Finstere Zeiten. Und ein wenig Licht.

Irgendwie ist es gerade eine verdammt finstere Zeit.

Die Forderung nach der nächsten Strafverschärfung stand schon länger im Raum, war aber noch nicht durchsetzbar.

Also wartete man auf den nächsten spektakulären Missbrauchsfall, der ja zwangsläufig irgendwann kommen muss, um sich dann „spontan“ für härtere Strafen einzusetzen. Kindern, die gerade eben Opfer eines schlimmen Missbrauchsfalls wurden, muss man schließlich beispringen, wenn man ein Herz hat. Wer sich da in den Weg stellt, ist herzlos und wird mit allgemeiner Billigung und unter Beifall platt gemacht.

Entrüstung, Skandal, Vorwürfe gegen die unmenschlichen, arbeitsverweigernden Politiker, die sich noch zieren und sich aus unerfindlichen Gründen nicht für Kinder stark machen. Bis die unter dem Druck einknicken.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, lobte im Gespräch mit tagesschau24, die Politik reagiere inzwischen „sehr spontan und gut“ auf das Bekanntwerden neuer Missbrauchsfälle. Aha.

Über Gesetze, die Menschenleben berühren, spontan zu entscheiden ist ja sooooo gut. Sollte man vielleicht künftig immer so machen. In Wahrheit war aber nichts spontan. Es wurde ein bewährtes Skript abgespult.

Die Messe ist im Grunde gelesen. Die nächste Strafverschärfung kommt. Wie schlimm es genau wird, weiß man noch nicht. Aber neben den Hauptforderungen (Erhöhung der Mindeststrafe für Kindesmissbrauch und für den Besitz von Kinderpornographie auf ein Jahr) gibt es zahlreiche weitere.

Ein paar Kostproben:

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) drängt darauf, das Herstellen und Verbreiten von Kinderpornografie als Verbrechen und nicht mehr als Vergehen einzustufen. „Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND, Mittwoch). „Wenn die Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsbildern immer noch genauso bestraft wird wie Ladendiebstahl, dann fehlt mir dafür jedes Verständnis. Dann interessiert mich auch nicht mehr, ob das rechtssystematisch richtig oder falsch ist. Das ist mir wurscht“

(…)

Nach Ansicht von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) stehen die 15 Jahre Haft und Sicherungsverwahrung bei Kindesmissbrauch nicht nur auf dem Papier. „Beispielsweise wurde im Fall Lügde dieser Strafrahmen fast ausgeschöpft“, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung (Mittwoch)“. „Das ist eine der höchsten Strafen, die unsere Rechtsordnung überhaupt kennt.“ Forderungen nach schärferen Strafen erteilte die Justizministerin eine Absage. „Wichtiger ist es, konkret den Ermittlern mehr Möglichkeiten zu geben und sie gut auszustatten. Dass das wirkt, zeigt sich in NRW.“

SZ: Reul: „Missbrauch ist wie Mord“, scharfe Kritik an Lambrecht

Bald darauf knickte Lambrecht – wieder besseren Wissens – ein. Der Druck war einfach zu groß geworden. Und sie setze im Grunde noch einen drauf. Möglicherweise soll nun zusätzlich auch die Strafbarkeitsschwelle gesenkt werden. Berührungen „in sexueller Weise“ sollen reichen:

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht will bestimmte Delikte im Bereich Kinderpornografie nun doch härter sanktionieren und dafür auch die Gesetzeslage ändern. Das sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Ich will härtere Strafen auch für die Fälle, die sexueller Missbrauch sind, aber nicht mit körperlicher Gewalt und Misshandlungen einhergehen. Das sind zum Beispiel Berührungen von Kindern in sexueller Weise. Im Gesetz muss ganz klar zum Ausdruck kommen, dass es sich bei hierbei ohne Wenn und Aber um Verbrechen handelt.“

Konkret geht es ihr um Menschen, die pornografische Bilder von Minderjährigen austauschten. Denn damit sei immer Missbrauch verbunden. „Ich will, dass Täter, die mit Kinderpornografie auf widerlichste Weise Geld verdienen oder kriminelle Tauschringe betreiben, härter bestraft werden. Es ist ein abscheuliches Verbrechen, mit dem Missbrauch von Kindern Geld zu machen – und muss mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe bestraft werden können.“

Tagesschau.de: Lambrecht nun doch für härtere Strafen

Auch die Ermittlungen will man weiter vereinfachen. Die Vorratsdatenspeicherung soll wieder mal her. Wenn der Terrorismus es gerade nicht hergibt, muss es der Kampf gegen die abscheuliche, widerliche Kinderpornographie richten.

An der Entwicklung verfassungskonformer Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung ist die Politik bereits mehrfach gescheitert. Anstatt ein verfassungskonformes Gesetz auf den Weg zu bringen, wird jetzt deshalb laut darüber nachgedacht, die Verfassung vorratsdatenspeicherungskonform zu machen:

Müller: Also Sie sind fest davon überzeugt, dass man die umstrittene Vorratsdatenspeicherung, die ja nicht nur in Deutschland umstritten ist, sondern auch in Europa vor dem Europäischen Gerichtshof, so formulieren kann, endlich einmal so formulieren kann, wie Sie es vielleicht formulieren würden, dass das auch Bestand hat?

Ziemiak: Ja, da bin ich fest von überzeugt, und man kann ja im Deutschen Bundestag und Bundesrat entsprechend, sollte es notwendig sein, auch die Regelung unserer Verfassung so anpassen, dass es verfassungskonform ist.

Deutschlandfunk: Streit um Strafrechtsverschärfung –
„Es gibt keine leichten Fälle, wenn Kinder missbraucht werden“

Der irrste Vorschlag kommt aktuell vom CDU-Landtagsfraktionsvorsitzenden Christian Baldauf:

Der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Christian Baldauf hat deutlich höhere Gefängnisstrafen für Kindesmissbrauch gefordert. Auf schweren sexuellen Missbrauch müsse eine Mindeststrafe von 14 Jahre Haft stehen, sagte der Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. „Wer Kinder schwer sexuell missbraucht und hiervon Aufnahmen macht und diese veröffentlicht, um damit Geld zu verdienen, soll für mindestens 15 Jahre in das Gefängnis“, verlangte Baldauf. „Sexueller Missbrauch von Kindern ist Mord an Kinderseelen.“

n-tV: Mertin kritisiert Baldaufs Forderungen zum Kindesmissbrauch

Aktuell ist die Mindeststrafe für schweren sexuellen Missbrauch zwei Jahre. 14 Jahre sollen es werden, wenn es nach Baldauf geht.

Was schwerer sexueller Missbrauch ist, weiß der Durchschnittsbürger dabei gar nicht. Er zeichnet sich nicht etwa durch Gewalt, Drohungen oder Einschüchterung aus, sondern durch ein Eindringen in den Körper. Es reicht ein Zungenkuss oder das Eindringen eines Fingers. Dabei muss das Kind auch nicht den passiven Part übernehmen. Es reicht, wenn ein Mädchen einem Mann einen Finger in den Po steckt, wenn ein Mann einen Jungen oral befriedigt oder eine Frau vaginalen Sex mit einem Jungen hat. In allen diesen Fällen ist der Tatbestand „schwerer sexueller Missbrauch“ erfüllt, ganz gleich, ob das Kind den Sex wollte, oder ob es am nächsten Tag 14 wird.

Für mich ist das Irrsinn. Gerade wenn es um Mindeststrafen geht, darf man nicht einen spektakulären Missbrauchsfall instrumentalisieren, sondern muss an den Fall mit dem geringsten möglichen Unrechtsgehalt denken. Aber für den interessiert sich die Politik nicht. Sich will nicht von ihm genervt werden. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak im Interview:

Müller: Man mag das kaum so formulieren, ich tu es jetzt trotzdem, weil mir keine Alternative einfällt: Es gibt ja auch kleine Vergehen, kleinste Vergehen, wie immer die definiert sind, ein Kuss zum Beispiel. Ich weiß nicht, ob das das richtige Beispiel ist, aber das nur als Beispiel. Dann müsste man, wenn ich das richtig verstanden habe, wenn es die Kategorie Verbrechen demnächst gibt, dann müsste man das mit einem Jahr Mindeststrafe bestrafen. Wollen Sie das?

Ziemiak: Ja, ich möchte jedes Vergehen beim Missbrauch von Kindern und auch bei der Verbreitung, dem Erwerb und dem Handeltreiben mit kinderpornografischen Inhalten zum Verbrechen erklären und deshalb auch mit Gefängnis bestrafen. Die von Ihnen angeführten Beispiele – und gestern haben wir es auch gehört –, ein Beispiel, ein 14-Jähriger küsst eine 13-Jährige, das gestern aus dem Bereich der SPD vorgetragen wurde, ist einfach absurd. Es gibt im deutschen Recht die Möglichkeit, solche krassen Fälle auszuschließen. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, wenn in einer öffentlichen Hauptverhandlung drei Volljuristen, die an der Rechtspflege mitwirken, der Richter und der Staatsanwalt und der Verteidiger so einen Fall nicht erkennen würden, das halte ich einfach für völlig unrealistisch. Deswegen sind diese Beispiele völlig unbrauchbar.

Es gibt aber tatsächlich keine leichten Fälle, wenn Kinder missbraucht werden, zumindest aus meiner Sicht. Das sind schwere Verbrechen. Und ich will daran erinnern, dass wir in anderen Bereichen durchaus ganz harte Strafrahmen haben und Mindeststrafen haben. Dort sprechen wir auch darüber, dass es sinnvoll ist, wenn Sie das beispielsweise nehmen im Betäubungsmittelrecht, da haben wir zum Teil Strafandrohungen von nicht unter fünf Jahren.

Müller: Aber bleiben wir bei diesem Beispiel noch einmal. Das ist umstritten, das haben Sie gestern auch gesagt, eine heikle Argumentation. Dennoch tun wir das mal. Also ein Erwachsener küsst eine 12-Jährige, das ist Missbrauch, das ist ein Vergehen, das ist aus Ihrer Sicht ganz klar, oder soll so sein, in Zukunft Verbrechen, Gefängnis, ein Jahr Minimum.

Ziemiak: Also ich will jetzt nicht einzelne Beispiele durchgehen, weil das völlig an der Sache vorbeigeht.

Ziemak will sich mit den Fällen, um die es beim Mindestmaß geht, nicht weiter belasten. Weil das ja „an der Sache vorbeigeht“.

Fälle, bei denen das neue Mindestmaß nicht passt, sollen nach seiner Vorstellung in einer öffentlichen Hauptverhandlung von drei Volljuristen, dem Richter, dem Staatsanwalt und dem Verteidiger erkannt werden. Und was sollen die dann machen, nachdem sie den Fall „erkannt“ haben? Sich einfach über gesetzliche Regelungen hinwegsetzen?

Wichtig scheit nur, dass die Politiker vor dem Wahlvolk mit Härte Punkten können. Das Problem irgendwie noch verhältnismäßige Strafen hinzubekommen, wird auf die Justiz abgewälzt. Und wenn das im Einzelfall nicht klappt oder sogar nicht mehr klappen kann, hat der Angeklagte eben Pech gehabt.

Die Sache, um die es den Strafverschärfern geht, ist gut dazustehen, die großen Helden des Kinderschutzes zu sein und vom Wähler dafür belohnt zu werden. Ob die Gesetze rechtssystematisch richtig oder falsch sind, ist „wurscht“. Es müssen ja andere ausbaden.

Die Legal Tribune Online hat Strafrechtler gefragt, was sie von den Verschärfungen halten:

„Erhöhung der Strafrahmen nicht vordringlich“

Strafrechtler und Kriminologen lehnen diese Ideen (…) ab oder halten eine Erhöhung der Strafrahmen jedenfalls für alles andere als vordringlich. 

So sagte der Augsburger Professor für Strafrecht Dr. Michael Kubiciel gegenüber LTO: „Wenn man Kindesmissbrauch verhindern will, sollte zunächst gefragt werden, ob die Jugendämter angemessen ausgestattet sind, um Verdachtsmomenten nachzugehen oder potentiell vulnerable Kinder in Familien mit einschlägig Vorbestraften zu schützen.“ Was die Strafverfolgung betreffe, so Kubiciel, „sollte geprüft werden, ob die Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit haben, den Verbreitungswegen im Internet nachzuspüren oder ob sie beispielsweise Schwierigkeiten haben, die Verbindungsdaten einem konkreten Anschluss zuzuordnen. Erst an dritter Stelle sollte man über die Strafrahmen nachdenken.“

Kubiciel gab im Hinblick auf eine Heraufstufung des § 176 StGB zum Verbrechen weiter zu bedenken, dass eine von dieser Vorschrift erfasste sexuelle Handlung weit verstanden werde. „Das müsste dann von einer Regelung für minder schwere Fälle begleitet werden, mit niedrigerem Straffrahmen – kurz: eine Umkehrung der jetzigen Regelung“, so Kubiciel.

„Positionen von ermüdender Vorhersehbarkeit“

Geradezu genervt auf die Forderungen der Union reagierte der Münchner Strafrechtler und Kriminologe, Prof Dr. Ralf Kölbel: „Solche Positionierungen sind von ermüdender Vorhersehbarkeit, gerade für die Law-and-Order-Ecke. Immer das gleiche Muster: Gar nichts tun schaut bei all der öffentlichen Aufregung irgendwie schlecht aus. Also beweist man ‚Handlungsfähigkeit‘ und schwingt die strafrechtliche Keule“. 

Kölbel warnte im Gespräch mit LTO davor, den Besitz von Kinderpornografie zum Verbrechen heraufzustufen: „Wer jeden Fall des § 184b als Verbrechen einstufen will, hat keine Ahnung von der Breite des real vorkommenden Spektrums. Die Geringfügigkeitskonstellationen sind hier ja auch nicht anderweitig aufzufangen, denn es gibt bei § 184b keinen minder schweren Fall.“

Der Tübinger Strafrechtler Prof. Jörg Eisele regte in diesem Zusammenhang an, „verschiedene Tatbestände zu bilden, um leichtere Fälle noch angemessen sanktionieren zu können“.

„Keinen Deut mehr Sicherheit für mögliche Opfer“

Ähnlich reagierte auch der Göttinger Strafrechtler Prof. Dr. Kai Ambos: „Der reflexhafte Ruf nach höheren Strafen bringt keinen Deut mehr Sicherheit für mögliche Opfer. Aus der kriminologischen Forschung wissen wir, dass allenfalls die Entdeckungswahrscheinlichkeit eine Abschreckungswirkung für potentielle Täter entfaltet, nicht aber höhere Strafrahmen.“ Es gehe also, so Ambos, um bessere Aufklärung und die werde allenfalls durch polizeilich-prozessuale Reformen erreicht und setze insbesondere ausreichend geschultes Ermittlungspersonal voraus.

Im Hinblick auf § 184b StGB stelle sich für ihn die Frage, „ob eine Heraufstufung aller Verhaltensweisen, etwa auch das Posten eines kinderpornographischen Comics, zu einem Verbrechen mit einer Mindeststrafe von einem Jahr tatsächlich angemessen und sinnvoll ist, denn damit wird den Staatsanwaltschaften die Möglichkeit einer flexiblen Reaktion im Rahmen der Opportunitätseinstellung genommen“.

Ablehnend reagierte gegenüber LTO auch der Potsdamer Hochschullehrer für Strafrecht und Kriminologie, Prof. Dr. Wolfgang Mitsch: „Ich bin gegen eine Strafrahmenerhöhung. Erstens nützt es nichts und zweitens bringt es das ganze Strafgefüge im StGB durcheinander.“

Den Politikern ist die Meinung der Rechtsexperten aber egal. Aus Politikersicht gehen rechtliche Argumente und unangenehme Detailfragen, wenn es um das Thema Sexualstrafrecht geht, „an der Sache vorbei“.

Für die Betroffene, die zur Zielgruppe gehören, die bekämpft werden soll, und die sich ohnehin diskriminiert, verfolgt und stigmatisiert fühlen, sind die Pläne eine psychische Belastung.

Dabei geht es nicht nur um die Erhöhung von Mindeststrafen und Höchststrafen, sondern auch um eine mögliche Ausweitung der Straftatbestände. Wenn Berührungen in sexueller Absicht strafbar werden, dann kann es sein, dass einem Mensch mit pädophiler Neigung grundsätzlich bei jeder Berührung eines Kindes eine sexuelle Absicht unterstellt wird. Es gilt also möglicherweise bald eine Schuldvermutung bei Berührungen durch Pädophile.

Vermutungen reichen für eine Verurteilung normalerweise freilich nicht. Wenn man aber bei Berührungen durch Pädophile generell sexuelle Absicht vermutet, kann es aber viel häufiger als jetzt zu einem Anfangsverdacht kommen. Also Ermittlungsverfahren, Hausdurchsuchung und alles was dazu gehört inkl. der Auswirkungen auf das soziale Umfeld und den Job.

Und beim Zufallsfund eines Bildes, das man selbst für völlig harmlos gehalten hat, bei dem aber jemand anderes (der Staatsanwalt, der Richter) eine unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung zu erkennen meint, droht dann mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe.

Das Gesetz ist auch als Unterdrückungsstrategie gedacht. Pädophile gelten für Kinderschützer und Politiker nicht als Menschen, sondern als explosionsgeneigte, Kinderseelen zerfetzende Handgranaten.

Schon heute kann eine Selbsthilfegruppe oder ein Selbsthilfeforum jederzeit dicht gemacht werden. Man braucht nur einen Anfangsverdacht gegen ein paar Mitglieder, einige Hausdurchsuchungen, ein paar Zufallsfunde. Schwups hat man einen Pädophilen-Ring gesprengt und Kinder gerettet. Ob das dann auch wirklich stimmt, spielt im Endeffekt keine Rolle. Das wird künftig noch schlimmer werden.

Aber was ist die Konsequenz? Die Leute verschwinden ja nicht einfach.

Ich wage zu bezweifeln, dass es Kinder vor Missbrauch schützt, Pädophile so stark zu unterdrücken, dass diese daran zerbrechen.

Es ist das schrecklichste Gegenmittel gegen ungewöhnliche Menschen, sie dergestalt tief in sich hinein zu treiben, daß ihr Wiederherauskommen jedesmal ein vulkanischer Ausbruch wird.

Friedrich Nietze in „Unzeitgemäße Betrachtungen“

Vulkanausbrüche und die dadurch verursachten Kollateralschäden kann eigentlich niemand wollen.

Wer nicht zerbricht, wird sich noch tiefer verstecken. Jemand, der sich extrem kriminalisiert fühlt und die Gesetze als ungerecht empfindet, wird diese nicht mehr respektieren. Es geht dann stattdessen nur noch darum, nicht erwischt zu werden. Die Betroffenen flüchten dann in Anonymisierungsdienste, Datenverschlüsselung und das Darknet. Und machen dort, was immer sie vor sich selbst moralisch verantworten können, ohne auf das Gesetz und die Moral anderer Rücksicht zu nehmen.

Auch das kann nicht im Sinne des Kinderschutzes sein.

Und doch sind wir noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Es wird immer schlimmer.

Die ständigen Vergleiche von Kindesmissbrauch mit Mord zielen darauf die Verjährungs, die ohnehin bereits extrem verlängert wurde, gänzlich abzuschaffen.

Die ständige Skandalisierung von Alltagsbildern von Kindern, die zur Beute von Pädophilen werden, zielt darauf, dass es künftig als Kinderpornographie gelten soll, wenn ich mir „sexuell motiviert“ ein beliebiges Kinderfoto ansehe. Das ist schließlich abscheulich und widerlich. Es kann also nur Kinderpornographie sein.

Und diese Seite wird irgendwann vom Strafbestand „Verherrlichung von Pädophile“ erfasst werden. Schließlich ist Pädophilie Gewalt gegen Kinder. Das sagen ja sogar die Vereinten Nationen. Muss also stimmen.

[Die Generalversammlung] 22. verurteilt alle Formen der Gewalt gegen Kinder in allen Umfeldern, namentlich körperliche, seelische, psychische und sexuelle Gewalt, Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung, Missbrauch und Ausbeutung von Kindern, Geiselnahme, häusliche Gewalt, Inzest, Kinderhandel oder Verkauf von Kindern und ihren Organen, Pädophilie, Kinderprostitution, Kinderpornografie, Kindersextourismus, Banden- und bewaffnete Gewalt, sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet, Mobbing, auch im virtuellen Raum, und schädliche Praktiken, und fordert die Staaten nachdrücklich auf, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, um im Wege eines umfassenden Ansatzes jede derartige Gewalt gegen Kinder zu verhüten und sie davor zu schützen, und einen in die nationalen Planungsprozesse integrierten, vielgestaltigen und systematischen Rahmen zur Bekämpfung der Gewalt gegen Kinder zu entwickeln;

Resolution A/RES/72/245 der
Generalversammlung der Vereinten Nationen,
verabschiedet am 24. Dezember 2017

Manchmal ist die Welt einfach nur scheiße.

Und dann geht man auf ein BL-Forum. Und wenn man Glück hat, findet man ein Licht, an dem man sich wären kann.

Eines habe ich auf Boychat entdeckt, einen autobiographischen Text des BLs „Muppet“, die Geschichte, wie er sich dem Jungen, den er liebte, geoutet hat. Ich habe sie für den Blog gekapert und übersetzt:


Mein Outung gegenüber meinen jungen Freund – wahre Geschichte

Man sagt, es sei aus Sicherheitsgründen wichtig, Zeit verstreichen zu lassen, bevor man Geschichten über sich selbst erzählt, um so ein erhöhtes Risiko identifizierbar zu werden, zu vermeiden. Nun, ich hoffe, dass gut 30 Jahre Wartezeit lang genug sind, auch wenn ich mich an diesen Tag erinnere, als wäre es gestern gewesen.

Aber zuerst ein paar Hintergrundinformationen. Mein junger Freund – nennen wir ihn Jay – war zu dieser Zeit bereits in seinen frühen Teenagerjahren, was ihn, wenn wir in den Ländern der „Achse des Bösen“ [Anmerkung: hier sind die USA und die angelsächsischen Länder gemeint] gelebt hätten, unter die Schutzaltersgrenze gebracht hätte. Aber das taten wir nicht, und er war es auch nicht. Ich war in einem längerfristigen Auslandseinsatz und kannte ihn seit etwa 3 Jahren. Ich hatte schon lange akzeptiert, dass unsere Freundschaft immer nur platonisch sein würde, und fühlte mich sehr wohl damit. Ich liebte ihn trotzdem, einfach für seine Gesellschaft. Er stand auf Mädchen, obwohl er noch nicht bereit für eine „richtige“ Freundin war. In den frühen Tagen unserer Freundschaft war er ziemlich taktil gewesen, und Umarmungen und Kuscheln waren an der Tagesordnung. Aber als er älter wurde, wurden das immer seltener. Jay war ein hochintelligenter junger Mann, bildungsmäßig an der Spitze seiner Klasse, und wurde später Anwalt.

Die Umstände meines „Selbst-Outings“ begannen etwa 3 Monate, bevor es tatsächlich geschah, als sich Jays Eltern trennten und ein Scheidungsverfahren anstrengten. Es war eine wirklich schlimme Situation, und Jay litt sehr darunter. Seine Mutter wusste von der engen Bindung, die Jay und ich hatten, also bat sie mich, ihm bei all beiseitezustehen, indem ich mit ihm sprach. Ich habe Jay zuliebe gerne geholfen.

Er war gezwungen, 3 ½ Tage pro Woche bei seinem Vater und 3 ½ Tage bei seiner Mutter zu leben. Er hasste es, tolerierte es aber, um nicht noch mehr Streit zu verursachen. Es stellte sich bald heraus, dass seine größter Kummer war, dass seine Mutter ihn im Grunde ignorierte, selbst wenn er bei ihr übernachtete. Also beschloss ich nach ein paar Wochen, dass ich sie damit konfrontieren musste. Ihre Reaktion schockierte mich.

In einfachen Worten sagte sie: „Ich habe einen großen Teil meines Lebens aufgegeben, um ihn aufzuziehen, also werde ich jetzt tun, was ich tun will. Wenn ihm das nicht gefällt, Pech gehabt. Wenn er damit nicht zurechtkommt, dann ist das sein Problem. Das ist mir schnuppe“. Ich antwortete, wenn sie das so empfand, warum dann nicht Jay ganz bei bei seinem Vater wohnen lassen? Sie schoss zurück mit „… und seinen Vater glauben lassen, er habe gewonnen? – Nie und nimmer!“

Ich musste meine Ärger in diesem Zeitpunkt zurückhalten. Das Schlimmste von allem war, dass Jay neben mir saß und jedes Wort seiner Mutter hörte. Schließlich sagte sie einfach: „Wenn er sich gestresst fühlt, massier ihm den Rücken. Das mag er immer“. Ich vergaß für einen Moment das Land, in dem ich mich befand, und meine „Achse des Bösen“-Mentalität setzte ein. Der Gedanke schoss mir durch den Kopf: „Auf keinen Fall werde ich diesen Weg einschlagen. Klassischer „rücksichtsloser Pädophiler“, mit dem Szenario ein emotional verwundbaren Kindes auszunutzen“. Ich konnte sofort erkennen, wie die Leute diese Situation auffassen würden, wenn die Geschichte jemals heraus käme, auch wenn sie damit völlig falsch gelegen hätten.

Nach diesem Treffen sagte ich Jay, dass er nicht bei seiner Mutter bleiben müsse. Das Einzige, womit sie Recht hatte, war, dass er alt genug war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, und so sagte ich ihm, dass er, wenn er mit seinem Vater glücklicher sei, überlegen solle, Vollzeit bei ihm zu leben, und dass seine Mutter ihn nicht davon abhalten könne. Aber es war noch zu früh für ihn. Er träumte immer noch davon, dass seine Familie wieder zusammenkommt, und er wollte nicht den Eindruck erwecken „Partei zu ergreifen“.

Und so kam es, das Jay an jenem Tag, etwa drei Wochen nach dem Gespräch mit seiner Mutter, völlig verzweifelt bei mir zu Hause ankam. Er und seine Mutter waren in einen heftigen Streit geraten, nachdem sie ihn ohne Vorwarnung mit ihrem neuen Freund überrumpelt hatte. In den nächsten 30 Minuten mit mir durchlebte er alle Emotionen von heftiger Wut bis hin zur totalen Verzweiflung. Als sich die Gefühle etwas beruhigten, drehte er sich zu mir um und sagte: „Muppet, kannst du mir einen Gefallen tun? Ich brauche dringend eine Rückenmassage, um mich zu beruhigen.“ Jetzt war ich an der Reihe, in Panik zu geraten. Was soll ich tun? Er war bereits auf dem Weg ins Schlafzimmer, um sich hinzulegen, und ich ging langsam hinter ihm her, unsicher, was ich machen sollte.

Es ging mir nicht um rechtliche Bedenken, weil (a) wir nichts Sexuelles tun würden und (b) er in dieser Gerichtsbarkeit ohnehin über der Schutzalter war. Meine Sorge galt Jay. Wenn ich das täte und es zur Gewohnheit werden würde, wie würde er sich fühlen, wenn er irgendwann in der Zukunft meine Vorliebe für Jungen im frühen Teenageralter entdecken würde? Würde er sich verraten fühlen? Würde er glauben, dass ich ihn und seine Situation ausgenutzt habe? Würde er das Gefühl haben, dass ich unehrlich zu ihm war? Schließlich gab es Menschen in meinem Leben, die wussten, dass ich ein BL war, und so war das kein unmögliches Szenario.

Also sprang ich über die Klippe und beschloss, dass es am besten sei, ihm die Wahrheit zu sagen. Er lag auf dem Bett, an die Wand gelehnt, und ich saß auf einem Stuhl. „Jay, wir müssen zuerst reden.“ Das Gespräch begann so:

Muppet: „Hast du dich je gefragt, warum ich keine Freundin habe?“

Jay – nachdenklich: „Nein“ … Pause … „Willst du mir sagen, dass du schwul bist?“

Muppet: „Irgendwie, aber nicht genau.“

In den nächsten 15-20 Minuten erzählte ich ihm alles. Ich erzählte ihm von meiner Vorliebe für heranwachsende Jungen, von meiner „Beihnahe-Kollision“ mit dem Gesetz ein paar Jahre zuvor aufgrund einer falschen Anschuldigung, von meinen früheren jungen Freunden, von meinen Schwierigkeiten als jüngerer Mann, mit meiner Sexualität zurechtzukommen, und von den Selbstmordgedanken, die meine jungen Jahre geprägt hatten.

Er saß gefesselt da, ohne ein Wort zu sagen. Ich glaube ehrlich gesagt, es war das erste Mal seit der Trennung seiner Eltern, dass er seine eigene Situation beiseite schieben und sich auf etwas völlig anderes konzentrieren konnte.

Zum Schluss sagte ich ihm, dass ich bis über beide Ohren in ihn verliebt sei, und zwar schon seit drei Jahren. Nach einer Pause sprach er, und seine Reaktion ließ mich fassungslos und völlig demütig zurück.

Jay: „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

Muppet: „Ich hatte Angst, du würdest mich nicht mehr mögen.“

Jay: „Ich dachte, du würdest mich besser kennen.“

Diese letzte Bemerkung hat mich wirklich getroffen. Ich fühlte mich schuldig, dass ich ihm nicht vertraut hatte, vor allem nach all dem Vertrauen, das er in mich gesetzt hatte. Nach einem kurzen Gespräch kamen wir wieder auf das Thema der Rückenmassage zu sprechen, und ich sagte ihm, dass ich es angesichts dessen, was ich ihm gerade gesagt hatte, nicht für angebracht hielt, mit dem Austeilen von Massagen zu beginnen.

Jay – grinste breit: „Blödsinn. Es klingt so, als würde du das jetzt genauso sehr genießen wie ich“.

Also ließ sich Jay den Rücken massieren, und in den folgenden Monaten noch einige weitere Male. Schließlich zog Jay wieder bei seinem Vater ein und begann, wieder etwas Stabilität in sein Leben zu bekommen. Unsere Freundschaft hielt an, aber sein Bedürfnis nach emotionaler Unterstützung durch mich nahm ab, als sein Stresspegel sank.

Ein paar Jahre später war mein Auslandseinsatz beendet, und ich zog zurück in mein Heimatland. Wir blieben eine Zeit lang über das Telefon in Kontakt (damals gab es noch keine sozialen Medien), aber selbst diese Anrufe wurden weniger häufig.

An seinem 21. Geburtstag beschloss ich jedoch, ihn zu überraschen, und flog unangekündigt zu ihm. Als ich bei ihm zu Hause ankam, war er gerade auf dem Weg zu einem Essen mit ein paar Studienkollegen, zu dem ich hinzugeladen wurde. Es war eine verhaltene Feier, vor allem, weil sie in der nächsten Woche oder so Prüfungen hatten, und sie wollten die eigentliche Feier erst nach diesen Prüfungen beginnen.

Jay und ich fuhren in einem Auto, seine Kumpel in dem anderen, und das gab uns Gelegenheit zum Plausch. Nachdem er sich über allgemeine Angelegenheiten informiert hatte, wurde er still. Ich fragte ihn, ob es ihm gut ginge, und er gab mir einfach noch einmal eins drauf.

Jay: „Erinnerst du dich an den Tag, an dem du mir zum ersten Mal gesagt hast, dass du mich liebst?

Muppet – vorsichtig: „Ja“. (Ich fragte mich, wohin das führen würde).

Jay: „Ich fühlte mich an diesem Tag so besonders. Als ich an diesem Abend zu Bett ging, war es das erste Mal nach der Trennung meiner Eltern, dass ich die Nacht durchschlief, ohne aufzuwachen.

Muppet: „Wirklich?“

Jay: „Ich möchte dir einfach für alles danken, was du für mich getan hast. Ohne deine Liebe hätte ich diese Zeit nie überstanden.“

Muppet: „Wow. Ich liebe dich immer noch, weißt du. Vielleicht nicht so, wie ich dich damals geliebt habe, aber ich liebe dich immer noch.“

Jay: „Ich weiß.“

Von da an verlagerte sich unser Gespräch auf andere Dinge, und wir genossen ein tolles Essen. Am Ende des Essens umarmten wir uns und ich ging. Das war das letzte Mal, dass ich ihn persönlich gesehen habe.

Er ist jetzt glücklich verheiratet und hat selbst Kinder, und wir sind beide mit unseren Leben weitergezogen. Aber wie man sieht, werden mir die Erinnerungen für immer bleiben.

Muppet


Ich habe es nicht ohne Tränen durch diesen Bericht von Muppet geschafft.

Da weiß man wieder, warum man BL ist und warum das Leben trotz allem lebenswert sein kann.

Ein Kommentar zu „Finstere Zeiten. Und ein wenig Licht.

  1. Das Interview mit Herrn Ziemiak war ein typischer Fall von „wenn Politiker die Tragweite ihrer beabsichtigten Gesetzesverschärfungen völlig unterschätzen“.

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