Lil‘ Chris … und das Thema Suizid

Ich habe mal wieder nach einem netten Musikclip für meinen Blog gesucht und wurde auch prompt fündig: „Checkin‘ It Out“ von Lil‘ Chris.

Ich wollte – wie ich das so zu machen pflege – auch ein wenig zum Sänger schreiben. Also Internetrecherche …

Christopher James Hardman, mit Künstlername Lil‘ Chris, war 15 als er bekannt wurde. Er hatte in der zweiten (und letzten) Staffel der britischen Reality TV Serie Rock School mitgespielt, in der Gene Simmons (Bassist und Sänger der Hard-Rock-Band Kiss) Schüler zu einer Rock Band formt. Zum Abschluss performte die Schülerband dann auf einem Live Konzert als Vorband von Judas Priest, Rob Zombie und Anthrax.

Unmittelbar nach dem Konzert erhielt Chris einen Plattenvertrag als Solo-Künstler. Seine Debüt Single „Checkin‘ It Out“ erreichte 2006 Platz drei der britischen Charts. Sein Debut-Album „What’s It All About“ erschien 2008. Er tourte, spielte eine Hauptrolle in einem Musical, trat im Fernsehen als Moderator und Schauspieler auf. Kurz: er war Star geworden.

Im Oktober 2013 kündigte Chris sein zweites Album an. Die erste vorab veröffentlichte Single wurde aber ein Fehlschlag und konnte sich nicht in den Charts platzieren.

Chris schrieb weiter an Songs und arbeitete mit einem Produzenten an einer geplanten EP, er fiel aber wegen des Karriereknicks in ein Loch und litt unter Depressionen. Im April 2014 schrieb er auf Twitter: „Ich hoffe, eines Tages einen Ausweg aus der Depression zu finden, der nicht bedeutet, mir das Leben zu nehmen. Die Heilung.“

Im Oktober 2014: „Depression ist wirklich scheiße. Zu lernen, wie man sie erkennt, kann manchmal Leben und deine Gefühle retten. Nimm dir Zeit sie zu verstehen. Für alle.“ Am 03. März 2015: „Denke darüber nach für immer mit der Musik aufzuhören … es muss irgendwann die Zeit kommen, dass ich mich der Realität stellen muss. Ich bin einfach nicht gut genug.“

Am 23. März 2015 hat er sich erhängt. Er wurde 24 Jahre alt.

Ich schreibe viel lieber über Erfolge oder die Aussicht auf eine große Zukunft für den jungen Interpreten. Aber die Realität ist nicht immer, wie man sie sich wünscht. Wie das Leben im Allgemeinen geht auch das Leben eines Musikers nicht immer gut. Mir scheint, sie haben Chancen auf besonders intensive, rauschhafte Glücksmomente, sind aber auch anfällig, wenn es schlecht läuft.

Hat die Musik Lil‘ Chris auf dem Gewissen? Wie es ihm ohne seine Musik ergangen wäre, kann man nicht wissen. Es macht mich traurig, dass er keinen Ausweg gesehen hat und diesen Weg wählte.

Autobiographisches

Ich habe auch selbst einige Jahre lang jeden Tag an Suizid gedacht.

Wenn ich auf dem Weg zur Schule an einem Kirchturm vorbeikam, stellte ich mir vor, wie es wäre, von dort in den Tod zu stürzen. Oder auf dem Randstein eines Bürgersteigs zu balancieren, um ‚versehentlich‘ in ein entgegenkommendes Auto zu stürzen.

Ich weiß nicht wirklich, ob es am Ende vor allem der Selbsterhaltungstrieb war, der mich davor bewahrt hat. Es spielte wohl auch eine Rolle, dass ich meine Familie nicht verletzen wollte und auch keinem Autofahrer das Trauma zumuten wollte, jemanden zu überfahren oder einem Spaziergänger, dass jemand neben ihm auf den Bürgersteig knallt und vor seinen Füßen zerplatzt. Ich finde, dass man das niemandem zumuten sollte, schon nicht Fremden aber erst recht nicht den Menschen, die man liebt.

Für mein Unglück und meinen Todeswunsch gab es mehrere miteinander verbundene Gründe.

Ich war damals unglücklich verliebt und habe mich nicht getraut, den Jungen auch nur anzusprechen. Verliebt sein ist wie eine temporäre Geisteskrankheit, die aber glücklich macht. Unglücklich verliebt sein, bedeutet, Tantalusqualen zu erleiden. In der Sage verbannten die Götter Tantalos in die Hölle und peinigten ihn dort mit ewigen Qualen, den sprichwörtlich gewordenen „Tantalosqualen“. Früchte und Wasser sind ihm greifbar nah, bleiben aber unerreichbar. So wie bei meiner unglücklichen Liebe, der Junge, den ich sehen konnte und nach dem ich mich aus der Ferne verzehrte.

Bei Tantalos gesellte sich zu Hunger und Durst die ständige Angst um sein Leben, da über Tantalos’ Haupt ein mächtiger Felsbrocken schwebte, der jeden Moment herabzustürzen und ihn zu erschlagen drohte. Der Felsblock, der mich zu erschlagen drohte, war die Furcht vor der Entdeckung meiner sexuellen Orientierung. Härter als die allgemeine Verachtung der Gesellschaft für Pädophile war die Angst, von Menschen, die ich liebe, nicht mehr geliebt zu werden, wenn sie erfahren, wer ich wirklich bin.

Schließlich war da noch die Trauer um eine Zukunft, die ich verloren hatte. Ein gemeinsames Leben mit einem Partner, eine Heirat, Kinder. Es gibt natürlich auch Pädos, die verheiratet sind. Für mich kam das aber nicht in Frage. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas glücklich endet und wäre nicht bereit gewesen, mir selbst und einer Frau so etwas zuzumuten.

Warum lebe ich noch?

Unmittelbar liegt es wohl am Selbsterhaltungstrieb und daran, dass ich meinen Tod niemand anderem zumuten wollte.

Aber ich habe die Selbstmordgedanken auch irgendwann überwunden.

Ich habe mich etwas stabilisiert, als ich die Schule beendet habe und den Jungen, in den ich mich aus der Ferne verliebt hatte, nicht mehr täglich sehen musste. Die Qualen unerfüllter Liebe gehen nämlich langsam zurück, wenn man den Menschen, in den man sich verknallt hat, lange genug nicht sieht. Ich hatte aber sehr lange Angst davor, mich noch einmal zu verlieben. Natürlich sehne ich mich nach Liebe. Aber ich wollte nicht noch einmal so leiden. Heute ist die Angst stark abgeschwächt. Ganz verschwunden ist sie nicht.

Es half mir als ich im Internet ein englischsprachiges Forum fand, in dem sich Betroffene austauschen können. Das Forum existiert noch heute: Boychat. Es gibt auch andere, auch deutschsprachige Angebote, die man über Boylinks finden kann. Wenn man mit niemandem über seine Gefühle sprechen kann, ist es Balsam auf die Seele, es dann auf einmal doch zu können.

Es tat mir auch gut, als ich das erste mal eine eigene Wohnung hatte und mir dort die Freiheit herausnahm, das Bild es Jungen an die Wand zu hängen. Durchaus mit der Idee es abzunehmen, wenn Besuch kommt. Aber trotzdem war es für mich eine Befreiung, nicht mehr auf meine innersten Gedanken beschränkt zu sein und wenigstens meine eigenen vier Wände für mich erobert zu haben.

Ein sehr großer Stein ist von meinem Herzen gerollt, als ich mich einigen Mitgliedern meiner Familie gegenüber geoutet habe. Der allerengste Familienkreis weiß heute Bescheid – und keiner hat mich verstoßen.

So glücklich muss es nicht immer laufen. Jemandem, der weiß, das die Person, der man sich öffnen möchte, stark homophob ist, würde ich davon abraten sich zu outen. Jedenfalls zumindest so lange man finanziell abhängig ist (also z.B. bis man sein Studium abgeschlossen hat oder einen Beruf ergriffen hat). Und auch sonst ist es eine schwierige Sache. Man kann es ja nicht zurück nehmen.

Es ist ein Sprung in den Abgrund. Aber wenigstens ist es ein Abgrund, bei dem man nicht tot ist, wenn man auf dem Boden aufschlägt. Es gibt eine gute Chance, dass man von den Menschen, die einen lieben, aufgefangen wird. Und wenn einem ein Zentner von der Seele gerollt wird, kann man auf einmal fliegen!

Trotz diesen Dingen, die mir geholfen haben, blieb ich viele Jahre depressiv. Es klatscht nicht einfach jemand in die Hände und die Seele ist geheilt. Ich war ein paar Jahre suizidal, danach stark depressiv und mit der Zeit etwas weniger stark depressiv. Ich habe mich vor allem lange in die Arbeit geflüchtet. Das habe ich inzwischen überwunden. Heute geht es mir meist recht gut. Es gibt immer noch schwarze Momente aber auch genug schöne, die das Leben lebenswert machen.

Was kann man machen, wenn es keinen Ausweg gibt?

Es ist normal, wenn man als Pädophiler schon mal an Selbstmord gedacht hat. Ich würde es sogar etwas merkwürdig finden, wenn man als Pädo noch nie davon betroffen war.

Aber es ist kein Naturgesetz, dass das Leben so verzweifelt bleibt, wie es sich in den dunkelsten Stunden anfühlt. Das Leben als Pädo bleibt schwierig. Aber es ist trotzdem auch immer wieder schön, wenn man ihm eine Chance gibt.

Ich lese relativ viel auf Nachrichtenseiten. Eine davon ist Spiegel Online. Einer der Gründe, warum mir diese Seite sympathisch ist, ist dass bei Artikeln, in denen es um Depression oder Selbstmord geht, stets einen Link zu einer Seite mit Hilfsangeboten gibt.

Hier finden Sie Hilfe in scheinbar ausweglosen Situationen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Wenn Ihre Gedanken kreisen und Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein, müssen es aber nicht. Es kann für Sie schwer sein, ausgerechnet über dieses Thema mit Menschen zu sprechen, die Ihnen nahe stehen.

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Wir stellen Ihnen die wichtigsten vor.

[Es folgt eine Liste mit verschiedensten Hilfsangeboten]

Quelle: Suizid-Seite von Spiegel Online

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