Beschwerde bei der Fernsehredaktion der Tagesschau

Heute wurde das Gesetz verabschiedet mit dem unter anderem die Strafbarkeit des untauglichen Versuchs eines durch Informations- oder Kommunikationstechnologie initiierten versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern beschlossen wurde. Also die Erweiterung der Strafbarkeit von Cybergrooming auf Fälle, bei denen der Chatpartner kein Kind war, sondern z.B. ein Ermittlungsbeamter.

Gegen diesen Teil des Gesetzespakets haben lediglich die Fraktionen der FDP, der LINKEN und der Grünen positionert, die sich bei der Abstimmung dann deshalb auch enthalten haben. Da das Abstimmungsverhaltuen und die Begründung vielleicht für den einen oder anderen auch Konsequenzen für das künftige Wahlverhalten haben könnte, bier die Stellungnahmen der genannten Fraktionen. Die Stellungnahmen von CDU/CSU, SPD und AfD sind über den Link am Ende des Zitats erreichbar.

Die Fraktion der FDP bedauerte, dass die Versuchsstrafbarkeit von Cybergrooming und die Erweiterung der Ermittlungsbefugnisse auf diesem Gebiet in einem Regelungspaket zusammengefasst worden seien. Gegen die Herstellung und Verbreitung computergeneriertem kinderpornographischen Materials durch Ermittler als ultima ratio sei auch unter Berücksichtigung der betroffenen Rechtsgüter und des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit kaum etwas einzuwenden. Inwieweit sich die Regelungen für die Eilfälle in der Praxis bewährten, sei abzuwarten. Etwas anderes gelte jedoch für die Strafbarkeit des untauglichen Versuchs des Cybergrooming. Es würden insoweit tragende Grundsätze des Strafrechts in Frage gestellt. Die Kontaktaufnahme mit einem Polizeibeamten in einer solchen Situation führe noch nicht zu einer Rechtsgutverletzung. Zudem sei zu befürchten, dass diese Regelung in der Praxis wenig Anwendung finden werde, da regelmäßig der Versuch des Cybergrooming einen Anfangsverdacht für weitere wohl im Regelfall erfolgreiche Ermittlungen darstelle, so dass dann der Versuch des Cybergrooming als Nebentat gemäß § 154 Strafprozessordnung eingestellt werde.

Die Fraktion DIE LINKE betonte die gemeinsame Haltung im Ausschuss, dass Kinder eines besonderen Schutzes vor sexuellem Missbrauch und den damit verbundenen Folgeschäden bedürften. Problematisch sei jedoch, dass mit dem Gesetzentwurf die Versuchsstrafbarkeit so weit ausgedehnt werde, dass diese sich in einen Bereich erstrecke, bei dem man von einem Gesinnungsstrafrecht sprechen könne. In der öffentlichen Anhörung sei deutlich geworden, dass die Versuchsstrafbarkeit von den Praktikern insbesondere deshalb begrüßt worden sei, weilsie sich dadurch die Ermöglichung weiterer Ermittlungsmaßnahmen erhofften. Dies sei jedoch kein Argument für die Einführung einer Strafnorm. Die Fraktion DIE LINKE. spreche sich daher dafür aus, in diesem Zusammenhang auf das polizeiliche Gefahrenabwehrrecht abzustellen, das auch die Durchführung von Wohnungsdurchsuchungen und Telekommunikationsüberwachungen ermögliche. Die Schaffung einer Möglichkeit für die Ermittlungsbehörden, computergeneriertes kinderpornographisches Material herzustellen und zu verbreiten, sei wichtig, um einen Zugang zu den entsprechenden Tätern zu erhalten. Inwieweit sich solches Material tatsächlich herstellen lasse und inwieweit die entsprechenden Täter nun gewarnt seien, müsse sich in der Praxis zeigen.

Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erklärte, dass sie das Regelungspaket auch im Austausch mit den für den Themenbereich Kinderschutz zuständigen Kolleginnen und Kollegen sehr intensiv diskutiert habe. Die Diskussion sei dadurch geprägt, dass in rechtlicher Hinsicht teilweise Zweifel an den Regelungen bestünden, gleichzeitig aber alle von dem Interesse angetrieben seien, wirksam gegen den Missbrauch von Kindern vorzugehen. Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN habe die öffentliche Anhörung deutlich gezeigt, dass die Vorverlagerung des Straftatbestandes nicht die Lösung sein könne. Es habe nicht dargelegt werden können, dass es insoweit keine anderen tauglichen Ermittlungsinstrumente und Möglichkeiten gebe. Statt hier – im Widerspruch zur Strafrechtssystematik – die Strafbarkeit vorzuverlagern, sollten vielmehr die bestehenden Ermittlungsinstrumente genutzt werden. Zustimmungsfähig sei hingegen – insbesondere nach der öffentlichen Anhörung und den in diesem Rahmen seitens der Praktiker geäußerten Wünsche – die Regelung zu computergeneriertem kinderpornographischen Material. Es gelte weiterhin der Grundsatz, dass der Staat selbst keine Straftaten begehen solle, um andere Straftaten aufzuklären. Man wolle sich jedoch diesem Ansatz nicht in den Weg stellen, wenn Experten der Meinung seien, dass dieser zu signifikanten Fortschritten führen werde. Gleichzeitig erinnerte die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN daran, dass die öffentliche Anhörung auch ergeben habe, dass viele der Täter in diesem Bereich Jugendliche seien. Hiermit müsse man sich noch einmal auseinandersetzen, so dass nicht davon ausgegangen werden könne, dass das Thema mit diesem Regelungspaket abschließend geregelt sein werde.

Drucksache 19/16543 – Beschlussempfehlung und Berichtdes Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz (6. Ausschuss)

Über die Änderung berichtete auch (gleich im ersten Bericht der Sendung) die Tagesschau:

Diese Berichterstattung hat mich so aufgeregt, dass ich mich zu einer Beschwerde bei der Fernsehredaktion der Tagesschau entschlossen habe. Hier der Text dazu, der weite Teile meines Artikels Volksverhetzung gegen Pädophile aufgreift.

Von der Beschwerde verspreche ich mir erstmal hertlich wenig. Falls keine Reaktion kommt, schiebe ich allerdings zumindest noch eine Programmbeschwerde über das Bürgerportal der Landesmedienanstalten hinterher, wenn das nicht bringt, geht es weiter zum Rundfunkrat des NDR (der für die Tagesschau verantwortlich ist). Auch von diesen Schritten verspreche ich mir allerdings ehrlich gesagt nichts. Aber vielleicht werde ich ja positiv überrascht.


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe gerade die heutige 20:00 Uhr Ausgabe der Tagesschau gesehen, bei der über die aktuelle Gesetzesänderung zum Cybergrooming berichtet wurde.

Konkret: „Deshalb beschließt das Parlament mit den Stimmen von Unio, SPD und AfD: Pädophile machen sich künftig auch dann schon strafbar, wenn sie sich einem als Kind oder Jugendlichen getarnten polizeilichen Ermittler annähern. Es muss also kein wirkliches Kind betroffen sein.“

Zunächst einmal ist diese Darstellung ist sachlich irreführend, da die sexuelle Orientierung des Täters in dem Gesetz keine Rolle spielt.

Auch die Anmoderation des Abschnitts im Parlament ist irreführend. „Seit Jahren wächst die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Opfer gezielter sexueller Kontaktanbahnung durch Erwachsene im Internet werden.“

Hier wird suggeriert, dass das Phänomen Cybergrooming sich auf erwachsene Täter beschränkt. Lt. Polizeilicher Kriminalstatistik 2018 (Übersicht Tatverdächtigentabellen, Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht) waren bei „Cyber-Grooming“ und „Einwirken auf ein Kind durch Vorzeigen von Pornografie“ 39,98 % der Tatverdächtigen selbst minderjährig. Die Dunkelziffer dürfte dabei aufgrund der deutlich geringeren Anzeigebereitschaft gegenüber Kindern und Jugendlichen gewaltig sein. Auch dieser Personenkreis ist von der Gesetzesverschärfung betroffen. Viele der minderjährigen Täter sind auch strafmündig.

In Ihrer Berichterstattung wird das Thema komplett auf Pädophile verengt. Tatsächlich ist nur eine Minderheit der Täter, die Sexualstraftaten an Kindern begeht pädophil. Lt. Abschnitt „Tätertypologie“ des Artikels Sexueller Missbrauch von Kindern der deutschen Wikipedia: „Davon gehen nach vorsichtigen Schätzungen etwa 90 % der sexuellen Missbrauchsfälle auf sogenannte regressive Täter zurück, deren primäre sexuelle Präferenz auf Erwachsene gerichtet ist.“

Die Gleichsetzung Pädophiler = Kindesmissbraucher und Kindesmissbraucher = Pädophiler ist grundfalsch. Durch diese Gleichsetzung, der sie mit ihrer Berichterstattung Vorschub leisten, tragen Sie dazu bei, dass Pädophile aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und unabhängig von ihrem Verhalten gesellschaftlich geächtet werden.

Die MiKADO Studie (Missbrauch von Kindern: Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer) berichtet, dass in einer anonymen Umfrage 49% der Befragten für eine präventive Inhaftierung von Nicht-Tätern mit sexuellem Interesse an Kindern plädierten. 27% wünschten diesen den Tod.

Wenn jemand als (vermeintlich) pädophil geoutet wird, führt dies zu Fällen von Selbstjustiz:

Im Juni 2018 wurde in einem Beitrag von RTL im Mittagsjournal „Punkt 12“ über einen angeblich pädophilen Mann in Bremen berichtet. Einige Zuschauer der Sendung meinten, in dem Beitrag den Wohnort des Mannes erkannt zu haben. Eine Gruppe von etwa zehn Personen versammelte sich daraufhin an dem Mehrfamilienhaus in Bremen-Nord, drang in die Wohnung eines 50 Jahre alten Mannes ein und verprügelte diesen so brutal, dass er zeitweilig in Lebensgefahr schwebte. In Wirklichkeit hatte der 50-Jährige nichts mit dem von RTL gezeigten Verdächtigen zu tun.

In Eschweiler wurde im August 2015 ein 29-jähriger vermeintlicher Pädophiler (Christian L.) von den Eltern eines 12jährigen Mädchens ermordet, nachdem er über FaceBook Kontakt mit der Tochter aufgenommen hatte. Ursächlich war wohl ein Missverständnis. Die Tochter war bei FaceBook 22 Jahre alt. Ihre Eltern hatten sie bei der Einrichtung des Accounts zehn Jahre älter gemacht. Die Nachrichten waren im Grunde belangos – ein „Wie geht’s Dir“ und etwas später noch ein „Guten Abend“. Als das Mädchen bzw. die vermeintliche junge Frau nicht reagierte, beließ es Christian L. dabei. Der Kontakt reichte den Eltern aber, um Christian L. für einen Pädophilen zu halten, ihn in eine Falle zu locken und dann umzubringen.

Im Juli 2015 wurde ein 50-jähriger Mann in Freising beim Spaziergang mit seiner 10jährigen Tochter von drei Männern im Alter von 18 bis 23 Jahren und einer Anwohnerin verfolgt, als Pädophiler beschimpft und schließlich verprügelt. Der Mann musste deshalb ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

In den drei genannten Fällen, waren die Opfer völlig unschuldig und darüber hinaus nicht einmal pädophil. Es gibt aber natürlich auch unschuldige Pädophile, die sich nichts zu schulden kommen ließen, die verfolgt werden.

Betroffen sind aber auch Menschen, die tatsächlich Kinder belästigen und deshalb für pädophil gehalten werden (es aber nicht notwendigerweise sind – bei der Mehrzahl der Täter handelt es sich um Ersatztäter) und in eine Falle gelockt werden.

In Großbritannien etwa gibt es private Pädophilen-Jäger, die echte und vermeintliche Pädophile in die Falle locken, sie vor laufender Kamera konfrontieren, das Video mit voller Namesnennung im Netz verbreiten und dann die Polizei informieren. Die BBC hat ermittelt, dass sich in den letzten sechs Jahren mindestens acht Männer in Großbritannien selbst getötet haben, nachdem sie von selbsternannten Pädo-Jägern als Kinderschänder geoutet wurden.

Pädophilie ist so schlecht angesehen, dass ein Pädophiler sich nicht als pädophil outen kann, ohne deshalb Angst vor einem Lynchmob haben zu müssen.

Diese Ächtung ist menschengemacht. Sie ist das Ergebnis von Volksverhetzung. Definiert ist Volksverhetzung in § 130 Abs. 1 StGB:

Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder

2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Ich als Betroffener pädophiler Mensch fühle mich durch Ihre Berichterstattung böswillig verächtlich gemacht.

Es gibt bereits Fälle, in denen Menschen wegen Volksverhetzung gegenüber Pädophilen verurteilt wurden.

Der ehemalige NPD-Landtagsabgeordnete David Petereit wurde zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro wegen Volksverhetzung verurteilt. Er hatte über einen von ihm betriebenen Onlinehandel eine rechtsextreme Musik-CD angeboten auf der mit Texten wie „Krieg den Pädophilen, stirb, stirb, stirb, keiner wird überleben“ zu Hass und Gewalt gegen Menschen mit pädophilen Neigungen aufgerufen wird.

Einen Gewaltaufruf stellt ihre Berichterstattung sicherlich nicht dar. Aber der Begriff der Volksverhetzung beschränkt sich nicht auf Gewaltaufrufe, sondern erfasst auch die böswillige Verächtlichmachung.

Vor böswilliger Verächtlichmachung geschützt sind neben den ausdrücklich genannten nationalen, rassischen, religiösen und ethnischen Gruppen auch „Teile der Bevölkerung“ also zahlenmäßig nicht unerhebliche Personenmehrheiten, die auf Grund gemeinsamer äußerer oder innerer Merkmale als unterscheidbarer Teil von der Gesamtheit der Bevölkerung abgrenzbar sind. Für die Frage der Unterscheidbarkeit ist es dabei übrigens auch irrelevant, ob man Pädophile psychische Störung oder als sexuelle Orientierung einstuft.

Lt. Einschätzung von „Kein Täter werden“ sind geschätzt ca. 250.000 bis 300.000 Männer von Pädophilie betroffenen. Das ist sicher keine unerhebliche Gruppe mehr. In der Vergangenheit wurden zum Beispiel die Sinti und Roma als hinreichend bestimmter und ausreichend großer Bevölkerungsteil angesehen. Es gibt in Deutschland etwa 120.000 Sinti und Roma. Die Hürde einer hinreichend großen Gruppe ist also sicherlich genommen.

Die herrschende Meinung sieht den öffentlichen Frieden als bestimmendes Rechtsgut des § 130 an. Der öffentliche Friede ist dabei nach herrschender Meinung ein objektiver Zustand allgemeiner Rechtssicherheit und das subjektive Bewusstsein der Bevölkerung in Ruhe und Frieden zu leben. Gestört ist der Friede danach, wenn eine allgemeine Beunruhigung der Bevölkerung innerhalb der Bundesrepublik Deutschland, mindestens aber unter einer nicht unbeträchtlichen Personenanteil im Sinne von § 130, Absatz 1 eintritt. (siehe Fischer, Kommentar zum Strafgesetzbuch, S. 970, Randnummer 3).

§ 130 setzt voraus, dass eine Tat in einer Art und Weise begangen wird, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören. Es genügt eine nach Inhalt, Art, Ort oder anderen Umständen konkrete Eignung. Der öffentliche Friede braucht weder gestört, noch konkret gefährdet zu sein, da die Tat ein abstraktes Gefährdungsdelikt ist. Nach herrschender Meinung ist tatbestandlicher Erfolg des §130, Absatz 1, das Vertrauen in die Rechtssicherheit zu erschüttern. Dabei kommt es auf eine „Gesamtwürdigung“ von Art, Inhalt, Form , Umfeld der Äußerung, „Stimmungslage“ der Bevölkerung und politischer Situation an. Nach BGH Rechtsprechung muss die Eignung „konkret, wenn auch auf Grund generalisierender Betrachtung“ festgestellt sein. Es müssen „berechtigte – mithin konkrete – Gründe für die Befürchtung vorliegen, der Angriff werde das Vertrauen in die öffentliche Rechtssicherheit erschüttern.“ (siehe Fischer, Kommentar zum Strafgesetzbuch, S. 1011, Randnummer 13/13a).

Während direkte Gewaltaufrufe (wie im Fall des NPD Abgeordneten Petereit) gegen Pädophile eher selten sind, ist es typisch und weit verbreitet, dass Pädophile als Raubtiere und Kinderschänder dargestellt werden. Nebenbei wird gerne mal dazu aufgerufen, Pädophile zu brandmarken. Etwas, das man bekanntlich mit Tieren macht. Folge ist die grundsätzliche Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung gegenüber Pädophilen, die zu den von mir angeführten Fällen von Selbstjustiz gegen echte und vermeintliche Pädophile führten.

Wegen diesem Klima von Gewalt und Willkür ist eine Störung des öffentlichen Friedens meiner Einschätzung nach nicht lediglich abstrakt gefährdet, die Störung ist bereits verwirklicht. Offen als pädophiler Mensch bekannt sein und trotzdem in Ruhe und Frieden zu leben. Das wäre ein Traum. Stattdessen leben Pädophile in ständiger Angst, als pädophil entdeckt zu werden. Kein Pädophiler, der seine sieben Sinne zusammen hat, würde sich freiwillig outen. Dass dies auch tatsächlich nur unter erheblichen Risiken möglich ist, zeigen die nachweisbaren Fälle von Selbstjustiz an Personen, die einer pädophilen Neigung verdächtigt werden.

Viel relevanter als Punkt 1 des § 130, der Hetze und Aufrufe zur Gewalt verbietet, erscheint mir daher Punkt 2, der verbietet, die Menschenwürde anderer dadurch anzugreifen, dass ein Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet wird.

Verleumden ist das Aufstellen oder Verbreiten wissentlich falscher Tatsachenbehauptungen, die das Ansehen des Bevölkerungsteils herabsetzen. Beschimpfen ist eine nach Inhalt oder Form besonders herabsetzende Kundgabe der Missachtung. Böswillige Verächtlichmachung ist die aus verwerflichen Beweggründen erfolgende Darstellung anderer als verachtenswert, minderwertig oder unwürdig. (siehe Fischer, Kommentar zum Strafgesetzbuch, S. 1010, Randnummer 11).

Wenn Sie Pädophile mit Kinderschändern gleichsetzen ist das eine falsche Tatsachenbehauptung. Es gibt viele Pädophile gibt, die nie straffällig werden und es gibt zahlreiche nicht-pädophile „Gelegenheitstäter“, die Kinder sexuell missbrauchen. In einer professionellen, breit aufgestellten Redaktion wie bei der Tagesschau muss es aufgrund der medialen Präsenz von Projekten wie „Kein Täter werden“ in den letzten Jahren inzwischen auch längst bekannt sein, dass die Gleichsetzung sachlich falsch ist. Es handelt sich also um eine wissentlich falsche Tatsachenbehauptung.

Würde man Homosexuelle mit Kinderschändern gleichsetzen, wäre jeden sofort klar sein, dass es sich dabei nicht nur um eine wissentlich falsche Tatsachenbehauptung handelt, sondern auch um eine böswillige Verächtlichmachung. Warum sollte für einen Pädophilen etwas anderes gelten?

Beschimpft, böswillig verächtlich gemacht und verleumdet werden Pädophile als Gruppe ständig. Wesentlich ist aber auch noch die Antwort auf die Frage, ob dabei auch ihre Menschenwürde angegriffen wird.

Aus meiner persönlichen, als Betroffenen natürlich auch stark subjektiven Sicht, ist das der Fall. Ich fühle mich persönlich in meinem Kern angegriffen und herabgewürdigt. Ich sitze hier gerade vor meinem Rechner, schreibe diese Zeilen und mir laufen dabei die Tränen über die Wangen.

Aber wenn wir einmal meinen persönlichen Gefüheln absehen: bei einer „angesehenen“ Minderheiten, wie den Homosexuellen reichte es vor kurzem aus, dass der AfD-Politiker Kay Nerstheimer auf FaceBook Schwule und Lesben als „genetisch degeneriert“, „widernatürlich“, „unnormal“ oder als Fehler der Natur bezeichnet hatte. Er wurde deshalb im Februar 2018 in erster Instanz zu 7.000 Euro Strafe verurteilt. In zweiter Instanz wurde die Strafe im April 2019 auf 5.000 Euro reduziert. Nerstheimer will in Revision gehen.

Wenn die sexuelle Orientierung etwa von Schwulen zum Kern ihrer Menschenwürde gehört, dann gilt das für jeden Menschen, nicht nur für anerkannte Minderheiten wie Schwule, Lesben oder Transsexuelle, sondern eben auch für Pädophile.

In Ihren Programmgrundsätzen steht: „Die Rundfunkprogramme haben die Würde des Menschen sowie die sittlichen, religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen anderer zu achten. Sie sollen die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland sowie die internationale Verständigung fördern und auf ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken.“

In den allgemeinen Grundsätzen des Rundfunkstaatsvertrags steht: „Die in der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), das Deutschlandradio und alle Veranstalter bundesweit verbreiteter Rundfunkprogramme haben in ihren Angeboten die Würde des Menschen zu achten und zu schützen; die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten. Die Angebote sollen dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinungen anderer zu stärken.“

Ihre Beirichtererstattung befördert die sachlich falsche Gleichsetzung Gleichsetzung von Pädophilen mit Sexualstraftätern. Sie verletzt damit meine Menschenwürde und die Menschenwürde jedes anderen Pädophilen. Diese Gleichsetzung führt auch dazu, dass ich diskriminiert werde. Wüsste jemand, dass ich pädophil bin, dann bestünde ein erhebliches Risiko, dass ich deshalb meinen Arbeitsplatz und meine Wohnung verliere. Wenn ich mich auf der Straße als pädophil veranlagter Mensch zu erkennen geben würde, wäre meine körperliche körperliche Unversehrtheit nicht mehr gewährleistet.

Die Gleichsetzung schadet darüber hinaus dem Kinderschutz.

Die Stigmatisierung einer sexuellen Orientierung ist ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen. Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis, das man auf Dauer nicht unterdrücken kann. Der Versuch ist nicht einmal sinnvoll, da er letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Es kann also nicht um Unterdrückung gehen, sondern um Kontrolle. Durch Stigmatisierung wird kein Pädophiler „geheilt“. Er ist stigmatisiert noch genauso pädophil wie ohne Stigmatisierung. Die Stigmatisierung und gesellschaftliche Ächtung gefährdet aber seine emotionale Stabilität und zwingt ihn, seine Neigung zu verheimlichen und vor der Welt zu verstecken. Dies wiederum entzieht ihn der sozialen Kontrolle.

Auch die Therapeuten des dediziert präventiv angelegten Projekts „Kein Täter werden“ behandeln ihre Teilnehmer nicht mit dem Ziel, sie von ihrer Pädophilie zu heilen, da sie wissen, dass das gar nicht möglich ist. Sie behandeln stattdessen darauf, dass der Pädophile lernt seine Neigung zu akzeptieren und zu kontrollieren. Wer sich akzeptiert ist emotional stabil und damit zu besserer Kontrolle fähig. Hinzu kommt, wenn sich der Betroffene outen kann, die soziale Kontrolle durch die Umwelt. Dieser präventive Ansatz wird durch die von Ihnen durch Ihre Berichterstattung geförderte Fehlvorstellung vom Pädophilen als Kinderschänder, der zur gesellschaftlichen Ächtung nur aufgrund der Neigung führt, konterkariert.

Ich bitte um Stellungnahme und insbesondere um Auskunft, ob die Bereitschaft besteht in ihrer künftigen Berichterstattung auf ähnliche Gleichsetzungen zu verzichten.

Mit freundlichen Grüßen

Schneeschnuppe

6 Kommentare zu „Beschwerde bei der Fernsehredaktion der Tagesschau

  1. http://www.bundestag.de:

    Mit der Mehrheit des Hauses hat der Bundestag am Freitag, 17. Januar 2020, einen Gesetzentwurf der Bundesregierung zugestimmt, durch den der Versuch des Cybergroomings, also des gezielten Ansprechens von Kindern im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte, künftig strafbar sein soll.
    Für die entsprechende Änderung des Strafgesetzbuchs (19/13836) votierten in dritter Beratung die Fraktionen von CDU/CSU, SPD und AfD. D i e ü b r i g e n d r e i F r a k t i o n e n e n t h i e l t e n s i c h . Der Abstimmung zugrunde lag eine Beschlussempfehlung des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz (19/16543).

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