Rückblick und Ausblick (mit Corona-Exkurs)

2020 war für viele Menschen ein schwieriges Jahr. Bei den meisten lag es an den Wirkungen und Nebenwirkungen von Corona. Auch in meiner eigenen Familie gab es Leidtragende.

Ein enges Familienmitglied wurde nach 30 Jahren Mitgliedschaft aus dem Turnverein ausgeschlossen, weil es sich zwar an alle geforderten Regeln hielt, es dabei aber (nach Meinung zumindest einiger anderer Mitglieder) an der rechten Ernsthaftigkeit und dem gebotenem Eifer fehlte. Damit ist ein wichtiger sozialer Kontakt ebenso weggefallen wie die positiven Gesundheitswirkungen des regelmäßigen Sports.

Ein anderes enges Familienmitglied, das (ebenfalls) zu dem halben Dutzend Menschen gehört, die von meiner sexuellen Orientierung wissen, fühlt sich durch die Corona-Maßnahmen und -verbote massiv in seinen Freiheitsrechten verletzt. Ich bekomme von dieser Seite regelmäßig Handy-Nachrichten mit Links auf kritische Quellen zum Umgang mit Corona. Einmal habe ich daraufhin zurückgeschrieben:

Ich empfinde es als signifikante Einschränkung, dass ich nicht lieben darf, wen ich liebe. Dagegen finde ich fast alles andere, was denkbar ist, als geradezu lächerlich.

Die Antwort:

Da kann ich deine Position nachvollziehen.

Das war für mich einer der wichtigsten Sätze, den mir jemand im letzten Jahr gesagt oder geschrieben hat. Er kam von einem für mich wichtigen Menschen, der zwar Bescheid weiß, aber mit dem ich normalerweise nicht über die Sache rede.

Natürlich schränkt Corona auch mich ein – aber ich empfinde die Einschränkungen tendenziell „nur“ lästig. In meinem Universum bin ich anderes gewohnt. Vielleicht härtet das ab.

Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, kein Klimawandelleugner, kein Impfgegner, kein Wutbürger und habe keine besondere Scheu vor fremden Kulturen. Im Grunde bin ich also in weiten Teilen pflegeleicht in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt. Man muss schon einiges anstellen, um mich auf die Palme zu bringen. Ich finde es aber auch falsch, auf Verschwörungstheoretiker, Klimawandelleugner, Impfgegner, Wutbürger herabzusehen. Schon die Begriffe sind abwertend. Besonders deutlich wird das an Wortschöpfungen wie Covidioten.

Wenn Menschen auf die Straße gehen, ist das in der Regel ein Indiz dafür, dass etwas falsch läuft. Die Menschen sehen etwas, was man selbst vielleicht nicht sieht. Und sie müssen damit auch nicht falsch liegen. Wenn einem dazu nur Beleidigungen einfallen, kann man das Problem (was immer es sein mag) nicht lösen.

Lt. den Zahlen von Spiegel.de hat Frankreich (66,99 Millionen) 2.677.871 Infizierte und 64.760 Corona-Tote. Pro eine Millionen Einwohner sind das 39.974 infizierte und 967 Tote. Frankreich hat dem Virus bekanntlich den Krieg erklärt.

Schweden hat den Virus demgegenüber eher die Koexistenz erklärt. Das Land (10,23 Millionen) hat 437.379 Infizierte und 8.727 Tote. Pro eine Millionen Einwohner sind das 42.754 Infizierte und 853 Tote.

Irgendwo dazwischen liegt die Schweiz (8,57 Millionen Einwohner). Es gab bereits einmal einen harten Lockdown. Aktuell gibt es wieder einen nicht ganz so harten. Restaurants und Kneipen sind wieder dicht, die Läden noch offen, Skipisten ebenso. Man verzeichnet dort 452.296 Infizierte und 7.662 Tote. Das sind 52.777 Infizierte und 894 Tote pro eine Millionen Einwohner.

So schlecht sind die schwedischen Zahlen im Vergleich also nicht. Trotzdem berichtet der Spiegel vom „Schwedischen Corona-Desaster“ oder titelt: „Falsche Corona-Strategie: Das schwedische Scheitern“.

Wenn man die Schweden runter machen will, vergleicht man sie stattdessen lieber mit Norwegen (5,385 Millionen Einwohner). 49.803 Infizierte, 436 Tote. Das sind lediglich 9.248 Infektionen und 81 Tote pro eine Millionen Einwohner.

Aber warum soll man sie nicht stattdessen mit Belgien (11,46 Millionen Einwohner) vergleichen? 646.496 Infizierte, 19.528 Tote, also pro Millionen 56.413 Infizierte und 1.704 Tote – deutlich schlechtere Werte als in Schweden, Frankreich und der Schweiz. Trotz harter Lockdowns.

Wirkt sich also die jeweilige landesspezifische Politik gegen Corona ohnehin nicht aus? Dann könnte man es überall machen wie in Schweden.

In Deutschland starben lt. Wikipedia 1957/58 etwa 30.000 Menschen an der Asiatischen Grippe. An der Hong-Kong Grippe starben 1968 bis 1970 52.250 Menschen. In der Grippe-Saison 2017/18 gab es 25.100 Tote. Bei Corona sind es in Deutschland lt. Spiegel bisher 33.883 Menschen. Weder 1957/59, noch 1968 bis 1970, noch 2017/18 kam wegen der jeweiligen Epidemie alles zum Erliegen. Warum ist es jetzt anders?

Natürlich weiß man nicht, wie die Zahlen in Deutschland ohne die diversen Lockdowns aussehen würden, aber der Einfluss der länderindividuellen Strategie scheint nicht so gewaltig zu sein.

Oder ist die Politik vielleicht in jedem Land jeweils so zurückhaltend wie möglich und die Grenze in Hinblick auf Infizierte und Tote, bei der Maßnahmen angezogen werden ist etwa vergleichbar, weil die Krankensysteme an einer ähnlichen Stelle vor der Überlastung stehen und eine ähnliche kulturelle Sensibilität besteht, welche Anzahl an Toten „zu viel“ ist und schärfere Maßnahmen erfordert?

Dann müssten Länder mit viel Körperkontakt oder gar Begrüßungsküssen (wie in Frankreich und Belgien) früher an die Grenzen kommen und eher schärfere Maßnahmen ergreifen als Länder mit im Umgang distanzierteren Menschen wie Schweden oder Norwegen.

Unplausibel ist weder das eine, noch das andere. Wie immer es wirklich sein mag: der schwedische Weg ist aus meiner Sicht sicher nicht so bescheuert, menschenverachtend oder hat in dem Maße versagt, wie es immer wieder dargestellt wird. Der deutsche Weg ist im Umkehrschluss nicht annähernd so alternativlos, wie von Politik und Medien oft behauptet.

Deshalb muss man den deutschen Weg aber auch nicht gleich verteufeln. Ich habe keine gröberen Zweifel daran, dass sich die Zuständigen in Deutschland darum bemühen, die beste Antwort auf das jeweilige Infektionsgeschehen zu finden und ich habe keine Erkenntnisse, die es mir erlauben würden, aus dem Brustton der Überzeugung zu sagen, dass sie damit völlig daneben lägen.

Schwierig finde ich es aber, wenn ich verarscht werde. Die Pharmazeutische Zeitung berichtet:

In der Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben 32 Prozent der Befragten an, sich so schnell wie möglich immunisieren lassen zu wollen. Weitere 33 Prozent sind zwar ebenfalls dazu entschlossen, wollen aber trotzdem erst einmal mögliche Folgen der Impfung bei anderen abwarten. 19 Prozent haben sich gegen eine Impfung entschieden, 16 Prozent sind noch unentschlossen.

Demgegenüber erklären 100% der Moderatoren in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten das Impfen zur Bürgerpflicht. Dabei dürfte man erwarten, dass es in der Realität nicht wenige Moderatoren gibt, die sich noch nicht oder überhaupt nicht impfen lassen wollen. Wenn sich das in der Berichterstattung nicht widerspiegelt, wird der Zuschauer letztlich zum Objekt einer ihrem Wesen nach heuchlerischen Erziehungskampagnie degradiert.

Die Printmedien machen es nach. Impfen wird vom Stern gar auf dem Titelblatt zum Akt der Nächstenliebe ausgerufen. Als wäre im Umkehrschluss jeder, der sich nicht impfen lassen will, asozial.

Das ist aus meiner Sicht keine akzeptable Art, mit mündigen Bürgern umzugehen.

Als ähnliche Verarschung empfinde ich es, wenn man – wieder besseren Wissens, weil nicht genug Masken verfügbar sind – zunächst behauptet, Masken brächten nichts, nur um sie dann später, als der Engpass gelöst ist, verpflichtend zu machen. Wer so informiert, muss sich nicht wundern, wenn die Leute Toilettenpapier kaufen, wenn man ihnen erklärt, dass es auch morgen noch welches gibt.

Aktuell ärgert mich die Positionierung der Politik, es dürfe keine „Privilegierung“ von Geimpften (oder Menschen, die die Erkrankung bereits durchgemacht haben) geben.

Einschränkungen der Freiheitsrechte von Bürgern bedürfen der Rechtfertigung. Sie müssen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sein. Dass weiß auch jeder Politiker, spätestens seit etliche Corona-Verordnungen von Gerichten gekippt wurden. Jemandem, der sich und andere nicht mehr anstecken kann, darf man seine Freiheitsrechte nicht mehr mit dem Verweis auf objektiv nutzlose und vermeintlich moralisch gebotene „Solidarität“ wegnehmen.

Letztlich wird es die Politik sein, die – wenn die als nötig empfundene Impfquote nicht erreicht wird – eine höhere Impfquote durchdrücken wird. Schließlich wollen die Leute irgendwann wieder in den Urlaub fahren können, ohne vorher und nachher Tests für insgesamt 150 EUR pro Person zahlen zu müssen. Vor die Wahl gestellt lassen sich die meisten dann doch lieber kostenlos impfen.

Wenn man nun so tut als würde man „Privilegien“ ablehnen, wäscht man sich schon mal vorsorglich rein, um später dann „widerwillig“ doch etwas anderes zu machen. Hauptsache der Wähler ist einem nachher nicht böse. Bei mir wird diese Besänftigungs-Strategie nicht aufgehen. Ich bin zwar im allgemeinen recht pflegeleicht, aber ich kann es nicht ausstehen, angelogen zu werden.

Trotz allem: irgendwann ist Corona vorbei. Nicht als Virus, nicht als Krankheit, aber als Pandemie, die das tägliche Leben einschränkt.

Die Einschränkungen, mit denen ich lebe, werden bleiben.

Die Möglichkeiten pädophiler und hebephiler Menschen, ein Leben mit einigermaßen akzeptabler Lebensqualität zu führen, werden seit mindestens drei Jahrzehnten durch den Aufbau eines hetzerischen Feindbildes (Kinderschänder / Seelenmörder / Zeitbombe) und immer neue Gesetzesverschärfungen stetig weiter beschnitten.

Es ist schon ein Erfolg, wenn sich die nächste deutliche Verschlechterung der Situation durch eine weitere Reform des Sexualstrafrecht nun zeitlich verzögert, auch wenn man noch nicht weiß, ob zur nächsten Verschärfungsrunde nur Monate oder vielleicht sogar ein paar Jahre gewonnen wurden.

Im Grunde denke ich, dass der Kampf für unsere Generation und vielleicht auch die zwei nächsten verloren ist. Das heißt aber nicht, dass der Kampf nichts bewirkt. Er schafft die Voraussetzung dafür, dass irgendwann ein anderer den Kampf weiterführen und gewinnen kann.

Wir stehen vielleicht da, wo die Schwulen 1920 standen. 100 Jahre später dürfen sie ihre Sexualität offen ausleben, heiraten, Kinder adoptieren. Aber vor 80 Jahren wurden sie vergast. Ich glaube ganz so schlimm wird es nicht werden, aber der Druck wird weiter wachsen. Trotzdem: irgendwann wird es besser.

Und trotz meines Pessimismus erinnere ich mich auch noch daran, dass ich als Kind glaubte, den Ostblock werde es immer geben. Die Grenzen hatten sich ja schon für ein paar Jahrzehnte kaum verändert. Und dann bricht die Sowjetunion zusammen und die Welt ändert sich in kürzester Zeit komplett auf vorher unvorstellbare Weise.

Das kann auch in anderen Bereichen passieren. Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass wir auf eine heute noch nicht vorstellbare Weise bedeutende Fortschritte erzielen. Es wäre ja z. B. bereits etwas, wenn z.B. fiktive Ersatzbefriedigungsmöglichkeiten vollkommen legalisiert werden würde. Das halte ich im Prinzip auch für möglich.

Die Strafverschärfungsdebatte hat mir im abgelaufen Jahr emotional deutlich mehr zugesetzt als Corona. Das ist ein fahrender Zug, der uns plattwalzt. Und er macht keine Anstalten abzubremsen. Man schmeißt ständig neue Kohlen ins Feuer.

Man sollte aber nicht vergessen, dass es zwei Kämpfe gibt.

Den um die gesellschaftliche Meinung. Zwar verlieren wir ihn im Moment, aber er ist auch nie zu Ende. Egal wie schlimm es ist und wie schlimm es noch werden wird, kann er immer noch irgendwann gewonnen werden.

Und dann gibt es den Kampf um das private Glück und das gelungene Leben.

Das ist der wichtigere Kampf. Man kann den gesellschaftlichen Kampf verlieren (oder ihn sogar aufgeben) und den Kampf um das private Glück trotzdem gewinnen.

Ich wünsche euch (und mir) gute Kämpfe.

Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Bertolt Brecht

9 Kommentare zu „Rückblick und Ausblick (mit Corona-Exkurs)

  1. Viele Theorien dieser Leute, die du aufgezählt hast, sind aber einfach zu absurd, um wahr sein zu können. Da gibt es wirklich viel!

    Du glaubst doch auch nicht wirklich, dass all die Staaten tierisch aufwändige und der Wirtschaft sowie dem Fiskus schadende Maßnahmen anordnen, nur um aus irgendwelchen Gründen einen gesellschaftlichen Wandel hervorbringen zu wollen oder testen zu wollen, wie lange man eine Bevölkerung einschränken kann? Im Themenbereich Corona existieren aktuell jede Menge solcher Theorien. Allein schon die Menge der Mitwisser, die es bei so etwas geben würde, machen diese ganzen Gedanken absurd.

    Auch werden beispielsweise Statistiken vom statistischen Bundesamt hierbei von solchen Leuten manchmal falsch wiedergegeben!

    Ähnliches hört man auch aktuell bezüglich des Sturms auf das Kapitol in den USA am Mittwoch. Da behaupten Leute zum Beispiel, es wäre eine riesige Menge von Trump-Gegnern unter falscher Flagge dort hineingestürmt, nachdem Trump persönlich seine Anhänger zu diesem Ansturm (bewusst oder unbewusst ist hierbei egal) motiviert hatte.

    Deswegen kann man manchmal für so etwas nur Spott übrig haben! Vor allem, wenn sich solche Gedanken immer nur wiederholen.

    Wenn ein Land den Kampf gegen Corona aufgibt, dann hat es diesen auch verloren. Das ist doch klar! Mal sehen, wie Schweden mit der Belastung seiner Krankenhäuser zurechtkommen wird.

    Warum wir weiterhin versuchen sollten, das Virus aufzuhalten, kannst du zum Beispiel hier erfahren: https://www.youtube.com/watch?v=ozk5wUhLAxI

    Ein Mund-Nase-Schutz kann sicherlich helfen, Viren bestimmter Größenordnungen nicht weiter zu verbreiten, wenn dieser es verhindert, dass beim Atmen Tröpfchen auf eine andere Person treffen. Außerdem denke ich, dass er es auch eindämmt, sich zu oft an die Körperöffnungen Nase und Mund zu gehen, wodurch ein Virus ja in den Körper gelangen kann.

    Ich verstehe auch Leute nicht, die sich auf keinen Fall impfen lassen wollen. Was soll denn groß passieren? Dass eventuelle Nebenwirkungen nicht so schwerwiegend sind wie Symptome durch das Corona-Virus, wird doch immer wieder betont!

    Wie es mit den Gesetzesverschärfungen weitergeht, muss man erst einmal abwarten. Dass es gesellschaftlich nicht sooo schlimm aussieht, wie es Pädophile empfinden, hast du ja in vergangenen Artikeln bereits durch Studien veranschaulicht.

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    1. „Du glaubst doch auch nicht wirklich, dass all die Staaten tierisch aufwändige und der Wirtschaft sowie dem Fiskus schadende Maßnahmen anordnen, nur um aus irgendwelchen Gründen einen gesellschaftlichen Wandel hervorbringen zu wollen oder testen zu wollen, wie lange man eine Bevölkerung einschränken kann?“

      Nein, glaube ich nicht.

      Krisen sind aber grundsätzlich Zeitpunkte in denen Menschen bereit sind, Zumutungen zu akzeptieren, die sie sonst nicht akzeptieren würden.

      Eine Krise ist, auch wenn man sie nicht herbeigeführt hat, eine Gelegenheit. Ob zum Guten oder zum Schlechten hängt davon ab, was gemacht wird. Derjenige, der die Krise nutzt, um etwas strukturell zu verändern meint natürlich in der Regel, dass er damit etwas Gutes tut.

      Ein Terrroranschlag wird genutzt, um für den Kampf gegen den Terror Freiheitsrechte einzuschränken. Ein aufsehen erregender Kriminalfall, um Mindeststrafen anzuheben und kindlich aussehende Sexpuppen zu verbieten. Der Vorfall im Capitol wird nun in Deutschland zum Anlass genommen, das Gesetz gegen Hasskriminalität doch noch zu verabschieden. Auch eher kleine Krisen lassen sich nutzen, um Dinge zu erreichen, die man sonst nicht oder nur sehr viel schwieriger erreichen könnte.

      Was man in einer Krise bewegt hat, bleibt danach oft. Es ist der neue Status Quo und die meisten Menschen arrangieren sich mit dem Status Quo. Für viele Menschen ist Veränderung negativ besetzt. Wenn alles gleich bleibt, verringert es den Anpassungsaufwand.

      „Wenn ein Land den Kampf gegen Corona aufgibt, dann hat es diesen auch verloren. Das ist doch klar! Mal sehen, wie Schweden mit der Belastung seiner Krankenhäuser zurechtkommen wird. “

      Im Moment mal kommt es damit jedenfalls nicht schlechter klar als andere Länder auch.

      Schweden hat den Kampf übrigens nicht aufgegebenen. Es gibt in Schweden (inzwischen) auch Einschränkungen. Sie sind aber lange nicht so einschneidend waren wie bei uns. Einen Lockdown gab es dort noch nicht. Die gesetzlichen Voraussetzungen für einen Lockdown werden allerdings gerade in Schweden geschaffen. Ob man sie dann auch nutzen muss bleibt abzuwarten.

      Auch ich meine nicht, dass man den Kampf gegen das Virus beenden sollte und ich halte Mund-Nasen-Schutz durchaus für sinnvoll.

      „Ich verstehe auch Leute nicht, die sich auf keinen Fall impfen lassen wollen. Was soll denn groß passieren? Dass eventuelle Nebenwirkungen nicht so schwerwiegend sind wie Symptome durch das Corona-Virus, wird doch immer wieder betont!“

      Es gibt viele Horror-Stories zum Impfen. Die meisten haben keine Substanz. Aber es gab auch schon echte Fälle:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Hepatitis_C
      —-
      Während der 1950er bis in die 1980er Jahre bekämpften die ägyptischen Gesundheitsbehörden zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation die dort sehr häufige Bilharziose mit organisierten Kampagnen, bei denen den Erkrankten Brechweinstein (tartar emetic) injiziert wurde. Vermutlich über nicht ausreichend desinfizierte Kanülen kam es zu Ansteckungen mit dem Hepatitis-C-Virus. In späteren serologischen Untersuchungen waren bei 70–90 % aller Fälle von chronischer Hepatitis, Leberzirrhose und Leberzellkarzinomen die Virusantigene nachzuweisen. Die Zahl der betroffenen Personen wird auf sechs Millionen geschätzt. Da die genannten Komplikationen einer Hepatitis-C-Virusinfektion häufig erst nach zwanzig Jahren auftraten, steht nach Ansicht von Infektiologen der Höhepunkt in der Epidemie von Leberkrankheiten in Ägypten noch bevor.[55] Es handelt sich vermutlich um den schwersten Fall von durch ärztliche Maßnahmen (iatrogen) übertragenen Krankheitserregern in der Geschichte.[56]
      —-
      Nur weil jemand betont, etwas sei sicher, muss es auch lange nicht sicher sein.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Contergan-Skandal
      —-
      Der Contergan-Skandal war einer der aufsehenerregendsten Arzneimittelskandale in der Bundesrepublik Deutschland und wurde in den Jahren 1961 und 1962 aufgedeckt.[1] Das millionenfach verkaufte Beruhigungsmedikament Contergan, das den Wirkstoff Thalidomid enthielt, konnte bei der Einnahme in der frühen Schwangerschaft Schädigungen in der Wachstumsentwicklung der Föten hervorrufen. Contergan half unter anderem auch gegen die typische morgendliche Schwangerschaftsübelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase und galt im Hinblick auf Nebenwirkungen als besonders sicher. Bis Ende der 1950er Jahre wurde es gezielt als rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel für Schwangere empfohlen. Es wurde vom 1. Oktober 1957 bis zum 27. November 1961 vertrieben und wurde aufgrund von möglichen Nebenwirkungen auf das Nervensystem ab dem 1. August 1961 rezeptpflichtig. Durch die Einnahme von Contergan kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen (Dysmelien) oder gar dem Fehlen (Amelie) von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen. Dabei kamen weltweit etwa 5.000–10.000 geschädigte Kinder auf die Welt. Zudem kam es zu einer unbekannten Zahl von Totgeburten. Anfang 2016 gab der Bundesverband Contergangeschädigter auf seiner Internetseite an, dass in Deutschland noch etwa 2.400 Contergan-Geschädigte leben.[2]
      —-

      Zu einem bestimmten Zeitpunkt dachte man, dass Contergan sicher wäre.

      Es gibt auch Menschen, die Langzeitfolgen befürchten. Da es ja niemanden gibt, der bereits vor 5 Jahren gegen Corona geimpft wurde, kann man die Langzeitfolgen auch nicht mit letzter Gewissheit kennen.

      Wer nur Quellen von Impfskeptikern liest, dem kann Impfen schnell Angst machen.

      Ich bin noch nicht dran, aber wenn es soweit ist, gehe ich davon aus, dass ich mich impfen lassen werde. Ich habe aber auch Familienmitglieder, die sich nicht impfen lassen wollen.

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      1. Der Contergan-Skandal war mir bereits bekannt. Dennoch gibt es auch positive Beispiele für erfolgreiche Impfkampagnen, die Hoffnung machen können. Die Pocken konnten ja beispielsweise durch Impfung ganz ausgerottet werden. Außerdem funktionieren ja Impfungen, die oft schon in der Kindheit durchgeführt werden (z. B. Masernimpfungen) auch gut.

        Ich denke, dass man als Teil der Gesellschaft jetzt möglichst darauf hinarbeiten sollte, dazu beizutragen, die Ausbreitung des Virus kontrollierbar zu machen. Dazu gehört für mich auch, Resistenzmittel wie Impfungen zu nutzen. Wer Horrorgeschichten bezüglich Impfen liest, könnte nach einer Impfung auch den Placebo-Effekt bekommen und deswegen erkranken. Daher erspare ich es mir lieber, von Impfskeptikern etwas zu lesen.

        Danke übrigens für den Hinweis auf die geplante Durchsetzung des Gesetzes gegen Hasskriminalität. Das war mir noch nicht bekannt.

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  2. „Jemandem, der sich und andere nicht mehr anstecken kann, darf man seine Freiheitsrechte nicht mehr mit dem Verweis auf objektiv nutzlose und vermeintlich moralisch gebotene „Solidarität“ wegnehmen.“

    Gut erkannt, das hat mich auch maßlos geärgert, inkl. schon in den Statements von Drosten vor Monaten, als zum ersten Mal die Idee der Immunitätsausweise diskutiert wurde und er seine Expertise als Virologe missbraucht hat, um ein politisches Statement zu machen „Das würde die Gesellschaft spalten“, als ob die Einschränkung der Bewegungsfreiheit Immunisierter aus rein symbolischen Gründen schon gerechtfertigt wäre.

    Bei der Diskussion um das Verbot der Sterbehilfe 2015 sagte ein Unionspolitiker, „Was der Staat nicht verbietet, gebietet er“. In einem solchen Weltbild gibt es keine individuelle Selbstbestimmung. Ich glaube, das war ein Zitat eines römischen Diktators, was wie die Faust aufs Auge passen würde.

    Ebenfalls nicht vergessen sollte man, dass der Staat durch das Verbot von Human Challenge Trials und der Vermarktung früher Impfstoff-Prototypen (vor der offiziellen Zulassung) aktiv den freien Markt daran gehindert hat, Antworten auf die Pandemie zu finden. Dafür kann man alle möglichen Argumente heranziehen, ich bin jedoch nicht überzeugt, dass ein libertäres Modell nicht viel besser funktioniert hätte. Durch Experimente an bezahlten Freiwilligen (inkl. absichtlichen Corona-Infektionen mit niedriger initialer Virenlast) hätte man sehr viel schneller viel mehr Daten sammeln können. Hätte man den Verkauf von frühen Impfstoffen (also vor der offiziellen Freigabe) an Menschen erlaubt, die diese haben wollten, hätten viel mehr Menschen viel früher immunisiert werden können und gleichzeitig hätte man Daten über die Nebenwirkungen sammeln können (natürlich mit dem Hinweis, dass es sich um frühe Impfstoffe handelt, die noch nicht offiziell freigegeben sind). Im Rückblick hätten so durch einfache Unterlassung der Unterdrückung dieser Marktoptionen durch den Staat womöglich einige Menschenleben gerettet werden können.

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    1. „Ebenfalls nicht vergessen sollte man, dass der Staat durch das Verbot von Human Challenge Trials und der Vermarktung früher Impfstoff-Prototypen (vor der offiziellen Zulassung) aktiv den freien Markt daran gehindert hat, Antworten auf die Pandemie zu finden. (…) Durch Experimente an bezahlten Freiwilligen (inkl. absichtlichen Corona-Infektionen mit niedriger initialer Virenlast) hätte man sehr viel schneller viel mehr Daten sammeln können.“

      Ich sehe das als problematisch an. Wer Geld braucht, verkauft seien Körper für medizinische Versuche. Wo soll das dann aufhören? Beim Organhandel?

      Umgekehrt: darf man den Menschen die Verfügung über den eigenen Körper verbieten? Es sollte ja nichts geben, was einem mehr gehört als der eigene Körper.

      Die grundsätzliche Möglichkeit als Medizinproband Geld zu verdienen scheint es übrigens zu geben. Siehe hier:
      https://www.mondosano.de/ratgeber-artikel/geld-verdienen-als-medikamententester

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      1. „Ich sehe das als problematisch an.“

        Ich sehe es als problematisch an, dass der Staat die freiwilligen Transaktionen gewaltsam unterdrückt hat, die in dieser Pandemie Menschenleben hätten retten können, und statt dessen unfreiwillige Lockdowns erzwingt, um es wieder auszugleichen. Auch beim Verbot von freiwilligen Organspenden gegen Entgelt ist davon auszugehen, dass Menschen sterben, weil es verboten ist. Dass so ein Verbot gegen die Selbstbestimmung gerichtet ist, ist ohnehin klar.

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      2. „Dass so ein Verbot gegen die Selbstbestimmung gerichtet ist, ist ohnehin klar.“

        Stellen wir uns einen Menschen in der Dritten Welt vor, der nicht genug zu essen hat. Er kann eine Niere verkaufen und hat dann für 3 Jahre genug zu essen. Vielleicht auch noch für seine Familie. Hat man dann das Recht, ihm diese Handlungsmöglichkeit zu verbieten?

        Oder hat man sogar die Pflicht, die Handlungsmöglichkeit zu verbieten bzw zu verhindern? Man kann das Argument der Einschränkung von Selbstbestimmung ja beliebig weiterführen und dann zu dem Ergebnis kommen, dass man sich selbst in die Sklaverei verkaufen darf. Oder – mit der an anderer Stelle angeführten elterlichen Verfügungsgewalt – seine Kinder in die Sklaverei verkaufen darf. Solche Verhältnisse gab es geschichtlich auch schon.

        Dann brauchen reiche und mächtige Menschen andere nur noch in Zwangslagen zu bringen und ihnen eigentlich gänzlich unzumutbare Dinge, wie den Verkauf eines Organs oder des Kindes in die Sklaverei als Ausweg zu bieten. Wir sind dann bei der schlimmsten Form des Raubtierkapitalismus, wie es ihm zum Zeitpunkt des Beginns der Industrialisierung gegeben hat.

        Wenn man den Missbrauch des Selbstbestimmungsrechts verhindern will, muss es gewisse Einschränkungen geben, denn ansonsten landet man unter dem Schein der Wahrung des Menschenrechts der Selbstbestimmung in einer Welt schwerster Menschenrechtsverletzungen.

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      3. Nun könnte man mit diesen Argumenten sämtliche Jobs verbieten, denn wenn jemand etwas nur des Geldes wegen tut, steht er nach deiner Definition unter Zwang, dann müsste ein reicher oder mächtiger Mensch ja nur eine Zwanglage herbeiführen und er könnte die Menschen zur Arbeit zwingen… oder zu Beziehungen, Heirat usw. Am besten alle Jobs und alle sozioökonomischen Beziehungen verbieten. Und den Suizid noch gleich mit, ebenfalls aus Paternalismus, damit das qualvolle Verrecken zur staatlich verordneten Verpflichtung wird. Naja.

        Andere in die Sklaverei zu verkaufen ist indes ein Strohmann-Argument, denn bei der elterlichen Verfügungsgewalt ging es ja darum, dass sowohl das Kind als auch die Eltern der Transaktion zustimmen müssen, nicht dass die Kinder Sex-Sklaven im Besitz der Eltern sind. Wobei ich lieber in einer Welt leben würde, in der letzteres gesellschaftlich akzeptiert ist, als in dieser Welt, wo sämtliche sexuellen Handlungen mit Kindern illegal sind. Wir haben halt unterschiedliche Ziele und müssen das auch nicht mehr diskutieren.

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      4. „Andere in die Sklaverei zu verkaufen ist indes ein Strohmann-Argument, denn bei der elterlichen Verfügungsgewalt ging es ja darum, dass sowohl das Kind als auch die Eltern der Transaktion zustimmen müssen“

        Eine Regelung, die ich ganz vernünftig finde, gab es ein bis 2003 in der Niederlande. Bis dahin konnte, wenn das Kind mindestens 12 Jahre alt war, eine Strafverfolgung nur nach einer Beschwerde des Kindes, seiner Eltern oder des Kinderschutzbundes erfolgen.

        „Nun könnte man mit diesen Argumenten sämtliche Jobs verbieten, denn wenn jemand etwas nur des Geldes wegen tut, steht er nach deiner Definition unter Zwang, dann müsste ein reicher oder mächtiger Mensch ja nur eine Zwangslage herbeiführen“

        Das stimmt so nicht.

        Das Problem ist ja, dass oft eben nicht ganz klar ist, was erlaubt oder verboten sein sollte. Auch Menschenrechte stehen teils im Konflikt zueinander, z.B. die Religionsfreiheit und die Meinungsäußerung (Thema Mohammed-Karrikaturen) oder Religionsfreiheit und körperliche Unversehrtheit (Thema Beschneidung), Recht auf Leben und Recht auf selbstbestimmtes Sterben (Thema Sterbehilfe, bzw. Zugang zu geeigneten Medikamenten), usw.

        Über die richtige Lösung für die sich daraus ergebenden Probleme wird gesellschaftlich gestritten und das Ergebnis kann sich ändern.

        Aus meiner Sicht ist im Zweifelsfall die freie Entscheidung des Individuums vorzuziehen. Aber es ganz offensichtlich gibt es auch Dinge, die für mich kein Zweifelsfall sind und zu recht verboten sind und die du gerne erlauben würdest.

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