„Wie geht man als Pädophiler mit seinem Trieb um?“

Pädophile gelten vielen Menschen als gefährlich für Kinder.

Im Jahr 2014 wurde im Rahmen der Studie Stigmatization of People with Pedophilia: Two Comparative Surveys (Stigmatisierung von Menschen mit Pädophilie; zwei vergleichende Umfragen) eine Umfrage an öffentlichen Orten in Dresden und Stuttgart durchgeführt. Hierbei wurde auch die Zustimmung zur Aussage „Eine Person mit dominantem sexuellen Interesse an Kindern stellt eine Gefahr für Kinder dar“ abgefragt.

Die Skala der Antworten lag bei 0 bis 6 wobei 0 einer völligen Ablehnung und 6 völliger Zustimmung entsprach. Der Durchschnitt der insgesamt 850 Antworten lag bei 5.73. Ein viel höher Wert ist kaum möglich. Bei der Frage nach der Gefährlichkeit für Jugendliche lag der Wert immerhin noch bei 5.15.

Wenn sich jemals etwas an der Stigmatisierung von Pädophilen ändern soll, dann ist das nur möglich, wenn sich etwas an der Gefährlichkeitsvermutung ändert.

Aus meiner Sicht gibt es hier drei Komponenten:

Um den letztgenannten Punkt soll es hier gehen.

Der typische Gedanken dazu ist:

Man darf seinen Trieb nicht ausleben. Aber der Sexualtrieb ist doch einer der stärksten Triebe überhaupt. Wie soll das dauerhaft gut gehen?

Die Hypothese ist, dass ein Pädophiler ständig seinen Trieb unterdrücken muss, um nicht gefährlich für Kinder zu sein.

Das ist eine Fehlvorstellung. Als Pädophiler darf man seinen Trieb durchaus ausleben. Nur eben nicht mit einem Kind.

Ich habe vor kurzem eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2017 gefunden (Is Contact with Children Related to Legitimizing Beliefs Toward Sex with Children Among Men with Pedophilia?), in der Pädophile nach ihrer Bewertung zur Effektivität verschiedener Strategien gefragt wurden, um einen Missbrauch zu verhindern.

Es wurde nach der Bewertung folgender Strategien gefragt (Skala 1-7 – je höher, desto wirkungsvoller wurde die Strategie eingeschätzt). Ich habe das Ergebnis sortiert, die Strategien, die als am wirkungsvollsten eingeschätzt wurden kommen zuerst, die eher wirkungslos eingeschätzten am Ende. Ich habe zusätzlich alle Strategien, die mit dem Ausleben (oder nicht-Ausleben) von Sexualität zu tun haben fett hervorgehoben.

  • Sexuelle Fantasien mit Masturbation (4.97)
  • Kindern emotional nahe sein (z. B. zusammen spielen) (4.82)
  • Konsum von Kinderpornographie (4.16)
  • Warnsignale respektieren, um Risikosituationen frühzeitig zu erkennen (z. B. schöne Kinder meiden) (3.88)
  • Gespräche mit anderen Pädophilen (3.76)
  • Konsumieren nichtpornografischer Bilder von Kindern (z. B. in Zeitschriften oder im Fernsehen) (3.67)
  • Sicherstellen, dass ein anderer Erwachsener anwesend ist, wenn man mit Kindern interagiert (3.64)
  • Gespräche mit Experten (z.B. Ärzten oder Therapeuten) (3.48)
  • Andere informieren (z.B. Elter oder Freunde) wenn man mit Kindern Zeit verbringt (2.96)
  • Sexuelle Fantasien ohne Masturbation (2.72)
  • Sexueller Kontakt mit Erwachsenen (2.26)
  • Outing gegenüber Kollegen und Eltern von Kindern (2.22)
  • Vermeidung sexueller Aktivitäten inkl. Masturbation (1.37)

Ich weise darauf hin, dass es beim Konsum von Kinderpornographie nicht unbedingt um tatsächliche Kinder gehen muss. Es gibt auch fiktive Kinderpornographie (Texte, Zeichnungen, Comuteranimationen). Diese darf man in Deutschland legal besitzen. Man darf sie allerdings nicht legal verbreiten, zugänglich machen, herstellen, beziehen, liefern, vorrätig halten, anbieten, bewerben, einführen oder ausführen.

Es wäre aus meiner Sicht besser gewesen, wenn man separat nach beiden Formen („echter“ und fiktiver) Kinderpornographie gefragt hätte. Eine ebenfalls relevante Strategie, nach der in der Studie leider nicht gefragt wurde, ist die Nutzung von kindlich aussehenden Sexpuppen.

Strategien, die auf ein sexuelles Ausleben (ohne Kontakt mit Kindern) abzielen werden tendentiell als effektiv für die Vermeidung von sexuellen Handlungen mit Kindern eingeschätzt. Das ist für mich keine Überraschung: wenn man den Trieb befriedigt hat, ist er erst einmal weg und nicht mehr handlungsleitend.

Ausweich-Strategien mit geringem Ersatzwert (Sexuelle Fantasiein ohne Masturbation, Sexueller Kontakt mit Erwachsenen, Vermeidung sexueller Aktivitäten) werden als ineffektiv eingeschätzt. Auch das ist keine Überraschung: wenn man den Trieb nicht befriedigt, bleibt er wirkmächtig und kann ggf. auch dann das Handeln bestimmten, wenn es besonders auf Kontrolle ankommt.

Das bedeutet auch: wenn man sexuelle Handlungen mit Kindern verhindern will, ist es schädlich den Zugang zu ethisch unbedenklichen Ersatzhandlungen mit relativ hohem Ersatzwert zu kriminalisieren. Zu nennen sind hier insbesondere:

  • Alle Verbote im Zusammenhang mit fiktiver Kinderpornographie (Texte, Zeichungen, Comuteranimationen). Im Grunde ist alles außer dem Besitz verboten – was natürlich auch den legalen Besitz sehr erschwert.
  • Das geplante Verbot von Besitz, Verkauf, Import etc. von kindlich aussehenden Sexpuppen.

Ein Kommentar zu „„Wie geht man als Pädophiler mit seinem Trieb um?“

  1. Ich bin regelmäßig verwirrt, was nun tatsächlich verboten ist und was nicht. Ich vermute, die Justiz und Politik weiß es wahrscheinlich selber nicht. Wenn Lolicon und Co. „nur“ in der Verbreitung verboten sind und es keine Netzzensur gibt, kann man es zumindest noch von Webseiten herunterladen, die in anderen Ländern gehostet werden. Ich frage mich aber, ob man dafür bezahlen darf, z.B. über Pixiv, wo man Künstler aller Art Patreon-ähnlich unterstützen kann, oder ob es dann irgendwie als Förderung von Straftaten gewertet werden kann. Ich finde es ohnehin offensichtlich unverhältnismäßig, opferlose Darstellungen zu kriminalisieren. Es ist ärgerlich, dass das Strafrecht hier ohne jede intrinsiche Wertschätzung der bürgerlichen Freiheit gestaltet wurde.

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