Das Heil auf der anderen Seite der Autobahn

Gedanken über den Sinn des Lebens gibt es wohl, seit es Menschen gibt.

Ich wünsche mir ein erfülltes, sinnvolles Leben. Für mich gehört dazu, dass es mir selbst und den Menschen, die ich liebe (Familie, Freunden) gut geht. Dass ich nützlich bin und etwas Positives beitrage. Es gehört auch dazu, romantisch, sexuell, partnerschaftlich zu lieben und geliebt zu werden. Jemanden glücklich zu machen und jemand zu haben, der mich glücklich macht.

In Teilen ist das möglich, aber bedingt durch meine sexuelle Orientierung, gibt es ein ziemlich großes Loch in meinem Leben, soweit es das Romantische, Sexuelle und Partnerschaftliche angeht. Pädophil oder päderastisch veranlagt zu sein, ist mit enormen Einschränkungen hinsichtlich des Sexual- und Beziehungslebens verbunden.

Ich halte es für ziemlich normal, dass man sich danach sehnt, Sex mit einem anderen, begehrten Menschen zu haben, oder dass man gerne nachts mit jemanden ins Bett gehen möchte, um morgens wieder neben ihm aufzuwachen. Diese völlig normalen Wünsche sind für einen pädophil oder päderastisch veranlagten Menschen quasi-unerreichbar. Das liegt nicht an den Umständen an sich, sondern vor allem an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wer sich noch daran erinnert, wie es war, 12 oder 13 zu sein, wird sich höchst wahrscheinlich daran erinnern, dass er in dem Alter bereits sexuell interessiert war und vielleicht auch konkrete Beziehungswünsche hatte. Schon aus eigener Anschauung, muss es also (eigentlich) für jeden nachvollziehbar sein, dass z.B. pubertierende Jungen durchaus auch an Frauen sexuell interessiert sind und nicht nur an gleichaltrigen Mädchen. Analog sind schwule oder bisexuelle pubertierende Jungen durchaus auch an Männern interessiert und nicht nur an gleichaltrigen Jungen.

Einen interessierten und willigen Partner zu finden, mag zwar nicht einfach sein, aber es erscheint keineswegs unmöglich.

Doch selbst wenn Topf und Deckel magisch zusammenfinden: über jeder Beziehung zwischen einem Mann und einem Jungen schwebt das Damoklesschwert der gesellschaftlichen Ächtung und der strafrechtlichen Verfolgung. Die Beziehung ist darüber hinaus von einem Schweigefluch belastet. Eine Aufdeckung bedeutet das sofortige Ende der Beziehung. Es drohen empfindliche Haftstrafen für den Mann und eine Traumatisierung durch die Reaktion Dritter (Eltern, Polizei, Justiz, Therapeuten) für den Jungen.

In dem Song Be Alright von Dean Lewis kommen die tröstend gemeinten Worte „they can’t steal the love you’re born to find“ vor. Will heißen: „Sie können nicht die Liebe stehen, die zu finden du geboren wurdest.“

Das mag für andere Menschen passen. Für mich fühlt es sich so an, als hätte mir jemand die Liebe gestohlen, die für mich bestimmt war. Der „Dieb“ ist die Gesellschaft, die ihr pauschales Urteil längst gefällt hat, sich für konkrete Fälle nicht interessiert und die jede von der akzeptierten Norm abweichende Liebe hart und unerbittlich verfolgt.

Ich kann mich (wie bisher) fügen und das Leben an mir vorbeiziehen sehen. Und mich immer wieder, vor allem aber am Ende meines Lebens fragen, was hätte sein können. Oder ich kann mich dem Diebstahl verweigern und versuchen die entwendete Chance auf die Liebe zurück zu stehlen.

Aber damit begäbe ich mich in Gefahr und – schlimmer noch – würde auch den anderen, mir noch unbekannten Menschen, den zu lieben ich bestimmt bin, in Gefahr bringen. Mir droht dann bei Aufdeckung langjähriger Freiheitsentzug, dem Jungen eine scharfe, traumatisierende Intervention gegen eine positiv erlebte Beziehung, inklusive Gehirnwäscheversuch, um ihn davon zu überzeugen, dass er Gewalt mit Liebe verwechselt hat.

Ich kann also gefühlt zwischen Pest und Cholera wählen. Ein gescheitertes Leben ohne Liebe oder eine Liebe mit dem erheblichen Risiko eines für die Beteiligten katastrophalen Scheiterns.

Ich kann mich in eigener Verantwortung für mein Leben für das Risiko entscheiden. Aber einen anderen Menschen mittelbar diesem Risiko auszusetzen, wäre unverantwortlich.

Es ist aber auch nicht so, als ob dem Risiko nichts gegenüber stünde.

Meine Liebe ist das Wertvollste, das ich einem anderen Menschen geben kann und etwas Besseres als Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit kann ein Mensch kaum bekommen.

Wenn ich mich dagegen entscheide, den anderen dem Risiko (der mittelbaren Folgen) meiner Liebe auszusetzen, entziehe ich ihm zugleich auch die Möglichkeit mich und meine Liebe kennen zu lernen und nehme ihm alle Vorteile, die für ihn damit verknüpft wären, von mir geliebt zu werden.

Wenn ich meine Liebe gegen das Risiko in die Waagschale werfe, ist meine Liebe dann genug?

Es ist ja keineswegs so, dass ich perfekt wäre. Ich habe Angst davor, zu versagen und nicht so gut zu sein, wie es der geliebte Mensch verdient und wie ich es sein muss, um vor mir selbst bestehen zu können.

Vielleicht bin ich einmal nicht da, wenn er mich braucht und sich auf mich verlässt. Vielleicht braucht er mich und ich kann ihn nicht retten, weil seine Eltern das letzte Wort haben oder weil ich einfach keine Lösung für seine Probleme finde. Vielleicht verstehe ich ein Signal falsch und es kommt zu einer Berührung, die vom ihm so nicht gewollt war. Vielleicht liebt (und begehrt) er mich noch, wenn er für mich sexuell nicht mehr attraktiv ist und ich verletze ihn, weil ich nicht nicht den richtigen Umgang mit der Situation finde.

Vielleicht läuft ganz viel gut, ich wähne mich in der Sicherheit, dass ich ihm gut tue und er mir gut tut – und dann wird die Beziehung entdeckt und stürzt unser beider Leben in eine Katastrophe, für die ich dann verantwortlich wäre (bzw. mich verantwortlich fühle).

Es gibt aber auch andere Risiken, denen Menschen ausgesetzt sind. Sie beginnen mit der Geburt, bzw. eigentlich schon mit der Zeugung. Das Kind könnte behindert sein, schlechte Eltern erwischen, in Kriegs- oder sonstigen Notzeiten aufwachsen. Auch das entzieht sich im Wesentlichen der Kontrolle, insbesondere der des Kindes. Eine latente Kriegsgefahr gibt es seit Jahrzehnten und die Klimakatastrophe ist in aller Munde. Die Menschheit steuert (vermeintlich) auf den Abgrund zu. Also keine Kinder mehr bekommen?

Es geht auch noch trivialer: wer eine Straße überquert, kann überfahren werden. Also keine Straßen mehr überqueren? Das macht wenig Sinn.

Allerdings kommt mir meine Liebe nicht wie eine gewöhnliche Straße, sondern eher wie eine Autobahn vor. Autobahnen überqueren lässt man besser. Eigentlich.

Aber wenn das Heil auf der anderen Seite einer Autobahn liegt, kann man in Versuchung geraten die Bedingungen zu optimieren, soweit es möglich ist, und es darauf ankommen zu lassen – etwa wie ein scheues Reh bei Nacht oder frech während eines Staus.

Ich schau mir die Autobahn an uns sehne mich auf die andere Seite.

Ich bin ein Bedenkenträger. Aber einer der hofft, dass ihn die Liebe heilt, weil sie blind macht und ihr eine Sekunde reicht, um Jahre an Bedenken hinweg zu wischen.

2 Kommentare zu „Das Heil auf der anderen Seite der Autobahn

  1. Hör bitte auf mit dieser Abwärtsspirale in Deinen Gedanken und Gefühlen. Dein Verstand ist einfach zu wertvoll, um ihn zu verlieren. Ich stand vor ca. 12 Jahren an ziemlich genau dem Punkt, an dem Du jetzt stehst. Ich hab damals (unglaublicher Zufall, ehrlich gemeint) über das Ufo Kontakt zu einem Menschen gefunden, mit dem ich heute noch zusammen bin. Er war damals 28, ich 38. Wir mochten uns vom ersten Moment an. Es war nie eine „Notlösung“ für mich. Sexuell war es nie perfekt, aber wir hatten und haben auch im Bett schöne Sachen zusammen gemacht. Aber es war nie, das gebe ich zu, das Gleiche, was man mit einem J. empfinden könnnte, dem man voll und ganz begehrt. Aber weißt Du was?: Seit wir uns kennen, hab ich mich niemals mehr einsam und verlassen gefühlt. Wir machen jedes Wochenende schöne Ausflüge, schaun uns dabei natürlich oft auch J. an, aber wenn das nicht möglich ist, machen wir viele andere Dinge und genießen jeden Moment unserer Zeit. Was ich sagen will: Einsamkeit ist ganz schlecht, das macht einen kaputt. Aber einen netten Freund finden, der auch noch das „spezielle Hobby“ teilt, war für mich ein Hauptgewinn. Ich würde mir für Dich sehr wünschen, dass Dir das auch gelingt.

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