Kritischer Leserbrief / Gastbeitrag

Wie gestern hier berichtet, wurde mein Blog beim WordPress Support gemeldet. Ich habe mich dazu im WordPress Support-Forum zu Wort gemeldet und auf meine Einschätzung zur Meldung auf meinem Blog hingewiesen. Ich erhielt dazu folgende Antwort:

Zu diskutieren ist dein gutes Recht. Ich würde dich jederzeit wieder melden. Weil ich gegen die Normalisierung von Pädophilie bin. Das hat nichts damit zu tun dich als Monster darzustellen.

Du kannst übrigens beruhigt sein. Niemand wird etwas unternehmen. Wie das eben meistens der Fall ist.

Den Blog zu melden empfand ich jedoch als angebracht. Nicht mehr und nicht weniger.

Dies habe ich wie folgt beantwortet:


Weshalb bist du gegen die „Normalisierung“ von Pädophilie (also der Neigung, nicht irgendwelcher Handlungen)?

Wenn deiner Gegnerschaft ein Kinderschutzmotiv zugrunde liegt, dann müsste es einen konkreten Nutzen der Ächtung / Stigmatisierung von Pädophilen geben. Da würde mich deine Argumentation bzw. dein Gedankengang interessieren.

Vielleicht kennst du das Prävemtionsprojekt „Kein Täter werden“ (KTW). Ziel dieses Präventionsprojekts ist es (lt. Aussage der Webseite), sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum oder die Herstellung von Missbrauchsabbildungen im Internet (sogenannte Kinderpornografie) zu verhindern.

Ein wesentlicher Ansatz des Projekts ist es, Pädophile dazu zu bringen, Ihre Neigung zu akzeptieren und Ihnen zu helfen, sie zu kontrollieren. Ein Baustein davon ist, Pädophilen zu einem positiven Lebensgefühl zu verhelfen. Dies nicht etwa, weil man damit Pädophilen helfen will, sondern weil die Wissenschaftler, die das Projekt leiten, erkannt haben, dass es hilft, Übergriffe auf Kinder zu verhindern. KTW ist und versteht sich als Präventionsprojekt.

Die Ächtung / Stigmatisierung von Pädophilen ist für die innere Akzeptanz seiner Neigung durch den Pädophilen schädlich. Innere Akzeptanz ist aber Voraussetzung für Kontrolle. Die fehlende äußere Akzeptanz führt zur Verheimlichung der Neigung und verhindert damit die soziale Kontrolle durch das persönliche Umfeld.

Wenn deiner Gegnerschaft lediglich persönlicher Ekel oder Moralismus zugrundeliegt, ist es natürlich schwieriger, darüber zu diskutieren.

Ich kann dem dann lediglich entgegnhalten, dass man die „Zumutung“, dass es Menschen wie mich gibt, eben aushalten muss. Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, bedarf es der Toleranz und gleicher Rechte (auch gleicher Menschenrechte) für alle.

Toleranz wird heute oft mit Akzeptanz verwechselt. Natürlich würde ich mir viel lieber Akzeptanz als Toleranz wünschen, aber wenn nur Toleranz (= dulden / aushalten) möglich ist, dann muss ich eben mit Toleranz vorlieb nehmen.

Auf Toleranz meine ich allerdings auch einen Anspruch zu haben, solange ich mich an die Gesetze halte und keinem anderen Menschen schade. Mein So-Sein wie ich nun mal bin, schadet niemandem.

Falls du als Kritiker / Kritikerin (ich bin mir nicht darüber im klaren, ob du männlich oder weiblich bist) einen kritischen Gastbeitrag auf meinem Blog schreiben möchtest, bin ich bereit dir dazu Gelegenheit zu geben. Beleidigend sollte der Inhalt natürlich nicht sein, aber gegen Kritik habe ich überhaupt nichts einzuwenden.

Die E-mail Adresse, bei der auch Gastbeiträge eingesendet werden können, findet sich auf der „Über mich“ Seite, die du ja bereits einmal gefunden hast.


Ich habe nun tatsächlich noch eine Antwort an meine Mailadresse erhalten und möchte diese hier als Leserbrief veröffentlichen:

Ich kann nur ehrlich zu dir sein. Das gedenke ich auch zu tun.

Auf deinem Blog habe ich einmalig geantwortet. Weil ich finde dass ich auch mein Gesicht zeigen sollte, wenn ich dich denn schon melde. Das empfinde ich als fair. Weiter werde ich nichts mehr sagen. Weil ich nichts vorzubringen habe, und das auch nicht ausweiten möchte. Auch hier wird dies meine letzte Antwort sein. Aber ich finde diese Stellungnahme hast du verdient.

Pädophilie ist ein sehr schwieriges Thema. Einem dem ich auch ratlos gegenüber stehe. Natürlich reagiere ich dir gegenüber mit Ekel und Moralismus. Ich gebe dies zu. In meinen Augen ist es eine Krankheit. Ich hoffe dass du Hilfe bekommst. Was ich auf deinem Blog befürchte ich dass dies normal geredet wird.

Natürlich bist du ein Mensch. Du hast deine Rechte solange du niemandem schadest. Aber vielleicht verstehst auch du meine Sorge. Skepsis ist in diesem Fall angebracht. Du wirkst nämlich eher wie jemand, der sich von dem Stigmata seiner Neigung befreien möchte, als den eigenen Trieb als falsch zu erkennen. Wenn ich mich irren sollte, wäre es mir eine Freude.

Natürlich habe ich keine Ahnung, was du durchmachst. Das werde ich vermutlich auch nie. Ich weiß auch nicht ob man von seiner sexuellen Orientierung geheilt werden kann. Vermutlich ist dem nicht so. Ich will auch gar nicht in deiner Haut stecken.

Aber nur weil ich jemand bin, der meint dass man ein erhöhtes Augenmerk auf solche Neigungen, auch oder gerade hier im Internet haben sollte, bin ich niemand dem daran liegt dich zu verfolgen. Diesen Schuh werde ich mir auch nicht anziehen.

Die Sache mit der Toleranz ist etwas schwierig. Doch ich habe auch gar nicht darüber zu entscheiden, welche Grenzen du übertretest oder nicht. Wofür ich übrigens ziemlich dankbar bin. Ich wüsste nicht wie man mit dir umgehen soll.

Pädophile sind auch Menschen. Ich finde es selbst nicht richtig ein Monster aus dir zu machen. Weil das tatsächlich niemandem hilft. Doch ich finde es ist die Natur der Sache an sich, dass dieses Thema erhöhte Aufmerksamkeit verdient. Den Blog zu melden ist in diesem Sinne nur vernünftig. Denn da es gar nicht innerhalb meiner Möglichkeiten liegt, den rechtlichen Rahmen deines Tuns zu bewerten, tat ich das nächstliegende dich dem Betreiber zu melden. Dies sind die Verantwortlichen so etwas zu überprüfen.

Ich selbst bin mit diesem Thema überfordert. Also tat ich was naheliegend ist und von mir für richtig gehalten wurde.

Du bist ein Pädophiler. Dir ist bewusst. was dies bedeutet. Es ist angemessen, dies unter Beobachtung zu stellen. Es ist angemessen dies zu melden.

Ich empfand mein Tun als richtig. Weder ist es eine Hexenjagd noch droht man dir. Das erhöhte Augenmerk sollte dir selbst verständlich sein.

Ich bin nicht fähig dich in vollem Ausmaß zu verstehen. Es ist ehrlich gesagt auch ein Thema das mich befangen macht.

Was ich hier sage, ist bereits mein Höchstmaß an Toleranz. Absolute Toleranz empfinde ich hier nicht als richtig.

Hier meine Antwort zu diesem Leserbrief:

Ich habe nicht den Eindruck, dass es sich bei dir um einen Moralfanatiker handelt und wollte dir das auch nicht unterstellen. Ich möchte das nur vorab einmal anmerken, weil es so wirkt, als würdest du dich von mir angegriffen fühlen.

Ich schätze deine Ehrlichkeit und unterstelle dir auch keine bewusste Hexenjagd. Ich habe den Eindruck, dass du eigentlich ein normaler (= nicht bösartiger) und tendentiell toleranter Mensch bist.

Trotzdem ist deine praktische Positionierung für jemanden, der nun mal pädophil ist (und sich das nicht ausgesucht hat) problematisch und erzeugt Verfolgungsdruck. Du hast meine Seite gemeldet, weil der Inhaber pädophil ist. Das ist eine sexuelle Neigung, keine Handlung.

Du meinst die Sache an sich (also meine sexuelle Neigung) rechtfertigt eine erhöhte Aufmerksamkeit. Denke das versuchsweise mal zu Ende.

Was würde z.B. passieren, wenn du mich im realen Leben kennen würdest und um meine sexuelle Neigung wüsstest? Würdest du mich dann bei meinem Arbeitgeber und meinen Nachbarn melden, weil man auf Pädophile ja ein Auge haben muss?

Wenn ja, würde das wahrscheinlich dazu führen, dass ich meinen Job verliere und dass meine Nachbarn versuchen, mich loszuwerden, indem sie meinen Vermieter dazu bewegen, mich zu kündigen oder indem sie mich schikanieren, um mich aus dem Haus zu vertreiben.

Pädophile können unbehelligt leben, wenn niemand von ihrer Neigung weiß. Wenn die Neigung doch bekannt wird, kann es schnell kriminell werden.

Ich habe vor ein paar Tagen einen Blogbeitrag zum Thema Volksverhetzung geschrieben und dort auf drei relativ aktuelle Fälle hingewiesen, bei denen Unschuldige, die zu Unrecht verdächtigt wurden, pädophil zu sein, Opfer von Selbstjustiz bzw. einem Lynchmob wurden. Ein Mann wurde umgebracht, einer wurde so verprügelt, dass er zeitweise in Lebensgefahr war, ein Dritter musste „nur“ ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

Auf staatlicher Ebene zu Ende gedacht, könnte das „erhöhte Augenmerk“ auf Pädophile bedeuten, dass Pädophile, von denen man weiß, ein Zwangskennzeichen als „Gefahrenschild“ tragen müssen, damit man sie besser im Auge behalten kann.

So etwas hatten wir in Deutschland ja schon. Der schwarze Winkel war für Asoziale, der braune Winkel für Sinti und Roma, der grüne für Berufsverbrecher, der lila Winkel für Zeugen Jehovas, der rosa Winkel für Homosexuelle, der rote Winkel für politische Gegner. Und natürlich gab es auch den Judenstern. Pädos bekamen damals übrigens (wie Homosexuelle) den rosa Winkel.

Müssten Pädos heute ein Zwangskennzeichen tragen, würde man sie im Alltagsleben nicht viel besser behandeln, als Juden in der Zeit von September 1935 (Nürnberger Rassengesetze) bis November 1938 (Reichsprogromnacht). Ich glaube also nicht, dass es heute wieder zum Allerschlimmsten kommen würde. Aber wer würde schon freiwillig bei einem pädophilen Unternehmer einkaufen, einen pädophilen Arbeitnehmer beschäftigen, neben einem Pädophilen wohnen wollen, auf der Straße dabei gesehen werden wollen, wie er mit einem Pädophilen spricht?

Ich glaube es ist nachvollziehbar, dass ich auf „erhöhte Aufmerksamkeit“ gerne verzichte und sie für den Anfang von Verfolgung halte.

Pädophilie ist – anders als von dir vermutet – ebenso wenig eine Krankheit, wie Homosexualität, die bekannterweise ebenfalls lange als Krankheit angesehen wurde. Ein Pädophiler ist ebenso wenig ein Kinderschänder, wie ein heterosexueller Mann ein Vergewaltiger ist. Wenn du meinst mich (bzw. meinen Blog) schon melden zu müssen, allein weil ich pädophil bin, bist du damit der Hetze gegen Pädophile (Gleichsetzung Pädophiler = Kinderschänder) auf den Leim gegangen.

Die Ächtung von Pädophilen (die in der unrichtigen Gleichsetzung Pädophiler = Kinderschänder wurzelt) beeinträchtigt die (wegen der fehlenden Möglichkeit eines befriedigenden Sexuallebens ohnehin bescheidene) Lebensqualität von Pädophilen massiv. Sie ist darüber hinaus aber auch für die Prävention von Kindesmissbrauch hochproblematisch. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass und warum eine Ächtung von Pädophilie und Pädophilen auch durch das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ (KTW) als für den Kinderschutz schädlich angesehen wird.

Natürlich hast du mich nicht bedroht. Und auch eine Hexenjagd sieht anders aus. Da es außer meinem Pädophil-Sein aber nichts gibt, was du melden könntest, ist deine Meldung (wegen des pädo-feindlichen gesellschaftlichen Klimas) zwar nachvollziehbar aber weder angemessen noch vernünftig.

Du hast natürlich recht, wenn du schreibst, dass es keine absolute Toleranz gibt. Toleranz muss enden, wenn jemandem Schaden zugefügt wird. Mein Pädophil-Sein schadet aber niemandem.

Auch wenn ich wenigstens im Netz und unter Pseudonym „offen“ als Pädophiler auftrete und mich gegen eine Skandalisierung und Ächtung meiner Neigung positioniere, schadet das niemandem.

Du magst dich für tolerant halten und bist vielleicht auch tatsächlich toleranter als viele andere. Aber wenn deine Toleranz bereits aufhört, wenn du dafür deinen Ekel und deinen Moralismus überwinden müsstest, dann ist es keine Toleranz, sondern nur Schein-Toleranz.

Ob man, wenn es darauf ankommt, wirklich für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Toleranz einsteht, zeigt sich erst, wenn es weh tut.

Ich habe dich noch nicht abgeschrieben, aber aktuell hast du diese Herausforderung noch nicht bestanden. Ich hoffe, dass du es irgendwann noch hinbekommst.

2 Kommentare zu „Kritischer Leserbrief / Gastbeitrag

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