Die Vermessung einer Verletzung

Ich habe schon häufiger eine anonyme Umfrage erwähnt, deren Ergebnis mich tief beeindruckt hat. Aus dem ersten Artikel auf diesem Blog:

In einer anonymen Umfrage plädierten 49% der Befragten für eine präventive Inhaftierung von Nicht-Tätern mit sexuellem Interesse an Kindern, 27% wünschten diesen den Tod. (Quelle: Ergebnisse der Mikado-Studie der Uni Regensburg). Pädophile möchte man gemeinhin an den Pranger stellen und brandmarken. Zur Erinnerung: brandmarken ist etwas, das man mit Tieren macht.

(K)eine Inkarnation des Bösen

Die Zusammenfassung der MiKADO Studie ist eine vertrauenswürdige Quelle – man hat sich das Umfrageergebnis sicher nicht ausgedacht – aber mir fehlte die eigentliche Quelle zu der Umfrage. Ich habe sie gestern gefunden.

Vor allem in psychologischen Untersuchungen zur Vorurteils- und Diskriminierungsforschung werden Soziale Distanzmaße eingesetzt, um die Bereitschaft für Kontakte mit anderen Personen oder Mitgliedern verschiedener sozialer Gruppen – und damit auch indirekt Vorurteile – zu messen

In der Studie Stigmatization of People with Pedophilia: Two Comparative Surveys (Stigmatisierung von Menschen mit Pädophilie; zwei vergleichende Umfragen) von 2014 wird die Soziale Distanz zu „Nicht-Tätern mit sexuellem Interesse an Kindern“ gemessen, in der Umfrage gibt es einen Vergleich mit der Sozialen Distanz gegenüber Alkoholikern, in der zweiten Umfrage einen Vergleich mit der Sozialen Distanz gegenüber Menschen mit sadistischen sexuellen Vorlieben und Menschen mit antisozialen Persönlichkeitszügen. Pädophile Nicht-Täter schnitten deutlich schlechter ab.

Umfrage an öffentlichen Orten in Dresden (449 Teilnehmer) und Stuttgart (405 Teilnehmer):

Englischsprachige Online-Umfrage über „Amazon Mechanical Turk“ (201 Teilnehmer, die je 35 Cent für ihre Teilnahme erhielten):

In der englischsprachigen Online-Umfrage waren 48.57% für Präventivhaft und 26.67 % wünschten Pädophilen den Tod. Das sind die Werte, die in der MiKADO Studie erwähnt werden.

Die Werte in Deutschland sind nicht ganz so schlimm, aber wenn man die unsicheren Antworten berücksichtigt, dann gibt es in Deutschland 49.53 % die mich einsperren wollen oder das dulden würden. 13,69 % wünschen mir den Tod, 9,52 % sind diesbezüglich unsicher.

In der Studie Stigma-Related Stress and Its Correlates Among Men with Pedophilic Sexual Interests (Stigmabedingter Stress und seine Korrelate bei Männern mit pädophilen sexuellen Interessen) von 2015 wurde unter anderem die gefühlte soziale Distanz abgefragt.

Es sollten also deutsche Pädophile die Frage beantworten, welche Antwort sie erwarten, wenn Deutsche nach ihrer Einstellung zu Nicht-Tätern mit sexuellem Interesse an Kindern gefragt werden.

Pädophilen rechnen also sogar mit noch schrecklicheren Werten. Für die Frage nach der Präventivhaft erwarteten sie eine Zustimmung von 83.65 % der Bevölkerung. Sie gehen davon aus, dass ihnen 63.46 % der Menschen den Tod wünscht.

Diese Werte geben Aufkunft über das Maß gefühlter Verfolgung.

Dieses Umfrageergebnis brennt für mich sogar noch mehr als das tatsächliche Ausmaß an Ablehnung und Verachtung, das in den tatsächlichen Antworten der Menschen zum Ausdruck kommt. Vielleicht liegt das daran, dass ich die tatsächlichen Werte schon kannte. Die Werte, die das Maß der gefühlten Verfolgung zeigen, zeigen mir den Schmerz der Menschen, die sich auf diese Weise ausgegrenzt fühlen und von denen ich selbst einer bin. Die Zahlen dokumentieren das Elend.

Ein dritte Studie zeigt die Folgen für die Betroffenen auf. Hier ein Auszug aus Correlates of Chronic Suicidal Ideation Among Community-Based Minor-Attracted Persons (Korrelate chronischer Suizidgedanken bei Personen mit sexueller Anziehung zu Minderjährigen) von 2019:

Chronische Suizidgedanken sind typischerweise ein Marker für intensive psychologische Not (Cohen, Ardalan, Yaseen & Galynker, 2017; Crane et al., 2014; Franklin et al., 2017; Hawes, Yaseen, Briggs & Galynker, 2016) und daher in und an sich ein entscheidender Schwerpunkt der Forschung und Behandlung. (…)

Wir haben diese Studie über eine Online-Umfragestudie durchgeführt, die in Zusammenarbeit mit B4U-ACT entwickelt wurde, einer Organisation von selbst identifizierten Menschen, die sich von Minderjährigen angezogen fühlen (MAPs), die sich einem Leben im Rahmen der Gesetze verpflichtet fühlen und die Kommunikation zwischen MAPs und psychiatrischen Forschern und Behandlern verbessern wollen. Die Stichprobe wurde aus einer größeren Studie über MAPs gezogen, mit einem besonderen Fokus auf diejenigen, die sich noch nie sexuell einem Kindern genähert haben. (…) Über die Hälfte der Stichprobe (201, 60,4%) gab an, in den USA zu leben. (…)

Von den in die vorliegende Analyse einbezogenen Teilnehmern gaben 127 (38,1%) chronische Suizidgedanken an. Eine vergleichbare Zahl (105, 31,5%) berichtete über Suizidgedanken in jüngster Zeit. Über 80% (271, 81,4%) der Teilnehmer gaben die gleiche Antwort auf beide Fragen, aber 41 (32,3%) der Personen mit chronischen Suizidgedanken berichteten nicht über aktuelle Suizidgedanken und 19 (18,1%) derjenigen mit aktuellen Suizidgedanken berichteten nicht von chronischen Suizidgedanken. (…)

Unsere Ergebnisse einer hohen Rate an Suizidgedanken bei MAPs, die einer Selbsthilfegruppe angehören, stehen im Einklang mit einer früheren Online-Studie von B4U-ACT, die dies zeigte. 45% ihrer Teilnehmer hatten bereits ernsthafte Selbstmordgedanken, 32% hatten sich eine Methode überlegt und 13% hatten irgendwann in ihrem Leben einen Selbstmordversuch unternommen (B4U-ACT, 2011b). In dieser Studie wurden jedoch keine chronischen Suizidgedanken bewertet. Es ist auch unklar, ob einige der gleichen Teilnehmer an unserer aktuellen Studie teilgenommen haben. Unsere Ergebnisse stimmen jedoch auch mit einer anderen Online-Studie überein, die nicht mit B4U-ACT assoziiert war und eine 30%ige Inzidenz von Suizidgedanken feststellte (Levenson & Grady, 2018).

eigene Übersetzung der verlinkten Studie

Ich selbst hatte zwischen meinem 16. und 19. Lebensjahr chronische Suizidgedanken und habe mir damals zwei Methoden überlegt. Zu einem Selbstmordversuch kam es aber nicht. Danach hatte ich noch etwa 10 Jahre Depressionen.

Vielen anderen geht es ähnlich oder schlechter. Aus einer persönlichen Nachricht, die ich auf dem Portal gutefrage.net erhalten habe:

Hallo. Ich bin auch Homohebephil.

Ich habe deswegen einen dreifachen Selbstmordversuch in einer Nacht plus Selbstmordgedanken. Ich werde demnächst in die Psychiatrie zwangseingewiesen.

Ein kurzes Zitat aus Emotions and Cognitions Associated with the Stigma of Non-Offending Pedophilia: A Vignette Experiment (Emotionen und Kognitionen im Zusammenhang mit dem Stigma pädophilier Nicht-Täter: Ein Vignettenexperiment) von 2017:

Die vorliegende Studie könnte darüber hinaus den Beweis festigen, dass eine stärkere Strafhaltung gegenüber pädophilen Männern oder allgemeiner gegenüber Nicht-Tätern mit sexuell grenzüberschreitenden Impulsen mit erhöhter sozialer Erwünschtheit verbunden ist (Imhoff, 2015).

Obwohl eine Assoziation zwischen sozialer Erwünschtheit und Toleranz zu erwarten wäre, scheinen Reaktionen auf pädophile Nicht-Täter eine einzigartige Ausnahme von dieser Regel zu sein.

Entsprechend, hatten ein eigener Minderheitenstatus (in Bezug auf Ethnie oder sexuelle Orientierung), liberale Werte und ein höheres Bildungsniveau keinen Einfluss auf die Bewertungen des Mannes in der Beispiel-Vignette, was mit früheren Beobachtungen überein stimmt, dass Menschen mit Pädophilie selbst von Menschen, die ansonsten eine akzeptierende Haltung gegenüber sexuellen Minderheiten oder Menschen mit paraphilen sexuellen Interessen ausdrücken, stark abgelehnt werden (Furnham & Haraldsen, 1998; Imhoff & Jahnke, 2017).

eigene Übersetzung der verlinkten Studie

Die Studie zeigt also, dass Menschen annehmen, dass es sozial erwünscht ist, pädophile Nicht-Täter zu verfolgen bzw. zu bestrafen. Das erklärt für mich auch die Werte aus den ersten Umfragen, die ich hier behandelt habe.

Wenn in einer Umfrage in Deutschland 13,69 % der Teilnehmer Menschen wie mich präventiv einsperren wollen und 9.52 % der Teilnehmer Menschen wie mir den Tod wünschen, dann spiegelt das nicht ganz die wahre, innere Einstellung.

Die Menschen gehen davon aus, dass die Befürwortung von Strafe sozial erwünscht ist. Sie erwarten für ihre Verdammung Zuspruch. Es gibt zwar tatsächlich eine extrem negative Haltung in der Bevölkerung aber die erwartete soziale Erwünschtheit verzerrt das Ergebnis noch zusätzlich in Richtung der Verdammung.

Die aus meiner Sicht naheliegende Ursache ist die Berichterstattung durch Kinderschutzorganisationen, von Medien und von Politikern, bei der nicht zwischen Pädophilie und sexuellem Missbrauch differenziert wird und „pädophil“ im Grunde sogar als Steigerungsform von Missbrauch und Gewalt verwendet wird.

Zwei Beispiele von Menschen, die sich als Kinderschützer verstehen:

Enders hält eine Konzentration auf die sexuelle Orientierung für irreführend: Es gehe nicht um das Ausleben sexueller Fantasien einzelner Täter, wie es der aus ihrer Sicht verharmlosende Begriff der Pädophilie suggeriere. „Der Begriff blendet aus, dass es um schlimmste Formen der Unterwerfung und Folter geht. Die Täter handeln mit Kindern und den Videos der Taten. Wir haben es hier mit organisiertem Verbrechen im eigentlichen Sinne zu tun.“

Ursula Enders, Kindesmissbrauchsfälle nehmen zu

Oft ist das das Schicksal von Kindern aus elenden Lebensverhältnissen, auf die Pädophile im Mantel der Wohltätigkeit, des pädagogischen Eros oder anderer geheuchelter Vorwände zugreifen. Und es war die sexuelle Befreiung der 68er, die auch Pädophile zum Anlass nahmen, nach ihrer Befreiung zu rufen. Und die 68er hatten keine selbstbewusste Zurückweisung parat.

Zu sehr waren sie mit ihrer eigenen Befreiung befasst. So gerieten Kinder in das raffiniert getarnte System pädophiler Ausbeuter, die pädagogisch sich besorgt geben, um sich für ihre perverse Charakterstörung Erfüllung unter zärtlichkeitsbedürftigen Kindern zu holen. Aber alles Pädagogische war ihnen letztlich nur Mittel zum Zweck ihrer sexuellen Befriedigung.

Was zärtlich und verständlich dünkt, ja sogar war, steht im Dienste der sexuellen Unterwerfung von Kindern. (…) Es ist das Wesen der pädophilen Perversion, dem wir mit unseren Gefühlen nicht folgen können. Denn das Perverse als Charakterstörung ist uns nicht eigen. Im Prinzip respektieren wir die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kindern.

Gerhard Amendt, Die abnormen Argumente der Pädophilie-Versteher

Beispiele zur Kriminalisierung pädophiler Menschen aus den Medien (übernommen aus einem Beitrag im Blog „Kinder im Herzen“):

Beispiele aus der Politik:

Wir werden alles Notwendige tun, um Kindesmissbrauch und Kinderpornografie möglichst zu verhindern und entschieden zu bekämpfen. Präventionsprogramme wie ‚Kein Täter werden‘ sind dabei ein wichtiges Element. Wir führen eine Strafbarkeit für den Versuch des Cybergroomings ein, um Kinder im Internet besser zu schützen und die Effektivität der Strafverfolgung pädophiler Täter, die im Netz Jagd auf Kinder machen, zu erhöhen

Koalitionsvertrag der 19. Wahlperiode, Seite 130

Warum sollte die Effektivität der Strafverfolgung gerade von pädophilen Tätern erhöht werden? Was ist mir nicht-pädophilen Tätern, die im Netz Jagd auf Kinder machen?

Nachdem man sich bereits verstärkt für Kindeswohl und gegen sexuellen Missbrauch eingesetzt hat, wolle man nun die Täter noch weiter einschränken. Jede Möglichkeit dazu müsse genutzt werden.

Neue Westfälischen Zeitung,
CDU und FDP in NRW wollen Kinder-Sexpuppen verbieten

Tatsächlich geht es gar nicht um Täter, sondern um pädophile Nicht-Täter. Und jemanden zu verfolgen, der nach aktuellen Gesetzen Täter ist, braucht es keinen neuen Straftatbestand.

Die Ursache ist struktureller, menschenfeindlicher Hass, der dafür sorgt, dass

  • 38,7 % der deutschen Bevölkerung pädophile Nicht-Täter präventiv einsperren wollen und 13,69 % % ihnen den Tod wünschen
  • 83.65 % der Pädophilen glauben, dass die Bevölkerung pädophile Nicht-Täter präventiv einsperren will und 63.46 % glauben lässt, dass ihre Mitmenschen ihnen den Tod wünschen
  • 38,1% der Pädophilen chronische Suizidgedanken haben und 31,5% über Suizidgedanken in jüngster Zeit berichten

Der Hass braucht vorgeprägte Muster, in die er sich ausschüttet. Die Begriffe, in denen gedemütigt, die Assoziationsketten und Bilder, in denen gedacht und sortiert, die Raster der Wahrnehmung, in denen kategorisiert und abgeurteilt wird, müssen vorgeformt sein. Der Hass bricht nicht plötzlich auf, sondern er wird gezüchtet. Alle, die ihn als spontan oder individuell deuten, tragen unfreiwillig dazu bei, dass er weiter genährt werden kann.

Gegen den Hass, Carolin Emcke

Ein Kommentar zu „Die Vermessung einer Verletzung

  1. Ich muss fairerweise auch sagen, dass ich bei Nicht-Pädophilen „Diese Personen wären besser tot“ ankreuzen müsste, wenn es eine ehrliche Antwort sein müsste. Wenn alle Nicht-Pädophilen plötzlich tot umfallen würden, würde meine Lebensqualität dadurch schließlich objektiv besser werden. Das liegt allerdings eher an deren feindseliger Einstellung gegenüber meinen Interessen und weniger an ihrer Nicht-Pädophilie an sich.

    Das mit der Präventivhaft finde ich übrigens noch schlechter als das mit dem totwünschen, da ich lieber tot wäre als lebenslänglich in Präventivhaft und da die Zahlen nochmal doppelt so schlecht sind.

    Ich habe mal die Umfrage im Internet gesehen „Should pedophiles be tortured for all eternity?“ Die Antworten waren ungefähr 20% ja, 10% Enthaltung, 70% nein. Ich weiß aber nicht, wie repräsentativ die war. Ich gehe davon aus, dass unter den 20% religiöse Menschen waren, die sich eh alle möglichen Leute in die Hölle wünschen.

    Liken

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