Immer mehr sexueller Missbrauch? – Ein Faktencheck.

Ich habe mich in der Vergangenheit bereits in zwei Artikel intensiv mit den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und deren Interpretation befasst.

Im Beitrag Fehlentwicklungen im Kinderschutz habe ich mit einer irreführenden Präsentation der Daten der PKS 2018 in einer Pressemitteilung der Deutschen Kinderhilfe beschäftigt. Meine Analyse zeigte dabei auch, dass das Thema Kindesmisshandlung im Vergleich zum Thema Kindesmissbrauch komplett unterschätzt und eine juristische Aufarbeitung dieser Form der Kriminalität gegen Kinder sogar systematisch verhindert wird.

In Kindliche Unschuld: Fehlanzeige habe ich mir die Tatverdächtigenbelastungszahl der PKS 2019 genauer anschaut. Diese kriminologische Kennzahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden. Hier gibt es bei Straftaten mit Sexualitätsbezug eine eindeutige Korrelation zur Pubertät. Zwei Erkenntnisse dazu sind:

  • Schon 12 bis 13-jährige haben ganz offensichtlich regelmäßig ein intensives sexuelles Interesse und fallen sehr viel häufiger auf als Erwachsene.
  • Gesetze, die Kinder und Jugendliche schützen sollen, treffen Kinder und Jugendliche überproportional häufig.

Bei der Präsentation der Zahlen zur PKS 2019 hat sich vor kurzem die irreführende Berichterstattung des Vorjahres wiederholt. Das führte zu Schlagzeilen wie

Polizeistatistik: 112 getötete Kinder „Auch sexueller Missbrauch ist eine Pandemie“

Dass die 112 getöteten Kinder gar nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun haben, merkt der Leser gar nicht.

2019 gab es (wie auch in den 5 Jahren zuvor) null Opfer von „Sexueller Missbrauch von Kindern mit Todesfolge“ und auch null Opfer von „Mord im Zusammenhang mit Sexualdelikten“ im Kindesalter (2018: 1 Fall, 2017: 0 Fälle).

Von den 112 Kindern wurden 15 ermordet (ohne Vorliegen eines Sexualdelikts), 27 wurden Opfer von Totschlag, 66 Opfer fahrlässiger Tötungsdelikte und 4 von Körperverletzung mit Todesfolge.

Von angeblich ständig steigenden Fallzahlen ist schon die Rede, solange ich denken kann. Was wahrscheinlich daran liegt, dass innerhalb der infrage kommenden Delikte aufgrund statistischer Schwankungen jedes Jahr irgendeine Fallzahl zum Vorjahr steigt und man eben dann genau diese heraus greift.

Von einer Pandemie war bisher dagegen noch nicht die Rede. Es passt aber zum „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ Johannes-Wilhelm Rörig, dass er auf diesen Begriff verfallen ist. Die Wahrheit war ihm schon in der Vergangenheit reichlich egal. Es behauptete etwas allen ernstes ein „ohrenbetäubendes Schweigen“ von Gesellschaft und Politik zum Thema Kindesmissbrauch in den letzten 10 Jahren, obwohl in dieser Zeit eine Gesetzesverschärfung die nächste gejagt hat.

Eine Pandemie ist eine globale Epidemie, also die weltweite Variante einer im besonders starkem Maß auftretenden, ansteckenden Massenerkrankung. Natürlich ist Kindesmissbrauch ein globales Phänomen – wie alle anderen Verbrechen auch. Ansteckend ist Kindesmissbrauch nicht. Und ich will einfach mal hoffen, dass Rörig nicht nahelegen wollte, dass Opfer von sexuellem Missbrauch dazu verdammt sind, ihrerseits Missbrauch zu begehen. Opferstigmatisierung ist eigentlich nicht das, was man sich von einem Missbrauchbeauftragten erwarten darf.

Aber gibt es denn wenigstens den rasanten, epidemischen Anstieg der Fallzahlen?

Ich habe mich schon etwas länger gefragt, was von den angeblich ständig steigenden Fallzahlen im Bereich Kindesmissbrauch zu halten ist. Ich habe mir dazu nun die Zeitreihentabelle der aktuellen PKS 2019 vorgenommen und zwar konkret die Daten der Datei „T01 Grundtabelle – Fälle ab 1987 (V1.0)„.

Hier meine Aufbereitung zur Entwicklung der Fallzahlen zum sexuellen Kindesmissbrauch seit dem Jahr 2000:

Es gab im letzten Jahr einen Anstieg der Fallzahlen von 10.95 Prozent zum Vorjahr. Im Zehnjahresvergleich beträgt der Anstieg 15.19 Prozent, im Zwanzigjahresvergleich gab es einen Rückgang von 12.26 Prozent.

Schaut man auf die einzelnen Deliktarten innerhalb des Sexuellen Missbrauchs von Kindern, fällt vor allem der enorme Anstieg im Bereich Cybergrooming auf. Diese Fälle sind in der folgenden Tabelle herausgerechnet (gelb unterlegte Spalte).

Die Tabelle enthält darüber hinaus zu Vergleichszwecken auch noch einige weitere Straftatbestände. Es handelt sich dabei jeweils um die Gesamtfallzahlen zum Delikt, also nicht nur Taten, die gegen Kinder gerichtet sind.

Im Zwangzigjahresvergleich betrug der Anstieg bei Körperverletzungen 35.67 Prozent, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung 13.83 Prozent, bei Straftaten gegen die persönliche Freiheit 32.96 Prozent, bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung 34.13 Prozent. Bei Misshandlungen von Schutzbefohlenen gab es einen Anstieg von 47.82 Prozent, bei Misshandlung von Kindern einen Anstieg um 61.03 Prozent.

Rückläufig waren dagegen die Zahlen beim sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen (minus 69.30 Prozent) und beim sexuellen Missbrauch von Kindern (minus 12.26 Prozent). Rechnet man die Zahlen zum Cybergrooming heraus (das Smartphone, dass hier eine wesentlich Rolle spielt wurde erst 2007 erfunden), dann liegt der Rückgang sogar bei 28.74 Prozent.

Eine Entwicklung, wie sie Rörig behauptet, gibt es also gar nicht.

Generell ist es schwierig die Fallzahlen zu interpretieren. Schwankungen und Ausreißer gibt es in jeder Statistik. Statt Strategien auf statistischen Störgeräuschen aufzubauen und sich einen gerade für die eigene Argumentation passenden Wert herauszupicken, muss man sich wenigstens die langfristige Entwicklung ansehen.

Beim sexuellen Kindesmissbrauch ist die Entwicklung eher rückläufig. Ausnahme ist der Bereich Cybergrooming, bei dem Erwachsene weniger als die Hälfe der Täter ausmachen (Tendenz fallend). Hier wirkt sich aus, dass es neue Technologien gibt, die neue Begehungsformen ermöglichen. Ein Smartphone hat heute jedes Kind (Verbreitungsgrad 98.5 Prozent) und damit auch die Möglichkeit Kinderpornographie herzustellen und zu verbreiten oder damit Cybergrooming und Sexting zu betreiben (siehe auch Kindliche Unschuld: Fehlanzeige).

Generell gilt es zu bedenken, dass man nur das Hellfeld sieht. Die Entwicklung des Dunkelfeldes ist ungleich schwerer zu beobachten. Allgemein geht man aber davon aus, dass die Anzeigebereitschaft bei Kindesmissbrauch deutlich gestiegen ist, was eine Verringerung des Dunkelfeldes nahelegt. Der tatsächliche Rückgang der Fallzahlen ist also vermutlich stärker als die Daten zum Hellfeld nahelegen.

Der Anstieg bei den Misshandlungen von Schutzbefohlenen und den Misshandlungen von Kindern beruht (hoffentlich!) vor allem auf einer gestiegenen Anzeigebereitschaft.

Auch die Anstiege bei Körperverletzung, Straftaten gegen die persönliche Freiheit und bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zeigen nicht zwingend eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft an. Einerseits dürfte es auch hier einen Anstieg der Anzeigebereitschaft gegeben haben, andererseits gibt es teils neue Tatbestände (sexuelle Belästigung, Nachstellung, Verstümmelung weiblicher Geschlechtsorgane). Auch das bewirkt steigende Fallzahlen.

Erweiterungen gab es auch immer wieder im Umfeld der Paragraphen, die Kinder betreffen bzw. schützen sollen. Im Bereich Kindesmissbrauch wurde gerade erst (Anfang 2020 und daher noch noch in der Statistik sichtbar) die Versuchsstrafbarkeit bei Cybergrooming eingeführt.

Neue bzw. erweiterte Tatbestände gab es auch im Bereich Kinderpornographie (seit 2015 auch PosingBilder erfasst), mit der Lex Edathy (Herstellung / Anbieten / entgeltliches Erwerben von Darstellungen nackter Personen unter 18 Jahren strafbar) oder dem neuen Tatsbestand der Jugendpornographie (seit 2015). Neue Tatbestände führen letztlich zu neuen Fällen, die wiederum herangezogen werden, um wieder neue Tatbestände und Strafverschärfungen zu fordern.

Aktuell dreht sich das Rad besonders schnell. Und niemand traut sich, in die Speichen zu greifen.

2 Kommentare zu „Immer mehr sexueller Missbrauch? – Ein Faktencheck.

  1. Vielen Dank für diese Aufbereitung.

    Ich wusste zwar schon vorher aus eigenen Recherchen, dass die Zahl der Fälle im Mittel gleichbleibt oder zurückgeht – trotz verschärfter Gesetze, erhöhtem Ermittlungsaufwand und gestiegener Anzeigebereitschaft – aber es war dennoch erhellend einmal alle relevanten Zahlen in einer Tabelle nebeneinander zu sehen. Wenn man sie grafisch darstellen würde, wäre der (nicht vorhandene) Trend noch deutlicher sichtbar.

    Interessant wäre es, zu wissen, ob sich das International ähnlich verhält.

    Liken

  2. Danke an den Betreiber dieses Blogs. Dieser Bericht reagiert einmal sachlich auf eine sonst zu emotionsgeladene Disskussion.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s