Grooming: richtig böse oder ganz normal?

Eigentlich ist Grooming Körperpflegeverhalten.

Soziales Grooming ist wechselseitige Körperpflege und fördert den Zusammenhalt von Paaren oder Gruppen. Es ist ein bedeutendes Element des Sozialverhaltens.

Die Begrifflichkeit „grooming“ wurde ursprünglich für das Tierreich verwendet. Also die Katze, die ihr Fell pflegt, ein Schwein, das sich im Schlamm suhlt, Affen, die sich gegenseitig lausen oder Pferde, die den Hals aneinander reiben.

Ein „groom“ ist im Englischen dementsprechend der Stallknecht, der die Pferde striegelt. Aber auch der Bräutigam einer Hochzeit, also am Gipfelpunkt des menschlichen Balzverhaltens.

„To groom oneself“ bedeutet auf den Menschen bezogen „sich zurechtmachen“ oder „sich pflegen“.

Im Kontext der Pädophilie hat das Wort allerdings eine Bedeutungsverschlechterung erfahren. Es ist daraus quasi die Vorbereitungshandlung einer Vergewaltigung geworden.

Als Grooming (zu Deutsch sinngemäß ‚Anbahnung‘) bezeichnet man die gezielte Anbahnung sexueller Kontakte in Missbrauchsabsicht. Im Deutschen wird dieser Begriff in der Regel verwendet, wenn Erwachsene gezielt Kinder und Jugendliche ansprechen mit dem Ziel, sexuellen Kontakt mit ihnen zu haben.

Wikipedia-Artikel „Grooming (Sexualität)

Auf Kinder bezogen wird das Wort lt. Online-Wörterbuch Leo wie folgt übersetzt:

to groom a child = sich das Vertrauen eines Kindes erschleichen, um es zu sexuellen Handlungen zu bringen

Wenn man Grooming als Erschleichen von Vertrauen zum Zweck des Missbrauchs auffasst, liegt es natürlich Nahe, es als besonders verkommen, widerwärtig, heimtückisch und verwerflich zu betrachten, erst Recht, wenn es absichtsvoll auf die Schädigung eines Kindes zielt. Es ist dann die Umsetzung einer besonders perfiden Strategie mit dem Ziel einer Gehirnwäsche des Kindes, um anschließend die niedersten Triebe befriedigen zu können.

Wegen dem unterstellten Element der planvollen Heimtücke kommt ein liebevoller Pädo dann im Urteil der Gesellschaft vielleicht sogar noch schlechter weg als ein Gewalttäter, bei dem das Kind wenigstens gleich gemerkt hat, dass es missbraucht wird.

So erging es dem Jufo-Mitglied M´Noel, der (vor längerer Zeit) wegen sexueller Kontakte mit Kindern verurteilt wurde und von seiner Verhandlung berichtete:

Nicht nur vielleicht…!

Mir hat der Richter damals in der Urteilsbegruendung bescheinigt, dass mein ‚Fall‘ als besonders schlimm und verwerflich zu betrachten sei, weil ich keine Gewalt angewandt haette.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Erst ist mir der Unterkiefer auf den Boden geklappt und dann hab ich noch ’ne Geldstrafe wegen Beleidigung des Richters bekommen, weil ich ihm bescheinigt hatte, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank habe.

Herzlich M´Noel

Jufo-Post von M´Noel

Was Menschen so machen

Im Grunde handelt es sich bei Grooming aber nicht um eine perfide Strategie, sondern um völlig normales, menschliches Sozialverhalten. Es ist das normale menschliche Verhaltensprogramm eines verliebten, um einen möglichen Partner werbenden Menschen.

Es handelt sich also nicht um besondere, planvolle Heimtücke, sondern ist lediglich das, was man eben tut, wenn man sich für einen anderen Menschen interessiert und sich soziale Nähe wünscht – und sich vielleicht noch mehr als Nähe erhofft.

Grooming steht dabei in einem vorwiegend sexuellen Kontext und damit in der Nähe zur Verführung, umfasst also Strategien und Handlungen, mit denen man versucht, einen anderen Menschen gewaltlos so zu „manipulieren“, dass man ihn für einvernehmliche sexuelle Handlungen gewinnt.

Was für jeden normal und erlaubt ist, müsste eigentlich auch für Menschen mit pädophiler oder päderastischer Neigung erlaubt sein. Die Verurteilung (und Verfolgung) von Grooming setzt konzeptionell an zwei Punkten an: dem unterstellten Willen zu Schädigung und dem unterstellten Schaden bei erfolgreicher Gewinnung eines „Opfers“ für einvernehmliche sexuelle Handlungen.

Widerlegung Teil 1 – das Motiv

Wäre es so wie unterstellt, ginge es also um ein Erschleichen zum Zweck des Missbrauchs, dann müssten alle pädophilen / päderastischen Täter Soziopathen sein. Sie sind es aber nicht. Pädophile sind gut angepasste und – abgesehen von ihrer Neigung – völlig normale Menschen. Es geht ihnen bei der Anbahnung einer Beziehung nicht um parasitäres Ausnutzen auf Kosten des anderen, sondern um das Herstellen einer wechselseitig gewollten und gewünschten symbiotischen Beziehung.

Der Wille den anderen zu schädigen ist also regelmäßig schlicht nicht vorhanden. Das Gegenteil trifft zu: jemanden, der in einen anderen Menschen verliebt ist, wird man nicht einmal mit viel Druck dazu bewegen können, dem Angebeteten willentlich zu schaden.

Widerlegung Teil 2 – die Schädigung

Allerdings kann man einen anderen Menschen auch schädigen, ohne dies zu wollen.

Es stellt sich also die Frage, ob eine gewollte sexuelle Handlung mit einem Über-14jährigen für einen Unter-14jährigen potentiell schädlich sein kann. Ich neige dazu, diese Frage zu bejahen. Ausschließen kann man es jedenfalls nicht.

Damit könnte bereits alles geklärt sein. Ist es aber nicht.

Denn genauso gut kann man die Frage auch umdrehen und fragen, ob der Austausch gewollter sexueller Handlungen mit einem Über-14jährigen für einen Unter-14jährigen potentiell nützlich sein kann. Ich neige dazu, auch diese Frage zu bejahen. Ausschließen kann man es jedenfalls nicht.

Potentiell schädlich kann fast alles sein, was einem im Leben begegnen kann. Es würde einem Menschen aber sicher nicht gut tun, Sex konsequent zu meiden, nur weil damit ein immanentes Risiko verbunden ist.

Es gibt keinen einleuchtenden Grund warum ein (in der Pubertät oft entwicklungsbedingt hypersexueller und hormontriefender) Gleichaltriger automatisch ein besserer, rücksichtsvollerer oder „sichererer“ Sexualpartner sein sollte, als ein lebenserfahrener Erwachsener.

Irgendwann wird ein junger Mensch erste sexuelle Erfahrungen mit einem anderen Menschen sammeln. Die Hauptvoraussetzung dafür, dass alles gut geht und es eine positive Erfahrung wird, ist die beiderseitige Freiwilligkeit.

Auch unter der Bedingung der Freiwilligkeit bleibt es möglich, dass die Begegnung (für einen oder beide) ein Reinfall oder ein tolles Erlebnis wird. Das hängt einerseits davon ab, ob die beiden Beteiligten sexuell kompatibel sind, also das Beisammensein lustvolle Erfüllung bringt. Andererseits davon, wie man sich gegenseitig behandelt, ob man sich also wechselseitig gut behandelt oder der eine den anderen ausnutzt bzw. schlecht behandelt.

Diese beiden Kriterien sind aber nicht an das Alter des Beziehungspartners gekoppelt.

Hierzu auch der Hinweis auf zwei Studien:

In einer 2014 veröffentlichten Studie haben Wissenschaftler der Hochschule Fulda 509 hessische Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren zum Thema Erste Liebe befragt. Rund drei Viertel gab an, bereits Dating- oder Beziehungserfahrungen gemacht zu haben. Von diesen hatten nach eigenen Angaben immerhin rund 66 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen bereits mindestens eine emotionale, körperliche oder sexualisierte Grenzüberschreitung erlebt. Am häufigsten waren die emotional belastenden Situationen.

Gefragt wurde etwa danach, ob die Jugendlichen jemals von einem Beziehungspartner beschimpft, beleidigt oder angeschrien worden seien, ob sie bedroht oder zu etwas gezwungen wurden, was sie nicht tun wollten. Auch wenn der Partner Kontrolle darüber ausübte, wen der Befragte besuchte oder mit wem er telefonierte, fiel das in die Kategorie des emotionalen Zwangs. 61 Prozent der Mädchen und 57 Prozent der Jungen gaben an, bereits solche Erfahrungen gemacht zu haben.

Zusammenfassend zeigten die Ergebnisse, dass bei Jugendlichen Partnergewalt ähnliche gesundheitliche Folgen wie bei Erwachsenen hat.

In einer älteren viktimologischen Untersuchung des Bundeskriminalamts wurden 8.058 Opfer von Sexualstraftaten aus den Jahren 1969-1972 untersucht. 57,1% der „Opfer“ gehörten zu einer Gruppe für die folgendes festgehalten wurde: „Diese zahlenmäßig größte Gruppe enthält die exhibitionistischen und vergleichsweise harmlosen erotischen sexuellen Kontakte mit eher jüngeren Opfern. Darunter sind alle männlichen Opfer. Hier traten ganz selten Schäden auf.“

Schäden sind also mit Zwang, Nötigung und (realer, nicht-fiktiver) Gewalt assoziiert und nicht mit dem Alter des Beziehungspartners.

Framing

Da nach aktuellem gesellschaftlichen Konsens sexuelle Handlungen auch dann als Gewalt gelten (sollen), wenn Kinder (unter 14jährige) ihnen zustimmen, ist der unterstellte „Zweck“ von Grooming durch einen pädophilen oder päderastisch veranlagte Menschen immer eine sexuelle Gewalttat.

Das ist allerdings lediglich eine Fiktion, die Bestandteil eines ganzen Komplexes von Fiktionen ist:

  • Lust ist ein niederer Trieb
  • Sex ist schmutzig
  • Sex ist mit männlicher Herrschaft und Gewalt verbunden
  • Kinder sind „unschuldig“
  • Kinder haben keine Sexualität
  • Sex ist für Kinder schädlich
  • Sex mit bestimmten (= älteren) Menschen ist für Kinder schädlich
  • Kinder können sexuellen Handlungen nicht zustimmen

Zu etwas Verwerflichen wird Grooming es erst durch Framing, also die Einbettung in ein bestimmtes, den obigen Fiktionen folgendes Interpretations- und Deutungsraster, mit dem Grooming als Problem, moralisch verworfen und als selbstständig verfolgungswürdig positioniert wird.

Demjenigen der Grooming betreibt wird ein niederes Motiv und eine böse Absicht unterstellt (Missbrauch, schlechte Behandlung eines anderen Menschen aus selbstsüchtigen Motiven). Dem „Opfer“ von Grooming wird ein Schaden unterstellt. Ob sich das „Opfer“ geschädigt fühlt, spielt für die Einordnung der Gesellschaft und des Gesetzgebers keine Rolle.

Wie gut dieses Deutungsraster funktioniert, kann man an der Skandalisierung in Medien und Gesellschaft und den Gesetzgebungsinitiativen gut erkennen. Grooming ist bereits strafbar. Nun soll auch der Versuch strafbar werden.

Folgen

Da sich Pädophile in Kinder verlieben, verhalten sie sich Kindern gegenüber typischerweise aufmerksam, zugeneigt, fürsorglich und liebevoll.

Wenn es dann allerdings im weiteren Verlauf der Beziehung zu einem einvernehmlichen sexuellen Kontakt kommt und dieser aufgedeckt wird, gelten sie gerade wegen dieser Hinwendung als besonders verkommen, widerwärtig und heimtückisch.

Diese Wahrnehmung führt zum Paradox eines höheren Strafmaßes für weniger schädliche Taten.

Die eigenständige Grooming-Gesetzgebung und die geplante Einführung der Versuchsstrafbarkeit ist vor allem ein (insbesondere gegen Pädophile gerichtetes) Repressionsmittel:

Die Grooming-Strafbarkeit inklusive Versuchdstrafbarkeit dient der Vorverlagerung strafrechtlicher Repression in den Bereich der sozialen Kontaktaufnahme. Pädophile sollen mit Mitteln der Strafandrohung von jeglicher Annäherung zu Kindern und Jugendlichen abgehalten werden. Schon dem Anfangsverdacht bezüglich eines Groomingversuchs kann dann mit strafprozessualen Mitteln begegnet werden. Die Ermittlungsschwelle wird hierdurch extrem niedrig.

Jufo-Post von Cuddly

Grooming wird aber natürlich auch von Kindern und Jugendlichen untereinander betrieben wird. Schließlich handelt es sich im Grunde um ganz normales menschliches Verhalten.

Lt. Polizeilicher Kriminalstatistik 2018 (Übersicht Tatverdächtigentabellen, Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht) waren bei „Cyber-Grooming“ und „Einwirken auf ein Kind durch Vorzeigen von Pornografie“ 39,98 % der Tatverdächtigen selbst minderjährig. Die Dunkelziffer dürfte dabei aufgrund der deutlich geringeren Anzeigebereitschaft gegenüber Kindern und Jugendlichen gewaltig sein.

Die Verfolgung dieser Minderjährigen wird billigend in Kauf genommen, damit man sich öffentlich als Bekämpfer von Pädophilen profilieren kann.

Auch andere Menschen mit norm-konformer sexueller Orientierung sind vom Grooming-Narrativ negativ betroffen: wenn man zu nett zu Kindern ist oder freiwillig zu viel Zeit mit ihnen verbringt, kann das inzwischen durchaus negativ auffallen und zu Verdächtigungen führen.

Männliche Erzieher oder Lehrer, trauen sich nicht mehr ein Kind zu trösten oder in den Arm zu nehmen, weil sie nicht dem Verdacht aussetzen wollen, übergriffig geworden zu sein. Darunter leidet dann nicht nur die erwachsene Betreuungsperson, sondern auch das Kind, dass dann ohne die Tröstung auskommen muss, die es eigentlich gerade benötigt.

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