Not sehen … und dann?

Es gibt drei Ansätze mit denen ich mich aktivistisch engagiere.

Der erste ist mein Blog. Ich schreibe ihn vor allem für mich selbst und andere Betroffene, er wendet sich aber auch an „Normalliebende“ die – wie auch immer – über ihn stolpern.

Der zweite Weg ist meine Mitgliedschaft bei Gutefrage.net. Anders als hier erreiche ich dort vor allem Normalliebende, die ihre Vorstellung von einem Pädophilen aus Geschichten über erfundene Kriminalfälle (Tatort & Co) oder aus Berichte über tatsächliche Kriminalfälle haben, in denen Kindesmissbrauch mit Pädophilie gleichgesetzt wird.

Wenn man keine Pädophilen kennen lernen kann, gibt es auch keine Chance Vorurteile in Frage zu stellen. Da Pädos auf Pseudonymität angewiesen sind, ist eine Begegnung äußerst schwierig.

Gutefrage ist einer der ganz wenigen Orte, wo es möglich ist. Das erleubt eine Form von „Aktivismus“, bei dem es letztlich vor allem darum geht, als offen pädophiler Mensch sichtbar zu sein und „trotzdem“ als Mensch wahrgenommen zu werden (statt als Monster).

Der dritte Weg ist die individuelle Ansprache von relevanten Personen oder Organisationen. Also etwa von Menschenrechtlern, Politiker, Schriftstellern, Strafrechtswissenschaftlern, Kriminologen etc.

Meist gibt es keine Antwort. Ich bin ein Freund von Ehrlichkeit und dazu gehört auch, dass ich mir keinen echt klingenden Phantasienamen ausdenke, um Menschen anzuschreiben. Ich schreibe die die Leute, die ich kontaktiere, offen pseudonym an. Das Sich-verstecken-müssen ist schließlich ein zentraler Aspekt meiner Diskriminierung und Stigmatisierung.

Die Vortäuschung eines falschen Namens scheint mir auch langfristig gesehen kontraproduktiv. Man sollte einen Austausch nicht mit einer Irreführung beginnen. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine anonym versendete Mail ungelesen im Papierkorb landet, jedenfalls erhöht. Wer nicht mit seinem echten Namen hinter seinem Anliegen steht, ist für viele kein erst zu nehmender Ansprechpartner, der der eigenen Aufmerksamkeit würdig ist.

Ein Politiker hat mir bisher nicht geantwortet. Auch die meisten Menschen- oder Bürgerrechtsorganisationen reagieren nicht. Nicht geantwortet haben mir zum Beispiel:

  • das Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld
  • der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg
  • die Antidiskriminierungsstelle des Bundes
  • das Institut für Menschenrechte,
  • das Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung,
  • Amnesty International Deutschland

Zwei Antworten von Bürgerrechtsorganisationen habe ich aber erhalten. Aus einer davon will ich hier (anonymisiert) zitieren:

Sehr geehrter Herr, vielen Dank für Ihre ausserordentliche Mail vom 08.08. 2020 an [ Name entfernt ], das ich gerne beantworte. Bitte sehen Sie mir nach, wenn meine Antwort doch recht lange gedauert hat.

Etliche der Sachverhalte, Probleme und Fragestellungen, die Sie aufgeworfen haben, sind uns nicht unbekannt. Sahen wir uns doch in den vergangenen Jahren wiederholt schweren Vorwürfen, insbesondere von kirchlicher Seite ausgesetzt, die uns mangelnde Grenzziehung zu bestimmten Auffassungen vorwarfen wie etwa zum einvernehmlichen Sex zwischen Erwachsenen und Kindern. Wenngleich unser Vorstand im Jahre [ entfernt ] diese Grenzziehung sehr eindeutig vorgenommen hat, wurde die Kritik an [ Name entfernt ] wegen zu „liberaler“ Auffassungen von Gruppen und Personen vor allem in den siebziger und achtziger Jahren immer wieder aufgefahren.

Was ich an Ihren Texten für besonders bemerkenswert halte, ist jenseits von gesellschaftlichen und politischen Problemen die sehr persönliche Perspektive, die Sie einnehmen. Sie konfrontieren uns und andere mit der grossen Not, die Menschen erleben, die sich zu jüngeren Menschen hingezogen fühlen. Es ist auch nachvollziehbar, dass Sie nicht mehr länger bereit sind, dies ausschliesslich für sich zu behalten.

Geradezu erschütternd sind Ihre vielen Beispiele für die Verhetzung, die im politischen Raum oftmals gegenüber pädophilen Menschen stattfindet. Umso positiver ist es, wenn sich Medizin und Wissenschaft um Aufklärung bemühen und es mehr und mehr Angebote gibt, die als Prävention den Umgang mit einem eventuell überhand nehmenden Bedürfnis nach „Ausleben“ von pädophilen Wünschen beherrschbar machen wollen.

Es ist bedauerlich, dass wir aufgrund vergangener Erfahrungen nicht offensiv mit der von Ihnen geschilderten Problematik als Bürgerrechtsthema umgehen können. Ich danke Ihnen, dass Sie uns durch diese sehr umfassende Darstellung so eindringlich auf die Gesamtproblematik hingewiesen haben. Mit freundlichen Grüßen

[ Name entfernt ], Vorsitzender

[ Name entfernt ]

Aus meiner Antwortmail:

zunächst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass Sie mir geantwortet haben.

Ich habe ehrlich gesagt nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Sie dann doch unverhofft vorzufinden, hat mich dann um so mehr gefreut.

Ich kann gut verstehen, wenn Sie vor einer offensiven Auseinandersetzung mit dem Thema zurückschrecken. Ich weiß nicht, was ich selbst bereit wäre zu tun, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Ich finde man sollte von anderen nichts erwarten, was man selbst nicht zu leisten bereit ist. Ich kann Ihnen also für ihr Nicht-Handeln schlecht böse sein.

Im Grunde bestätigt sich damit aber auch, meine Darstellung von Pädophilen als „Unberührbaren“, Menschen, von denen man beschmutzt wird, wenn man ihnen zu Nahe kommt. Sich in welcher Form auch immer für Unberührbare einzusetzen ist besonders schwierig. Aber sie haben Hilfe aber auch besonders nötig.

Menschenrechte und Bürgerrechte können ein sehr schwieriges Thema sein. Manchmal bringt man sich damit in Gefahr.

Würde ich in Tschetschenien für Schwule kämpfen wollen, in Myanmar für Rohingha auf die Straße gehen, in Saudi-Arabien für Frauenrechte demonstrieren oder in der Türkei für Pressefreiheit kämpfen?

Ich glaube ein Kampf für Schwule in Tschetschenien ist unmittelbar lebensgefährlich. Man kann, wenn einem das eigene Leben lieb ist, nur für von außerhalb des Landes für Schwule in Tschetchenien eintreten. In Myanmar müsste man vermutlich um seine körperliche Unversehrheit fürchten. In Saudi-Arabien und der Türkei drohen vielleicht Haft oder Ausweisung.

Ob diese Gefahreneinschätzung realistisch ist, kann ich nicht sicher sagen, sie scheint mir lediglich plausibel. Der Punkt ist: in Deutschland kann man sich problemlos und gefahrlos für Schwule, ethnische Minderheiten, Frauen oder bürgerliche Grundrechte einsetzen. Es droht keine Gefahr. Ein deutscher Aktivist für Menschen- und Bürgerrechte muss nicht mutig sein. Außer …

Sie merken schon, worauf ich hinaus will. Ich kann Ihnen nicht böse sein, aber ich kann versuchen, Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ein Bettler kämpft mit seiner zerrissenen Kleidung. Die Mutter eines hungernden Kindes damit, dass sie ihr Kind in die Kamera hält.

Ich habe ihnen einige meiner Verletzungen vor Augen gehalten. Sie haben nicht weggeschaut. Sie haben sogar zurückgeblickt und richten das Wort an mich. Das ist viel mehr, als viele andere tun würden und getan haben. Aber: es kann mir letztlich nicht helfen.

(….)

Eine Reaktion auf diese Mail gab es nicht mehr.

Letztlich kann man es nur einfach immer wieder neu probieren.

Nach meinem Artikel „Die Vermessung einer Verletzung“ habe ich zum Beispiel einige Akteure, die sich für Suizidprävention einsetzen, mit gekürzten Varianten des Artikels angeschrieben. Zwei von sieben haben tatsächlich geantwortet:

Aus Antwort 1:

vielen Dank für Ihre Nachricht und die fundierte Schilderung. In der Tat handelt es sich hier um eine sehr belastete Zielgruppe und das Stigma ist entsprechend hoch. Ggf. können wir in einem unserer künftigen Projekte tätig werden, wir nehmen Ihre Anregung gern auf.

Aus Antwort 2:

vielen Dank Ihnen für Ihre Mail, mit den interessanten Informationen über die Problematik pädophiler Männer, insbesondere in Hinsicht auf die erhöhten Suizidraten in dieser Gruppe. Wir sind uns des Problems bewusst und danken Ihnen für diese fundierten Hinweise. Im [ Name entfernt ] diskutieren wir die Möglichkeiten der Unterstützung suizidpräventiver Aktivitäten in diesem Gebiet.

Das macht Hoffnung. Vielleicht entsteht daraus ja etwas Gutes. Es wäre bitter nötig.

Generell bleibt aber das Problem, dass Pädophilie im Wesentlichen allein dastehen. Pädophilie ist so stark stigmatisiert, dass schon niemand erkennen oder damit belästigt werden, dass es überhaupt eine Diskriminierung gibt.

Solange es zwar Menschenrechtsorganisationen gibt, die mutig genug sind, sich für Frauen in Saudi-Arabien, Journalisten in der Türkei, Uiguren in China, Rohingya in Myanmar und Schwule in Tschetchenien einzusetzen, ihr Mut aber versagt, wenn es darum geht, sich für Pädophile und Hebephile in Deutschland einzusetzen, solange wird sich nichts ändern.

6 Kommentare zu „Not sehen … und dann?

  1. Also wenn es um meine Meinung geht, was z.B. Strafrechtsverschärfungen u.ä. angeht, schreibe ich auch unter meinem realen Namen Politiker und Parteien (der Opposition) an. Allerdings diskutiere ich dort nicht die Verfolgung der Pädophilen oder identifiziere mich als pädophil, weil das Stigma dafür einfach zu hoch ist. Statt dessen verweise ich auf Rechtsprinzipien, Unverhältnismäßigkeiten, sprachliche Irreführungen usw. Ob es etwas bringt, bleibt abzuwarten, immerhin ist es besser, als dass aus lauter Angst, als Pädo bezeichnet zu werden, gar niemand die objektiv zu benennenden Gegenargumente nennt. Das mit dem Reclaimen des Pädobegriffs ist zwar nett gemeint, aber das politische Hauptziel sollte in der politischen Verbesserung der Rechtslage liegen.

    Es ist eh nicht realistisch, dass die Gesellschaft im praktischen Sprachgebrauch die Abgrenzungen zwischen Pädo und Kinderschänder etc. vornimmt. Zumal ich auch gar nicht gegen Sex mit Kindern bin, wodurch meine Position gar nicht repräsentiert wird in der Betonung, Pädophile seien nicht automatisch Missbrauchstäter. Dazu muss man dann noch umdefinieren, was überhaupt als Missbrauch zählt, wozu die Mehrheit eh nicht bereit ist.

    Eine sinnvolle Strategie scheint mir zu sein, in der Pseudonymität darauf hinzuweisen, dass es einen Unterschied zwischen freiwilligen und unfreiwilligen sexuellen Handlungen auch unter dem derzeitigen Schutzalter gibt, dass nicht alles, was als Gewalt und Missbrauch bezeichnet wird, tatsächlich auch gewaltsam oder gegen den Willen der Person geschieht, und dass Leute, die eine junge Zielgruppe attraktiv findet, nicht automatisch Übergriffe oder Rechtsbrüche geht (ist ja immerhin noch eine Entscheidung der Person, ich habe z.B. immer nur mit erwachsenen Frauen Sex gehabt, obwohl meine Hauptattraktion auf Hebe-Niveau liegt). Wir machen hier Riesenkompromisse aus Pragmatismus für die Rechtssicherheit. Kann man ja vielleicht auch mal anerkennen.

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    1. „Also wenn es um meine Meinung geht, was z.B. Strafrechtsverschärfungen u.ä. angeht, schreibe ich auch unter meinem realen Namen Politiker und Parteien (der Opposition) an. Allerdings diskutiere ich dort nicht die Verfolgung der Pädophilen oder identifiziere mich als pädophil, weil das Stigma dafür einfach zu hoch ist. Statt dessen verweise ich auf Rechtsprinzipien, Unverhältnismäßigkeiten, sprachliche Irreführungen usw. Ob es etwas bringt, bleibt abzuwarten“

      Finde ich einen sehr interessanten Ansatz.

      Hast du auch schon mal Reaktionen auf deine Schreiben erhalten?

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      1. Wenn man Politiker, Bürgerrechtsaktivisten, Parteien… anschreiben möchte, dann sollte man seinen Vornamen preisgeben, allerdings nur der erster Buchstabe und dann seinen Nachnamen.

        Der Nachname allerdings komplett preisgeben.

        Ein Beispiel: Angela Merkel

        = A. Merkel

        Oder seinen Vornamen komplett preisgeben und dann seinen Nachnamen allerdings nur der Anfangsbuchstabe.

        Ein Beispiel: Angela Merkel

        = Angela. M

        Ich finde es sehr wichtig so viele Menschen wie möglich auf die Stigmatisierung der Pädophile und der Hebephile anzuschreiben.

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      2. Ich finde das als Empfehlung sehr gewagt.

        Klar wäre es gut, wenn man Politiker und andere Menschen offen zum Thema anschreiben und das Stigma thematisieren könnte. Aber es gibt das Stigma nun mal und wenn es blöd läuft kann so eine Aktion auch äußerst unangenehme Folgen haben.

        Wärst du „Jemand 2.0“ denn dazu bereit, Menschen mit deinem realen Nachnamen und dem ersten Buchstaben deines realen Vornamens anzuschreiben, um die Stigmatisierung von Pädophilie zu thematisieren?

        Falls nein, dann ist es auch keine legitimer Rat an Dritte.

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  2. „ Ich finde das als Empfehlung sehr gewagt.

    Klar wäre es gut, wenn man Politiker und andere Menschen offen zum Thema anschreiben und das Stigma thematisieren könnte. Aber es gibt das Stigma nun mal und wenn es blöd läuft kann so eine Aktion auch äußerst unangenehme Folgen haben.

    Wärst du „Jemand 2.0“ denn dazu bereit, Menschen mit deinem realen Nachnamen und dem ersten Buchstaben deines realen Vornamens anzuschreiben, um die Stigmatisierung von Pädophilie zu thematisieren?

    Falls nein, dann ist es auch keine legitimer Rat an Dritte.“

    Vielleicht wird Heute keine spürbare Veränderung in diese Hinsicht geben

    (Keiner traut sich heute Menschen auf die Stigmatisierung der Pädophilen und Hebephilen anzuschreiben, anzusprechen bis hin zu öffentlich auseinanderzusetzen (Youtube Kanal, Einladungen zu Talkshows über diesen Thema…)

    Vielleicht morgen, vielleicht in ein paar Jahren.

    „Wer auf den Befreier wartet, muss sich gedulden, bis der Befreier dazu bereit ist, andere zu befreien“.

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