Diskriminierungs-Legitimation: die Gefährlichkeitsvermutung

In meinen letzten beiden Artikel habe ich mich vor allem mit dem Thema Diskriminierung befasst und die Situation von Pädophilen der Situation von Homosexuellen vor der Entschärfung des Schwulenparagraphen und der heutigen Situation von Transsexuellen gegenübergestellt.

In einem pädophilen Selbsthilfeforum, dem Jungsforum, wurde mir dazu vorgehalten, dass mein Text die Analyse pädophiler Diskriminierung verfehlt:

Der Text verfehlt die Analyse pädophiler Diskrimierung. Pädophile werden nicht einfach so diskriminiert, weil sie Pädophile sind, sondern weil Kindern kulturell, historisch und religiös bedingt eine Unschuld und Reinheit zugeschrieben wird. Ein sexueller Kontakt würde diese Unschuld zerstören, so die Gegenseite.

In dem Text fehlt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen, die das Phantasma der Unschuld und Reinheit rational widerlegt und die der Kindheit und Jugend eine Interesse an Sexualität zugesteht.

Kurzum: Die Diskriminierung der Pädophilen als Kinderschänder kann nicht ohne die Diskriminierung der Kinder und Jugendlichen als asexuelle Unschuldsengel gedacht werden.

Reaktion von SnoopyBoy im Jungsforum

Weiter:

Du kannst ja gerne deine Rechte als Pädophiler einfordern. Am Ende geht es den Anderen bei ihrer Diskriminierung deiner Pädophilie aber nicht um deine Pädophilie an sich, sondern um den Schutz des Kindes (oder der Kinderseele), nicht nur allein um den Schutz des Kindes vor dem sexuellen Kontakt, sondern auch vor der Möglichkeit, dass ein sexueller Kontakt stattfinden könnte, weil du als Pädophiler eine Neigung hast, die jederzeit ausbrechen kann, wie ein Virus. Damit bist du für die Anderen eine potentielle Gefahr für das Kind, auch wenn dich Sex nicht interessiert.

Willst du für die Entdiskriminierung von Pädos streiten, musst du an die Ursache, an die Legitimation der Diskriminierung ran, an den Kinder- und Jugendschutz, sonst bleibst du nur an der Oberfläche.

Transsexuelle und Homosexuelle haben das Problem nicht, denn ihre Diskriminierung ist heutzutage nicht mehr mehr oder sehr schwer zu legitimieren. Von ihnen geht keine Gefahr aus.

Weitere Reaktion von SnoopyBoy

Mir ging es in meinen Texten nicht um eine Analyse, sondern lediglich um die Feststellung einer Diskriminierung.

Wenn eine Diskriminierung nicht sichtbar ist, gibt es (scheinbar) keinen Handlungsbedarf. Wird eine Diskriminierung dagegen sichtbar, stellt sich aus meiner (vielleicht etwas gutgläubigen) Sicht eigentlich sofort die natürliche Frage, ob und wie man die Diskriminierung abbauen kann oder wie man die Situation des Diskriminierten verbessern kann.

Ein ganz wesentlicher Aspekt der Diskriminierung ist mir aber erst durch SnoopyBoys Antwort in aller Deutlichkeit bewusst geworden:

Eigentlich ist die anhaltende, schwerwiegende und sich sogar kontinuierlich weiter verschärfende Diskriminierung von Pädophilen für die heutige Gesellschaft ein unnatürlicher Zustand.

Unsere Gesellschaft überschlägt sich schließlich an anderer Stelle geradezu darin, Diskriminierung zu ächten und anzuprangern. Damit die Diskriminierung trotz stark diskriminierungs-feindlicher Rahmenbedingungen „überleben“ kann, bedarf sie der Legitimation.

SnoopyBoy hebt dazu das kulturelle Konstrukt der Kindheit und insbesondere der kindlichen Unschuld hervor.

luxwox ergänzt:

Es sind zwei Dogmas, die in Kombination verbieten, ein Kind mit Sex zu kontaminieren.

1. Sex ist schmutzig und dehalb schuldbeladen.
2. Ein Kind ist rein und unschuldig.

Nur wenn BEIDE Dogmas gelten, ist es ganz Boese, ein Kind mit Sex zu kontaminieren.

Beitrag von luxwox

Das sind wichtige und meiner Einschätzung nach auch richtige Gedanken.

Die Legitimation der Diskriminierung von Pädophilen ist ihre unterstellte Gefährlichkeit. Kinder sind schwach und schutzbedürftig. Wer Kinder bedroht, muss daher ausgeschaltet werden. Auch präventiv. Die Ausschaltung der Bedrohung ist dann keine Aggression, sondern erweiterte Selbstverteidigung in einem besonders wichtigen und notwendigen Fall.

Dieser Mechanismus ist uralt und funktioniert zuverlässig. Die Verteidigung von Kindern rechtfertigt so gut wie jede Aggression. Im Mittelalter kursierten zum Beispiel Ritualmordlegenden über die rituelle Opferung christlicher Kinder durch Juden. Die wenig überraschende Folge waren Pogrome gegen Juden.

Auch heute noch kann man so gut wie ALLES rechtfertigen, wenn man nur erklärt, dass man damit gegen Menschen vorgeht, die „Kindern weh tun wollen“.

Wer pädophil ist, gilt als gefährlich für Kinder. Als jemand, der seiner Natur gemäß – so wie man diese Natur auffasst – dazu getrieben ist, Kindern zu schaden. Ob jemals ein Schaden angerichtet wurde, spielt keine Rolle. Es geht um gefühlte Wahrscheinlichkeiten. Für jemanden, der pädophil ist, gilt die Gefährlichkeitsvermutung. Unerbittlich und unwiderlegbar.

Auf der Haben-Seite, kann man wohl festhalten: wenn es tatsächlich gelingen würde, die Gefährlichkeitsvermutung zu entkräften oder gar zu widerlegen, dann würde im gleichem Maße die Empörung, Panik und Dämonisierung in sich zusammenschrumpfen.

Nur: die Aufgabe scheint unmöglich.

Kinder gelten seit mindestens zwei Jahrhunderten als „unschuldig“ und „rein“. Das ändert sich nicht mal eben.

Der Trend zur künstlichen Verlängerung der Kindheit hält an. Wo es früher einmal Schlüsselkinder gab, gibt es heute Handkinder, die mit dem Elternarm verwachsen zu sein scheinen. Wo man früher bis zum Abendessen oder bis zur einsetzenden Dunkelheit unbeaufsichtigt auf der Straße spielte, gibt es heute Vollzeitüberwachung durch Helikoptereltern. In Zeitungsartikeln kann man lesen, dass Gehirne erst mit 25+ ausgereift seien – und dazu passend gilt es inzwischen als normal, wenn 25-jährige noch bei den Eltern wohnen.

Die Assoziation von Sex mit (männlicher) Gewalt ist eine Kernthese des Feminismus, der seinerseits einen seit Jahrzehnten anhaltenden und unvermindert wirksamen gesellschaftlichen Megatrend darstellt. Sex steht heute daher aus ideologischen Gründen unter Gewaltverdacht. Sexuelle Grenzüberschreitungen gelten als besonders abscheulich, die Strafen können gar nicht hart genug sein. Für mich spricht viel für eine Überreaktion, bei der Augenmaß und Verhältnismäßigkeit bereits auf der Strecke geblieben sind – was aber am fortdauernden Schwung dieses Trends nichts ändert.

Das alles bietet wenig Anlass zur Hoffnung.

Aber es gibt auch Entwicklungen, die mir als Silberstreife am Horizont erscheinen:

Es gibt eine zunehmende Tendenz, Kinderrechte als existent und einklagbar anzusehen. Was würde passieren, wenn sie erst einmal im Grundgesetz festgeschrieben sind und ein 14-jähriger, der in einer Liebesbeziehung zu einem Erwachsenen steht, versucht, gerichtlich gegen ein Urteil wegen sexuellem Missbrauch Abhängiger und ein Kontaktverbot vorzugehen, weil er sein Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung verletzt sieht? Hierfür potentiell geeignete Fälle hat es bereits gegeben.

Es gibt in der Medizin eine starke Tendenz zu evidenzbasierter Medizin also zur Diagnose und Behandlung auf empirisch nachgewiesener Basis. Schäden willentlich einvernehmlicher sexueller Kontakte von und mit Kindern können also mutmaßlich nicht in alle Ewigkeit lediglich behauptet werden, sondern werden vermutlich irgendwann Gegenstand einer wirklich qualifizierten Untersuchung sein, die dann ein paar der Annahmen und Vorurteile, die der Gefährlichkeitsvermutung zugrunde liegen, heftig erschüttern könnte.

Letztlich weiß man nicht, was die Zukunft bringt. Dadurch, dass man seinen Kampf aufgibt, weil man ohnehin nichts erreichen kann, wird sie aber sicher nicht besser.

Es ist auch nicht wirklich problematisch, wenn man mit Aktivismus, Engagement und Herzblut am Ende etwas anderes erreicht, als man eigentlich erreichen wollte. Man ist ja nicht der einzige auf der Welt, der etwas erreichen will. Auch alle anderen zupfen am Stoff aus dem unsere Gesellschaft gemacht ist und versuchen ihn in die „passende“ Form zu bringen. Ich finde das völlig legitim. Das Ergebnis ist immer ein Kompromiss und nie die Idee in Reinform. Und natürlich ist das Ergebnis immer auch nur ein Zwischenstand. Es zupfen immer schon die nächsten am Stoff herum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s