nehmen. Da die meisten Missbrauchstäter (60 bis 95%) Ersatztäter sind, passt die Charakterisierung vermutlich vor allem und gerade auf diese Haupttätergruppe.

Zum Profil von Missbrauchstätern heißt es im PDF „Fakten und Zahlen zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“:

Missbrauchende Männer stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern. (…) Es gibt kein klassisches Täterprofil und keine einheitliche Täterpersönlichkeit. Gemeinsam ist den Täter*innen der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat das Gefühl von Überlegenheit zu erleben. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu (Pädosexualität).

In [werner stangl]s arbeitsblättern steht:

Täter sind oft Männer mit einem geringen Selbstwertgefühl, „die sich gezielt Kinder suchen, um ihre eigenen Ohmachts- und Hilflosigkeitsgefühle, ihre eigenen Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, ihren Hass und ihre Wut auf Kosten der Kinder zu befriedigen“, wobei ein großer Teil der Täter nicht nur ein Kind sexuell missbraucht, sondern sich immer wieder neue Opfer sucht (Bange & Deegener 1996, S. 56,S. 132 ). (Stangl, 2020).

Soweit es pädophile Täter betrifft, halte ich diese Charakterisierung (was nach meinen bisherigen Ausführungen niemanden überraschen wird) für falsch. Ich glaube nicht, dass es einem typischen pädophilen Täter um das Gefühl der Überlegenheit, Machtausübung oder die Bewältigung von Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen geht.

Das primäre sexuelle Interesse von Pädophilen ist auf Kinder gerichtet. Ein Pädophiler ist bei seiner Annäherung intrinsisch sexuell motiviert und kommt dabei ohne die geschilderten nicht-sexuellen Motive aus. Sie spielen keine kausale Rolle beim Erleben sexueller Erregung. Die kausale Rolle spielt das kindliche Körperschema.

Der typische Pädophile hat mit Gewalt, Herrschaft oder Unterdrückung nichts am Hut. Pädophile fühlen sich von Kindern angezogen, wünschen sich soziale Nähe und, soweit es um Sexualität geht, legen sie allergrößten Wert auf Einvernehmlichkeit mit ihrem Liebessubjekt.

Soweit es Ersatztäter betrifft, scheint mir die Charakterisierung dagegen plausibel. Ich glaube aber nicht, dass sie das Phänomen vollständig erklären kann.

Wie menschliche Sexualität funktioniert

Bei der Antwort auf die Frage, warum es Ersatztäter gibt, hilft vielleicht ein Blick darauf, wie menschliche Sexualität ganz allgemein typischerweise funktioniert. Nämlich in einem Kontinuum.

Wer normalerweise vor allem auf blonde, blauäugige Frauen des nordischen Typs anspringt, kann sich trotzdem „ausnahmsweise“ in eine schwarzhaarige Frau oder gar in eine Afrikanerin verlieben. Jemand, der sich von Männer angezogen fühlt, kann trotzdem verheiratet sein, Kinder haben und muss unter diesen Bedingungen auch nicht zwangsweise eine unglückliche Ehe führen. Jemand der exklusiv heterosexuell ist, kann in einer Gefängnissituation auch mit homosexuellen Handlungen vorlieb nehmen. Ohne einen gewissen Grad an Empfänglichkeit für den Alternativpartner wäre das nicht möglich.

Sexualität ist nicht binär. Ein hypothetischer Jemand kann z.B. auch zu 90% heterosexuell sein und sich ausnahmsweise (10%) doch einmal zu einem Mann hingezogen fühlen. Deswegen ist er dann nicht auf einmal homosexuell, denn seine primäre Präferenz gilt immer noch Frauen. Eine homosexuelle Nebenader, die sich gerade manifestiert, ändert nichts daran, dass der Betroffene immer noch primär an weiblichen Wesen interessiert ist.

So ähnlich ist es auch mit dem Alter bzw. der sexuellen Alterspräferenz. Er gibt keine Männer, die sich erst punktgenau ab dem 18. Geburtstag für eine Frau interessieren. Die Augen sehen ja nicht zuerst den Pass.

Im Prinzip liegt unterliegt die altersmäßige Anziehung einer Normalverteilung, also einer statistischen Wahrscheinlichkeitsverteilung, die als Kurve dargestellt etwa einer Glocke gleicht.

Die besondere Bedeutung der Normalverteilung beruht unter anderem auf dem zentralen Grenzwertsatz, dem zufolge Verteilungen, die durch additive Überlagerung einer großen Zahl von unabhängigen Einflüssen entstehen, unter schwachen Voraussetzungen annähernd normalverteilt sind.

Aus dem Wikipedia-Artikel Normalverteilung

So dürfte es sich auch bei der menschlichen Sexualität verhalten.

Die Zeit berichtet zum Beispiel über eine genomweite Assoziationsstudie, bei der das Erbgut von 477.522 Menschen auf einen Zusammenhang mit Homosexualität untersucht wurde:

Das Fazit der aktuellen Studie: Es gibt nicht das eine Homo-Gen. Im Gegenteil: Wie für andere Verhaltensmerkmale finden sich zahlreiche genetische Effekte, die die sexuelle Orientierung beeinflussen. Es ist wahrscheinlich, dass Hunderte oder Tausende genetische Varianten je einen geringen Anteil daran haben. Zugleich machen sie insgesamt nur einen Teil all dessen aus, was sexuelles Verhalten formt.

Das lässt sich sicher auch auf andere Aspekte der menschlichen Sexualität übertragen. Es gibt nicht das eine Gen, das das Herz für Rothaarige schneller schlagen lässt oder eine Vorliebe für Pummelige bewirkt oder das über die individuelle Alterspräferenz entscheidet.

Es gibt tausende mikroskopisch kleine Effekte (und zwar keineswegs nur genetische), die in ihrer Addition zu einem Gesamtergebnis führen.

Im Grunde kann man sich die Wahrscheinlichkeit, dass man durch jemand anderen eines bestimmten Alters erregbar ist, also als Kurve etwa dieser Form vorstellen.

Intervalle um μ bei der Normalverteilung, Darstellung von M. W. Toews., geteilt via Wikimedia

Wo der Höhepunkt der Kurve liegt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Er könnte beispielsweise bei 20 Jahren liegen und 15 bis 25 wäre dann so etwas wie der Kernbereich der Alterspräferenz. Um die 70 % der Menschen, auf die man sexuell anspricht, lägen bei meinem hypothetischen Beispiel dann im Bereich zwischen 15 und 25 Jahren.

Aber auch jüngere und ältere wären dann noch prinzipiell anziehend, selbst wenn sie nicht mehr im primären anziehenden Bereich liegen. Hinzu kommt: Ältere machen sich jünger (auch 40jährige Frauen versuchen noch mit Kosmetiktricks als 25 durchzugehen) und Jüngere machen sich älter (weil sie als erwachsen und reif gelten wollen) und ziehen sich erwachsen an, schminken sich etc.

Dass Männer durch 13jährige erregbar sind, ist vermutlich gar nicht so selten. Sehr viele Mädchen sind dann auch schon geschlechtsreif. Das Durchschnittsalter für die 1. Menstruation liegt bei 12.5 Jahren. Mit der Geschlechtsreife setzt naturbedingt auch das sexuelle Interesse der bereits geschlechtsreifen Exemplare der Spezies an. So funktioniert eben die Natur, die das mögliche Zeitfenster für eine Fortpflanzung auch nutzen will.

Dass das in der Gesellschaft extrem verpönt ist, liegt an der kulturbedingten „künstlichen“ Verlängerung der Kindheit, die aber an den natürlichen Voraussetzungen nichts ändert.

Bei den Ersatztätern, also Menschen, deren primäres sexuelles Interesse nicht auf Kinder gerichtet ist, kann es also Fälle geben, bei denen sich jemand ausnahmsweise im unteren Randbereich seiner Bandbreite verliebt hat und genauso Fälle, bei denen nur eine eher schwache Anziehung vorliegt, das Kind aber als eine Art Notpartner noch akzeptabel ist, so wie für viele heterosexuelle Männer in Gefangenschaft (oder auf einer einsamen Insel) auch andere Männer als Notpartner in Frage kommen.

Im Endeffekt gibt es also wohl nicht den einen Ersatztäter und es ist (bei einer pädophilen Nebenströmung) auch möglich, dass man nicht hinreichend trennscharf zwischen Ersatztäter und pädophilem Täter unterscheiden kann.

Mindestens auf den Einzelfall bezogen können meine negativen Vorurteile zu Ersatztätern also falsch sein.

Entscheidend ist für mich aber ohnehin nicht, ob jemand pädophil oder nicht-pädophil ist, sondern

  • wie der andere Mensch in der Beziehung (das Kind oder der Jugendliche) behandelt wird (Missbrauch ist, wenn ein Mensch einen anderen Menschen schlecht behandelt)
  • wie er selbst die Beziehung erlebt (die Deutungshoheit steht dem Betroffenen zu)
  • ob er sie willentlich freiwillig eingeht, und
  • ob er die Möglichkeit hat, sich jederzeit von der Beziehung zurückzuziehen bzw. sie zu beenden.

Ersatztäter als Basis für das Bild vom Pädophilen?

Eines meiner Vorurteile ist, dass die Stigmatisierung und Ächtung von Pädophilie durch eine Wahrnehmung von Pädophilie beeinflusst ist, für die nicht-pädophile Missbrauchstäter verantwortlich sind. Basis des Vorurteils ist, dass Pädophile als Missbraucher wahrgenommen werden und ca. 90% der Missbrauchstäter Ersatztäter sind.

Wer neun unsympathischen Engländern begegnet und einem Sympathischen, wird seine Einschätzung, dass Engländer unsympathisch sind, an der Mehrzahl der Engländer ausrichten, die ihm begegnet sind. Wenn die Mehrzahl der Täter Ersatztäter sind, dann prägt diese Gruppe und die Taten aus dieser Gruppe den Eindruck der Öffentlichkeit vom typischen Täter.

Der Schönheitsfehler dieser Hypothese ist, dass es nicht so sehr auf die Mehrheit der Täter ankommt, sondern auf die Mehrheit der wahrgenommenen Täter und Taten. Engländer, die ich nicht kennen gelernt habe, spielen für mein subjektives Urteil über Engländer keine Rolle.

Da es in der Regel nur die schweren und schwersten Fälle in die Medien schaffen, wird der Eindruck, den die Öffentlichkeit von den „typischen“ Taten hat, vor allem von den schwersten Tatbegehungen geprägt.

Im Grunde gibt es dabei zwei Typologien:

Einerseits Taten, die als besonders schwerwiegend empfunden werden, weil es besonders viele Opfer gibt. Diese Taten werden eher von Pädophilen begangen, die ja zeitlich konstant auf Kinder ansprechen. Ersatztäter, die Kinder als „Notpartner“ nutzen, sprechen auf Kinder nur an, solange die „Notsituation“ besteht.

Andererseits Taten, die sich durch besondere Rücksichtslosigkeit oder Brutalität auszeichnen, bis hin zu Sexualmorden. Diese Taten werden vermutlich überwiegend von soziopathischen oder sadistisch veranlagten Tätern begangen, die sehr selten vorkommen (Einzelfälle) und unter denen sowohl pädophil veranlagte Täter als auch Ersatztäter vertreten sein dürften. Soziopathische Täter zeichnen sich z.B. durch mangelnde Fähigkeit und Bereitschaft zu Empathie und Mitgefühl und eine Neigung zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten aus.

Wenn es sich so verhält, dann spielen Ersatztäter, obwohl sie die Mehrheit der Missbrauchstäter stellen und vermutlich auch überproportional für schädigende Auswirkungen bei betroffenen Kindern verantwortlich sind, für die Wahrnehmung von Pädophilen in der Gesellschaft eher eine untergeordnete Rolle.

Das Bild wird stattdessen von der Missbrauchsberichterstattung über pädophile Wiederholungs- bzw. Mehrfachtäter und besonders schlimme und brutale Taten von Soziopathen geprägt.

Ob bei den Opfern tatsächlich ein Missbrauch vorlag und ein Schaden infolge des Kontakts entstanden ist, spielt keine Rolle. Es wird vorausgesetzt, dass IMMER ein schwerer Schaden entsteht.

Nicht straffällig gewordene Pädophile spielen in der Wahrnehmung dagegen kaum eine Rolle, obwohl sie die deutliche Mehrheit unter den Pädophilen stellen dürften. Es gibt schließlich keine Möglichkeit, diese Pädophilen kennenzulernen und im Kontakt mit der Wirklichkeit das eine oder andere Vorurteil abzuschleifen.

Die Öffentlichkeit kennt (echte und vermeintliche) Pädophile nur aus der Berichterstattung über besonders aufsehenerregende, schwerwiegende und abstoßende Kriminalfälle und durch die entsprechenden Schablonen aus der Unterhaltungsindustrie (Filme, Serien und Bücher mit Serienmördern / Kinderschändern / bösen Zauberern, die auf kleine Jungen stehen).

Auch positive Erfahrungen von Jungen (oder Mädchen) mit Pädophilen haben keine Auswirkung auf die öffentliche Meinung. Sie werden typischerweise nicht bekannt und, wenn doch, werden sie als Selbsttäuschung und Bewältigungsstrategie abgetan. Tatsächlich scheinen positive Erfahrungen insbesondere im Dunkelfeld (bei dem das Problem der Sekundärtraumatisierung zurücktritt) aber eher die Regel als die Ausnahme zu sein.