Kindliche Unschuld: Fehlanzeige

Ein Mythos, der sich zäh hält, ist der von der angeblichen Unschuld der Kinder.

Kinder wirken niedlich (Kindchenschema) und sind schutzbedürftig, aber mit Unschuld sollte man das nicht verwechseln. Insbesondere sind Kinder nicht sexuell „unschuldig“, was aber eigentlich ohnehin schon unsinnig ist, weil Sexualität generell nichts mit Schuld zu tun hat.

Ich finde es verstörend, wenn einerseits mantrahaft die kindliche Unschuld betont wird, andererseits eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Herabsetzung der Strafmündigkeit befürwortet.

In einer Umfrage bei Stern.de vom Juli 2019 waren 83 Prozent für die Herabsetzung von 14 auf 12 Jahre und 12 Prozent dagegen (ca. 3.200 Teilnehmer). Bei einer Insa-Meinungstrend Umfrage aus dem selben Monat im Auftrag der „Bild“-Zeitung waren 57.9 Prozent für eine Herabsetzung, 25.8 Prozent dagegen.

Ich halte es da eher mit Prof. Dr. Thomas Fischer, ehemaliger Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs:

Von allen Möglichkeiten und Vorschlägen, wie man mit problematischen, sozial randständigen, gefährdeten oder verwahrlosten kindlichen Grenzüberschreitern und Straftatverwirklichern umgehen kann oder soll, ist die Ausweitung des Strafrechts auf sie die sinnloseste, erbärmlichste und schädlichste.

Aus „Das Kind, der Verbrecher und die CSU“ bei Spiegel Online

Die Gleichzeitigkeit des Zelebrierens kindlicher Unschuld und der Propagierung einer Bestrafung verbrecherischer Kinder ist für mich schizophren.

Aber zurück zur Sexualität.

In Wissenschaftskreisen ist längst bekannt, dass es auch vorpubertär eine kindliche Sexualität gibt, die sich zwar von der Erwachsenen-Sexualität unterscheidet, aber deswegen nicht minder sexuell ist. In der Pubertät wird das sexuelle Erleben und Verhalten dann mit dem von Erwachsenen vergleichbar. Das sexuelle Interesse erreicht in der Pubertät sogar seinen Höhepunkt.

Schaut man in die üblichen Tabellen der Polizeilichen Kriminalstatistik, dann wirkt der Anteil kindlicher Tatverdächtiger an den verschiedenen Sexualstraftaten erst einmal nicht sehr hoch. In der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS 2019) findet man in der Statistik der Tatverdächtigen nach Alter und Geschlecht für den Sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) insgesamt 10.259 Tatverdächtige von denen 1.276 Kinder unter 14 Jahren waren.

Es gibt aber natürlich nicht so viele Kinder wie Erwachsene.

Wenn man die relative „Kriminalitätsneigung“ von Kindern im Vergleich zu der von Erwachsenen verstehen will, muss man die sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl heranziehen. Das ist eine kriminologische Häufigkeitsangabe und gibt die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles an. Kinder unter acht Jahren werden dabei nicht berücksichtigt. Die Tatverdächtigenbelastungszahl macht sichtbar, welche Altersgruppen häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden.

Einen Einblick in die aktuellen Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) liefert die Statistik der Tatverdächtigenbelastung Deutsche nach Alter und Geschlecht der Kriminalstatistik 2019.

Ich habe aus den Angaben zu den verschiedenen Straftaten eine Auswahl getroffen und dabei zur besseren Übersichtlichkeit auf die Differenzierung der Täter nach Geschlecht verzichtet. Leider ist die Tabelle recht groß, so dass das Bild dazu hier nur sehr klein dargestellt wird. Um die Tabelle gut lesen zu können, muss man etwas heranzoomen.

Ausgewählte Straftaten PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Bei den den „Straftaten gesamt“, Körperverletzung, Diebstahl, Beleidigung und Sachbeschädigung usw. sieht man, dass Kinder schon ganz allgemein gesehen keineswegs „unschuldig“ sind. Sie kommen überall vor. In der Gruppe der 12 bis 13-jährigen liegt die Tatverdächtigenbelastungszahl außer bei Beleidigungen und fahrlässiger Körperverletzung sogar über dem Wert für die Gesamtbevölkerung.

Bei jüngeren Kinder sinken die Werte. Diesbezüglich sollte aber beachtet werden, dass strafrechtlich relevante Handlungen von Kindern oft nicht angezeigt werden, weil viele sich über die Straflosigkeit von Kindern aufgrund ihrer fehlenden Strafmündigkeit im Klaren sind. Bei einem 12 bis 13-jährigen kann man auf Anhieb nicht sicher erkennen, ob er vielleicht bereits strafmündig ist. Bei jüngeren Kindern gelingt dies schon eher.

Teilt man den Wert der Altersklasse z.B. bei der vorsätzlichen einfachen Körperverletung 381 pro 100.000 für die 12 bis 13-jährgen durch den Wert für die Gesamtbevölkerung von 331, dann erhält man ein Aktivitätsniveau der Alterklasse relativ zur Gesamtbevölkerung von 115%. Dieses Niveau habe ich für jede der Straftaten und Alterklassen errechnet.

Interessant finde ich zum Beispiel, dass Kinder relativ seltener bei fahrlässiger Körperverletzung auffällig werden (z.B. 48 % bei 12 bis 13-jährgen). Wenn man sich die absichtlichen (vorsätzlichen) Fälle anschaut, liegen die 12 bis 13-jährgen darüber (115%). Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung steigt das Niveau noch weiter an.

Ehe man nun mit der Verteuflung anfängt: sie liegen immer noch unterhalb des Niveaus aller Altersklassen darüber bis inklusive der 25 bis 30-jährigen.

Natürlich interessieren mich hier besonders die Werte aus dem Bereich der Sexualstraftaten. Hier eine entsprechende Übersicht zu ausgewählten Straftaten mit Sexualitätsbezug:

Ausgewählte Straftaten mit Sexualitätsbezug, PKS 2019 (TVBZ und relatives Niveau nach Altersklasse)

Für den sexuellen Missbrauch von Kindern liegen das Aktivitätsniveau der 10 bis 11-jährigen bei 89% des durchschnittlichen Aktivitätsniveaus der Gesamtbevölkerung. Bei den 12 bis 13-jährigen liegt der Wert 328%, bei 14 bis 15-jährigen bei 646%, bei 17 bis 18-jährigen bei 434%. Danach geht der Wert dann für Heranwachsende auf 225% zurück und bleibt für höhere Altersklassen bei etwa 120%. Er sackt dann im Bereich der 50 bis 60-jährigen auf 59% und für die noch älteren auf 24% ab. Die Fallzahlen der 8 bis 9-jährigen (65%) liegt etwa auf dem Niveau der 50 bis 60-jährigen.

Eine ähnliche Beobachtung kann man auch bei den anderen Straftaten mit Sexualbezug ablesen. Im Grunde sieht man hier wohl vor allem, wie sich die Libido bzw. das sexuelle Interesse im Laufe des Lebens ändert.

Schaut man sich die Prozentzahlen an, kann man leicht erkennen, dass durch die Bank bei allen dargestellten Straftaten die höchste Aktivität bei den 12 bis 13-jährigen, den 14 bis 15-jährigen und den 16 bis 17-jährigen zu verzeichnen ist.

Mich verwundert das kein bisschen. Dieses Segment der Bevölkerung ist pubertäts-bedingt das sexuell aktivste und fällt deshalb natürlich auch am häufigsten auf.

Mit der sexuellen „Unschuld“ der Kinder ist es jedenfalls nicht weit her, auch nicht wenn man die offiziellen Zahlen zu den Tatverdächtigen-Statistiken des BKA heranzieht. Schon 10 bis 11-jährige sind da bereits nahe am Niveau der Gesamtbevölkerung. Danach kommt es zu einem fast schon exponentiellen wirkenden Anstieg des sexuellen Interesses und der „Auffälligkeiten“ mit Spitzenwerten bei den 14 bis 15-jährigen. Erst nach der Heranwachsendenphase (Altersklasse 18 bis 20) wird ein „Normallevel“ erreicht.

Schauen wir uns nun die Werte für Pornographiedelikte an:

Ausgewählte Straftaten mit Pornographiebezug, PKS 2019 (TVBZ und realtives Niveau nach Altersklasse)

Man kann erkennen, dass die Herstellung (!) von Kinder- und Jugendpornographie vor allem ein Kinder- und Jugendverbrechen ist. Wahrscheinlich handelt es sich überwiegend um „Selbstportraits“. Die Hürden sind denkbar niedrig. Mehr als sexuelles Interesse und ein Smartphone braucht es dazu nicht.

Die pädoaktivistische Seite Krumme13.org berichtete dazu bereits vor ein paar Tagen:

Auch in diesem Jahr wird an der polizeilichen Kriminalstatistik(PKS) wieder deutlich, dass auch immer mehr Kinder & Jugendliche von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen und verbreiten. Die Kriminalisierung der Kids schreitet weiter voran. Hausdurchsuchungen bei der Eltern sind stets die furchtbaren Folgen. Die Kids von heute sind keine sexuallosen Wesen, die nicht wissen, was sie wollen. Kinder, die von sich selbst „Kinderpornos“ herstellen, können sich dabei nicht selbst vergewaltigen. Sie können dabei auch nicht an ihrem eigenen Körper sexuell übergriffig werden. Erst Recht gilt dies für Jugendliche.

Aus dem Artikel „Kriminalstatistik 2019 veröffentlicht

Die Herstellung von Kinderpornographie mit Verbreitungsabsicht (!) kommt bei 8 bis 9-jährigen 3,16-mal, bei den 10 bis 11-jährigen 5,14-mal, bei 12 bis 13-jährigen 14,53-mal (!) und bei 14 bis 15-jährigen 3,52-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Die Herstellung von Jugendpornographie mit Verbreitungsabsicht kommt bei 14 bis 15-jährigen fast 20-mal (!) und bei 16 bis 17-jährigen 9,32-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung.

Auch Cybergrooming (vorherige Tabelle, dort die Zeile „Einwirken auf Kinder § 176 Abs. 4 Nr. 3 und 4 StG“) ist ganz entschieden vor allem eine Straftat von Kindern ab 12 (641%), Jugendlichen (960%) und Heranwachsenden (606%).

Ein paar Schlussfolgerungen dazu:

1) Die Gesetze, die Kinder und Jugendliche schützen sollen, treffen Kinder und Jugendliche überproportional häufig.

Aus meiner Sicht, bedeutet das nicht, dass man spezielle Straf- und Erziehungskonzepte für auffällig gewordene Kinder und Jugendliche benötigt, sondern dass kinder- und jugendtypisches Verhalten, das nicht strafwürdig ist, nach aktuellem Gesetz unter Strafandrohung steht. Hier gibt es Korrekturbedarf.

Die Herstellung von kinder- oder jugendpornographischen Schriften sollte für Kinder und Jugendliche straffrei sein. Die eigene Verbreitung eines kinder- oder jugendpornographischen Selbstportraits sollte ebenfalls von Strafe befreit sein.

Bei sexuellem Missbrauch von Kindern (inkl. Cybergrooming) sollte es eine Altersdistanzklausel von drei oder vier Jahren geben, die bewirkt, dass sich zum Beispiel ein 14-jähriger, der einvernehmlichen Sex mit einem 12-jährigen hat, nicht mehr strafbar macht.

2) Schon 12 bis 13-jährige haben ganz offensichtlich regelmäßig ein intensives sexuelles Interesse.

Wer sich für etwas interessiert, ist typischerweise entwicklungsgemäß auch reif genug, um auf dem betreffenden Gebiet Erfahrungen zu sammeln. Das Lebensrisiko, dass dabei nicht jede Erfahrung zwingend positiv sein muss, muss man in diesem Fall hinnehmen.

Kinder haben Rechte und zu diesen Rechten gehört auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung also das Recht „ja“ oder „nein“ zu sagen. Eine Verkürzung auf das Recht, „nein“ zu sagen, ist für jemanden, der sich bereits intrinsisch motiviert für sexuelle Handlungen interessiert, nicht hinnehmbar.

Eine Anerkennung des Rechts des Kindes, „ja“ zu sagen, bedeutet dabei noch nicht, dass man willentlich einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen deshalb zwingend legalisieren muss. Es gibt schließlich zwei Beteiligte und es ist möglich, eine Pflicht des Erwachsenen zu postulieren, in diesem Fall „nein“ zu sagen, auch wenn er eigentlich gerne „ja“ sagen würde.

Die Pflicht, auf ein „ja“ mit einem „nein“ zu antworten, wäre dann aber ein schwerwiegender Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung des Erwachsenen UND des Kindes. Er müsste daher sehr gut begründet sein. Es müsste dafür wissenschaftlich nachweisbar sein, dass ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt eines Kindes mit einem Erwachsenen ein Kind mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit belastet, als ein willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakt mit einem anderen Kind.

Eine Pflicht, eines Kindes (oder eines beinahe-Kindes) auf ein „ja“ eines anderen Kindes mit einem „nein“ zu antworten, kann es dagegen nicht geben. Einem Erwachenden gegenüber mag das bei guter sachlicher Begründung noch zumutbar sein. Dieselbe Anforderung an ein Kind zu stellen, wäre unverhältnismäßig.

Zumindest die Schutzwirkung einer tatbestandsauschließenden Alterdistanzklausel ist daher überfällig. In Österreich und der Schweiz gibt es bereits entsprechende Regelungen. Deutschland sollte nachziehen.

Beispiel für eine solche Klausel (aus Artikel 187 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs):

Die Handlung ist nicht strafbar, wenn der Altersunterschied zwischen den Beteiligten nicht mehr als drei Jahre beträgt.

3) Wenn Kinder offensichtlich mit 10 und 11 Jahren schon annähernd auf dem sexuellen „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung liegen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 95%) und Kinder von 12 und 13 Jahren das „Auffälligkeitsniveau“ der Gesamtbevölkerung deutlich übertreffen (z.B. bei Verbreitung pornographischer Schriften auf einem Niveau von 579%), dann erscheint das aktuelle, starre Schutzalter von 14 Jahren als zu hoch.

Das mit dem Schutzalter geschützte Rechtsgut ist die „von vorzeitigen sexuellen Erlebnissen ungestörte Gesamtentwicklung des Kindes“.

Vorzeitig ist, was von außen aufgedrängt wird, bevor es ein eigenständiges intrinsisches sexuelles Interesse gibt. Hiervon kann spätestens in der Altersklasse der 12 bis 13-jährigen wohl keine Rede mehr sein.

Wer aus „entwicklungspsychologischen Gründen“ dennoch eine erst spätere sexuelle Reife postuliert, die das Kind erst später zur Ausübung seines sexuellen Selbstbestimmungsrechts befähigt, muss es aushalten, wenn wissenschaftliche Beweise für seine These verlangt werden. Eine lediglich von Moralvorstellungen getragene Meinung oder Theorie reicht zur Rechtfertigung eines schwerwiegenden Grundrechtseingriffs nicht aus.

2 Kommentare zu „Kindliche Unschuld: Fehlanzeige

  1. Ich bin sehr gespannt wann ab 12 jährige vor dem Gesetz als Jugendliche bezeichnet werden.

    AfD hat dies gefordert, scheitert daran dass die Gegner nicht wollten dass die 12-13 jährigen ins Gefängnis kommen wenn sie Straftaten begehen

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    1. dadurch durften 12-13 jährigen leider kein sex haben. Es war eine totale Niederlage für sie weil die AfD stur waren und keine Kompromisse in diese Richtung gemacht haben

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