„Ich verlange, dass dieser Staat mich akzeptiert“

Dieses Zitat stammt nicht von mir.

Es ist eine kämpferische Aussage von Tessa Ganserer (früher Markus Ganserer) einer Transfrau im Bayrischen Landtag. Frau Ganserer wird im Spiegel mit dem Satz zitiert:

Ich werde nicht einen Richter darüber entscheiden lassen, ob ich der Mensch sein darf, der ich bin. Ich möchte meine Menschenwürde behalten dürfen, und ich verlange von diesem Staat, dass er mich akzeptiert.

Sachlich gibt es dabei um die Bestimmung des Transsexuellen-Gesetzes, dass Frau Ganserer als Menschenrechtsverletzung emfindet. Sie will nicht hinnehmen, dass es für eine Änderung des offiziellen Geschlechtseintrags nötig ist, sich von zwei Ärzten bescheinigen zu lassen, dass er oder sie tatsächlich transsexuell ist.

Ein anders kritisiertes Übel: um aufwendigere Behandlungen von der Krankenkasse finanziert zu bekommen, muss Frau Ganserer zwölf Monate lang eine Psychotherapie machen. Nur dann bekommen Transpersonen zum Beispiel eine Hormonbehandlung oder können ihren Bart weglasern lassen.

Das findet Frau Ganserer unhaltbar: „Ich nehme einem Menschen, der dringend eine Psychotherapie bräuchte, den Therapieplatz weg.“ Dennoch sei sie auf die Behandlungen und damit auch auf die Therapie angewiesen: „Ich kann meinen Bart ja nicht wegmeditieren.“

Ich habe damit ehrlich gesagt gewisse Probleme.

Mich stört mein Bart auch eher, als dass ich ihn als positiv empfinde. Auch ich kann ihn nicht wegmeditieren. Man kann ihn aber rasieren und wohl auch Enthaarungscreme verwenden. Warum soll das unzumutbar sein?

Es gibt auch Frauen, die als Frauen geboren wurden, und trotzdem ein Problem mit zu viel Gesichtsbehaarung oder im späteren Leben mit einer Glatzenbildung haben. Ist das bereits gegen die Menschenwürde der Betroffenen? Von den Krankenkassen bezahlt wird es, wenn es sich um eine ästethische Manahme handelt, jedenfallls nicht. („Die rein ästhetische Behandlung eines Damenbarts mittels Laser, Cremes oder Waxing stellt für die Krankenkasse keinen Grund für eine Kostenübernahme dar.“ – Artikel auf Zavamed.com)

Die Psychotheraie ist also sowohl für einen Frau als auch für einen Transsexuellen notwendige Voraussetzung, um eine medizinische Notwendigkeit für die dauerhafte Bartentfernung per Laser zu begründen. Es ist aber keine Diskriminierung, wenn an Frau Ganserer die gleichen Anforderungen gestellt werden wie an andere Frauen.

Wenn sie statt auf eine automatische Kostenübernahme bei Transsexuellen auf eine Kostenübernahme bei allen von Bartwuchs betroffenen Frauen drigen würde, könnte sie vermutlich vielen Frauen helfen. Aber würde damit natürlich auch die solidarisch finanzierten Krankenkassen belasten. Ob das angemessen ist oder nicht, müssen glücklicherweise andere entscheiden.

Frau Ganserer darf als ehemaliger Mann auf die Straße gehen und ihrem Beruf ausüben. Sie wird von vielen anerkannt und unterstützt, von anderen zumindest toleriert oder wenigstens ignoriert. Vor allem anderen wird sie durch umfassende und vielfältige Antidiskriminierungsgesetze geschützt.

Sie hatte es sicher nicht immer leicht, vermutlich oft sogar sehr schwer auf ihrem Weg zu innerer Akzeptanz und mit dem ersten Kraftakt, sich zu outen. Aber es passiert viel, um sie zu schützen und es wird auch viel Geld ausgegeben, um sie zu unterstützen.

Ich kann weder in dem Erfordernis zweier ärtzlicher Bescheinigungen für eine Passänderung, noch in der gefühlt zu schwierigen Qualifizierung für eine Entfernung der Gesichtsbehaarung mittels Laser eine Diskriminierung oder einen Menschenrechtsverstoß ausmachen.

Insbesondere eine Bartentfernung scheint mir eher ein „Privatvergnügen“ zu sein. Eine Landtagsabgeordnete sollte sich das von ihren Bezüge auch finanzieren können. Wer sich eine Behandlung nicht leisten kann, kann sich evtl. statt mit einem Anspruch an den Staat auch mit einer Bitte an Verwandte oder an Hilfsorganisationen wenden.

Aus meiner Sicht – die als nicht unmittelbar Betroffener vielleicht nicht perfekt sein mag, die sich aber um andere Perspektiven und einen kritischen Blick für Missstände und persönliche Not bemüht – darf Frau Ganserer der Mensch sein, der sie ist. Der Staat akzeptiert sie. Er fördert sie vielleicht nicht in allen Belangen so, wie sie es gerne hätte. Das scheint es aber auch schon zu sein.

Bei mir ist das anders. Ich darf nicht der Mensch sein, der ich bin.

Das Schwerste: ich darf nicht lieben, wen ich möchte, auch dann nicht, wenn der von meiner Liebe Betroffene mich zurück liebt. Ausnahmen für Liebesbeziehungen sind schlicht nicht vorgesehen, selbst dann nicht, wenn sowohl Staatsanwaltschaft als auch Richter von ihnen ausgehen.

Ausweichversuche zur sexuellen Ersatzbefriedigung, ohne dadurch einen anderen Menschen unmittelbar zu beeinträchtigen, wie der Besitz von Pornographie sind umfassend kriminalisiert:

Seit 1993 steht der Besitz von realer Kinderpornographie unter Strafe, seit 1997 der Besitz von „wirklichkeitsnaher“ Kinderpornographie. 2008 kam die Aufwertung zu einer „schweren Straftat“, 2015 die Neuinterpretation von Posing-Bildern als Kinderpornographie, der neue Tatbestand der Jugendpornographie und die Lex Edathy (entgeltliches Erwerben von Darstellungen nackter Personen unter 18 Jahren).

Für viele Betroffene wäre der Besitz etwa von virtueller Kinderpornographie (Texten, Zeichungen, Computeranimationen, an der kein Kind mitgewirkt hat), oder der Besitz von Posing-Bildern (Bilder, die in der Regel unterhalb der Schwelle dessen liegen, was man etwa von einem Erotik-Kalender kennt) ein Notprogramm, um trotz gewaltiger Einschränkungen bei realen Kontakten, ein noch einigermaßen erträgliches Sexualleben zu haben.

Dieses Notprogramm ist unter hohen Strafandrohungen verboten.

Jenseits der bisherigen Grenzen der Kriminalisierung wird mit Dämonisierung von Pädos bereits für die nächsten Strafverschärfungen geworben. Auch normale Kinderfotos sollen Pädophile nicht besitzen dürfen. Die WDR Doku „Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht“ problematisiert etwa „das perfide System des Foto-Diebstahls und zeigt, wie schutzlos Kinder im Netz Beute von Pädophilen werden“.

Wenn ich mich outen würde, würde ich vermutlich körperlich angegriffen werden. Kein Pädophiler kann sich öffentlich outen und seiner körperlichen Unversehrheit noch sicher sein. Menschen, die für pädophil gehalten werden, werden krankenhausreif geschlagen oder gar lebensgefährlich verletzt. Auch Morde hat es bereits gegeben. Andere treibt die Bloßstellung als Pädo in den Suizid.

Gegen die hetzerische Darstellung von Pädophilen als Kinderschänder, die für diesen Hass und diese Gewalt verantwortlich ist, tut der Staat nichts.

Er befördert sie sogar noch – durch dediziert anti-pädophile Reportagen („Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht“), Unterhaltungssendungen und Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Medien oder durch die Agitation seiner politischen Vertreter, was zum Beispiel Ausdruck im aktuellen Koalitionsvertrag der 19. Wahlperiode gefunden hat, wo es heißt, man wollte „die Effektivität der Strafverfolgung pädophiler Täter, die im Netz Jagd auf Kinder machen, erhöhen“. Das Wort „pädophil“ ist dabei sachlich zweckfrei. Geht es darum, Kinder zu schützen, braucht man es nicht. Dann geht es um Kindesmissbrauch, nicht um Pädophilie.

Auf der Webseite des Bundesministerins für Gesundheit kann man unter der Überschrift „Es ist ok, so wie du bist.“ lesen, dass Therapien zur „Heilung“ von Homosexualität künftig verboten werden sollen. Unter dem Stichwort: „Warum sind sog. Konversionstherapien gefährlich?“ erfährt man:

Keine der bekannten Studien lässt den Schluss zu, dass die sexuelle Orientierung dauerhaft verändert werden kann. Wissenschaftlich nachgewiesen sind aber schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch solche „Therapien“ wie Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko. Nachgewiesen sind zudem Stigmatisierungs- und Diskriminierungseffekte auf Dritte in Form von Minderheitenstress.

Liest man weiter, dann stellt sich allerdings heraus, dass das Verbot nicht für Behandlungen bei Störungen der Sexualpräferenz (z.B. Exhibitionismus, Pädophilie) gilt.

Ich halte meine sexuelle Präferenz nicht für eine Störung, sondern für eine Orientierung. Wenn sich andere von ihr gestört fühlen, macht sie das noch nicht zu einer Störung. Sie verhält sich in jeder Hinsicht wie eine sexuelle Orientierung und die Dauerhaftigkeit und Unveränderbarkeit einer Pädophilie (oder Päderastie) ist längst anerkannt. Den Hinweis darauf, dass auch Homosexualität lange als Störung oder Krankheit galt, würde ich vielleicht löschen, wenn ich ihn mir verkneifen könnte. Kann ich aber nicht.

Vor den beschriebenen negativen Auswirkungen einer Konversionstherapie soll ich also ausdrücklich nicht geschützt werden.

Ein „Es ist OK, so wie du bist“ gilt aus Sicht des Staates nur für andere, nicht für mich.

Wenn ich sehe, wie unendlich weit Homosexuelle, Lesben und Transsexuelle heute gekommen sind und wo ich selbst stehe, wird mir ganz anders. Meistens gönne ich ihnen das Erreichte. Manchmal, so viel Ehrlichkeit lasse ich zu, bin ich neidisch. Aber auch in meinen neidischsten Momenten habe ich nichts dagegen, wenn dort weitere Fortschritte gelingen.

Die Klagen von Frau Ganserer wirken auf mich dennoch wie ein Jammern auf unendlich hohem Niveau von jemanden, der es vielleicht auch noch schwer hatte und manchmal schwer hat, der aber im Vergleich zu mir in einer unglaublich privilegierten Situation ist.

Traurig macht mich, dass es anscheinend nicht einmal Homosexuelle, Lesben und Transsexuelle gibt, die meinen, dass sich für mich etwas positiv verändern sollte.

Oder einfach, dass es OK ist, wie ich bin.

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